Von vorne V

Tagesmail - Freitag, den 26. April 2019

Von vorne V,

ginge die Demokratie verloren, wäre die Moderne unfähig, sie wieder zum Leben zu erwecken. Gegenwärtig ist sie dabei, die letzten demokratischen Reste mit jedem Tag, an dem das Alte guillotiniert wird, zu verscherbeln.

Das Neue muss her, gleich, ob es gut oder schlecht ist. Es muss gut sein, weil es neu ist. Das Alte schlecht sein, weil es alt ist. So beginnt die Sprachverderbnis. Das Schlechte ist nicht mehr schlecht, sondern alt, das Gute nicht mehr gut, sondern neu. Das ist die erste Stufe.

Auf der nächsten Stufe wird neu durch modern oder fortschrittlich ersetzt. War neu eine himmlische Offenbarung, wird modern zur Errungenschaft des Menschen. Das Gute schillert zwischen passiver Erleuchtung und autonomer Erkenntnis.

Was aber ist autonome Erkenntnis? Für die Alten war Erkenntnis die Wahrnehmung der Natur, die ihre Gesetze und Geheimnisse den Menschen preisgibt. Für moderne Ohren klingt das wie überhebliches Belehren der Natur und gehorsames Nachplappern des Menschen. Nicht für alte Ohren: Erkennen ist die Aktivität des Menschen, der sich erarbeiten muss, was die Natur ihm preisgibt. Erkennen ist eine erotische Begegnung zwischen Mensch und Natur.

Die unklare Verquickung von menschlicher und natürlicher Leistung ist die Ideologie des Abendlandes: stolz sein auf eigene Fündlein, wenn sie erfolgreich sind; in demütigem Leid alles aus der Hand des Himmels empfangend, wenn sie zum Desaster werden. Der moderne Mensch hat die Schuld abgeschafft. Es gibt nur noch Erfolge und moralfreies Versagen. Die Erfolgreichen gewinnen alles (the winner takes it all), die Versager verschwinden im Dunklen Loch der Geschichte.

Ursachenerforschung dient allein dem Narzissmus der Nobilitierung, nicht der Feststellung von Schuld und Versagen. Auf die Liste der Weltsieger gelangen nur Genies, Milliardäre ...

... und Schlächter.

Das Gute wird zum Erfolgreichen. Was aber, wenn sich das Schlechte durchsetzt? Fortschritt ist die Reihe der Erfolge und des Neuen. Dem Fortschritt fehlen die Worte, um seinen Triumph als guten oder schlechten zu kennzeichnen.

Das Gute als das Neue, Moderne, Schöpferische und Erfolgreiche verliert jede moralische Bewertung, sofern Moral ein altes Wort für das Gute ist. Gerät die Moderne auf dem Gipfel ihres Erfolgs in Turbulenzen, weiß sie nicht, was ihr geschieht. Sie wird sprachlos. Neue Wörter müssen her, um das Debakel zu kennzeichnen.

Die Moderne hat ihr moralisches Gerüst verloren, sie ist zu einem babylonischen Turm des Ungerechten geworden. Wer mangelnde Gerechtigkeit beklagt und gerechte Zustände fordert, wird – nach zufälligen Sitzordnungen im Parlament – als links bezeichnet. Die Kontrahenten gelten als rechts.

Was aber, wenn die Linken die Ungerechtigkeiten der Moderne korrigieren, aber auf die Errungenschaften der Moderne nicht verzichten wollen? Sind sie nicht rechts, wenn sie auf die Macht des Erfolgreichen nicht verzichten – und dennoch dem Guten und Gerechten unterwerfen wollen?

Könnte es nicht sein, dass das Schlechte schon sehr früh in die Phalanx des Mächtigen und Erfolgreichen eingedrungen ist, was bedeuten würde, den gesamten babylonischen Turm der abendländischen Erfolgsgeschichte so weit abzutragen, dass die ersten Sprachverwirrungen freigelegt werden müssten, um von Vorne zu beginnen?

Es gibt Rechte, die auf die Macht des Herkömmlichen nicht verzichten, sie dennoch aber der Moral unterwerfen wollen. Etwa die führende Partei des Landes: die CDU. Eine Zeit lang besaß sie eine kleine Gruppe von Herzjesu-Marxisten, zu denen Norbert Blüm, Heiner Geißler und – festhalten – Horst Seehofer gehörten. Solange die soziale Marktwirtschaft das deutsche Wirtschaftswunder regulierte, konnte sich die CDU als rechte konservative Partei stilisieren, die die Bewahrung des Alten mit moralischen Kriterien zu verbinden glaubte.

