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Tagesmail - Mittwoch, den 10. April 2019

Sofort, Hier und Jetzt C,

sofern natürliche Intelligenz sich demnächst – wegen mangelnder Intelligenz – nicht selbst ausrottet, wird die Zukunft von KI bestimmt werden. Denn der Mensch ist dabei, seine Zukunft der Maschine zu übergeben.

Künstliche Intelligenz entspringt der Fähigkeit des Menschen, seine natürliche Intelligenz einem vollständig intelligenzfreien Ding einzupflanzen. Einem toten Kasten, einem stumpfen Lehmbrocken, einem metallenen Behälter, einer hölzernen Maschine.

Lehrer, die sich für überragend intelligent halten, würden hinzufügen: einer strohdummen Klasse von Flegeln. Ein allwissender Gott würde sagen: einem Erdenkloß, der sich einbildet, Mir gleich zu sein – Mir!

„Da bildete Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Ackerboden und hauchte ihm Lebensodem in die Nase: so ward der Mensch ein lebendes Wesen.“

Menschen zeugen intelligente Menschen, indem sie der Natur vertrauen, vernunftbegabte Wesen zu schaffen, die sich erkennend und lernend mit der Welt vertraut machen.

Wenn ein Gott auf Ackererde angewiesen ist, kann er kein creator ex nihilo sein. Er ist nur ein platonischer Demiurg, der eine gigantische Knetmasse (eine außergöttliche Substanz oder ein „Chaos“) benötigt, mit der er seine Wunschwelt formen kann. Da eine solche Knetung auf Natur angewiesen ist, bedeutet das die Abhängigkeit des Über-Mannes von minderwertiger mütterlicher Materie.

Der biblische Schöpfer beginnt seine Karriere in Abhängigkeit von etwas, was er nicht selbst erschaffen hat. Seine totale Unvergleichlichkeit muss er sich nachträglich (a posteriori) zulegen.

„Die einzige Stelle der Bibel, die explizit von einer „Schöpfung aus dem Nichts“ spricht, findet sich in 2. Makkabäer (7,28); dort heißt es: „Ich bitte dich, mein Kind, schau dir den Himmel und die Erde an; sieh alles, was es da gibt, und erkenne: Gott hat ...

... das aus dem Nichts erschaffen, und so entstehen auch die Menschen.“

Da aus lutherischer Sicht das Makkabäerbuch nicht zum biblischen Kanon gehört, gibt es einen Streit zwischen Juden und Christen, ob das Schaffen aus Nichts schon im ersten Satz der Bibel enthalten ist: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“

Hier wäre Gott ein Schöpfer a priori, der alles primär aus Nichts erschafft. Vernachlässigen wir die heidnische Spitzfindigkeit, das Nichts sei auch etwas, was a posteriori – außerhalb von Gott – vorhanden sein muss.

Kants Philosophie wäre ein jüdisch-christlicher Kompromiss: der Mensch ist auf eine aposteriorische Welt angewiesen, die er mit apriorischen Grundeigenschaften durchdringt. Diese außer ihm vorhandene Welt, das Ding an sich, kann er nicht erkennen. Er kann nur erkennen, was er dem fremden Ding an Erkennbarkeit selbst implantiert. Er kann nur seine eigene Handschrift erkennen.

Kants Welt ist der Prototyp einer KI: der Mensch muss einem unerkennbaren Chaos seine Intelligenz nachträglich einpflanzen. Hätte Silicon Valley eine Haus-Philosophie, wäre es die jüdisch-christliche Schöpfungstheologie in kantianischer Ausprägung.

Leider wissen die Erfinder der KI nicht, was sie tun und denken. Umso gefährlicher die KI. Wer nicht weiß, was er tut, nicht weiß, wohin sein Treiben führt, kann nichts unter Kontrolle kriegen.

Der jüdische Golem ist ein Urvater der KI.

