Von vorne LV

Tagesmail - Mittwoch, den 28. August 2019

Von vorne LV,

„Ist Krieg in Europa wieder denkbar?“ fragt Dirk Kurbjuweit im SPIEGEL.

Der Krieg in der ganzen Welt hat nie aufgehört – gegen die Natur. Besinnungslos wird der Planet abgebrannt, verseucht, vergiftet, verpestet, vermüllt, erstickt, ausgelaugt, ausgeraubt, geschändet, erniedrigt, gedemütigt, geschmäht, entstellt, abgeschlachtet, gebrandmarkt, hässlich gemacht – und für nichtig erklärt.

Retour à l’origine. Sie muss zurückkehren, woher sie gekommen ist: ex nihilo ad nihilum. Aus Nichts kann nur nichts werden. Die perfekte Schöpfung muss sich als göttliches Blendwerk entlarven.

Die Kreatur des Schöpfers hat den Auftrag, das Blendwerk zu entsorgen und ungeschehen zu machen, sodass der Bankrott des Kreators als gewolltes, mit Absicht inszeniertes Werk präsentiert werden kann.

Die Entsorgung des jämmerlich gescheiterten Allmächtigen Mannes durch die Kreatur wird umdeklariert zur Heilstat, zur Erlösung des Sünders durch Den, den der Sünder rehabilitieren muss.

Der Sünder wird berufen, als Wachsfigur einer Heilsgeschichte zu fungieren. Seine Berufung wird zu seinem Beruf, sein Beruf ist seine Arbeit, mit der er die Natur zerlegen soll. Der Sünder soll vollbringen, was dem halbherzigen Schöpfer nicht gelang, als er in Wut seinen ganzen Pfusch auslöschen wollte.

Erneut gelang es ihm nicht, zu vollenden, was er sich vorgenommen hatte. Er strich das Vernichten und begnügte sich mit Degradieren seines Werkes, das mehr schlecht als recht funktionieren sollte, um eines fernen Tages gelöscht und ...

... von einem Neuen abgelöst zu werden.

Die Kreatur wurde zum Versager, der von einem Gottessohn erlöst werden muss, damit der Mensch nicht übermütig wird und in einem hellen Moment entdeckt, dass er selbst es ist, der Gott erlöst, nicht Gott, der ihn erlöst.

Alles, was über den Erlöser gesagt wird, muss von dem gesagt werden, der erlöst werden soll. Es ist der Mensch, der alle Schuld auf seine Schultern nimmt:

„Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten.“

Der Mensch wurde zum Schuldigen an allem. Eva, die Menschin war es, die die Ursünde beging, weshalb der Garten Eden zur Natur deklassiert wurde. Die Menschheit erwartet von ihren Genies, dass sie erlöst wird – durch die Werke des Fortschritts. Alles erwarten sie voneinander und töten sich, wenn ihre Erlösungserwartungen enttäuscht werden.

Sie mussten schuldig werden, damit sie die Schöpfung vernichten, um sich selbst und alle Spuren ihrer Schuld zu vertilgen. Der Mensch wurde dem Menschen ein Wolf, weil er ihm kein Erlöser werden konnte.

Weil ihr mich nicht von der Schuld erlöst, werde ich euch vernichten: das ist die Botschaft des Menschen an die Welt. Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Wir drangsalieren und quälen euch, bis ihr uns ins Paradies zurückführt.

Sie erschufen und machten sich nicht selbst, die Welt haben sie nicht erfunden. Dennoch sind sie an allem schuld. Alles müssen sie selber tun, doch alles wird vergeblich sein.

Wenn sie am Schluss nicht ihren Bankrott erklären, sich von Ihm nicht erretten lassen – dann ist Matthäi am letzten. Nicht Vater und Mutter sind schuld am Elend der Kinder, die Kinder sind schuld am Elend der Erwachsenen.

Das Geschöpf, nicht der Schöpfer, das Gemachte, nicht der Macher, das Produkt, nicht der Produzent, die Kreation, nicht der Kreator, sind an allem schuld. Hätten sie sich doch nicht in Sünde gezeugt, sich selbst in die Welt geworfen, sich zu Versagern und Sündern gestempelt.

„Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer. Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott fragt. Alle sind sie abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer. Ihr Rachen ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen betrügen sie, Otterngift ist unter ihren Lippen; ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit. Ihre Füße eilen, Blut zu vergießen; auf ihren Wegen ist lauter Zerstörung und Elend, und den Weg des Friedens kennen sie nicht.“

Alles, was Menschen gelingt, ist das Verdienst ihres Gottes, alles, was sie verderben und vernichten, ist ihre eigene Schuld.

Jetzt zerstören sie die „Schöpfung“, denn untertan machen ist Zerstören der stolzen, schönen und selbstbewussten Natur. Natur erträgt es nicht, untertänig zu sein. Ihr Gesetz ist Einklang mit allem, was da kreucht und fleucht. Kampf gibt es. Ohne Kampf geht es nicht, denn Natur ernährt sich durch sich selbst. Vernichten und Eliminieren aber gibt es nicht. Kämpfen ist kein Ausrotten.

Da der Mensch sich zum „Geschöpf“ degradieren lassen muss, darf er keine Ängste haben. Zwar soll er alles im Auftrag des „Schöpfers“ ruinieren, gleichwohl soll er Ihm in allen Dingen vertrauen. Am Ende, wenn die Spreu vom Weizen gesondert wird, werden die Seinen gerettet werden. Den Rest in den ewig brennenden Abfall.

Ruiniert die Natur, aber vertrauet Ihm:

„Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen. Sela. Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben; Gott hilft ihr früh am Morgen. Die Völker müssen verzagen und die Königreiche fallen, das Erdreich muss vergehen, wenn er sich hören lässt. Der HERR Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz.“

Sie müssen Dem vertrauen, der alles Malheur erfand. Gelegentlich gibt Er zu, stolz zu sein auf sein Zerstörungswerk: „Kommt her und schauet die Werke des HERRN, der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet“. Nicht Menschen, nur ER kann Frieden stiften. Was also kann eine christliche Politik sein? Gott agiert, der Mensch tut, als gehorchte er Ihm?

„Der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt. Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Ich will mich erheben unter den Völkern, ich will mich erheben auf Erden.“

Für Luther ist der Beruf des Menschen seine Berufung (Lutherische Berufsethik). Der Beruf ist seine Arbeit. Nur durch Arbeit lassen sich die Folgen des Sündenfalls eindämmen. Bei Calvin noch dramatischer. Berufsarbeit wird hier zur Glaubensgewissheit:

„An Stelle der demütigen Sünder bei Luther werden bei Calvin jene selbstgewissen Heiligen gezüchtet, die wir in den stahlharten puritanischen Kaufleuten jenes heroischen Zeitalters des Kapitalismus wiederfinden. Um jene Selbstgewissheit zu erlangen, wurde, als hervorragendstes Mittel, rastlose Berufsarbeit eingeschärft. Sie allein verscheuche den religiösen Zweifel und gebe die Sicherheit des Gnadenstands. Die Nächstenliebe äußert sich – da sie ja nur Dienst am Ruhme Gottes, nicht der Kreatur sein darf – in erster Linie in der Erfüllung der Berufsaufgaben. Vor jedem Vertrauen auf Menschenliebe und Menschenfreundschaft wird gewarnt. Stattdessen tiefes Misstrauen auch gegen den nächsten Freund gepredigt. Die Folge war das Gefühl einer unerhörten inneren Vereinsamung des Individuums. Was die ewige Seligkeit betraf, war der Mensch darauf verwiesen, seine Straße einsam zu ziehen, einem von Ewigkeit her feststehenden Schicksal entgegen. Niemand konnte ihm helfen.“ (Max Weber, Die Protestantische Ethik)

Der amerikanische Puritanismus war das absolute Gegenteil zum demokratischen zoon politicon. Amerikas Schwankungen könnten nicht extremer sein zwischen leuchtendem demokratischem Vorbild und abschreckendem Heilsautismus. Nach der beispiellosen Nachkriegsphase erleben wir unter Trump einen nicht zu übertreffenden, christlichen Nationalegoismus.

„In einer Woche, die schon genug bizarre Momente bereithielt, stand der US-Präsident auf dem Rasen vor dem Weißen Haus und sagte: "Ich bin der Auserwählte."“ (SPIEGEL.de)

Das war kein bizarrer Moment, wie René Pfister schreibt, sondern erwartbar für eine Nation mit puritanischem Heilsegoismus. Doch alles Religiöse ist für Deutsche ein Buch mit sieben Siegeln – weshalb Trump den Auserwählten nur spielen darf. Gläubige sind für Deutsche demütige Mütterchen und Kanzlerinnen, deren Rollenspiel perfekt ist.

