Von vorne LXIX

Tagesmail - Mittwoch, den 02. Oktober 2019

Von vorne LXIX,

Trump und Johnson sind nicht die einzigen Narren.

„Wer auch immer dazu beigetragen hat, dass die Leichtathletik-WM in Katar stattfindet, sollte sich schämen. Und wer daran mitgefingert hat, dass die Fußball-WM in drei Jahren dort stattfinden soll, ebenfalls. Die aktuellen Wettkämpfe der Leichtathleten zeigen, was mit dem Sport passiert, wenn seine Funktionäre von Geldgier und Korruption geleitet werden. Diese WM ist ein Witz, sie ist ein Skandal. Das Emirat Katar will sich mithilfe solcher Events politische Akzeptanz für seine Diktatur erkaufen. Das ist nachvollziehbar. Die großen Leichtathletik- oder Fußballverbände verraten ihre Athleten und alle Sportfans weltweit.“ (SPIEGEL.de)

Markus Feldenkirchen nimmt kein Blatt vor den Mund. Warum aber erwähnt er nicht diejenigen, die nur scheinbar kritisieren – und dennoch alles zeigen: die TV-Kanäle, die die Übertragung der Spiele teuer erkauft haben, obgleich das Verhängnis längst abzusehen war? Keine Schelte unter medialen Kollegen?

Trumps Pussygrapschen ist durch die Metoo-Bewegung geächtet, voyeuristisches Pussygrapschen aus maskuliner Perspektive wird in Katar zum Weltereignis.

„In den knappen Sachen über diese Kamera zu steigen, um in den Block zu gehen, finde ich sehr unangenehm.“ (Gina Lückenkemper)

Gibt es eine Erklärung? Um Erklärungen sind gewiefte Framing-, Nudging- und Kommunikationskoryphäen nie verlegen:

„Die Idee der Startblockkamera sei es, die Kommunikation zwischen Athlet und Zuschauern durch eine neue Eventpräsentation zu verbessern.“

Gibt es denn in Zirkusspielen eine Kommunikation zwischen Darstellern und Publikum? Und wenn ja, wäre es dem Fortschritt nicht angemessener, die ...

... Athleten in schamfreier Nacktheit auftreten zu lassen (Slogan: „Scham war gestern, moderne Menschen haben nichts zu verbergen“) in digitaler Vernetzung mit implantierten Chips, um die Vorgänge der Herz- und Atemfrequenzen, der neurologischen Intensivkurven und intrasomatischen Extremreaktionen in synchroner Eventzeit dem Globus mitzuteilen?

Gemach: auch der Zukunft muss noch einiges vorbehalten werden, damit der Fortschritt selbst für Begriffsstutzige nachvollziehbar wird.

Was war Kommunikation noch mal, der wichtigste Begriff der allesflutenden Angebotswirtschaft?

Kommunikation ist der Austausch oder die Übertragung von Informationen, die auf verschiedenen Arten (verbal, nonverbal) oder verschiedenen Wegen (Sprechen, Schreiben) stattfinden kann. Mit „Austausch“ ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen gemeint; „Übertragung“ ist die Beschreibung dafür, dass dabei Distanzen überwunden werden können, oder es ist eine Vorstellung gemeint, dass Gedanken, Vorstellungen, Meinungen und anderes ein Individuum „verlassen“ und in ein anderes „hineingelangen“. (Wiki)

„Gegenseitiges Geben und Nehmen“ zwischen denen, die im Licht stehen und denen, die sich auf ihrer Couch lümmeln? Gibt es denn geheime Gesprächsrunden, in denen die „Distanzen überwunden“ und beide Seiten in gleicher Augenhöhe miteinander parlieren können?

Das Übertragen von Informationen ist ein einseitiger, monologischer Vorgang, das Gegenteil eines dialogischen Austauschs. Welch traumhaft dialektische Verhältnisse, in denen alle Widersprüche ein versöhnliches Finale finden.

Kurz vor dem Weltende erleben wir den Triumph des Menschengeschlechts. Noch nie gab es so viele SUVs, so viele Luxusyachten, so viele Shareholders. Die rebellische Jugend muss zur Lektüre von Steven Pinker und Boris Palmer verdonnert werden, damit sie wieder „runter kommt“ und auf die Errungenschaften der Menschheit stolz wird.

Fakten! Keine hinterwäldlerischen Bewertungen! Mit dieser Formel will Palmer die faktenfeindliche Gegenwart kurieren. Die Medien jubeln. Schon lange beschwören sie die dreieinige Formel: Fakten, Fakten, Fakten.