„Golem ist das hebräische Wort für „formlose Masse; ungeschlachter Mensch“, aber auch für „Embryo“ (Psalm 139,16). Im modernen Iwrit bedeutet das Wort golem „dumm“ oder „hilflos“. Die rabbinische Tradition bezeichnet alles Unfertige als Golem. Auch eine Frau, die noch kein Kind empfangen hat, wird als Golem bezeichnet.“ (Wiki)

Die ungeschlachte, dumme oder hilflose Masse wird immer identischer mit Frau und Kind. Der allmächtige Mann muss sie entweder aus Nichts erschaffen oder aus formloser Masse formen und kneten, damit sie zu Menschen werden. Das erinnert an den antiken Künstler Pygmalion, der

„aufgrund schlechter Erfahrungen mit Propoetiden (sexuell zügellosen Frauen) zum Frauenfeind geworden und nur noch für seine Bildhauerei lebt. Ohne bewusst an Frauen zu denken, erschafft er eine Elfenbeinstatue, die wie eine lebendige Frau aussieht. Er behandelt das Abbild immer mehr wie einen echten Menschen und verliebt sich schließlich in seine Kunstfigur. Am Festtag der Venus fleht Pygmalion die Göttin der Liebe an: Zwar traut er sich nicht zu sagen, seine Statue möge zum Menschen werden, doch bittet er darum, seine künftige Frau möge so sein wie die von ihm erschaffene Statue. Als er nach Hause zurückkehrt und die Statue wie üblich zu liebkosen beginnt, wird diese langsam lebendig. Aus dieser Verbindung geht ein Kind namens Paphos hervor.“ (Wiki)

In Amerika nimmt der Sex zwischen Lebendigen immer mehr ab. Der Mann bekommt Angst vor den sexuell überlegenen Frauen. Die Zahl einsamer Selbstbefriediger wächst und wartet sehnsüchtig auf KI-Sex-Maschinen, bei denen sie von leidigen Beziehungsproblemen verschont bleiben. Ihren Traum von willfährigen Wesen, die auf Knopfdruck alle Wünsche erfüllen, wird maschinelle Realität.

Emotionale Beziehungen zu Frau und Kind schwinden in algorithmischer Schnelle. Pygmalion will die Statue durch Liebkosungen zum Leben erwecken. So wünscht er sich seine Partnerin, die er sinnlich und geistig zum Menschen erheben will.

Das Lernen der minderwertigen Frau ist das Werk eines kreativen Mannes. Creare heißt erschaffen, schöpfen. Heute muss alles kreativ sein: jeder muss ein Schöpfer aus Nichts sein, weshalb das Vorhandene als Altes vernichtet werden muss, damit das Neue ex nihilo sich täglich neu erschaffen kann.

Warum gibt es so wenige weibliche Wissenschaftlerinnen und kreative Maschinenerfinderinnen? Weil Frauen, Gott sei‘s geklagt, nicht das Bedürfnis spüren, die Natur als Chaos zu betrachten, aus dem sie eine künstliche Welt formen müssen. Wer identisch ist mit dem Leben, muss keine „zweite Schöpfung“ kreieren, um die alte auf den Müll zu werfen.

KI ist eine Missachtung des Lebens, einem satten Geschenk der Natur, weshalb geniale KI-Männer immer so hungrig nach dem Leben sein müssen, das sich ihnen in dem Moment entzieht, wo sie glauben, es in Händen zu halten. Wie Gott immer der „ganz Andere“ ist, so muss das ersehnte Leben immer das ganz andere sein, das sich den Männern entzieht.

Der männliche Heißhunger nach dem ewig Neuen wächst auf dem vergifteten Boden der Naturverachtung. Zu-frieden sein wäre Frieden mit dem Vertrauten und Gewohnten: eine unerträgliche Vorstellung für Männer, die keinen Frieden schließen dürfen mit dem Hier und Jetzt. Sie müssen ständig unterwegs sein ins Dort und Zukünftige. Wie ihr Erlöser, finden sie auf Erden keinen Platz, wo sie ihr geniales Haupt hinlegen können, hienieden haben sie keine bleibende Stadt, die zukünftige suchen sie in Hast und Unruh.

