Von vorne XXVI

Tagesmail - Mittwoch, den 19. Juni 2019

Von vorne XXVI,

Deutschland ist zurück auf dem Weltgipfel. Das Land der Täter kann sich wieder blicken lassen: es hat die mächtigste Frau und den bekanntesten Philosophen der Welt. Macht und Denken haben sich wieder gefunden.

Obgleich die Deutschen vom Dichten und Denken nichts mehr halten, sind sie stolz auf einen Denker, der sich in allen Ländern der Erde einen Namen gemacht hat. Obgleich sie Moral und „tiefgründelnde Gespräche“ verachten, sind sie stolz auf einen schwer verständlichen Moralisten, der den demokratischen Prozess als gleichberechtigtes Gespräch bezeichnet.

Modern, wie der Philosoph sein will, spricht er nicht von Gespräch oder Dialog, sondern von Diskursethik oder Kommunikation unter idealen Bedingungen. Gibt es ideale Inseln der Verständigung mitten in nichtidealen, wirtschafts-dominierten Gesellschaften?

Die Medien überbieten sich in Lobreden. Können sie sich doch zwei Tage lang von einem amerikanischen Präsidenten ablenken lassen, der den Namen des Jubilars nie gehört hat, unter Kommunikation vor allem Propaganda und Hetzreden versteht und dennoch die besten Chancen hat, zum konkurrenzlosen Kandidaten seiner Partei gekürt zu werden.

Macht und Denken bildeten in Deutschland seit Ende der Aufklärung eine Symbiose. Denken als Macht der Argumente galt nichts mehr. Also musste der Gedanke von der Gewalt unterstützt werden – um das machtlüsterne Denken ans Ziel zu bringen.

Nachdem die Epoche der Aufklärung nichts als Niederlagen gebracht, die damals aufgeklärteste Nation Deutschland überfallen und zur Bedeutungslosigkeit verurteilt hatte, musste das Denken sich mit staatlicher Macht verbinden, um die ...

... Schmach der Zurückgebliebenen zu tilgen und ihr eine glanzvolle Zukunft zu verheißen, in der das Denken mit eiserner Faust die Wirklichkeit regieren würde.

„Wenn die Tatsachen nicht mit der Theorie übereinstimmen, umso schlimmer für die Tatsachen.“ (Hegel)

Das war die Kriegserklärung der Theorie an die Wirklichkeit. Wer sich nicht dem Weltgeist fügt, wird fügsam gemacht.

„Was vernünftig ist, das ist wirklich, und was wirklich ist, das ist vernünftig. Die Wahrheit der Welt ist diese Macht; sie ist die Macht der Weisheit, die absolut allgemeine Macht. Die weise Macht ist der absolute Prozess in sich selbst; sie ist die weise Macht, eine Welt zu setzen, die Zwecke in sich hat. Die Schöpfung ist nicht Tun der Macht als Macht, sondern als weiser Macht, denn erst die die Macht als Weisheit bestimmt sich.“ (Hegel)

Als junger Theologiestudent war Hegel einer der leidenschaftlichsten Kritiker des Christentums und Bewunderer der autonomen Griechen. Als er sich nicht erklären konnte, wie die bewunderte Theorie der Griechen von der Macht des Christentums überwunden werden konnte, geriet er in eine große Krise – die er erst bewältigen konnte, als er beide Elemente miteinander verband, nolens oder volens.

Es entstand das dialektische Denken, das Widersprüche zusammenzwingt, ob sie unverträglich sind oder nicht. Nicht logisches Denken entschied über ihre Verträglichkeit, sondern die Macht des Faktischen.

Nein, die Kanzlerin als Verkörperung der Macht verträgt sich – vordergründig – nicht mit der Theorie des Philosophen Habermas. Für deutsche Edelschreiber aber kein Hindernis, die beiden dialektisch zur nationalen Einheit zu zwingen. Sie bewundern Deutschland, vor allem sich selbst, die Tatsachen und Theorien, Fakten und Träume, mühelos verknüpfen können.

Einer der verheerendsten Begriffe der deutschen Geschichte bis heute ist der Begriff Dialektik. Ursprünglich bedeutete er nichts als Dialog, Unterredungskunst. Im sokratischen Dialog prallen die Widersprüche der Streitenden aufeinander, um durch die mäeutische Methode nach Möglichkeit aufgelöst zu werden.