Was genau war es, was sie an Altem bewahren wollten? Hier schillert es in allen Farben. Das Alte war die Macht, die als Geschenk Gottes galt. Es war die alte Moral der deutschen Geschichte: das christliche Erbe. Auch die Moral der Griechen war bei den Erben graecomanischer Dichter und Denker eine gewisse Zeit noch gefragt.

Spätestens mit dem Einbruch des Neoliberalismus – einer Strömung der Gegenaufklärung – wurde die altgriechische Aufklärung verbannt. Vom alten Europa wollten auch die Amerikaner nichts wissen. Griechen sollten die Erfinder der Demokratie und Menschenrechte sein? Lachhaft! Es waren fromme Neocalvinisten und Puritaner, die aus dem Schatzkästlein ihres Glaubens alles hervorzaubern konnten, was sie als politische Führer der Welt benötigten.

Was aber, wenn christliche und heidnische Moral sich ausschlössen? Was, wenn christliche Moral in sich selbst so widersprüchlich wäre, dass Protestanten und Katholiken, Biblizisten und Theologen, Deutsche und Amerikaner au fond unverträglich wären? Was, wenn die Widersprüche niemanden interessierten, weil Sieger und Besiegte, Befreier und Befreite bis heute unfähig sind, ihre verdrängten Differenzen wahrzunehmen?

Standen doch die Befreiten unter dem Zwang, sich völlig zu verändern, um sich der Weltanschauung der Sieger unterzuordnen. Die Schizophrenie der Deutschen, einerseits überzeugte Christen, andererseits rationale Weltplayer zu sein, ist das Ergebnis dieser binationalen Verdrängung. Ein deutsch-amerikanischer Streit um die Grundlagen der Moderne bleibt bis heute ausgeschlossen.

Auf der linken Seite nicht anders. Die akkumulierte Macht der Abendländer über Mensch und Natur führte zum Elend der neuen Arbeiterklasse, die aus ihrer ursprünglichen bäuerlichen Autarkie herausgerissen worden war. Das Elend der Arbeiter zu beheben, sollte das Werk einer revolutionären Gerechtigkeit werden.

Doch was, wenn die Entwicklung des abendländischen Kapitalismus von Anfang an mit Ungerechtigkeit kontaminiert wäre? Müsste man nicht die gesamte Entwicklung in ihre Einzelteile zerlegen, um auf primäre moralische Fundamente zu stoßen? Ab wann aber beginnt Kapitalismus? Die Frage kann heute nicht beantwortet werden, weil jeder unter Kapitalismus etwas anderes versteht.

Marx versteht unter Kapitalismus eine evolutionäre Entwicklung, die im England des 18. Jahrhunderts einen Quantensprung machte, und sich, unbeeindruckt vom Lärm der Befürworter und Gegner, solange entwickeln und verschärfen wird, bis sie sich selbst in die Luft sprengt. Menschen, die gerechte Verhältnisse suchen, können sich dem Naturautomatismus nur anschließen, ihn durch Mitlaufen geringfügig beschleunigen oder durch Abwarten verlangsamen. Moralisches Bemühen selbstbestimmter Revolutionäre ist ausgeschlossen.

Menschen können sich dem Automatismus materieller Verhältnisse nur anschließen, wenn sie dem Ruf der Geschichte folgen. Ist Moral eine autonome Fähigkeit des Menschen, kann es in der sozialistischen Revolution keine Moral geben. Moral nennt Marx eine frühsozialistische Utopie, die im revolutionären Frankreich entwickelt wurde. Marx glaubte, den blauäugigen Moralismus überwunden zu haben. Marxisten können den Naturprozess des Kapitalismus nur begleiten – steuern oder moralisch bewerten können sie ihn nicht. Entwickelt sich ihre volle Moral doch erst im Reich der Freiheit, wo sie als korrigierende Kraft überflüssig wird.

