Von vorne XXVII

Tagesmail - Montag, den 24. Juni 2019

Von vorne XXVII,

es ist nicht der erste Mensch in der BRD, der von Rechten getötet wurde. Es ist der erste prominente Politiker, bei dem die Republik aufschreit. In Mölln gab es nicht einmal „Beileidstourismus“.

Nun werden die Politiker energisch, drohen den Verdächtigen mit Entzug der Grundrechte – gemäß dem Gesetz oder außerhalb des Gesetzes? Scheint keine Rolle zu spielen. Wir nähern uns dem gefühlten Notstand, der alle Mittel erlaubt. In der Handhabung des Gesetzes sind die Deutschen a) lässig bis zur Ignorierung der Exekutive: haben wir es immer noch nötig, law und order zu befolgen? b) Wenn aber das Schiff leckt, schlagen sie zu, dass es rauscht im Blätterwald.

Erinnerungen an Weimar? Kann nicht sein, darf nicht sein. Geschichte wiederholt sich doch nicht, sie darf sich nicht wiederholen. Man müsste ja zurückschauen, anstatt den Blick starr in die Ferne zu richten.

Nun warnen sie wieder – mit aller Entschiedenheit. Doch niemand weiß, wie er die Warnung befolgen soll. Krankheiten kann man vermeiden, indem man gesund lebt. Wie kann man Mord und Totschlag vermeiden, wenn man die Ursachen nicht kennt? Wie kann man Ursachen bekämpfen, wenn sie per Ukas der Fortschrittler abgeschafft wurden?

Was bleibt, wenn es keine Ursachen mehr gibt? Dann gibt es das Böse. Das Böse tritt auf, wenn Ursachen abgeschafft wurden. Es ist das stellvertretende Prinzip, das alle Fragen durch Reduktion kognitiver Dissonanz schnell, allwissend und radikal mit einer Antwort zum Schweigen bringt.

Ursachenforschung ist langsam, tastend und hypothetisch, Bekämpfung des Bösen hingegen ist für Dumme und Unterkomplexe. Sie beten am liebsten ...

... zum Teufel, dem Vater alles Bösen, da können sie nicht fehl gehen. Ursachen darf es bei ihnen schon deshalb nicht geben, damit niemand auf die Idee komme, Probleme zu lösen, indem man Ursachen bekämpft. Zu simpel, sagen die Gelehrten, die als Hüter des unlösbar Komplexen am liebsten an das Böse glauben, die simpelste Form des Dummen. Was uns schadet, muss böse sein. Wäre es gut, würde es uns nützen. 

Probleme lösen, hieße Harmonie herstellen. Das wäre das Verderblichste. Harmonien lullen ein, machen träge und schläfrig. Harmonie, Frieden, Glück: das sind die übelsten Fortschrittskiller der Moderne:

„... der Mensch verkümmert im Frieden,
Müßige Ruh ist das Grab des Muts.
Das Gesetz ist der Freund der Schwachen
Alles will es nur eben machen,
Möchte gern die Welt verflachen;
Aber der Krieg lässt die Kraft erscheinen,
Alles hebt er zum Ungemeinen,
Selbst dem Feigen erzeugt er den Mut.“

Das war der aus Schwaben stammende große Klassiker. Sein ebenbürtiger Weimarer Kollege wollte da nicht zurückstehen:

„Träumt ihr den Friedenstag;
Träume, wer träumen mag!
Krieg ist das Losungswort,
Sieg!und so immerfort.!“ 

Sieg Heil ist kein Losungswort, das der deutschen Kultur unbekannt wäre: Sieg fürs Irdische, Heil fürs Überirdische, das ist die Hegel'sche Synthese aus Himmel und Erde:

„… jetzt und in alle Zeiten hinein, bis – das Reich Gottes auf Erden verwirklicht werden wird.“ (Sombart, Händler und Helden)

Das war kein lutherisches Jammertal mehr, das war die Erfindung von Gods own country in den Supergehirnen deutscher Denker, übertragen auf Amerika, um den primitiven Calvinismus auf denkerisches Weltniveau zu heben. Die deutschen Denker waren ihres politischen Jammertals überdrüssig, also erhoben sie sich in die Lüfte ihrer himmlischen Sehnsucht, um eines Tages ihren jenseitigen Sehnsuchtsort im Hiesigen zu installieren.

