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Tagesmail - Freitag, den 05. April 2019

Sofort, Hier und Jetzt XCVIII,

immer noch diese Freitagsdemonstrationen gegen Klimaerwärmung? Ebbt die Zahl der TeilnehmerInnen noch immer nicht ab, damit wegen demokratischem Übereifer besorgte Medien Entwarnung geben können?

Zeit, dass etwas geschieht. Wenn der BGH schon nicht mit Eilanordnungen den Respekt vor dem Staat schützt, müssen Gymnasialobertanen den Zusammenbruch des Abendlandes verhindern: Alle Tests und Prüfungen auf den Freitag legen! Wer abwesend ist, wird mit ungenügend bestraft! Die Teilnahme am deutschen Abitur wird in Frage gestellt. Einen Nachtwächterstaat können wir uns nur in Sachen Wirtschaft erlauben. Landgraf, bleibe hart.

Dabei gäbe es durchaus Möglichkeiten, eine verminderte Schulpflicht zu rechtfertigen: Durch Übermoralismus behinderte Kinder, die mit ihrem Rettungsgequatsche allen auf den Sack gehen, könnten vom Unterricht befreit werden. Neuere Untersuchungen haben ergeben, dass die Schuleskapisten mit der flinken Zunge unter einem uralten Psychosyndrom leiden, das, wenn nicht Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, zum Schwarm-Flagellantismus ausarten könnte. Nicht nur könnte, die junge Generation ist bereits flächendeckend infiziert.

Es handelt sich um das Helfersyndrom. Bislang trat dieses Phänomen nur zwischen Einzelpersonen auf. Inzwischen soll die ganze Menschheit gerettet werden – ob sie will oder nicht. Internationale Neurologen drängen, die Paralyse des hinteren Gehirnlappens auf die Liste der gefährlichen Weltepidemien zu setzen.

Was ist ein Helfersyndrom? Hier eine schnelle Handreichung für jene, die ihre Zeit nicht mit Küchenpsychologie vergeuden können:

„Unter dem Begriff ‚Helfersyndrom‘ versteht man die Neigung einer Person, sich in zwischenmenschlichen Begegnungen überwiegend als Helfer anzubieten. Dabei hängt der Helfende wegen seines eigenen Bedürfnisses nach Bestätigung, Sozialkontakt oder gesellschaftlicher Anerkennung so sehr von Dank, Zuwendung oder Bestätigung durch den Hilfeempfänger oder die Gesellschaft ab, dass er seine Hilfsbereitschaft ...

... auch dann nicht reduziert, wenn seine Hilfe nicht benötigt wird oder er sich überlastet, ausgelaugt, ausgenutzt oder missbraucht fühlt. Der Helfer befriedigt durch seine „Selbstaufopferung“ sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit und nach Bestätigung des Eigenwerts (Selbstwertgefühl) und ermöglicht ihm als Konfliktbewältigungsstrategie die Abwehr seiner Trennungsangst wie auch eine Flucht vor der Auseinandersetzung mit eigenen Problemen, indem er sich mit dem Leid des Anderen beschäftigt. Er ist auf das Helfen angewiesen, um sein intrapsychisches Gleichgewicht aufrechtzuerhalten und gerät dabei in eine abhängige Position oder schafft wechselseitige Abhängigkeiten, indem er die Hilfeempfänger unselbstständig erhält und Schuldgefühle erzeugt. Während solidarische Hilfe primär am Nutzen dessen ausgerichtet ist, der die Hilfe empfängt, ist pathologisches Helfen an egozentrischen Motiven und unbewussten psychologischen Bedürfnissen des Helfers ausgerichtet.“ (Wiki)

Die pathologischen Egoisten haben schon ganze Redaktionen mit Schuldgefühlen destabilisiert. Die Racker fliehen vor ihren eigenen Problemen, indem sie die Probleme anderer zwanghaft lösen müssen.

