Von vorne LIV

Tagesmail - Montag, den 26. August 2019

Von vorne LIV,

eben noch dominierten die Gene. Nun kommt die unbegrenzte Lernfähigkeit. Jeder kann zum Genie werden.

Da der Zeitgeist sich langweilte, schlug er ein neues Kapitel auf. Wie immer, wenn Neues verkündet wird, ist es ein Altes. Macht nichts. Weshalb wird Vergangenes verleugnet? Damit Neues stets neu präsentiert werden kann – aus der „Mottenkiste des Alten.“

Die Medien sind Auguren des Neuen, gewendet und frisch poliert aus den Friedhofshallen des Alten. Was wären sie, wenn sie nicht prophetenhaft, Daumen rauf, Daumen runter, zu Grabe tragen und zum Leben wieder auferwecken dürften? Sie prognostizieren nicht, sie präsentieren, was die schnell dahin fliehende Zeit als Neuestes zu bieten hat.

Die ARD ist entrüstet über die SPD, die es wagt, sich der längst begrabenen Gerechtigkeitsidee zu erinnern und die Reichen an ihre Pflichten zu mahnen: „Nun greifen Sie in die Mottenkiste; Frau Schwesig, um die Reichen zur Kasse zu bitten?“

Doch Frau Schwesig glaubt selbst, einen neuen Gedanken ex nihilo erfunden zu haben. Das Alte-Neue-Spiel gehört zu den Konsolenspielen wagemutiger, alles riskierender, süchtiger, blind nach vorne schauender Futuristen.

„«Viele glauben, sie seien für Naturwissenschaften einfach nicht begabt», sagt Physiknobelpreisträger Wieman. «Doch das ist Quatsch. Mit dem richtigen Unterricht kann jeder in jedem Fach riesige Fortschritte machen.» Niemand werde als Genie geboren, ist Wieman überzeugt – nicht einmal ein Wolfgang Amadeus Mozart. "Aktives Lernen" heißt diese Methode heute: Studenten machen lassen, ...  

... korrigieren, weitermachen lassen, wieder korrigieren, eine Art Autodidaktentum, aber unter Anleitung eines Mentors.“ (SPIEGEL.de)

Hätte der amerikanische Wissenschaftler Recht, könnten die gegenwärtigen Schulen einpacken. Er hat Recht: Schulen, packt ein. Gäbe es Schulen, in denen man fürs Leben lernen könnte, würde die Menschheit sich nicht dem Tode nähern.

Lernen ist ein suchend-selbstbestimmter, unplanbarer, unberechenbarer Akt. Kollektive Normen, von Staatsbeamten festgelegt, um Forderungen der Wirtschaft zu erfüllen, haben mit individuellem Lernen so viel zu tun wie Straßen planieren mit dem Anlegen von Blumenbeeten und Gärten.

Die jetzigen Schulen sind Lernverhinderungsstätten. Sie errichten parallele Bildungswelten, die mit Bildung und Realität nichts zu tun haben. Bildung ist Erfassen der Realität, um zu prüfen, ob sie menschen- und naturgerecht ist.

Die Bildungswelt der Schulen ist ad usum delphini, bearbeitet und geschönt zum Gebrauch von einer Jugend, die die Welt weder kennenlernen soll, wie sie ist, noch, wie sie sein könnte und sein sollte.

Prüfen und Kritisieren der Welt – nicht vor dem Abitur. Danach die allgemeine Lähmung und Massenflucht in alle Länder dieser Welt, besonders in die armen und bemitleidenswerten, die die Vaganten mit ihrer Gegenwart beehren, indem sie auf der Straße betteln.

Wo hat die aufsässige Jugend den bedrohlichen Zustand der Welt kennen gelernt? Nicht in der Schule. Wo hat sie erfahren, wie man sie retten kann? Nicht in der Schule. Wie man sich verbündet, um sich der Gefahr entgegenzustellen? Nicht in der Schule. Wie man politisch agiert, um die Erwachsenenwelt aus ihrer pathologischen Starre aufzuschrecken? Auf keinen Fall in der Schule.

