Von vorne LVIII

Tagesmail - Mittwoch, den 04. September 2019

Von vorne LVIII,

„Deutschland außer Betrieb. Endlose Baustellen, brüchige Brücken, verspätete Züge, langsames Internet, marode Schulen, vermurkste Energiewende: Vieles läuft in Deutschland nicht mehr so, wie es sollte. Realität und Wunschdenken driften weit auseinander. Beobachtungen zur Lage der Nation.“ (WELT.de)

„Jeder erlebt in seiner Umgebung, dass Dinge nicht funktionieren. Das fängt bei den Schulen an und geht bei der Justiz weiter. Wenn man in der Zeitung alle paar Tage liest, dass Menschen, die Straftaten begehen, sofort wieder freigelassen werden, versteht das niemand mehr. Oder ein Beispiel hier aus Hamburg: Da haben Reeder Schulden gemacht und Menschen um viel Geld gebracht, leben aber weiter unbehelligt in ihren Villen und haben Yachten. Wir erleben ein Versagen des Staates vor allem im lokalen und regionalen Bereich. Es fehlt vielleicht auch der Mut. Wer in der Flüchtlingskrise sagt: ‚Wir schaffen das‘, muss dafür auch die richtigen Maßnahmen ergreifen. Die Leute müssen erleben, dass Probleme gelöst werden. Im Digitalen – also bei Mobilfunk und Internet – stehen wir auf einem der letzten Plätze Europas, sogar hinter Albanien. Das ist Versagen pur.“ (BILD.de)

Stefan Aust, Ulrich Wickert: die Granden der deutschen Medien rechnen ab – mit einem Staat, auf den sie vor kurzem noch stolz waren. Nun distanzieren sie sich in Widerwillen und Verachtung.

Staat, was erlauben Staat, sich hochdekorierten Beobachtern in diesem bejammernswerten Zustand zuzumuten?

Staat, bist du es überhaupt wert, noch wahrgenommen und beachtet zu werden? Ändere dich oder wir werden in Staaten auswandern, die unseren Ansprüchen genügen. Wohin denn?

Nach England, in die mustergültige Demokratie! Oh, äh, lieber nicht. Nach ...

... Amerika, zu unseren vorbildlichen Befreiern! Damned, auch nicht.

Wickert: Ich hab‘s, nach Frankreich. Frankreich? Ja. „Die Franzosen ruhen in sich, weil sie sich zu ihrer Identität bekennen.“

Im Ernst, Herr Wickert? Wann haben Sie die letzten Artikel über Frankreich gelesen? Vor der Erfindung der Familie Le Pen und ihrer rechtsextremen Bewegung? Vor der Erfindung der Gelbwesten? Vor dem Einsturz von Notre Dame? Vor dem Flüchtlingsproblem? Vor, vor, vor? Was werden die Banlieues oder die jungen Klimarebellen von ihrem Loblied halten, als lebte Gott noch immer in Frankreich?

Alte weiße Männer haben es schwer. Sie fühlen sich heimatlos. Sollen sie auswandern auf eine prächtige Südseeinsel – die demnächst geflutet wird? In ein Land, wo die Zitronen blühen – und von einem Tornado verwüstet wird? In ein sicheres Versteck im Urwald – der abgefackelt wird? Sollen sie sich mit ihrer Segelyacht dem Meer anvertrauen – das vollständig vermüllt ist? Sollen sie nach Grönland auswandern – das demnächst von Trump besetzt wird? Bleibt nur noch eins. Sie müssen auf den lieblichen Mars emigrieren – zu spät: längst sind alle Plätze auf der Arche Bezos belegt.

Weg mit diesem Unfug, Wickert will seine Heimat retten. Ja, er riskiert gar, aus dem Journalistenverband ausgeschlossen zu werden. Denn er macht sich gemein mit dem Schicksal seines Landes. Er will retten, was zu retten ist und ruft seinen Landsleuten zu: Identifiziert euch mit eurer Nation.

Um Himmels willen, Wickert wird doch nicht mit Identitären kokettieren, die sich mit ihrer Scholle identifizieren? Aber nein, der frankophile Weltbürger denkt an das Motto der Französischen Revolution. Die Franzosen ruhten in sich, weil sie identisch wären mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Identisch? Hieße das nicht, sie glaubten alle an die Werte der Revolution, ja, sie wären dabei, ihre Heimat in eine Utopie zu verwandeln?