Der Golem des Rabbi Löw soll ein Siegel getragen haben:

„Dieses Siegel habe das hebräische Wort für „Wahrheit“ dargestellt. Entfernt man den ersten der drei Buchstaben dieses Wortes, bleibt das hebräische Wort für „Tod“ übrig. Die Entfernung des Buchstabens stellte demnach eine Möglichkeit zur Deaktivierung des Golems dar.“

Der Mensch ist absoluter Herr über seine Golem-Maschine. Entfernt er einen einzigen Buchstaben, wird aus Wahrheit – Tod. Drückt der Mensch auf einen Knopf seiner digitalen Maschine, soll sie aus dem Leben in den Tod gehen. Solange er lebt, besteht die Gefahr, dass die Maschine durchdreht und ihren eigenen Schöpfer bedroht. Weshalb der Mensch in ständiger Angst schwebt vor seinem Geschöpf. Goethe könnte seinen Zauberlehrling nach dem Vorbild des Prager Golems gedichtet haben.

„Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!“

Das Wort ist der geheime Code, mit dem man Macht hat über die Maschine. Wer den Code vergisst, hat die Macht über den selbstherrlichen Automaten verloren.

a) Die KI-Maschine wird den Menschen überflügeln. Sie wird sich die Macht erwerben, den Menschen zu ihrer Marionette zu erniedrigen.

b) Nein, die Maschine wird niemals den Menschen überrunden. Sie wird ewig die folgsame Dienerin des Menschen bleiben.

Die beiden Antagonismen beherrschen die gegenwärtige Debatte um KI. Die Anhänger von a) glauben, mit Hilfe der Maschine ihre Allmachtsphantasien zu erfüllen. Freilich mit der Gefahr, der Mensch könnte die Beute seiner eigenen Kreationen werden.

Die Anhänger von b) wiegeln ab: Unsinn, das seien infantile Träume. Die Maschine ist eine Maschine ist eine Maschine. Der Mensch werde sie immer unter Kontrolle halten. Lernt er, die Maschine zu beherrschen, wird’s keine Probleme geben.

Es gibt noch eine dritte Variante. Der Mensch behält die Kontrolle über die Maschine – aber zum Zweck, die Feinde mit Feuer und Schwert auszurotten. Die Maschine wird zur Höllenwaffe – gemäß dem Motto des altorientalischen Königs Ashurnasirpal:

„Ich schlug ihnen die Köpfe ab, ich verbrannte sie mit Feuer, errichtete einen Haufen aus lebendigen Menschen und von Köpfen vor den Toren ihrer Stadt; ich ließ Menschen pfählen, zerstörte ihre Stadt und verwüstete sie, die jungen Männer und Jungfrauen verbrannte ich im Feuer.“ (zit. nach Lewis Mumford, Mythos der Maschine)

Die Maschine ist keine Erfindung der Neuzeit, sie ist so alt wie die „Hochkultur der Männer“, die gleichberechtigte Sippen in einen pyramidalen Staat verwandelten. Die männlich regierten Völker wurden zu organischen Maschinen, die auf Knopfdruck der Mächtigen reagieren mussten. Der verbrecherische Höhepunkt der Maschine war der totalitäre Staat Hitlers, der seine nationale Höllen-Waffe kaltblütig in den Tod schickte, nachdem sie versagt hatte, ihm die Macht über die Welt zu verschaffen. Die Deutschen, sie haben nichts Besseres verdient.

„Ja, die Priester und Krieger der Megamaschine vermögen die Menschheit auszurotten: und wenn Neumann (ein legendärer Mathematiker und Spieltheoretiker) recht hat, werden sie es auch tun“ – kommentiert Lewis Mumford die Entwicklung der Nationen zu Megamaschinen.

Lange schien es, als würden globale Demokratien die Gefahren der totalitären Gesellschaftsmaschinen überwinden. Doch jetzt geht’s wieder rückwärts.

KI ist künstliche Intelligenz. Was ist Intelligenz?

Niemand weiß es. Psychologen entwickeln Intelligenztests, als seien sie wissenschaftlich objektive Erkenntnisinstrumente.