Nicht nur lösen, sie wollen die ganze Welt erlösen, indem sie sich als altruistische Helfer aufdrängen. Es besteht die Gefahr, dass die Helferzwänge in gewalttätige Kreuzzüge ausarten könnten. Früher pflegte man solche Erlöser – Christen zu nennen.

Ist es kein Zeichen für die apokalyptische Verwirrung der Zeit, dass die frömmsten Redaktionen, wie WELT und BILD, am heftigsten gegen die neuen Christen wüten? Hier zeigt sich die satanische Irreführung der Gegenwart: die einen wollen die Welt retten, indem sie sie in Wohlstand und Sattheit verrecken lassen, die anderen wollen sie retten durch Zerstörung allen Fortschritts und durch den Stopp aller Weiterentwicklung des homo grandioso ins Grenzenlose.

Was sind die „eigenen Probleme“ der Jugend?

„Jugendliche haben heute häufig das Gefühl, auf Treibsand zu stehen. Es fehlt eine klare Zielvorstellung, was etwa nach der Schule kommt. Stringente Karrieregedanken seien eher auf dem Rückzug. „Sie haben das Gefühl, sie müssen sowieso lebenslang lernen, immer wieder Prüfungen absolvieren.“ Das Abitur ist für immer mehr von ihnen nur Sprung ins Ungewisse. Die Mehrheit wisse schlicht nicht, was sie wolle. Womöglich bekommt sie aber auch seltener gesagt, was sie zu wollen hat.“ (WELT.de)

Leben ist lebenslanges Lernen, sagen Politiker, die ihre Bildung täglich neu erfinden müssen, weil ihnen die alte abhandengekommen ist. Dazu sind die jungen Verwöhnten nicht mehr fähig. Sie glauben immer noch an gebratene Tauben, die ihnen ins Maul fliegen. Sie wissen nicht, was sie wollen – also müssen sie zwischendurch die Welt erlösen. Einfach so, just for fun. Da sie nicht wissen, was sie wollen, müsste man ihnen endlich sagen, was sie zu wollen hätten.

Es fehlt eine harte Hand. Helikopter-Erwachsene können gar nicht mehr anders als ihre Nachkommen an Bord zu nehmen, um sie über alle Klippen des Daseins hinwegzufliegen.

Deutschland beginnt durchzuhängen, weil seine antimodernistische Brut nicht mehr Mond und Sterne erobern will. Das Potential wäre ja da, aber die Einstellung fehlt. In Silicon Valley traf Judith Rakers nicht wenige junge Deutsche, die nur eines wollten: die Welt verändern, die Welt verändern. Dazu die typischen Handbewegungen, als knete man einen störrischen Teig. Die Welt, ach, sie ist so knetresistent, es ist zum Davonlaufen.

Doch was verändern und wozu? Liegt die Schöpfung noch immer in Erbsünde, dass sie von den Füßen auf den Kopf gestellt werden muss? Vor allem: will sie denn verändert werden? Das interessiert keinen Veränderer, der unentwegt nach vorne schaut – um nicht auf seine Zeitgenossen zu achten.

Der Nachwuchs muss so intelligent werden, dass jede KI vor Neid verblasst. Die erste Generation der Weltgeschichte, die nicht nur gegen menschliche Konkurrenten antritt, sondern gegen Maschinen, die ihre schlauen Erfinder schon jetzt überragen. Mensch gegen Maschine. Nicht, wie bisher, in geistlosen Schnelligkeits- und Kraftmeiereien, sondern in „tiefem Lernen“.

Tiefes Lernen liegt vor, wenn Maschinen selbst herauskriegen, wie Lernen funktioniert. Im Lernen des Lernens sind sie nicht mehr auf menschliche Besserwisser angewiesen. Sie lernen autark, was bedeutet, dass sie die Menschen überflügeln werden. Was aber, so die bange Frage, werden sie mit ihren Erfindern anstellen? Werden die überflüssigen Flachdenker in den letzten tornado-verschonten Reservaten zusammengepfercht werden?