Oh, man kann sich mit einem Ideal identifizieren, wenn man es aufrichtig realisieren will. Meint Wickert tatsächlich, die Franzosen hätten das Gefühl, sich in einem Land der Gleichheit und Brüderlichkeit zu befinden?

Ist Wickert ein Träumer, der die Dinge der Welt zu einfach nimmt? Denn wie antwortet er auf Fragen?

Ganz einfach: Weil es nicht nur der Gemeinschaft, sondern auch einem selbst hilft. Wer sich als Mitglied einer größeren Gemeinschaft empfindet, fühlt sich auch persönlich besser, wenn diese erfolgreich ist.“

Wickert ist kein Einfach-, sondern ein Ganzeinfach-Denker. Wäre er ein stallfremder Populist, bekäme er Dresche. Doch die zusammengehören wissen, was sich ziemt. Ein Meister der Logik ist er nicht, das soll ihm in seiner Heimat nicht zum Nachteil gereichen.

Einerseits: „Jedes Land hat aber eine nationale Identität“.

Andererseits: „Konkret sind das die Werte, die wir aus der französischen Revolution kennen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.“

Wenn jedes Land seine eigenen nationalen Werte besitzt: warum sollten französische auch deutsche Werte sein? Denkt Wickert an universelle Werte? Warum betont er dann so auffällig die eigene Nation? Die Heimat eines Kosmopoliten ist die Welt, die er mit universellen Werten humanisieren will.

Einerseits: „Für ihn ist nationale Identität ‚das lebendige Resultat dessen, was die unbeendbare Vergangenheit in aufeinanderfolgenden Schichten geduldig deponiert hat‘. Er vergleicht das mit den Ablagerungen des Meeres, die mit der Zeit eine Erdkruste bilden.“

Andererseits: soll der Einzelne sich alles aneignen, was in der Geschichte abgelagert wurde? Dann müsste er sich auch mit dem Schlechten identifizieren. Muss ein Demokrat nicht scharf unterscheiden zwischen Bejahenswertem und Inhumanem? Und dies gerade in Deutschland?

Warum soll man sich mit seiner zufälligen Nation identifizieren? Antwort:

„Ganz einfach: Weil es nicht nur der Gemeinschaft, sondern auch einem selbst hilft. Wer sich als Mitglied einer größeren Gemeinschaft empfindet, fühlt sich auch persönlich besser, wenn diese erfolgreich ist.“

Hier bricht alles unter sich. Wegen des Erfolges soll man sich mit Werten identifizieren? Nicht, weil man die Werte für richtig hält, gleichgültig, ob sie siegen oder nicht? Wären die Moralparolen einer siegreichen Nation dann nicht die besten? Wechselt Wickert seine Werte, wenn sein Land den Wettlauf der Nationen verliert? Fühlt er sich nur zu Hause, wenn seine Nation zu den Siegern des globalen Wettbewerbs gehört?

Wäre er kein Anhänger Gandhis gewesen, als noch niemand wissen konnte, ob der gewaltlose Widerstand zum Erfolg führen würde? War Sokrates ein moralischer Versager, weil er seine aufrechte Haltung mit dem Tode bezahlen musste? Waren die Widerständler im Dritten Reich schlecht beraten, als sie ihre abweichenden Werte dem völkischen Motto vorzogen: ein Volk, ein Reich, ein Führer?

Da kommt der nächste Niederschlag: „Die nationale Identität ist wie die individuelle ja nichts, was starr ist. Sie verändert sich ständig, ist in einem Lernprozess.“

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ändern sich ständig? Dann wären Menschenrechte nichts als modisches Larifari. Worauf bezieht sich das Lernen? Auf lebenslanges Realisieren der Werte – oder auf beliebiges Verändern derselben? Haben Demokratie und Menschenrechte schon ausgedient? Sollten sie endlich in die Mottenkiste?

Was ist das für ein leichtsinnig-flottes Veränderungsgeschwätz, das man mit Lernen in Verbindung bringt? Nicht mal der altdeutsche Konflikt zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik wird berührt. Nur keinen quotenschädigenden Tiefsinn in deutschen Volksblättern.