„Da einzelne kognitive Fähigkeiten unterschiedlich stark ausgeprägt sein können und keine Einigkeit besteht, wie diese zu bestimmen und zu unterscheiden sind, gibt es keine allgemeingültige Definition der Intelligenz.“ (Wiki)

„So klar es uns scheint, was unter dem Begriff Intelligenz zu verstehen ist, besteht heute doch noch keine allgemein anerkannte Definition. Was Intelligenzleistungen sind, ist nicht eindeutig bestimmt, noch kontroverser sind die Anschauungen über die innere Natur dieser Fähigkeit.“ (Lexikon der Psychologie)

Da werden IQ-Tests durchgeführt, als seien ihre Ergebnisse objektive Gottesurteile. Dabei weiß niemand, was Intelligenz ist. „Intelligenz ist, was ein Intelligenztest misst“, ist die an Frivolität nicht zu überbietende Auskunft der Experten.

Gegen homöopathische Globuli werden Glaubenskriege geführt – im Namen von Wissenschaften, die ihr eigenes Schamanentum in dicken Folianten verstecken. Das ist Korrumpierung der Wissenschaft.

Wenn niemand weiß, was natürliche Intelligenz ist, kann niemand wissen, was eine künstliche ist. Den Kalten und Kühnen geht es auch gar nicht um Wissenschaft, es geht ihnen um wissenschaftlich verbrämte Macht. Wenn Wissenschaft Macht verspricht, ist sie abgesegnet.

Die ersten IQ-Tests in Amerika dienten rassistischen und antifeministischen Zwecken. „Der Stanford-Binet-Test wurde 1916 in Schulen erprobt und ergab, dass Mädchen um 2 bis 4 höhere Punktzahlen hatten als gleichaltrige Jungen. Daraufhin wurden die Fragen herausgenommen, bei denen die Mädchen besonders gut abschnitten. Es liegt auf der Hand, dass IQ-Tests manipulierbar sind.“ (Marilyn French, Jenseits der Macht)

Was Forscher als Angehörige einer Klasse als Intelligenz betrachteten, wurde zur objektiven Intelligenz ernannt. Eliten definieren ihren Lebensstil als Nonplusultra der Überlegenheit. Wer nicht ihre Geheimsprache spricht, nicht ihren Lebensstil praktiziert, gehört nicht zu ihnen. Da kann einer noch so erfolgreich und tüchtig sein: wer das Imponderable nicht beherrscht, wird aussortiert. Der IQ gehört zu den Klasseneigenschaften, die man beherrschen muss. Was aber objektiv ist, bestimmen immer noch die Erwählten, die „riechen“, ob jemand zu ihnen gehört oder nicht.

Heute ist Intelligenz nichts anderes als die Fähigkeit zum karrieristischen Machterwerb. Die Bildungschancen sollen gleich werden. Was ist Bildung? Nichts als anderes als die Fähigkeit, aufzusteigen. Von humanen Fähigkeiten, von demokratischer Kompetenz ist keine Rede. All dies geschluckt und übernommen von der einstigen Proletenpartei, die jedem Elitenschnickschnack ehrlos hinterher hechelt.

Selbiges beim Lernen. Wer intelligent ist, soll fähig sein zu lernen. Was ist Lernen? Niemand weiß es.

„Obwohl Lernen der am meisten untersuchte Gegenstand der Psychologie ist, liegt keine einheitliche Definition vor.“ (Lexikon der Psychologie)

Inzwischen ist Lernen identisch geworden mit programmiertem Lernen. Alle Lernakte werden in kleinste Sequenzen aufgeteilt. Was der Proband antwortet, wird durch mechanische Rückmeldung verstärkt oder abgelehnt. Konditionierung ist nichts als Drill durch Lob und Tadel. Verstehen und Durchdenken? Überflüssig:

„Weder Einsicht noch zielstrebiges Verhalten in Problemsituationen sei nötig. Lernen könne durch allmähliches Löschen erfolgloser und Verstärken erfolgreicher Verhaltensweisen erklärt werden.“ (ebenda)

Lernen ist bloßes Ausprobieren nach Versuch und Irrtum. Welcher Versuch zum Erfolg führt, hat recht. Wenn die deutsche Autoindustrie durch betrügerischen Versuch erfolgreich ist, lernt sie: Betrügen ist eine wirksame Methode, Konkurrenten auszustechen. Das merken wir uns und machen es zu unserer Lernmaxime.

