Von vorne X

Tagesmail - Freitag, den 10. Mai 2019

Von vorne X,

Angela Dorothea (das „engelgleiche Gottesgeschenk“) zu Mecklenburg-Templin, bekannt als Kanzlerin von Deutschland. Nehmen wir mal spaßeshalber an, sie wäre die Wiedergängerin der Luise Herzogin zu Mecklenburg–Strelitz, bekannt als Königin Luise von Preußen.

Dann wäre sie keine gewöhnliche Kanzlerin, sondern Königin der deutschen Herzen. Mit ihrem Volk ist sie inzwischen so verwachsen, dass sie immer weniger sagen muss – und wird doch von ihren Untertanen verstanden und geliebt, als sei sie eine von Gott eingesetzte Regentin. Was sie ihrem Glauben nach auch ist: seid untertan der Obrigkeit, denn es gibt keine, die nicht von Gott wäre.

Das Beste, was man über sie sagen kann, hat Perikles über die athenischen Frauen gesagt: die beste Frau sei die, über die man schweigt. Paulus geht noch einen Schritt weiter: wer nichts sagt, kann nichts Falsches sagen. Ergo: die Frau schweige in der Gemeinde.

Was Nichtreden bedeutet, zeigt ihr Pressesprecher, der besser Presseschweiger hieße:

«Wir begrüßen das, weil es immer gut ist, wenn man sich fragt, wo und wie man noch mehr tun kann.» Nur Macrons Brief unterschreiben, das will Berlin dann doch nicht.“ (TAZ.de)

Mit schlichten Worten nichts sagen, das ist die Kunst der Gottgesandten.

Novalis, glühender Verehrer Luises, enthüllte das Sprechen, das die gemeine Menge nicht verstehen soll:

„Es käme auf einen Versuch an, ob man nicht in der gewöhnlichen Landessprache so sprechen könnte, dass es nur der verstehen könnte, der es verstehen sollte. Jedes wahre Geheimnis muss die Profanen von selbst ausschließen. Wer es versteht ...

... ist Eingeweihter.“ (Novalis, Glauben und Liebe oder Der König und die Königin)

Doppelsprech, die Spaltung der Sprache in esoterische Hochsprache der Komplexen – und exoterisch-verwilderte Sprache des Netzpöbels, intensiviert von der moralfreien Beobachtungsspreche der Gazetten. Wer den Eindruck hätte, dass viel geschwatzt, aber immer weniger miteinander geredet wird (Vorsicht vor staatsschädlicher Empathie!), der hätte den richtigen Eindruck.

Hätten wir in Merkel eine auferstandene Königin Luise, wäre unsere Demokratie nur die Fassade einer Monarchie.

„Eine wahre Demokratie ist ein absoluter Minus-Staat. Eine wahre Monarchie ist ein absoluter Plus-Staat.“ (Novalis)

Was wäre echte Demokratie? „Echte Demokratie ist Protestantismus.“ „Protestantismus ist religiöser Naturstand.“

Religiöser Naturstand? Das ist die Kritik der Deutschen an ihren Kirchen und Klerikern. Religion soll allen gehören, einen besonderen Erleuchtungsstand gibt es nicht. Das sind die letzten Aufklärungsreste der Romantik. Zurück zum „aufgeklärten Urstand“ der Religion: ein Gott, eine Menschheit, keine konfessionellen Spirenzchen.

Die deutsche Physiognomie ist romantisch. Romantik ist religiös kastrierte Aufklärung, ein Schwebezustand zwischen allgemeiner Vernunft und dauererregter Erleuchtung.

Erklären sich Eliten zur Erleuchtungsklasse, nehmen die Unterklassen deren Abgehobenheit grummelnd hin.

Bildet sich aber im Volk eine Gruppe, die sich durch Engagement auszeichnet, wird sie als esoterische Sekte angeprangert. In oberen Rängen ist Überlegenheit normal, in unteren ist sie Anmaßung.

