Von vorne XLVIII

Tagesmail - Montag, den 12. August 2019

Von vorne XLVIII,

das Werden der Natur ist kein Werden der Kultur.

Beide Vorgänge sind Gegensätze und schließen sich aus. Der Widerspruch zwischen dem natürlichen und dem menschlichen Werden ist der Urgrund der Naturzerstörung des Menschen, somit seiner Selbstzerstörung.

Wollte der Mensch seine Selbstzerstörung beenden, müsste er sein kulturelles Werden beenden – denn dieses widerspricht dem Werden der Natur. Widersprechen heißt: sich ausschließen oder um Sein oder Nichtsein kämpfen.

Um sich den tödlichen Charakter des Widerspruchs zu verhehlen, hat der moderne Mensch die Dialektik erfunden, die alle Widersprüche als förderlich, ja notwendig definiert, um das Werden der Kultur voranzutreiben. Das Werden der Kultur geht nicht ohne Abnutzen und Verschleißen der Natur, das bis zur Zerstörung jener Nische führen kann, in welcher der Mensch seine Kultur vorantreibt.

„Die Wahrheit des Seins ist das Werden.“ „Das Werden des Seins ist das Geheimnis der Natur.“ „Die Philosophie hat die intellektuelle und reelle Welt als einen Widerspruch zu betrachten.“ „Die Welt ist eine haltungslose Unruhe, die in ein ruhiges Resultat zusammensinkt.“ (Hegel)

Moderne Unruhe ist kein Übel, sondern unerlässlicher Antrieb der Entwicklung. Eines Tages aber wird die Unruhe an ein Ende kommen und alle Widersprüche in Harmonie auflösen. Dann verliert sich alle Spannung, die Unruhe wird zum ruhigen Resultat zusammensinken.

Spannungslose Ruhe oder die Auflösung aller Widersprüche ist das Ende der Geschichte, Gläubige würden vom Paradies auf Erden sprechen.

Nichts für moderne Risiko- und Fortschrittsfanatiker, die sich in der spannungslosen Ruhe eines Gartens Edens langweilen würden, weshalb sie alles unternehmen, um ...

... die bestehenden Widersprüche und Konflikte anzuheizen. Der Kampf zwischen Natur und Kultur ist ihr Aphrodisiakum, ohne das sie im Nichts versinken.

Challenge und Response, Herausforderung und Antwort, ist ihr polares Zweiergestirn, das sie am Leben erhält. Herausforderung ist ein Lieblingswort der Politiker, von Antworten auf die Herausforderung hört man weniger. Was dazu führt, dass die Herausforderungen sich bis in den Himmel türmen, die Antworten aber – wegen „Überkomplexität“ – im Schwarzen Loch des Universums verschwinden.

Im zweiten Paradies erlischt alles Werden, alle Widersprüche sind aufgelöst, alle Keime zu Früchten geworden, alle Konflikte überwunden: nichts für Georg Wilhelm Friedrich, den Sohn eines Stuttgarter Rentkammersekretärs:

„Das Paradies ist ein Park, wo nur Tiere und nicht die Menschen bleiben können.“

Einerseits dient alles Werden (oder Fortschritt) dazu, ein Paradies herzustellen.
Andererseits ist Paradies etwas, was der werdende Mensch am meisten zu fürchten hätte. Und jetzt?

Klar ist lediglich, dass ein Paradies nichts für Menschen ist – sondern nur für minderwertige Tiere. Aber auch hier hakt es: würde das kulturelle Werden tatsächlich ein Paradies errichten, gäbe es keine Tiere mehr, weil sie vom Fortschritt verschlungen worden wären – mit Ausnahme der Bärtierchen, der geheimen Vorbilder der Menschen, die schier alles überleben können:

„Eine Eigenschaft der Tiere ist die Kryptobiose, ein todesähnlicher Zustand, in dem sie extreme Umweltbedingungen überdauern können.“

Die Biologie hat somit den zentralen Glaubenssatz des Christentums erwiesen: der Erlöser der Christen muss die Mutation eines Bärtierchens gewesen sein. Denn sein Kreuzestod machte ihn nicht zu Nichts, sondern schickte ihn in den scheintoten Aufenthalt in der Hölle. Dort überwand er alles und stieg auf zum Beherrscher des Universums. Tod als Scheintod entspricht der Lehre der Doketisten, wonach der Erlöser am Kreuz nur scheinbar gestorben sei.

