Von vorne LXXIX

Tagesmail - Freitag, den 25. Oktober 2019

Von vorne LXXIX,

wir haben ihn erreicht: den Singularitätspunkt. Lasst uns niederknien und Uns anbeten. Die Fortzeugung der Menschheit durch biologische Kinder ist passé.

Kinder ähneln uns viel zu sehr, das bringt keinen Fortschritt. Unkalkulierbar, aufsässig, rebellisch, frech, rotzig und undankbar wollen sie alles besser wissen. Jetzt blockieren sie Straßen und Plätze, ziehen die Lebensleistung ihrer Erzeuger in den Dreck und klagen sie an, ihre Zukunft zerstört zu haben:

Ihr habt unsere Kindheit, unsere Träume gestohlen.

Diese minderwertige, fortschrittsunfähige Art des Weiterzeugens kann ad acta gelegt werden. Die Menschheit hat sich transzendiert, in eine neue Spezies verwandelt. Von nun an wird es keine unlösbaren Probleme mehr geben.

Es begab sich aber in jüngsten Tagen, dass von den Mächtigen der Welt der Befehl ausging, dass der ganze Erdkreis sich neu erfinden müsse. Und es waren Genies in ihren Laboren, die von der glanzvollen Zukunft ihrer Gattung überzeugt waren. Und siehe, ein Lichtglanz umleuchtete sie und sie fürchteten sich nicht im Geringsten.

Und sie traten vor die Menschen und sprachen zu ihnen: Fürchtet euch nicht. Siehe, wir verkündigen euch große Freude, die nur jenen Völkern widerfahren wird, die es sich verdient haben. Denn euch ist heute das Wunderkind geboren, nicht in der Krippe liegend, sondern aufgehängt an wirren Drähten und Kabeln.

Und das Kindlein wuchs heran, wurde mit unfassbarer Intelligenz erfüllt, dass die Klügsten unter den Erwachsenen vor Neid bleich wurden. Und alle, die es hörten, erstaunten über seine unfassbaren Antworten.

„Zum ersten Mal hat ein Quantencomputer etwas berechnet, das kein klassischer Computer mehr berechnen kann. Damit wurde gezeigt, dass wir überhaupt ...

... Maschinen bauen können, die völlig jenseits dessen gehen, was mit klassischen Supercomputern möglich ist.Selbst viele Experten verstehen das nicht mehr. Aber genau das finde ich spannend: Das ist ein Ergebnis der Grundlagenforschung.“ (SPIEGEL.de)

Vom Alpha-Monstrum der Urzeit zum Omega-Wesen der Endzeit: der Fortschritt des Menschen besteht darin, dass er sich häutet, das Alte überwindet und das Unerhörte gebiert. Vom Menschen zu Gott, der noch an vielen Defekten laboriert, zum Sohn, der den Menschen erlöst – doch außer Verheißungen und Versprechungen ist nichts gewesen. Vom Sohn zum erleuchteten Menschen, der selbst den Sohn übertreffen wird. Auf dessen Ankunft muss er nicht warten, denn er selbst ist es, der den Menschen erlöst, indem er all seine Probleme löst:

„Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird größere als diese tun. Wahrlich, ich sage euch: wer zu diesem Berge sagt: Hebe dich empor und wirf dich ins Meer und in seinem Herzen nicht zweifelt, dem wird es zuteil werden. Und nichts wird euch unmöglich sein.“

Damit der Vater im Sohn verherrlicht werde, verheißt Jesus seinen Jüngern eine Geisteskraft, die sie befähigt, noch größere Werke zu tun als er selber, das heißt, ihn zu übertreffen.

„Meine Lieben, wir sind nun Gottes Kinder und es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Ob auch unser äußerlicher Mensch sich auflöst, so wird doch unser innerer Mensch von Tag zu Tag erneuert.“

Der biologische Mensch stirbt, der wahre wird unsterblich. Sich täglich erneuern, heißt, sich täglich neu erfinden. Nicht zur Vollendung vor dem Sündenfall – wie Francis Bacon sich noch in Demut begnügte –, sondern zur „Steigerung des inneren Menschen auf einem Wege zu immer höheren Herrlichkeiten.“ (Ernst Benz, Der Übermensch)