Einerseits: „Das neue Heimatgefühl basiert auf dem Wissen um unsere Geschichte und Kultur. Das muss nichts mit dem Herkunftsort zu tun haben.“

Andererseits: Wenn es um unsere Geschichte und Kultur geht, geht es automatisch um unsere Herkunft. Wickert schwankt beständig zwischen nationalen und universellen Perspektiven.

„Wir sind alle in erster Linie Menschen und als solche gleich. In zweiter Linie sind wir aus Zufall Franzosen, Chinesen oder eben Deutsche. Falsch ist der Glaube, dass man ein besserer Mensch ist, weil man Deutscher ist.“

Eben, warum also sollte man sich als Deutscher fühlen?

„Ich glaube, dass man Deutsch können muss, um sich als Deutscher oder als Deutsche zu fühlen.“

Würde Wickert das auch von hier lebenden Engländern und Amerikaner fordern, dass sie sich wie Deutsche fühlen sollten – oder denkt er nur an Fremde aus „minderwertigen Ländern“?

Da kann die nächste Zweideutigkeit nicht auf sich warten lassen:

„Wenn man die Geschichte der Nationalhymne kennt, ist das doch überhaupt kein Problem. Auch die erste Strophe nicht. ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ heißt eben nicht, dass man alles beherrschen will. Sondern, dass man Deutschland über alles liebt.“

Warum sollte man ein Land über alles lieben? Wer etwas über alles liebt, hat Schwierigkeiten, anderes zu lieben. Wäre es nicht sinnvoller, die Menschheit zu lieben? Zumal heute, wo die ganze Menschheit zusammenarbeiten muss, um mit heiler Haut davonzukommen?

Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält
,
Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt –
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt!

Das Lied wurde 1841 gedichtet, eine Mischung aus französischer Brüderlichkeit und wieder auferstandener Größenphantasie eines zerrissenen, zurückgebliebenen Volkes. Bismarck hatte sein Werk noch gar nicht begonnen.

Nein, es ging nicht um „alles beherrschen“, sondern um Rückkehr zu einem starken Volk der Mitte, das kein Spielball ausländischer Großmächte mehr sein sollte. Romantische Vorstellungen von der Wiederkehr mittelalterlicher Pracht und Herrlichkeit waren nicht weit entfernt.

Warum soll nicht das Volk entscheiden, welche Hymne es singen will? Deutsche Eliten, die gegen „Besserwisser“ Gift und Galle spucken – vermutlich, weil sie ihren Argumenten nichts entgegenzusetzen haben –, wollen alles noch besser wissen als Besserwisser. Dann wundern sie sich über mangelnde demokratische Streitfähigkeiten.

Wo liegen die Ursachen der deutschen Degeneration? Wer sind die Schuldigen?

„Wir erleben ein Versagen des Staates vor allem im lokalen und regionalen Bereich. Es fehlt vielleicht auch der Mut. Wer in der Flüchtlingskrise sagt: ‚Wir schaffen das‘, muss dafür auch die richtigen Maßnahmen ergreifen. Die Leute müssen erleben, dass Probleme gelöst werden.“

Kein Name fällt. Alles bleibt im Vagen und Ungefähren. Merkel ist gemeint, doch staatstragende Beobachter wissen sich zu zügeln. Das ist keine Analyse, das ist Sand in die Augen streuen, Stabilisieren des „Staates“ im Modus einer Scheinkritik. Das ist „Vierte Gewalt“ als Opium für die Leserschaft. Wer den „Staat“ angreift, greift niemanden an. Kritik hat sich aus dem Staube gemacht.

Politische Probleme einer Volksherrschaft werden nicht irgendwie von Oben gelöst. Jeder sollte sein Scherflein dazu beitragen, dass etwas in die Gänge kommt.

Kritik an der Kanzlerin gibt es nicht mehr. Sie kann tun und machen, was sie will: ihr Volk liebt sie. Wenn Gott definiert wird durch Unsichtbarkeit und Abwesenheit, ist die Kanzlerin schon ziemlich gottähnlich geworden. Sollte Deutschland untergangsgefährdet sein, haben die Deutschen an ihr eine unsichtbare und unhörbare Mutter gewonnen, eine Sterbebegleiterin demütiger Sanftmut. Für Deutsche eine Traumbesetzung der Machtrolle. Schäfchen, Vögelchen und Bienchen sind bereits verstummt, wenn Merkel ihre Untertanen täglich in den Schlaf singt:

Schlafe, mein Kindchen! es ruhn,
Schäfchen und Vögelchen nun;
Garten und Wiese verstummt;
Auch nicht ein Bienchen mehr summt.