Auch hier ist Katar zu rühmen, denn hier triumphieren die Fakten:

„Besonders leiden die Sportler. „Da draußen haben sie uns in einen Backofen geschoben. Sie haben aus uns Meerschweinchen gemacht, Versuchstiere“, sagte der französische Geher Yohann Diniz, der sein Rennen nach nicht einmal 20 Kilometern abbrach. Furchtbar lief auch der Marathon der Frauen. Bei 32 Grad und 73 Prozent Luftfeuchtigkeit gaben 28 von 68 Läuferinnen auf. „Es war schrecklich. Ich habe mich noch nie so schlecht gefühlt“, sagte eine von ihnen, die italienische Spitzenläuferin Sara Dossena. Die Leichtathletik-WM in Doha spielt sich vor leeren Rängen ab. Dazu Marathons zu nachtschlafener Zeit, Kameraleute, die keine Bilder von zusammengebrochenen Athleten machen dürfen.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Um riesige Gelder zu kassieren und das Weltpublikum mit Sensationen zu füttern, werden Menschen als Versuchskaninchen vorgeführt, damit die hysterische Öffentlichkeit zu sich kommt: sooo schlimm wird die Klimakrise nun auch nicht werden. Das seht ihr ja jetzt. Einiges muss in die Nacht geschoben werden, jeder muss körperlich topfit werden – dann wird’s schon. Tja, wer sich nicht an die Regeln des gnadenlosen Wettbewerbs hält, den sammelt die Evolution ein. Ist denn in Katar jemand vor laufender Kamera tot zusammengebrochen? Quod erat demonstrantum.

Fakten nach Art kollabierender Athleten, die das Publikum demotivieren könnten, werden selbstredend getilgt. Zeigen, was ist?

Die globale Nudging-Therapie muss Rücksicht nehmen auf ein leicht irritierbares Publikum. Only bad news are good news: das bewährte Prinzip der Edelschreiber muss komplettiert werden durch den Slogan der Kanäle: only good pictures are good news. Wenn China triumphiert, darf der Westen nicht lernunfähig zurückbleiben und Kapital-Kommunisten das Feld überlassen.

Die Kritik der schreibenden Kollegen an den Faktenüberträgern von Katar hielt sich ohnehin in Grenzen: Immerhin, die Zuschauer-Quoten blieben konstant. Sollte jemand betrügen wollen: das verwöhnte Publikum will betrogen werden.

Hajo Seppelt ist ein führender TV-Kritiker des endemischen Drogenbetrugs im Sport. Seine Beiträge werden regelmäßig vor den großen Sportevents gezeigt. Früher war er selbst Sportreporter. Vor 12 Jahren hatten sie ihn als Schwimmkommentator rausgeschmissen:

„Da kam ich schon auch mal in Konflikt mit Kollegen. Habe dann gesagt: Das ist mir zu viel Oberflächlichkeit, Distanzlosigkeit und Entertainment. Das war nicht das, worum es mir ging.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Hat sich an der Sport-Politik der Kanäle seitdem etwas geändert? Im Gegenteil: „Oberflächlichkeit, Distanzlosigkeit und Entertainment“ haben überhandgenommen – mit einem kleinen Unterschied: Seppelts Beiträge dienen heute als Alibi, um die korrupten Spiele erst recht und mit gutem Gewissen zu übertragen. Zuerst Seppelt, dann: „Wir schalten um nach Katar.“

Medien müssen die Kunst beherrschen, einen kritischen Schein zu erwecken – um das desaströse Ist elegant passieren zu lassen. Heute ein Artikel über maßlosen Kerosinverbrauch beim Fliegen, morgen ein touristischer Jubelbericht über die letzten unberührten paradiesischen Winkel der Erde.

Deutsche Kritik gibt es nicht oder sie bleibt folgenlos, weil niemand bereit ist – wie etwa amerikanische Whistleblower – die rechten Konsequenzen daraus zu ziehen. Versteht sich, dass die unverblümte Scheltrede Gretas vor den Mächtigen der Welt die einheimischen Autoritäten aus dem Sessel haute.

Luther gilt als Nationalheiliger – was nicht bedeutet, seinen Wormser Auftritt vor den Granden der Nation nachzuahmen. Stolz vor Fürstenthronen? Nichts für eine Karrieristennation, die unter Bildung weder Mut noch Selbstbewusstsein versteht, sondern gleiche Chancen zum Hinaufbuckeln.