Nicht mehr lange und in Bewerbungsgesprächen müssen die Kandidaten nachweisen, dass sie mit genialen Maschinen Schritt halten können. Wo, Mensch, bist du besser als Alexa mit dem Supergehirn?

In mechanischen Fähigkeiten haben sie schon heute keine Chance mehr. Selbst da, wo Intuition erforderlich ist – wie bei Go-Spielen – haben sie inzwischen das Nachsehen. Und was, wenn die Maschinen, Ebenbild ihrer Schöpfer, von der Erbsünde nicht verschont bleiben und gegen ihre Erfinder einen Vernichtungskrieg planen?

Ist es nicht merkwürdig, dass Menschen Angst haben vor ihren eigenen Produkten? Tun Maschinen doch nichts anderes als das, was Menschen ihnen einprogrammiert haben. Sind sie nicht die Traumgeschöpfe ihrer Erfinder? Müsste das nicht bedeuten: Menschen haben Angst vor ihren eigenen Fähigkeiten? Offenbar müssen sie sich für fähig halten, Wesen zu entwickeln, die sie weit überragen.

Es ist dieselbe Angst, die der Schöpfer hatte, als seine Kreaturen einen Turm bis in den Himmel bauten. Warum war er nicht stolz auf seine Sprösslinge, die Ihm so ähnlich waren? Warum fuhr er hernieder und spaltete sie mit Verwirrung ihrer Sprache?

Seitdem wissen seine Geschöpfe, dass der Allmächtige vor seinen eigenen Staubgeburten zittert. Dass er sie gegeneinander ausspielt nach dem Motto: teile und herrsche.

Siehe, der Mensch ist worden wie unsereiner, dass er weiß, was gut und böse ist.

Welch eine Sünde, gut und böse voneinander zu unterscheiden. Ein Gott fühlt sich bedroht von einem moralkompetenten Geschöpf. Kein Wunder, dass heutige Zeitgenossen moralische Kompetenz als „göttliche“ Besserwisserei verfluchen. Sie wollen unmündig bleiben in Worten und Werken, damit ihr Herr sie nicht allzu stürmisch zur Brust nimmt.

Jetzt wird’s spannend. Das moralische Wissen des Menschen akzeptierte der Herr, nicht aber das Wissen, unsterblich zu werden.

„Nun aber, dass er nur nicht seine Hand ausstrecke und auch von dem Baume des Lebens breche und ewig lebe.“

Genau dies aber ist das höchste Ziel von Silicon Valley. Das moralische Wissen, das ER gerade noch hinnahm, wird von den Menschen verschmäht, die Sucht nach technischer Unsterblichkeit aber streben sie mit aller Gewalt an.

Wie ick den Laden hier kenne, wird das zu Spannungen in Gottes Stübchen führen, die sich gewaschen haben. Der auserwählte Mensch will nämlich nichts weniger als Gott werden. Das ist ihm zwar zugesagt, aber erst im Jenseits. Oder doch schon hienieden?

Hier scheiden sich die christlichen Kontinente. In Amerika dominieren die Postmillennaristen, in Europa die Prämillenaristen. Die einen glauben, dass ihr Herr am Anfang des Millenniums (des 1000-jährigen Reichs) kommen wird: die Prämillennaristen. Die anderen glauben, dass er erst am Ende des Millenniums kommt. Das hat außerordentlich unterschiedliche praktische Konsequenzen, die in den USA ausgefochten wurden.

Die Deutschen hatten das Problem schon hinter sich gebracht – nicht theoretisch, aber praktisch. Ihr 1000-jähriges Reich war postmillenaristisch: der messianische Führer musste erst noch für Ordnung sorgen, bevor die Deutschen sich als Sieger des Endkampfes hätten fühlen dürfen, um das Paradies der Herrenmenschen zu installieren.

