Von vorne XVII

Tagesmail - Montag, den 27. Mai 2019

Von vorne XVII,

„Es genügt, wenn eine schlechte Regierung abgewählt werden kann. Das ist Demokratie.“ (Popper)

In Deutschland kann man eine schlechte Regierung nicht einfach abwählen. Da sie zumeist aus zwei oder mehreren Parteien besteht, käme der Rücktritt einer GROKO einer Staatskrise gleich.

Auf Stabilität der Obrigkeit wird in Luthers Land viel Wert gelegt. Da es – seit ein SPD-Vordenker Opposition als Mist bezeichnete – auch keine scharfe Opposition mehr gibt, wäre ein Auswechseln der Regierung sinnlos. Die neue Obrigkeit würde die alte Politik nur nahtlos fortsetzen.

Durch endlose, nicht nur praktische, sondern ideelle Kompromisse kompromittiert und nivelliert, sind die Parteien nicht nur wie ein gedankliches Wurzelwerk miteinander verflochten. Das gemeinsame Nervensystem garantiert auch in hohem Maße das Überleben jeder Gruppierung, die es zur anerkannten Partei gebracht hat. Da die großen Parteien, nehmt Alles in Allem, ungefähr die gleiche Politik verfolgen, sind die Machterfahrenen gewöhnlich im Vorteil, das Psychogramm einer Nation in Praxis zu übersetzen.

Jede Demokratie besteht aus zwei unsichtbaren Revieren: dem theoretischen der Auseinandersetzung in kompromisslosen Alternativen – und dem praktischen notwendiger Kompromisse, um das Menschenmögliche an Verbesserung der Gesellschaft zu erreichen.

Wahrheitssuche ist kompromisslose Gedankenarbeit jedes Einzelnen; demokratische Politik der Versuch, gedankliche Radikalität in praktische Verträglichkeit umzuwandeln, die, nach einer gewissen Erprobungszeit, erneut im Licht radikaler Wahrheitssuche beurteilt werden muss.

Nicht so im Land neogermanischer Baumbewunderer. Hier werden Gedanken nicht auf philosophische Wahrheit, sondern bereits im theoretischen Stadium auf ...

... praktische Kompromissfähigkeit überprüft und – bei scheinbarer Unmöglichkeit der Realisierung auf der Stelle aussortiert. Was man praktisch nicht umsetzen kann, ist theoretiech wertlos.

Das ist der Grund für das Aussterben der Philosophie im früheren Land tiefer Denker, die zur bloßen Bildung verstümmelt wurde. Wer als Philosoph vorgestellt wird, muss entweder einen Bestseller geschrieben haben oder sich als possierliches Tierchen deklarieren lassen. Seitdem Denken als Bewusstsein vom Sein entwurzelt wurde, hat Philosophie mit Politik nichts mehr zu tun.

Antike Demokratie war das Werk unablässigen Denkens und philosophischen Dichtens, moderne Demokratie ist die Grabstätte jeden freien Denkens und politischer Kunst.

Technische Automatismen und Wirtschaften nach unveränderlichen Naturgesetzen ersetzen jedes Denken als Voraussetzung polit-moralischer Gestaltung. Die Moderne geriert sich als Erfinderin eines ständig Neuen, erweist sich aber in Wirklichkeit als eintönige Repetition des qualitativ Gleichen – in stets neuen quantitativen Rekorden.

Das Gleiche ist: Erobern der Natur, Übertölpeln der Schwachen und Machterringen durch Reiche. Da Macht in Demokratien aufgeteilt und der methodischen Überwachung durch das Volk überantwortet ist, sind Plutokratien, Meritokratien, Aristokratien und Oligarchien (die Herrschaft der Reichen, Verdienstvollen, Besten und Wenigen) die systematischen Totengräber jeder Demokratie.

Die gegenwärtige Krise, die sich erst in vagen Umrissen zeigt, ist die Krise der Philosophie auf der Flucht. Der Sturz der Parteien ist Folge abwesender Grundsatzgedanken. Sie reden nur noch in Floskeln der Taktik und Kommunikation. Falsche Taktik und mangelhafte Kommunikation sollen am Niedergang der Parteien schuld sein.

Unter Kommunikation verstehen sie die Werbestrategie ihrer Kampagnen. „Wir haben unsere Botschaft nicht rübergebracht“, erklären sie ihren Misserfolg. Was nur bedeuten kann: ihre Botschaften müssen richtig gewesen sein. Leider gelang es ihnen nicht, sie dem Publikum zu vermitteln.

