Von vorne LIX

Tagesmail - Freitag, den 06. September 2019

Von vorne LIX,

Bettler werden Fürstenbrüder,
wo dein sanfter Flügel weilt.

Brüder – überm Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen.

Wem der große Wurf gelungen,
eines Freundes Freund zu seyn;
wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein!
Ja – wer auch nur  e i n e  Seele
s e i n  nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem Bund.

Tränen standen den Berlinern in den Augen, als sie die gewaltige Botschaft von der Brüderlichkeit hörten, Schillers Worte in Beethovens Musik. Das muss Kultur sein. Kultur für wahre Menschen, für alle Menschen, für Deutsche, Europäer, für die ganze Welt. Es waren Deutsche, die das Kunstwerk der Menschheit zustande brachten! Muss man sich seiner Eitelkeit schämen, wenn man stolz ist auf solche nationalen Genies?

Als sie, noch ganz benommen, sich auf den Heimweg machten, waren sie entschlossen, jeden Menschen als Bruder, ja, selbst als Schwester, zu betrachten, niemanden mehr zu verachten, nie mehr auf Herkunft und Hautfarbe zu achten, jeden Bettler am Wegesrand zu grüßen und im Geiste zu umarmen, die Natur zu retten, das Elend zu besiegen. Alles schien möglich, nichts konnte sich ihrem geschwisterlichen Vorhaben in den Weg stellen. Was darf den Menschen hindern, Mensch zu werden?

Krankhafte Visionen? Träumereien? Sie fühlten sich stark, ja unbesiegbar, das Gerede Unwürdiger zu verachten. Was müssen das für Kreaturen sein, die ...

... sich solchen Tönen widersetzen? Die die Worte verhöhnen: wir schaffen das?

Je länger sie darüber nachdachten, je entschlossener fühlten sie sich, niemanden mehr in ihrer Nähe zu dulden, der sich der Idee der Gleichheit und Würde des Menschen verschließen würde. Was müssen das für Wesen sein, die nicht mal fähig sind, eines einzigen Freundes Freund zu sein?

Ihr Leben mussten sie umstellen, wild entschlossen, keinen Fremdenfeind in ihren Reihen zu dulden, keinen Banausen, der blind und taub war für deutsche Kultur, keinen Menschen wählen, der Utopien verlachte. Mit solchen Hasserfüllten wollten sie nichts mehr zu tun haben, komme, was da wolle. Ab jetzt wollten sie eigentlich werden.

Was aber war da mit diesem seltsamen Dirigenten, der Beethoven in rekordverdächtigem Staccato hinter sich bringen wollte? War das kein Ausländer? Kann ein Mensch aus Sibirien deutsche Genies verstehen?

„Glaubt Petrenko an Beethovens Botschaft? Setzt er sich dem Echoraum der Neunten aus? Die Antwort auf die erste Frage lautet: Wir wissen es nicht. Über Brüdersinn und Humanismus und darüber, ob Petrenko an das Botschaftliche in dieser Musik glaubt, verrät das nichts. So wie er einem dieses Sinfoniefinale um die Ohren haut, kann es vieles meinen: historischen Schlachtenlärm (die Belagerung Wiens durch die Türken!) oder zerschmetterte moderne Lebenswelten, blanke Ironie, nackte Verzweiflung oder unser aller Hohngelächter im Angesicht eines Fegefeuers, das wir selbst gelegt haben. Nur braucht es eine emotionale Initialzündung, etwas, das aus einem technisch glänzend gespielten und gesungenen Konzert ein Ereignis macht. Dieses Moment aber bleibt Kirill Petrenko schuldig. Sein Beethoven ist dermaßen überdreht und überhitzt, dass er im selben Atemzug wieder erkaltet, hartschalig wird, in sich erstarrt. War das die Idee? Wollten die Philharmoniker mit ihrem neuen Chefdirigenten der Welt das Monument Beethoven vorführen, damit sie begreift, wie wenig sie damit in Wahrheit anzufangen weiß.“ (ZEIT.de)

Zuerst wird der Fremde verdächtigt. Der Verdacht könnte befremdlich wirken. Also Abschweifen ins Allgemeine und Besondere. Am Ende ründet sich der Kreis: erkaltet, hartschalig, erstarrt.