Die Mäeutik ist den Hebammen nachgeahmt, also eine weibliche Methode der Verständigung. Sokrates‘ Mutter war Hebamme. Die gemeinsame Erkenntnis, wonach gesucht wird, birgt jeder in sich wie die Mutter den Embryo. Niemand ist auf die Erkenntnisse anderer angewiesen, jeder besitzt alles, was er braucht als Naturgabe in sich. Nur in der Entfaltung dieser Gaben sind alle vom öffentlichen Gespräch abhängig.

Es gilt, die versteckten Erkenntnisse ans Licht zu bringen. Das geschieht durch Anamnese, Rückerinnerung. Wenn ich herausfinde, wie meine Erkenntnisse entstanden und sich biografisch entwickelt haben, habe ich die Chance, im Vergleich mit der Entwicklung meines Streitpartners, meine, von äußeren Bedingungen erzwungene Abirrung von der natürlichen Wahrheit zu erkennen. Beide Dialogpartner vergleichen anamnestisch ihre individuellen Entwicklungen, um, nach primärer Übereinstimmung, die Unterschiede festzustellen und auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen. An solchen Stellen entsteht der Aha-Effekt, wenn ich plötzlich auf die Ursache meines Irrtums stoße.

Wir alle haben dieselbe Vernunftquelle in uns, es ist die Quelle der Natur. Verschiedene Kulturen erzwingen verschiedene Wahrheiten, die ihrem ursprünglichen Instinkt entfremdet wurden. Wer an eine gemeinsame Vernunft glaubt, glaubt an eine gemeinsame Natur.

In christlichen Kulturen ist der Glaube an die Natur eine gotteslästerliche Abirrung vom Glauben an einen übernatürlichen Gott, der seine Wahrheit den wahrheitsunfähigen Geschöpfen einimpft. Da die Wahrheit sich an einem übernatürlichen Gott orientiert, kann sie keine Naturgabe sein. Der Geist des Menschen ist etwas, was die Natur übersteigt, ja, ihr widerspricht.

Der Geist des Naturmenschen widerspricht nicht der Natur, sondern bringt sie zur Entfaltung. Werde, der Du bist: der Geist des Menschen ist Natur, die sich entwickelt – zur denkenden, bewussten Natur.

Im christlichen Sinn bedeutet der Satz: werde der du bist, verlasse und vernichte die Natur und werde ein von Gottes Geist geprägtes Wesen. Wer Geist hat, muss die Natur vertilgen: in sich und außer sich. Ein geistreicher Mensch ist, im christlichen Sinn, ein Mensch, der die Natur negiert und vernichtet.

Einen christlichen Dialog kann es nur geben als Vergewisserung der übernatürlichen Offenbarungswahrheit, von der die Menschen einst abgewichen sind. Ist ein Priester als Sprachrohr Gottes beteiligt, gibt es kein gleichberechtigtes Gespräch: jener Unfehlbare predigt und dekretiert, der Sünder muss einsehen und bereuen.

Mit der sokratischen Mäeutik setzt Habermas sich nicht auseinander. Die Griechen sind ihm ferne und haben der Moderne nichts zu sagen. Und doch, sofern seine Aussagen über Diskursethik demokratisch sind, sind sie identisch mit griechischen Vorstellungen – ohne, dass Habermas die Originalquellen seiner Überzeugungen kenntlich machen würde. Er tut, als hätte er den Diskurs gerade erfunden.

Im Dialog gibt es Widersprüche, die sich auflösen können, wenn die beiden Anamnesten die Ursachen ihrer Abweichung erkennen und mit Aha-Effekt – „hier also liegt der Hund begraben“– die verbindende Wahrheit entdecken. Da die Griechen sich an der Logik des Widerspruchs orientierten, konnten sie ihre unterschiedlichen Meinungen nur überwinden, wenn sie die Widersprüche aufdeckten.

Dialektische Einigung ohne logische Übereinstimmung konnte sich in Athen nicht einstellen. Der Dialog war nicht Kontrahent der Logik.

Anders in der Moderne bei Hegel. Widersprüche waren hier nicht nur logischer Art, sondern „reale Widersprüche“ im Leben der Menschen. Also Spannungen zwischen den Menschen, Klassenkämpfe, Unterschiede der Macht und Interessen.