„Amerika ist das Land der Zukunft, in welchem sich die weltgeschichtliche Wichtigkeit offenbaren soll; ist ein Land der Sehnsucht für alle, welche die historische Rüstkammer des alten Europa langweilt.“ (Hegel)

Wovon träumt der deutsche Intellektuelle, wenn er Alexander Kluge heißt? Davon, dass er eines Tages, zusammen mit seinem alten Freund Jürgen Habermas, - in Silicon Valley einmarschieren wird. Dort treffen sie Gleichgesinnte, mit denen sie das Grenzenlose endlich ins Werk setzen können.

Probleme sollen auf Erden gar nicht gelöst werden, das meint das deutsche Volk in inniger Harmonie mit seiner Kanzlerin – die spätestens auf dem evangelischen Kirchentag in die höchste Position rückte, die das christliche Gemeinwesen zu vergeben hat: in die Position der in die civitas dei aufgestiegenen Kanzelpredigerin.

Sie kam, tröstete ihr Volk - und siegte. Ihr Volk sang Halleluja. Ihr Volk möchte nicht mehr von Politik behelligt, es will nur noch getröstet werden. Nur die Jungen scheren aus und wollen die Erde retten. Das kann nicht gut gehen, nicht wahr, Herr Lindner? War es nicht einstmals die Jugend, die einen gewissen Mussolini auf den Thron gehoben hatte? Jugend ist rachsüchtig und amoralisch. Alles, was Spaß macht, wird sie kaltblütig verbieten. In jede Wohnung wird sie eindringen und alles vernichten, was Gott in seiner Güte erschuf, um die öde Lebenszeit erträglich zu machen. 

Umso verwunderlicher, dass auf dem Kirchentag Vulvenanbeterinnen tun durften, als hätten sie Lust auf heidnisches Vergnügen. Hatten sie natürlich nicht, sie waren die Keuschesten der Keuschen. Sie wollten nichts anderes, als mit ihrer Vulva Gott loben, der nach feministischer Theologie kein Phallusträger ist, sondern eine mitfühlende Mutter – wie die lutherische Kanzlerin.

Kirche muss sich ständig beweisen, dass sie en vogue ist, weshalb sie sich alles Zeitgemäße unter den Nagel reißt. Wie sie sich Demokratie und Menschenrechte aneignete – die sie jahrhundertelang mit Feuer und Schwert bekämpft hatte -, um sich heute als Erfinderin jener Ideen zu präsentieren, so machen sie es jetzt mit der Vulva. Seit jeher Sitz der Sünde und Geburtsort des Sünders, wird die Vulva heute leihweise gepriesen, bis sie morgen als Erfindung der Frommen gerühmt wird.

Kirchentage sind Geburtsorte der politischen GAGROKO. Hier sitzen alle einträchtig auf Podien beieinander, verstehen und lieben sich, bis der nächsten Koalition nichts mehr im Wege steht.

Okay, noch ist die AfD ausgeschlossen. Doch das ist Augenwischerei, nur um davon abzulenken, dass fromme Fundamentalisten den Humus rechter Parteien bilden. Man schaue die Funktion der Biblizisten in Amerika und Brasilien. Ohne Rechtgläubige kein Trump, kein Bolsonaro.

Linke und Rechte sind Giftfäden der christlichen Mitte. Die Linken glauben an eine zukünftige Heilsgeschichte in oeconomicis, die Rechten an eine zurückliegende theokratische Idylle. Beide Gärten Eden wollen mit göttlichem Zorn und Eifer verwirklicht werden.

Kommt Weimar über uns? Weimar war das Ergebnis eines verlorenen Krieges, der als Kampf deutscher Helden gegen englische Händler geführt wurde. Nichts Geringeres als ein Gottesbeweis stand auf dem Spiel. Wer war das wahre auserwählte Volk? Die insularen Krämer oder die deutschen Geistesriesen?

