Von vorne LI

Tagesmail - Montag, den 19. August 2019

Von vorne LI,

Weißt du, wie viel Sternlein stehen
an dem blauen Himmelszelt?
Weißt du, wie viele Wolken gehen
weit hin über alle Welt?
Gott der Herr hat sie gezählet,
daß ihm auch nicht eines fehlet
an der ganzen großen Zahl.

Weißt du, wie viel Mücklein spielen
in der heißen Sonnenglut?
Wie viel Fischlein auch sich kühlen
in der hellen Wasserflut?   (Wilhelm Hey, Pastor)

Nur Gott kennt die Zahl, dem Menschen ist sie unbekannt. Dem Geschöpf bleibt nur ignorante Bewunderung und Anbetung des allwissenden Schöpfers, der seine Zahlenkenntnis mit niemandem teilt.

Zwei Kulturen bestimmen das Geschick des Abendlands und der vom Abendland überwältigten Welt. Zwei Kulturen, die um Tod und Leben ringen – und sich dennoch mit aggressiv-unverträglichen Symbiosen durchdringen, die für beide gefährlich – ja, wie wir inzwischen wissen – lebensgefährlich geworden sind.

Die Kultur der erkennbaren Zahl, in der der Mensch Ordnung und Schönheit der Natur wahrnimmt –
und die Kultur der für den Menschen unerkennbaren Zahl, deren Erkenntnis Gott niemandem offenbart.

Gott erschafft die Welt mit dem Wort und offenbart sich dem Menschen mit demselben, das in einer heiligen Schrift nachgelesen werden kann. Das allmächtige Wort steht dem Menschen nicht zur Verfügung. Das offenbarte Wort dient nur ...

... seiner jenseitigen Seligkeit, nicht der irdischen Macht.

Die Zahl – Inbegriff heidnischer Naturerkenntnis – steht gläubigen Lesern der Schrift nicht zur Verfügung. Damit dürfte klar sein: das Naturerkennen der Heiden ist Blasphemie. Ungläubige maßen sich Wissen an, das keinem Menschen zusteht. Die Zahl muss das Mysterium Gottes bleiben.

Es war Satan, der David reizte, das Volk Israel zählen zu lassen. Die erste Volkszählung erbrachte die Zahl 1 100 000 – Männer. Frauen und Kinder belanglos. Da erzürnte der Herr, der um sein Zahlenmonopol fürchtete:
„Aber die Sache missfiel Gott und er schlug Israel. Und David sprach: Ich habe schwer gesündigt damit, dass ich das getan habe.“

Hiob erkennt, dass er mit Gott nicht streiten kann.

Während die Griechen mit ihren Göttern ins Gericht gingen, sie wegen Unfähigkeit und Ignoranz absetzten oder für nichtexistent erklärten, meldet Hiob seinen Bankrott an:

„Ja, ich weiß gar wohl, daß es also ist und daß ein Mensch nicht recht behalten mag gegen Gott. Hat er Lust, mit ihm zu hadern, so kann er ihm auf tausend nicht eins antworten. Er ist weise und mächtig; wem ist's je gelungen, der sich wider ihn gelegt hat? Er versetzt Berge, ehe sie es innewerden, die er in seinem Zorn umkehrt. Er bewegt die Erde aus ihrem Ort, daß ihre Pfeiler zittern. Er spricht zur Sonne, so geht sie nicht auf, und versiegelt die Sterne. Er breitet den Himmel aus allein und geht auf den Wogen des Meeres. Er macht den Wagen am Himmel und Orion und die Plejaden und die Sterne gegen Mittag. Er tut große Dinge, die nicht zu erforschen sind, und Wunder, deren keine Zahl ist.“

Was sind Wunder? Taten, deren Zahlengeheimnis unergründlich ist. Hiob ist eine direkte Antwort auf die Heiden, die glauben, sich im Streit mit Argumenten überzeugen zu können und Natur mit Hilfe der Zahl zu erkennen. Allmächtige und allwissende Götter sind den Griechen unbekannt.