Halt, das war‘s noch nicht. Der Welt sollte nur zurückgespiegelt werden, wie sie ist, dass sie mit der Wahrheit Schillers und Beethovens nichts anzufangen weiß. Wahrlich, die Welt ist unfähig, deutschen Höhenflügen gerecht zu werden. Der Genius der Klassik, ach, er gilt nichts mehr in den Ländern der Barbaren.

Und dennoch, wie überwältigend klingt der Ruf des Chors in alle Welt: Freude. Freude soll herrschen überall. Freude in der Natur! Ist sie denn dazu fähig, dieses mechanische und gefühllose Ding? Gilt sie seit Newton nicht als tote Uhr? Und diesem kalten Räderwerk will Schiller die Freude implantieren?

Freude heißt die starke Feder
in der ewigen Natur.
Freude, Freude treibt die Räder
in der großen Weltenuhr.

Oh deutsche Dialektik, Versöhnung des Unversöhnlichen. Anstatt Mechanismus und Geist nicht als zwei unverbundene Welten zu betrachten, bleibt der Dualismus: Freude muss zur mechanischen Feder werden, um Natur von außen in Bewegung zu bringen. Das knirscht an allen Ecken und Enden. Bei Marx werden die Räder der Materie den Geist hinter sich her ziehen. Sein bestimmt das Bewusstsein. Zwiespalt, wohin man schaut.

überm Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen.

Welch explosive Verzweiflung, dieses muss. Dann die Erlösung:

Duldet mutig Millionen!
Duldet für die beßre Welt!
Droben überm Sternenzelt
wird ein großer Gott belohnen.

Das muss wurde zum: „es ist so“. Zweifel nicht mehr gestattet. Doch welcher Gott? Der christliche, der pantheistische, der Gott der Vernunft, der unerkennbare Gott?

Zu den Sternen leitet sie,
Wo der  U n b e k a n n t e  tronet.

Hier ist er noch der große Unbekannte. Doch schnell entlarvt er seine uralten Züge, die die Aufklärung glaubte, überwunden zu haben. Hielten die Aufklärer es nicht für entwürdigend, einer Moral zu gehorchen, die von Oben belohnt und bestraft wird? Bei Schiller ist der Lohn wieder da und vereitelt die angstfreie Selbstbestimmung des Menschen:

Droben überm Sternenzelt
wird ein großer Gott belohnen.

Gibt es einen Lohn ohne Strafe? Schon das Ausbleiben des Lohns wäre Strafe. Doch Strafe soll nicht mehr sein:

Allen Sündern soll vergeben,
und die Hölle nicht mehr seyn.

Die Hölle, sie soll nicht mehr sein, doch wie, wenn sie dennoch wäre? Von welchen Sündern spricht der Dichter? Geht es immer noch um die alte Erbsünde, die nicht mehr sein soll, aber hartnäckig ist?

Unser Schuldbuch sei vernichtet!
ausgesöhnt die ganze Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
richtet Gott wie wir gerichtet.

Sei vernichtet, das ist Hoffnung, keine Gewissheit. Richten kann der unbekannte Gott nicht lassen, womit er sich als uralt-bekannter zu erkennen gibt. Immer noch der schwäbische Pietismus, dem Schiller entfliehen wollte und der ihn nicht aus den Klauen lässt.

„Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welchem Maß ihr messt, mit dem wird euch gemessen werden.“

Damit wird das eigene Richten und Messen zum Maß aller Dinge. Was du tust, das wird dir getan. Mit humanem Recht hat das nichts zu tun. Da gilt ein universelles Recht für alle, kein reziprokes: wie du mir, so ich dir. Das zufällige Subjekt ist nicht das Maß aller Dinge.

Einerseits Vergebung:

Groll und Rache sei vergessen,
unserm Todfeind sei verziehn.
Keine Thräne soll ihn pressen,
keine Reue nage ihn.

Andererseits Vernichtungswünsche:

Untergang der Lügenbrut!

Einerseits Verbrüderungswünsche:

Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng getheilt,
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

Andererseits Ausschluss derer, die den Kriterien nicht genügen.

Wem der große Wurf gelungen,
eines Freundes Freund zu seyn;
wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein!
Ja – wer auch nur  e i n e  Seele
s e i n  nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem Bund!