„So sollen auch wir Deutsche in unserer Zeit durch die Welt gehen, stolz, erhobenen Hauptes, in dem sicheren Gefühl, das Gottesvolk zu sein.“

Nein, die Krämer gehörten nicht zu den Auserwählten. Zu ihnen gehörten nur drei Völker:

„Das waren die Griechen, das waren die Juden. Und das auserwählte Volk dieser Jahrhunderte ist das deutsche Volk.“ 

Da die Griechen längst untergegangen waren, blieben für den Endspurt nur noch zwei: die Juden und die Deutschen. Da war eins zu viel. Es musste vernichtet werden.

Was hat dies mit uns Heutigen zu tun? Jene Gedanken sind äußerlich untergegangen, innerlich aber ins Unbewusste der Deutschen eingewandert.

Eine Nation soll ein Unbewusstes haben? Hier jaulen alle Sirenen der politischen, soziologischen und ökonomischen Staatswissenschaften. Denn sie wollen seriöse knallharte Wissenschaften sein. Echte Wissenschaften müssen Naturwissenschaften sein, damit sie unveränderlich-berechenbare Gesetze vorweisen können. Eine Gesellschaft muss heute ein Mechanismus sein, keine Vereinigung organischer Wesen, die selbst zum Organismus wird. Nein, keine völkisch-harmonischen Einheiten, sondern nationale Wesen in ihrem Widerspruch.

Wären sie keine Naturwissenschaften, wären sie Geisteswissenschaften der nicht berechenbaren, bloß verstehenden Art. Gelehrte sprechen von nomothetischen und idiographischen Wissenschaften.

„Während das wichtigste Ziel einer nomothetisch verstandenen Wissenschaft die Auffindung und Formulierung von allgemein gültigen Gesetzmäßigkeiten ist (was die Existenz solcher Gesetzmäßigkeiten voraussetzt), liegt das Wesen der idiographischen Wissenschaft in der beschreibenden Untersuchung des Individuellen, Einmaligen und Besonderen. Das idiographische Vorgehen versucht Erscheinungen nicht kausal zu erklären, sondern zielt auf die Interpretation von Erscheinungen mit Hilfe von Intentionen (Absichten) und Motiven sowie Zielen und Zwecken ab.“

Jetzt haben wir den wissenschaftlichen Grund gefunden, warum es in den Politwissenschaften, die leichtsinnigerweise nicht nomothetisch sein wollen, keine Ursachen geben kann. Weil bei ihnen keine naturwissenschaftlichen Kausalitäten zu finden sind. Allgemeine Gesetze gibt es nicht. Es gibt nur das Individuelle und Einmalige, das sich der mechanischen Erfassung entzieht.

In der Psychotherapieforschung gab es einen Grundsatzstreit über die wissenschaftliche Qualität der Therapien. War die Freud'sche Psychoanalyse wissenschaftlicher als die Skinner'sche Verhaltenstherapie? Die Psychoanalyse verlor den Streit, weil sie wie eine schamanenhafte Deutungsmethode daherkam, die Verhaltenstherapie aber nomothetische Gesetze weitaus eindrucksvoller simulieren konnte. Das war der Grund, warum die Analytiker, einst Könige der Nachkriegstherapien, in der Bedeutungslosigkeit verschwanden. Kein Mitscherlich, kein Richter mehr, die sich heute noch trauen würden, mit Hilfe des Unbewussten auch die politische Szenerie aufzumischen.

Denselben Streit gab es im 19. Jahrhundert in der Ökonomie. Dem naturwissenschaftlichen Kapitalismus der Engländer stand die historische Schule der Deutschen gegenüber, die leugneten, dass die Ökonomie wie ein Uhrwerk berechnet werden kann. Stattdessen setzten sie auf individuelle Faktoren, die in jeder Nation anders waren. Einerseits führte das zu nationalistischen Erklärungsmustern (unsere historischen Prägungen sind die allerbesten), andererseits aber zu dem Schluss: Ökonomie entstand aus einem Gemisch moralischer und amoralischer Beweggründe. Also kann es für eine Gesellschaft nur nützlich sein, wenn das dunkle Gewirr historischer Motivationen erforscht, aufgeklärt und durch rationale Moralgründe ersetzt wird. Wo Es war, soll Ich werden.

