Von vorne LII

Tagesmail - Mittwoch, den 21. August 2019

Von vorne LII,

das Christentum ist die genialste Religion der Menschheitsgeschichte. Sie tritt auf im Gewand einer höchsten Liebesmoral – und lässt alle amoralischen Optionen offen. Nichts Grausames, Gewalttätiges und Böses, das ihr im Namen des Herrn verboten wäre. Bringt sie es doch fertig, im Namen der Liebe die absolute Mehrheit der Gattung ins ewige Feuer zu schicken.

Ama et fac, quod vis. Liebe – und lass es krachen.

Pecca fortiter, sed fide. Hau auf den Putz – wenn du nur glaubst.

In der Achsenzeit entstanden in China, Indien und Griechenland ethische Systeme, die sich politischer Gewalt und Priestern höherer Religionen entgegenstellten. Bis heute wogt der Kampf zwischen humaner Selbstbestimmung und klerikaler Fremdbestimmung, die die Autonomie der Menschen hasst.

Wäre die Menschheit der Vernunft von Konfuzius, Buddha und Sokrates gefolgt, würde sie seit Jahrtausenden in Friede und Glück leben. Noch immer schwankt sie zwischen Vernunft und Gewalt. Noch vor kurzem redete sie mit Friedenszungen, ließ aber nicht ab von einer immer gewaltigeren Bedrohung der Natur und des Menschen. Jetzt pendelt der Kurs wieder in unverblümtes, allen moralischen Schein verschmähendes Demonstrieren von Gewalt.

„Menschenliebe ist das Wesen der Sittlichkeit, Menschenkenntnis das Wesen der Weisheit.“ (Konfuzius)

Nach Buddha – der kein Religionsstifter, sondern Philosoph war – ist Ziel des Lebens „das unerschütterliche Glück“. Nirwana ist „Glückseligkeit“. Buddha lehrt, dass das Nirwana „hier unten sichtbar, manifest, aktuell, von dieser Welt“ ist. (Mircea Eliade) Welche Handlungen führen ins irdische Glück? „Großzügigkeit, sinnvolles Verhalten, Geduld, begeisterte Tat, Meditation, Weisheit.“

„Unrecht erleiden ist besser als Unrecht tun. Ich bin weder Athener, noch Grieche, sondern ein Bürger der Welt. Zur Unterscheidung von Gutem und ...

... Schlechtem bedarf der Verständige keines anderen Menschen. Bemühe dich, auf dich selbst zu achten und vernachlässige nicht den Staat, wenn du etwas zu seiner Besserung beitragen kannst. Denn wenn es mit diesem gut steht, so werden nicht nur die übrigen Bürger, sondern auch deine Freunde und du selbst den meisten Nutzen davon haben.“ (Sokrates)

Seitdem liegt das Naturrecht der Mächtigen & Jenseitspriester im Clinch mit dem der Schwachen & Autonomen. Wie kam es zu dieser Spaltung der Menschheit?

Um es schlicht – für modernen Geschmack unterkomplex – zu sagen: nach dem Ende des Matriarchats erhoben sich die Prachtbauten, Waffenarsenale und Folterplätze männlicher Hochkulturstaaten, die die Mehrheiten ihrer Völker unterdrückten und unterjochten.

Es dauerte endlose Zeiten, bis die Menschheit sich vom Schock der maskulinen Machtergreifung so weit erholt hatte, dass sie sich der Humanität der Mütter erinnerte – und jene Moral auszuarbeiten begann, welche sich der Macht der Starken entgegenstellte.

Die Moral der Achsenzeit war der Versuch, das Grauen der Männerherrschaft durch Erinnern an das verlorene Ethos der Mütter zu überwinden. Der Kampf der Geschlechter geht bis zum heutigen Tage.

Ja doch, nur kein Getümmel: Konfuzius, Buddha und Sokrates waren Männer, womit klar sein sollte, dass der Geschlechterkampf sich nicht auf Biologisches reduzieren lässt.