Die harten Widersprüche in Raum und Zeit lassen sich durch logische Mäeutik nicht beheben. Sonst hätte das Bewusstsein die Kraft, die Widersprüche des Seins zu beheben. Das war ausgeschlossen. Das Sein selbst musste die Widersprüche aufheben, indem die Geschichte nach eigenem Ermessen die Widersprüche ausbrütet und eines fernen Tages zur Explosion bringen wird. Geschichte verursacht und löst die Probleme nach eigenem Gutdünken. Dem Menschen bleibt nur die Möglichkeit, den Automatismus der geschichtlichen Entwicklung ein wenig zu beschleunigen – oder nicht. Das ist die letzte Reminiszenz von Marx an die Griechen, über die er seine Doktorarbeit geschrieben hatte.

Bei den Griechen waren Widersprüche der Realität die Folgen widersprüchlicher Bewertung der Realität, also Widersprüche des Denkens. Klassenkämpfe konnten nur entstehen, weil die Reichen unter Gerechtigkeit etwas anderes verstanden als die Armen. Hätten sie sich theoretisch auf dieselbe Bedeutung von Gerechtigkeit geeinigt, hätte es keinen Grund gegeben, die ungerechten Verhältnisse zu verteidigen. Die Behebung realer Konflikte wäre ohne Behebung der logischen Widersprüche unmöglich.

Anders in der Moderne. Hier entwickelt sich alle Realpolitik ohne Zusammenhang mit dem logischen Denken des Bewusstseins. Das Sein agiert despotisch und fragt nicht nach subtilen Widersprüchen des Bewusstseins, das sich sklavisch nach ihm richten muss.

Reale und bewusstseinsmäßige Widersprüche haben nichts miteinander zu tun. Das allmächtige Sein gebiert die Kämpfe und wird sie eines Tages wieder beenden. Der Name des Seins sei gelobt.

Die realen Widersprüche sollen auch gar nicht zum Verschwinden gebracht werden – selbst, wenn man es könnte. Denn Widersprüche sind der Motor des Fortschritts. Widersprüche auf der Ebene geschichtlicher Realität sind Kämpfe zwischen dem Guten und Bösen. Erst die Energie dieses Kampfes bewegt die Geschichte nach vorne.

Ohne Böses geht es nicht. Theologisch gesprochen: Gott kann nichts bewegen ohne Mithilfe des Bösen, das seinen Willen zwar durchkreuzen will, diesen aber wider Willen in Heilsgeschichte übersetzen muss, bei Marx in die Heilsgeschichte der materiellen Verhältnisse, die eines Tages ins Reich der Freiheit münden werden.

Der letzte Grund des dialektischen Kampfes der Moderne ist die Beantwortung der Theodizeefrage: warum hat Gott das Böse zugelassen? Warum hat er das Teuflische nicht am Anfang der Geschichte in dem Moment aus dem Weg geräumt, als es sich frech und dreist widersetzte? Antwort: nicht, weil er dazu unfähig war, sondern weil er nicht wollte. Das Böse benutzte er als Antrieb der Geschichte, ob es zustimmte oder nicht.  

Es gibt zweierlei Arten von Widersprüchen: die praktischen und theoretischen. Wer logische Widersprüche lösen will, muss ihre Ursachen erforschen, um sie zur Übereinstimmung zu bringen.

Anders bei realen Widersprüchen, denen, nach marxistischer Sicht, der Mensch nur zugucken kann, bis sie sich selbst in die Luft sprengen.

Bei logischen Widersprüchen ist der Mensch autonom, nur seine Denkfähigkeit ist in der Lage, sie zu ergründen und auszuräumen. Bei realen ist der Mensch zur Passivität verurteilt und muss abwarten, bis die Geschichte sich selbst in Wohlgefallen auflöst.

Das hat widersprüchliche Vorstellungen praktischer Politik zur Folge – die im Positivismusstreit, dem Streit zwischen Adorno-Habermas und Popper-Albert, ausgefochten wurden. Ausgefochten werden sollten. Doch die großen Gelehrten versagten, sie redeten wirr aneinander vorbei.

Adorno glaubte weder an Vernunft noch an demokratische Bearbeitung der politischen Probleme. Für ihn gab es keine Lösung, sondern nur Erlösung. Wie bei Marx war die Geschichte eine Heilsgeschichte, die nichts dem Menschen überlässt.

Adorno begnügte sich mit ausschweifenden Beschreibungen der unlösbaren Probleme der Moderne auf allen Ebenen. Sein Ansatz war die „Totalität“: die Beschreibung des totalen Verblendungszusammenhangs der Realität. Dann aber die Hände in den Schoss legen und auf den Heilsautomatismus der Geschichte warten.

