Von vorne LXVIII

Tagesmail - Montag, den 30. September 2019

Von vorne LXVIII,

nicht verzagen, es gibt auch gute Nachrichten:

„Die Macht des Boulevards bröckelt. Laut Zeitungs-Auflagen der IVW befinden sich „Bild“ und „Bild am Sonntag“ im freien Fall.“ (TAGESSPIEGEL.de)

BILD, ein Boulevard der Nation?

„Ein Boulevard ist eine breite von Bäumen flankierte und entlang einer ehemaligen Stadtmauer verlaufende Straße in Großstädten. Die Bezeichnung Boulevard wird heute im weiteren Sinn für Prachtstraßen oder repräsentative Straßen jeglicher Art verwendet.“ (Wiki)

BILD ist das Gegenteil einer Prachtstraße. Wie in einer mittelalterlichen Stadt wird in dieser Edelgazette Abfall aus allen Fenstern auf die Gosse gekippt. Mitten in den Kloaken stehen Marterl und fromme Statuen und verpflichten zum heiligen Innehalten. Auch Springers Kavallerieblatt lässt sich in Dreckwerfen von niemandem übertreffen. Plötzlich wird das Ganze unterbrochen und durch wortlose Herzensmoral von aller Sünd und Schand gereinigt.

„Da taumelt ein Läufer völlig entkräftet 200 Meter vor dem Ziel. Jeden Augenblick kann er stürzen. Da fängt ihn einer der Läufer auf und schleppt ihn ins Ziel. Was für ein Sieg – für die Menschlichkeit, für die Hilfsbereitschaft, für das Mitgefühl. Sie waren jetzt Brüder, zwei Menschen-Brüder. Ein Mensch hilft einem anderen Menschen. Dieses Bild wird hoffentlich unvergessen bleiben. Denn was ist wichtiger? Was ein Mensch sportlich leistet – oder menschlich? PS: Der hilfsbedürftige Sportler wurde übrigens disqualifiziert, weil er sich helfen ließ. Kein Kommentar.“ (BILD.de)

An einer unverdächtig-sentimentalen Stelle geschieht es: Fassaden brechen ein und das unflätige Tagesgeschehen wird umstrahlt von auratischer Reinheit des Herzens. Haben wir es mit einem Anfall von Moral zu tun – in einem Blatt, das sich sonst ...

... von niemandem übertreffen lässt, gegen jeglichen Moralismus auszukeilen?

Das Heilige ist Moral des Himmels, nicht zu vergleichen mit heidnischer Moral der Vernunft. Doch hinter dem Begriff „abendländische Werte“ sind beide Moralen zwanghaft miteinander verkoppelt. Die Aufklärung errang den Sieg über kirchliche Offenbarungswerte, die Romantik wendete wieder das Blatt und verbannte die Vernunft in den Orkus.

„Spätestens 1848 haben die Nachwirkungen der Romantik und die politische Allianz von „Thron und Altar“ die Frage einer säkularen moralischen Erziehung zum Verstummen gebracht. Für Sittlichkeit außerhalb der „ursprünglich gegebenen und ewigen Realitäten auf dem Fundament des Christentums“ gibt es keinen Raum. Um die Jahrhundertwende taucht ein Konkurrenzbegriff auf, der den des Moralunterrichts zu verdrängen beginnt: Lebenskunde. Moralunterricht wird ebenso abgelehnt wie das mit dem Beigeschmack des Trockenen und Pedantischen, dem Odium der Plattheit und der lebensfeindlichen Systemsucht behaftete Wort „Moral“ selbst. Was die Lebenskunde demgegenüber empfiehlt, ist ihre Vieldeutigkeit.“ (Historisches Wörterbuch der Philosophie, „Werterziehung“)

1996 beschließt die rot-grüne Landesregierung von NRW das Fach „Praktische Philosophie“, in dem Orientierung gegeben werden soll für das „solidarische Zusammenleben in einer Gesellschaft, die vielfältige kulturelle Grundlagen in sich vereint – eine Forderung, welche die „Einbeziehung außermoralischer Werte und Orientierungen“ und den Schritt über Ethik im engeren Sinn hinaus zwingend erforderlich macht.“

Versteht man allmählich, warum die Deutschen den BER in Berlin nicht zustande bringen? Weil ihnen Hören und Sehen, folgerichtiges Denken und eindeutiges Reden vergangen ist. Was ist „Einbeziehung außermoralischer Werte?“ Was ein zwingender Schritt „über Ethik im engeren Sinn hinaus“?

