Von vorne XXIV

Tagesmail - Mittwoch, den 12. Juni 2019

Von vorne XXIV,

„Eine lang anhaltende Hitzewelle mit Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius ist in Nord- und Zentralindien inzwischen zu einer erheblichen Gefahr für Menschen und Infrastruktur geworden. Die extremen Temperaturen lassen den Asphalt auf den Straßen schmelzen. Doch überraschend kommt die Hitze nicht. Seit Jahren sagen Klimamodelle voraus, dass die extremsten Hitzesommer häufiger werden.“ (Spektrum.de)

Ein deutscher Edelschreiber der Spitzenklasse hat das Klimaproblem gelöst und den Indern die tröstliche Botschaft zukommen lassen:

„Warten wir doch ab, bis der Hype abgeklungen ist.“ (WELT.de)

In einem Anhang erläuterte der Trostspender die Gründe seiner Frohen Botschaft:

„Sei stille dem Herrn und warte auf ihn. Wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt. Wir warten der Gerechtigkeit, auf die man hoffen muss. Wir warten auf die Erlösung unseres Leibes. Und wartet, bis seine Feinde zum Schemel seiner Füße gemacht werden.“

Wer warten kann, darf seine Feinde mit Füßen treten, wer diabolischen Aktivismus vermeidet, wird Wunder erleben. Es gibt kein Harren ohne erhofften Lohn. Ein Experte des Abwartens, rein zufällig ein Gottesgelehrter, weiß, warum Nichtstun sich lohnt: brauchst du Gott? Schon ist er da!

„Die Menschen praktisch aller Kulturen seit Urzeiten waren religiös. Es gehört zum Menschsein. Der Mensch hätte keine Augen, wenn es kein Licht gäbe. Und er ...

... hätte keine Sehnsucht nach Gott, wenn es Gott nicht gäbe.“ (BILD.de)

Noch deutlicher wird ein freikirchlicher Pfingstgemeindler:

„Gott, Du glaubst an mich, und deshalb glaube ich an mich.“ (WELT.de)

Es ist, als ob der Pfingstler Ludwig Feuerbach gelesen hätte. Der Mensch erfindet Gott und glaubt an ihn, um an sich zu glauben. Sein Glaube ist Voraussetzung der eigenen Gottähnlichkeit.  

Eine gewaltigere Selbstoptimierung des Ich, identisch mit der rücksichtslosesten Selbstdestruktion des Du, war nie in der Geschichte. Die politische Realisierung dieses Wahns ist der pulsierende Kern der Gegenwart. Die Glaubenden verwirklichen ihre Gottähnlichkeit, um ihre Füße den anderen auf den Kopf zu stellen:

„Die Welt ist jetzt wie eine Kelter: es wird ausgepresst. Bist Du Ölschaum, fließt Du in die Kloake; bist Du Öl, bleibst Du im Ölfass. Dass gepresst wird, ist unvermeidlich. Nur beachte den Schaum, beachte das Öl. Pressung geht in der Welt vor sich: durch Hungersnot, Kriege, Armut, Teuerung, Not, Sterben, Raub und Geiz; das sind die Drangsale der Armen.“ (Augustin)

Ein trefflicheres zahlenfreies Bild für den Kapitalismus im sterbenden Rom, für Ökonomen unverständlich, kann es nicht geben. Kapitalismus in früheren Zeiten darf es ohnehin nicht geben: die Eitelkeit der Modernen würde Schaden erleiden. Die Giganten der Gegenwart wollen Master of Universe in beiden Disziplinen sein: im Guten wie im Bösen. Nur im Guten wäre langweilig, nur im Bösen – solo diabolo - zeigt sich das unvergleichliche Genie.