Was krönt den deutschen Reigen? Die Uniform als Garantin des Gemeinschaftsgefühls:

„Da kam eine Lehrerin in eine Klasse mit über zehn Nationalitäten und vielen Problemen. Sie hat dann in Absprache mit den Eltern eine Schuluniform eingeführt, die sie klugerweise ‚Mannschaftskleidung‘ nannte. Plötzlich fühlte sich die Klasse als Team. Andere Klassen fingen an, es nachzumachen, ein neues Gemeinschaftsgefühl entstand.“

Lässt sich das BILD-Interview mit Wickert toppen? Für Stefan Aust kein Problem.

Mit Fleiß hat er die wichtigsten Baustellen der Nation aufgelistet. Diagnose und Therapie? Fehlanzeige. Nur ein versteckter Hinweis auf mangelhafte Moral, der nicht erkennbar sein soll. „Vieles läuft in Deutschland nicht mehr so, wie es sollte.“ Die Kluft zwischen Sein und Sollen ist, oh ja, eine Definition der Moral – wenn hinzugefügt wird, dass die Kluft geschlossen werden soll.

Bereits im nächsten Moment wird die Definition dementiert. Aust sieht die Kluft zwischen Realität und Wunschdenken. Gewiss, eine moralische Idee kann Wunsch genannt werden, aber bestimmt nicht Wunschdenken. Das grenzte an „Wünschdirwas“, an Träumen und infantiles Hoffen auf ein Wunder.

Aust kann die WELT nicht genug zum Blatt der Antimoralisten schmieden. Jetzt aber musste er ein Quentchen Moral so verstecken, dass es im Scheinwerferlicht endloser Skandale fast unterging.

Wickert bemüht sich noch um den Anschein von „Werten“, Aust beruft sich auf seinen großen Vorgänger Rudolf Augstein, dessen Motto „Schreiben, was ist“, er ins Quantitativ-Meinungslose verfälscht.

Vom SPIEGEL zur WELT, von Augstein zu Springer: die heutige Medienlandschaft ist zur Groko der Uniformität geworden. Aust versteht es, kein Gerüchlein zu hinterlassen, gleich, ob er Bestseller schreibt, Fernsehkanäle dirigiert oder der Nation das Armutszeugnis liest. Sagen, ohne etwas gesagt zu haben: die sophistische Rhetorik, schon in athenischen Zeiten die Feindin der Wahrheitssuche, hat die moderne Demokratie im Griff.

Aust will ein generelles Defizit anmelden, doch wie anstellen, ohne moralisch zu wirken?

Kunststück, er kennt keine Moral – und sollte er doch eine haben, rückt er nicht raus mit ihr. Er will doch niemanden beschämen. Weder Regierung noch Volk sollen das Gefühl kriegen, moralische Nieten zu sein. Solches gehört sich heutzutage nicht mehr. Da fehlt alles Zartgefühl, den modernen Menschen in seinem Vollkommenheitsgefühl nicht zu verletzen.

Nachdem der Abendländer durch göttliche Moralpredig jahrtausendelang zur Minna gemacht, danach von Obrigkeiten an der Leine geführt wurde, seit Kurzem erst die Freiheit seines Willens kennen lernte, entschied er kurzerhand, auf Moral zu pfeifen. Als Begriff eines nationalen Pathos darf man sie rühmen, in der alltäglichen Politik sollte man sie verachten.

Wer sich auf moralische Mündigkeit einlässt, kann verantwortlich gemacht werden für das Versagen der Demokratie. Demokratie, eine Politik der Selbstbestimmung, ist eine tiefenmoralische Erfindung.

Heute wird Politik zum „System“, zum kollektiven Mechanismus verschandelt. Das begann, als Naturwissenschaften die Natur zum leblosen, berechenbaren Ding erniedrigten und ungeheure Erfolge damit errangen.

Also musste auch das Menschliche zum berechenbaren Uhrwerk derangiert werden, damit man den Geist wie einen toten Embryo aus Mutter Natur herausschneiden konnte. Seitdem wird alles Gesellschaftliche und Politische gezählt, berechnet, prognostiziert, um es beherrschbar zu machen – wie die ent-geistete, quantifizierte Natur.