Wenn es eine gemeinsame Moral der Völker gibt: warum gibt es noch immer eine tiefe Kluft zwischen Abend- und Morgenländern?

Um diese Frage zu beantworten, lohnt es sich, das Buch „Die maßgebenden Menschen“ des Philosophen Karl Jaspers vorzunehmen. Dort beschreibt er nicht drei, sondern vier maßgebende Persönlichkeiten. Zu den oben genannten Dreien gesellt sich ein Vierter – namens Jesus. Den hält er für den Allergrößten, da er alle Heiden übertreffe.

Jaspers Begründung: „Die radikale Forderung der Feindesliebe findet sich nur bei Jesus.“

Und dies, obgleich Jaspers von Buddha sagt, er lehre „die universale Liebe, die keinem Bösen Widerstand leistet, in unendlicher Milde duldet und allem Lebendigen Gutes tut.“ Und von Sokrates: „Mag man auch noch so schwer von jemandem zu leiden haben, man darf ihm weder erlittenes Unrecht vergelten noch Böses zufügen.“

Was also ist der Unterschied zur Bergpredigt: „Ich aber sage euch, dass ihr dem Bösen nicht widerstehen sollt; sondern wer dich auf den rechten Backen schlägt, dem biete auch den andern dar?“

Der in Demut und Niedrigkeit nicht zu überbietende Herr lässt sich narzisstisch von Niemandem übertreffen und will das Ranking der Religionen gewinnen.

„Tun nicht auch die Heiden dasselbe? Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“

Das ist es, was das Christentum sein will, die vollkommene, von niemandem zu übertreffende Religion aller Zeiten. Gewöhnlich kommt hier der Einwand: wenn Christen perfekt sein wollen, sollen sie es gefälligst beweisen.

Tja, Schuss in den Ofen. Die Gläubigen beweisen sehr wohl ihre Vollkommenheit – nur nicht dem ungläubigen Plebs. Sondern nur ihrem himmlischen Vater, der nicht das Äußere, sondern das Herz ansieht. Nur dort, im Verborgenen, ist der Sitz des Fürwahrhaltens und reuiger Bußfertigkeit.

Für Ungläubige gibt es keinen Beweis, nur der Erlöser durchschaut die Charaktermasken und sieht, was wirklich ist. Womit er zum Vorbild moderner Zeitgeistbeobachter wurde. Für Sokrates war die Überprüfbarkeit der Moral auf der Agora das A & O demokratischer Vitalität. Diese reziproke, der Polis verantwortliche kritische Moral wird durch das Christentum im Namen des Himmels unschädlich gemacht.

Der heidnische Mensch ist zu allem unfähig. Nicht nur zur Beurteilung des Glaubens, sondern zur Beurteilung der Taten der Glaubenden. Wenn schon blindes Fürwahrhalten, dann aber richtig und in allen Dingen.

Ist es nicht merkwürdig, dass in der abendländischen Leistungskultur jeder Einzelne vom ersten Atemzug an bis zur schönen Leich‘ komplett bewertet, zensiert, kategorisiert, prämiiert und diskriminiert, getestet, quantifiziert und disqualifiziert wird – bis die freie und gleiche Gesellschaft zum perfekten Kastensystem geworden ist? In wesentlicher Sicht aber muss der Zeitgenosse blind und taub bleiben? Seine Zensurwut betrifft nur irdische Außendinge und Bagatellen. Das aber bedeutet nicht, der Himmel hätte kein Rankingsystem:

Wer unter euch der Erste sein will, der sei der Letzte. Wer der Größte sein will, der sei euer aller Knecht. Wer herrschen will, soll dienen. Wer auferstehen und Pantokrator (Master of Universe) werden will, soll ans Kreuz genagelt werden. Wer siegen will, muss leiden. Wer der ecclesia triumphans angehören will, muss Mitglied der ecclesia patiens sein. Die Kleinsten auf Erden sollen die Größten im Himmelreich sein.