Dieselbe Sakralisierung der Eliten wie im Westen erleben wir im Osten:

„Politiker und Geschäftsleute suchen Rat und geistige Hilfe bei russisch-orthodoxen Predigern und Priestern. Dabei geht es oft um Macht, Prestige, Eitelkeit und Geld – und so gut wie nie um soziale Aufgaben der Kirche. Die Reichen und Mächtigen wollen sich von Krankheiten heilen lassen, ihre Seelen reinigen oder auch Karriereratschläge einholen. Zu Ilis Klientel gehörten Premierminister Dmitri Medwedew und dessen Frau Swetlana, Großunternehmer und Gouverneure; auch Präsident Wladimir Putin war schon da.“ (Frankfurter-Rundschau.de)

Damit niemand auf die Idee komme, China, die künftige Weltmacht Nummer Eins, dürfe besser davonkommen, weil sie auf einer nicht-repressiven weltlichen Weisheit gründe, spricht Weltstratege Michael Stürmer von einer „konfuzianischen Parteidiktatur“ in China. Irdische Weisheit muss dieselben totalitären Eigenschaften tragen wie westliche Erlösungsreligionen:

„Doch an der Nahtstelle zwischen Hongkong im vertraglichen Sonderstatus und dem chinesischen Festland entscheidet sich, wer die Erde erbt: die konfuzianische Parteidiktatur, welche Menschen und Medien nach ihrem Bilde formen will, oder Idee und Wirklichkeit der Freiheit westlicher Observanz.“ (WELT.de)

a) Platons Beglückungsfaschismus war Missbrauch der sokratischen Philosophie,
wie Chinas Überwachungsmonstrum Missbrauch der konfuzianischen Weisheit ist;

b) Erlösungsreligionen hingegen sind totalitäre Theokratien.

ad a) „Die höchste Genugtuung liegt in der Entwicklung der eigenen Tugenden. T‘ien, die Weisheit des Himmels interessiert sich für jedes einzelne Individuum und hilft ihm, besser zu werden.“ (M. Eliade) Bei Platon hingegen war nur Weisheit der Eliten notwendig, der stumpfe Pöbel hatte zu gehorchen.

ad b) Gottes Herrschaft über die Menschen hingegen ist ewige Belohnung für Wenige, Furcht und Schrecken für die Masse der Gottlosen: „Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!“ und schließt: „Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.“

Die planetarischen Eliten der Gegenwart haben nichts verstanden. Die CO2-Emissionen fallen nicht, sie steigen und steigen. Die Weltenherrscher sind vollauf beschäftigt mit dem Kelterspiel. Sie bestimmen, welche Nationen und Klassen zur Kloake und welche zu Öl werden.

Hätten wir prophetische Fähigkeiten und wüssten genau, dass das Ende der Menschheit bevorsteht, müssten wir konstatieren: die Wirtschafts- und Politeliten sind Totengräber der Gattung. Nicht belanglose Aufsteiger sind Populisten: sie selbst versprechen grenzenlosen Fortschritt und Wohlstand und also das Blaue vom Himmel. Sie sind Blender und Betrüger der Menschen, die sie mit bodenlosen Versprechungen ins Verderben jagen.

Ihr rasender Aktivismus ist in Wahrheit lähmendes Warten auf den großen Erlösungs- und Vernichtungsknall. Nichts hat sich geändert seit dem Quietismus und Attentismus (dem stillen Warten) pietistischer Frommen im Lande. Nur die Maske der Frommen hat sich ins Gegenteil verkehrt. Quietismus (Stille) hat sich in Bruitismus (Lärm), Attentismus (Warten) in hektisches Lavieren verwandelt.

Das ist der Grund, warum die Deutschen in ihren besten Jahren in Depressionen verfallen. Ihr Optimismus ist die trügerische Seite ihres Unglaubens an das eigene Glück. Das ist noch das Beste an ihnen. Zeigt es doch, dass der Rest ihrer Instinkte zu Recht dem Braten nicht traut. Noch besser wäre es, wenn sie wüssten, warum ihre Instinkte Recht haben.