Den Unterschied zwischen autonomer und fremdgesteuerter Erkenntnis kennen die Deutschen bis zum heutigen Tage nicht. Argumentieren im eigenen Namen und Missionieren in einem höheren ist für sie dasselbe. Für Wahrheit zu streiten dasselbe wie religiöse Unfehlbarkeit. Glauben an eine Endzeit dasselbe wie das Bemühen, eine Endzeit zu vermeiden:

„Erweckung, Apokalypse, Sinn, das ist religiöses Vokabular. Tatsächlich hat etwa die AfD die Extinction Rebellion bereits als "Klima-Sekte" bezeichnet. Das ist allein schon deshalb Humbug, weil die Gruppe dezentral organisiert ist. Aber gewisse Ähnlichkeiten zu einer Glaubensgemeinschaft bestehen doch – die Anhänger teilen eine Endzeitvision, die Gewissheit, eine Wahrheit entdeckt zu haben und den Wunsch, andere zu missionieren.“ (SPIEGEL.de)

Was bei Hiob unmöglich war, wird durch den Erlöser möglich:

„So ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so mögt ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin! so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein.“

Ungeheure Allmachtssätze, die der SOHN seinen Anhängern verheißt – und von seinen modernen Jüngern als Ermächtigung zur Herrschaft über die Natur verstanden werden. Paulus aber macht die Verheißung von einer gewissen Fähigkeit der Frommen abhängig – von der Liebe:

„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind und hatte kindische Anschläge; da ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindisch war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich's stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“

Wären also die exorbitanten Fortschritte im Erkennen und Beherrschen der Welt ohne Liebe – wertlos, ja selbstzerstörerisch? So wäre es, wenn der Fortschritt nicht den Menschen dienen würde.

Solch eine Lieblosigkeit leugnen die Fortschrittler. Alles, was sie in ihrer Genialität erfinden und in technische Machtmittel verwandeln, tun sie nur zum Nutzen der Menschheit. Fortschrittler sind die wahren Söhne des SOHNES, die Defekte der Welt werden sie mit naturwissenschaftlichen Methoden heilen. Heute wäre Jesus ein genialer Algorithmiker in Silicon Valley.

Die Rettung vor dem Untergang wird kein moralischer Wandel bringen, sondern nur eine neue Technik:

„So überzeugend ihre Analyse jedoch auch ausfällt, so sehr bleibt zu hinterfragen, ob der zur Problemlösung eingeforderte Weg von „Verzicht und Verbot“ wirklich die Erfolg versprechendste Strategie ist, die Erderwärmung zu stoppen, den Klimawandel aufzuhalten und die Umwelt besser zu schützen. Da kommt zwangsläufig die Ökonomie vor allem anderen und erst danach folgt die Ökologie. Einzig neue Technologien vermögen Erwartung und Anspruch von Milliarden Menschen auf ein besseres Leben mit der ökologischen Tragfähigkeit der Erde in Einklang zu bringen. Alles andere muss scheitern. Askese mag gut sein. Innovation ist besser. Einzig eine Flucht nach vorne zu neuen Technologien, nicht jedoch ein Zurück zu alten Denkweisen der Vergangenheit sichert den Kindeskindern in einer Welt mit bald einmal zehn Milliarden Menschen das Überleben in Wohlstand und Einklang mit Klima und Umwelt.“ (WELT.de)

Liebe allein genügt nicht; eine neue Technologie ist Liebe in sich. Weder Politiker noch Demokraten können irdische Wunden beseitigen: der Ingenieur wird zum Heiland der Welt.