Scharfe Kritik gilt hierzulande als Angstmacherei und arrogante Anklage, weshalb auch Klaus Töpfer Gretas Rede nicht für vorbildlich hält:

„Greta Thunbergs Rede hat nicht motiviert, sondern angeklagt. Die berechtigten Anliegen in der Sache können dadurch in den Hintergrund treten, was zu bedauern wäre. Wir stehen vor einer Menschheitsaufgabe und sollten die Möglichkeiten der Zusammenarbeit auf allen Ebenen suchen.“ (Sueddeutsche.de)

Sie wollen nicht attackiert, sie wollen „mitgenommen“ werden. Wer sie allerdings mitnehmen will, dem zeigen sie den Vogel.

Merkel will in schwesterlicher Nächstenliebe stets alle an die Hand nehmen, weshalb sie vergaß: wohin soll denn die Reise gehen? Also bleiben alle stehen, wo sie gerade stehen.

Töpfer mag auch keine radikalen Systemumbrüche, wie Popper misstraut er großen Utopien. Wie lautet seine Begründung?

„Mit dem Grundgedanken, dass die gesamte Schöpfung der Erlösung harrt, kann ich mich identifizieren.“

Womit klar sein dürfte, warum „Umbrüche“ nur im technischen und wirtschaftlichen Fortschritt gepriesen werden, nicht aber für die Humanisierung der Gesellschaft. In letzter Instanz ist nicht der Mensch das Subjekt seiner Geschichte, sondern sein Herr im Himmel.

Entspannt euch, ihr jugendlichen Heiden auf der Straße. Glaubt ihr denn an etwas Höheres oder seid ihr so geblendet von eurer Brillanz, dass ihr die wahren Machtverhältnisse im Himmel und auf Erden ignorieren könnt?

Töpfer kritisiert das unzumutbare ökologische Verhalten seiner Partei. Dennoch käme er nie auf die Idee, sie mit Aplomb zu verlassen, um öffentlich Flagge zu zeigen. Wer tritt denn heute noch zurück, wenn er eine Politik nicht mehr mittragen kann?

Auch Töpfer hält nichts vom individuellen „moralischen Tugendverhalten“, um die drohende Ökokatastrophe zu bekämpfen. Vor wenigen Jahren noch wäre solcher Unfähigkeit wegen, das Private als politisch zu begreifen, jeder verspottet worden. „Nie wieder Idiotes“ schrieb Christian Felber in seinem Buch „50 Vorschläge für eine gerechtere Welt“. „Idiotes sind das wertvollste Kapital der Neoliberalen.“

Jedes politische Verhalten beginnt im privaten Kopf als Entschluss, sein Leben nach bestimmten Prinzipien zu gestalten. Kein Verhalten in der vernetzten Gesellschaft, das ohne politische Wirkung bliebe. Noch besser wäre es freilich, diese Wirkung bewusst zu gestalten – als Verlängerung der privaten Moralität ins Politische. Gibt es heute irgendjemanden, der sein ökologisches Tun nicht als Beitrag zur politischen Veränderung verstünde?

Der wahre Hintergrund der diffamierenden Moralrede ist die unterschwellige Aberkennung der politischen Mündigkeit des Einzelnen. Im Ökonomischen soll alles von der Tüchtigkeit der Einzelnen abhängen, im Politischen hingegen sollen nur Staatsaktionen der obersten Kasten zählen. Eure private Moral taugt nicht als politische Kraft, heißt so viel wie: lasst die Finger von der Politik, es gibt Bessere als euch.  

Als Faustregel könnte man sagen: Politik in der Polis ist nichts anderes als die Verlängerung des privaten Tun und Denkens in die Gesellschaft oder die Summa aller privaten Taten und Meinungen. Auch Wählen ist die Frucht einer individuellen Einstellung. Wer privates Tun für politisch irrelevant hält, entwertet den Einzelnen zum bedeutungslosen Nichts.

Hinter den Attacken gegen die Wertlosigkeit des Tuns des Einzelnen steckt der systematische Versuch, die Demokratie zu schwächen und zur Plutokratie zu degradieren. Wenn jeder nur ein irrelevanter Untertan ist, haben Obertanen freies Spiel. Das amerikanische und englische Beispiel verlockt. Aber auch die Deutschen sind verängstigt und fasziniert zugleich vom gigantischen Rivalen im Reich der Mitte.