Es sind Schulbeamte und Lehrer, Bildungsexperten und Schreiber, die im Beleidigen und Verächtlichmachen der Jugend sich gegenseitig nicht genug übertreffen können. Was sie unter Bildung verstehen, ist das geschönte Bild ihrer Klassiker, das stahlharte Bild ihrer Naturwissenschaftler, das geglättete Bild ihrer Politiker. Die Katastrophe der Deutschen reduzieren sie zu einem Ereignis im Winkel, das mit ihrer gloriosen Vergangenheit nichts zu tun haben darf.

Alles, was sie sich einbläuen mussten, entsprang weder ihren Lernbedürfnissen noch dem Schlingerkurs ihrer Suchbewegung. Ihr Vorderhirnlappen verstand, dass ein gescheiterter Intellektueller sich an ein junges Blut heranmachen musste, um sich seinen Bankrott zu verhehlen. Doch ihre verstehende und einfühlende Vernunft verstand nichts. Was Faust mit dem deutschen Verhängnis zu hatte – diese Fragen durften sie nicht einmal stellen, um ihre Karrierenoten nicht zu gefährden. Bildung wurde zum Gespinst, das ins Reich genialer Fabeln gehörte, den Kontakt mit der Wirklichkeit aber scheute wie der Teufel das Weihwasser.

Sie entkamen der Schule mit dem Gefühl, ihr gesamtes Leben vorweggenommen zu haben: diese Ejakulatio präcox hielten sie für Bildung. Als sie endlich jenes Gelände betraten, das ihnen als desillusionierte Wirklichkeit prognostiziert worden war, verhinderte ihre Bild-ung alles, um sich ein wirkliches Bild von der Realität zu machen: wie sie ist, sein könnte und sein sollte.

Denn was ist eine Schule? Eine staatliche Institution, um das Kind durch gezielte Frustrationen prophylaktisch an die abschreckende Wirklichkeit der Erwachsenen zu gewöhnen.

„Eltern sollten ihre Kinder liebevoll frustrieren. Wir tun unseren Kindern keinen Gefallen, wenn wir sie vor Leid und schlechten Erfahrungen schützen. Als Kind muss ich durch schwierige Situationen durchkommen, damit ich mich später in der Welt behaupten kann. Wichtig ist, dass ich jemanden an meiner Seite habe, der mir dabei hilft.“ (SPIEGEL.de)

Das ist das Lieblingsspiel der Abendländer: alles, was sie tun und lassen, muss Liebe sein. Und wenn sie die ganze Welt verwüsteten, hätten aber der Liebe nicht, wären sie ein kriminelles Erz und eine satanische Schelle. So aber dürfen sie tun, was der Herr der Finsternis von ihnen fordert, wenn sie nur die Welt lieben, die sie vernichten.

Was der amerikanische Physiker fordert, sind Schulen, in denen die Jugendlichen erleben, was ihre Eltern preisen, aber im Traum nicht für wahr halten: die Individualität jedes Einzelnen. Die Jugend in ihrem dunklen Drang ist sich ihres Weges wohl bewusst. Sie braucht Begleiter, die Gespräche mit ihnen führen, aber keine Führer, die ihnen zeigen, wohin die Reise gehen soll.

Die deutsche Schule will die Heranwachsenden führen, nicht begleiten. Die Jugendlichen werden nicht gefragt und sollen nicht mitreden, was ihren Weg vom Dunklen ins Helle betrifft. Väterchen Staat, den Kant spöttisch beschrieb, weiß alles besser: „Nur ein einziger Herr in der Welt sagt: Räsonniert, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt, aber gehorcht!“ (Was ist Aufklärung?)

Liebevoll frustrieren ist wie vorsätzlich lädieren, weil Lädierte besser gewappnet wären gegen Beschädigungen. Nicht der Gesunde und Selbstbewusste kann Verwundungen besser verkraften, sondern der Geschwächte und Kranke. Das entspricht dem Grundgesetz des Abendlandes: Schwach sein, Leiden und Sterben sind Voraussetzungen, dass Gott den Sünder liebt und erhöht.