„Nun aber spiegelt sich in uns die Herrlichkeit des Herrn mit aufgedecktem Angesicht, und wir werden verklärt in dasselbe Bild von einer Klarheit zur anderen.“

„Hier erscheint der Geist als die Kraft einer progressiven Seinserhöhung und Transformation des Menschen, die ihn ins Übermenschliche erhebt. Der Übermensch ist der Mensch einer neuen Heilsperiode, der Epoche des Parakleten (Trösters), der Mensch einer neuen Heilszeit, deren Ausbruch Jesus selbst verheißen, die durch Ausgießung des Heiligen Geistes charakterisiert ist und eine Erhöhung der Menschen, ein Mehr an Gaben, eine größere Fülle an Kräften, eine vollkommenere Form der Erkenntnis und der Mitteilung mit sich bringen soll. Der Übermensch gehört zur neuen kommenden Zeit; mit seinem Auftreten hat die Neue Zeit begonnen.“ (Benz)

„Eine vollkommene Form der Erkenntnis und der Mitteilung“, das war die prädigitale Beschreibung des Wundercomputers, der als unscheinbare Rechenmaschine geboren und zum erfüllten Götter-Traum des Menschen im Quantencomputer zum Ereignis wurde.

Nietzsche war kein Antichrist. Sein Übermensch ist die eschatologische Erfüllung der christlichen Verheißung.

„Das Wort „Übermensch“ zur Bezeichnung eines Typus höchster Wohlgeratenheit, im Gegensatz zu „modernen“ Menschen, zu „guten“ Menschen, zu Christen und andren Nihilisten – ein Wort, das im Munde eines Zarathustra, des Vernichters der Moral, ein sehr nachdenkliches Wort wird.“ (Nietzsche)

Übermenschen verachten und vernichten Moral, sie stehen jenseits von Gut und Böse. Nietzsches amoralistische Übermenschenphilosophie, gedankliches Fundament der Nationalsozialisten, ist – noch immer – die politische Agenda gegenwärtiger Eliten, die auf die Aura grenzenloser Übermenschen nicht verzichten wollen. (Auch ein Beitrag zur Kontinuität des Antisemitismus als Hass gegen jüdische Untermenschen.)

Nicht nur politischer, sondern auch wissenschaftlicher Eliten, die mit ihren Kreationen die Menschheit über sich hinaus heben wollen. Einer der Jüngsten unter den Genies, die das Hinfällige und Unvollkommene des Menschseins überwinden wollen, heißt Adam Neumann. Ein Name, den man trefflicher nicht hätte erfinden können. Adam, nicht als fehlbarer Urvater, der den Verlockungen des verruchten Weibes erlag, sondern als neuer Mann der Zukunft.

„Laut "Wall Street Journal" hat Neumann unter anderem gesagt, dass er ewig leben wolle. Dass er vorhabe, der erste Billionär der Welt zu werden. Dass er sich zutraue, Israel als Premierminister zu führen. Und dass WeWork die Welt einst von allen Hungersnöten befreien könnte.“ (SPIEGEL.de)

Die seriöse Wissenschaft, auch sie will über sich hinauswachsen, wie ein Biologe erklärt, der mit dem Bestehenden unzufrieden ist, weil es allmählich ins Untermenschliche abfällt:

„Das Stillstandsniveau ist bereites erreicht; nie hatten die Verantwortungslosen eine solche Chance zur Vermehrung wie heute; die Menschheit ist bereits dabei, sich selbst zum Untermenschentum zurück zu züchten. Statt des durch Masse bedrohenden Untermenschen müssten wir den Übermenschen haben.“ (zit. in Benz)

Eine Aussage aus dem Jahre 1961. Heute versprechen Genetiker, im Labor Kinder nach Wunsch zu produzieren. Wunderkinder als Regel, Menschheitsgenies als Vollendung der Regel. Ihr Versprechen haben sie eingelöst, nicht in biologischer, sondern in technischer Ausführung. Technische Zeugung ist die Transzendenz der biologischen.