Wenn innere Instanzen wie Erkennen, Fürwahrhalten und Überprüfen fehlen, wird jedes Lernen am Erfolg zur moralfreien Konditionierung. Skinner, der Erfinder dieses Reiz-Reaktions-Drills, entwarf in seinem Roman „Walden two“ eine totalitäre Zukunftsgesellschaft, in der „ein befriedetes Zusammenleben in einer konfliktfreien Gesellschaft sich auf Technologien der Verhaltenssteuerung stützt, insbesondere auf die positive Verstärkung von sozial gewünschten Verhaltensweisen.“

Man schaue ins heutige China, wo mit modernsten Überwachungsmethoden Lob und Missbilligung verteilt werden, und man weiß, wo Skinners Visionen enden sollten. Letztlich ist die amerikanische Außenlenkung durch Lob und Strafe nichts als christliche Theologie. Gott belohnt den Menschen, wenn dieser seine Gebote hält, er bestraft ihn, wenn er gegen sie verstößt. Das ist das religiöse Urmuster des außengeleiteten Lernens:

„Die Fähigkeit zu lernen ist für Mensch und Tier eine Grundvoraussetzung dafür, sich den Gegebenheiten des Lebens und der Umwelt anpassen zu können, darin sinnvoll zu agieren und sie gegebenenfalls im eigenen Interesse zu verändern. Die Resultate des Lernprozesses sind nicht immer von den Lernenden in Worte fassbar oder eindeutig messbar.“

Anpassen an die Gesellschaft ist Mitlaufen mit Elementen, die sich durchgesetzt haben. Im NS-Reich waren es Verbrecher, die sich durchsetzten. Lernen wäre demnach auch Anpassen und Mitlaufen mit Verbrechern. Die Deutschen schworen sich, nie mehr mitzulaufen. Indem sie die Lerntheorie Skinners als wissenschaftliche Theorie übernahmen, landeten sie wieder beim unverantwortlichen und moralfreien Abducken unter die herrschenden Mächte.

Die Deutschen haben bis heute nicht kapiert, dass Amerika zwiegespalten ist. Es besteht aus einem leidenschaftlich demokratischen – und einem biblisch reaktionären Teil. Der erste mag eine Minderheit sein, so hätten die Deutschen doch die Pflicht gehabt, die Geister zu prüfen und das Wahre zu wählen.

Was taten sie? Sie passten sich der Mehrheit an: den dominierenden neoliberalen, nach äußerlichem Erfolg konditionierenden Marktkräften. Wenn die Regeln eines omnipotenten Marktes weder nachvollziehbar noch moralisch sind, können sie rational nicht erlernt werden. Man kann sie nur übernehmen, wenn sie durch Erfolg verstärkt und durch Misserfolg falsifiziert werden.

Wenn Intelligenz und Lernen mit Vernunft nichts zu haben, autonomes Verstehen und Erkennen der Wahrheit Humbug sind: was soll dann noch eine KI sein? Und wie wäre sie zu beurteilen? Wenn‘s nach ihr ginge, allein an ihrem Erfolg:

„Norbert Wiener war seiner Zeit weit voraus, als er Ende der Vierzigerjahre erkannte, dass die ersten künstlichen Intelligenzen schon längst existierten. Er lag genau richtig, als er Unternehmen und Bürokratien als intelligente Maschinen identifizierte, die er "Maschinen aus Fleisch und Blut" nannte. Damit sah er zugleich die Gefahren voraus, die drohen, wenn man künstliche Superintelligenzen schafft, deren Ziele nicht unbedingt mit unseren übereinstimmen. Organisatorische Superintelligenzen sind Hybride aus Menschen und Informationstechnologien. Das Szenario, das die Menschen am meisten fürchten ist, dass KIs weder mit den Interessen der Menschen, noch mit denen der hybriden Superintelligenzen auf einer Linie sind, sondern ausschließlich in ihrem eigenen Interesse handeln. Sie könnten sich sogar zu einer einzigen Supermaschinenintelligenz vereinen, weil es für KIs keine technische Notwendigkeit gibt, unterschiedliche Identitäten zu bewahren. Diese KIs werden sich wahrscheinlich im Wettbewerb zu hybriden Superintelligenzen sehen. Menschen sind unwesentliche Belästigungen, so wie Ameisen bei einem Picknick. Hybride Superintelligenzen wie Konzerne, organisierte Religionen und Nationalstaaten könnten zu existenziellen Bedrohungen für sie werden.“ (Sueddeutsche.de)

Furchterregende Perspektiven. Der Verfasser wird Mumford nicht kennen, doch seine Definition von KI als superintelligente Organisationen ähnelt der Megamaschine Mumfords. Mit einem kleinen Unterschied: die neuen KI-Megamaschinen sind nicht mehr national, sondern haben sich zu internationalen Rivalen der Nationalstaaten entwickelt.