War das Publikum zu dämlich, die Wahrheit der Parteien trotz raffinierter Reden zu verstehen? Eine Überprüfung der Wahrheit kann nicht stattfinden, wenn sie unsichtbar bliebt. Das Scheitern der Vermittlung hat zwei Gründe:

a) Um die Grundprinzipien ihrer Programme einer Generalrevision zu unterziehen, müssten die Parteien philosophisch werden. Da schüttelt sich der gesunde Menschenverstand der Polit-Manager.

b) Die Mitglieder müssten sich mit sich selbst beschäftigen. Wer philosophieren will, muss sich kennen lernen. Nachdenken heißt, sich selbst erkennen. Man kann die Welt nur erkennen, wenn man zugleich das Subjekt der Erkenntnis – sich selbst – durchschaut. Sich selbst erkennen, schwächt jede gedankenlose Machtausübung. Mächtige wollen sich die Kälte ihrer bedenkenlosen Machteitelkeit partout nicht nehmen lassen.

„Wir werden vom Volk doch nicht dafür gewählt, dass wir unsere belanglosen Persönlichkeiten umstülpen.“ Sie wollen so sachlich sein, dass sie Persönliches als unsachlich empfinden. Ihre Kanzlerin ist ihnen ein Vorbild in cooler Unberührbarkeit, die sie Sachlichkeit nennen. Auch die Medien geben sich so sachlich, dass sich die gemeinen und ungemeinen Fakten biegen.

Diese Sachlichkeit ist falsche Objektivität. Menschen sind keine Maschinen. Jeder Mensch ist eine „Welt für sich“, der seine Art des Erkennens nur überprüfen kann, wenn er seine verborgenen Gedanken und Gefühle, den Mutterboden seines Denkens, zur Kenntnis nimmt.

Objektivität ist begriffene, offen gelegte Subjektivität. Das ist wie bei Astronomen, die die „persönliche Gleichung“ ihrer Augen kennen müssen, um die mögliche Verzerrung ihrer Sehleistung aus den astronomischen Daten herauszurechnen.

„Noch kann ich nicht, wie die Delphische Inschrift verlangt, mich selbst erkennen. Da scheint es mir lächerlich, wenn ich hier noch ahnungslos bin, mich um Dinge zu kümmern, die mich nichts angehen. Deshalb also lasse ich diese Geschichten auf sich beruhen, folge für sie der allgemeinen Meinung und prüfe, wie gesagt, nicht sie, sondern mich selbst, ob ich etwa ein Ungeheuer bin, komplizierter noch und aufgeblasener als Typhon, oder aber ein zahmeres und einfacheres Geschöpf. Dem von Natur aus gewissermaßen ein göttliches und anspruchsloses Leben zukommt.“ (Sokrates)

Es gibt Gründe, warum die Weisen der Welt eine gewisse Zeit aus der Öffentlichkeit verschwinden, um sich und die Welt zu erkennen. Heutige Politeliten hätten dringend ein Sabbatjahr nötig, um gründlich mit sich ins Gericht zu gehen, ihre erstarrte Ideologie auseinanderzunehmen und neu zu durchdenken. Das Eremitenleben aber muss ins pralle Leben zurückgeführt werden, um Selbst- und Welterkenntnis zusammenzuführen. Ich und Du, Ich und die Welt sind aufeinander angewiesen.

Die Heilformel der Gegenwart: wir schauen nicht zurück, wir schauen nach vorne, ist das Eingeständnis der eigenen Geistesabwesenheit. Vergangenheit ist die Zeit der Persönlichkeitsentwicklung und kann nie vergehen, sie ist der unbegriffene Teil der Gegenwart.

Julien Benda war einer der ersten, der im Jahre 1927 den „Verrat der Intellektuellen“ anprangerte. Verräter des Intellekts waren Verräter der Wahrheit, die keiner flüchtigen Zeit, keiner Heilsgeschichte, keinem Zeitgeist, keiner Zeit des Fortschritts untertan sein darf. Wahrheiten veralten und vergilben nur, wenn sie widerlegt werden.        