Einbeziehen kann sein: ich will mich vertraut machen mit allen Meinungen und Gefühlen – auch wenn ich sie nicht teile. Fremde Normen will ich kennen und verstehen, auch wenn sie nicht meine werden können. Einbeziehen kann aber auch die Absage an jede klare Moral und Rechtsprechung, eine Desertion ins postmodern Beliebige sein.

Hier stehen wir vor den Ursachen jener Wankelmütigkeit und Feigheit der Deutschen, die ihre demokratischen Werte nicht selbstbewusst verteidigen. Entweder lehnen sie den fremden Islam ab – oder sie schlucken alles Demokratiefeindliche, um sich als flotte Multikulturalisten zu präsentieren.

Dumpfe Ablehnung des Anderen und Fremden will sich weltläufig gebärden, indem es alles dialektisch zusammenzwingt, was nicht zusammengehört. Lehnt man doch alles manichäische Entweder-Oder, Gut-Böse, Schwarz-Weiß-Denken ab. Kriminelle Taten bestimmter Familienclans „mit migrantischem Hintergrund“ müssen hochherzig toleriert werden. Ist doch die eigene Vorstellung von kriminellem Verhalten nicht identisch mit fremden Vorstellungen, die doch auch ihre Berechtigung hätten. Alles Fremde ist willkommen und bereichert das eigene Leben, nur nicht das Verletzen der Gesetze und Menschenrechte.

So wird demokratische Toleranz zur blinden Billigung aller fremden Normen, auch wenn sie noch so sehr gegen einheimische Gesetze verstoßen. Hier erkennt man die gefährlichen Folgen einer dialektischen Eiapopeia-Soße, die die eigenen Normen im Stiche lässt, weil sie streng und unbestechlich auf dem Unterschied zwischen demokratisch-undemokratisch, Recht und Unrecht bestehen.

Wer die eigenen Werte selbst anzweifelt, hat die Pflicht, mit demokratischen Methoden einen Wertewandel herbeizuführen. Tut er‘s nicht, hat er kein Recht, auf untätige Weise Selbstjustiz zu üben – und Gesetzesverstöße nach Belieben zu akzeptieren.

Seit der marxistischen 68er-Studentenbewegung hat sich in besseren Kreisen eingebürgert, strenge Normeinhaltung als „law und order“ madig zu machen. Wohin das führt, zeigen mächtige Rabauken wie Trump, Johnson – und Merkel. Ja, auch Merkel, die in unnachahmlicher Ich-weiß-von-nichts-Haltung jeden Gesetzesbruch wie einen Akt der Nächstenliebe aussehen lässt.

Da sind Trump und Johnson ehrlicher, die nach Belieben Gesetze brechen und sich eins ins Fäustchen lachen – solange ihre gegen die ganze Welt verbitterte Klientel sie auf Händen trägt.

Bis heute hält die postmarxistische Linke nichts von Moral. Begründung:

„Moral in der Klassengesellschaft trägt unvermeidlich Klassencharakter. Es gibt keine ewigen, unveränderlichen Moralprinzipien, wie vormarxsche und bürgerliche Ethiker im Interesse der Aufrechterhaltung der Herrschaft des Privateigentums immer wieder behaupten.“ (Marxistisch-leninistisches Wörterbuch der Philosophie)

Doch Marx widerlegt sich selbst, wenn er das Reich der Freiheit als Zustand vollendeter Humanität definiert. Sind Werte des Reiches der Freiheit nicht universell und ewig? Dann kann das Reich der Freiheit nicht das ultimative Ziel der Geschichte sein. Einerseits sind sozialistische und kommunistische Prinzipien das Ziel allen Klassenkampfes. Andererseits ist das Ziel schon vom postmodernen Zweifel infiziert:

„Auch im Sozialismus und Kommunismus bleibt die Freiheit ein Prozess, will sie ständig neu erlangt und vertieft werden.“

Was ist „neu vertiefen“? a) Ich vertiefe vergessenes Wissen neu, wenn ich es in unverändert-alter Form erinnere. b) Oder ich erwerbe neues Wissen, um das alte zu entsorgen.
Das Neue ist Wiedererinnerung des Alten: sokratisches Lernen. Das Neue ist Feind des Alten: christliches Lernen als erneute creatio ex nihilo.