Vom biblischen Paradies haben wir noch gar nicht gesprochen, nur vom Werden der Natur, das vom schwäbischen Allversöhner mit dem Garten Eden in eins gesetzt wurde. Zu Recht?

Es gibt ein griechisches Werden – und ein christliches Werden. Das griechische war das Werden der Natur, das christliche das Werden des Geistes. Nein, nicht des menschlichen, sondern des göttlichen Geistes. Das natürliche Werden war das selbstbestimmte Werden der Natur, das christliche ein gottbestimmtes Werden. 

In dieser Gegenüberstellung wird Natur als geistlos vorgestellt. Marx hielt jeden Geist für den verdeckten Geist der Religion. Also musste er den Geist des Menschen, das Bewusstsein, abhängig machen von der geistlosen Materie oder dem Sein. Geist wurde zum Überbau, der vom geistlos-materiellen Unterbau abhängig war. Später korrigierte Marx diesen naturfeindlichen Wahn und ließ eine gewisse Rückwirkung des geistigen Oberbaus auf den Unterbau zu. Bis heute gilt der marxistische Standpunkt: Erkenntnisse der Geistes-Wissenschaften müssen durch naturwissenschaftliche Methoden bestätigt werden. Die Geisteswissenschaften haben ihren Geist aufgegeben.

Nimmt man Gott als Vernunft der Natur, kann es zwischen beiden Entwicklungen keinen Widerspruch geben. Nimmt man ihn als über- und widernatürliches Wesen, kann es nie eine Harmonie geben.

Hegel, Begründer der deutschen Kompromisskultur, setzte sich über solche Kleinigkeiten hinweg und versöhnte im Finale alles mit allem. Als Jugendlicher im schwäbischen Pietismus erzogen, als Student zum glühenden Anhänger der griechischen Philosophie und schärfsten Gegner des Christentums geworden, konnte er seine innere Zerrissenheit nicht anders lösen als durch Versöhnung von Vernunft und Glauben, Autonomie und Offenbarung.

Bis heute ist Hegels Kompromisslerei – vornehm Dialektik genannt – die Grundlage der deutschen Kultur geblieben. Alles Fromme wird – sofern anrüchig, wie die untergeordnete Rolle der Frau oder die Apokalypse – mit Vernunft hochgemendelt, alles Heidnische – sofern vorbildlich, wie Demokratie oder Humanität – als Glaubensfrüchte betrachtet.

Seit dieser Ursymbiose aus Unverträglichkeiten, aus Gott und Welt, Transzendenz und Immanenz, Glauben und Denken, fühlen sich die Deutschen aller Welt überlegen. Auf fundamentalistische Buchstabengläubige schauen sie ebenso verächtlich herab wie auf gottlose Windbeutel, die an nichts mehr glauben.

Glaubensprobleme gibt es seitdem in Deutschland nicht mehr. Die aus der Kirche fliehenden Massen haben Probleme mit lüsternen Priestern, aber auf keinen Fall mit der Transsubstantiation von Brot und Wein in Leib und Blut Christi.

Es gibt eine griechische und eine christliche Dialektik. Die Griechen lebten nicht in der Steinzeit und erlebten bereits die Kräfte historischer Entwicklung. Bei Hesiod gab es schon eine Degeneration des Menschengeschlechts, ein Gedanke, der von Platon in eine zukünftige Utopie umgewendet wurde: nicht mit der Macht der Götter, sondern aus eigener Kraft der Menschen – wenn auch nur weniger Weiser, die faschistische Macht anwenden mussten.

Wenn Menschen sich entwickeln, wie steht‘s dann mit der Natur? Müsste sie sich nicht auch entwickeln?

Krieg ist der Vater aller Dinge, man steigt nicht zweimal in denselben Fluss: Heraklit gilt als Begründer der griechischen Dialektik. Doch die Widersprüche zwischen Winter und Sommer, Krieg und Frieden, Tag und Nacht, waren nur scheinbare Widersprüche.