Nietzsche wirft dem Christentum die Umwertung aller Werte vor. Das Preisen der Vornehmheit, der adligen Gesinnung und Überlegenheit der Starken werde auf den Kopf gestellt zugunsten der Auszeichnung von Ehrlosen, Schwachen und Überflüssigen. Moral sei die Waffe der Sklaven und Minderwertigen, mit der sie die moralfreien Kühnen und Kalten aus dem Weg räumen wollten. Nietzsche übersah, dass die Umwertung nicht die Absolutheitsskala des himmlischen Rankings betraf, sondern nur die instrumentellen Indikatoren der Bewertung.

Alles blieb unverändert, wurde aber ins Himmlische ausgedehnt. Nur die Testmethoden veränderten sich. Die Auslese der Besten führte zur grausamsten Selektion aller Zeiten. Viele sind berufen, wenige sind auserwählt. In diesem Herrenmotto hätte sich Nietzsche wiedererkennen können. Sie flüchten vor dem Christentum, um in den Fängen eines potenzierten Christentums zu verenden.

Abendländische Gelehrte, die ihren Abstand zur Religion zu betonen pflegen, stehen Gewehr bei Fuß, wenn die Einmaligkeit dieser Religion bezweifelt wird. Heute will niemand allzu fromm sein, doch wehe, die Religion der Väter wird angegriffen.

Jesu Überlegenheit zeigt sich nach Jaspers auch darin, dass seine Botschaft sich an die ganze Menschheit richte. „Jesus wendet sich an alle.“ Buddha, Sokrates und Konfuzius hingegen würden die Menschheit nach Begabung spalten. Dass Sokrates auf die allgemeine Vernunft setzt, Jesus aber die Majorität der Menschheit im Abgrund versenkt: solche Petitessen übersehen die identitären hohen Abendländer.

Und wenn sie etwas behaupten, was der Schrift widerspricht, wird der lästige Text ignoriert oder kurzerhand umgedeutet. So behauptet Jaspers, die großen Vier seien aufgetreten, „ohne sich selbst zum Vorbild zu machen. Das inkompatible Wort: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ des Johannes-Evangeliums ist sicher kein Jesuswort.“ Natürlich nicht, Sir! Muss irgendwie reingerutscht sein. Wird sofort entfernt.

Und jetzt die Überraschung. Warum nennt Jaspers die Vier die „maßgebenden Menschen“? Weil sie nicht zum Maßstab der Menschen genommen werden dürfen.

„Wir werden uns bewusst, dass wir in der eigenen Wirklichkeit keinem von ihnen folgen. Jene Maßgebenden werden dabei Orientierung, nicht Vorbild zur Nachahmung. Inhaltlich unbestimmt aber können wir allen zugleich in dem Einen folgen: in der Betroffenheit von der Forderung ihres Ernstes.“

Nun wird die Hauptdevise des Existentialismus klar: Existenz geht vor Essenz, das Ist geht dem zufälligen und unverbindlichen Sollen voraus. Der Mensch ist eine tabula rasa, die nachträglich mit willkürlich veränderbaren Inhalten beschriftet werden kann. Er lässt sich nicht substantiell definieren als homo sapiens, Vernunftwesen, humanes Gemeinschaftswesen. Was ist, könnte auch ganz anders sein.

Nicht anders klingt es bei Skinner, beim außengeleiteten Werbe- und Propagandasystem des Kapitalismus, bei totalitären Tyrannen. Nicht der Mensch ist für seine Charakterbildung zuständig, sondern fremde Mächte, Gene, Umgebung, das Framing einer globalen KI.

Dieses substanz- und wahrheitslose, postmodern-beliebige Menschsein war die Philosophie jener Jahre, in denen die Europäer mit der Kraft substantieller Vernunft den Faschismen des Kontinents hätten widerstehen müssen. Widerstehen hielten sie nicht für ihre Pflicht, kategorische Pflicht war ihnen abhanden gekommen.