Wer verleiht den Titel Sekte? Natürlich die Sektenbeauftragten der Kirchen, die von weitem riechen, wo der Teufel seinen Gestank verbreitet. Wenn unangepasste Gruppen, vornehmlich gottloser Art, sich allzu rührig bemerkbar machen, sind Sektenbeauftrage hilfsbereit zur Stelle, um sie in der Öffentlichkeit zu brandmarken. Ihre Anschuldigung: da gebe es Verwegene außerhalb der Kirche, die sich anmaßten, eine besondere Botschaft, ja, eine Heilsbotschaft zu verkündigen. Das muss das Vorrecht der Kirchen bleiben. Medien haben keine Skrupel, kirchliche Sektenbeauftragte als Experten zu präsentieren.

„Die Beratungsstelle möchte auf dem Hintergrund einer unübersehbar gewordenen weltanschaulichen Landschaft zur Orientierung beitragen und bei der Suche nach einer tragfähigen Lebensgrundlage helfen.“ (Katholische-Kirche-Kassel.de)

Selbst der SPIEGEL ist nicht davor gefeit, aktive Gruppen als Esoteriker zu verleumden. Hier eine Gruppe aus Stuttgart, die sich „Demokratische Stimme der Jugend“ nennt. Eine fundierte Kritik am Programm dieser Gruppe ist nicht möglich. Es muss gleich zur Beerdigung kommen – ohne Möglichkeit der Gruppe, sich an gleicher Stelle zur Wehr zu setzen. Wie lauten die Begründungen gegen die Esoteriker, die paradoxerweise als lautstarke Exoteriker dargestellt werden?

„Dahinter steht keine große Bewegung, sondern ein kleiner Verein. Etwa fünfzig Mitglieder hat er. Dabei wollte zu Beginn niemand etwas von dem Verein wissen. Das könnte auch daran liegen, dass der Verein eine Art Neusprech für seine Ideen erfunden hat. Hoffmann hat das geschrieben. Hoffmann hat sein Studium mittlerweile abgebrochen. Warum ist die "Demokratische Stimme der Jugend" so erfolgreich? Der Verein trifft einen Nerv. Hoffmann ist eloquent. Der Auftritt professionell. Kühnerts Besuch dürfte Berechnung sein. Der Run auf die Ideen junger Menschen ist groß. Wer ihre Forderungen aber wirklich wertschätzt, setzt sich ernsthaft mit ihnen auseinander. Kritisiert sie und diskutiert mit ihnen – statt ihnen für mittelmäßig kreative Aktionskunst, eine mittelmäßig erfolgreiche Petition und unsinnige Ideen vor laufenden Kameras den Kopf zu tätscheln.“ (bento.de)

Einerseits Neusprech, andererseits abgeschrieben. Nur Starredner der Parteien dürfen eloquent sein. Wer außerhalb der Etablierten gut reden kann, muss Populist sein. Wer seine Meinung kund tut, will sich der Jugend anschmeicheln. Wer klein anfängt – wie alles in der Welt – ist verdächtig. Wer sein Studium schmeißt wie Kühnert, muss untauglich sein. Kühnert, ein verdächtig guter Redner, wanzt sich an eine unbedeutende Gruppe ran: aus reiner Berechnung. Wer solchen Unsinn verzapft, dass die Welt unter mangelnder Empathie leiden würde, kann nur ein Schlitzohr sein – im Gegensatz zu allen Mächtigen, die sich der reinen Gesinnungsethik bedienen.

An anderer Stelle wird von Mächtigen geradezu das Ausbleiben neuer Formeln moniert.

"CDU-Brinkhaus: „Es ist wie eine Zeitreise. Wir diskutieren jahrelang dieselben Themen!“ Fazit: Das war ein Talk der Kategorie: Nichts, was nicht schon gesagt worden wäre. Verzichtbar!" (BILD.de)

Was immer Kritiker tun, den Hofberichterstattern können sie‘s nicht recht machen. Entweder zu neu, zu alt, zu bedeutungslos, zu messianisch, zu großspurig, zu kleinmütig, zu utopisch, zu ausgeleiert. Ihre Neutralität verurteilt die Medien zu Mitläufern des Zeitgeistes. Die Öffentlichkeit ist geprägt von romantischer Zwielichtigkeit aus wenigen Tropfen Aufklärung und einer Fuselmenge religiöser Erleuchtung.