Nachdem sie das Millennium mit Verbrechen, Tod und Niederlage absolviert haben, fühlen sie sich den Amerikanern überlegen. Begriffe wie Endzeit, Apokalypse, Eschatologie, sind wie vom Erdboden verschwunden. Der deutsche Mensch hat sich in Ökonomie verwandelt, den belanglosen Rest überlässt er seinem transatlantischen Bruder.

Deutsche Theologie war Elitentheologie. Seitdem der Pietismus, Urheber der Romantik, die Frömmigkeit des Herzens erfunden hatte, um die unerträglichen Streitigkeiten der Lutheraner – die sich Schriftworte um die Ohren pfefferten – zu beenden, gab es in Deutschland keine Gemeinden mehr, die die Popenweisheiten unter die Lupe genommen hätten.

Es kam zur Spaltung der Gesellschaft: oben die hochgelehrten Pfaffen, die Hebräisch, Griechisch und Latein lernen mussten, unten das einfältige Mütterchen, das still unter der Kanzel saß und nicht daran denken durfte, den überkandidelten Herren die Butter vom Brot zu nehmen.

Spätestens seit der Romantik wurde die Religion in zwei Hälften gespalten. Oben die Theologen, die ihre historisch-wissenschaftlichen Probleme unter sich ausmachten; unten die Gemeinde, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hatte: wir stehen vor dem Urbild der heutigen Demokratie.

Oben die Überkomplexen, die ihre eigene Komplexität nicht mehr durchschauen und im Traum nicht daran denken, das doppelbödige Schauspiel zu enttarnen. Unten das tölpelhafte Volk, das nicht weiß, was Rezession und schöpferische Zerstörung ist. Die da Oben wissen es auch nicht, tun aber, als seien sie der Hegel‘sche Weltgeist, dem alles vertraut ist. Die deutsche Demokratie ist Erbe und Abbild der christlichen Gesellschaftsspaltung in Geweihte und Wissende, Einfältige und Törichte.

Unter der Woche betreibe er historisch-kritische Forschung der Heiligen Schrift, sprach der Theologe, am Wochenende schreibe er seine herzensinnige Predigt.

Versteht sich, dass die Spaltung auch die ganze Bildung betrifft. Wer Goethe oder Schiller sind, von Kant oder Nietzsche nicht zu reden, interessiert keinen Dieter Bohlen. Die triviale Kunst ist emanzipierte Gossenkunst. Wenn heute ganze Stadien im Takt verschwitzter Vorsänger stampfen und johlen, sind sie Erben pietistischer Trance. Noch ekstatischer der Gesang der schwarzen Gospelgemeinden in Amerika, die ihr afrikanisches Erbe mit christlichen Inhalten verbanden.

Dasselbe in Theater und darstellender Kunst. Kein normaler Deutscher geht in die Oper. Wer den Besuch als gesellschaftliche Pflicht betrachtet, kommt raus wie er rein ging: unberührt. Noch esoterischer die Ausstellungen der modernen Kunst. Wer es wagt, einen Künstler nach dem Sinn seiner Creationen zu fragen, muss mit Beleidigungen rechnen.

Die ökonomische Gentrifizierung hat uralte religiöse Wurzeln. Seitdem Mönche und Priester im Mittelalter das Kommando über die Deutschen übernahmen und sich mit politischen Gewalthabern die Herrschaft über den Pöbel teilten – natürlich stand die geistliche Macht über der weltlichen –, hatte das Volk keine Chance mehr. Es blieb ungebildet, verstand immer weniger von den Machenschaften der Fürsten und Kleriker.

Als die Mächte begannen, nach geheimen diplomatischen Regeln ihre Händel auszufechten, lediglich von Kriegen unterbrochen, die das Volk auszubaden hatte, war es reif, zum geistlosen Proletariat zu werden.

