Mutter-Mythos

Frauen und Mütter - Montag, den 31. Oktober 2011

Mutter-Mythos

Barbara Vinken hat ein merkwürdiges Buch geschrieben. Vierzig Jahre hinke Deutschland hinter westlichen Staaten hinterher, was die Vereinbarkeit von Mutterdasein und Beruf betrifft. Schuld daran sei das „vormoderne“ Mutterbild der Deutschen. Selbst die bestausgebildeten Frauen hängen – wenn sich ein Kind ankündigt – von heut auf morgen ihren teuer erarbeiteten Herzensjob an den Nagel – und werden ein seltsames Wesen, das in anderen Nationen in diesem Phänotyp unbekannt ist: eine deutsche Mutter.

Dieses sonderbare Muttertier bricht alle Kontakte mit Menschen, die es wagen, keine Kinder zu haben, schlechthin ab. Solche hedonistischen Karrieristen haben keinerlei Verständnis für die Maria unter den auserwählten Weibern. Eine Mutter kann nur von einer Mutter verstanden werden. Von jetzt auf nachher scheidet die eben noch hochmotivierte Wissenschaftlerin, Journalistin, Managerin etc. aus dem egoistischen Zirkus der Eitelkeiten, der unmoralischen Konkurrenz aus, gibt alle eigensüchtigen Berufsziele an der Garderobe ab und ...

konzentriert sich fürder nur noch auf Brutpflege, gesundes Essen, spirituelle oder sonst wie elitäre Hochglanzpädagogik, Muttermilch, präembryonale Musikförderung und derlei magische Kostbarkeiten.

Dabei entwickelt sie eine Gegenwelt, die nichts weniger als die normale Arbeitswelt des Mannes mit allen Degenerierungserscheinungen reinigen, korrigieren, ja erlösen soll. Das Heil kommt, nein, nicht von der Frau schlechthin, sondern von dem gebärenden Weib, der Mutter der Kinder. Sie erbaut ein kleines Vorzeige-Universum, das nicht kontaminiert ist vom Schmutz, der moralischen Verkommenheit der ordinären Männerwelt.

Die Mutter-Kind-Symbiose wird zum Vor-Schein einer ganz anderen, einer intakten, natur- oder gottverbundenen Utopie. In diese darf der männliche Erzeuger des Wonnebalgs nur eintreten, wenn er an der Pforte die Schuhe auszieht, eine sakrale Miene auflegt und zum fröhlich-ernsten Gottesdienst mit Maria und dem kleinen Jesulein bereit ist. Er ist Josef, nicht unbedingt in biologischer, aber in jedweder sonstigen Hinsicht. Das kleine Nachwuchswunder im Gitterbett verdrängt ihn von der füllig gewordenen Mutterbrust, die nicht mehr erotisch, sondern permanent fließend sein soll.

Sein bisheriges Objekt der Begierde mutiert zum Begierdeobjekt des kleinen unersättlichen, unbesiegbaren Rivalen, der ihn mit souveräner Glucks- und Patschgeste in die zweite Reihe degradiert – und selbst die Aufmerksamkeit und Sympathie des Degradierten für sich in Anspruch nimmt.

Soweit, so schlecht. Sagt Barbara Vinken. Die Frau wird finanziell abhängig vom Vater ihres Kindes. Rache muss sein. Sie wird unattraktiv, nicht nur für ihren regulären Ehemann, sondern für jedweden brünstigen Hirsch auf der Weide. Für den Begehrlichkeitswettbewerb steht sie nicht mehr zur Verfügung. Sie wird keusch, herb, innig, Öko- und Pazifistenfrau, Gutmensch und Vorsitzende des Kinder- und Mütterclubs. Das Lotterbett bleibt sauber und unbefleckt. Die Wohnung wird systematisch durchpädagogisiert.

Der Mann geht fremd – und sucht heimlich seine nächste Lebensabschnittspartnerin. Ade oh deutsche Mutter. Pass gut auf meinen Sprössling auf – wir bleiben Freunde. Die alte lebenslange Familie ist tot, es lebe die wechselnde Wahlverwandtschaft, die Makramee- und Patchworkfamilie. Zettel und Einschlag. Zwei links, zwei rechts, zwei fallen lassen.

Der deutsche Mutterwahn, das ist der immer noch geltende deutsche Sonderweg. Das Verhängnis. Der Grund der Zurückgebliebenheit der deutschen Gesellschaft. Die mangelnde Anpassung an die moderne Arbeitswelt. Der Dünkel des griesgrämigen Dagegenseins. Gegen geradezu alles: den Kapitalismus, die entfremdete und kalte Berufswelt, die Lieblosigkeit der Gesellschaft, die Borniertheit der Politiker, den Technikwahn, die Naturfeindschaft, die Dummheit der Schulen, das Konkurrenzdenken etc.