Dementsprechend die schwankende Beurteilung Macrons in seiner neuen „Rolle als Weltenretter“:

„Macron gefällt sich in der Rolle des Weltenretters. Er glaubt fest daran, dass Frankreich und damit er selbst in dieser angespannten internationalen Ordnung, die auseinanderzubrechen droht, ein Mittler sein kann.“ (SPIEGEL.de)

Er gibt sich…, er gefällt sich. Das ist Kritik an der Glaubwürdigkeit Macrons, er wird als Schauspieler betrachtet. Gleichzeitig aber „glaubt er fest daran“. Das ist das Gegenteil eines Rollenspiels. Einmal wird das Objekt von außen beschrieben, dann sieht der Beobachter das Herz an. Beides schließt sich aus.

In das Herz schauen kann – außer Gott – kein Mensch. Auch kein deutscher Beobachter dessen, was ist. Wir haben alle nur Eindrücke. Wie aber können wir feststellen, ob unsere Eindrücke subjektiv oder objektiv sind? An der Übereinstimmung des Redens mit dem Handeln. Tut ein Mensch, was er sagt, stimmt er mit sich überein.

Die Authentizität einer Person – die Übereinstimmung seines Redens und Handelns – ist das Kriterium seiner Glaubwürdigkeit. Authentisch sein heißt nicht, perfekt zu sein. Es heißt aber, seine Fehler und Defekte selbstkritisch wahrzunehmen und nicht unter den Teppich zu kehren.

Auch Adam Smith’s Stoizismus war von Puritanismus nicht frei. Weshalb er dem „Wohlwollen“ seines Nächsten nicht vertrauen will, sondern sich auf die eigene Leistung verlässt. Wie aber lauter Egoismen am Ende in einen nationalen Akkord münden: dieses Problem war nicht anders lösbar als durch einen deus ex machina, dessen unsichtbare Hand das Notwendige schon tun wird.

Zur Einsamkeit des Kapitalisten gehört seine absolute Bindungslosigkeit. Jeder soll sich von jedem lösen. Hier wird die Polemik der Helikoptereltern erfunden.

Was mit Emotionen des Vertrauens zusammengehört, verstößt gegen das Gesetz des Kapitalismus. Jeder hat sich von jedem zu lösen. Mann von der Frau, Eltern von den Kindern, Kinder müssen frühzeitig abgestoßen werden in Kitas und Schulen. Klammernde Eltern sind die Pest für alleinregierende Lehrer und Erzieher. Wer sich nicht lösen kann, ist kapitalismusunfähig. Et voila:

„Kinder steigern das allgemeine Wohlbefinden – aber erst wenn sie ausgezogen sind. Eltern investieren viel in ihre Kinder und sind laut verschiedener Studien durchschnittlich weniger zufrieden als kinderlose Paare. Besonders Mütter, die wenig Unterstützung bekommen, seien anfälliger für Depressionen.“ (Berliner-Zeitung.de)

„Denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen gegen seinen Vater und die Tochter gegen ihre Mutter und die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert.“

Christus hasst soziale Kohäsion und Fürsorge der Menschen, er will der Einzige sein, der Menschen Gutes bieten kann.

Das Christentum zerstört nicht nur die Familie, sondern jede Gemeinschaft, in der sich Menschen geborgen fühlen. Besonders Demokratien, die ihre Häupter selbst wählen und abwählen, werden von Erlösern gehasst. Christus will das alleinige Haupt der Gemeinde sein.

Puritaner waren es, die ihre Kinder so früh wie möglich in andere Familien schickten. Grund: man könnte in die Sünde übermäßiger Liebe zum eigenen Fleisch und Blut verfallen.

„Das Kind gehört Amerika, nicht sich selbst oder den Eltern. Besonders arme und verwaiste Kinder sind unter dem Motto der „Loslösung“ als Dienstboten in andere Familien gegeben worden. Nicht selten auf öffentlichen Versteigerungen.“ (Gert Raeithel, Geschichte der amerikanischen Kultur)

Kinder treten an die Stelle der Sklaven. Versteht sich, dass reiche Familien viele Kinder zeugen, um ihre Dynastien mit zahlreichen Wallstreet-Experten auszustatten. Großvater Trump erhielt gerade seinen zehnten Enkel, während er Flüchtlingskinder unbegrenzt kasernieren lässt.