Sokratisches Lernen ist zirkuläres retour à l’origine, christliches Lernen ist linearer Fortschritt ins Grenzenlose unter Vernichtung alles Bekannten und Bewährten.

Die Moderne hat allem Überzeitigen entsagt – außer der Ewigkeit ihres Gottes. Gibt es nichts Zeitunabhängiges, bleibt alles ständigem Wechsel ausgesetzt. Verlässliche Normen gibt es nicht. Alles muss ständig neu erfunden werden. Diese Wertewandlung wird beschrieben als Prozess der „Enttraditionalisierung, Entnormatisierung, Individualisierung von Lebensstilen oder Entstrukturalisierung von Lebensverhältnissen. In Bezug auf den Wertebegriff herrscht ein „balylonisches Sprachengewirr“. (Philosophisches Lexikon)

Die Postmoderne hat die nach-aufklärerischen Relativismen zu ihrem Markenzeichen erklärt. Ihr Vokabular klingt wie Aliendeutsch:

„Als charakteristische Merkmale der Postmoderne erkennt Lyotard das Obsoletwerden all jener Metaerzählungen, die in der Moderne die Funktion hatten, alle Institutionen und Praktiken, Gesetzgebungen, Ethiken und Denkweisen zu legitimieren, sowie die dadurch bedingte unaufhebbare Heterogenität (Verschiedenartigkeit) und Inkommensurabilität (Unmessbarkeit) der Sprachspiele, welche eine Neubestimmung des nicht mehr im Konsens fundierbaren Wahrheits- und Gerechtigkeitsbegriffs erforderlich macht. Zugleich verstärkt das postmoderne Wissen unsere Fähigkeit, das Inkommensurable zu ertragen.“ (Philosophisches Lexikon)

Metaerzählungen sind Sinndeutungen einer Kultur mit frei fabulierten Geschichten. Nicht in Form historischer Forschungsergebnisse. Das sind Absagen an jede verlässliche Geschichtswissenschaft – und ein Übergang zu mythisch-religiösen Fabeln.

Heilige Schriften in Form erfundener Geschichten wie die von Adam und Eva erklären die Schwächen der Menschen als Verlust des Gartens Eden und sündigen Fall ins Unfähige eines verlorenen Menschengeschlechts, das nur durch einen Erlöser gerettet werden kann. Ein pittoresk ausgedachter Schöpfungsbericht in sechs Tagen ersetzt alle Naturwissenschaften.

Wie im Marxismus wird alles angezweifelt, was wesentliche Faktoren der Moderne sind. Zweifel sind immer gut. Wer sie aber zur Religion erklärt, kann sich das Wahrnehmen der Wirklichkeit ersparen. Auch Menschen- und Völkerrechte haben Demokratien gestützt. Nach postmoderner Dogmatik müssten sie zerbrochen werden, weil sie diese gestützt haben.

Da es grundlegende Wahrheiten nicht geben darf, wird Sprache zu Wortspielen, mit denen man nach Belieben jonglieren kann. Sätze wie: die Würde des Menschen ist unantastbar, sind aus postmoderner Sicht Vorlagen zu Spielen, mit denen man endlos variieren und spekulieren kann.    

Wahrheit und Gerechtigkeit können in der Postmoderne nicht einfach wahr oder falsch sein, jeder erfindet sich seine eigene Wahrheit und Gerechtigkeit. Gibt es endlose viele Gerechtigkeiten, kann es keine verbindliche geben.

Streiten auf der Agora – sinnlos. Denn es gibt keine gemeinsamen logischen Methoden, nach denen man streiten könnte. Das Geschwätz der Talkshows folgt wissentlich oder nicht postmodernen Regeln, die nichts regeln. Niemand kann überprüft werden, denn es gibt keine verbindlichen Wahrheitskriterien.