„Das Leben, das den Tod erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Der Geist hat die Aufgabe, sich vom Natürlichen zu befreien. Alles Geistige ist besser als jedes Naturerzeugnis. Die Versöhnung des Geistes mit der Natur ist Befreiung von der Natur und ihrer Notwendigkeit.“ (Hegel)

Alles Natürliche, das den heutigen Menschen auszeichnet, muss von christlicher Bildung zerstört werden, damit der Geist von Oben triumphiere. Das ist der Kanon heutiger Staatspädagogik. Die Obrigkeit misstraut den Fähigkeiten ihrer Jugend, weshalb sie das Führen mit der Knute der Noten bevorzugt und das Wachsenlassen den Träumern überlässt.

1927 schrieb der Pädagoge Theodor Litt ein Büchlein mit dem Titel: „Führen oder Wachsenlassen?“

Führen ist ein mechanisches Modell. Der Lehrer/Erzieher ist in diesem Modell mit einem Fahrzeugführer zu vergleichen. Er kennt sowohl das Ziel, welches von der Politik bzw. von anderen herrschenden Mächten der jeweiligen Zeit vorgegeben wird, als auch den Weg zum Ziel. Nach dieser Auffassung ist der Zögling in eine bestimmte Richtung zu lenken, und der Lehrer/Erzieher kann durch planmäßige Anwendung der richtigen Methoden, das erwünschte, vorgegebene Ziel in einem bestimmten Zeitraum erreichen. Hierbei wird der Schüler als Material gesehen, welches beliebig lenk- und formbar ist.“

Die Gegenposition beschreibt den Erziehungsprozess als ein organisches Modell. Der Schüler, so die Annahme, entfaltet sich von innen her, d. h. nach seinen immanenten Gesetzmäßigkeiten, analog zu dem organischen Wachstum in der Natur. Der Lehrer/Erzieher wird mit einem Gärtner verglichen, der das Wachsende zu hüten und zu pflegen hat. Dieser innere Vorgang darf durch äußere Eingriffe nicht gestört werden. Nur wenn der Schüler bei seiner Entwicklung nicht gestört wird, kann er herausfinden, welche Begabungen er von Natur aus besitzt. Der Lehrer/Erzieher hat dann die Aufgabe dem Schüler bei der Entfaltung dieser Begabungen Hilfe zu leisten.“

Litt war mehr als mutig gewesen, als er den deutschen Gehorsam in Frage stellte. Ergo schlüpfte er in den – Kompromiss, den Liebling der Deutschen, die wollen, dass Alles beim Alten bleibt. Kompromiss heißt auf Hochdeutsch Synthese:

„Ein „ehrfürchtig-geduldiges Wachsenlassen“ und „verantwortungsbewusstes Führen“ sind für ihn gleichermaßen für Erziehen notwendig. Die Entfaltung innerer Kräfte dem Schüler genau so wichtig wie seine Auseinandersetzung mit der objektiven Welt der Sachen, Aufgaben, Werte und Normen einer Gesellschaft. Gerade diese Auseinandersetzung hilft dem Schüler, seine eigene Haltung zu der objektiven Seite der Welt herauszubilden und befähigt ihn, eigenverantwortlich und selbständig in der Gesellschaft zu handeln, an der Kultur bewusst teilzunehmen und diese mitzugestalten.“

Inneres Wachsen ist nicht das Gegenteil zur Auseinandersetzung mit der äußeren Wirklichkeit. Kein Mensch lebt im weltfreien Paradies. Der jugendliche Mensch wächst innerlich, weil er sich täglich mit der Außenwelt konfrontiert sieht. Der Pädagoge kann alles, was er für richtig hält, seinen Schülern anbieten. Denn er gehört selbst zur Außenwelt, mit dem jener sich auseinandersetzen muss. Doch er muss ihm überlassen, wie er mit den Interventionen umgehen will. Nach 1945 kann es mit Führen keinen Kompromiss mehr geben.

Nimmt man die Definition des „autoritären Führungsstils“ von Kurt Lewin:

„Der Lehrer/Erzieher gibt die Inhalte, Vorgehensweisen, zeitliche Bestimmungen und die Ziele des Unterrichtsprozesses vor und kontrolliert streng sowohl den Vorgang als auch die Ergebnisse. Die Schüler sind zum Gehorsam verpflichtet und haben kein Mitbestimmungsrecht“

– so muss das Fazit gezogen werden: staatliche Schule ist eine autoritäre Tretmühle ohne jedes Mitbestimmungsrecht. Mag es Vorzeigeschulen als Ausnahmen geben, die den Jungen mehr Freiheit zutrauen – an der Regel änderte sich nichts.