Die einen fordern: wir müssen endlich erwachsen werden, soll heißen, wir müssen aufrüsten. Die anderen warnen vor dem Abstieg der einheimischen Wirtschaft: Deutschland werde nach unten durchgereicht. Kaum lässt das Wirtschaftswachstum um eine Nuance nach, gehören wir zu den Losern Europas. Die geschürte Angst vor dem Abstieg war schon immer das beste Druckmittel, um Forderungen der Wirtschaft durchzudrücken.  

Auf allen Ebenen dominiert die Faktokratie. Wer die Fakten kennt, muss sich um nichts mehr kümmern. Bewertungs-befreite Fakten der Gesellschaft entsprechen den Zahlen in der Natur. Wer Quantitäten kennt, hat Macht über sie. Zählen und Rechnen heißt Herrschaft ausüben.

Fakten sind moralbefreite Tatsachen, die angeblich für sich sprechen. Schwerelos kommen sie daher und müssen nur in Formeln eingespeist werden, um zur Geltung zu kommen. Wenn alles reibungslos funktionieren soll, darf die Gesellschaft sich keine moralischen Fisimatenten erlauben. Das moralische Verbot entpuppt sich als Aversion gegen demokratische Streitmethoden. Die Gesellschaft hat keine Zeit und Energie für aufreibende Diskurse zu verschwenden.

Die Gesellschaft wird immer mehr zur Maschine, die wortlos zu funktionieren hat. Schalter drehen, Knöpfe drücken: das war‘s. Mehr soll nicht nötig sein, um das Schiff in Bewegung zu halten.

Zuerst war die Maschinisierung der Natur. Dann die Mechanisierung des Menschen, der sich in ein unberechenbares Atom verwandelte. Erfindung und Einsatz digitaler Roboter setzen nur fort, was längst Realität wurde. Warum kann niemand mehr substantiell streiten? Weil nicht mehr gestritten werden darf. Demokratie ist Zeit- und Energieverschwendung.

In der Gesellschaft gelten nur noch Geldmachen, Maschinen erfinden und Malochen. Alles andere ist Faulenzerei und Drückebergerei.

Warum sagt man den Griechen Arbeitsscheu und Müßiggang nach? Weil sie am meisten den demokratischen Urtugenden nachkamen: der Muße des Denkens und der Leidenschaft politischer Teilhabe. In diesen Disziplinen waren sie die fleißigsten der Welt. Heute hat die christliche Pflicht zur Sündenarbeit und zum Erfolg als Nachweis der Erwählung alle demokratischen Tugenden erstickt.

Mütter sollen sich nicht nur von ihren Kindern „lösen“, sondern auch keine Zeit und Muße haben, sich als zoon politicon zu betätigen. Auch sie müssen unter das Joch der Arbeit, um ja nicht auf falsche Gedanken zu kommen.

Muße, die anstrengend-lustvolle Betätigung des Denkens, wird im christlichen Jammertal zum Müßiggang. Jede Rentendebatte steht unter dem Leitgedanken, nur „harte Lebensarbeit“ dürfe angemessen belohnt werden. Nicht lebenslanges ehrenamtliches Engagement, nicht öffentliches Streiten auf dem Marktplatz, um die Menschen an ihre politischen Pflichten zu erinnern.

„Wo bleibt der studentische Klimaprotest?“ fragt kess die SZ. (jetzt.de)

Wo bleibt der Protest der – Journalisten, der Professoren, Vorstände, Leistungssportler, der Promis aus Film und Fernsehen, der Lehrer, Gewerkschaftler, der Mönche und Nonnen, der digitalen Koryphäen, der Künstler und Kreativen, der Beamten und Immobilienhändler?

Jede Zunft schaut verächtlich auf die andere herab: macht ihr das mit dieser Politik, sonst könnt ihr ja eh nichts außer Schwadronieren und maßlose Forderungen stellen. Selbst, wenn ihr Anfangserfolge haben solltet, werdet ihr bald wieder am Krückstock laufen. Für solchen Unsinn sind wir uns zu schade. Uns braucht die Gesellschaft, um Arbeitsplätze bereit zu stellen und die Zukunft vorzubereiten. Demokratie ist nur für nutzlose Schwätzer, bestes Beispiel der hässliche Sokrates, schon mal gehört?