Der Traum des modernen Menschen wurde unwiderlegbar wahr. Niemand muss Angst haben, als Wirrkopf enttarnt zu werden. Was im Bereich quantitativer Leistungen unerlässlich ist: stets der Beste zu sein und alle anderen zu übertreffen, ist im Bereich qualitativer Gedanken Nonsens. Im Bereich der wahrheitslosen Wahrheit gibt es nur Champions. Im Bereich wahrheitsloser Kraftakte gibt es eine Handvoll Masters of Universe – und 99,9% zum Untergang verdammte Loser.

Wer‘s noch nicht gehört hat: im Jahre 2028 hebt eine gigantische Rakete ab und fliegt auf den Mars. Genau in jenem Augenblick, in dem die Klimarettung der sündigen Menschheit endgültig gescheitert sein wird. Nicht Staaten, sondern Milliardäre, sind die Kreatoren dieser zweiten Arche Noah.

„Das postmoderne Wissen verstärkt unsere Fähigkeit, das Inkommensurable zu ertragen“. Sofern Wissen sich auf etwas Objektives bezieht, ist postmodernes Wissen kein Wissen, denn es erfindet und bezieht sich auf nichts, was sich außerhalb seines freien Fabulierens befände. Wozu aber benötigt man bestimmte Fähigkeiten, um das Inkommensurable zu ertragen?  

Soll das Inkommensurable etwas sein, was alle betrifft, kann es kein subjektiv-Beliebiges sein. Es ist objektiv und betrifft alle. Ein solch Allgemein-Verbindliches ist leichter zu ertragen als perspektivisch-unfassbare Seifenblasen. Was könnte Lyotard gemeint haben?

Die gesamte Entwicklung der abendländischen Wissenschaften ist appetent auf das Berechenbare, Mechanistische, Quantitative. Aus Neid auf diese herrschaftsfähige Form des Wissens begehen die Geisteswissenschaften – als Sprösslinge der Philosophie – Fahnenflucht vom freien Denken und begehren nichts anderes als ebenfalls zählen und berechnen zu können. Voraussetzung: der Mensch, das unergründliche Wesen, wird – wie die Natur – zur Maschine.

Der Mensch muss zur berechenbaren Maschine degradiert werden, damit er zum verlässlichen Wesen erklärt werden kann. Vorbei jene schrecklichen Zeiten, in denen jeder für seine Moral selbst verantwortlich war.

Nun ahnen wir das Urmotiv der Postmoderne. Sie will sich dem Diktat des Kommensurablen, dem erzwungenen Vorbild der quantitativen Naturwissenschaften, entziehen. Sie spürt die falsche Abhängigkeit von der Mathematik, die zur neuen Erlöserwissenschaft erkoren wurde – um die Theologie für immer abzulösen.

Boris Palmer stellt sich als Mathematiker vor wie Billy Graham als Jünger Jesu. Ähnlich stellen Medien ihre Wunschexperten mit der autoritativen Respektformel vor: P. als Bildungsökonom, A. als Evolutionsbiologe … Die Respektformel signalisiert einen verlässlichen, mathematisch-quantitativen Experten, dessen Erkenntnissen man unbedenklich folgen kann.

Noch nie hat eine Zeitung erklärt, warum sie ausgerechnet diesen und nicht jenen Experten zum Interview gebeten hat. Besonders ärgerlich ist das in Disziplinen wie Theologie und Ökonomie, die man als szientivisch aufgetakelte Glaubenshaltungen bezeichnen muss. Der Interviewer gibt den Nichtwissenden, der wissend genug war, den einzig wahren Experten herauszufischen.

Offensichtlich ging die Postmoderne von einer richtigen Ahnung aus. Sie wollte die Geisteswissenschaften aus der Sklaverei der Naturwissenschaften befreien. Leider schüttete sie beim Befreiungsversuch das Kind mit dem Bade aus. Aus der Not des Inkommensurablen, Beliebig-Subjektiven machte sie per Ukas des Zaren eine höhere Form der Erkenntnis: den subjektiven Perspektivismus, der schon von Nietzsche zum Kern seines Übermenschentums erklärt wurde.