Je mehr die Ökonomie eines Landes vom Laisser-faire bestimmt wird, je weniger sind ihre Schulen vom Laisser-faire beeindruckt. Da wird zensiert, selektiert, bestraft und belohnt, dass es nur so eine Art hat. Alles zum Wohle des Kindes, versteht sich, nie mit Rücksicht auf die weltführende Wirtschaft. Warum steht im Grundgesetz nicht der Artikel: die Würde des Kindes ist unantastbar? Von der Kita bis zum Abitur gibt es keine Würde selbstbestimmten Wachsens.

Früher war Philosophie die Magd der Theologie, heute ist Pädagogik die Sklavin der Ökonomie.

Pädagogische Ignoranten, die im Namen der Ökonomie sprechen, halten sich für kompetent, Schüler nach Belieben ein- und auszuwechseln, zu fördern oder für überflüssig zu erklären.

Das Klima der Gesellschaft ist kinderfeindlich. Demokratische Wehrhaftigkeit ist kein Schulfach. Das wäre ja auch eigenartig: Note 1 im Demonstrieren und politischem Agitieren, hervorragende Leistungen in ökologischer Weltrettung. Beste Voraussetzungen für eine Laufbahn bei Greenpeace oder NABU.

Wie sieht‘s aus im ordinären, nackten Bereich des BIP?

„Die Globalisierung und der technologische Fortschritt bevorzugen prinzipiell Menschen mit hoher Qualifizierung. Die Folge ist ein verstärkter Kampf um den sozialen Status in der Gesellschaft. Menschen mit einer guten Bildung und Ausbildung können diesen Kampf erfolgreich auch über Ländergrenzen hinweg führen. Weniger Qualifizierte erkennen dagegen, dass sie in dieser Auseinandersetzung kaum Chancen haben.“ (ZEIT.de)

Keine Chancen für Menschen, die nicht zu gebrauchen sind. Die gesamte philosophische Gemeinde der Griechen wäre wegen unproduktiver Muße der blanken Not überantwortet worden.

Wider alle politische Erfahrung wird die autoritäre Schule Frankreichs als Institut der Chancengleichheit gefeiert:

„Seit Einführung der Grundschulpflicht durch Bildungsminister Jules Ferry 1881 gilt die französische Schule als Integrationsmaschine. Auch wenn diese Ideale heute nicht mehr alle und auch längst nicht mehr überall eingelöst werden, hat der alte Anspruch überlebt, dass die Schule für Chancengleichheit sorgt. Egal, woher das Kind kommt, das mit sechs Jahren eingeschult wird, fünf Jahre später soll es die Grundschule als kleiner, französischer Bürger verlassen. Nicht umsonst prangt über jeder staatlichen Schule in Frankreich die Devise, die an die republikanischen Werte erinnert: „Liberté, Egalité, Fraternité“. (WELT.de)

Die Schule soll schaffen, was die gesellschaftliche Realität Lügen straft. Woher die regelmäßigen Unruhen in den Banlieues, der Aufstand der Gelbwesten, die Demonstrationen der ökologischen Jugend? Da stockt einem der Atem, wenn man den WELT-Artikel liest.

In Deutschland ist das Maß an Realitätsverleugnung kein Jota geringer:

„Eltern sind keine natürlichen Verbündeten im Bildungsgang ihrer Kinder. Das wusste Kant schon vor 235 Jahren, als er in Was ist Aufklärung? von Vormündern sprach, die verhindern, dass Menschen es wagen, selbst zu denken. Schule in der Demokratie heißt nicht, dass Eltern überall mitreden sollen, wie heute der Fall, sondern dass ihre Kinder zur demokratischen Teilhabe erzogen werden, zur Autonomie. Und deshalb ist – mit Kant – klare Kante gegenüber Elternhäusern gefordert. Alle wollen das Beste für ihre Kinder. Aber permanente Kontrolle und versuchte Vorteilsnahme an der höheren Schule sind nicht der richtige Weg. Und leider auch nicht die Schulauswahl, in die man sich so hineingesteigert hat.“ (ZEIT.de)