Links und rechts sind keine Gegensatzbegriffe, die scharf voneinander getrennt werden können. Sie überlappen sich mehr, als dass sie sich konträr definieren ließen. Die Rechten unterstellen sich dem Regiment Gottes, die Linken der Allmacht der materiellen Verhältnisse. Die Rechten, obgleich fromme Bergprediger, glauben nicht an die Möglichkeit, die korrupten Verhältnisse mit heidnischer Moral zu beeindrucken. Erst am Ende aller Tage wird das böse irdische Reich vernichtet und ein neuer Garten Eden errichtet werden. Der Glaube der Sozialisten klingt identisch, wenngleich in ökonomische Vokabeln übersetzt.

Es ergibt sich, dass die Menschen in der jetzigen Krise die Mängel des Systems immer deutlicher spüren, aber mit ungenügenden Begriffen unfähig sind, ihre objektiven und subjektiven Befindlichkeiten zu klären. Sie wollen verändern. Die Führungsklassen aber verkaufen ihre Macht als komplexe Abläufe, die über den Köpfen der Menschen hinweg ihre Spielchen treiben und vom Pöbel nicht verstanden und nicht beeinflusst werden können.

Links gibt sich gerecht, rechts konservativ: dennoch sind sie sich ähnlicher als die Logik erlaubt. Alle Begriffe, die nichts klären, müssten aus dem Verkehr gezogen werden. Werden die Dinge nicht unverstellt bei Namen genannt, wird die Wahrheit begraben. Stattdessen werden „Geschichten“ oder Narrative erzählt. Geschichten sind Umwandlungen der Wahrheit in Heilsgeschichte.

Wir müssen Konfuzianer werden, um unsre Verwüstungen zu benennen und zu verändern:

„Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht stimmt, dann stimmen die Werke nicht. Gedeihen die Werke nicht, so verderben Sitten und Künste. Darum achte man darauf, dass die Worte stimmen. Das ist das Wichtigste von allem.“

Wie verwüstet unsere begriffliche und reale Welt ist, zeigt beispielsweise die Verleihung der Alexander-Rüstow-Medaille an die Kanzlerin.

„Ihr hat die Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft (ASM) eine Plakette verliehen. Diese Plakette ist nach Alexander Rüstow benannt, dem Soziologen und Wirtschaftswissenschaftler. Alexander Rüstow gehört zu den Begründern der Sozialen Marktwirtschaft und war von 1955 bis 1962 ASM-Vorsitzender. Rüstow und Merkel sind im Denken und Handeln derart gegensätzlich, dass die Verleihung der Plakette mit seinem Namen für ihn geradezu eine Beleidigung und Entwürdigung darstellt.“ (ef-magazin.de)

Rüstow erfand den Neoliberalismus, weil er den alten Liberalismus – den er Paläoliberalismus nannte – als absurd empfand. Die Verwirrkünstler der Eliten aber sind genial und haben die Begriffe vertauscht. Der von Rüstow kritisierte Uralt-Liberalismus wurde zum Neoliberalismus, sodass Rüstow heute als Neoliberaler im Geiste Hayeks verkauft wird. Die Ökonomen der ASM sind an diesem bösen Spiel ebenso beteiligt wie die mediale Realität. Nicht nur in der Theologie wird betrogen, dass sich die Balken biegen, sondern auch in der Ökonomie.

„Unser Neoliberalismus unterscheidet sich vom Paläoliberalismus dadurch, dass er nicht wie der Paläoliberalismus alles nur auf wirtschaftliche Größen bezieht. Wir sind der Meinung, dass wirtschaftliche Dinge überwirtschaftlichen untergeordnet werden müssen. Wir sind der Meinung, dass es unendlich viele Dinge gibt, die wichtiger sind als Wirtschaft: Familie, Gemeinde, Staat, alle sozialen Integrationsformen bis hinauf zur Menschheit, ferner das Religiöse, das Ethische, das Ästhetische, kurz, das Menschliche und Kulturelle überhaupt. Aber sie alle können ohne Wirtschaft nicht existieren. Für sie alle muss die Wirtschaft das Fundament, den Boden bereiten. Primum vivere, deinde philosophari, zuerst leben, dann philosophieren.“ (Alexander Rüstow, „Rede und Antwort“)

Das war der Gründergeist der sozialen Marktwirtschaft, die sich heute als Hayek‘scher Neoliberalismus ausgibt, dem strikten Gegenteil des Originals à la Rüstow. Wie viele Medien gibt es, die sich aufspielen, als wollten sie Licht bringen in die Dunkelheiten der Gegenwart? Die flagrantesten Täuschungsmanöver mitten auf dem Marktplatz aber entgehen ihnen.