Lebenslanges Lernen ist kein demokratisches Bildungslernen, um Mächtigen ihr Komplexitätsgeschwätz um die Ohren zu hauen, sondern Funktionieren lernen auf ausbeutbarer Ebene. All dies ist daran zu erkennen, dass es nirgendwo politische Marktplätze mehr gibt, auf denen jeder jeden treffen kann. Wir haben eine pyramidale Ständegesellschaft, keine durchflutete Volksherrschaft.

In Amerika gab es diese Zweispaltung der Gesellschaft ursprünglich nicht. Prediger mussten keine Professoren sein. Die aus Europa geflohenen Frommen waren zumeist „Sektierer“, die stolz waren, dem toten Kultus der europäischen Großkirchen entronnen zu sein.

Sekte ist in Deutschland noch heute ein abfälliger Begriff der Großkirchen – und der Medien, die den Begriff als Waffe nutzen, um Unangepasste in die Ecke zu stellen. Zu Recht, wenn die Sekten durch Gruppenzwang regiert werden. Zu Unrecht, wenn in gesellschaftskritischen Gruppen – wie etwa bei den 68er Studenten – der Gesellschaft ein Spiegel vorgehalten wird.

Solange diese Gruppen erfolglos sind, bleiben sie Sekten. Haben sie Erfolg, werden sie zu „Bewegungen“ oder akademischen Denkschulen. Hätte es in Athen schon den Begriff Sekte gegeben, wäre Sokrates als Führer einer Sekte angezeigt worden. Wurde ihm doch vorgeworfen, Jünglinge um sich geschart zu haben, die er mit Frechheiten gegen die Mächtigen zur Gefolgschaft verführt hätte. Die schlimmsten Sekten in Deutschland sind, neben den Großkirchen, die politischen Parteien, deren Häuptlinge es wagen, gewählten Abgeordneten das eigene Denkvermögen durch Fraktionszwang nach Belieben ein- und auszuschalten. Die SPD erlaubt nicht einmal einen atheistischen Arbeitskreis.

Amerikanische Theologen mussten sich ihren Gläubigen verständlich machen. Im trostlosen Europa waren sie verachtete Sektierer gewesen, im neuen Kanaan waren sie Herren eines neuen Kontinents. Einerseits waren die Theologen keine Gelehrten, andererseits waren die Gemeinden keine Schafe, die den Leithammeln widerspruchslos folgten. Mit anderen Worten: auch das mündig gewordene Volk beteiligte sich an theologischen Kontroversen. Ihre Bibel kannten sie in- und auswendig, lasen sie doch, nach pietistischer Norm, täglich ihre Losungen.

So kam es zum Streit zwischen Prä- und Postmillennaristen, der erst nach dem Sieg über Deutschland zugunsten der letzeren entschieden wurde. Seitdem ist unbestritten, dass Amerika im Millennium angekommen und die Pflicht hat, die Erde politisch in ein Paradies zu verwandeln, allerdings nur für die Erwählten: America first.

Prämillennaristen ähneln den Deutschen, die aber von ihrer Prägung nichts wissen. Das klingt so:

„Die Welt als ganze kann nicht gerettet oder perfektioniert werden. Sie steuert dem Verfall, der apokalyptischen Katastrophe entgegen. Aufgrund seiner Weltablehnung ist der prämillennaristische Fundamentalismus unpolitisch. Krisen und Weltereignisse werden gedeutet als Zeichen des bevorstehenden Endes. Die Pflicht zu politischem Handeln ergibt sich nicht.“ (M. Riesebrodt, Fundamentalismus und Modernisierung)

Mit Ausnahme der apokalyptischen Sicht ist diese Haltung identisch mit Merkels Politik. Sei es, dass sie diese Sicht aus politischem Kalkül verbirgt, sei es, dass die sozialistisch aufgewachsene Christin noch auf das Prinzip Hoffnung setzt: Merkel hat sich noch kein Apfelbäumchen für den Fall reservieren lassen, dass morgen die Welt unterginge.