In einem Punkt ist Jaspers Recht zu geben: Alle Vier hatten „kein Interesse für Naturwissenschaft. Es gibt weite Bereiche, wo sie gar nichts wissen wollen.“

Ja, waren denn die Weisen nicht neugierig? Bildeten sie sich etwa ein, schon alles zu wissen? Konnten sie über die Welt nicht mehr staunen? War die Erklärung: ich weiß, dass ich nichts weiß, ein Beweis, dass man nichts mehr wissen wollte?

Sokrates hatte als Naturphilosoph begonnen. Irgendwann dämmerte ihm, dass die äußere Natur ihn nichts mehr lehren könne. Also wandte er sich seiner inneren Natur zu, um Wesentliches über sich zu erfahren.

Das war keine Abwendung von der Natur überhaupt, sondern von ihren Außenwerken. Sich mit Hilfe der Vernunft der Erforschung seiner selbst zu widmen, war selbst ein Akt der Natur. Vernunft ist die Stimme der Natur im Menschen. Irgendwann genügt das Suchen nach äußeren Erkenntnissen nicht mehr.

Erkennen muss an die Nieren gehen: Was bin ich? Wie soll ich leben? Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um? Was ist gut und böse? Fragen, die die schönste Eiche nicht beantwortet, auch wenn man sie noch so innig umarmt.

Im Substantiellen ist der Mensch auf die Stimme seiner inneren Natur angewiesen. Das ist keine Entfremdung von der Natur, sondern eine anamnestische Annäherung. Alle Erkenntnisse der Quantenphysik und der Mondlandung lehren den Menschen über sich – nichts. Sie lassen ihn leer.

Die Leere muss per Sensation übertönt werden. Die schlechte Unendlichkeit machtgeleiteter Naturerkenntnis ist eine Sackgasse, um Menschen von sich abzulenken. Je mehr sie vom Draußen wissen, je weniger wissen sie über sich.

Äußere Naturerkenntnis lenkt den Menschen nicht nur von sich selbst ab. Durch pervertierte Nachahmung mathematischer Quantifizierung wurden die Geisteswissenschaften gezwungen, alles Geistige, Selbstbestimmte und Freie abzulegen und sich dem Determinismus einer mechanischen Natur zu ergeben.

Skinner, beispielhaft für alle, die den Geist zum Rechenexempel degradieren, erklärt, dass „er alle mit dem menschlichen Bewusstsein verbundenen Phänomene, etwa Geist oder Ideen, als nichtexistent betrachtet. Sie wurden erfunden, um Scheinerklärungen zu liefern.“

Gibt es keinen Geist, kann es auch keine moralische Selbstbestimmung geben.

Die uferlose Entwicklung der abendländischen Naturwissenschaft und einer domestizierenden Quantifizierung der Geisteswissenschaften führte zur Exstirpation des Geistes. Nur auf diesem Boden konnten amoralische Systeme wie Kapitalismus und Marxismus, psychologische Verhaltensdressur, eine Medizin, die den Soma, aber nicht die Psyche kennt, eine Kybernetik, die ihre Erfinder bald in den Schatten stellen wird, den homo sapiens zur Marionette degradieren.

Kein Wunder, dass der Historiker Münkler die Entwicklung der internationalen Krise mit Besorgnis zur Kenntnis nimmt. Was er sieht, ist ein „Haus ohne Hüter“. Doch wer ist der Hüter?

Bölls Roman, dem der Titel entlehnt wurde, schildert das Nachkriegsschicksal von Ehefrauen ohne Männer und Kindern ohne Väter. Dieselbe Wahrnehmung veranlasste Mitscherlich, von einer vaterlosen Gesellschaft zu sprechen. Es drängt sich der Verdacht auf, Münkler habe an einen himmlischen VATER gedacht, der von einer zunehmend glaubenslosen Menschheit in die Wüste geschickt wird.

Offiziell allerdings versteht der Historiker unter Hüter eine Macht, die, wie die USA, ihren militärischen Schutzschirm über ihre Verbündeten hält. China hingegen, obgleich Rivale der USA, habe diese Hütefunktion über seine Abhängigen nicht übernommen. Das sei gefährlich, weil es die globalen Spannungen vervielfältigen würde.