Dass Kant sein Aufklärungsmanifest nur gegen Eltern geschrieben haben soll – da muss man erstmal schlucken:

„Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Dass der bei weitem größte Teil der Menschen den Schritt zur Mündigkeit, außerdem dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte; dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, dass diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperrten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen droht, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein, ein Bespiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.“

Treffender könnte nicht beschrieben werden, wie die Jugend, die sich vom Gängelband der Schulen löst, sich von Unmündigen beschimpfen lassen muss. Erneut ist es wie bei Kaiser Willem, als Heinrich Mann den Untertanen beschrieb:

„… dieser widerwärtig interessante Typus des imperialistischen Untertanen, des in der Masse verschwindenden Machtanbeters, des Autoritätsgläubigen wider besseres Wissen und politischen Selbstkasteiers.“ Geprägt von diesem „unerbittlichen, menschenverachtenden, maschinellen Organismus“. Der die „Seele des deutschen Wesens“ gleichsetzt mit der „Verehrung der Macht, der überlieferten und von Gott geweihten Macht, gegen die man nichts machen kann.“

Imperialismus wurde zur ausbeutenden Globalisierung, alles andere blieb unverändert, von der Verehrung der Macht über die Macht einer gottgeweihten Pastorentochter bis zum maschinellen, menschenverachtenden Organismus des Geldscheffelns und Naturzerstörens.

Ob Carl Wieman griechische Philosophie studierte, wissen wir nicht. Was er aber mit Leidenschaft fordert, ist nichts Neues. Es sind uralte Überzeugungen des Sokrates.

Die Schulen, die Wieman fordert, gab es bereits. Es waren athenische Philosophenschulen, die es fertig brachten, den Verlauf des abendländischen Denkens gegen den Einfluss einer omnipotenten Religion mitzubestimmen.

Freie Menschen, wie jung oder alt auch immer, getrieben vom Furor ihrer Fragen, besuchten jahrelang die Schulen der verschiedenen Denker. Aristoteles war 10 Jahre lang Schüler der platonischen Akademie. Epikur hatte seine Schule in einem Garten, die Stoiker wandelten in der Säulenhalle der Agora. Die Schule des Sokrates war der Marktplatz, der allen offenstand, die den bohrenden Fragen des Geburtshelfers nicht auswichen.

Bildung ist keine Anhäufung neudeutscher Quizdämlichkeiten, sondern Denken. Denken als Überprüfen der eigenen Entwicklung, als kritisches Reflektieren über Natur, Politik und Mensch und Tradition. Die war gegründet auf Autorität der Götter, des Staates, der Vorfahren, der Eltern, Dichter und Weisen der Vorzeit.

Ab jetzt galt das Prinzip der eigenen Vernunft, die zum Bewusstsein ihrer Kraft auf dem Gipfel ihres Selbstbewusstseins angekommen war. „Sie erkennt nun, was sie kann und was sie darf und schüttelt die Fesseln der alten Autoritäten ab. Sie schickt sich an, sich in neuer Weise theoretisch und praktisch zu betätigen.“

Alle Denkerschulen sind sich einig in der Schärfung des Verstandes, gegründet in der Überzeugung, dass „richtiges Handeln von der richtigen Erkenntnis abhängt".

Demokratisches Bewusstsein und gesellschaftliche Bildung flossen ineinander, eins war ohne das andere nicht mehr denkbar. Das Lernen wurde so einflussreich, dass auch eine Frauenbewegung ausgelöst wurde, die Vorhut der stoischen Menschenrechte.

Die Milesierin Aspasia etwa, Gattin des Perikles, hatte den Ruf einer scharfzüngigen, gebildeten Frau. Diotima wurde von Sokrates als Vorbild verehrt. Die neuen Wanderlehrer zeigten ihren Schülern, wie man mit geistiger Präsenz das Leben meistern kann, das private wie das politische. Da es kein gutes Leben ohne eine gute Polis gab, wurden Bildung und politische Betätigung identisch.