Google, Facebook & Co prägen die Weltpolitik. Wer nichts von den neuen Medien versteht, sollte Eremit werden. Selbst die EU, eine Gemeinschaft vieler Völker, hat Schwierigkeiten, diese Superintelligenzen am rechtlosen Kragen zu packen. Die KI-Superorganismen könnten sich eines Tages zu einem gigantischen 1984 zusammenschließen und die Menschen zu Ameisen erniedrigen.

Niemand warnt dringend vor dieser Gefahr, niemand hält es für nötig, sie zu bekämpfen. Am Ende seiner triumphalen totalitären Orgie wird der Verfasser des KI-Artikels aus Framingsgründen politisch korrekt:

„Genauso wie uns Flugzeuge Flügel verliehen und Motoren uns die Kraft gaben, Berge zu versetzen, könnten unsere Computernetze unseren Geist verstärken und erweitern. Wir mögen unsere Bestimmung nicht ganz verstehen und kontrollieren, aber wir haben die Chance, sie in Richtung unserer Werte zu formen. Die Zukunft ist nicht etwas, das uns widerfährt, sondern etwas, das wir bauen.“

Könnten. Wer aber wird auf die Idee kommen, in der KI eine ungeheure Gefahr zu erkennen, wenn alles auf ihn einschwatzt, die digitalen Möglichkeiten seien Bausteine auf dem gloriosen Kurs des Fortschritts?

Gibt es eine deutsche Kanzlerin, die die Einführung der KI als roboterisierte Industrie in einem einzigen Pünktchen kritisieren würde? Merkel & Co sehen nur Wettbewerb und Reichtumsvermehrung der Reichen ins Grenzenlose. Hat Merkel etwa Norbert Wiener gelesen, den der Artikelschreiber selbst erwähnte?

Wiener schrieb über die kritiklose Bewunderung kybernetischer Golems:

„Dies ist der Wunsch, die persönliche Verantwortung für eine gefährliche oder unheilvolle Entscheidung dadurch zu vermeiden, dass man die Verantwortung auf anderes schiebt: auf den Zufall, auf Vorgesetzte oder auf ein mechanisches Gerät, das man zwar nicht versteht, das jedoch objektiv sein soll. Nein, die Zukunft enthält wenig Hoffnung für die, die erwarten, dass unsere neuen mechanischen Sklaven uns eine Welt anbieten, in der wir uns vom Denken ausruhen können.“ (Gott & Golem)

Deus ex machina, der Gott aus der Maschine, wurde in der griechischen Tragödie erfunden. Zu welchem Zweck?

«Wenn die Tragödiendichter keinen Ausweg wissen, dann nehmen sie ihre Zuflucht zur Maschine und heben einen Gott empor», spottete Platon. «Der Gott darf nur auftreten, wenn die Verknotung der Handlung solchen Problemlöser erheischt.»“ (Max Pohlenz, Die griechische Tragödie)

Das Christentum machte aus dem lächerlichen Maschinengott auf der Bühne einen unsichtbaren Gott im Jenseits. Die Moderne machte aus dem unsichtbaren Erlösergott die sichtbare Superintelligenz der Maschine. Die Menschheit will sehen, was sie anbetet, will bewundern und sich ängstigen, wie ihre omnipotenten Roboter den Menschen zur Ameise und die Natur zum Nichts degradieren.

„Eine unheimliche Koinzidenz von Fatalismus und Fortschrittswille kennzeichnet den Fortgang der Geschichte. Nun ist der Fortschritt über uns verhängt, er ist uns zum Verhängnis geworden.“ (Karl Löwith)

 

Fortsetzung folgt – spätestens in einer Woche.