Wir erleben eine neue Symbiose der beiden unverträglichen Kulturen. Heidnische Erkenntnis der Zahl oder der quantitativen Natur – inzwischen aus müßiger Theoria (Wahrnehmung) in technische Übermächtigung verfälscht – ist wichtiger als wissenschaftliche Erkenntnislosigkeit, die sich als (Erlösungs-) Moral ausgibt.

Im christlichen Credo hängen Zahl und Zeit zusammen. Wenn alles die von Gott bestimmte Zeit hat (Kairos), klingt das nach dem heidnischen Rhythmus der Natur. Doch es gibt einen riesigen Unterschied. Der Bauer kennt die Gesetze der Natur, wonach er pflügt, sät und erntet. Die Zeit Gottes aber ist unbekannt und wird von Ihm nach unberechenbaren Gesetzen bestimmt. Weshalb Gottes Interventionen wie Zufälle aussehen.

Es ist der göttliche Zufall, auf den sich Hayek, Begründer des Neoliberalismus, beruft. Die Schöpfung Gottes ist unberechenbar und unergründlich wie der Markt:

„Ich wandte mich und sah, wie es unter der Sonne zugeht, daß zum Laufen nicht hilft schnell zu sein, zum Streit hilft nicht stark sein, zur Nahrung hilft nicht geschickt sein, zum Reichtum hilft nicht klug sein; daß einer angenehm sei, dazu hilft nicht, daß er ein Ding wohl kann; sondern alles liegt an Zeit und Glück. Auch weiß der Mensch seine Zeit nicht; sondern, wie die Fische gefangen werden mit einem verderblichen Haken, und wie die Vögel mit einem Strick gefangen werden, so werden auch die Menschen berückt zur bösen Zeit, wenn sie plötzlich über sie fällt.“

Der Mensch hat sich der Unergründlichkeit des göttlichen Handelns zu beugen und kann sich nicht vermessen, über sein Schicksal selbst zu bestimmen: das ist das Geheimnis der modernsten Ökonomie. Zeit und Zufall sind Hauptelemente der Geschichte, über die der Mensch nicht verfügt. Hängt alles vom Zufall ab, wird alles menschliche Tun zum Pokerspiel, dessen Unberechenbarkeit die Geschichte prägt.

Der Zufall des Alten Testaments wird im Neuen Testament komplettiert durch die Unberechenbarkeit der Wiederkehr des Herrn.

„Darum wachet, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.“

Da bilden sich Menschen ein, sie könnten die Zeichen der Natur erkennen, doch die Zeichen der Heilszeit erkennen sie nicht:

„Ihr Heuchler, das Aussehen der Erde und des Himmels wisst ihr zu beurteilen, wie kommt es, dass ihr diese Zeit nicht beurteilt?“

In irdischen Dingen schlau, in himmlischen vernagelt. Weisheit der Welt ist Torheit vor Gott. Das Neue Testament ist eine komplette Abrechnung mit der griechischen Kultur.

Was bleibt, wenn der Mensch die Wiederkehr des Herrn nicht vorausberechnen kann? Er darf sich nicht länger natürlichen Rhythmen überlassen, sondern muss allzeit wachsam bleiben. Wachet, denn ihr wisst nicht, wann der Herr kommt.

Das ganze Lebensgefühl des Menschen wird der Natur ent-fremdet und einem unnatürlichen Schlaf- und Erholungsentzug unterworfen. Die Heimat der Natur wird zur Folterkammer künstlicher Bedürfnisverweigerung.

Kann der Mensch nicht mehr hoffen, seine Bedürfnisse auf natürliche Weise zu befriedigen, entarten die Bedürfnisse und müssen auf künstliche Weise ersatz-befriedigt werden. Der unersättliche Mensch der Moderne entsteht, der nie auf seine Kosten kommt und sich mit endlosen Ersatz-Befriedigungen (besser: -Nichtbefriedigungen) begnügen muss.