Beruf ist Berufung zur gottgewollten Arbeit. Auch in Deutschland ist harte Arbeit das A und O eines ehrbaren Lebens. Jeder bleibe in seinem Stand, in den Gott ihn berufen hat: das gilt vor allem für Deutschland. Weshalb das Gerede von gleichen Bildungschancen gegen alle Urinstinkte der Deutschen verstößt.

Da mit Bildung raffende Charaktereigenschaften und Gier-Intelligenz gemeint ist, kann es nie gleiche Bildungschancen geben. Denn wer andere Begabungen und Interessen hat, guckt in die Röhre.

Die Analyse von Martin Knobbe ist richtig, die Therapie falsch:

Gleiche Bildungschancen sollten in einer Demokratie ganz normal sein, in Deutschland sind sie es nicht. In den Studien der letzten Jahre liest man, in unterschiedlichen Varianten, immer das gleiche: Kinder aus reichen Familien haben bessere Bildungschancen als Kinder aus einem armen Umfeld. Kinder mit Migrationshintergrund sind in Sachen Bildung schlechter gestellt als jene ohne. Unser Bildungssystem ist angelegt wie eine Sippenhaft.“ (SPIEGEL.de)

Lutherische Standesdemut ist längst in Karrieredenken verwandelt worden. Gerade die einstige Proletenpartei SPD gilt heute als Aufstiegspartei. Weshalb es sich „nicht gehöre“, die Aufgestiegenen zu schmähen oder mit erhöhten Steuern zu belasten. Mit muffigen Benimmregeln werden relevante Gesellschaftsfragen gelöst. Kind, mit ungewaschenen Händen geht man nicht an den Tisch. Exproleten, mit Neidsteuern belästigt man keine ehrbaren Millionäre. Das tut man nicht:

„Es gibt Sätze, die gehören sich nicht. Weil sie ungerecht sind, gemein und vor allem nicht wahr. Das Bild vom faulenzenden Millionär aber ist ein ebenso ungerechtes Zerrbild wie das vom faulenzenden Arbeitslosen. Das weiß die SPD und verbreitet es dennoch mit kindlicher Freude. Jene, die ein gutes, aber keineswegs dekadentes Leben führen, weil sie hart dafür arbeiten, bleiben verblüfft bis fassungslos zurück.“ (Sueddeutsche.de)

Absurder geht’s nicht. Gerechtigkeit für Benachteiligte gibt‘s seit Luxusprolet Schröder nicht mehr. Zum Ausgleich hat Gerechtigkeit für die Stabilität der Millionäre zu sorgen. Begründung: sie arbeiten hart.

Früher verstand man unter Arbeit harte Handarbeit. Heute ist sie zur Bezeichnung für alles geworden: von der Kopfarbeit der Gelehrten bis zum harten Shoppen und zur Fahrt mit der eigenen Luxusyacht. Erwählte mit großen Konten können tun, was sie wollen: aus der Arbeit kommen sie nicht raus. Selbst Trumps Pussygrapschen ist beschwerliche Arbeit, zumal in Metoo-Zeiten. Amüsement gehört schließlich zur Erholung von harter Arbeit.

Vor Schröder galt Deutschland als das Land mit größtmöglicher Gerechtigkeit, Amerika hingegen als Land eines knallharten Neoliberalismus. Heute hat sich alles auf den Kopf gestellt. Ein amerikanischer Philosoph muss die Deutschen an ihre soziale Marktwirtschaft erinnern. Und an die Pflicht, die größten Lasten auf den stärksten Schultern zu verteilen.

„Sozialdemokratisch geprägte Länder in Europa mit einem starken Wohlfahrtsstaat stellen eine mögliche Ausprägung des liberalen Kapitalismus dar. In seiner klarsten Form gab es ihn zwischen 1945 und 1970 in den USA und in Westdeutschland. Was in den USA heute noch davon übrig ist, versuchen Trump und seine Unterstützer gerade abzuwickeln. Die Superreichen genießen in den USA heute wieder ähnlich große Privilegien wie in den Zwanzigerjahren. Wie die Ungerechtigkeiten abgefedert werden, die ökonomische Systeme mit sich bringen, ist eine politische Frage. Es geht darum, ob wir den Kapitalismus weiter illiberal gestalten oder zu einem liberalen Kapitalismus zurückkehren.“ (ZEIT.de)

Hegel und Marx waren sich einig, was Arbeit betraf. Für Hegel bedeutet Arbeit „die Welt vernichten“. Die muss vernichtet werden, damit der Geist über die Natur triumphieren kann.