An diesem Punkt wird wohl die Lösung der Frage zu finden sein: Inkommensurabilität wird erträglich, weil der Mensch à la Nietzsche wie ein Gott über allem Irdischen steht. Er steht sicher auf dem schwankenden Boden des Unmessbaren, weil er auf dem Boden seiner allmächtigen Subjektivität steht. Das nachvollziehbare Motiv der Postmoderne, sich der Knechtschaft der Naturwissenschaften zu entziehen, wird von ihr zum religiösen Erlebnis verklärt.

Der Postmoderne ist vorzuwerfen, dass sie durch Leugnen objektiver Wahrheitsideen den Neoliberalismus überhaupt erst möglich machte. Anstatt der gerechtigkeitsverhöhnenden und marktvergötzenden Ideologie der Starken eine treffliche Antwort zu verpassen – mit uns nicht, Mr. Hayek –, öffnete sie dem Recht der Mächtigen Tür und Tor.

Der Markt hält sich an keine Gerechtigkeit, weil er keine sieht. In seinem Sinne gerecht ist, was ohnehin geschieht. Was ist, ist gut und gerecht. Auch die Medien beschränken sich darauf, zu protokollieren, was ist. Indem sie keine Wertung abgeben, wird Ist zu dem, was Sein soll.

Der Postmoderne ist vorzuwerfen, dass sie Demokratie nicht verstanden hat. Denn es gibt nur eine Form, das Inkommensurable zu ertragen: die strengen Regeln der Demokratie. Als da sind: freies Artikulieren, methodisches Streiten, bei Nichtverständigung Abstimmen nach Mehrheiten. Da capo al fine.

Der Streit ist nur dem Scheine nach ein Wettbewerb wie im Kapitalismus. In Wirklichkeit ist er die wirksamste Möglichkeit, das „Wagnis des Inkommensurablen“ zu reduzieren. Festinger spricht von Reduktion kognitiver Dissonanz. Das kann kein dialektisches Palliativ sein, sondern nur tiefes Vertrauen in die Vernunft der Menschen, die in einer Demokratie die besten Voraussetzungen findet, eine humane Einigung zu erzielen. Eine gelingende Demokratie wäre das Beispiel einer überindividuellen Schwarmintelligenz auf freiwilliger, selbst erarbeiteter Basis.

Dieser streitig zueinanderfindende Prozess einer Vertrauensbindung auf der Ebene einer Gesellschaft muss jene verlässliche Seelenvertrautheit herzustellen versuchen, die jeder Mensch in seiner Nestsippe als Kind erlebt hat. In verschiedener Qualität, dennoch immer so verlässlich, dass er überleben konnte. Wo diese Nestqualität in toto fehlt, kann kein Kind überleben.

Heute missbrauchen die Erwachsenen ihre Welt, um den Nestqualitäten eine „offene“, von allen Brutalitäten bestimmte Konkurrenzgesellschaft gegenüberzustellen. Ohne erbarmungslose Konkurrenz kein Fortschritt, kein Wirtschaftswachstum.

Mit Demokratie hat diese kapitalistische Bestimmung nichts zu tun, so wenig wie mit irgendeinem Wohlstandsniveau. Demokraten brauchen nur eine Wirtschaft, die sie ernährt. Die Qualitäten eines wahren und guten Lebens stammen nicht von außen, sondern aus dem Inneren des Menschen. Aus seinem autonomen Denken, das sich aufmacht, gemeinsame Lösungen für gemeinsame Probleme zu finden.

Wie der Marxismus steht die Postmoderne allen demokratischen und menschenrechtlichen Errungenschaften des Menschengeschlechts misstrauisch gegenüber. Aufgrund schlechter Erfahrungen teilen sie das vernichtende Urteil des negativen Dialektikers und Marxisten Adorno: Im falschen Leben gibt es kein richtiges. Ein nihilistisches Urteil.