Die Deutschen fliehen aus den Kirchen – zu Gott. Auch in diesem Punkt sind sie lutherisch. Denn Zwischeninstanzen zwischen Gott und ihnen dulden sie nicht. Allein und entblößten Hauptes wollen sie vor dem Vater stehen. Natürliche Religion duldet keine Stellvertreter, kein pro nobis. Wo beginnt hier die Vernunftreligion, wo endet die alte Jenseitsreligion?

Endlose Kompromisse haben nicht nur die Parteien im Wärmetod erstickt, sondern kompromittieren das ganze gesellschaftliche Sein. Kompromittieren kommt von Kompromiss. Nicht mal in der Theorie dürfen sie scharf und kompromisslos denken. Bevor sie einen Gedanken durchdenken, blinkt bereits das Warnlicht: solche Übertreibungen krieg ich nicht durch, also lass ich es. Streng genommen sind sie kompromissunfähig, denn rationales Entgegenkommen setzt voraus, dass man radikale Thesen hat, die man vorübergehend einschränken kann.

Im deutschen Staat kann geschehen, was will: die Deutschen lassen ihre Kanzlerin nicht im Regen stehen. Je verheerender die Verhältnisse, je höher steigen ihre Beliebtheitsquoten.

Merkel entzieht sich den Deutschen, um ihren Marktwert durch Abwesenheit zu testen und zu erhöhen. Will sie tatsächlich das Feld für eine skurrile Nachfolgerin räumen, die sie – Vorsicht: Verschwörung – mit Absicht ausgesucht hat, um von ihrem Scheitern zu profitieren? Sollte jene scheitern, erhöhen sich ihre Chancen, in Triumph zurückzukehren. Wenn nicht, wird sie ihren langen Abschied nutzen, um ihre posthume Heiligsprechung vorzubereiten. Kann sie doch nichts mehr falsch machen, wenn sie in heiliger Apathie verharrt. Alle Trumpfkarten liegen auf ihrer Seite. Sie könnte nur etwas falsch machen, wenn sie täte, wozu sie vereidigt wurde: dem Wohle des Volkes zu dienen.

Den Deutschen in ihrem paradiesischen Reich fehlte nur eine Kleinigkeit zum vollkommenen Glück: eine geschlossene heilige Familie als politische Realität. Mit ihrer frommen Kanzlerin wurde ihr Begehren erfüllt. Haben sich in Deutschland nicht Wunder vor aller Welt ereignet? Wurde die räudigste Verbrechernation nicht zur vorbildlichsten und wohlständigsten unter allen Völkern? Das muss Ursachen haben, die mit irdischem Verstand nicht erklärbar sind. Hier hat sich das Wunder einer heiligen Familie ereignet.

„In unseren Zeiten haben sich wahre Wunder der Transsubstantiation ereignet. Verwandelt sich nicht ein Hof in eine Familie, ein Thron in ein Heiligtum, eine königliche Vermählung in einen ewigen Herzensbund? Wer den ewigen Frieden jetzt sehen und lieb gewinnen will, der reise nach Berlin und sehe die Königin. Ein Herr und eine Familie.“ (Novalis)

„Herr“ muss natürlich in „Kanzlerin“ verwandelt werden, „ewiger Friede“ in Fortschritt und grenzenloses Wachstum. Sind das nicht Peanuts?