Ein christlicher Historiker der Vorkriegszeit hat näher hingesehen:

„Am merkwürdigsten ist die Steigerung des Pessimismus in der äußerlich glücklichsten Zeit des deutschen Volkes (in der Bismarckzeit). Die Stimmung der Völker hängt so wenig vom äußeren Glück ab wie die der Einzelnen. Aber es handelt sich nicht nur um eine Stimmung. Der Aufstieg des Pessimismus beweist, dass er die Auflösung der idealistischen und der mit ihr verbundenen christlichen Ethik vorbereitet hat.“ (Wilhelm Lütgert, Das Ende des Idealismus im Zeitalter Bismarcks)

Der „Idealismus“ der Klassiker war natürlich nichts anderes als Christentum, die Dekadenzstimmung der Gelehrten und Weisen nichts anderes als der Niedergang der Religion. Wenn Gott abwesend ist, kommt german angst über die Kirchenschwänzer.

Es war kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, als Hans Sedlmayr im Bereich der Kunst einen „Verlust der Mitte“ konstatierte – wenn Gott in der Versenkung verschwindet:

„Das Menschliche ist nicht festzuhalten ohne den Glauben, dass der Mensch – potentiell – Ebenbild Gottes sei und eingeordnet in eine wenn auch gestörte Weltordnung.“ (Verlust der Mitte)

Schöne Ordnung in einer „wenn auch gestörten Weltordnung“? Die Welt hat gefälligst die Heimat der Menschen zu sein, auch wenn sie seit Eva ein Schlamassel ist.

„Ich aber lasse jetzt die Sintflut über die Erde kommen, um alles Fleisch, das Lebensodem in sich hat, zu vertilgen. Alles, was auf Erden ist, soll hinsterben.“

Viel Spaß in der gottverfluchten Welt, was Besseres findet ihr im ganzen Universum nicht.

Noch vor kurzem wurde Sedlmayrs Klage über den Verlust Gottes von einem bekannten deutschen Politiker in der WELT abgesegnet:

„Sedlmayr kritisiert das gestörte Verhältnis der Menschen zu Gott wie zu sich selbst, er beklagt Materialismus, Mechanisierung, Maschinisierung, Totalitarismus, Bürokratismus und Rationalismus, also gerade jene Phänomene, die Teil des Nationalsozialismus waren und aller rechten wie linken Diktaturen bis heute sind. Verlust der Mitte heißt Verlust der Ganzheit der Persönlichkeit, denn wo keine Götter sind, walten Gespenster (Novalis). Sedlmayrs Sorge hat Friedrich Sieburg einmal in dem Satz zusammengefasst: «Der Zug soll ins All gehen, er geht aber ins Nichts.»“ (WELT.de)

Der Verfasser hört auf den Namen Alexander Gauland und ist Vorsitzender der AfD, einer Partei, die angeblich dem Geist eines rechten Pöbels entstiegen ist, nicht gelehrten Köpfen aus der Mitte der Gesellschaft. Dass die AfD, nicht anders als die Romantik, die Rückkehr in eine intakte christliche Gesellschaft will, darf von glaubens-freundlichen Medien nicht erwähnt, ja, nicht einmal gewusst werden.

Warum dürfen wir nicht aus der Geschichte lernen? Warum wiederholt sie sich nicht?

Wiederholung wäre eine gottlose Widerlegung des linearen Fortschreitens der Geschichte, die eine makellose Heilsgeschichte zu sein hat. Geschichte, die sich wiederholt, wäre eine griechische Geschichte, die – gemessen an der christlichen Heilsgeschichte – keine sein kann:

„Die Griechen waren bescheidener. Sie maßten sich nicht an, den letzten Sinn der Weltgeschichte zu ergründen. Sie waren ergriffen von der sichtbaren Ordnung und Schönheit des natürlichen Kosmos, das kosmische Gesetz des Werdens und Vergehens war auch das Vorbild ihres Geschichtsverständnisses. Nach griechischer Weltanschauung bewegt sich alles in einer ewigen Wiederkehr des Gleichen, wobei der Hervorgang in seinen Anfang zurückkehrt. Das Unveränderliche der geordneten Bewegung der Himmelskörper war für sie von größerem Interesse und tieferer Bedeutung als alle radikale und progressive Veränderung. Die „Revolution“ ist ursprünglich ein natürlicher, kreisförmiger Umlauf, aber kein Bruch mit einer geschichtlichen Überlieferung.“ (Karl Löwith, Weltgeschichte und Heilsgeschehen)