Der Fortschritt des Abendlands besteht aus fortschreitender Entmoralisierung aller Disziplinen. Zuerst der Naturwissenschaften und Technik, dann aller Geisteswissenschaften: von der Wirtschaft jedweder Couleur über die soziologische Systemtheorie, die Verhaltensprogrammierung bis zum Historismus, von der nationalen und internationalen Politik bis zur l‘art pour l’art oder der Kunst, die sich von allen „außerkünstlerischen“ Fesseln befreit. Der Weg zum Übermenschen, die selbsterfüllende Prophetie des Messias, ist Befreiung von untermenschlicher Moral, zugleich Rückkehr zum religiösen Mythos, in dem alle Götter über die lächerliche Vernunftmoral der Menschen spotten.

Im Mythos treffen sich – ausnahmsweise – parallele Urelemente der Griechen und Christen, um die Geschichte der letzten 2000 Jahre in gleicher Gesinnung zu prägen – im Kampf wider die autonome Ethik der Griechen, die beiden Mythen flagrant widerspricht.

Homerische Götter kennen so wenig moralische Regeln wie der biblische Gott, ein Glücksfall für die Mächtigen des Abendlands, die den doppelten Amoralismus als Gottesgeschenk empfinden. Wenn sie über der Moral stehen, sind sie den Göttern gleich.

Die Naturwissenschaften fühlten sich dem Geschwätz der Philosophen weltenweit überlegen. Die rationale Methode des Zählens, Rechnens und Experimentierens stand allen Menschen offen, gleich, welcher Religion oder Weltanschauung sie folgten.

Die sichere Art der Erkenntnisgewinnung war beschränkt auf Erkennen der Naturgesetze, wie sie sind. Was man aber mit solchen Erkenntnissen praktisch anfangen kann: das unterstand nicht mehr dem objektiven Überprüfen. Da waren Naturwissenschaftler angewiesen auf ihren unberechenbaren moralischen Verstand. Als sie wussten, wie man Atombomben herstellen konnte: wer sagte ihnen, ob sie die schrecklichen Waffen herstellen sollten – oder nicht?

Ihren Übertritt auf subjektives Gelände nahmen sie nicht wahr. Sie glaubten, auf der sicheren Seite der Geschichte zu stehen, wenn sie von Mathematik auf Tugenden überstiegen, die sie in der Gesellschaft vorfanden. Um diese Tugenden zu überprüfen, hätten sie philosophieren und Rechenschaft ablegen müssen über die Praxis ihrer Wissenschaften. Eben das verwarfen sie und taten, was alle Welt tat: sie folgten dem westlichen Machiavellismus.

Ein Meteorologe kritisiert Greta Thunberg und die FfF, sie verließen sich naiv auf wissenschaftliche Erkenntnisse und wollten im Namen der Wissenschaft die Politiker nötigen:

„Es ist aber nicht Aufgabe von uns Klimaforschern, den Politikern zu diktieren, wie sie entscheiden sollen. Letztlich sind wir Fachidioten. Wir können ausrechnen, dass sich die Temperaturerhöhung nur dann auf zwei Grad begrenzen lässt, wenn wir bis Mitte des Jahrhunderts die CO2-Emissionen auf null bringen. Es ist dann aber eine politische Entscheidung, ob dieses Ziel erreicht werden soll und wie es dabei gelingt, für einen Ausgleich der widerstreitenden Interessen zu sorgen.“ (SPIEGEL.de)

Bislang nannten sie sich Experten. Plötzlich sind sie Fachidioten. Idioten waren jene Athener, die sich der Polis verweigerten und sich in ein privates Leben zurückzogen.

Eine Demokratie aus arbeitsteiligen Berufen wäre unmöglich, wenn alle sich auf ihre Fachidiotie beriefen und ihre Politkompetenz verleugneten. Ein Demokrat hat die Pflicht, sich in allen öffentlichen Angelegenheiten so kundig zu machen, dass er begründete Entscheidungen fällen kann. Sich bescheiden dumm zu stellen, ist Demontage der eigenen Mündigkeit – und Feigheit, Farbe zu bekennen. Wehrhafte Demokratie sieht anders aus.

In der Renaissance erschien – in ausdrücklicher Gegenstellung zur arbeitsteiligen Gesellschaft – der uomo universale, das Genie, dem alles meisterlich zu Gebote stand. Eine Demokratie lebt davon, dass jeder Bürger ein politischer uomo universale ist. Er muss das Ganze überblicken und sich ein durchdachtes Urteil bilden.

Der gegenwärtige Zeitgeist, die Eliten als kompetent und den Pöbel für unfähig zu erklären, das Überkomplexe zu verstehen, ist der langfristige Tod der Demokratie.