Die Anhänger der historischen Schule (Schmoller etc.) wollten eine moralische Wissenschaft mit moralischen Entscheidungen zu einer verantwortbaren Wissenschaft erheben. Also gründeten sie den berühmten Verein für Socialpolitik, um in die Politik einzugreifen, was ihnen die spöttische Bezeichnung „Kathedersozialisten“ einbrachte. Doch der grundlegende Streit ließ nicht auf sich warten. Heute gilt die historische Ökonomie als widerlegt, an ihre Stelle trat die ehemalige Gegnerin aus England.

Der Werturteilsstreit zwischen dem Österreicher Carl Menger und dem Deutschen Schmoller wurde von Max Weber eindeutig zugunsten der „positivistischen“ Ökonomie entschieden. Aus der österreichischen Schule stammten L. von Mises und F. A. von Hayek, die mit dem naturwissenschaftlichen Neoliberalismus die Welt eroberten und soziale Moral zum Gedöns erklärten.

Diese Abwertung wurde inzwischen selbst von ehemaligen Proletenparteien übernommen, die begehren, in der Weltliga evolutionärer Wirtschaftswissenschaften gleichberechtigt mitzuspielen. Einerseits soll ihre Sozialpolitik moralisch sein, andererseits müssen SPD-Ökonomen auf der wirtschaftlichen Weltklaviatur spielen können, um ihre neu erworbene wissenschaftliche Reputation unter Beweis zu stellen.

Das ist das Doppelgesicht der SPD-Parteien, die den Wissenschaftlern Wissenschaftler und den Moralisten Moralisten sein wollen. Was im Umkehrschluss bedeutet: Wissenschaftlern der anderen Parteien können sie gelegentlich moralistisch in die Parade fahren, Moralisten aber wissenschaftlich. Das ergibt muntere Kreuz- und Querscharmützel ohne Sinn und Verstand.

Das ist der eine Grundsatzstreit, der neu aufgerollt werden müsste. Der andere wäre das marxistische Erbe der Partei, das als Analyse wissenschaftlich sein will, als politische Praxis aber wie eine Heilsgeschichte auftritt, die jede Autonomie politischer Betätigung ausschließt.

Neue Führungsriegen allein werden es nicht bringen. Das kollektive Bewusstsein muss in sich gehen und Licht in seine wirre Vergangenheit bringen. Alles andere ist Haschen nach Wind. Wir leben in einer Umbruchphase, die, um des puren Überlebens willen, alles auf den Prüfstand setzen muss.

Wenn die Erwachsenen sich verweigern, werden die Jungen kommen und sich Schritt für Schritt in den dunklen Schacht der Erinnerung vorarbeiten. Was ist das Gemeinsame unserer Zeit mit jenen Zeiten, in denen Demokratie, griechische Philosophie und das Urchristentum entstanden?

Wir müssen die Versteinerungen der Kultur bis in die Urelemente zerlegen und neue Grundsatzdebatten führen, wie sie in jenen Urzeiten geführt wurden. Ein wenig nach links oder rechts steuern wird uns in den Abgrund stürzen. Die Griechen setzten auf Autonomie des Menschen, das Urchristentum auf Heteronomie. Das Abendland wurde zum verwirrten Wollknäuel aus beiden, sich ausschließenden Elementen.

Trump, der Wüstling, ist Vorreiter eines rücksichtslosen Ehrlichmachens, indem er die Biedermasken der Ehrbarkeit abreißt und ahnen lässt, was sich hinter den Fassaden der tönernen Sprüche verbirgt. Ständig ist davon die Rede, dass Trump die Welt verändert hat. Unsinn, er hat sie nur verändert, indem er sie – auf der Ebene der Habgier und des Machtstrebens – sichtbar gemacht hat. Nun sehen wir, was wir bislang vermuten und deuten mussten.

Die egoistische Maske ist allerdings auch nur eine Schicht des westlichen Menschen, hinter der sich noch ganz andere Fähigkeiten verbergen, die von den Jungen transparent gemacht werden. Im Urgrund ist der Mensch dem Menschen kein Wolf, sondern ein Mensch – sofern er die dringliche Lektion des Hier und Jetzt lernt und mit allen Menschen eine solidarische Überlebenskoalition schmiedet. Wir können es, also sollen wir es.