Der Glaube an eine christliche Heilsgeschichte ist nicht das Privileg des Kapitalismus. Der historische Materialismus war nichts anderes als „Heilsgeschichte in der Sprache der Nationalökonomie. Die treibende Kraft hinter der Konzeption der marxschen Verheißung des Reiches der Freiheit ist ein offenkundiger Messianismus, der unbewusst in Marx’ eigenem Sein, in seiner Rasse wurzelt. Kein Zufall, dass der Antagonismus der beiden feindlichen Lager, der Bourgeoisie und des Proletariats, dem Endkampf zwischen Christus und Antichrist in der letzten Geschichtsepoche entspricht, und dass die Aufgabe des Proletariats der welthistorischen Mission des auserwählten Volkes analog ist.“ (Löwith)

Womit wir bei der Frage angekommen wären, warum die arme SPD vom Virus des Verschwindens bedroht ist, nein, vom deutschen Volk schnöde dem Zeitgeist geopfert wird – leider mit eigener Unterstützung? Alles soll damit zusammenhängen, dass der Arbeiterpartei die Arbeiter abhanden gekommen seien. Unfug! Es geht doch nicht um benachteiligte Bergarbeiter, es geht um – Benachteiligte überhaupt, die man seit den Gründungsjahren der Ausbeuterwirtschaft noch immer ausblutet und der Bedeutungslosigkeit und Nichtswürdigkeit überlässt.

Wie in der Religion kommen alle Verdienste den Oberen zu, alle Schuld tragen die Letzten und Überflüssigen. Ein Vorstand verdient fast 100 mal mehr als seine Abhängigen, die zudem durch unbezahlte Überstunden legal und mit wohlwollender Duldung Merkels übers Ohr balbiert werden.

Früher war die Proletenpartei revolutionär, heute wissen sie nicht mal, was „Disruption“ – die neueste Lieblingsvokabel der Kanzlerin aus dem Reservoir des „volatilen“ Zeitgeistes – bedeutet. Nein? WELT-Kolumnist Thomas Schmid sieht hier nur Legenden am Werk:

„Ein ehemaliger Sozialdemokrat, der später in den Nationalbolschewismus abglitt, beschrieb diese Mentalität einmal so: „Der deutsche Arbeiter hatte während der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg im Großen und Ganzen selbst Geschmack an der kapitalistischen Ordnung gefunden. Die zivilisatorischen Einrichtungen flößten ihm Achtung ein, er fühlte sich ihnen sogar verpflichtet. Er lebte als kleiner Bürger. Die Veränderungen, die ihm im Sinne lagen, zielten darauf hin, ihm zum besser situierten Bürger zu erheben. Auch wo er opponierte, gehörte er trotzdem dazu.“ Der deutsche Arbeiter war selten konfrontativ gestimmt. Und die SPD nie die Partei der Ausgeschlossenen, der Elenden, der Rechtlosen. Dass sie von Bismarck verfolgt wurde, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die SPD fast immer eine dazugehörende Partei, eine Partei derer war, die gegen den Kapitalismus wenig einzuwenden hatten.“ (WELT.de)

Schon immer seien sie konsumsüchtige angepasste Wohlstands-Süchtige gewesen. Nichts mit der roten Arbeiterfaust!

Dass das 19. Jahrhundert von revolutionären Fanfarenstößen widerhallte, nicht nur im Namen von Marx, scheint am WELT-Schreiber spurlos vorübergegangen. Dass der internationale Revolutionsgeist im Verlauf der Entwicklung immer reformerischer wurde, hing mit bekannten Namen zusammen, die mehr von demokratischen Reformen hielten als vom gewalttätiigen Umsturz aller Dinge: etwa Lassalle und Bernstein.