„Der Hof soll das klassische Privatleben im großen sein. Die Hausfrau ist die Feder des Hauswesens. So die Königin die Feder des Hofs. Der Hof ist eigentlich das große Muster einer Haushaltung. Nach ihm bilden sich die großen Haushaltungen des Staats, nach diesem die kleinern, und so herunter. Die Königin hat zwar keinen politischen, aber einen häuslichen Wirkungskreis im großen.“

Es klingt verrückt: hier ist Merkels Wirken ins Herz getroffen. Sie betreibt Politik nicht als eigenständige Weltgestaltung. Solche Autonomie wäre Frevel gegen den Herrn der Geschichte. Sie lässt Ihn machen – und begnügt sich mit fleißiger Kehrarbeit.

Für Heribert Prantl ist Merkel eine vorbildliche Kanzlerin, wenn sie untergeordnete Pflichten erledigt. Wettert er gegen die unerhörte Gier derer, die den Rachen nicht vollkriegen, hat das mit seiner lieben Frowe nichts zu tun.

„Im Grundgesetz steht nicht: Den Reichen wird garantiert, dass sie immer reicher werden. Deshalb braucht Deutschland unbedingt wieder die Vermögensteuer.“ (Sueddeutsche.de)

Es ist die Jugend, die den Skandal mit Merkel anprangert. Nicht die deutsche Kanzlerin lädt die Fridays-for-Future-Demonstranten ein, sondern – Macron. Ein außerordentlicher Vorgang, der von den meisten Medien ignoriert wird. Sie wollen ihre Herzenskönigin nicht im Stich lassen. Die arme Frau muss vor den Mächten der Welt geschützt werden, deren Wohlbefinden hängt unmittelbar zusammen mit dem Segen der Dienerin Gottes:

„Das ist doch ein Skandal, was hier passiert. Frau Merkel erzählt, wir müssen eine europäische Lösung finden, und dann geht sie nach Europa und blockiert. Das ist alles andere als verantwortungsbewusst.“ (Neubauer) (WELT.de)

Die stattlichen Familien der Großen dienen den Kleinen und Gescheiterten als komplementäre Projektion. Bill Gates mit seiner menschheitsliebenden Melinda, Warren Buffet, der ehrbare Milliardär, der seinen Kindern nur lumpige Milliarden hinterlässt, Donald Trump, der seine zahlreiche Familie umsichtig im Weißen Haus unterbringt, um Weltpolitik zu gestalten: das sind die Vorbilder derer, die im Leben schlecht davongekommen sind. Außer Merkel gibt es in Deutschland keine Politiker, die solche Sehnsüchte erfüllen.

Und doch und doch: versteckt sich nicht auch ein eminenter Unterschied zwischen Novalis und Merkel? Und ob. Novalis war vehementer Gegner des westlichen Kapitalismus, vornehmlich aus England. Die ersten Fabriken verrußten den poetischen Himmel und versauten das liebliche Bächlein. Von der unheiligen Gier der ersten Kapitalisten ganz zu schweigen:

„Es versteht sich, dass unser Romantiker dem Prinzip des Eigennutzes, nach welchem der preußische Staat bisher „als Fabrik verwaltet worden“, gründlich abhold ist. Uneigennützige Liebe im Herzen und ihre Maxime im Kopf, das ist nach ihm die alleinige Basis wie der der ehelichen, so der Staatsverbindung, die in Wahrheit nichts anderes als eine Ehe ist.“ (Rudolf Haym, Die Romantische Schule)

Des Volkes Sehnsucht nach Liebe und Empathie erfüllt Merkel trotz ihres Einsatzes für das ökonomische Gegenteil. Eine bewundernswerte Leistung. Wie schafft sie das? Durch symbolische Almosen- und Liebesgaben. Solche müssen ja nicht gleich zur vulgären Politik ausarten. Es genügt, wenn Gottes Magd den Einzelnen sieht, der vom Himmel erwählt wurde. Gott sieht den Einzelnen an, nicht die massa perditionis (Masse der Verdammung) einer heidnischen Demokratie. Wer versteht denn nicht die Nöte der Angela, die am liebsten die ganze Welt retten würde, doch leider will die böse Welt nicht gerettet werden. Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn die böse civitas terrena es nicht will.