Da permanentes Wachsein-müssen – die Lebensunruhe der kapitalistischen Großstadt – die Menschen aussaugt, kippt die Dauerspannung um in – Langweile. Immer dasselbe und nie satt und befriedigt werden. Die Abgestumpften im Modus der Spannung brauchen ständige neue Reize, weil das Neue als Wiederkehr Jesu endlos verzieht. Bekanntes muss als Altes abgestoßen und ersetzt werden vom Neuen.

Besonders Medien, die sich von allem leidenschaftlichen Engagement fernhalten, leben vom rasenden Wechsel des Alten zum Neuen.

„Um zu überleben, braucht die Partei nun Frische statt Bräsigkeit, neue Ideen statt "Haben wir schon 2002 so gemacht". Dieses Ziel, für alle wählbar zu sein, machte die SPD aber nicht nur zu einer profillosen, sondern auch zu einer furchtbar langweiligen Partei.“ (SPIEGEL.de)

Da die Moderne glaubt, auf Wahrheit und problemlösende Richtigkeit verzichten zu können, gerät sie in die Falle endloser Erneuerungssucht. Schnell langweilen sich die Beobachter in der abgehobenen Zuschauerloge und verfallen der Sucht nach ständig Neuem. Müsste die SPD nicht zurückkehren zu uralten Gerechtigkeitsvorstellungen? Die Kluft zwischen Reichen und Armen kann man nur begradigen durch Beseitigen der Armen und Reichen.

Solche Wahrheiten müssen falsch sein, denn sie scheinen allzu einfach. Wer in komplexen, unberechenbaren Zeiten Einfaches fordert, muss ein Scharlatan sein.

Auch Populisten verheißen einfache Lösungen und entlarven sich als Volksverführer. Im Gegensatz zu den Mächtigen am Ruder, die nichts weniger versprechen als einen unendlichen Progress, einen unfasslichen Wohlstand, eine totale neue Natur, die Eroberung des Alls und die Besiegung des Todes. Also Lappalien. Im Gegensatz zu populistischen Karrieristen, die eine Erhöhung des Mindestlohns und die Einführung eines Mietendeckels versprechen.

Versprechen hört man im Übrigen nur von populistischen Angreifern, die Etablierten versprechen nichts, sie verheißen im Namen der Geschichte, die es ihnen persönlich mitgeteilt hat.

Was keine Struktur der Zeit und Zahl kennt, versinkt in der Beschleunigung unersättlicher Begierden. „Das Volk langweilt sich nicht, es führt ein tätiges Leben“, schrieb Rousseau. Langweile ist die große Geißel der Reichen. Inmitten endlos neuer und kostspieliger Zerstreuungen langweilen sie sich zu Tode.

Es geht sogar die Mär: Gott selbst langweilte sich, also erschuf er die Welt. Wer also Gott am ähnlichsten werden will, muss sich der Langweile ergeben – also der rasenden Suche nach immer neuen Befriedigungen, die keinen Frieden bringen, sondern das Gegenteil:

„Großen Herrn gehen gewöhnlich die seelischen Freuden in beträchtlichem Maße ab. So kommt es, dass sie sehr an den körperlichen hängen; denn nur diese werden durch ihren Stand begünstigt. Eben dies entfernt sie von den Freuden des Geistes. Ihr Reichtum zwingt sie, sich zu langweilen.“ (Montesquieu)

Es gibt Zusammenhänge zwischen Reichtum und Kriegsgefahr. Die Mächtigen und Reichen langweilen sich zu Tode, unriskante, friedliche Gelüste und Sensationen haben sie satt bis zum Überdruss. Der nächste ultimative Kick kann nur zerstören, was sie zusammenrafften und sie mittlerweilen anekelt. Das Futuristische Manifest Marinettis war nicht die geringste Quelle des italienischen Faschismus:

„Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit. Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein. Die Dichtung muß aufgefaßt werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor dem Menschen zu beugen. Wir wollen den Krieg verherrlichen diese einzige Hygiene der Welt , den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes. Ergreift die Spitzhacken, die Äxte und die Hämmer und reißt nieder, reißt ohne Erbarmen die ehrwürdigen Städte nieder! Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und gegen jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht.“

Mussolini war ein Bewunderer Marinettis.