Aber auch mit linken Neukantianern wie Woltmann und Vorländer, die das Elend der Arbeiter ebenfalls beheben wollten, aber nicht im Geiste der Marx‘schen Heilsgeschichte, sondern einer autonomen Moralpolitik.

Moral war für Marx ein rotes Tuch. Die herrschende Moral ist die Moral der Herrschenden." (Marx) "Jede Sittlichkeit, die aus einem übernatürlichen klassenlosen Begriff abgeleitet wird, lehnen wir ab. Wir sagen, dass das ein Betrug ist, dass das ein Schwindel ist, eine Verkleisterung der Hirne der Arbeiter und Bauern im Interesse der Gutsbesitzer und Kapitalisten.“ (Lenin)

Werte werden Klassen und Epochen zugeordnet, nicht der allgemeinen Vernunft aller Menschen. Die „Zeitlosigkeit“ der Vernunftwerte wird vom heilsgeschichtlichen Denken des Marxismus abgelehnt. Man könnte von einer klassen- und zeitbedingten Postmoderne sprechen. Marx blieb im „eisernen Gehäuse“ jener Erlöserreligionen hängen, die er als Opium des Volkes negiert hatte. Durch die Vordertür hinaus, durch die Hintertür wieder retour.

Was ist die Tragik der SPD? Dass sie kooperieren muss mit der kapitalistischen Wohlfahrtswirtschaft, in Krisenzeiten allerdings – und wir haben Krisenzeit – soll sie wieder die revolutionäre Peitsche aus dem Keller holen. In normalen Zeiten hat sie Ruhe zu bewahren, in abnormalen alles auf den Kopf stellen – und zwar im Nu. Sie steht unter der Erwartung einer paradoxen Intervention. Was immer sie tut, sie macht es falsch. In Friedenszeiten vergisst sie die Umwälzung, in Krisenzeiten beides: Beharrung und Umwälzung. Man misst sie an utopischen Maßstäben, die in normalen Zeiten verpönt sind. Selbst eigene Parteigranden lassen sich in pragmatischem Realismus von niemandem überbieten: wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen. (Helmut Schmidt)

Jetzt aber, wo die fetten Jahre vorüber sind, die Klimakatastrophe vor der Pforte steht, soll die SPD ihre visionäre Kraft reaktivieren, die sie durch das Aufstiegsgerede ihrer Karrieristen längst ad acta gelegt hat. Noch immer ist die Partei in den Widersprüchen einer marxistischen Heilsgeschichte gefangen. Noch immer steht sie zwischen Szylla und Charybdis: entweder Revolution, dann keine demokratischen Reformen – oder Reformen mit dem utopischen Ziel einer humanen Gesellschaft, dann keine Revolution. Beides zusammen geht nicht.

Die CDU hingegen will nichts verbessern, sie will nur Macht. Die SPD aber soll kompromisslerische Macht mit kompromissloser Radikalität verbinden. Das wäre ein dialektisches Wunder, also eine Unmöglichkeit. Denn die Versöhnung unversöhnlicher Widersprüche gibt es nur in Erbauungsbüchern der Frankfurter Schule. Adorno hat, ganz im Geiste einer Heilsgeschichte, aller Autonomie des Menschen abgesagt und sich einer übermenschlichen Erlösung hingegeben:

„Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint.“
Auf die Welt scheint, aber nicht von der Welt ist.

Karl Vorländer gesteht Marx-Engels einen starken moralischen Impetus zu. Aus Abneigung aber gegen „alles „Moralpauken“, das von Satten an die Adresse der Bedrückten gerichtet wurde“, seien sie zur Abweisung aller sogenannten Ethik gekommen, die sie auf ein naturgesetzliches Müssen, statt auf ein ethisches „Sollen“ begründeten. Die Arbeiterklasse, so Marx, habe „keine Ideale zu verwirklichen, keine fix und fertigen Utopien durch Volksbeschluss einzuführen.“ (Vorländer, Karl Marx)

Hier erkennen wir eine erstaunliche Parallele zu Adam Smith, der der klerikalen Nächstenliebe auch den Abschied gab. An die Stelle einer widersprüchlichen Bergpredigt sollte ein zuverlässig-berechenbarer, wohlverstandener Egoismus treten.