Schiller hasste das Christentum. Doch die Frohe Botschaft, die weder froh noch freudig ist, wird er nicht los. Noch immer muss Gott der Schöpfer über den Sternen sein, der sich mit dem Hienieden nicht vermählen darf. Sich erniedrigen, niederstürzen, um den Unfassbaren zu erahnen, das ist noch immer die Pflicht des Menschen.

Ihr stürzt nieder, Millionen?
Ahndest du den Schöpfer, Welt?
Such’ ihn überm Sternenzelt,
über Sternen muß er wohnen.

Ahndung war das Ende der aufgeklärten Vernunft und der Beginn des Romantischen, Schwebenden und Ungefähren. Für Kant war Ahndung ein Hirngespinst: „Wie kann man empfinden, was noch nicht ist?“

Für den romantischen Philosophen Jacobi ist Vernunft nichts anderes als Ahndung. Gewissheiten gibt es keine, die Vernunft löst sich auf in Ahnen und Vermuten. „Mit seiner Vernunft ist dem Menschen nicht das Vermögen einer Wissenschaft des Wahren, sondern nur das Gefühl und Bewusstsein seiner Unwissenheit derselben: Ahndung des Wahren gegeben.“ (Jacobi)

Ist Schillers Gedicht ein politisches Manifest für die Welt – oder eine Hymne über das Jenseitige, das auf Erden alles belässt, wie es ist?

Gram und Armut soll sich melden
mit den Frohen sich erfreun.

Alle Guten, alle Bösen
folgen ihrer Rosenspur.

Werden Gram und Armut beseitigt – oder sollen sie sich nur mit den Frohen mitfreuen, ohne dass sich an ihrer ungerechten Benachteiligung etwas ändern würde?

Soll die Welt gerechter werden? Bleibt alles beim Alten? Die Guten bleiben die Guten, die Bösen die Bösen? Dann hätte sich nichts an der Verfassung der Welt verändert, in der das Gute durch das Böse vorangetrieben wird. Das Böse darf nicht bekämpft werden, ohne sein ruchloses Treiben wäre die Welt eine tote Statik des Guten.

Heute will jeder bürgerlich sein. Selbst Habeck und Gauland streiten, wer sich bürgerlich nennen darf. Sind Bürger Schiller‘sche Brüder, die – so die gängige Deutung – die gesamte Menschheit umfassen und niemanden ausschließen?

"Bürgerlich denken heißt, in Rangordnungen zu denken, und seinen Rang bestimmt der Mensch durch sein Tun. Der Bürgerliche liebt die Freiheit und lehnt die Gleichheit ab. Ein zutiefst bürgerlicher Satz ist Kants Feststellung, dass die Ungleichheit die „Quelle vieles Bösen, aber auch alles Guten“ sei. Skepsis, Nüchternheit und Utopie-Resistenz sind bürgerliche Eigenschaften." So Gauland in der WELT. (WELT.de)

Gauland bezieht sich auf Kant, um das Böse als Antrieb des Fortschritts zu konservieren. Das ist die genuine Botschaft jener CDU, der er selbst angehörte. Doch Kant war kein Gegner einer vernünftigen Utopie, sonst hätte er seinen Entwurf zum ewigen Frieden nicht schreiben dürfen.

Die Rechten befinden sich nicht am rechten Rand, sondern sitzen in der Mitte der Gesellschaft. Sie sind so frei, ihre Gedanken frech ins Publikum zu plärren.

Da sind sie stolz auf ihre Europahymne mit Verbrüderung der Menschen, haben aber Probleme, mit ihren Rüpeln so objektiv-neutral umzugehen, wie sie es sonst von sich verlangen. Giovanni di Lorenzo will wieder streiten, doch am liebsten mit Leuten, mit denen es gar nichts zu streiten gibt. Warum gehen sie dann nicht mit jenen in den Clinch, von denen sie tatsächlich angegriffen werden?