Für Merkel & Co gibt es nur Wirtschaft, Wettbewerb und Maloche. Für Fromme kein Problem, denn sie haben Glauben, der ihnen über alle Fährnisse hinweg hilft. Wer keinen hat, schaut in die Röhre. Aristoteles sprach von Überleben und Leben. Wenn Wirtschaft nur fürs Überleben sorgt, findet kein Leben mehr statt.

Das ist zu spüren. Lähmung liegt über dem Land. Gazetten saugen sich Triviales und Kurioses aus den Fingern. Sie warten begierig auf action der Hauptdarsteller, um ihre Seiten zu füllen. Die hohen Aktionen werden an der Leblosigkeit nichts ändern. Sie werden sie nur vertuschen.

Seit langem schon tut sich nichts in der Gesellschaft – außer in der Beschleunigung der Naturverwüstung und Reichtumsvermehrung der EINPROZENT. Je mehr die Dinge ins Rasen kommen, je mehr verharrt alles auf der Stelle. Wirtschaft ist nicht die Dienerin des Lebens, das Leben muss sich der Wirtschaft unterordnen.

Je weniger die Menschen wissen, wozu sie vorhanden sind, je mehr verbreiten sich Stimmungen der Vergeblichkeit. Je desolater die Stimmungen, desto mehr müssen sie sich dem Schein der Geschwindigkeit ergeben. Einzelneurosen der Individuen bleiben unsichtbar, weil eine Massenneurose die Gesellschaft beherrscht. Wo bleiben die Seelenspezialisten, die der Gesellschaft den Spiegel vorhielten?

„Nirgendwo in Deutschland treffen sich so viele Psychotherapeuten wie in Lindau. Wer sich anhört, was sie zu sagen haben, müsste also einiges erfahren darüber, wie es um die seelische Gesundheit der Gesellschaft bestellt ist.“ (Sueddeutsche.de)

Wie ist es um die Gesundheit der Gesellschaft bestellt? Wie so oft, wird eine Frage gestellt – doch keine Antwort gegeben. Die Gesellschaft, noch immer die Hauptursache aller seelischen Deformationen, wird nicht mal ins Visier genommen. Was Horst-Eberhard Richter und die Mitscherlichs vormachten, wird ignoriert. Niemand will bei der Digitalisierung zurückstehen. Die Therapie soll roboterisiert werden.

„«Schöne digitale Welt», heißt der Schwerpunkt der zweiten Woche. Matthias Backenstraß, Professor für Klinische Psychologie am Klinikum Stuttgart, ist Experte für digitale Anwendungen in der Behandlung von Depressionen.“

Joseph Weizenbaum, Gründervater der Kybernetik, wollte es nicht glauben, als amerikanische Gesprächstherapeuten die Therapie eines Menschen einer Maschine übergeben wollten.

„Die Psychotherapeuten dachten tatsächlich, ich hätte eine Therapiemaschine gebaut.“

Fortschrittsanbetern, die moralische Mängel durch Maschinen korrigieren wollten, schrieb er ins Stammbuch:

„Moralität und Gerechtigkeit ist mit Mathematik nicht beizukommen, man muss sie leben.“ (Josef Weizenbaum, „Kurs auf den Eisberg“)

Für die Psychotherapie existiert keine Gesellschaft. Um Tiefenstrukturen der Gesellschaft zu verstehen, stehen keine Seelenkundler zur Verfügung. Sie haben sich in jene Winkel der Gesellschaft zurückgezogen, die bislang von klerikalen Seelsorgern besetzt wurden. Vor lauter im Unterholz herumirrenden Einzelneurosen sehen sie den Wald der Massenneurose nicht mehr.