Gehören Demokratie und Kapitalismus, Demokratie und Fortschritt, Demokratie und stupide Maloche zusammen? Nie und nimmer. Im Gegenteil: lebenslange Arbeit, Profitgier, Aussaugen der Natur mit immer effizienteren Maschinen unterminieren jede Demokratie.

Es ist zeitaufwendig, eine Gesellschaft lebendig zu erhalten, sie mit Freiheit und Gleichheit zu durchdringen, miteinander zu streiten und sich dennoch verstehen zu lernen. Demokratie ist kein kalter Mechanismus, kein Prototyp eines Giganto-Roboters, den man mit Knopfdruck zum Gehorsam zwingen kann – oder noch schlimmer, der eines Tages über seine Erfinder und Erbauer hinweg allein bestimmt, was er für richtig hält.

Sollen die Demokraten Trump aus dem Amt impeachen? Aber sicher, sagen die deutschen Medien, er hat es längst verdient. Doch stopp, wartet mal, könnte das Verfahren nicht nach hinten losgehen und dem Präsidenten eher nützen als schaden? Und schon liegt der demokratische Geist, der sich ein bisschen zu empören wagte, wieder am Boden.

Nicht demokratische Moral soll entscheiden, sondern raffinierte Machtkalküle. Die Untertanen sollen friktionsfrei funktionieren und sich privat-tugendhaft verhalten. Aus dem harten und erbarmungslosen Geschäft der hohen Politik sollen sie sich raushalten.

Dasselbe bei jeder Wahl. Man soll nicht wählen, was man schlicht für richtig hält, sondern was man durch Koalitionspokern strategisch erreichen will. Desgleich sollen die Parteien in ihrem Wahlprogramm nicht verkündigen, was sie politisch für notwendig halten, sondern dem Volk aufs Maul schauen und sich bei ihm ranschmeißen.

Durch diese Drückebergerei vor der demokratischen Prozedur: „Versprechen, Versprechen erfüllen, ehrliches Fazit der Bemühungen ziehen, bei der nächsten Wahl dem Volk überlassen, ob es das Tun der Partei für gelungen hält oder nicht“, werden politische Meinungen und Taten der Überprüfung entzogen.

Die endlosen Koalitionen machen jede Verifikation oder Falsifikation der abgegebenen Versprechungen unmöglich. Hat die CDU in der Groko sich mehr der SPD als die SPD sich der CDU angenähert? Ist Merkel so erfolgreich, weil sie die CDU durch linke Motive modernisiert oder die SPD mit der konservativen Schwarzen Null entsozialisiert hat? Endlose Pokerfragen für die Talkshows ohne jeden Nährwert.

Das ist die Frucht der endlosen Kompromisslerei, dass niemand weiß, wer wofür steht, welche Politik betrieben wird. So entstehen surreale Situationen wie die mit der Kanzlerin, die kokett ausrief: Okay, wenn ihr meint, dass ich Feministin bin, dann bin ich es in Gottes Namen.

Wo steuern wir hin? Des endlosen Fortschritts, der sich als rasende Fahrt in die Selbstauslöschung entlarvt hat, ist die Menschheit überdrüssig geworden. Außer einigen digitalen Narren, Superreichen und Möchtegern-Weltbeherrschern gibt es niemandem mehr, der diesen Fortschritt noch für richtig hält. Nur aus Angst, als altmodisch und zurückgewandt zu gelten, sagt niemand, was er denkt, ja, weiß niemand, was er noch denken soll.

Das Ende des römischen Reiches war die langsame und quälende Zersetzung einer antiken Kultur, die von geistigen Griechen und machtbewussten Römern bestimmt wurde. Die internen Widersprüche zwischen demokratischen und kapitalistischen Leitprinzipien konnten lange unter Kontrolle gehalten werden. Als aber ungebändigte Völker aus dem Osten die Grenzwälle überwanden, begann der Prachtbau zu wanken – und zu zerbröseln. Heilsbotschaften boten sich den Massen an, ihre Hoffnungslosigkeit zu überwinden.

Der christlichen Erlösungsbotschaft gelang es am besten, die Ohnmacht und Leiden der Massen mit jenseitiger Macht und Herrlichkeit zu betören. Also setzten die Massen auf einen unwahrscheinlichen Glauben, der sie für alles Elend mit himmlischer Glorie entschädigen würde. Verlieren konnten sie auf Erden ohnehin nichts mehr.