„Wenn Männer des Geistes sich einer Philosophie verschreiben, die sich damit brüstet, einzig die Opportunität zu kennen und nur umstandsbedingte Wahrheiten gelten zu lassen, dann frage ich, ob sie damit nicht eigentlich die Charta ihres Standes zerreißen und ihre Annullierung verkünden.“ (Benda)

Das trifft auch die heutige Phalanx aus Medien (die sich nur dem Tag verpflichtet fühlen), der Postmoderne und der immer noch marxistischen Linken, die kein eigenständiges Bewusstsein zulassen. Alles ist der Zeit unterworfen, was gestern richtig war, ist heute vergessen. Was ich gestern behauptete, ist heute aus den Augen, aus dem Sinn:

„Der dialektische Materialismus negiert die Vernunft …, wohingegen ein reines Werden, das seinem Wesen nach jede Identität mit sich selber ausschließt, Gegenstand mystischer Hingabe sein kann, aber nicht rationaler Beschäftigung.“

Wenn ich täglich einer neuen Wahrheit hinterherhüpfen kann, ist jede Logik, jede Konsequenz ausgeschlossen. Von wem stammt der Ausspruch: „Hüten wir uns vor der Todesfalle der Konsequenz“? Von einem gewissen Mussolini, den zu zitieren sich der italienische Rechte Salvini immer weniger scheut.

Wenn es keine zeitunabhängige Wahrheit gibt, hat jeder Despot die Macht, sie täglich neu zu bestimmen. An die Stelle des Despoten kann der Zeitgeist treten, der automatische Fortschritt, das Neue, Geniale und Lukrative. Im Wahrheitsministerium von 1984 wurden die Akten der Vergangenheit regelmäßig umgeschrieben. Heute brauchen wir kein Ministerium, es genügt der obligate Fortschritt: „das, was angesagt ist“.

Streng genommen ist jede Zeitgeistdespotie totalitär. In totalitären Regimes wird die Despotie nicht geleugnet, sondern in sichtbarer Brutalität vollstreckt. In modernen Demokratien ist die Despotie unsichtbar geworden. Sie ähnelt einem kollektiven Glauben, dem man sich nur entziehen kann, wenn man die Konsequenz des Ausschlusses nicht fürchtet.

Momentan ereignet sich ein Aufstand gegen die Diktatur des neoliberalen Zeitgeistes, der als ökonomische Heilslehre geglaubt werden muss. Obwohl die planetarischen Schäden dieses Wirtschaftssystems jedem in die Augen stechen, musste es als Heilslehre hingenommen werden. Da wettern sie gegen Populisten von außen und wollen nicht wahrhaben, dass ihre Ökonomie eine populistische Orgie ist.

Notwendig wäre heute nicht nur ein Wechsel der Parteien, sondern der komplette Austausch der Führungsklassen. Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut. Die Eliten sind verbraucht, ausgelaugt, hohl.

Gestern saß ein erloschener Sigmar Gabriel bei Anne Will, ein Mann der Stunde, der seiner Partei die Leviten lesen kann, weil er – das sinkende SPD-Schiff verlässt. Er ist allen Parteimitgliedern überlegen, unternimmt aber dennoch nichts, um seine Fähigkeiten der Partei zur Verfügung zu stellen. Getreu seinem mütterlichen Vorbild zieht er sich zurück – um als Mann in der Not wieder gerufen zu werden?

„In Berlin müssen jetzt diejenigen Verantwortung übernehmen, die den heutigen personellen und politischen Zustand in der SPD bewusst herbeigeführt haben. Sie müssen jetzt auch Verantwortung für die SPD als Ganzes übernehmen. Niemand, der Verantwortung für die SPD trägt, kann ab morgen einfach zur Tagesordnung übergehen. Alles und alle gehören auf den Prüfstand.“ (SPIEGEL.de)

Den Untergang seiner Partei habe jemand bewusst herbeigeführt? Ein unfassbarer Vorwurf. Die Rachegefühle der GenossInnen müssen grenzenlos sein. Wenn alles auf den Prüfstand gehört, warum hat er diese Katharsis nicht selbst durchgeführt, als er noch erster Mann an Deck war?

Den Zusammenhang von Ökologie und Ökonomie versteht Gabriel immer noch nicht. Als Wahlkämpfer, sagt er, hätte er sich mehr um Handwerksgesellen gekümmert als um das Modethema Klima. Es kann aber keine Handwerksgesellen mehr geben, wenn das Klima ihnen das Gehirn ausdörrt. Die Furcht vor der Konsequenz hat Gabriel erfolgreich verinnerlicht.