Popper wollte von Totalität nichts wissen. Marx war für ihn Historizist, ein Anbeter der automatischen Geschichte. Wer an Totalität glaube, wolle auch eine totale Lösung der Probleme und wäre demnach Anhänger einer totalitären Weltanschauung. In diesem Sinn deutete er auch den Satz: wer den Himmel auf Erden verwirklichen wolle, würde die Hölle errichten. Unter theokratischen Vorzeichen ist der Satz richtig, unter demokratischen Vorzeichen entmündigt er den Menschen.

Popper will einzelne Probleme der Realität herausgreifen und sie – in Analogie zu Naturgesetzen – durch Stückwerktechnologie überprüfen. Überprüfen kann man naturgesetzliche Hypothesen allein durch – Falsifikation, nicht durch Verifikation. Verifizieren sei zu simpel und bringe keine Erkenntnisgewinne. Nur wenn ich meine eigenen Thesen zu widerlegen suche, kann ich ihre Belastbarkeit erkennen.

Solange sie nicht widerlegt sind, könnten sie wahr sein. Eine Falsifikations-Überprüfung hat vielleicht im Theoretischen einen begrenzten Sinn, bestimmt nicht im Praktischen. Würden Politiker Gesetze vorschlagen, die keinen anderen Zweck hätten, als die Widerlegung ihrer offiziellen Ziele, wären die Gesetzgeber auf der Stelle aus dem Amt gefegt. Mag sein, dass der unbewusste Wille vieler Politiker nicht selten die Absicht hat, Gesetze zu verabschieden, die zum Scheitern verurteilt sind, um der Bevölkerung die unlösbare Komplexität der Realität zu demonstrieren. Würden sie solche Absichten aber lauthals propagieren, wären sie weg vom Fenster.

Zudem leidet Poppers Stückwerktechnologie darunter, dass sie kein Ziel hat, an dem die Einzelmaßnahmen koordiniert werden können. Es ergibt sich ein habsburgisch-dekadentes Herumwursteln – das von der preußisch-lutherischen Kanzlerin zur Perfektion gebracht wurde.

Obwohl Habermas sich von der marxistischen Orthodoxie gelöst hat, bleibt er der Magie der Geschichte verhaftet. Bei allem politischen Tun wäre der Mensch davon abhängig, dass die „Geschichte ihm entgegenkomme“.

Habermas ist eine Ausnahme unter den Intellektuellen, indem er sich ständig in die Politik einmischt. Gleichzeitig verschanzt er sich hinter einer Gelehrtensprache, die kein Mensch versteht – nicht mal die Gelehrten. Ein uneitler Aufklärer hätte dem „Volk aufs Maul zu schauen“, sonst meint er es nicht ernst.

An diesem Punkt hat Poppers Kritik an den hohlen Worten der Intelligenzler recht. Womit er vor allem das scholastische Marx-Latein seiner Frankfurter Gegner meinte:

„Jeder Intellektuelle hat eine ganz spezielle Verantwortung. Er hat das Privileg und die Gelegenheit, zu studieren. Dafür schuldet er es seinen Mitmenschen (oder "der Gesellschaft"), die Ergebnisse seines Studiums in der einfachsten und klarsten und bescheidensten Form darzustellen. Das Schlimmste – die Sünde gegen den heiligen Geist – ist, wenn die Intellektuellen es versuchen, sich ihren Mitmenschen gegenüber als große Propheten aufzuspielen und sie mit orakelnden Philosophien zu beeindrucken. Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann.“ (ZEIT.de)

Es gibt Widersprüche a) in der Realität, die wahrgenommen, theoretisch analysiert und praktisch gelöst werden sollten.

Es gibt Widersprüche b) in der Theorie, die durch Ergründen ihrer Ursachen zur logischen Widerspruchslosigkeit geführt werden müssen.

Marxisten und postmarxistische Linke wollen weder logische Widerspruchsfreiheit noch Lösungen politischer Probleme. Warum? Dialektische Widersprüche sind für sie die Hefe im Teig, die ihn zur Reife bringt. Logik ist für sie Tandaradei. Sie müssen nur dafür sorgen, dass die Lok der Geschichte ständig an Geschwindigkeit zulegt. Alles andere müssen sie ihr überlassen.