„Es kann keinen medial neutralen Umgang mit der AfD geben, wie es auch keinen neutralen Umgang mit der NPD gegeben hat. Dann muss eine Hayali auch nicht zwanghaft auf Pseudo-Neutralität machen und ihre Gäste noch abschließend fragen: „Was wünschen Sie sich von der AfD?“ Eventuell, dass sie nicht rechtsextrem ist? Aber dann kann sie sich halt auch auflösen.“ (Frankfurter-Rundschau.de)

Hilfloser geht’s nicht. Hier zeigt sich das Dilemma einer Berufsgruppe, die – wie einst die Urchristen – stolz darauf ist, sich nicht mit dieser Welt einzulassen (denn die Welt war ihnen Kot). Jetzt aber schäumen sie, wenn ihre TV-Kollegen den Bösen vor laufender Kamera nicht den Kopf runtermachen.

Der wirkliche Grund ist: sie sind fachlich und dialogisch nicht in der Lage, mit wirklich Andersdenkenden umzugehen. Aufrechte Demokraten streiten mit allen, die mit sich streiten lassen. Was nicht bedeutet, dass man den Dialog, sofern er misslingt, nicht einseitig beenden kann.

Der Dialog misslingt, wenn eine Seite den Boris Johnson spielt und Streiten nur als sportlichen Joke auffasst, den man in Sophistenklubs einstudieren kann.

Gerade deshalb müssen solche Dialoge vor dem Publikum durchgeführt werden, damit jeder Zuhörer sich seine eigene Meinung bilden kann, wer den Dingen wirklich auf den Grund gehen oder den Anderen nur listenreich tunken wollte.

Ein solches Verfahren setzte voraus, dass man sich auf Regeln des Dialogs verständigen könnte. Gespräche, die gegen das Gesetz der Widerspruchslosigkeit verstoßen, sind rhetorische Windbeuteleien. Gespräche, die nur monologisch onanieren und auf andere nicht eingehen, sind Predigten.

In TV-Talks hört man keine einzige dialogische Sequenz. Niemand fragt niemanden, was er mit seinen Begriffen meint. Niemand macht niemanden auf Widersprüche aufmerksam. Nähert sich das Geplänkel einer Konfrontation, beeilen sich die Moderatoren, auf ein anderes Gleis auszuweichen. Dialoge haben keine Moderatoren. Wer glaubt, einem Streitenden überlegen zu sein, muss beantragen, selbst ins Geschehen einzusteigen.

Eine vitale Demokratie erkennt man an ihrer Streitqualität. Nur kompetentes Streiten als Suchen nach Wahrheit ist fähig, eine Übereinkunft – oder begriffene Ausweglosigkeit (Aporie) – zu erreichen, die zur Lösung der Probleme nötig wäre.

Warum häufen sich im Land die unerledigten Probleme zu babylonischen Türmen? Weil niemand weiß, wo der Kern des Problems liegt. Warum versinkt ganz Deutschland in einem lotterhaften Abgrund? Weil denkerische Unfähigkeit Immobilität nach sich zieht.

Wie kann man den Kern eines Konflikts freilegen, wenn Wahrheit verhöhnt wird? Wie kann man durch methodisches Streiten erkunden, wer Recht hat, wenn alle in allen Disziplinen Sieger sein wollen – nur nicht im lebensnotwendigen Offenlegen des Irrens?

In allen Bereichen wirtschaftlicher und technischer Macht wollen sie die Besten sein und die anderen beschämen – nur nicht im Streit um die beste Methode, Probleme der Gesellschaft zu lösen.

In BILD attackiert der dänische „Klimaskeptiker“ Lomborg Greta Thunberg, sie würde das Gegenteil von dem erreichen, was sie will, sie würde die Menschheit ins Unglück stürzen:

„Gretas Radikalität wird mehr Menschen in Gefahr bringen, als sie retten kann. Ich beschuldige Greta nicht. Ich gebe den Erwachsenen die Schuld, die sie ängstigen, falsch informieren und sie dazu benutzen, eine Agenda durchzusetzen, die Billionen kostet, aber fast keine Vorteile bringt.“ (BILD.de)

Lomborg bestreitet nicht länger die Tatsachen der Erderhitzung. Noch vor kurzer Zeit war es üblich, dass man der FfF unwissenschaftliche Behauptungen vorwerfen konnte, ohne sich mit den Meinungen der Experten auseinanderzusetzen. Doch die Jugendlichen beziehen sich nicht auf Privaterleuchtungen, sondern verweisen auf den wissenschaftlichen Konsens. Auch der muss nicht unfehlbar sein, doch wer ihm widersprechen will, muss sich mit ihm auseinandersetzen.