„Die Welt ist eine Einheit, ein ewig lebendiger Prozess des Werdens und Vergehens. Über diese Einheit dürfen auch die unserer Wahrnehmung sich aufdrängenden Gegensätze sich nicht hinwegtäuschen, die, nur scheinbar und relativ, in einem fortwährenden fließenden Übergang ineinander begriffen sind und die „Unsichtbare Harmonie“ der Welt dem Blick des oberflächlichen Beobachters verhüllen, während das tieferblickende Auge des Denkers ihre Auflösung im absoluten Geist erkennt. Hesiod habe nicht erkannt, dass die Gegensätze ineinander übergehen und ihrem Wesen nach eins sind.“ (Wilhelm Nestle)

Hegels gesamte Naturphilosophie ist die Entwicklung der Natur aus anfänglichem Sein und Nichts über alle Stufen der damals bekannten chemischen und physikalischen Prozesse bis zur Einswerdung von Mensch und Natur, Gott und Mensch.

Gott wird – durch das konfliktreiche Werden der Natur und der Entwicklung des Menschen. Von Jakob Böhme und Schelling inspiriert, lässt Hegel den Gott aus dem Werden der Natur und des Menschen hervorgehen. Man sieht, die Synthese aus heidnischem und christlichem Geist missglückt: einen Gott im Werden kennt das christliche Dogma nicht. Von der Erschaffung der Welt bis zum Weltenende bleibt Gott allmächtig, allwissend und allpräsent.

Hier entstehen die beiden Haupttheorien der Gegenwart: a) wir leben am Ende der Geschichte (Kojeve, Fukuyama) und b) das Ende der Geschichte müssen wir selbst herstellen durch einen Triumphzug ins Grenzenlose. Dann kommt der Herr.

Lebten wir am Ende der säkularen Geschichte, wäre es mit der Hatz nach vorne vorbei. Lebten wir aber in der apokalyptischen Endzeit, stünde uns der zweite Garten Eden kurz bevor, den wir dennoch aus eigener Kraft erobern müssten.

Beide widersprüchliche Theorien sorgen für unverträgliche Weltpolitik. Während die USA die Wiederkunft des Herrn durch grenzenlose Eroberung der Erde und des Alls inszenieren, ist das Ziel der unchristlichen Staaten wie China, Indien der Ausbau der irdischen Macht gegen den unersättlichen Westen.

Mit unchristlichen Staaten wäre – bei friedlicher Verständigung der Völker – ein Innehalten des mörderischen Wettlaufs denkbar, vom eschatologischen Westen ist kein Innehalten zu erwarten.

„Die Entwicklung des Baums ist Widerlegung des Keims“: hier zeigt sich bei Hegel der unversöhnliche Widerspruch in der Natur, der erst durch finale Versöhnung mit der Kultur am Ende der Geschichte aufgelöst werden kann. „Alles Höhere entsteht nur dadurch, dass das Niedrigere sich als Widerspruch in sich zu dem Höheren aufhebt.

Das Höhere der Kultur entwickelt sich über viele Stufen konfliktreichen Streits mit der Natur zum Endreich des Weltgeistes auf der Grundlage einer besiegten Natur:

„Das Unvollkommene als Gegenteil seiner selbst ist der Widerspruch, der wohl existiert, aber ebensosehr aufgehoben und gelöst wird, der Trieb, der Impuls des geistigen Lebens in sich selbst, die Rinde der Natürlichkeit, Sinnlichkeit und Fremdheit seiner selbst zu durchbrechen und zum Lichte des Bewusstseins, d.i. zu sich selbst zu kommen.“

Die Rinde des Natürlichen muss durchbrochen und abgeworfen werden: dann kommt der Mensch zu sich. Das ist der Prozess christlicher Naturfeindschaft.

Einen unversöhnlichen Widerspruch kennt Heraklit nicht. Alles Widersprüchliche ist nur sinnlicher Schein, der durch unsinnliches Denken durchschaut und behoben werden kann. Hier scheiden sich trügerischere Erkenntnis der Sinne – und wahre Erkenntnis nichtsinnlichen Denkens. Platons Ideenlehre will Heraklits Konflikt zwischen sinnlicher und abstrakter Erkenntnis auf den Punkt bringen: es sind abstrakte Ideen, die der trügerischen Sinnenwelt absolute Ordnung verleihen.

Während bei den Griechen alle scheinbaren Widersprüche aufgehoben werden durch zirkulären Rekurs der Dinge in sich selbst, entwickeln die biblischen Religionen eine lineare Heilsgeschichte bis zum Ende aller Tage, an dem die Natur – oder das Alte – vernichtet und eine neue ex nihilo von Gott (oder seinen genialen Algorithmikern auf Erden) erschaffen wird.