Das ist mittlerer Unsinn. China hat sich in vielfacher Hinsicht als ausgleichendere und vernünftigere Weltmacht erwiesen als die Irrwische im Weißen Haus. Was nicht bedeutet, das totalitäre Überwachungssystem Pekings sei eine Friedensmacht.

Wie sein Kollege Michael Stürmer warnt Münkler vor allem die Deutschen, die nicht erwachsen werden und sich infantil auf den Schutz des großen Bruders verlassen wollten.

„Vermutlich empfinden viele Europäer die Häufung der Konflikte und Kriege auch darum als so bedrohlich, weil sie ihnen nicht als Akteur, sondern als Beobachter, nicht als Gestalter, sondern als Getriebener gegenüberstehen. Das zu ändern, haben sie freilich selbst in der Hand. Auch wenn die neue globale Ordnung noch nicht klar erkennbar ist, lässt sich von ihr doch sagen, dass sie ein deutlich höheres Rüstungsniveau und vermutlich auch eine Reihe weiterer Nuklearmächte aufweisen wird. Das ist der Preis dafür, dass es eine Weltordnung ohne Hüter sein wird, in die wir uns tastend und taumelnd hineinbewegen.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Der wahre Hüter der internationalen Ordnung ist – die nukleare Bombe des Westens, die ihr russisches und chinesisches Pendant in Schach halten soll. Der Hüter ist die wachsende Aufrüstung und die ausufernde Feindbildung. Die Deutschen werden gerügt, weil sie auf Moral setzen würden anstatt auf eine wehrhafte Armee:

„Dementsprechend schwach, um nicht zu sagen hilflos, stehen jene Europäer da, unter ihnen namentlich die Deutschen, die an den Prinzipien und Regeln der alten, auf ökonomische Verflechtung hin angelegten und auf Werte gegründeten Weltordnung festhalten. Sie sind zurückgeworfen auf die Rolle eines Mahners und Warners, was klassisch eine Beobachter-, aber keine Politikeraufgabe ist.“

Wer sich am Aufrüstungswahn nicht beteiligt, sei schuld an der zunehmenden Gefahrenlage. Vergesst vor allem die abendländischen Werte.

War Münkler kein Gesprächspartner der Kanzlerin? Konnte er sie vor der Amoral einer werte-betonten, also moralischen, Politik warnen? Wurde Merkel ermutigt, sich von ihrer unverantwortlichen samaritanischen Flüchtlingspolitik zu verabschieden und Europa um jeden Preis abzuschotten? Die Pfarrerstochter kennt das lutherische Motto: tut, was ihr nicht lassen könnt, wenn ihr nur glaubt. Christen mimen heilige Moral und handeln in heilloser Antinomie.

Münkler appelliert nicht an die Mündigkeit der Demokraten, sondern an die Wirkung schrecklicher Waffen. Raketen und Atombomben – sind die Hüter der Welt. Der Mensch hat abgedankt.

Die nächste Forderung wird sein: lasst Roboter gegeneinander antreten. Sie können es besser als moralisch-winselnde Kreaturen. Verantwortliche Politiker moralisieren, mahnen und warnen nicht, sie schlagen zu. Nicht ethisches Plappern ist ihr Job, sondern das Schwingen der Peitsche.

Deutscher kann eine Stimme nicht sein als die des Historikers: VATER, Hüter der Welt, Amerika, Dein Stellvertreter auf Erden, Waffen, Instrumente des heiligen Geistes: steht uns Deutschen bei, die sich der Sünde untätiger Moral ergeben haben. Vergebt uns, denn wir wissen nicht, was wir tun. Mit jämmerlichen Werten wollen wir uns des Schröderfreundes Putin erwehren.