Marx formuliert umständlicher, meint aber dasselbe. Mit Arbeit erzeugt der Mensch sich selbst, seine Produktivkräfte, seine Gesellschaft, seine Geschichte. „Arbeit ist die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, dass wir in gewissem Sinne sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst erschaffen.“

Bei Hegel erzeugt die Arbeit des Geistes den Menschen, bei Marx wird der Mensch zum Produkt seiner materiellen Arbeit, die an die Stelle des Geistes tritt. Beide Prozesse, die Arbeit des Geistes und die der Materie, kann der Mensch nicht beeinflussen. Er muss abwarten und zusehen, bis die Geschichte sich zu Worte meldet.

Ist der Sinn der Arbeit aber die Vernichtung der Natur, muss jede Arbeit als Mittel der Vernichtung betrachtet werden. Arbeit jeder Art, verstärkt durch Maschinen, kann nicht anders, als sich an der Vernichtung der Natur beteiligen. Wer ökologisch leben will, dürfte sich keiner Arbeit widmen.

Arbeit wird zum Instrument der Natureliminierung. Je effizienter die Arbeitsmaschinen, je weniger müssten die Menschen malochen, um sich zu ernähren.

Mit der Digitalisierung kommt die nächste Effizienzwelle. Anstatt sich zurückzulehnen und die Roboter machen zu lassen, werden sie noch mehr auf ihre Handys starren, um ja das letzte Schnäppchen bei Amazon nicht zu übersehen.

Wenn sich der Mensch durch Arbeit selbst erschaffen muss, wird die Geschichte zum Werden seines Selbst. Das Selbst aber wird erst sichtbar, wenn es komplett erarbeitet wurde. Das aber ist der Endzeit vorbehalten. Bis dahin gilt: wir sind merkwürdige Mängelwesen, der eine ohne Kopf, der andere ohne Gefühle. Was Menschsein ist, bleibt uns fremd, bis das Finale an die Türe pocht.

Bei Schelling war Geschichte die Gottwerdung Gottes. Bei Marx wird sie zur Geschichte der Menschwerdung des Menschen. Doch die Früchte zeigen sich erst am Ende. Solange bleiben wir Zwischenwesen: kopflose Irrläufer und Handlanger höherer Mächte.

Der Krieg gegen die Natur mit Hilfe der Arbeit verschärft sich von Tag zu Tag. Bolsonaro lässt die Lunge der Welt vernichten, Trump will Alaskas Wälder abholzen lassen. Anstatt sich mit Küsschen zu verabschieden, sollten alle Regierungen, die nicht von allen guten Geistern verlassen sind, sich zusammentun, um die beiden Öko-Killer in Den Haag vor ein planetarisches Gericht zu stellen.

Doch bei allen Machteliten gilt das Gesetz der Erlöserreligion: Götter heimsen alle Verdienste ein, die Schuld liegt bei den Menschen. Wer Oben steht, trägt zwar die Verantwortung, was aber nicht bedeutet, dass er schuldig ist, wenn sein Betrieb im Trüben fischt, Menschen betrügt und Natur kontaminiert. Verantwortung tragen heißt, schuldlos davonzukommen:

„Wirtschaftsverbände lehnen die Pläne von Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) für höhere Strafen für kriminelle Unternehmen ab. Es entstehe der Eindruck, Unternehmen würden damit "unter einen generellen Verdacht gestellt", sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Martin Wansleben.“ (Sueddeutsche.de)

Hätte man früher das Sätzchen zitiert: die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen, wäre man wegen Verschwörungstheorien diskriminiert worden. Heute bestätigt sich der Satz, doch Konsequenzen wird es keine geben. Dafür sorgen Verantwortungsethiker mit riesigen und garantiert schuldfreien Verdiensten.

Die Ökobewegung stammt nicht aus Deutschland, sondern aus Amerika. Deutschland hatte nur das Glück, dass die abflauende 68er-Bewegung nicht wusste, wo sie ihre frei flottierende Energie unterbringen sollte. Da kamen die ersten alarmierenden Bücher aus England und Amerika gerade recht.