Wissenschaftler überblicken nur ihr Fach, weshalb sie holistisches Denken ablehnen (holos = das Ganze). „Totalitäten sind niemals Gegenstand einer Wissenschaft .aus dem einfachen Grunde, weil jedes Denken, auch das auf „Ganzheiten“ gerichtete, selektiv ist und abstrahieren muss.“ (Hans Albert)

Die subjektiven Perspektiven der Wissenschaftler dementieren nicht die Möglichkeit objektiver Erkenntnis – durch Wiederholen der Experimente, Nachprüfen des Rechnens durch öffentliche Debatten, an denen sich jeder beteiligen kann. Eine Demokratie ist eine streitend-argumentierende Lerngemeinschaft, die durch Irrungen und Wirrungen zu gemeinsamen Erkenntnissen und Maßnahmen kommen kann.

Mündigkeit ist die Pflicht, das Ganze in Augenschein zu nehmen, zu beurteilen und zu politischen Schlussfolgerungen zu kommen. Durch vielfältige Verflechtung und Vernetzung der Welt, durch ein Klima, das alle Völker betrifft, muss sich das Ganze inzwischen auf die ganze Welt beziehen. Wer nicht weltpolitisch denkt, denkt auch nicht im nationalen Interesse.

Der adlige Wetterforscher rügt – in herablassendem Ton, der seine Demut entlarvt –, nicht nur die anmaßende Jugend, sondern auch seine Kollegen:

„So schnell wird die Menschheit schon nicht untergehen. Gefüttert wird das um sich greifende Ohnmachtsgefühl leider durch manche meiner Forscherkollegen, die vor einer bevorstehenden Endzeit warnen. Solche Leute tun der Wissenschaft keinen Gefallen, weil sie die kritische Distanz aufgeben. Auch wir Klimaforscher liefern stets nur vorläufige Erklärungen und müssen bereit sein, diese möglicherweise wieder über den Haufen zu werfen, wenn neue Daten das erfordern. Wir schaffen Wissen, keine endgültigen Wahrheiten.“

Sein fahrlässiger Optimismus wird von seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht gedeckt. Sind die empirischen Erkenntnisse der Klimawissenschaft wahr, ist die Menschheit gefährdet. Endgültige Wahrheiten – im theologischen Sinn – gibt es in keiner Wissenschaft. Dennoch gibt es ein so sicheres Wissen, dass man darauf bauen kann – wenn es Konsens wurde und seine Folgen demokratisch debattiert und entschieden wurden.

Nicht nur, dass heute fast alle Wissenschaftler einer Meinung über das Klima sind. Ihre Warnungen stimmen auch überein mit den Wahrnehmungen, die jeder Einzelne beim Blick in die Welt sich selbst verschaffen kann. Und dies nicht erst seit gestern, sondern schon seit Jahrhunderten in zunehmendem Maße. Selbst die Antike kannte bereits erste Naturverwüstungen, die die Intellektuellen als Verstoß gegen kosmische Harmonie verstanden und philosophisch bekämpften. (siehe Karl-Wilhelm Weeber, Smog über Attika)

Von Storch konstatiert selbst, dass am menschengemachten Klima kein Zweifel unter Wissenschaftlern bestünde. Nur in Kleinigkeiten gäbe es noch Differenzen.

Prognostikern, die genaue Zeitangaben für die Apokalypse machten, kann man übertriebenen Alarmismus vorwerfen. Doch besser laut und deutlich Alarm rufen, wenn das Haus in Flammen steht, als gemütlich das Ende der Fußballübertragung abzuwarten. Die eigentliche Panik steckt in den Daten, nicht in den Warnungen vor der Realisierung der Daten. Die Tonart der Boten ist sekundär, entscheidend ist der Inhalt der Botschaft. Wer den Boten schlägt, um die bedrohliche Botschaft nicht zu hören, ist selbstmordgefährdet.