Münkler ist Machiavelli-Experte. Wen wundert es, dass er dessen Maximen verinnerlicht hat? Der Florentiner ist für die machtpolitisch zurückgebliebenen Deutschen der Stern nationaler Wiedergeburt.

„Sein Haupt­werk „Il Prin­ci­pe“ – „Der Fürst“ – han­delt da­von, wie man Herr­schaft sta­bi­li­siert. Das ist we­sent­lich wich­ti­ger als das, was oft im Zen­trum der Ma­chia­vel­li-Dis­kus­si­on steht – er sei der „Leh­rer des Bö­sen“. Was er sagt, ist Fol­gen­des: Mo­ra­li­sche Bin­dun­gen sind eine Selbstre­strik­ti­on, weil sie die An­zahl der Op­tio­nen ver­rin­gern.“ (Harvard-Business-Manager.de)

Moral „verringert die Optionen“. Das muss sie, denn sie verbietet das Unmoralische. Eine Moral, die alles erlaubt, wäre überflüssig. Nach außen moralisch wirken, aber es nicht sein: das ist der interne Machiavellismus des christlichen Credos. Legt euch nicht friedenstiftend fest, ihr beraubt euch der Freiheit amoralischen Handelns.

Geht schon neoliberale Freiheit über Stock und Stein, wird sie von Münkler in das Revier todbringender Waffen geführt. Den Christen wurde zugesprochen: euch ist alles erlaubt. Nicht alles aber sei dienlich? Was erlaubt ist, muss Kindern Gottes immer nützlich sein.

Wenn Böses das Amoralische ist: von wem stammt dann das folgende Zitat:

„Deshalb ist ein Herrscher, der die Macht behaupten will, oft gezwungen, amoralisch zu handeln. Denn wenn jene Macht, die du zur Behauptung deiner Herrschaft brauchst, verderbt ist, so musst du dich anpassen, um ihr zu gefallen. Dabei ist ein Verhalten nach moralischen Grundsätzen nur schädlich. So muss ein Herrscher milde, treu, menschlich, aufrichtig und fromm scheinen und er soll es gleichzeitig auch sein; aber er muss auch die Seelenstärke besitzen, im Fall der Not alles ins Gegenteil zu wenden.“ (Machiavelli, Der Fürst)

Merkel ist eine perfekte machiavellistisch-christliche Politikerin. Niemand übertrumpft sie in Demutsgesten, niemand beherrscht die Sprache unauffälliger Macht besser.

Münkler und Merkel befinden sich in bester deutscher Tradition. Der klassische Idealist Goethe hat das Recht der Staatsraison unumwunden anerkannt: „Es liegt nun einmal in meiner Natur: Ich will lieber eine Ungerechtigkeit begehen als Unordnung ertragen.“ Mit scharfen Worten missbilligt er das Geschwätz „der gewöhnlichen, platten, moralischen Politiker“ und schnarrt wie ein gut dressierter Fürstenknecht: „Kein König hält Wort, kann es nicht halten, muss stets den gebieterischen Umständen nachgeben. Für uns arme Philister ist die entgegengesetzte Handlungsweise Pflicht, nicht für die Mächtigen der Erde.“

Trump müsste Münklers Ideal eines alle Optionen zulassenden Machtpolitikers am nächsten kommen. Wie herrlich ungezwungen lügt und betrügt, diffamiert und diskriminiert, verachtet und demütigt er. An einem hapert‘s freilich bei ihm. Seine fromme Maske kann es mit der Merkel‘schen nicht aufnehmen.