Die Deutschen schauen nicht zurück in die Vergangenheit, sie wollen nicht wissen, wer sie sind. Ihre Vergangenheit liegt nicht hinter ihnen, sondern in ihnen. Es ist ihr kollektives Unbewusstes.

Sombarts hasserfüllte kriegshetzende Schrift: „Händler und Helden: patriotische Besinnungen“ ist eine Fundgrube der Erkenntnis des deutschen Nationalcharakters. Aggressive Formulierungen sind zumeist ehrlicher als wohltemperierte Höflichkeiten – weshalb der Shitstorm des Netzes sich grässlich und bedrohlich anhört, gerade deshalb aber aufschlussreicher das unterdrückte Unbewusste des Volkes (wozu auch die Eliten gehören) zeigt als über-ich-gesteuerte Korrektheiten.

Man könnte hypothetisch behaupten: noch immer sind die Deutschen england-kritische Kapitalismusgegner, wie Sombart sie in seiner Hetzschrift darstellt. Mit dem kleinen Unterschied, dass die kritische Schicht längst ins Unbewusste abgeglitten und nur noch atmosphärisch zu spüren ist. Oberflächlich entpuppten sie sich als Musterschüler, die die Lektionen ihrer Befreier vorbildlich in ihrem Über-Ich speichern. Das ging gut, solange der Wohlstand ihnen vorgaukelte, im neuen Garten Eden angekommen zu sein. Nun bricht alles zusammen, wenn es nicht so schnell wie möglich überlebenstauglich gemacht wird.

Die ersten deutschen Kritiker des englischen Kapitalismus waren – Romantiker. Kant soll Adam Smith gelesen haben, mangels eigener Erfahrungen aber blieb seine Lektüre folgenlos. Die Sucher der blauen Blume waren zum ersten Mal entsetzt über Fabriken mitten auf der Wiese, die mit Rauchschwaden ihr sensibles Gemüt vernebelten. War das Zeugnis ihrer Sinne nicht falsch, so ging ihre Kritik dennoch in die Irre, weil sie sich nach einem idealen, mittelalterlichen Gottesstaat zurücksehnten.

Auch Marx blieb Romantiker, wenn auch auf der Grundlage einer ausgefeilten ökonomischen Analyse. Deren Wert aber politisch fast bedeutungslos wurde, weil seine revolutionären Erwartungen in theokratischen Fesseln erstarrten. Nicht als Sehnsucht zurück ins Mittelalter, aber als Erlösungssehnsucht voraus in die Zukunft nach dem, was die Heilsgeschichte in völliger Gewissheit bringen wird.

Aus der Sicht der Deutschen, die Sombart zusammenfasste, waren die Engländer deshalb zu einem Volk der Händler geworden, weil sie einer Philosophie des Glücks anhingen. Es ging um das "größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl", wie Benthams utilitaristische Formel lautete.

„Auf eine Grundformel reduziert besagt der Utilitarismus, dass eine Handlung genau dann moralisch richtig ist, wenn sie … die Summe des Wohlergehens aller Betroffenen, maximiert.“

Bei vergnügungssüchtigen Moralzwecken schrien die deutschen Philosophen auf. Vor allem die Kantianer, deren strenge Pflichtvorstellungen sich von allen Glückszwecken befreien mussten, um nicht fremden Göttern zu verfallen. Eine kategorische Pflicht will Pflicht um ihrer selbst willen sein, sie durfte sich durch Lohn oder Strafe nicht ablenken lassen. Man sieht, dass Kant die christlichen Motive himmlischen Lohns und höllischer Strafe strikt ablehnt. Mündige Moral hat autonom zu sein oder sie ist nicht mündig.

Das glücks-abweisende Motiv der Ethik findet sich noch heute im Jammern der Deutschen über ihren Wohlstand, den sie nicht einhellig als gut empfinden. Warum sind sie unzufrieden mit ihrem Reichtum? Weil sie trotz aller Bemühungen nicht verdrängen können, wie viele Menschen im In- und Ausland von diesem Luxus ausgeschlossen sind. Um die dumpfen Unlustgefühle zu überdecken, verfallen sie einer reaktionär-auftrumpfenden Überbetonung ihres „hart erarbeiteten“ Wohlstands.