Ein entferntes Echo des futuristischen Manifests als Bewunderung technischer Rasanz ist Poschardts amoralische Sehnsucht nach einem „Hauch von Abgrund.“ Für ihn gibt es nur eine unverzeihliche Sünde: Langweile durch das Immergleiche.

Überall steigt der Überdruss bei den Masters of Universe. Überdruss ist die Ekelfaszination vor dem ewig Gleichen, weshalb Nietzsche die Wiederkehr des Ewig Gleichen predigte, um den Schaden homöopathisch mit sich selbst zu kurieren.

In diesem exklusiven Kreis darf Baudelaire nicht fehlen, „für den ennui die böse, mörderische, selbstmörderische Langweile ist, der Ekel, die Weigerung, am Sein teilzunehmen“. (Friedrich Heer, Europa. Mutter der Revolutionen)

Die Reichen, Satten und Mächtigen, deren Bedürfnisse ins Unendliche und Phantastische gehen, sind dabei, überall auf Erden zu zündeln, aufzuhetzen und die Waffen klirren zu lassen. In höheren Regionen gönnt man sich ja sonst nichts.

Das war die Kultur des zahlenlosen Mysteriums der Schöpfung, das sich paradoxerweise quantitativer Gewalt bedient.

Die konkurrierende Kultur war die pythagoreische Entdeckung der Zahl, die keiner berechnenden Macht über die Natur diente und dennoch zum Fundament christlicher Naturunterjochung wurde. Wie konnte das geschehen?

Das Wunder der Verwandlung folgenloser Theorie in eine Praxis des Verderbens ereignete sich in der Renaissance. Die mittelalterliche Kultur war hinreichend mit griechischen Texten bekannt geworden, um im Bann der neuen pythagoreischen Zahl mit Erschrecken festzustellen: unsere Schöpfung fern aller Zahlen – ist bedroht. Wenn die Zahl das Ordnungsgerüst der Natur darstellt, kann die biblische Schöpfung nur ein Wrack ohne Ordnung sein.

„Das Bild von der Natur, das in früher Neuzeit an Bedeutung gewann, war das eines gesetzlosen, chaotischen Reichs, das der Zähmung und Kontrolle bedurfte. Dass die Ordnung der Natur zusammenbrechen könnte, war eine ständige Sorge der Renaissance-Autoren und des elisabethanischen Zeitalters. Wenn die Ordnung vertilgt wäre, würde das Chaos regieren.“ (Carolyn Merchant, Der Tod der Natur)

Für den modernen Geist kann nichts widersinniger sein: indem Natur zerstört wird, soll sie gerettet werden. Das kann man nur verstehen, wenn man die Logik der Hexenprozesse verstanden hat.

Eine satanische Hexe hat nur eine Chance, sich vor dem Höllenpfuhl zu retten: wenn sie in irdischer Gestalt getötet und als überirdische wieder aufersteht. Die Sünde muss ans Kreuz genagelt werden, damit sie ihre gesamte defekte Gestalt opfert und als neue Kreatur wieder aufersteht.

Das ist der kryptische Sinn modernen Fortschritts. Er will die Natur nicht zu Nichts machen, er will sie kreuzigen, damit sie als neue auferstehen kann: das Alte ist vergangen, siehe, ich mache alles neu.

Francis Bacons sprachliche Bilder entspringen dem Gerichtssaal. „Sie zeigen die Natur als Frau, die mit mechanischen Vorrichtungen gefoltert werden muss und erinnern an Verhöre in Hexenprozessen, an mechanische Prozeduren, die bei der Folterung von Hexen benutzt wurden.“

Und wozu das Ganze? Was will Bacon mit seiner Neuen Wissenschaft?