Wichtig ist, dass sie keine Visionen und Utopien zulässt. Die sind unverträglich mit der prämillennaristischen Sicht, dass der Herr die Welt mit dem eisernen Besen säubern wird. Zusammengefasst lässt sich der Streit so formulieren:

Abwarten und beten – gegen Sozialreform. Katastrophenerwartung – gegen Utopie. Weltablehnung – gegen Weltbejahung. Politischer Quietismus – gegen Aktivismus. Natürlich ist Merkel eine aktiv scheinende Politikerin. In Wirklichkeit ist sie nur Erfüllungsgehilfin jener politischen Elemente, die sie als siegreich einschätzt. Darin erkennt sie die gütige und strenge Hand Gottes. Sie erfüllt ihren Auftrag, Punktum.

Unter Roosevelt war der biblizistische Einfluss geschrumpft. Erst unter Reagans Öffnung der staatlichen Pforte für den neoliberalen Markt preschten die Frommen – vor allem mit privaten TV-Sendern – in die Öffentlichkeit. Dollar & Glauben eroberten sich Hand in Hand die Dominanz über die amerikanische Politik. Im Innern siegte das Geld, in der Außenpolitik die partikulare Erwählung.

Nach einigen schwankenden Gestalten obsiegte unter Dabbelju Bush, dank des göttlichen Menetekels in 9/11, die postmillennaristische Sicht. Amerika ist berufen, Gods own country auf allen Ebenen zu werden. Der digitale Siegeszug von Silicon Valley über die Welt bekräftigte den Willen, das 1000-jährige Reich nicht zu erwarten, sondern mit Geld, Macht und Fortschritt selbst herbeizuführen. Hinterlistige Fragen nach der Ähnlichkeit mit dem 1000-jährigen Reich der Deutschen: verboten.

Die amerikanisch-israelische Liaison beruht auf einem Parallelismus. In beiden Staaten rüsten sich religiöse Theokraten, die Regierungsgewalt zu übernehmen und das gesellschaftliche Klima in apokalyptische Starre zu versetzen. Wo Gottes Antinomie herrscht, können Menschen- und Völkerrecht nicht gedeihen.

Und hier tut sich die tiefe Kluft zwischen Europa und Amerika-Israel auf. Europa galt bislang als Hort friedfertiger Völkerversöhnung mit strikter Wahrung demokratischer Rechte. Seit Trump den religiösen Partikularismus von Dabbelju Bush ins Ordinäre expandiert hat, kommen die Europäer ins Straucheln. Militärisch sind sie von den USA abhängig und machen sich in die Hosen, wenn sie daran denken, sich unabhängig machen zu müssen. Intellektuell sind sie zu feige, die Unterschiede zwischen a) inneren Variationen religiöser Politik und b) religiöser und autonomer Vernunftpolitik herauszuarbeiten.

Russland und China auf der einen Seite, das messianische Trio Amerika-Israel-Brasilien auf der anderen, jagen den bislang selbstbewussten Europäern heidnische Ängste ein. Fluchtbewegungen wie Brexit konnten nicht ausbleiben. Und dennoch scheint Europa stabiler zu sein als man denkt, wenn man mächtige proeuropäische Strömungen in Slowakei, Rumänien, selbst in Orbans Ungarn, ja, auch in Polen und der Ukraine sieht. Auch Erdogans Niederlage zeigt, dass Völker sich nicht alles gefallen lassen. Das Spiel ist noch lange nicht zu Ende.

Wenn Völker lernen, sich nicht länger ein X für ein U vormachen zu lassen, werden sie sich auch die Klimaschlampereien nicht mehr gefallen lassen. Die Freitagsdemonstrationen sind international. Selbst die Eltern der SchülerInnen wollen nicht mehr abseits stehen. Wie kommentiert die rechte Presse?