So weit, so schlecht. Worauf aber will B. Vinken hinaus? Ihre „Utopie“ ist die vollständige Verfügbarkeit von Männlein – und Weiblein. Der Arbeitsmarkt, die alleinseligmachende Erwerbsarbeit, die kapitalistische Rundum-Beschäftigung. An der deutschen Sonderwelt stört sie am meisten, dass die Erlösungsmütter, besonders die akademischen, der Produktionswelt nicht zur Verfügung stehen. Da ist noch ein Widerstand gegen die Allmacht des Mammons, der muß gebrochen werden. Der tarnt sich mit Muttergedöns, ist aber insgeheim nur störrisch und heimtückisch gegen diese unsere moderne Welt, die keine Sonder- und Paralleluniversen duldet. Keinen anonymen Streik gegen die herrschenden Götter: Geld und Macht.

Die deutschen Mütter wollen eine andere Welt, eine bessere für ihre Kinder. Das muss ihnen ausgetrieben werden. Muttersein heißt Muttersein und sonst nichts. Nicht jedenfalls noch Weltverbesserin im Nebenberuf. Oder Fundamentalkritikerin. Oder Priesterin. Schamanin. Utopistin. Diese Welt ist die beste aller Welten. Alles andere ist illusorisch.

„Skeptisch sollten wir nicht auf Weltverbesserung hoffen, sondern daran arbeiten, dass Mütter als normale Erwachsene in einer Welt der normalen gesellschaftlichen Verpflichtungen, der politischen, erotischen, wirtschaftlichen Bewegungen und Attraktionen weiterleben können, statt im bestgeschützten Reservat der Welt, der deutschen Mutter-Kind-Symbiose, zu verschwinden.“ ( S. 253)

Viele Beobachtungen sind richtig. Man kann den deutschen Supermüttern nur empfehlen, sich von der Autorin den Spiegel vorhalten zu lassen. Wer empfindet bei einer Gruppe militanter Geniemütter nicht einen natürlichen Fluchtreflex? Diese Beschränktheit auf jeden pädagogischen Furz, diese Intoleranz alles Nichtmütterlichen? Diese anti-erotische Biederkeit? Dieses mangelnde Interesse an allem, was nicht unmittelbar mit Windeln und Schnuller zusammenhängt?

Keine Politik, keine geistige Beweglichkeit, Kunst oder dergleichen. Wie bei der Weltfeindlichkeit der Urchristen wird der Blick nur auf das Eine gerichtet, das Not tut: auf das heilige Kind. Das dauert sechs Jahre, bis man dasselbe an der Höllenpforte der Schule abgibt. Ab dann ist man für nichts mehr zuständig.

Vinken behauptet, bei deutschen Müttern herrsche ein großes Misstrauen gegen Schule und Kindergarten. Sie bemerkt nicht, dass sie vor allem von linken Gruppierungen spricht, die in der Tat mit den vorhandenen Institutionen nicht einverstanden sind. Doch das ist eine verschwindende Minderheit. Die meisten Eltern – Männer natürlich immer eingeschlossen – geben ihre Kompetenz an der Eingangstür zu Kindergarten und Schulen ab.

Wenn jemand die Welt erlösen muss, es aber nicht kann, mutiert er zur Kirche. So die zur Mutter berufene Frau. Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben, muss malochen, die externen Feinde besiegen, den schmutzigen Mammon erwerben etc.

Die Mutter wird sakraler Gegenpol des weltlichen Mannes. Auf Geschlechterebene wiederholt sich hier der Antagonismus von societas perfekta, also der Kirche, und dem weltlichen Staat, der Räuberbande. Letztere braucht man fürs Grobe, solange die Menschheit „im Fleische“ ausharrt. Der Mann: der grobschlächtige Staat, die Frau: die spirituell überlegene, real aber unterlegene und vom Manne abhängige Haus-Kapelle. Erlösen heißt nicht Lösen, sondern die Lösung ins Jenseits vertagen. Ein Blankoscheck, der nie eingelöst wird. Erlösen ist das Gegenteil von Kritisieren und real etwas ändern wollen.

Im Gegensatz zu Vinken sage ich, die Mutter attackiert nicht das männliche Grobsystem, sie will es nicht unterminieren oder auf den Kopf stellen. Sie „affimiert“ es, um mit Hegel zu reden. Sie verfestigt und zementiert den Status quo. Keine Rede davon, dass sie eine Weltverbesserin ist. Kommen die lieben Kleinen ins aufmüpfige Alter, beginnen sie das Grobsystem des „heidnischen“ Vaters zu kritisieren, wie reagiert die ach so „weltverbessernde“ Mutter? Mit Tränen und Selbstmitleid verteidigt sie ihren Mann und Ernährer, bejammert die Undankbarkeit ihrer aus der Art schlagenden Brut.

