Von vorne LX

Tagesmail - Montag, den 09. September 2019

Von vorne LX,

Hongkonger Studenten haben es schwer, sich auf führende Politiker des Westens zu berufen, die ihren bewundernswerten Kampf um Freiheit unterstützen könnten. Ohnehin kämen nur zwei in Frage.

Der eine ruiniert die Demokratie durch polterndes Schreddern, die andere durch demütige Leisetreterei. Der eine – wenn er nicht gerade lügt – redet Stuss, die andere schweigt selbst dann, wenn sie vertraute Worte absondert.

Lange vorbei jene Zeiten, als der Westen die übrige Welt durch demokratische Vorbildlichkeit zu beeindrucken verstand oder zur Nachahmung anregte. Ohnehin war es mit der Bewunderung vorbei, als die militärisch überlegenen Westmächte das demokratische Modell mit Waffengewalt zu exportieren begannen.

Die Faszination des Westens erlosch mit dem Ende seiner Glaubwürdigkeit, die sich als Übereinstimmung seiner Worte und Taten verstand.

Seit Jahrhunderten bereits hatten zwei Faktoren dafür gesorgt, dass nicht-westliche Beobachter die Unglaubwürdigkeit der imperialen Christenstaaten immer schmerzhafter empfanden. Es war die Botschaft eines unfehlbaren Glaubens, der vor keiner Form gewaltsamer Missionierung zurückschreckte – und die kapitalistische Ökonomie, die ihre Überlegenheit in religiöser Heilsgewissheit der Welt aufdrang.

Die Bedeutung der Religion ist mittlerweilen abgeklungen. Die Wirtschaft übernahm ihren missionierenden Dogmatismus, sodass alternative Wirtschaftsformen nirgendwo aufkommen konnten. Die Vertreter der offenen Gesellschaft, die angeblich viel von der Widerlegbarkeit eines Systems halten, bevorzugen die allein seligmachende Ausbeutung der Natur und die alternativlose Bereicherung der Reichen auf ...

... Kosten ihrer Abhängigen.

Deutsche Medien kritisieren ihre Kanzlerin, weil sie zu ihrer Politik keine Alternative   zulässt. Sie selber verdächtigen alle Systemkritiker als Revoluzzer, wenn nicht als gewaltbereite Faschisten. Hatte das Hitlersystem sich nicht als nationaler Sozialismus verstanden?

Der Wettlauf zwischen China und Amerika ist die Rivalität zwischen einem vorwärts drängenden totalitären Überwachungsstaat und einer Demokratie, die ihre besten Zeiten hinter sich hat.

Der Westen spürt seinen Niedergang in allen Poren. Anstatt sich zu regenerieren, fällt er über sich selbst her, um sich in alle Teile zu zerlegen.

Trump und Johnson sind fast identische Fälle. Medien berichten über sie, als seien sie skurrile Einzelfälle, die nur versehentlich an die Macht gelangt wären. Bestimmt werden sie morgen decouvriert und müssen unter Spott und Hohn das Feld räumen.

Doch ihr Erfolg ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines Systemzerfalls. Die Beobachter suchen nicht nach Gründen des Zerfalls, denn langfristige Gründe sind ihnen unbekannt. Alles muss sich abspielen im Augenblick der Gegenwart, die keine Vergangenheit kennt.

Altes muss erlöschen und im Dunkel des Nichts verschwinden, Neues sich im Augenblick ex nihilo erfinden. Das Gedächtnis der Menschheit wird zum Archiv unendlich-belangloser Fakten. Was ist, verwandelt sich täglich in das, was war – ohne jederlei Bedeutung für die Menschheit.

Das westliche System zerfällt, weil innere Widersprüche, die in Zeiten äußeren Erfolgs niedergehalten wurden, sich bei beginnender Erfolglosigkeit an die Oberfläche kämpfen und ihre Unverträglichkeit offenlegen. Indem das System transparent wird („sich ehrlich macht“), enthüllt es seine Unverträglichkeiten. Die Enthüllung ist Fortschritt und Rückschritt in einem Akt.