„Meistens blieb den Befürwortern des Schwänzens nur die Berufung auf den aus ihrer Sicht guten und wichtigen Zweck. Und damit wird es problematisch ... dass hinter dem Agieren der Schulstreikenden und ihrer Befürworter letztlich „die Haltung steht, diese staatliche Ordnung, das System sei nicht in der Lage, die geeignete umweltpolitischen Maßnahmen zu treffen, um das Land und den Planeten zu retten“. Damit, so Müller zutreffend weiter, sei „der Weg zu reichsbürgerhaften Auswüchsen nicht mehr soweit“. (Causa.Tagesspiegel.de)

Links und rechts, gut und böse seien gleich – wenn sie es wagen, zivilen Ungehorsam zu zeigen. Wer sich der herrschenden Politik widersetzt, sei verflucht.

Unfasslich die ketzerische Meinung, „diese staatliche Ordnung, das System sei nicht in der Lage, geeignete umweltpolitischen Maßnahmen zu treffen, um das Land und den Planeten zu retten“. Damit, so Müller zutreffend weiter, sei „der Weg zu reichsbürgerhaften Auswüchsen nicht mehr soweit“.

Sagt eure Meinung, folgt aber den Direktiven der Regierung. Das ist die berühmte innere Freiheit der Deutschen, die im Kopf alles darf, in der Wirklichkeit nichts. Empörung ist staatsfeindlich. Der Staat ist immun gegen Pöbelkritik. Das sind Sätze aus dem absolutistischen Preußen: Fresse halten ist die erste Bürgerpflicht. Deutschland ist zurückgefallen in die Zeiten der Pickelhauben.

Hier einige Sätze aus einem Flugblatt der Couragierten:

„Ist es nicht so, daß sich jeder ehrliche Deutsche heute seiner Regierung schämt, und wer von uns ahnt das Ausmaß der Schmach, die über uns und unsere Kinder kommen wird, wenn einst der Schleier von unseren Augen gefallen ist und die grauenvollsten und jegliches Maß unendlich überschreitenden Verbrechen ans Tageslicht treten? Wenn das deutsche Volk schon so in seinem tiefsten Wesen korrumpiert und zerfallen ist, daß es, ohne eine Hand zu regen, im leichtsinnigen Vertrauen auf eine fragwürdige Gesetzmäßigkeit der Geschichte das Höchste, das ein Mensch besitzt und das ihn über jede andere Kreatur erhöht, nämlich den freien Willen, preisgibt, die Freiheit des Menschen preisgibt, selbst mit einzugreifen in das Rad der Geschichte und es seiner vernünftigen Entscheidung unterzuordnen – wenn die Deutschen, so jeder Individualität bar, schon so sehr zur geistlosen und feigen Masse geworden sind, dann, ja dann verdienen sie den Untergang.“

Verbrechen? Ist es ein Verbrechen, wenn man die Menschheit mit Segenssprüchen krepieren lässt? Und wenn es kein Verbrechen ist, was ist es dann?

Stop, Fake! Das ist kein Flugblatt der Gegenwart, sondern – der Weißen Rose im Kampf gegen die nationalsozialistische Herrschaft. (Bundeszentrale-für-politische-Bildung.de)

Der Widerstand gegen die NS-Schergen war ziviler Ungehorsam von Jugendlichen, die ihr Leben einsetzten, um Entsetzliches zu verhindern. Darf jener Staat mit dem heutigen verglichen werden? Er muss – gleichgesetzt werden darf er nicht. In beiden Fällen galt und gilt es, einem schrecklichen Unheil zu wehren.

Ist Deutschland erneut dabei, sich den führenden Mächten der Zeit zu unterwerfen? Sich vorzugaukeln, moralischer Widerstand sei blauäugig und verbrecherisch?

Ist Deutschland wieder dabei, blind und taub mitzulaufen mit dem Verhängnis? Hat Deutschland nichts dazugelernt?

 

Fortsetzung folgt.