„Sein Ziel ist es, die durch den Sündenfall verloren gegangene Herrschaft des Menschen über die Natur wiederherzustellen.“ Mit anderen Worten: die neue Wissenschaft soll den Sündenfall ungeschehen machen und den Menschen zurückbringen in den Garten Eden. Das ist der Sinn seines epochalen Mottos: Wissen ist Macht.

Die moderne Technik ist durch und durch ein theologischer Akt mit technischen Mitteln. Mögen die Techniker ihrem Bewusstsein nach so glaubenslos sein wie sie wollen: ihr Tun ist das Tun des Wortes. „Denn nicht die Hörer des Gesetzes sind gerecht, sondern die Täter.“

Galileis Wendung ist erneut eine missglückte griechisch-christliche Symbiose. Er empfand sich als treuer Katholik, der seinen Glauben ernster nahm als die papistischen Theologen, die sich nur auf die geoffenbarte Schrift bezogen. Für ihn war die Schrift ein weithin unglaubwürdiges, sich in allen Dingen widersprechendes Buch. Da auch Natur eine Offenbarung Gottes war, musste das Lesen der Natur authentischer sein als das Gezänk der Popen. Die Erforschung der Natur mit quantitativen Methoden erschien ihm als einzige Möglichkeit, die religiös gespaltene Menschheit im Ethos der neuen Wahrheit der Zahl zusammenzuführen.

Legere in libro naturae, Lesen im Buch der Natur wurde zur wahren, objektiv-quantitativen Methode der Erforschung des göttlichen Willens. Nicht das trügerische Wort in einem umstrittenen, voller Widersprüche wimmelnden Buch, sondern das Lesen der Natur mit mathematischer Objektivität war die einzige Erkenntnisquelle Gottes.

Welch eine Wendung durch Gottes Fügung: die Zahl, heidnisches Symbol der Naturwahrheit, wurde zum alleinigen Mittel der Erforschung des übernatürlichen Gottes. Der christliche Fortschritt sitzt auf einem heidnischen Pferd, mit dem er hofft, das zweite Paradies im Galopp zurückzuerobern.

Er wird das Gegenteil erreichen – wenn er nicht eine radikale Wende vollzieht, seine missglückten Symbiosen durchschaut und zum Kern der Urtheorie zurückkehrt. Kein praktischer Missbrauch, sondern nur das beseligende Anschauen der Natur, wie sie ist und von niemandem perfektioniert werden kann, ist fähig, den Menschen zur Eintracht mit der Natur zurückzubringen.

Zum Schluss eine Merkwürdigkeit, die in der Geschichte verloren ging. Eine gewisse praktische Anwendung der Zahl gab es doch bei den Griechen. Mit Hilfe einer Urstatistik konnten griechische Künstler „einen idealen Durchschnittstypus errechnen“, der – den schönen Menschen darstellen sollte. Der Künstler Polykleitos wollte nicht das nächstbeste Exemplar der Gattung darstellen, sondern die statistische Mitte aller verfügbaren Daten als Norm nehmen, die er Kanon (Maßstab) nannte.

„Diese Ehrfurcht vor der Zahl lässt vermuten, dass der Künstler unter der Einwirkung der Pythagoreer stand, nach deren Lehre Himmel und Erde einen Kosmos bildeten, in dem alle Sphären, wie die Musik, die Krankheit und Gesundheit des Menschen nach Maß und Zahl geordnet war.“ (Nestle)

Die griechische Anwendung der Zahl diente der Darstellung der Schönheit und Gesundheit des Menschen.

Die christliche Anwendung der Zahl in der Naturwissenschaft führte zum Größenwahn der Menschen und zur Zerstörung der Natur.

Wir aber müssen die Schönheit der Natur wieder herstellen.  

 

Fortsetzung folgt.