Seit Heisenberg dürfte die Natur nicht mehr komplett berechenbar sein, denn ihre kausalen Ketten sind zu Wahrscheinlichkeiten geschrumpft. Macht nichts, die Realität des alltäglichen Dominierens blieb unverändert.

Der Antimoralismus ist eine versteckte Form der politischen Selbstkastration. Man will für nichts mehr zuständig sein. Demokratisches Engagement ist zur Arbeitsteilung geworden. Der Privatier (der „Idiot“) ist zuständig für das Nichtöffentliche, der Politiker für überprivate Strukturen. Der Einzelne soll seinem Beruf nachgehen, seine Familie im Zaum halten – damit das Politische freie Hand hat und von "mündigen" Bürgern nicht gestört werden kann.

Die Obrigkeit soll ihm zuhören, ihn an der Hand nehmen, seine emotionale Bedürftigkeit zur Kenntnis nehmen. Mitreden soll er nicht. In Talkshows werden nur Berufene geladen. Nur in Wahlkampfzeiten darf er hordenweise auftreten und je eine Frage stellen. Wenn‘s hoch kommt, auch eine Zusatzfrage. Gab es mal eine Politikerversammlung, in der Laien die Reden hielten und die Experten zuhören mussten? Gibt es Artikel, in denen keine „Experten“ das Meinungsmonopol haben?

Demokratie ist zum zerrissenen Feld der Übersichtslosen geworden. Dabei wäre es unerlässlich, dass jeder Demokrat den Zusammenhang der Politik im Nationalen wie im Weltpolitischen überblickt, um sich eine Meinung zu bilden.

Wird alles spezialisiert, kann die Politik nicht zum „holistischen“ Imperativ werden. Holistisch ist ganzheitlich. Das Ganze ist für strenge Wissenschaftler eine Zumutung. Denn das Blickfeld des echten Wissenschaftlers schrumpft von Tag zu Tag.

Wie ging der alte Witz? Experten oder Fachidioten sind Menschen, die von immer weniger immer mehr verstehen, bis sie von Nichts alles verstehen.

Der Plebs schaut ohnehin in die Röhre. Mit seiner Unbildung, Halbbildung und Totalignoranz rechnen Politik und Medien. Niemand prüft, ob ihre dubiosen Begriffe an der Basis ankommen. Im Gegenteil. Die Schulbildung wird dem Religionsunterricht nachempfunden. Bestimmte Floskeln soll man nachplappern, ohne zu wissen, was Gott, Sakrament, Vaterunser, Dreieinigkeit, Wiedergeburt, Himmel und Hölle bedeuten.

Auch den Sinn der Gebote soll man nicht verstehen, schon gar nicht, dass es auf sie gar nicht ankommt. Wer weiß schon, dass „gerecht gesprochen ohne Werke des Gesetzes“ das Gegenteil der „jüdischen Werkgerechtigkeit“ bedeutet? Wer weiß, dass die zunehmende Überwachung durch staatliche Augen der Allpräsenz und Allwissenheit des Schöpfers nachempfunden ist? Gehen wir oder gehen wir nicht apokalyptischen Zeiten entgegen? Wenn ja, wäre jedes ökologische Bemühen ein blasphemischer Akt.

Deutschland will gar nicht wissen, wie die Kanzlerin ihre einsamen Entscheidungen fällt. Das ist wie mit dem Mütterchen, das man belächelt, wenn es sich auf Gott beruft. Insgeheim aber ist man beruhigt, dass wenigstens ein Mitglied der Familie den Draht nach Oben nicht gekappt hat. Wir leben in gottlosen Zeiten allgemeiner Gotttrunkenheit.

Als Merkel nach einem arbeitsreichen Tag müde nach Hause kam, fällte sie die Entscheidung, die an den Grenzen angestauten Flüchtlingsmassen ins Land zu lassen. Die Entscheidung fiel nach einem Zwiegespräch mit ihrem Gott. Das ahnten ihre Untertanen, weshalb sie die Entscheidung für richtig hielten. Auf den ersten Blick. Doch auf den zweiten kam schon wieder der Versucher über sie, der sie immer mehr in Zweifel stürzte.

Im Mittelalter wären solche Glaubensakte im ganzen Land als Zeichen himmlischen Wohlwollens verkündet worden. Heute bleiben die Vorgänge verborgen im Unbewussten des Volkes, das ohne Segen von Oben weder denken noch handeln darf.