Das bedeutet: alle Menschen, die das Pech haben, nicht als Erwählte das christliche Ende der Geschichte oder das Marx‘sche Reich der Freiheit zu erleben, dienten nur als unbedeutende Vorbereiter des Endsieges. Über sie schreitet der Geist Gottes, der Weltgeist oder die dialektische Geschichte der Materie herzlos hinweg. Sie sind bloßes Material, um wenigen Erwählten den finalen Triumph vorzubereiten.

Marx, der das dialektische Werden der Geschichte von Hegel in wesentlichen Punkten übernahm, will nicht das gegenwärtige Proletariat befreien. Er will es mit Hoffnung vertrösten auf die Generationen der Zukunft, die das Glück haben werden, ins Reich der Freiheit einzuziehen. Die Revolution ist eine Folge vieler evolutionärer Schritte in eine unbekannte Zukunft. Alle Proleten der Gegenwart werden auf den Sankt Nimmerleinstag vertröstet: das ist Blochs Prinzip Hoffnung.

Da nicht der dumme Prolet entscheidet, was die Glock geschlagen hat, sondern die Geschichte, verkehrt sich das revolutionäre Moment in Apathie mit revolutionärem Dauerfeeling. Aus dem Priesterbetrug glühender Verheißungen ohne Erfüllung wurde bei Marx ein sozialistischer Parteibetrug, der ebenfalls mit verziehenden Prophetien, vertrösten will. Oder den noch größeren Betrug Stalins organisieren muss, dass das Reich der Freiheit unmittelbar bevorstünde und mit diesem oder jenem Fünfjahresplan schon begonnen habe.

Ist Werden nur mit dem Motor des Widerspruchs – also des Bösen – möglich, kann man auf den Motor des bösen, aber bewundernswerten Kapitalismus nicht verzichten. Für den Großteil der Geschichte gilt die Unersetzbarkeit des Kapitalismus:

„Die Bourgeoisie hat ganz andere Wunderwerke vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen und gotische Kathedralen, sie hat ganz andere Züge ausgeführt als Völkerwanderungen und Kreuzzüge“, sie belässt nichts, wie es war: „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht.“ Marx hat nichts gegen technischen Fortschritt. Irgendwann werden die Früchte des Fortschritts ja hoffentlich vergesellschaftet sein. Werden die Ausbeuter enteignet, die „Expropriateurs expropriiert“.

Marxens Bewunderung für den technischen Fortschritt ist unermesslich. „Sagt mir niemals dieses dämliche Wort: unmöglich“: Dieser Spruch des Aufklärers Mirabeau, so sieht es Marx, gelte „namentlich für die moderne Technologie“.

In seiner Jugend hatte Marx, unter dem Eindruck der Naturphilosophie Schellings, einige Phrasen von naturalistischem Humanismus und humanisierter Natur abgesondert. Der spätere Verfasser des „Kapital“ war nur noch von den Wunderwerken des Kapitalismus berauscht, denen nichts unmöglich sein wird. Eines fernen Tages werden sie das Eigentum der Proleten werden. Bis dahin gibt es keinerlei Rücksichten auf die Natur zu nehmen.

Marxens Naturfeindschaft wird bis zum heutigen Tage von seinen linken Erben weder durchschaut noch korrigiert. Ihnen – wie selbst der SPD und den Gewerkschaften – geht es immer nur um Arbeiten und Malochen. Arbeiten aber bleibt, was es immer war: „die Welt vernichten oder fluchen“, wie der gnadenlos hellsichtige Hegel formuliert.

Dem Historiker Ranke war die Fortschrittsideologie Hegels zuwider. Sein Widerwille gilt auch Marx und dessen „Heiligen der letzten Tage“. Die Menschheit werde selektiert in diejenigen, die das Werden der Geschichte durch Selbstopferung ermöglichen – und den glücklichen Endgewinnern. Genau das wollte Ranke verhindern, indem er jeder Generation das volle Lebensrecht zusprach:

„Ich aber behaupte: jede Epoche ist unmittelbar zu Gott, und ihr Wert beruht gar nicht auf dem, was aus ihr hervorgeht, sondern in ihrer Existenz selbst, in ihrem eigenen Selbst.“ (Über die Epochen der neueren Geschichte)

Obgleich heute der Neoliberalismus herrscht, der tut, als kenne er keine Geschichte, sondern nur die ewigen Gesetze der Natur, herrscht noch immer das Klima der Selektion. Am Ende der Tage aber erscheinen nicht mehr die Glücklichen, sondern die Unglücklichen.