Die ganze hellenisch-römische Kultur verfiel. Der hohe Stand des politischen und philosophischen Bewusstseins zerfiel in Nichts. Fast alle Tempel und kulturellen Zeugnisse der Heiden wurden von wütenden Jenseitsfanatikern dem Erdboden gleich gemacht. Nur mit Glück verblieben noch gewisse Reste, die nach Jahrhunderten von neugierigen Mönchen gesammelt und der christlichen Dogmatik als niedere Weltweisheit eingefügt wurden. Erst in der Frührenaissance begann in Italien die erste europäische Aufklärung aus dem Geist des wiedererweckten Griechentums.

Mittlerweilen trägt der Westen jahrtausendealte faule Kompromisse aus Vernunft und Glauben auf der geplagten Schulter und ist des Tragens müde geworden. Zudem sehen die Abendländer mit Entsetzen die wahren Früchte ihrer Bigotterie. Nun wollen sie alles abschütteln. Der Glaube an die exquisite Besonderheit ihrer Kultur sinkt jeden Tag mehr ins Bodenlose.

Immer stärker werden die Fragen: woher kommen wir? Was verraten unsere Gene? Was hat die Evolution uns mitgegeben? Der Blick in die Zukunft ist über Nacht erblindet. Wir senken die Augen und wissen nicht, wohin wir blicken sollen. Weg mit dem Ballast, weg mit dem Plunder von 2000 Jahren. Doch was dann?

Schon früheste Kulturen kennen das elementare Bedürfnis, durch Zerbrechen alles Erworbenen und Rückkehr ins Archaisch-Mütterliche sich regelmäßig zu erneuern. Mircea Eliade beschreibt den Vorgang, der auch die Krisenvorgänge der Gegenwart fast punktgenau beschreibt:
„Einsetzung „karnevalistischer Könige“, Demütigung der echten Herrscher, Umsturz aller sozialen Ordnung, Vernichtung der Hierarchie, Orgie und Chaos. Die Katharsis einer müden ausweglosen Kultur ähnelt einer Sintflut, die der ganzen Menschheit ein Ende bereitet, um der Heraufkunft einer neuen, regenerierten Menschheit den Weg zu bereiten.“ (Kosmos und Geschichte)

Wer erkennt in den karnevalistischen Königen nicht Trump, Johnson und die anderen lächerlichen Despoten? Wer sieht nicht, dass die alte demokratische Ordnung zerlegt wird und immer mehr Chaos zum Vorschein kommt? Wer spürt nicht den kollektiven Wunsch nach radikalem Neuanfang und einer bedingungslosen Zerstörung des Alten?

Was wollen die Mächtigen als erstes abstoßen, was ekelt sie am meisten?

Heraklit beschrieb die Ursituation mit dem kleinen Satz:

„Gutes und Böses sind eins. Für Gott sind alle Dinge wohlgetan und gut und recht. Aber die Menschen halten manche Dinge für unrecht und manche für recht.“

Am Anfang gab es nur die Moral der Nichtmoral. Gott kannte weder Gutes noch Böses. Erst die Menschen begannen, beides zu unterscheiden, um ihr Leben autonom zu gestalten. Das war Frevel an der göttlichen Urordnung, für die sie mit Ungemach büßen mussten – durch Demontieren von Gut und Böse und durch Rückkehr ins Amoralische, das sich göttlich nennt.

In der Heiligen Schrift gibt es eine ähnliche Entwicklung, jedoch mit einem charakteristischen Unterschied. Der alte antinomische Gott ist es selbst, der Gut und Böse erfindet und durch Mose der Menschheit mitteilt.

Der Ausgang der Geschichte ist diametral verschieden. Im Juden-Christentum kommt es zu einer linearen Heilsgeschichte, in der am Ende die Massen der Verlorenen ins ewige Feuer wandern, wenige Erwählte die Seligkeit erringen.

In Naturreligionen kommt es zur zyklischen Rückkehr in die Ordnung des Anfangs, um sich von begangenen Fehlern zu reinigen und von vorne zu beginnen.

Das ist der Kampf der Gegenwart: die Frommen der Erlöserreligion werden alle sündige Natur vernichten, das Alte zertrümmern und ein unbekanntes Neues und Himmlisches an seine Stelle setzen.

Wer hingegen der Natur vertraut, wird von vorne beginnen als Wiederkehr des gereinigten Alten. Vielleicht sieht es nicht so aus: dennoch haben wir eine Chance.

„Alles ist neu und doch immer das Alte“. (Goethe, Die Natur)

 

Fortsetzung folgt.