Obwohl er die Daten mittlerweilen für gesichert hält, zieht er Schlüsse, die diametral zu seiner Wissenschaft stehen:

„Vor dem Klimawandel selbst fürchte ich mich nicht. Steigender Meeresspiegel und höhere Temperaturen sind zu bewältigen, daran kann sich der Mensch anpassen, wenn genug Zeit ist und die Änderungen begrenzt bleiben.“

Das ist gefährlich-blinder Glaube – auf dem Boden überprüfbarer Erkenntnisse. Auf ihre exakten wissenschaftlichen Methoden sind sie stolz; ein Millimeter daneben, im praktischen Leben, können sie 1+1 nicht zusammenzählen.

Vor allem kritisiert von Storch die Jugend, weil sie ein Thema in den Mittelpunkt stellt und andere wichtige vernachlässigt:

„Mir geht es nur zu weit, dass Greta und ihre Anhänger den Eindruck erwecken, das Klimathema sei die alles beherrschende Schicksalsfrage, die größte Bedrohung aller Zeiten. Andere ebenso wichtige Themen wie die Bekämpfung von Armut, Krankheiten und Hunger erscheinen auf einmal nachrangig. Das ist mir zu sehr die Sichtweise des reichen Westens.“

Hier könnte man mit Jeremy Rifkin antworten:

„Ich wäre überrascht und schockiert, wenn junge Leute jetzt nicht demonstrieren würden. Die Institutionen agieren viel zu langsam. 1988 haben wir die erste globale Gruppe von Wissenschaftlern und Umweltaktivisten aus 35 Ländern zusammengebracht. Ich sage das, um klarzumachen, dass wir zu lange gewartet haben. Dies ist der wichtigste Moment in der Geschichte. Wenn ich höre: „Wir müssen realistisch sein“ oder „Wir haben andere Prioritäten“, bin ich sprachlos. Es gibt keine anderen Prioritäten. Wir befinden uns inmitten eines Artensterbens.“ (der-Freitag.de)

Pures Überleben ist die conditio sine qua non allen sonstigen Lebens. Alle anderen Probleme, so wichtig sie sind, müssen nachrangig oder gleichzeitig behandelt werden. In der Tat, man wird das Klima nicht in den Griff kriegen, wenn man den Kapitalismus nicht zerlegt, erbarmungslosen Wettbewerb nicht in bedingungslose Kooperation, anschwellende Kriegsgefahr nicht in friedensstiftende Maßnahmen verwandelt.

Das Überleben der Menschheit muss in einem holistischen Akt durchdacht und geplant werden. Ein solcher Holismus aber wäre nichts weniger als eine Utopie.

Den Jugendlichen wirft man utopistische Schwärmerei vor, zugleich das Unterlassen einer rettenden Gesamtperspektive, also einer Utopie. Kann es sein, dass ihr Widerstand erst begonnen hat? Dass sie peu à peu auf alle Gebiete kommen werden, die mit dem Klima zusammenhängen?

Poppers Verdikt muss man inzwischen auf den Kopf stellen. Nur wer die Hölle auf Erden riskieren will, wird auf eine Utopie als entscheidendes Kriterium verzichten.

Obwohl von Storch sich als Fachidiot vorstellt, weiß er genau, wie die Rettung durchzuführen ist: mit viel Technologie. Das ist die Arroganz der Wissenschaft, dass sie glaubt, die von ihr verursachten Probleme wären nur durch homöopathische Mittel lösbar: Gleiches durch Gleiches. Er scheint vergessen zu haben, dass alle Technologie Energie verbraucht, das Klima belastet und die Natur-Mensch-Balance sträflich ignoriert. Wie nicht anders zu erwarten: politisch-moralische Lehren wie Verwandlung des Kapitalismus in eine solidarische Wirtschaft sind streng verboten.

Der Meteorologe als Übermensch. Mag er Probleme schaffen, ja und? Er wird sie mit denselben Methoden vom Tisch fegen, wie er sie erfunden hat. Er gibt sich patriarchalisch unbeirrbar, obgleich er eben noch endgültige Wahrheiten dementierte.

Das ist die Crux exakter Wissenschaften, dass ihre Ergebnisse nicht im luftleeren Raum existieren. Im Nebenfach sind Wissenschaftler Menschen in konkreten politischen Räumen. Was sie als objektive Distanz zelebrieren, ist ein Mangel an elementarer Selbsterkenntnis. Geht die Titanic unter, werden auch sie im Meer versinken – wenn auch mit korrekten Daten der Ursachen.

Seit Erfindung der Wissenschaften zum Zweck der Natur- und Menschenausbeutung ist der Übermensch das Ziel abendländischer Entwicklung.