Auch der Schriftsteller Jonathan Franzen sieht schwarz:

„Franzen schreibt, dass der Kampf gegen den Klimawandel realistischerweise nicht mehr zu gewinnen, die Katastrophe nicht mehr abzuwenden sei. Und womöglich könnte es befreiend sein, so Franzen, sich dies einzugestehen und aufzuhören, so zu tun, als würde noch hart daran gearbeitet, den Klimawandel aufzuhalten. Franzens Romane haben stets einen resignativen, melancholischen Schlag, aber gute Schriftsteller haben die Gabe, die Schwingungen der Gegenwart besser zu verstehen als andere. "Man kann", schreibt Franzen, "weiterhin hoffen, dass die Katastrophe abzuwenden ist, und dabei immer frustrierter und wütender werden über die Untätigkeit der Welt. Oder man kann akzeptieren, dass das Desaster kommen wird, und damit anfangen, neu zu überlegen, was es bedeutet, Hoffnung zu haben“.“ (SPIEGEL.de)

Welche Hoffnung soll man haben, wenn man das Desaster akzeptiert hat? Ob wir pessimistisch sein müssen oder optimistisch sein können ist keine Frage einer „ehrlichen Kapitulation“ vor Gefühlen, die längst wahrnehmungsunfähig geworden sind. Wahrnehmungsunfähig gegenüber der Natur: zwingen die wissenschaftlichen Daten uns tatsächlich zur Kapitulation?

Und wahrnehmungsunfähig gegenüber den Menschen: ist die Menschheit nicht gerade dabei, sich in einem nicht für möglich gehaltenen Einsatz für die Rettung der Natur einzusetzen? Gärt es nicht rund um den Planeten? Ist die Jugend nicht binnen weniger Wochen zu einem Hauptfaktor der Hoffnung geworden? Gibt es nicht überall Aufbruchbewegungen? Geht nicht ein Ruck rund um den Planeten? Und gerade jetzt sollte die Menschheit resignieren?

Solange die Menschheit kämpfen und sich gegenseitig unterstützen kann, solange darf sie nicht aufgeben. Es ist ihre verdammte Pflicht, für die Zukunft ihrer Kinder alles zu geben, wozu sie fähig ist.

Ja, reale Demokratien versagen – aber nicht die Idee der Demokratie, die immer wieder neu angestrebt werden kann. Ja, die Menschenrechte versagen, weil niemand sie verteidigt. Also müssen sie immer besser und effektiver angewandt werden, damit ihr humaner Geist über die Menschheit kommt. Solange keine Utopie realisiert wurde, können utopiefähige Politideen nicht als widerlegt gelten.

BILD-Wagner scheint nicht zu bemerken, dass er den – Kapitalismus angreift. Im Kapitalismus ist jeder auf sich gestellt und muss sich allein zum Ziel durchschlagen. Kooperation verboten. Der Sport ist ein Spiegelbild des Kapitalismus. Hier verbietet der Wettbewerb monopolistische Allianzen, um allen Marktteilnehmern „eine faire Chance“ zu bieten. Das nennt man eine Meta-Erzählung als Lügenmärchen, ein Framing mit Goldrand.

Beide Athleten verstießen gegen Urregeln des Sports: jeder für sich und Gott gegen alle. In aller Öffentlichkeit verletzten sie heilige Regeln der Konkurrenz – unter Ausnutzung zu erwartender Empathiegefühle des Publikums. Merkel sind solche Effekte erlaubt, nicht irgendwelchen Sportlern. Der Sportler, der Hilfe erfuhr, wurde disqualifiziert. Er hatte fremde Hilfe in Anspruch genommen.

Hier verstummt Wagners Protest, so unfasslich empfindet er das Urteil des Sportgerichts. Nur seltsam, dass Wagner vor der Inhumanität des Sports verstummt, nicht aber vor der ungleich schwerer wiegenden Unmenschlichkeit des globalen Kapitalismus. Fassungslos verstummt er im Kleinen, im Großen ist er komplett erblindet. Das Kleine klagt er an, das Eigentliche und Erschütternde des Großen in Gestalt des Weltkapitalismus geht spurlos an ihm vorüber.

BILD schießt aus allen Rohren gegen politische Moral, um plötzlich, an einem Punkt, so moralisch zu werden, dass der Ankläger der Unmoral keine Worte mehr findet.

Das ist der Zustand des Abendlands. Das Große und Ganze ist – ja was denn sonst – amoralisch und menschenfeindlich. Daran hat die Menschheit sich gewöhnt. Nur im Abseitigen, Unerwarteten darf plötzlich ein humanes Lichtlein aufgehen. Was bedeutet das?