Fortschritt, weil sich der Kern des Systems nicht länger verbirgt und sich jedem zeigt, der wahrnehmen und nach Gründen des Zerfalls fragen kann.

Rückschritt, weil die bisherige Stabilität des Systems gefährdet erscheint und das Chaos auszubrechen droht. Gesellschaftliche Krisen überziehen das Land, die Menschen werden zunehmend unruhig, aggressiv und aufsässig: das System selbst wird in Frage gestellt. Soziale Schichten, die sich benachteiligt fühlen, suchen sich einen Anführer, der es „der Welt da draußen“ heimzahlen soll, weil es immer die Anderen und Fremden sind, die das Elend übers Land bringen.

Paradoxerweise muss der Anführer ein „Starker“ sein, der – in der Perspektive der Schwachen – selbst zu den Schuldigen gehört. Das Rachebedürfnis der Schwachen ignoriert den Aspekt falscher Schichtzugehörigkeit und legt nur noch Wert auf die Fähigkeit dieses Erkorenen, es den Starken heimzuzahlen, auch wenn er mit ihnen unter einer Decke steckt.

Es muss ein Göttersohn sein, der das Elend der Menschen entdeckt, sich mit ihnen verbrüdert und den Versuch unternimmt, seine göttliche Familie im Namen des Volkes zu bestrafen.

„Prometheus gehört dem Göttergeschlecht der Titanen an. Wie alle Wesen ist er der Herrschaft des Göttervaters Zeus unterworfen. Bei einem Tieropfer greift er zu einer List, um Zeus zu täuschen; er überlässt ihm nur die wertlosen Teile des Opfertiers und behält das genießbare Fleisch für die Menschen, da sie seine Schützlinge sind. Zur Strafe dafür verweigert der erzürnte Zeus den Sterblichen den Besitz des Feuers. Darauf entwendet Prometheus den Göttern das Feuer und bringt es den Menschen. Deswegen wird er auf Befehl des Göttervaters gefesselt und in der Einöde des Kaukasusgebirges festgeschmiedet. Dort sucht ihn regelmäßig ein Adler auf und frisst von seiner Leber, die sich danach stets erneuert.“

Jesus, Sohn Gottes, wird von seinem allmächtigen Vater als Mensch unter die Menschen geschickt, um zu erlösen, wer sich seinem Erlösungswerk unterwirft. Im Unterschied zu Prometheus bestraft er nicht seinen Vater, gestattet sich höchstens den Augenblick eines demütigen Zweifels („Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen“), um sofort wieder seinen Gehorsam zu bezeugen: „doch dein Wille geschehe“. Wie Prometheus muss er leiden, ja sogar sterben, doch anders als jener darf er in Glanz und Gloria auferstehen.

Herakles, ein Mensch, muss kommen, um Prometheus zu erlösen, während der christliche Gottessohn vom Vater selbst erlöst wird. Der griechische Mythos verlagert das Geschehen vom Olymp auf die Erde; in der christlichen Religion bleibt die Menschwerdung des Sohnes ein kurzes Intermezzo, das schnell zurückmündet auf die Ebene Gottes.

Herakles wird zum Vorläufer jener griechischen Philosophen, die sich von den Göttern lossagen, um ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, während Christen sich der Trinität Vater, Sohn und Heiliger Geist unterwerfen müssen.

Donald Trump und Boris Johnson sind Göttersöhne, die sich der Leidenden ihres Volkes annehmen, indem sie tun, als zahlten sie es ihrer Milliardärsschicht heim. Ihre Leiden empfinden die Schwachen so stark, dass es ihnen gleichgültig ist, ob die Rache des Gewählten tatsächlich die Richtigen trifft – oder sie selbst unter den Maßnahmen mitzuleiden haben. Der Schein der Rache genügt ihnen.