Moment: ist denn das Reich der Freiheit keine moralische Vision? Schon, aber keine Vision der Menschen, sondern einer alleinherrschenden, materiellen Heilsgeschichte.

Nach Marx hätten die Proleten solange leiden und am Hungertuch nagen müssen, solange es der Geschichte gefällt. Stattdessen wurden sie schwach und erlagen den Verführungen des Kapitalismus, wie Jesus, wenn er den teuflischen Natur-anbetungs-Versuchungen gefolgt wäre.

Viele Generationen von Proleten hätten im Dienste irgendwann kommender Generationen leiden müssen. Ihre zukünftigen Erben hätten den Lohn der Bemühungen eingestrichen, den sie in bitterem Elend hätten verdienen müssen. Für die zum Leid verurteilten Vorfahren galt derselbe Imperativ wie für die Urchristen: harret und wartet, der Herr wird mit Sicherheit kommen, die Geschichte wird’s richten.

In jeder linearen Fortschrittsgeschichte, die in einem Garten Eden ans Ziel kommt, müssen die Früheren leiden. Erst die Finalisten der Geschichte kassieren unverdienterweise den Lohn ihrer Vorfahren. Das war der Grund für den Historiker Ranke, sich von der Heilsgeschichte Hegels loszusagen und jeder Generation das Recht zu einem erfüllten Lebens zu geben:

„Wollte man aber … annehmen, dieser Fortschritt bestehe darin, dass … jede Generation die vorhergehende vollkommen übertreffe, mithin die letzte allemal die bevorzugte, die vorhergehenden aber nur die Träger der nachfolgenden wären, so würde das eine Ungerechtigkeit der Gottheit sein. Ich aber behaupte: jede Epoche ist unmittelbar zu Gott.“

Unmittelbarkeit zu Gott, verwandelt in Unmittelbarkeit zum Glück jeder Generation: das sollte das Ziel der SPD sein. Aber wie? Ohne den Versprechungen des Kapitalismus zu verfallen, sich mit dem bloßen Prinzip Hoffnung zu begnügen und sich dennoch ein gerechtes Stück vom Kuchen abzuschneiden? Die SPD soll bewahren – und verändern, den Fortschritt des Kapitalismus fördern – und ihn von der Tenne fegen, endlose Kompromisse schliessen – und mit der Faust drein schlagen. Sie soll keinen Stein auf dem andern lassen – aber alles beim Alten lassen. Mit anderen Worten: sie soll dialektische Wunder vollbringen. Damit nicht genug: die paradoxen Interventionserwartungen der Gesellschaft sind ihre eigenen. Sie selbst sind gefangen in unlösbaren Widersprüchen ihrer Geschichte.

Es wiederholt sich, was das Urchristentum erlebte, als es seine eschatologischen Hoffnungen begraben musste und sie nicht anders kompensieren konnte als durch die konstantinische Wendung zur Herrschaft über die jetzige Welt. Unerfüllbares Sehnen nach Macht im Himmel führte sie zur vorgezogenen Machtergreifung über die Welt. Es war keine Versündigung an ihrem angeblichen Friedenswillen, diesen Friedenswillen gab es nie. Es war ein Versagen ihrer Leidensfähigkeit, die bis zum Sankt Nimmerleinstag hätte warten müssen, an dem ihr Heiland gekommen wäre, um ihnen Macht über die Menschheit zu übergeben.

Unvermeidlich wird die SPD – stellvertretend für die Widersprüche der Christen, heilsgeschichtlicher Marxisten und salonchristlicher Linken – auf dem Altar der Nation geopfert werden, wenn es ihr nicht gelingt, durch ein neues, anamnestisches Bewusstsein das verkrustete, versteinerte und desaströse Sein ihrer Biographie in alle Bestandteile zu zerlegen und ihr Wirken in der Welt von vorne zu beginnen.

 

Fortsetzung folgt.