Eliten sind schon derart geistig abwesend, dass sie nicht mehr eins und eins zusammenzählen können. Man müsste von einem galoppierenden Neocortexabbau reden. In Zeiten kollektiven Verfalls gibt es nicht nur den BER, selbst die einfachste praktische Intelligenz ist gefährdet. (BILD.de)

Irrationale Menschen denken nicht daran, Probleme rational wahrzunehmen. Sie fühlen sich genötigt, auf verquere Art dem Zeitgeist zu widerstehen. Hier aber müsste man unterscheiden zwischen objektiver Problemlage und neurotisch verzerrter Wahrnehmung der Realität. Erst müssen die gefühlten Probleme angesprochen werden, bevor sich die Möglichkeit ergibt, die verschütteten wahren Probleme auszugraben.

Wie Gabriel die Grünen um ihr Thema beneidet, da es gerade „in“ ist! Gleichwohl gebe es dringendere Probleme:

„«Die größte Gefahr ist, dass Amerikaner und Chinesen sagen: Guck mal, die Europäer, die kriegen ja gar nichts mehr geregelt!» sagt Gabriel und zieht den letzten Beifall.“

Wettbewerb, Konkurrenz um Wirtschaftsquoten, sind wichtiger als das Überleben der Gattung? Hat Gabriel das Klimaproblem verstanden? Dann könnte er nicht von Konkurrenz sprechen, als handele es sich um einen folgenlosen Schönheitswettbewerb.

„… die kriegen ja nichts geregelt“: das ist nicht zufällig im Passiv gesprochen. Niemals könnte Gabriel als Mächtiger formulieren: das regeln sie selbst. Nein, das muss geregelt werden. Von ihm zum Beispiel.

Hier gilt dasselbe wie beim Handwerksgesellen. Deutschland kann mit China nicht konkurrieren, wenn Tornados und Wassermassen die neue Seidenstraße blockieren.

Auch die Kritik am österreichischen Kanzler Kurz ist undifferenziert.

„Wer sich mit dem braunen Sumpf einlässt, steckt irgendwann im Morast!“ 

Wenn rechte Kräfte eine bestimmte Zustimmungsquote überschritten haben, kann es sinnvoll sein, sie in ein offizielles Amt zu locken – um sie zu enttarnen. Wie oft saßen braune Parteien in deutschen Parlamenten und haben sich schnell blamiert. Nach einer Legislaturperiode war die Chose oft vom Tisch.

Auch in internationalen Konflikten kann es besser sein, mit anrüchigen Regimes in sorgfältig ausgesuchten Dingen zusammenzuarbeiten, als sie durch Isolation zu schrecklicher Härte zu animieren. Verzwickte Probleme müssen von Fall zu Fall entschieden werden.

Europa hat gewählt – und die erste Generalkrise leidlich überstanden.

„Der Großteil Europas atmet auf, zumindest ein bisschen: Der ganz große rechtspopulistische Erdrutsch ist ausgeblieben. Die Pro-EU-Parteien halten gemeinsam weiterhin eine überwältigende Mehrheit im Europaparlament.“ (SPIEGEL.de)

Die Krise war voraussehbar, denn Europa war ein Über-Ich-Projekt der Nachkriegszeit. Aus dem Über-Ich-Musterschüler musste ein ich-gestähltes autonomes demokratisches Vorbild werden. Nicht, um den Amerikanern zu gefallen, ihr Räuspern und Spucken nachzuahmen, sondern um eigene Kontur zu gewinnen.

Davon ist die EU weit entfernt. Weil sie sich lieber beschützen lässt als sich selbst zu schützen. Der elementaren Frage Krieg oder Frieden weicht die Völkergemeinschaft aus. Wie schützt man sich am besten in einer Welt, in der militaristische Konflikte immer mehr geschürt werden? Durch militaristische Aufrüstung – oder durch eine verstärkte Friedens- und Verständigungspolitik?

Diese Alternativen werden hierzulande nicht einmal angesprochen, geschweige debattiert. Sofort sind knallharte Weltstrategen und machiavellistische Militärstrategen zur Stelle, um die Deutschen vor pazifistischer Dämlichkeit zu warnen. Sehen die Deutschen nicht, dass ein Krieg zwischen atomar bewaffneten Staaten das Ende der Geschichte wäre? Ein Dritter Weltkrieg wäre der sichere Weg zum Untergang und ersparte uns jede Klimaapokalypse.