Tatsächlich schädigen die Göttersöhne niemals die Starken. Im Gegenteil, die Steuern der Reichen werden erniedrigt, die Lage der Schwachen verschlimmert sich früher oder später. Effektive Rache sieht anders aus.

Doch die Schwachen glauben, keine andere Chance zu haben, so hoffnungslos empfinden sie ihre eigene Lage. Für sie ist es die letzte Chance auf irdische Rettung: danach das Endspiel, die Apokalypse. Dann kann nur noch der Herr kommen, um dem Schlamassel ein Ende zu bereiten. Untergang oder Heil: ein Drittes gibt es nicht mehr.

Streng genommen müssten Johnson und Trump Populisten genannt werden: sie versprechen alles und halten nichts. Warum werden sie dennoch nicht so genannt? Weil sie an der Macht sind. Ordinäre Populisten erringen selten die Macht, ihre Versprechungen verhallen im Nichts. Sie selbst werden vom Winde verweht.

Nicht so Trump und Johnson: auch sie versprechen alles, erringen aber die Macht, mit der sie nur der eigenen Schicht nützen. Versagen auch sie, landet das System im Abgrund oder es bringt die Kraft auf, sich zu erneuern und in die frühere Normalität zurückzukehren.

Auch Hitler war Populist, der alles versprach, durch demokratische Wahlen die Macht errang und zum Sohn der Vorsehung aufstieg. Auch hier war es ein Endspiel, das ins 1000-jährige Heil führen sollte, aber in der Katastrophe endete.

Wovon sprachen wir? Von der Entstehung des Faschismus. Durch den Aufstieg Trumps und Johnsons zur Macht entstanden präfaschistische Verhältnisse, die, dank der noch immer vorhandenen demokratischen Fähigkeiten der Amerikaner und Engländer, bislang gezügelt werden konnten. Die Deutschen der Weimarer Republik besaßen diese Fähigkeiten nicht und überließen sich blind und wehrlos den Verschärfungsmechanismen der Apokalyptiker.

Welche Kräfte sind es, die sich in der Krise der Demokratie als inkompatibel herausstellen? Demokratie und Kapitalismus.

Der von allen staatlichen Regeln des Staates befreite Kapitalismus kennt keine Freiheit und keine Gleichheit des Einzelnen. Er kennt nur Freiheit als Zügellosigkeit der Starken und die endlos wachsende Kluft zwischen Reichen und Armen. Er kennt auch keine Herrschaft des Volkes, das befugt wäre, das Wirtschaftsgeschehen dem Leitprinzip der Gerechtigkeit unterzuordnen.

Nicht Adam Smith, sondern Malthus, Darwin und Spencer sind die Urväter einer selektiven Evolution durch gnadenlose Konkurrenz. Ihr gemeinsames Motto: Es ist gerecht, wenn es ungerecht hergeht. Das will die Geschichte, die sich ihrer tüchtigen Sieger erfreut und den Untergang der Verlierer in keinem Moment bedauert.

Die jetzige Krise des Westens ist der Zusammenprall wirtschaftlicher und demokratischer Grundelemente. Sollte es dem Westen gelingen, die Ursache seines Schwächeanfalls zu erkennen, hat er die Chance zur Regeneration. Gelingt es ihm nicht, droht ihm ein doppelter Untergang durch Klimaerhitzung und bürgerkriegsähnliche Revolten im Namen wirtschaftlicher Gerechtigkeit.

Gelingt dem Westen eine Runderneuerung der Demokratie, hat er die Chance, die Geschicke des Planeten mitzubestimmen. Gelingt es ihm nicht, werden totalitäre Staaten wie China die Erde in einen überwachten Planeten verwandeln. Vermutlich mit einem ökologischen Faschismus, weil sie ihr marxistisches Heilsversprechen – das Reich der Freiheit – einlösen müssen.