All dies sieht Vinken nicht. Streng gesprochen ist sie der feministische Begleitschutz einer beide Elternteile umfassenden Durch-Ökonomisierung der Gesellschaft. So gewiss Vinken darin recht hat, dass im muffigen Kinderzimmer das Ei des Kolumbus nicht zu entdecken sein wird, so unrecht hat sie, den Sinn des Lebens umgekehrt ausschließlich und unfehlbar im Berufsleben zu lokalisieren.

Reichlich flapsig schüttet sie das Kind mit dem Bade aus. In Deutschland – auch bei den Feministinnen – kennt frau nur Einseitigkeiten und Extreme.

Ihre historische Untersuchung beginnt sie bei Luther. Bibel? Fehlanzeige! Wie will man die Theologen verstehen ohne Rekurs auf die Heiligen Schriften? Das ist typisch für die deutsche Intelligentia. Man ist froh, wenn man herausgerissene Zitate aus A.T. und N.T. als Ornamente in der Einleitung unterbringt. Das war‘s dann.

Vinken bringt es fertig, den katholischen Marienkult als Beweis für eine matriarchalische katholische Kirche zu verwenden. Das ist haarsträubend. Maria wurde von ihrem heiligen Sohn scharf auf Distanz gehalten. „Weib, was hab ich mit dir zu schaffen?“( Joh. 2,4) Oder im ähnlichen Sinn: Matth. 12, 46 ff: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er streckte seine Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe, d a s sind meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen meines Vaters in den Himmeln tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“ Von den schrecklich familienfeindlichen anderen Stellen ganz zu schweigen.

Das Christentum ist nicht der Hort der Familie. Gerade der Calvinismus ist – bei Max Weber nachzulesen – eine der familien-hassendsten Einrichtungen des Abendlandes. Der heilsmotivierte darwinistische Fight um die knappen Himmelsplätze geht quer durch alle Familienidyllen. Hier ist jeder Todfeind von jedem. Wie kann in diesem genuin kapitalistischen Vorbereitungssystem die Mutter eine „Erlösungsrolle“ spielen?

Das Matriarchat ist der Autorin offenbar gänzlich unbekannt. So, wie es den heutigen Feministinnen unbekannt ist. Vor vierzig Jahren noch ein wesentliches Essential im Kampf der Geschlechter, spricht heut niemand mehr von der Urzeit der Menschheit. Als das Urweib allein das Sagen hatte. Diese weiblich geprägte Anfangszeit der Menschheit wird in der Überlieferung fast aller Kulturen als Paradies verherrlicht. Freilich immer mit dem Zusatz, dass die Menschheit in ihrem Wesen nicht fähig war, dieses Paradies zu halten. Eine Rückkehr zu dieser friedlich-unbeschwerten Zeit wird – vor allem nach dem Fall des Sozialismus – für ausgeschlossen gehalten.

Wenn die deutsche Mutter – leider in falscher, nämlich religiöser Form – einen Rest von Vorbehalten gegen das kapitalistische Patriarchat pflegt, dann sind das Residuen matriarchalischen Denkens, die als Wiederkehr des Verdrängten bezeichnet werden müssen. Ebenso, wenn Maria im Katholizismus fröhliche Urständ feiert. Maria wurde von den Kirchenvätern glühend gehasst. In völliger Verdrehung der Tatsachen bezeichnet Vinken den Marienkult als Indiz für matriarchalisches Denken der Katholen.

Das Gegenteil ist richtig. Maria wird von ihrem göttlichen Fernschwängerer derart herabgewürdigt, dass er sie nur als künstliche Befruchtungs-Büchse betrachtet. Niemals würde er sie als Objekt der Begierde ansehen, wie etwa Zeus, der in jedweder Gestalt scharf auf die Weiber der Irdischen war – und sie in Echtzeit und Naturbrunst schwängerte. Im Artikel „Mutterschaft“ des Lexikons „Das geheime Wissen der Frauen“ wird eindringlich der männliche Erschleichungsprozess geschildert. Wie alle Fähigkeiten der Urweiber als Errungenschaften eines biblischen Macho-Gottes geschildert werden.