Wer hingegen mündige Lösungen der politischen Probleme will, muss die praktischen Widersprüche durch theoretisch-widerspruchsfreie und praktikable Politik zu lösen versuchen. Seine Lösungsvorschläge muss er der Öffentlichkeit zur Diskussion vorlegen. Kommt es zu keiner Einigung, muss die Mehrheit entscheiden.

Für Popper sind Natur- und Politgesetze einerlei. Die Ökonomie seines Freundes Hayek betrachtete er als Vorbild einer bestechend logischen Realitätsbeschreibung. Das war Unsinn. Hayek ist kein Stückwerktechnologe, sondern selbst ein Markt-Totalitarist. Der Markt ist unfehlbar und entscheidet allmächtig über das Geschick der Menschen. Was bei Marx totale Geschichte, ist bei Hayek der totale Markt.

Was Popper aber über die dialektische Methode zu sagen hat, ist gültig. Dialektiker würden behaupten, Widersprüche seien unvermeidlich und fortschrittsfördernd. Es gebe, nach ihnen, keine „Notwendigkeit zur Vermeidung dieser Widersprüche. Eine derartige Behauptung läuft auf einen Angriff gegen das sogenannte „Gesetz vom Widerspruch der traditionellen Logik hinaus, ein Gesetz, welches besagt, dass zwei kontradiktorische Aussagen niemals beide zugleich wahr sein können. Wenn sich die Dialektiker nun auf die Fruchtbarkeit der Widersprüche berufen, so fordern sie die Aufgabe der traditionellen Logik. Sie wollen eine neue, eine dialektische Logik. Die Realität aber können wir nur verändern, solange wir entschlossen sind, keine Widersprüche zu dulden.“ (Was ist Dialektik?)

Dialektische Schlampereien, die sich in die deutsche Wirklichkeit einschlichen, prägen den Verfall des rationalen Denkens in allen Bereichen der Gesellschaft. Jeder widerspricht sich nach Belieben von heute auf morgen. Darauf angesprochen kommt die Replik: „Na und? Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“ Der Verfall der logischen Rationalität betrifft nicht nur die Politik, sondern auch die Medien, die sich in der Mitte des Zeitgeistes wohlig tragen lassen. Da jeder die Vergangenheit leugnet, muss er keine Rechenschaft über das Gestern ablegen. Morgen ein Neues.

Auch Habermas legt keinen gesteigerten Wert auf logische Stringenz. Gestern säkularer Aufklärer, der die Vernunft des Menschen betont, heute Anhänger der Böckenförde-Doktrin, die jede Demokratie entmündigt. Womit er die typische Entwicklung eines eifrigen Deutschen zeigt: in der Jugend revolutionär und antiklerikal, im Alter wird Trost gesucht am Altar des Herrn. Demokratie braucht zur Erhaltung ihrer Freiheit – die Rückversicherung zur Religion.

In einem Geheimtreffen mit Kardinal Ratzinger betonte er zuerst die Unabhängigkeit:

„Deshalb gebe es in der Demokratie keine "Lücke", durch die eine "vorpolitische Substanz" eindringen könne, im Übrigen sei sie auch gar nicht notwendig. Denn anders, als Ratzinger glaube, könne der Verfassungsstaat seinen Legitimationsbedarf aus einem "Argumentationshaushalt" bestreiten, der von religiösen Überlieferungen unabhängig ist.“

Um sogleich das Gegenteil zu behaupten und dem späteren Papst den demokratischen Staat als gnadenbedürftiges Geschenk zu Füßen zu legen. Das säkulare Bewusstsein müsse lernen,

„der Religion nicht von vornherein den Wahrheitsgehalt abzusprechen. Dasselbe gelte für den säkularen Staat; auch er dürfe seine "säkularistische" Weltsicht nicht aufspreizen und Religion ignorieren.“ (ZEIT.de)

Das war bereits im Jahr 2004. Inzwischen wischte er die Ambivalenz beiseite zugunsten – der Religion:

„Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben, von autonomer Lebensführung und Emanzipation, von individueller Gewissensmoral, Menschenrechten und Demokratie entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeits- und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative. Auch angesichts der aktuellen Herausforderungen einer postnationalen Konstellation zehren wir nach wie vor von dieser Substanz. Alles andere ist postmodernes Gerede.“ Der „weltweite Prozess der gesellschaftlichen Modernisierung“ habe im 15. Jahrhundert eingesetzt. Habermas zufolge wurde er vorangetrieben durch die Reformation, Luther sowie eine Reihe von Denkern und religiösen Bewegungen.“ („Zeit der Übergänge“, zit. in Wiki)

Rechtsgerichteten Kollegen, die die „Aufklärung durch religiöse Regression über sich selbst aufklären wollten“, hatte er in früheren Jahren vorgeworfen, sie wollten zurück zur Gegenaufklärung. Heute hat er sich jenen in wichtigen Grundsatzfragen unterworfen.