Auf ähnlichem Wege befinden sich NGO’s. KI soll ihnen helfen, nicht nur organisatorische und statistische Hilfsdienste zu leisten, mit Hilfe von Algorithmen wollen sie die Nöte der Menschen besser verstehen. Was Menschen nicht mehr können – sich in andere Menschen hineinversetzen –, sollen leblose Maschinen leisten. Das ist die finale Abdankung jeder Empathie:

„Das maschinelle Lernen hilft dabei, die Merkmale und Bedürfnisse der betroffenen Gruppen besser zu verstehen.“ (enorm-magazin.de)

Unsere Kinder sollen es besser haben? Das galt vor Jahrzehnten. Heute sind es die Kinder, die verzweifelt um ihre Zukunft kämpfen müssen. Das Politpersonal steht gelähmt und schaut angewidert beiseite.

Umstritten ist nicht nur, was Kapitalismus ist, sondern, wann er begann. Wenn Kapitalismus ein Phänomen der Freiheit ist, wie seine Apologeten behaupten, müsste er dann nicht zeitgleich mit der Entdeckung der Freiheit begonnen haben? An ihre Freiheitsthese scheinen sie nicht zu glauben, sonst hätten sie den Kapitalismus Hand in Hand mit der Freiheit beginnen lassen müssen.

Freiheit ist die conditio sine qua non der Demokratie. Kapitalismus begann im selben Moment, als Demokratie zu pulsieren begann. Demokratie fing an, als das griechische Volk den homerischen Adel abschüttelte.
„Ein neues, von schweren sozialpolitischen und geistigen Kämpfen erfülltes Zeitalter zieht herauf, in dem das heroische Epos sich zu Ende neigt und von der Lyrik und dem Lehrgedicht abgelöst wird.“ (Wilhelm Nestle)

Epos war das kollektive Gemälde einer Aristokratie. Mit Lyrik und Lehrgedicht beginnt die Epoche kritischer Einzelstimmen, die es wagen, aus dem Kollektiv auszuscheren.

Die Stärkung des Einzel-Ichs war die Anregung für andere Individuen, sich wirtschaftlich selbständig zu machen, die Welt zu erkunden und sich mit Produktion und Handel eine unabhängige Position zu schaffen.

„Zum Emporkommen des Bürgertums trug die allmähliche Umwandlung der Naturalwirtschaft in Geldwirtschaft, des Grundbesitzes in mobiles Kapital, sowie der sich stark entwickelnde Seehandel mit den die Mittelmeerküsten bewohnenden Völkern viel bei. Die ganze soziale Umschichtung führte zu schweren Parteikämpfen. Theognis von Megara schaut mit Hass auf die bürgerlichen Emporkömmlinge, aber auch auf diejenigen, die durch Geldheiraten sich mit bürgerlichen Neureichen versippen, um ihre zerrütteten Vermögensverhältnisse zu verbessern. Seine Freunde warnt er vor dem Umgang mit den Schlechten, den Plebejern.“ (ebenda)

Kapitalismus begann, als das neue Geld im Feld der neuen Freiheit die bislang zum Gehorsam genötigten Menschen mit neuem Bedürfnis erfüllte: dem Bedürfnis nach einem sorglosen Leben und nach unverdächtiger Macht über andere.

Kapitalismus begann, als der freie Wettbewerb eröffnet wurde. Der Starke und Unternehmungslustige machte Handel mit Gott und der Welt, begierig nach Erfahrungen mit fremden Völkern und nach Austausch von einheimischen mit fremden Produkten. Im Gegensatz zu heute waren die ersten Händler auch Erkenntnishungrige, die ihre Erfahrungen an ihre Mitbürger weitergaben. Erst allmählich stellten sie fest, dass Wissensbegierde und Abenteuerlust sich auch finanziell auszahlten.

Das neue Selbstbewusstsein verstärkte nicht nur den Widerstand gegen den alten Adel, sondern auch die Sehnsucht nach einer Polis der Starken, die sich von niemandem in der Welt etwas sagen lassen müsste.

Nicht alle aber waren gleich stark. Einstige Unterschiede zwischen Adel und Volk wurden zu Unterschieden zwischen Reichen und Armen.

Wer Geld hatte, konnte in Not geratenen Bauern Kredite geben, die sie mit hohen Zinsen zurückzahlen mussten. Das führte zu den ersten archetypischen Konflikten des Kapitalismus. Wenn es wenigen Starken gelingt, sich über die Mehrheit der Schwachen zu erheben und sie mit überlegener Geldstärke zu drangsalieren, ja mit „legitimen Transaktionen zu berauben“ – dann ist was? Dann ist Kapitalismus.