„Der Zweck der Menschheit ist die Hervorbringung großer Männer, denen alle anderen Verehrung erweisen sollen.“ (Ernest Renan)

Ernst Benz hat die Tradition des Übermenschen durch die abendländische Geschichte hindurch verfolgt. Angeregt vom messianischen Übermenschen des Neuen Testaments beginnt die Tradition des abendländischen Ablegers schon im hohen Mittelalter.

Von der katholischen Mystik, über Luther, Goethe und seinen Gesprächspartner Lavater, Hegel, David Friedrich Strauß, Jean Paul, die Entwicklungstheorie des 19. Jahrhunderts, Darwin, Marx und die Linkshegelianer, Büchner, A. R. Wallace, Eugen Dühring, Ralph Waldo Emerson bis zu Nietzsche: die stattliche Ahnenliste der Übermenschen des Dritten Reiches, ist Fleisch vom abendländischen Fleisch.

Faustisches Streben ist Drang nach dem Übermenschen:

„Bin ich ein Gott? Mir wird so licht!“ Die Konfrontation mit dem Erdgeist bringt die erste Ernüchterung:

„Du flehst eratmend, mich zu schauen Da bin ich! – Welch erbärmlich Grauen Faßt Übermenschen Dich!“

Dennoch lässt Faust nicht ab, seinen Kurs des Übermenschen über Leichen fortzusetzen – bis nur noch die Liebe von Oben ihn retten kann. Das ist das Fazit der Übermenschen: am Ende müssen sie ihren Bankrott anmelden und die Gnade höherer Mächte erflehen.

Nur eine Ausnahme gibt es unter den deutschen Dichtern und Denkern, die die Gefahr der Gottwerdung sahen: Johann Gottfried Herder. In seiner Darstellung der Geschichte der Humanität schildert er die Degradierung des Begriffes Mensch durch Fürsten und Könige, die sich als Übermenschen darstellen. Der Übermensch erscheint als Despot, der zur Erniedrigung des Menschen beigetragen hat.

„Lassen Sie uns ja zum Begriff der Humanität bei Griechen und Römern übergehen; denn bei diesem barbarischen Menschenrecht wird uns angst und bange.“ (zit. bei Benz)

Was aber war der technologische Singularitätspunkt, den wir überschritten haben?

„Überwiegend wird darunter ein Zeitpunkt verstanden, an dem künstliche Intelligenz (KI) die menschliche Intelligenz übertrifft und sich dadurch rasant selbst verbessert, wodurch der technischen Fortschritt derart beschleunigt würde, dass die Zukunft der Menschheit hinter diesem Ereignis nicht mehr vorhersehbar ist. Die erste Superintelligenz wäre also die letzte Erfindung, die die Menschheit zu machen hat, da ab dann die zukünftigen Erfindungen weitestgehend von Maschinen entwickelt würden.“ (Wiki)

Der Quantencomputer überragt den Menschen derart, dass selbst der Fachmann seine Genialität nicht mehr erfassen kann. Die Teufelsmaschine kann Probleme lösen, die der Mensch nicht mal stellen kann. Mit anderen Worten: vor seinem Wundergerät wird der Mensch zum Kretin. Vor seinem technischen Gott steht er: fassungslos. Sein Göttergerät kann er nur noch anstammeln: Ich glaube an dich, hilf meinem Unglauben.

Und wozu das Ganze? Wozu ist das Monstrum nützlich?

„Dieser übermächtige Computer ist praktisch nutzlos und lediglich für Wissenschaftler interessant. Mit ihm wird man weder Codes knacken noch andere nützliche Probleme lösen können. Dafür bräuchte es Quantencomputer mit mehreren Tausenden, wenn nicht Hunderttausenden Qubits. Die Google-Maschine verfügt aber gerade einmal über 53. Das ist eine unglaublich schöne ingenieursmäßige Leistung. Aber für praktische Anwendungen noch viel zu wenig.“

Eines fernen Tages wird der Computer die schwierigsten Probleme in Nullkommanichts knacken. Nur eins wird sie nicht können: die Probleme des Menschen lösen. Denn das kann nur der Mensch.

Die Maschine wird sein wie Gott: unbegreiflich und überflüssig.

 

Fortsetzung folgt.