Die Satten und Mächtigen der Gegenwart sind froh, die besten Jahrzehnte des Kapitalismus, die nun mit erschreckender Geschwindigkeit Abschied nehmen, erlebt zu haben. Mit Stolz blicken sie zurück auf die goldenen Jahre der BRD. Sie waren dabei gewesen, hatten den richtigen Riecher, sich zur rechten Zeit zeugen zu lassen. Wer nach ihnen kommt, den bestrafen sie mit Hochmut.

Eine Greta Thunberg erheben sie zur Heiligen, um sie nach allen Regeln der Kunst ans Kreuz zu nageln. Mit ihr alle jugendlichen Demonstranten, die nichts von Demokratie verstünden, totalitäre Forderungen stellten, zu Kompromissen unfähig seien.

Greta, so die WELT, habe nicht mal Achtung vor dem Amt – des amerikanischen Präsidenten. Wir sind zurück im lutherischen Absolutismus, als noch galt: Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. Oder theologisch: Es gibt keine Obrigkeit, die nicht von Gott wäre. Die rechten Kräfte befinden sich nicht am Rand der Gesellschaft, sondern in der abendländischen Mitte.

Ein noch zweifelhafteres Lob erhält Greta von einem Artikel, der Nietzsche von aller Schuld frei spricht, das Dritte Reich vorbereitet zu haben. Wo kämen wir hin, wenn wir unsere deutschen Genies dem Verdacht des Bösen überließen? Nein, der Verherrlicher der Gewalt und des Übermenschen wäre heute so etwas – wie Greta:

„Es herrscht weithin Einigkeit unter Nietzsche-Experten, dass die Nazis Nietzsche grob missverstanden. Zwar pries er in seiner Genealogie der Moral "die prachtvolle, nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie", aber die Germanen-Tümelei der Nazis wäre ihm viel zu blöd gewesen. Er kritisierte die jüdische Religion, war aber keineswegs ein Antisemit. Er entwickelte die Idee des Übermenschen, verachtete aber politische Demagogie und hätte vermutlich auch die Gestalten des heutigen Rechtspopulismus verachtet. Eher wäre Greta Thunberg, die unbeirrbare Vorkämpferin der Fridays-for-Future-Bewegung, ein Übermensch in seinem Sinne“. (ZEIT.de)

Das kann man nur Volltrunkenheit der Deutschen an ihrem eigenen Wesen nennen. Seit der Klimakrise wenden sie sich weg von der Zukunft und zurück in jene Vergangenheit, in der deutsche Denker der Welt den Weg wiesen.

Eben noch erbosten sich die Edelschreiber über alle Rückwärtsschauer, die angeblich dem Motto folgten: früher war alles besser. Nun werden sie selbst ihrer Zukunftsvergötzung untreu und schauen zurück, als Deutschland noch eine führende Wirtschaftskraft war. Alles vorbei, Tom Dooley, bald werden sie mit dem Flieger nicht mal ihre Lieblingsinsel besuchen können, weil dort die letzten Wälder abgebrannt sind.

Die Kanzlerin ist aus dem Urlaub zurück, nun wird sie energisch die Welt retten: wäre doch gelacht, wenn wir das nicht schafften. Das wäre nicht mehr mein Volk, wenn am deutschen Wesen die Welt nicht genesen würde.

Sprachs und unterschrieb den Handelsvertrag mit südamerikanischen Staaten, die mit dem Vertrag zur Abholzung der Wälder und zum naturwidrigen Anbau von Sojafutter für europäisches Vieh geradezu genötigt werden.

Widersprüche sind in Deutschland keine Heucheleien, sondern dialektischer Motor der Entwicklung. Wie sie ihrem Gott nachsehen, dass er mit antinomischen Widersprüchen die Welt regiert, so schauen sie durch die Finger, wenn sie ständig links blinken und rechts abbiegen.

Dank sei der „Natur für die missgünstig wetteifernde Eitelkeit, für die nicht zu befriedigende Begierde zum Haben oder zum Herrschen“ (Kant), die es uns ermöglicht, unsere unerträglichen Widersprüche in Direktiven des Fortschritts umzumünzen. Und alle klatschen Beifall.