Der europäische Gedanke begann nach der Französischen Revolution, als Napoleon die Segnungen der Revolution mit Gewalt in die Nachbarvölker transportieren wollte. Die Deutschen, ursprünglich begeisterte Revolutionsfreunde, wurden durch die Gräueltaten der Guillotine und durch die Besatzungspolitik Napoleons zu Gegnern der Franzosen und ihrer Freiheitsheucheleien. Freiheit und Demokratie wurden zu westlichen Märchenerzählungen; die Deutschen mussten einen anderen Weg gehen.

Zum ersten Mal begannen sich die Völker in höherem Maße füreinander zu interessieren. Saint-Simon und Thierry sahen die Deutschen in einem idealen Licht:

„Die deutsche Nation ist, vermöge ihrer Bevölkerung, die beinahe die Hälfte von Europa ausmacht, durch ihre Lage im Mittelpunkte Europens, und noch mehr durch ihren edlen und großmütigen Charakter bestimmt, die erste Rolle in Europa zu spielen, sobald sie unter einer freyen Regierung in einem einzigen Körper vereint seyn wird. … Es kommt zweifellos eine Zeit, wo alle Völker Europens fühlen werden, dass die Punkte des allgemeinen Interesses geordnet werden müssen… .dann wird das Elend anfangen, sich zu vermindern, die Unruhen werden sich besänftigen, die Kriege erlöschen; das ist das Ziel, wonach wir unaufhörlich streben. Das goldne Zeitalter ist nicht hinter uns, es ist vor uns, in der Vollkommenheit der gesellschaftlichen Ordnung; unsere Väter haben es nicht gesehen, unsere Nachkommen werden einst dazu gelangen; uns kommt es zu, ihnen den Weg dahin zu bahnen.“

Saint Simon wollte die Beseitigung des Ancien regime und die Einführung parlamentarischer Systeme in den Einzelstaaten. Die nationalen Parlamente sollten zu einem europäischen Gesamtparlament zusammentreten, das „über das gemeinschaftliche Interesse der europäischen Gesellschaft entscheide.“ (Europa, Analysen und Visionen…, herausgegeben von P. M. Lützler)

Das waren erstaunliche Urvisionen, getragen von einem riesigen Glauben an die europäischen Völker. Moderne Leser werden sagen: zu ideal! Enttäuschungen mussten kommen und die Kosten der Verklärung bezahlen. Das ist nicht falsch, dennoch war das Ziel des Friedens nur über Irrungen und Wirrungen zu erreichen.

Was haben wir – nach mehreren schrecklichen Kriegen – aus den Anfängen gelernt? Die Europäer können stolz sein auf die verschlungenen, dennoch am Ziel ankommenden Lernwege ehemaliger Konkurrenten.

Dass Europa in der Krise ist, hat zwei Seiten. Eine wird fast nie erwähnt: wenn das Über-Ich zum Ich wird, muss jedes Land emotional von vorne beginnen, seine Position zu orten, seine Motivationen zu prüfen, seine Ängste und Erwartungen unsentimental zu überdenken. Das findet in der jetzigen Krise statt. Die englische Jugend hat erst durch den Brexit bemerkt, was ihnen genommen wird, wenn ihnen das europäische Bürgerrecht entzogen wird.

Ähnliche Prozesse finden in allen EU-Staaten statt. Die deutschen Medien und Sender haben versagt, über die Jahre hinweg kontinuierlich über unsere Nachbarn zu berichten. Kurz vor der Wahl wachen sie auf, protzen mit Statistiken, erzählen aber fast nichts über die Menschen. Die Deutschen, im Gefühl eines privilegierten Zustandes, wollten sich von den Sorgen der „Freunde“ nicht beunruhigen lassen.

Am Sonntag früh war der Satz in den meisten Nachrichten zu hören: „Parteien und Kirchen rufen die Bevölkerung auf, sich an den Wahlen zu beteiligen.“ Ausgerechnet jene Theokraten, die sich nur von Gott erwählen lassen? Solche Unverschämtheiten sind kaum zu glauben.