Kapitalismus beginnt, wenn ein Starker einem Schwachen das Leben schwer, ja zur Hölle machen kann.

Die neue Perspektive politischer Freiheit verrät schnell die künftigen Brennpunkte der Polis. Das Hauptproblem der Demokratie wird nicht der alte Adel sein, sondern die Dauerkonflikte zwischen Reichen und Armen.

Es hätte kein besseres Gesellschaftsmodell zur Eindämmung der sozialen Frage geben können als die Herrschaft der Gleichen. Was Hegel über den Geist sagte, gilt in verstärktem Maß für die demokratische Polis:

„Erkennen heilt die Wunde, die es selber ist“.

Übertragen auf die Polis: Demokratie heilt die Wunde, die sie – im Rahmen der Freiheit – gleichzeitig mit dem Kapitalismus erschuf. Nur Demokratie ist fähig, die Sucht nach Mehr zu begrenzen und die Schwachen vor den Starken zu schützen, ohne in totalitäres Plattmachen zu verfallen.

Freilich heißt das, eine Demokratie muss wach und vital bleiben, um Freiheit nicht in Ungerechtigkeit ausarten zu lassen – wie in heutigen Tagen, wo viele Demokratien in Gefahr sind, zur Beute von Eliten zu werden.

Als die beginnenden Ungleichheiten gen Himmel schrien und immer mehr Bauern „gelegt“ wurden, bewiesen die späteren Gründer der Demokratie ihre Kunst, das Problem zu lösen, indem sie einen Weisen beriefen, der für gerechte Verhältnisse sorgen sollte. Es war Solon, Dichter, Denker und Politiker, wie die Deutschen keinen kannten.

Für Solon ist der Grund des Übels in der Welt die Hybris des Menschen. Tüchtigkeit darf von Rechtlichkeit nicht getrennt werden. Rechtes Denken und rechtes Handeln müssen eine Einheit bilden.

Solon genoss das Vertrauen beider Klassen, weshalb es ihm gelang, die sozialen Streitigkeiten zu schlichten.

„Die gesamte Athener Bürgerschaft, so Karl-Wilhelm Welwei, ist von Solon aufgerufen, den Zusammenhang zwischen der maßlosen Raffgier der Mächtigen und dem dadurch bedingten Elend der Armen zu erkennen. Indem die Bürger sich mit der Polis identifizieren, indem jeder einzelne rechtlich handelt, wird die Polisordnung von allen gemeinsam getragen und die gerechte Ordnung im öffentlichen Leben wiederhergestellt.“

Kapitalismus, Begierde nach Macht und Reichtum, legitime Frucht der Freiheit, muss ständig in Grenzen gehalten werden durch den politischen Kampf der Gleichen und Freien. Das Ziel des Kampfes kann nur eine gerechte Gesellschaft sein.

Was ist Gerechtigkeit? Das war die wichtigste Frage aller griechischen Philosophen, die sie in tiefgründigen und strengen Auseinandersetzungen miteinander auskämpften. Philosophie war die Antwort der Griechen auf Kapitalismus und Machtwahn. Nur eine moralische Politik der Gerechtigkeit kann eine wütende Bestie in eine schnurrende Helferin der Menschheit verwandeln.

Kapitalismus ist keine Sache komplexer Finanzaktionen. Die Mittel, die er anwendet, sind nur von sekundärer Bedeutung. An seinen Früchten soll man ihn erkennen. Wenn er aufhört, allen Demokraten zu nützen und nur Einigen zu Macht und Reichtum verhilft, ist er zum Monstrum entartet. Er muss so gezähmt werden, dass er allen Menschen dient. Nicht nur einer Nation. Sondern der ganzen Menschheit, die ihn nötigen muss, den Einklang mit der Natur zu wahren.

Kapitalismus ist die Frucht unendlicher vieler moralischer und unmoralischer Entscheidungen einer erwachenden Demokratie, keine leblose Maschine, die man mit Knopfdruck steuern kann, kein mechanisches Spielzeug einer unsichtbaren Hand, aber auch kein giftiges Gewächs der Hölle.

Kapitalismus ist die Erfindung freier Menschen, die ihn gleichwohl an die Leine nehmen müssen. Nicht mit Formeln und Gesetzen, die nur den Reichen dienen, sondern mit – Gerechtigkeit.

 

Fortsetzung folgt.