Der SPIEGEL brachte einen erfreulichen Artikel über das Leiden der Kühe, stellvertretend für das Leiden aller Tiere:

„In Deutschland leben 27 Millionen Schweine, 12 Millionen Rinder und 160 Millionen Hühner, die übergroße Mehrzahl in Massentierhaltungsbetrieben. Es gibt mehr Nutztiere als Menschen. Politiker haben das Thema entdeckt, appellieren an den Verbraucher, diskutieren über das Tierwohl oder fordern eine höhere Mehrwertsteuer auf Fleisch. Doch ihre Entscheidungen sind bisher kosmetischer Natur; ein umfassender Gestaltungswille fehlt.“ (SPIEGEL.de)

Vor Jahrzehnten schrieb Jeremy Rifkin sein aufrüttelndes Buch „Das Imperium der Rinder“, in dem er den gigantischen Komplex des Rinderhaltens auf Kosten der Natur schildert. Endlose Rinderherden für die Reichen der Welt müssen ernährt werden mit Nahrungsmitteln, die den Armen der Welt vorenthalten werden. Natur als ökologische Ressource wird zerstört, damit der Westen sich mit standesbewussten Hamburgern und Steaks den Wanst füllen kann:

„Der europäische Rinderkomplex hat die Ökologie der Erde nachhaltig verändert, die Fauna und Flora der Eingeborenen-Kulturen verdrängt und vernichtet. Die Übergriffe zerstören die Biosphäre und gefährden die Stabilität und Lebensfähigkeit gewachsener biologischer Systeme. Die Rinder zählen zu den größten Gefahren, denen unser Planet heute ausgesetzt ist. Wenn wir das Gleichgewicht unserer Ökosysteme wiederherstellen wollen, müssen wir uns klar machen, welche Rolle die Rinder bei der Zerstörung der Biosphäre spielen.“ (Rifkin)

Das Werden der Kultur schließt das Werden der Natur aus. Die Segnungen des Fortschritts auf Kosten der Natur haben die Probleme derart in die Höhe getrieben, dass die Segnungen zu Flüchen wurden.

Die Abendländer vernarrten sich in den Glanz ihrer Kultur ohne die Schattenseiten des Fortschritts wahrzunehmen. Schattenseiten waren das gräßliche Quälen und Abschlachten immer größerer Tierherden inmitten einer allgemeinen Naturfeindschaft.

Jahrhunderte lang ertrug die langmütige Natur die Rücksichtslosigkeit des Menschen auf ihre Kosten. Nun ist Schluss. Die Natur ist am Ende ihrer Geduld angekommen. Nach Hörensagen soll sie sich den Vorwurf machen, allzu helikopterhaft ihre menschlichen Sprösslinge verwöhnt zu haben. Doch pädagogisch, wie sie ist, schlägt sie nicht gleich mit dem Vorschlaghammer zu, sondern sendet uns allmählich wachsende Warnzeichen.

Noch können wir umkehren und zur Kenntnis nehmen, dass wir unsere Taten nicht sehen wollten. Gebannt schauten wir auf die glitzernden Fassaden unseres Fortschritts und unserer Hochkultur. Die brillante und erfolgreiche Kultur sahen wir im Licht, die Tiere im Dunkeln der Natur sahen wir nicht:

„Unsere Gesellschaft erkennt das individuelle Böse, das einem anderen körperlichen Schaden zufügt. Aber eine andere und weit gefährlichere Form des Bösen, das durch Technologie, wirtschaftliche Ziele und politische Zwänge hervorgebracht wird, wird bis heute nicht beachtet.“ (Rifkin)

Einzelne werden an den Pranger gestellt, der naturvernichtende Prozess der Geschichte wird ungerührt vorangetrieben.

Wie immer sind die Kirchen die Verteidiger der Naturverbrechen im Namen des Heiligen:

„Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen.“

„Augustin verweist auf Texte des Neuen Testaments, worin Jesus einen Feigenbaum verdorren und eine Herde Schweine ertrinken lässt und ernsthaft beteuert, „wonach es der Gipfel des Aberglaubens wäre, das Töten von Tieren und Vernichten von Pflanzen zu unterlassen.“ (Peter Singer, Praktische Ethik)

Peter Singer, australischer Philosoph, scheint nicht bemerkt zu haben, dass die deutschen Grünen im Namen Jesu die Schöpfung bewahren. Seine antichristlichen Attacken hätte er sofort beendet.

 

Fortsetzung folgt.