Der Amoralismus der Führungsschichten ist zwiegespalten. Einerseits geht er hausieren mit der Frage: na, wo bleibt Er denn, der Gott, wenn wir auf die Pauke hauen und das Ganze ohne Folgen bleibt? Andererseits beruft er sich auf Gott selbst, nämlich auf dessen Antinomie: hat Er sich moralisch nicht selbst widersprochen? Auf der einen Seite wollte ER Liebe und Sanftmut, auf der anderen warf er die Gottlosen in den ewigen Pfuhl. Soll das eine humane Moral sein?

Die Naturwissenschaften räumten mit der Moral auf, denn in der Natur entdeckten sie keine, sondern nur kausale Gesetze, die sie zu Herrschaftszwecken nutzen konnten. Die Geisteswissenschaften plagiierten sie und faselten vom naturalistischen Fehlschluss. In der Natur konnten sie keine Gebote erkennen, also gab es sie nicht. Dass ihr eigener Kopf auch Natur war, mit dem man denken und eine autonome Ethik entwickeln kann: auf diese Idee kamen sie bis heute nicht.

Natur ist das Eine, der Mensch das Andere. Letztlich sind sie nur durch Kommandostrukturen miteinander verbunden. Selbst ihre objektiven Erkenntnisse schreibt der Mensch der Natur vor. Ansonsten lässt er sich von dieser Dame nichts sagen. Seit wann fragt ein cleverer Mann das Weib, was er zu tun und zu lassen habe?

Ist der Mensch überhaupt berechenbar?

Berechen- und vorausschaubar ist er a) als Weiser, dessen Denken und Handeln transparent sind, da sie im Stadium der Reife immer gleich bleiben. Erkenntnisse, in vielen Debatten gestählt und kaum noch zu widerlegen: warum sollten die sich verändern? Sokrates war dafür berüchtigt, immer das Gleiche zu reden und zu tun. Es ist keine Kunst, die Transparenz der Vernunft zu durchschauen.

Berechenbar ist er b) als zwanghafter Neurotiker, dessen Zwänge unter Wiederholungszwang stehen. Wer krankhaft pyromanisch ist, steht immer in der Gefahr, den Feuerteufel zu spielen. Trump, in seiner pathologischen Unberechenbarkeit, ist berechenbar. Nicht im Einzelnen, aber im Ganzen. Analysiert man die Tiefenstruktur seines biblizistischen Exzeptionalismus, erkennt man die Grundkoordinaten seiner Politik.

Am unberechenbarsten ist der „normale Mensch“, der zwischen bemühter Vernunft und Vernunftfeindschaft ständig hin und her schwankt.

Politisches Handeln ist das Reich der Normalen. Geisteswissenschaften, die den normalen Menschen berechnen wollen, müssen mit Schwierigkeiten kämpfen, die wir täglich erleben. Etwa auf dem Gebiet der Wahlprognosen oder der Einschätzung des Wählerwillens. Heute beispielsweise sind die Grünen oben, morgen schon könnten sie entzaubert sein.

Wie also kann man den Menschen berechenbarer machen? Indem man sein Schwanken zwischen Vernunft und Wahn reduziert und durch mediale Stimuli und allgegenwärtiges Beobachten berechen- und beherrschbar macht.

Staatliche Zwangsbildung, die Atomisierung des Einzelnen und Digitalisierung der Gesellschaft sollen den durchsichtigen, „eindimensionalen“ Menschen produzieren.

Der Vernünftige ist durchsichtig, er macht kein Geheimnis aus seinen Grundsätzen. Im Gegenteil, er wird öffentlich für sie kämpfen. Als Vernünftiger wird er durch Außenlenkung nur schwer zu manipulieren sein.

Auch der gesellschaftlich Unangepasste, Neurotische oder Kriminelle ist im Prinzip berechenbar. Im Skinner‘schen Überwachungsstaat der Zukunft wird er in Gefängnissen und psychiatrischen Anstalten für immer verschwinden.

Sollte die Beherrschbarkeit der Gesellschaft die Widerstandskraft des autonomen Menschen überwältigen, ist die Menschheit verloren. Die Rettung der Natur wird ohne moralische Selbstbestimmung des Menschen nicht gelingen.

Aufrechte Demokraten werden transparent und widerstandsfähig bleiben.

 

Fortsetzung folgt.