Der Däne behauptet, die Jugendlichen müssten zuerst den Notleidenden helfen, bevor sie das große Geld in Klimamaßnahmen verplempern:

„Wenn wir Menschen in den armen Ländern helfen, ihre Wellblechhütten zu verlassen, haben wir mehr für sie getan, als wenn wir den Klimawandel bekämpfen. Reiche Staaten, die armen Staaten vorschreiben, fossile Energie nicht zu nutzen zugunsten der Umwelt, handeln unmoralisch!“

Welch katastrophaler Widersinn. Wie kann man Menschen helfen, die in ihrer Heimat nicht mehr leben können? Überleben ist die conditio sine qua non aller anderen Hilfsmaßnahmen. Erst überleben, dann gut leben.

Es ist genug Geld in der Welt, um den Armen zu helfen und den ökologischen Umbau der Gesellschaft voranzutreiben. Ohne radikale Verteilung des bestehenden Reichtums wird das unmöglich sein. Frieden mit der Natur ohne Frieden der Menschheit mit sich selbst ist eine Fata morgana.

Warum versteckt BILD sich hinter einem hohlen Provokateur, ohne ihn dialogisch zu überprüfen oder ihn zu einem Gespräch mit Jugendlichen zu verpflichten? Das ist Journalismus auf trumpistischem Fake-Niveau.

Eine rationale Lösung der Naturprobleme hängt nicht vom Wohlstand ab. Die Deutschen leben, verglichen mit armen Staaten, im Luxus. Dennoch denken sie nicht daran, das Optimale zu tun, um ihren Naturpflichten nachzukommen.

Das frühere Jammern haben sie in hohem Maße reduziert und geben sich satt und zufrieden: „Die Bundesbürger blicken laut einer Umfrage so gelassen in die Zukunft wie zuletzt vor 25 Jahren.“ Am wichtigsten sind ihnen die Probleme mit Flüchtlingen, die Angst vor dem Klimawandel liegt an hinterer Stelle. (ZEIT.de)

Eine Streitkultur hätte die mäeutische Aufgabe, durch dialogische Anamnesen den Panzer der Selbstzufriedenheit zu sprengen und die tief verhüllten wirklichen Gedanken und Gefühle der Menschen freizulegen. Das wäre kein Akt der Beschämung, sondern ein Akt der Anerkennung:

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ (Ingeborg Bachmann)

Es führt in die Irre, auf Schillers Ode an die Freiheit kritiklos stolz zu sein und seine Brüderlichkeit als politische Verbundenheit mit der Welt zu betrachten.

„Schiller ist nicht der große politische Erzieher der Deutschen geworden.“ (Friedrich Heer, Europa, Mutter der Revolutionen)

Nach kurzer Bewunderung der Französischen Revolution ging er, aus Abscheu vor ihren Gräueltaten, auf Abstand und zog sich in die Kunst zurück. In seinen philosophischen Aufsätzen näherte er sich immer mehr einem deutschen Messianismus – der von Fichte ins Groteske gesteigert wurde.

Im Fragment „Deutsche Größe“ schreibt Schiller: „Unsere Sprache wird die Welt beherrschen“.

Und über die Zukunft des Deutschen:

„Und so, wie er in der Mitte von Europens Völker sich befindet, so ist er der Kern der Menschheit, jene sind die Blüthe und das Blatt.“

Friedrich Heer zieht Bilanz:

„Schiller lehnt die jakobinische französische Revolution und ihren Antike-Kult und Antike-Glauben ab: es gibt keine Wiedergeburt der antiken politischen Tugend. Hellas und Rom kehren nicht wieder. Das Christentum hat unwiederbringlich die hohe alte Schönheit vernichtet.“

Ohne zu ahnen, hat Heer unsere Gegenwart beschrieben. Deutschland regrediert ins Heilige und Naturverachtende, überschreitet alle elementaren Grenzen, um das Endliche zu zertrümmern. Ihre Versteinerung wollen die Satten und Erfolgreichen nicht aufbrechen, weshalb sie Denken und Erinnern ablehnen.

Wovon man nicht schweigen darf, darüber muss man reden.

 

Fortsetzung folgt.