Momentan gibt es keinerlei Ansätze westlicher Selbsterkenntnis. Der kleinste Versuch der Selbstkritik wird mit mürrischer Brutalität vom Tisch gefegt. Die fette Taube in der Hand ist ihnen lieber als der dürre Spatz in einer fernen Zukunftsgesellschaft.  

Erkennt jemand die präfaschistischen Elemente der momentanen Krise, sieht er keinen Zusammenhang mit der Vergangenheit, die unter Wiederholungszwang steht, solange sie nicht durchschaut und ihrer Wiederholungskraft beraubt wird.

Es gibt zwei Theorien der Wiederkehr des Gleichen. Nietzsche verwandelt die zyklische Zeit der Griechen in eine ewige Wiederkehr des Gleichen. Vermutlich wollte er der linear-christlichen Heilsgeschichte den Optimismus des zyklischen Kosmos der Griechen gegenüberstellen. Alles ist determiniert, der Mensch hat keine Macht über sein Geschick.

Anders bei Freud, der sich nur mit der Psyche des Einzelnen beschäftigte.

„Die Wiederkehr des Verdrängten ist ein Vorgang, wodurch die verdrängten Elemente, die durch die Verdrängung niemals zerstört werden, danach trachten, wiederzuerscheinen, und dies in entstellter Weise, in Form eines Kompromisses, erreichen.“

Wenn die Wiederkehr des Verdrängten den Einzelnen betrifft, betrifft sie auch das Ensemble aller Einzelnen: die Gesellschaft. Der Vorgang muss auch politische Ereignisse erklären.

Unter welchen Umständen würde die Menschheit nicht mehr unter dem Zwang der Wiederkehr ihres Verdrängten leben? Wenn sie nichts mehr zu verdrängen hätte. Wann müsste sie nichts mehr verdrängen? Wenn sie mit sich im Einklang lebte und nichts mehr zu verbergen und zu verstecken hätte.

Wann wäre das? In einer Utopie, wo sie bei sich angekommen wäre und keinen Bedarf der Änderung hätte. Das wäre der Zustand des nunc stans, der Erfülltheit zeitloser Gegenwart, ein griechischer Gedanke, der von mittelalterlichen Theologen übernommen und zur erfüllten Zeit Gottes verfälscht wurde.

Jede Gesellschaft, die sich nicht im Zustand der Utopie befindet, muss ihre Defizite verdrängen, unterdrücken und wiederholen, bis sie wieder utopische Verhältnisse erreicht hat. Das meinte auch der junge Freud mit seiner Formel: Wo Es war, soll Ich werden. Doch nicht lange und Freud verlor alle Hoffnung und propagierte den irreparablen Todestrieb des Menschen.

Die Idee einer überlebensnotwendigen Utopie schlüge allem abendländischen Fortschritt ins Gesicht. Denn Fortschritt wäre nichts als eine unaufhörliche Steigerung defizitärer Verdrängungen. Fortschritt wäre – unter der Decke endlos technischer Neuerungen – eine Akkumulation psychischen Elends. Jedes Volk der „Wilden“ wäre den hochkulturierten Nationen des Fortschritts um Welten überlegen.

Warum ändern die Wilden nichts? Weil sie eine Synthese mit der Natur fanden, die die höchstmögliche Utopie für Menschen darstellt. Verglichen mit allen Geschichtskulturen haben sie es am weitesten gebracht in der Suche nach dem nunc stans. Eine Hypothese, die vom Narzissmus der Fortschrittskulturen schlechthin für verrückt erklärt werden würde.

Offene oder geschlossene Gesellschaften würden sich ins Gegenteil verkehren. Die offene Gesellschaft des Fortschritts wäre geschlossen in Bezug auf die Erfüllung des nunc stans, die niemals eintreten darf. Zu sich kommen im Bewusstsein, Besseres auf Erden könne es nicht mehr geben, würde die offene Gesellschaft, offen für die Erfüllung menschlichen Strebens, mit der Natur in Einklang bringen.