Für alle Deutschen, die von der Wiederauferstehung der mittelalterlichen deutschen Vorherrschaft über Europa träumten, war Machiavelli ein Glaubensbekenntnis. Endlich keine Philister mehr sein müssen, nicht länger am Bändel moralisierender Kanzelprediger hängen – die damals noch den Fehler begingen, nichts von Machtpolitik zu verstehen. Erst bei Hegel und den Romantikern fielen die letzten Hemmungen. Die Stimme aus Italien befreite die Deutschen von allen Schranken:

„Ein Mensch, der immer nur das Gute möchte, wird zwangsläufig zugrunde gehen inmitten so vieler Menschen, die nicht gut sind. Daher muss sich ein Herrscher, wenn er sich behaupten will, zu der Fähigkeit erziehen, nicht allein nach moralischen Gesetzen zu handeln. Ich bin aber der Meinung, dass es besser ist, draufgängerisch als bedächtig zu sein. Denn Fortuna ist ein Weib, um es unterzukriegen, muss man es schlagen und stoßen. Von Draufgängern lässt es sich leichter bezwingen als von denen, die kühl abwägen.“

Hier kommt es auf den Begriff. Das Schicksal ist ein unzuverlässig-wankelmütiges Weib. Es muss vergewaltigt werden, damit es den Herren der Schöpfung berechenbar zur Verfügung steht. Nicht viel später erhob Francis Bacon die Forderung, im Geiste Machiavellis das launenhafte Weib der Natur zu vergewaltigen und zu zügeln. Wodurch? Durch Berechenbarkeit.

Machtpolitikern war moralische Zuverlässigkeit, wenn es sie selbst betraf, zu berechenbar. Um ihre Feinde in Schach zu halten, mussten sie sich amoralisch und unberechenbar geben.

Der Wissenschaftler musste die weibliche Unberechenbarkeit der Natur dadurch beenden, dass er sie an die Leine – der Zahl kettete. Alles Bedrohliche war weiblich. Wenn Machiavelli amoralische Politik forderte, um nicht berechenbar zu sein oder seine Bedrohlichkeit zu verlieren, empfahl er dem Politiker nichts anderes – als weibisch zu werden. Seine Untertanen hingegen sollten philisterhaft moralisch sein, damit sie mühelos gegängelt werden könnten.

Natur aber sollte ihre Launenhaftigkeit verlieren, indem sie an die Leine der berechenbaren Zahl gebunden wurde. Am Beginn der Neuzeit wird das Weiblich-Unberechenbare in Natur und Politik domestiziert. Nur Machtpolitiker wollen unberechenbar bleiben. Ausgerechnet die männlichsten der männlichen Machtpolitiker geben sich weibisch, damit der Feind sie nicht durchschauen kann.

Bleibt die Frage: warum sind die Deutschen so lange philisterhaft-moralisch geblieben? Machiavelli beschreibt verwundert die „Rechtschaffenheit und Redlichkeit“ der mittelalterlichen Reichsstädte.

Seiner Erklärung nach war es die Abgeschiedenheit der Deutschen, die zu diesem unerwachsenen Zustand geführt hätte. Die Deutschen hätten keinen großen Umgang mit Nachbarn gehabt. Im Gegensatz zu Spaniern, Franzosen und Italienern, die „die Verderbnis der Welt“ bildeten, seien sie nie aus ihrem Nest herausgekommen, hätten keinen internationalen Handel getrieben. „Die Nachbarn sind weder zu ihnen gekommen, noch haben sie selbst sie besucht, da sie sich mit dem Ihrigen begnügten, ihre eignen Speisen aßen und sich mit der heimischen Wolle kleideten.“ (Machiavelli, Discorsi)

Als die Deutschen autark waren und sich mit dem begnügten, was sie selbst produzierten, waren sie aus heutiger Öko-Sicht so vorbildlich, dass sie es sich erlauben konnten, moralisch zu sein.

Heute müssen sie Exportweltmeister und ökonomische Beherrscher Europas sein, weshalb sie sich keine Moral mehr erlauben können.

Um naturverträglich zu werden, müssten sie in den Stand ihrer Unschuld zurückkehren.

Um aber die „Ordnung“ der Welt militärisch zu sichern, müssten sie den Hüter des Oikos mit Feindschaft und Waffenklirren etablieren.

Zwischen völkerverbindender Ökologie und militanter Wiederaufrüstung: Deutschland steht vor der schrecklichsten Zerreißprobe seiner Geschichte.

 

Fortsetzung folgt.