Kein Zufall, dass Wieman von unten stammt und sich alles in mühsamer Autonomie selbst erarbeiten musste:

„Dass der berühmte Physiker so viel vom aktiv angeleiteten Lernen hält, kommt nicht von ungefähr. Schon als Kind war er ein eigenwilliger Selbermacher – notgedrungen. Wieman wuchs in den Wäldern Oregons auf. Sein Vater arbeitete in einem Sägewerk, einen Fernseher gab es nicht im Haus, so verschlang Carl stapelweise Bücher aus der Leihbibliothek.“

Kein Kind bekäme heute die Chance, seine Entwicklung in Irrungen und Wirrungen, im Rausch des Erkennens frei und ungebunden zu bestimmen.

Die Fron der Fremdbestimmung beginnt heute bereits in der Kita. Beide Eltern sind gezwungen, sich dem Moloch Arbeit auszuliefern, sodass sie ihre Kinder weniger sehen als die Kita-ErzieherInnen:

„Und wenn das Kind einfach mal für sich sein will? Einfach mal allein sein? Das ist leider nicht vorgesehen. Dafür gibt es keinen Bildungsbereich. Bis auf die Pause ist das Kind also im Dauerstress. Komplett durchgetaktet bei einer Lautstärke, die sich Nicht-Erzieherinnen nicht vorstellen können. Die Hektik und die Geräusche, die durch eine Gruppe von 25 Kindern entstehen, ist der Grund, warum viele Kolleginnen in Teilzeit gehen oder den Job verlassen. Die Vorbereitung auf die Schule ist auch mittlerweile die Hauptaufgabe in der Kita. Die Eltern haben das Leben des Kindes oftmals bereits vorgeplant. Die Kinder werden daher auch ständig überwacht. Alles wird dokumentiert, der Alltag der Kinder, Verhaltensweisen und mögliche Auffälligkeiten, immer häufiger auch mit Fotos und Videos. Was kann das Kind? Was kann es noch nicht? Welche Maßnahmen hat man angewendet?“ (Watson.de)

Selbst, wenn beide Eltern nicht malochen müssten, wären sie nicht frei in ihrer Entscheidung. Es ziemt sich heute nicht mehr, sich selbst um seine Kinder zu kümmern. Kinder sind Hypotheken, die man outsourcen und an lukrativer Stelle anlegen muss - damit sie als Schulabgänger reichliche Zinsen bringen. Auch geht es nicht um Scheinfragen wie: sind Familie & Ökonomie vereinbar? Es geht darum, dass Kinder keine Wahl haben, ihr Leben selbst zu bestimmen. Wenn sie in eine Kita wollen, sollen sie eine besuchen dürfen. Wenn aber nicht, dann nicht.

Es geht auch nicht um isoliertes Zurückgezogensein, sondern um selbstbestimmtes Suchen seiner FreundInnen. Es geht nicht um die Erhaltung der christlichen Familie – eine Phantasmagorie der Kirchen –, sondern um das Leben in einer größeren Gemeinschaft, in der Kinder die Vielfalt des Menschseins kennenlernen.

Jedes Kind braucht ein – selbstgewähltes – Dorf. Demokratische Kompetenz kann nur in demokratischen Nestgruppen erarbeitet werden.

Sehr viel anders als das durchgetaktete, von morgens bis abends verwaltete System unserer Demokratie kann das chinesische Überwachungssystem auch nicht sein. Dank Digitalisierung und wachsendem Konkurrenzdruck werden die Systeme in Ost und West sich immer ähnlicher. Je schärfer der Wettbewerb, je verhängnisvoller die Konvergenz.

Als die DDR ihre Kinder in sozialistischen Einrichtungen kasernierte, gab es im Westen vernichtende Kritik. Heute sind Ost und West sich einig im Wegsperren der Kinder, damit sie karrieresüchtigen oder um ihr Überleben kämpfenden Eltern nicht im Wege stehen.

Eine futuristische Gesellschaft braucht weder Frauen noch Kinder. Der geniale Mann befreit sich vom lästigen Familienanhang und geht fremd mit gottähnlichen Maschinen. Künstliche Wesen sind die einzigen Intelligenzler, von denen er sich verstanden und in deren Gesellschaft er sich wohl fühlt.

 

Fortsetzung folgt.