Kaum waren sie veröffentlicht, fielen die Think-Tanks der Kirchen von Georg Picht bis zu seinem Freund C. F. von Weizsäcker und zahlreichen Schülern über sie her, um die Rettung der Natur in eine Bewahrung der Schöpfung zu verschandeln. Heute gibt es keinen Grünen, der es wagte, Gaia, die lebendige Mutter Natur, in den Mund zu nehmen und den Kirchenbegriff zu verschmähen.

„Carson argumentiert nicht nur rein wissenschaftlich, sondern immer auch »ästhetisch«. Sie schürt die Begeisterung »für die Schönheit der belebten Natur«. Denn dort, so heißt es 1955 im Vorwort des dritten und letzten Bandes ihrer Meerestrilogie Am Saum der Gezeiten, »spüren wir zutiefst ihren inneren Sinn und die Größe ihrer Bedeutung«. Sie weiß: Nur was der Mensch liebt und kennt, ist er auch bereit zu schützen. So geht ihre Darstellung oft über in eine faszinierende poetische Beschwörung: »Der Küstensaum der See ist von besonderer Eigenart und Schönheit. Während der ganzen langen Erdgeschichte kam dieses Gebiet nie zur Ruhe; schwere Sturzseen rollten gegen seine Ufer, die Flut drang über das Festland vor, wich zurück und kehrte erneut wieder.«“ (ZEIT.de)

Sprach Carson von Schönheit als ästhetischem Instrument zur Erkennung der Naturverwüstung? In Deutschland ist Schönheit verschwunden. Man muss nur an das Gute, Wahre und Schöne erinnern, um ein hässliches Gelächter zu kassieren.

Das Hässliche hat sich emanzipiert und das Schöne zum bürgerlichen Muff erklärt. Kein Ökologe käme auf die Idee, zum Beweis der Naturverwüstung an den Verlust des Schönen zu erinnern. Schon gar nicht im Zusammenhang mit dem Wahren und Guten.

Werner Hofmann, ein führender Kunsttheoretiker, bezieht sich auf Kant: „Es gibt keine objektive Geschmacksregel, welche durch Begriffe bestimmte, was schön ist.“

Auch für Hegel war das Naturschöne etwas Minderwertiges: „Man kann sagen, das Ideal sei das in sich vollkommene Schöne und die Natur dagegen das unvollkommene.“

Karl Rosenkranz, Biograph Hegels, schrieb bereits ein Buch über die Ästhetik des Hässlichen, wo er das Phänomen des Naturhässlichen analysierte.

Schon längst hatte sich die Kunst von griechischen Schönheitsvorstellungen abgewandt. Anfänglich wollten die Künstler das Schöne durch den Kontrast des Hässlichen retten. Dann machte sich das Hässliche selbständig und verzichtete bis heute auf alles Maßvolle und Formvollendete.

Eine Hauptquelle der ökologischen Schwäche ist die Unfähigkeit der Menschen, den Verlust des Schönen wahrzunehmen. Natur soll nur aus Nützlichkeitsgründen bewahrt werden. Wer nicht mit Zahlen brillieren kann, sollte besser schweigen.

Zur Symbiose mit der Natur gehört das Empfinden des Menschen, das nicht nur die Nützlichkeit der Natur, sondern die berauschende Schönheit wahrnehmen kann. Nicht in Touristenprogrammen, die die Natur verwüsten müssen, um sie bestaunen zu können.

Das puritanische Credo kennt keine bewundernswerte Natur. Seine Devise lautet: finitum non capax infiniti, Endliches erfasst nicht das Unendliche. Was folgt daraus?

Der Mensch, der unendlich sein will, muss das Endliche sprengen, um das Unendliche zu erblicken. Vergeblich. Anstatt sich der begrenzten Schönheit zu erfreuen, erblickt der Mensch mit Entsetzen die endlosen Hässlichkeiten der toten Natur.

„Das Leben ist ein Wunder, das unser Fassungsvermögen übersteigt. Wenn man, um Leben zu bekämpfen, Zuflucht zu Waffen wie Insektiziden nimmt, ist dies ein Beweis für mangelndes Wissen und für die Unfähigkeit, die Vorgänge in der Natur so zu lenken, dass rohe Gewalt überflüssig wird. Hier gibt es keine Entschuldigung für wissenschaftliche Überheblichkeit.“ (Carson) 

   

Fortsetzung folgt.