Wer die Mutterkönigin in ihrer bewundernswerten Demut erleben will, der reise nach Berlin und sehe, wie sie im Supermarkt einkauft, sich unauffällig vor der Kasse einreiht, um aus dem schlichten Portemonnaie zu bezahlen.

Woher die familiär-politischen Phantasien bei Novalis?

„So waren die Phantasien, mit denen Novalis das Königspaar romantisierte, gleich als ob er das vor kurzem noch im eignen Haus sich zu gründen gehofft hatte, nun doch auf die Erde versetzt, als ob er es auf diese fürstliche Familie und den um diese Familie sich neugestaltenden Staat übertragen hätte.“ (Haym)

Ein trefflicher Verdacht Hayms, der auch für die Gegenwart zutrifft. Je mehr die Familien zerfallen, je isolierter die Einzelnen sind, desto mehr benötigen die Individuen das wohlige Gefühl der Zusammengehörigkeit mit Mutter und Familie. Von der schlichten Mutter erwartet man wohlige Ordnung, wenn man aus der lauten und gehetzten Stadt nach Hause kommt. Merkel verströmt alles, was ein lädiertes, arbeitsgeteiltes, von Ängsten geplagtes und ruheloses Herz zur Beruhigung braucht.

Wovon Novalis träumte, davon träumt die romantische Pastorentochter – im Medium der prosaischen Nichtträumerin. Man muss ja die Nüchterne spielen.

„Umgürtet die Lenden eures Sinnes, seid nüchtern und setzet eure Hoffnung völlig auf die Gnade.“

Merkel deutet ihre Frömmigkeit in der Öffentlichkeit nur an. Nur auf Kirchentagen darf sie zur Sache kommen. Eine Frömmigkeit, die nicht viele Worte macht, ist eindrucksvoller als tatenloses Predigen.

„Wenn ihr betet, sollt ihr kein unnützes Geschwätz machen wie die Heiden, denn sie meinen, dass sie um ihrer vielen Worte willen Erhörung finden werden.“

Novalis wollte zurück ins geschlossene Mittelalter unter dem Zepter des Papstes.

„Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Welttheil bewohnte. Ein großes gemeinschaftliches Interesse Ein Oberhaupt.“ (Novalis, Die Christenheit oder Europa)

Die romantische Epoche war ökumenisch. Poeten aus dem Norden wanderten gen Süden und staunten über die barocke Pracht der Bayern. Viele wurde katholisch, darunter Schelling, Sohn eines protestantischen Pfarrers. Sie wollten eine Einheit sein und verbanden eine Prise Emanzipation mit katholischer Beweihräucherung des Lebens, die sie – Poesie nannten.

Nicht die triviale Sprache aller Menschen, sondern die Übersetzung des Alltäglichen und Trivialen ins Poetische: das war das Ziel des Novalis. Schon lange hatten die Theologen begonnen, die wörtlichen Aussagen der Schrift ins Beliebige zu zerstäuben. Der „sensus literalis“, dieser Zwang, die biblischen Schriften im Wortsinn zu verstehen, empfanden die Romantiker als Fesselung ihres Freiheitsdrangs, den sie von der Aufklärung übernommen und nicht völlig ad acta gelegt hatten.

„Grammatische Übersetzungen sind Übersetzungen im gewöhnlichen Sinn. Sie erfordern nur diskursive Fähigkeiten. Zu den verändernden Übersetzungen gehört, wenn sie echt sein sollen, der höchste poetische Geist. Unsere Sprache ist entweder – mechanisch – atomistisch – oder dynamisch. Die echt poetische Sprache soll aber organisch lebendig sein.“ (Novalis, Vermischte Bemerkungen)

Hier begann, im Namen der Genie-Ästhetik, die Sprachverhunzung der Neuzeit, die in der Beliebigkeit der Postmoderne gipfelte. Da es keine objektiven Begriffe gab, konnte es auch keine moralische Eindeutigkeit geben. „Den sittlichen Gesichtspunkt ordneten sie dem ästhetischen unter. Schien ihnen etwas schön oder gefühlvoll, fragten sie nicht mehr nach Moral.“ (Ricarda Huch, Die Romantik)