Das Urweib war nicht nur klug und weise, Erfinderin der meisten menschenfreundlichen Künste und Wissenschaften, aggressions- und gewaltfrei. Sie, kein „Schöpfer aus dem Nichts“, war die legitime fürsorgliche Besitzerin der Erde. Nicht im exklusiven Sinn, sondern in der Art eines kollektiven Eigentums. Wenn heute behauptet wird, die ganze Zeit der Menschengeschichte ist erfüllt von Kriegslärm, dann sieht man vor allem die Zeit der Hochkulturen. „Hoch“: ein Begriff aus der erigierten Männerwelt, um anzuzeigen: hier haben die Standarten und Ständer das Sagen. Die „Tiefkulturen“ sind dann wohl gottseidank überwunden. Tief, dein Name ist Weib. Die Erlösungsreligionen sind nichts anderes als feindliche Übernahmen des Matriarchats durch schlaue gewalttätige Schwanzträger.

Der Marienkult ist mitnichten eine katholische Errungenschaft. Wie stets ist der Vatikan schlau genug, um Dinge, die er nicht verhindern kann, so in sein System zu integrieren, als hätte er sie erfunden. Also funktionierte er die uralte Sehnsucht des Volkes nach der Magna Mater um – in ein unbeflecktes Empfängnisspektakel. Seitdem ist die maskuline Dreieinigkeit in Wirklichkeit ein flotter Vierer. Gruppenbild mit Dame. Da die klerikalen Eunuchen – außer ihrer schrumpeligen Haushälterin – im Normalfall nichts Weibliches aus der Nähe sehen, brauchen sie eine Gebet- und Wichsvorlage mit der brustentblößten Maria, die dem kleinen Jesus-Lüstling die Liebfrauenmilch per Luftbrücke zwischen die pausbäckigen Puttenbacken schießt. Da kommt Freude auf hinterm Altar.

Bachofen, der Finder des Matriarchats, schreibt:“ Aus dem gebärenden Muttertum stammt die allgemeine Brüderlichkeit aller Menschen, deren Bewusstsein und Anerkennung mit der Ausbildung der Paternität untergeht.“

Die matrische Gesellschaft ist gekennzeichnet durch: sexuelle Toleranz, demokratische Prinzipien, Höherbewertung des Wohlergehens gegenüber Keuschheit, Zeigen von Gefühlen, Gemeineigentum, geringe Geschlechtsunterschiede, hohes Ansehen von Lust und Lebensglück.

Die patrische Horde zeichnet sich durch antimatrische Prinzipien aus: Verwerfung freier Sexualität, Domestizierung der Frauen, autoritäre Politik, allgemeine Sündhaftigkeit der Menschen, insbesondere der Brunstweiber, Verklemmtheit, Hemmungen, Leben in Angst, furchterregende Strafwürdigkeit des ganzen Daseins, Verbot des Glücks, Gottwerdung des omnipotenten Mannes etc.

Diesen Projektionsgott hatte man zu fürchten (5. Mos. 6,13; Röm. 3, 18). Bei dem Kirchenvater Klemens von Alexandrien spricht Christus: „Ich bin gekommen, um die Werke des Weibes zu zerstören“. Andere frömmelnde Misogyne verfassten Schmähschriften gegen die Mutterschaft. Typisch die Haltung des Vatikans, wenn bei einer Geburt entschieden werden muss, ob das Leben des Kindes oder der Mutter gerettet werden soll.

Frauen sind nur dazu da, Kinder zu hinterlassen. Das lebende Kapital des Mannes, mit dem er die Welt erobern kann. Mütter sind Werkzeuge, zum alsbaldigen Verbrauch bestimmt. Wäre mal interessant, zu untersuchen, in welchem Durchschnittsalter früher die Weiber abzutreten hatten – und: wann der moderne Mann die Mutter seiner ersten Kinder verlässt, um zur nächsten Epochenpartnerin überzuwechseln. Ob‘s da nicht noch kollektive Reflexe gibt?

Freud war das Gegenteil eines Frauenverstehers. Sein Penisneid war eine verheerende Tücke, die als seriöse Wissenschaft auftrat. Desgleichen die Leugner des Matriarchats überhaupt. Mir sind keine Argumente bekannt, mit deren Hilfe das Reich der Weiber ins Land der Fabel hätte verwiesen werden können. Wenn an der These des Matriarchats auch nur ein Tüttelchen wahr wäre, müsste das herrschende Patriarchat den sofortigen Konkurs anmelden. Die empirische Verfassung der maskulinen Moderne lässt ja wohl keine Zweifel mehr zu. Die Hochkultur der Männer läuft mit offenen Augen ins Kastratenmesser. Wenn die Frauen sich nicht schleunigst auf ihre ursprünglichen Kompetenzen besinnen, wird der blaue Planet zu einem rabenschwarzen.