Wagner ist dem Samaritaner im Neuen Testament vergleichbar, der keine Vorstellungen über die politisch und wirtschaftlich beklagenswerte Situation des ganzen Landes besitzt. Er sieht nur den einzelnen Menschen, den Gott ihm persönlich vor die Füße warf. Der Samaritaner spürt nicht die geringste Verantwortlichkeit für sein Land. Er will nur ein guter Mensch sein, um Gottes Wohlgefallen zu erringen.

Gutes Tun ist für den Gläubigen weder Reform noch Revolution irdischer Verhältnisse, sondern selektive Gehorsamstat, um den Himmel zu gewinnen. Noch heute gilt staatlich-soziales Tun als kalt und unpersönlich. Dem rein zufällig getroffenen Bettler einen Almosen in den Beutel zu werfen: das ist wahre Nächstenliebe.

Agape ist keine politische Kraft, grundsätzlich will sie nichts verändern. Sie sieht nur den Einzelnen, den Gott erwählte, weil er sich erbarmt, wessen er sich erbarmt, verhärtet aber, wen er will.

„Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, daß du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich also? Hat nicht ein Töpfer Macht, aus einem Klumpen zu machen ein Gefäß zu Ehren und das andere zu Unehren? Weh dem, der mit seinem Schöpfer hadert, eine Scherbe wie andere irdene Scherben. Spricht der Ton auch zu seinem Töpfer: Was machst du? Du beweisest deine Hände nicht an deinem Werk. Weh dem, der zum Vater sagt: Warum hast du mich gezeugt? und zum Weibe: Warum gebierst du? Ich habe die Erde gemacht und Menschen auf ihr erschaffen, meine Hände haben den Himmel ausgespannt.“

Hier stehen wir vor dem Ursprung der abendländischen Flucht ins Berechenbare und Verlässliche. Als das Mittelalter mit der griechischen Wissenschaft und der Zahlenverehrung des Pythagoras bekannt wurde, glaubten die führenden Intellektuellen, den richtigen Fluchtpunkt vor ihrem unberechenbaren und widersprüchlichen Gott gefunden zu haben. Alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war, verwandelten sie in Zahlen und Formeln, um eine sichere Basis für ihr Leben zu gewinnen.

Sie täuschten sich. Naturwissenschaften boten zwar verlässliche Naturerkenntnisse. Doch die Anwendung dieser Erkenntnisse in Maschinen und Waffen, in Ausbeutung der Natur, überließen sie machtgierigen Politikern und wohlstandsversessenen Nationen.

Geisteswissenschaften flohen vor der moralischen Verantwortung ihrer Taten und verließen sich auf angeblich moralfreie Ökonomie und verhaltensgesteuerte Außenlenkung der Menschen. Sie täuschten sich: der Mensch ist keine steuerbare black box, sondern ein autonomes Wesen.

Eine Erlöserreligion hatte ihnen 2000 Jahre lang die Botschaft ins Herz geschrieben: Ihr taugt nichts. Zur Moral seid ihr unfähig. Ergebt euch der Botschaft des Himmels.

Als die europäische Menschheit sich weit genug von dieser Schreckensbotschaft gelöst hatte, floh sie in die Arme der griechischen Wissenschaft, die sie – wider deren ursprünglichen Zweck – zu einem Erlösungsinstrument vergewaltigen wollte.

Wenn es nirgendwo Sicherheit gab vor dem rächenden und unberechenbaren Gott: im Reich der kühlen, objektiv verlässlichen Wissenschaft hofften sie zur moralfreien Ruhe zu finden. Eine verhängnisvolle Hoffnung.

Wissenschaft vermittelt Erkenntnisse der Natur. Im Schoss eines mütterlichen Kosmos, ja, da kann der Mensch Ruhe finden.

Nicht aber am Busen einer gefallenen Schöpfung, die Gott vernichten wird. Eine defekte Schöpfung, die man bewahren muss, ist keine verlässliche Schöpfung. Was schwach und minderwertig ist, muss auch noch getreten und vernichtet werden. Eine sündige Natur hat bei gottähnlichen Kreaturen keine Chance.

Nur eine Mutter Natur, die aller unberechenbarer Götter spottet, kann dem Menschen eine vertraute Heimat sein.

 

Fortsetzung folgt.