Die moralverachtende Ästhetik ergriff das Regiment über die deutschen Intellektuellen. Das gipfelte in Wagner und Nietzsche, die jenseits von Gut und Böse das messianische Heil der Deutschen erblickten. Da wurden die Poeten zu Herren der Welt:

„Der Deutsche ist lange das Hänschen gewesen. Er wird aber wohl bald der Hans aller Hänse werden. Es geht ihm, wie es vielen dummen Kindern gehen soll – er wird leben und klug sein, wenn seine frühklugen Geschwister längst vermodert sind, und er nun allein Herr im Hause ist. Dieser sichtbare Geist kommt entweder, wie im 1000-jährigen Reiche ohne unser Zutun – oder er wird einstimmig, durch ein lautes oder stilles Einverständnis gewählt.“ (Novalis, Vermischte Bemerkungen)

Das „oder“ kann man streichen. Das 1000-jährige Reich kam durch lautes und stilles Einverständnis – und dennoch tun die Deutschen noch immer, als ob alles ohne ihr Zutun gekommen wäre. Reculer pour mieux sauter – zuerst bleiben sie zurück, um dann ihre Gegner wie Berserker zu überrennen.

Mit der Überwindung der Aufklärung war auch der graecomanische Geist verschwunden, der ohnehin nicht mehr gewesen war als eine ästhetische Verklärung uralter Mythen. Mit Demokratie und Vernunft hatte das Ganze wenig bis nichts zu tun.

„Am Anfang stand die inbegriffliche Einheit von allem, nur dass sie nicht mehr mit der Palette des klassizistischen Hellas ausgemalt war.“ (Hermann Timm, Die heilige Revolution)

Das Dritte Reich wurde nicht im Dritten Reich geboren. Es hatte eine immense Vorlaufzeit. Die „heilige Revolution“ des Novalis gehört dazu. Königin Luise wurde zur ökumenischen Maria: „Ich sehe dich in 1000 Bildern, Maria, lieblich ausgedrückt.“ Den einen Messias vervielfältigte der Poet in einen „Messias im Pluralis“, einen „Messias in 1000 Gliedern“.

Das waren Folgerungen aus der „johanneisch-joachitischen Tradition“ und führte zur „korporativen Messianologie“: dem „Keim alles Demokratismus“. Dies war die Grundlage des völkischen Bewusstseins, das sich als wahre Demokratie unter Leitung eines Sohnes der Vorsehung präsentierte. Der Theologe Hermann Timm deutet die heilige Revolution: „Die Verwandlung der französischen Revolutionsideale zur romantischen Totalitätsreligion lässt das Millennium auferstehen … aus dem neuschöpferischen Geist der Bruderliebe.“

Mit anderen Worten: die unstillbare Sucht der Deutschen nach Macht über die Welt am Ende der Geschichte trieb sie in die Rolle der Apokalyptiker, welche Furcht und Schrecken über die Welt brachten.

Merkel ist immun geworden gegen jede Kritik – die ohnehin kaum noch zu hören ist. Alles Negative prallt an ihr ab. Sie ist zur unbefleckten Maria geworden. Während in Paris Notre Dame brennt, wird die deutsche Notre Dame unangreifbar. Die Deutschen sind mit ihrer Heiligen zur Einheit verschmolzen.

„Nach der Psychoanalytikerin Karen Horney repräsentiert sie den zweiten der beiden Auswege, mit denen Männer ihre Furcht vor Frauen zu überwinden suchten: Verunglimpfung und Idealisierung“. (Walker)

Stimmte die Vermutung Horneys, wäre die Frauenverachtung der deutschen Männer auf der nach oben offenen Verachtungsskala nicht mehr messbar.

 

Fortsetzung folgt.