Von den Hochkulturen werden die Wilden verachtet – trotz ihrer Fähigkeiten, mit der Natur besser auszukommen als die Fortschrittsanbeter, die ihre Unfähigkeit in die Fähigkeit umdeuten, sich dem Rätsel des Seins immer mehr zu nähern. Das ständige Gefühl des Enttäuschtwerdens müssen sie überdecken mit der nächsten technischen Erleuchtung – die sie wieder leer und kalt zurücklässt.

Also noch mehr Hurra der Zukunft, die Augen leuchten lassen und prophetisch das Glück des Unglücks preisen. Fortschritt wäre nichts als der permanente Zwang, sich nicht zuzugestehen, dass alle Erfindungen und Entdeckungen nicht gebracht haben, was sie hätten bringen sollen: den erfüllten Augenblick.

Die Moderne darf nur zufrieden sein, wenn sie unzufrieden ist. Glück ist ihr Unglück. Ihre Utopie ein Verhängnis, ihr Ziel der Untergang, das rastlose Werden ersetzt das Sein, das Unterwegssein ins Nirgendwo wird zur erstarrten Immobilität.

Sollten diese Sätze richtig sein, müsste die Menschheit umdenken, um ihre Naturkrise zu bewältigen. Sie müsste ihre Erfüllungs- und Glücksvorstellung überprüfen, ihren bisherigen Fortschritt unter die Lupe nehmen, ihre Erfolgskriterien debattieren. Die Technik als religiöses Stimulans müsste radikal in Frage gestellt werden.

Nicht technische Erneuerungen, sondern philosophische Selbstbesinnung wäre die Voraussetzung zur Übereinstimmung mit sich und der Natur. Eine ganze Epoche des Denkens stünde uns bevor. Eine jahrtausendealte Deformation unserer Seele durch fortschrittsverseuchte Prokrastination hätten wir durch Erkundung unserer wahren Bedürfnisse naturverträglich werden zu lassen.

All diese Sätze verstoßen gegen unantastbare Grundsätze der gegenwärtigen Modephilosophie. Schon das Erkunden und Erstreiten eines gemeinsamen Ziels gilt bereits als faschismusverdächtig. Weil jede Meinung, die sich für richtig hält, in der Pose des Diktators aufträte:

„Gegen den Populismus hilft weder Ausgrenzung noch der "zwanglose Zwang des besseren Arguments" (Jürgen Habermas), sondern ein Wertepluralismus, der nach Isaiah Berlin anerkennt, dass Menschen unterschiedliche, miteinander konkurrierende und inkommensurable Ziele verfolgen. Ein liberaler Demokrat sein heißt, nicht recht haben zu wollen." (ZEIT.de)

Streiten und Argumentieren, um den Andersdenkenden zu überzeugen, wäre illiberal, der sokratische Dialog ein platonischer Faschismus, Sokrates ein inverser Zwangstäter, der sich lieber töten lässt, als seinen Anklägern zu sagen: Ihr habt recht, ich hab meine Ruh. Ich werde aufhören, die Zeitgenossen zu belehren. Jeder soll nach seiner Facon selig werden, auch wenn die Seligkeit der Starken darin bestehen sollte, die Masse der Schwachen auszunehmen. Demokratie werde ohnehin überschätzt.

Die Verfasser des ZEIT-Artikels beziehen sich auf Isaiah Berlin, der in seiner intellektuellen Biographie erklärt:

„Der Pluralismus besagt: da bestimmte moralische und politische Fragen möglicherweise nicht endgültig beantwortet werden können, mehr noch, da einige Antworten nicht miteinander vereinbar sind, muss Platz für ein Leben geschaffen werden, in dem sich einige Werte als unvereinbar erweisen dürfen, so dass, um zerstörerische Konflikte zu vermeiden, Kompromisse gefunden werden müssen und ein Minimum an wenn auch nur widerstrebend gewährter Toleranz unentbehrlich wird. Das Verdienst einer freien Gesellschaft besteht darin, dass sie eine Vielfalt einander widerstreitendender Meinungen zulässt, ohne sie unterdrücken zu wollen.“