Als Gewährsmann seiner Glücksverachtung zitiert Sombart Friedrich Nietzsche:

„So will ich ihnen vom Verächtlichsten sprechen: das aber ist der letzte Mensch … Wir haben das Glück erfunden, sagen die letzten Menschen und blinzeln.“ „Überwindet mir, ihr höheren Menschen … das erbärmliche Behagen, das „Glück der Meisten“.

Noch gravierender als die Verachtung des Glücks ist die Verachtung – des Lebens. Nicht Überleben und gutes Leben, wie bei Aristoteles, ist das höchste Ziel des Lebens, sondern die heldenhafte Einstellung zum Tod. Die Bereitschaft zum Tode in Krieg und Frieden ist die höchste Einstellung des Helden zum Leben - im Gegensatz zum ehrlosen Klammern der Mammonisten an das schnöde Leben.

„Es ist nicht nötig, dass ich lebe; wohl aber, dass ich meine Pflicht tue und für das Vaterland kämpfe, um es zu retten, wenn es noch zu retten ist.“ (Friedrich II.)

„Navigare necesse, vivere non est“, Seefahren muss man, leben nicht.

Dieses Motiv ist noch heute mit Händen zu greifen als Verbot, alles zu tun, um das Überleben zu sichern. Wer wird denn verächtlich am Leben hängen, dass er nicht seine Pflicht täte, um den Progress ins Unendliche zu sichern? Überleben ist nichts, mörderisches Risiko ist alles. Fortschrittswahn ist kein Behagen am Erreichten, sondern im Gegenteil: ich riskiere alles, auch wenn ich im Nichts versinke.

„Verbrennen musst du dich in deiner eigenen Flamme, wie wolltest du neu werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist...“. „Auch das Größte gibt sich noch hin und setzt um der Macht willen – das Leben dran. Das ist die Hingebung des Größten, dass es Wagnis ist und Gefahr, und um den Tod ein Würfelspielen ... Ich liebe den, der über sich selber hinaus schaffen will und so zugrunde geht.“

Indem der Deutsche im „Aufgeben seiner selbst über die Schranken seiner Leiblichkeit hinauswächst und sich mit dem Reiche der Geister wieder vereinigt, kehrt er in seine Heimat zurück.“

„Es ist aber die lichteste Eigenart unseres deutschen Denkens, dass wir die Vereinigung mit der Gottheit schon auf Erden vollziehen, nicht durch Abtöten unseres Fleisches und Willens, sondern durch kraftvolles Handeln und Schaffen.“

„Der Händler tritt an das Leben heran mit der Frage: was kannst du mir geben? Er will nehmen, für wenig Gegenleistung möglichst viel für sich kassieren. Mit dem Leben will er einen Deal machen; das macht: er ist arm.“

„Der Held tritt ins Leben mit der Frage: was kann ich dir geben? Er will schenken, sich verschwenden, will sich opfern. Das macht: er ist reich.“

Noch immer sind die Deutschen Helden, die sich verschwenden und den Tod riskieren. Leben in Wohlstand wird langweilig und unerträglich. Haben sie sich das Paradies auf Erden wirklich verdient? Sind sie ihrem Heldentum nicht untreu geworden und der seichten Lust der Krämer verfallen?

Nie gab es so glückliche Zeiten wie in der Nachkriegszeit, heißt es bei ihnen immer öfter – mit deutlichen Anzeichen eines schlechten Gewissens, für das sie nun büßen müssen. Sie haben gegen das Gebot verstoßen: habet nicht lieb die Welt; wer die Welt liebt, liebt nicht den Vater.

Aus Heldengründen brauchen sie eine gelernte Magd Gottes, die ein Wort für sie einlegen wird beim himmlischen Vater – damit sie nicht als Händler befunden werden und durchs Raster fallen.

Deutschlands Demokratie ist eine gefühlte Theokratie.


Fortsetzung folgt.