Deutschland erste Begeisterung für den Furor der Franzosen kippte – wegen Terrors der Revolution und Napoleon – um in Abneigung. Anstatt die Freiheit selbst zu erkämpfen, wurde Politik durch Kunst ersetzt. So bei Schiller, dessen jugendliche Empörung umschlug in politische Aversion: „Ja, ich bin so weit entfernt, an den Anfang einer Regeneration im Politischen zu glauben, dass mir die Ereignisse der Zeit viel mehr alle Hoffnungen dazu auf Jahrhunderte benehmen.“

Ähnlich bei Fichte, der sich aus einem begeisterten Kosmopoliten über einen gemäßigten Nationalisten zu einem deutschen Chauvinisten entwickelte. Wie er Kinder erziehen wollte, so sollten Deutsche die Völker erziehen. Für seine Internate schlägt er eine totale Schulordnung und eine vollständige Herrschaft der Erzieher vor. Der Zögling muss Wachs in den Händen des Erziehers sein. „Du musst ihn machen, dass er gar nichts anderes wollen könne, als du willst, dass er wolle.“

Ähnliche Töne gibt es heute wieder zu hören, wenn Kinderpsychiater die Eltern auffordern, ihren Kindern beizubringen, wer in der Erziehung die Hosen anhat.

Aus dem Geist derselben Pädagogik fordert Fichte einen Staat, der die Erziehung seiner Bürger von der Wiege bis zur Bahre in feste, harte Hand nimmt. (Friedrich Heer, Europa, Mutter der Revolutionen)

Nehmen wir die Entwicklung der Kinder über Zwangskita, Zwangsschule, Zwangs-Ausbildung und Zwangsarbeit hinzu – wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen –, sind wir, trotz äußerlicher Freiheit, von Fichtes Vorstellungen nicht weit entfernt.

Der Umschlag der ersten Begeisterung für Europa ins Reaktionäre, ja Totalitäre blieb nicht auf Deutschland beschränkt. „Zwischen de Maistre, Bonald und Carl Schmitt erzeugen pessimistische Anthropologien und Theologie totalitäre, absolutistische, zumindest autoritäre politische Ideologien.“

„Die Menschen leben jetzt im Zeitalter der vollendeten Sündhaftigkeit.“ Daher ist eine demokratische Regierungsform rechts- und entwicklungswidrig. Eine „gute Mehrheit“ kann nur durch eine „gute Regierung“ erzeugt werden.“ (Fichte)

Heute müsste man die Begriffe nur modernisieren, um nicht weit von Fichtes Obrigkeitsstaat zu landen. Heutige Eliten halten sich für Erfinder Europas, des Fortschritts und Wohlstands. Die Einmischungen des Volkes müssen mit List und Tücke verhindert werden. Alle Elemente direkter Demokratie schrecken ab, der Pöbel wird immer dümmer, fauler und gehässiger als die Vornehmen.

Wenn sich etwas entwickelt, muss es sich polarisieren. Solche Entwicklungsprozesse sind in Deutschland unbekannt. Die geringste Schwankung der Wirtschaftsdaten endet im Satz: die fetten Jahre sind vorüber. Mit Absicht werden Ängste erzeugt, um die störrische Basis zum Malochen anzuhalten. Zwar schwimmen sie in Geld, doch von diesem Stoff kann man nie genug kriegen. Nicht das freudige Leben ist das Ziel deutscher Politik, nur ein hartes arbeitsames Leben hat die Grundrente verdient.

Die beiden deutschen Volksparteien sind abgesunken. Wer ist schuld? Wie immer: niemand. AKK hat keine Niederlage erlebt und will mit gestärkter Kraft in Brüssel die deutsche Dominanz vorantreiben.

In deutschen Talkshows über die Wahlen waren, wie immer, kaum Nichtdeutsche zu sehen. Nationale Düfte dringen ihnen aus allen Poren. Fichte kennen sie nicht, aber sie denken und handeln wie der Lehrmeister des Ich, das die Welt in freier Kompetenz „setzt“. Setzen ist nicht weit entfernt von Schaffen ex nihilo.

In Kommentaren zur Wahlniederlage beider Volksparteien waren allerlei Munkeleien und Verdächtigungen zu lesen. Doch keine präzisen Namen der Verantwortlichen.

Was schier unglaublich ist: weder der Name der wichtigsten Politikerin wurde genannt, noch ihre Abwesenheit bemerkt und bemängelt. Deutschlands Kanzlerin gilt als mächtigste Frau der Welt. Ihr Land aber scheint die stumme Unheilsprophetin, die sich gerne sachlich gibt, nicht mehr zu kennen. Angela Merkel ist der Welt entrückt.

 

Fortsetzung folgt.