Das sind fahrlässig undurchdachte Sätze. In einer Demokratie hat man alles zu tolerieren, mit Ausnahme dessen, was die Demokratie selbst in Gefahr bringt. Religionen, Ideologien, Mythen ad libidum – solange sie den Kreis des Privaten nicht überschreiten und die Demokratie zu Fall bringen wollen. Wie etwa Biblizisten, die eine totalitäre Theokratie jeder heidnischen Volksherrschaft vorziehen.

Eine stabile Demokratie lässt jeden nach seiner privaten Facon selig werden. Geht es aber um das Schicksal der Polis, müssen Entscheidungen getroffen werden, die nichts mehr offen lassen. Was jeder für sich denkt, ist seine Sache, was aber die Volksversammlung abstimmt, kann in der Regel nicht mehr in Frage gestellt werden. Schon gar nicht in Notzeiten, wo schnell entschieden werden muss.

Befindet sich die Polis in tiefem ungefährdetem Frieden, darf alles behauptet und dementiert werden – es wären folgenlose Gedankenspiele. Isaiah Berlin hingegen misstraut der gemeinsamen Vernunft der Menschen. Er traut ihr nicht zu, sich gegenseitig mit Argumenten zu überzeugen. Misstrauen gegen die Vernunft ist nicht liberal. Auch der Liberalste trägt Verantwortung für das Überleben und gute Leben einer Polis. Wenn nicht, ist er ein Feind des gemeinsamen Bemühens um das Wohl einer Demokratie.

Nicht recht haben wollen in Grundsatzfragen ist intellektuelle Ignoranz oder mangelnde Wehrhaftigkeit, Demokratie gegen ihre Feinde zu verteidigen. Sollen in einer Parlamentsdebatte die demokratieschädlichen Beiträge einer Partei nonchalant mit der Bemerkung quittiert werden: Ihr habt Recht, wenn ihr die Demokratie demontiert?

Sind solche Torheiten zu fassen?

Was geschieht hier? Die einstige obrigkeitliche Intoleranz der Deutschen ist ins Gegenteil einer urteilslosen Beliebigkeit gekippt.

Früher verachtete man etwa muslimische Andersgläubige, heute spielt man die Übertoleranten, die unfähig sind, Verstöße gegen das Gesetz zu benennen und anzuprangern. Demokratie wird hier zu einer belanglosen Angelegenheit, die keine Verteidigung verdient. Jetzt sind wir wieder am Übergang der Weimarer Republik ins Verhängnis. Hätten die Deutschen damals ihre junge Demokratie energisch verteidigt: wie viel Elend hätten sie der Welt erspart!

Wenn jemand erklärt, nicht Recht haben zu wollen: wozu redet er überhaupt? Will er mit seinem Satz denn nicht selbst Recht haben? Was er sagt, dementiert er mit dem gleichen Satz.

Das ist intellektueller Autismus, der von den dialogischen Fähigkeiten mündiger Menschen nichts wissen will.

Die deutsche Kanzlerin wird gerügt, dass sie in China nicht energisch die Freiheitsrechte der Hongkonger Studenten verteidigt habe. Im selben Moment erscheint in der ZEIT eine Ideologie, die solche Meinungslosigkeit zur demokratischen Norm erheben will. Wenn das keine prästabilierte Harmonie zwischen Volk und Kanzlerin ist!

Aus dem Jahre 1903 gibt es von Paul Klee eine Radierung mit zwei Männern, die sich in gebückter Haltung gegenüberstehen. Das Bild nannte er: „Zwei Männer, einander in höherer Stellung vermutend.“

Können keine Demokraten mit aufrechtem Gang gewesen sein.

 

Fortsetzung folgt.