Eine Demokratie, die nicht durch eigene Mündigkeit lebt, sondern von hintergründigen Interventionen des Heiligen Geistes, ist keine Demokratie mehr. Habermas kehrt zurück zum Glauben seines pastoralen Großvaters. Sollte sein neues voluminöses Werk nicht ausdrücklich das Gegenteil behaupten, muss dem greisen Denker bescheinigt werden: er ist der langen Tradition deutscher Pfarrersöhne treu geblieben: eine Prise Vernunft – das Meiste in Gottes Hand.

Einst wollte er sich „vom emphatischen philosophischen Wahrheitsanspruch“ verabschieden. „Dieser elitäre Wahrheitsbegriff der Alten ist ein letztes Stück Mythos“, wohin er nicht zurückwolle. (Die Neue Unübersichtlichkeit)

Alle Wahrheit ist emphatisch. Wer sie bombastisch erhöht, um sie zu erniedrigen, zerstört jede Demokratie, die von der emphatischen Wahrheit des friedlichen Zusammenseins der Menschen lebt.

Da Habermas wieder zurückkehrt zur Naturfeindschaft des Christentums, findet sich in seinen Werken zur ökologischen Frage fast nichts. Die Frage eines Reporters, ob seine frühere Ansicht, es gebe nur eine „theoretisch fruchtbare Haltung gegenüber der Natur, nämlich jene, die an der technischen Verfügbarkeit interessiert ist“, noch immer gelte, beantwortet er:

„Soweit ich sehen kann, bewegen sich diese ökologisch inspirierten Untersuchungen, methodologisch gesehen, im herkömmlichen Rahmen.“ (Interview mit der New Left Review)

Im Jahre 1971 hatte er Löwiths Kritik an der christlichen Naturzerstörung mit Hilfe griechischer Kosmosvorstellungen vom Tisch gewischt. Löwith wisse genau, dass es die eine zeitlos autarke Natur nicht gebe. Es gebe nur eine zweite, menschengemachte Natur, die man nicht verändern könne:

„Heute ist Handeln bis in den Alltag hinein durch eine zur praktischen Gewalt gediehene, ihrerseits wissenschaftlich angeleitete Technik vermittelt.“ (Philosophisch-politische Profile)

Die überschwänglichen Jubiläumsreden schwappen über vom Lob des demokratischen Gehalts des Philosophen. Einen demokratischen Denker vor sich zu haben, ist zweifellos besser als einen Anhänger der konservativen Revolution. Heißt das aber nicht zugleich: es muss außergewöhnlich sein, in einer Demokratie einen demokratischen Denker feiern zu können? Von Marxens demokratie- und moralfeindlicher Haltung hat er sich verabschiedet. Nicht aber von dessen Dominanz der Geschichte und der Vorstellung einer zweiten Natur, die den Menschen berechtige, die erste zu eliminieren.

Als 1850 ein Herr Daumer die Thesen aufstellte: „Natur und Weib sind das wahrhaft Göttliche im Unterschied von Mensch und Mann“, schlug Marx zurück:

„Herr Daumer flüchtet sich vor der geschichtlichen Tragödie, die ihm drohend zu nahe rückt, in die angebliche Natur, d.h. in die blöde Bauernidylle und predigt den Kultus des Weibes, um seine eigene weibische Resignation zu bemänteln. Er versucht, die alte vorchristliche Naturreligion in modernisierter Form herzustellen: „Süße heilige Natur, lass mich gehen auf deiner Spur, leite mich an deiner Hand, wie ein Kind am Gängelband.“ (zit. in Alfred Schmidt; Der Begriff Natur in der Lehre von Marx)

Marxismus und Kapitalismus stimmen überein, dass die große Erlösung oder das Reich der Freiheit am Ende der Geschichte stehen werden, die der „ersten“ Natur den Todesstoß versetzen muss. Von diesen Dämonen hat sich Habermas nicht befreit. Zwischen ihm und seiner Kanzlerin gibt es mehr Ähnlichkeiten, als er wahrhaben will.

 

Fortsetzung folgt.