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Tagesmail - Freitag, den 29. März 2019

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die Lern- und Erkenntnisbewegung der Jugend wird zum Kinderkreuzzug, zur Erweckungsbewegung – bei Stefan Aust, Herausgeber der WELT, der vermutlich auf Anordnung des Springerchefs Döpfner bei Maybritt Illner antreten musste, um den bemitleidenswerten TV-Auftritt Ulf Poschardts auszubügeln.

Die strahlende Intelligenz, das aufbrechende Verantwortungsbewusstsein einer Generation wurde von Aust in religiösen Gehorsam und militanten Wahn verfälscht. Kann der Ex-Spiegel-Chef nicht unterscheiden zwischen Vernunft und Glauben?

Nein. Deutsche kennen nicht den Unterschied zwischen Gebrauch des eigenen Kopfes und blinder Übernahme höherer Botschaften. Sie glauben mit Vernunft, vernünfteln mit Glauben: eine der elementarsten Schwächen der einstigen Denker und Dichter und heutigen Besieger der Vernunft mit Hilfe klerikaler Dogmen.

Wir nähern uns dem Zentrum des geistigen Vakuums der Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Konversion zur Demokratie nicht verknüpfen konnten mit ihrer jahrhundertealten protestantisch-theokratischen Tradition, die, von der Epoche der Aufklärung nur kurz unterbrochen, ab Hegel wieder zurückkehrte zum moralfreien, allmächtigen Gott jenseits von Gut und Böse.

Sie hätten die Unverträglichkeit wahrnehmen müssen zwischen Luther und Erasmus, Glaubensgehorsam und griechischer Wiedergeburt der Renaissance, himmlischer Fernsteuerung und Selbstbestimmung, Hamann und Kant, Romantik und Aufklärung.

Der Theologe Johann Georg Hamann, ein Zeitgenosse Kants, war der Begründer der deutschen Gegenaufklärung, die das Denken der Deutschen in den folgenden ...

... zwei Jahrhunderten vom Geist der Aufklärung reinigte:

„Dem Erfassen der Wirklichkeit mit dem Verstand stellte er Empfinden und Glauben gegenüber, die den ganzen Menschen unausweichlich verpflichteten. Unser eigenes Dasein und die Existenz aller Dinge außer uns müsse geglaubt und könne auf „keine andere Art ausgemacht“ werden. Dem Glauben komme so eine größere Gewissheit als der Vernunft zu. Berens und Kant warfen Hamann lebensfremde Schwärmerei vor, doch er zeigte sich davon unbeeindruckt.“ (Wiki)

In der klassischen Epoche gab es bei Goethe und Schiller Ahnungen dieses Konflikts, die aber mit mephistophelischen Kompromissformeln schnell wieder verschüttet wurden. Kaum war der Zenit der Aufklärung überschritten, exportierten die aufgeklärt sein wollenden Theologen den historischen Ursprung der Vernunft aus Hellas in das Geburtsland ihres Heilands, erklärten Jesus zum wahren Sokrates, das Neue Testament zum Buch des universellen Logos und – verwarfen das Alte Testament als minderwertiges nationales Erbauungsbuch, das Christen nichts mehr anginge.

„Da wir durch alle 24 Bücher des Alten Testaments nicht moralisch gebessert werden, so können wir uns auch von ihrer Göttlichkeit nicht überzeugen. Überhaupt besteht der Kanon des Alten Testaments aus einer Sammlung grober jüdischer Vorurteile, welche dem Christentum geradezu entgegen sind.“ (Johann Salomo Semler)

Das war ein genialer Schachzug, um in einem Akt die Juden zu degradieren und den Heiden die geistige Überlegenheit zu entwenden. Jesus wurde zum Inbegriff vollkommener Vernunft in Wort und Tat, die den Vorteil hatte, dass man sie als Geschenk Gottes anbeten und den Herrn als Sohn Gottes weiterhin verehren durfte.

Die Deutschen hatten ihr nationales Genie gefunden. Nicht länger waren sie den Juden unterlegen – das Christentum war, trotz aller Spannungen, nun mal eine Erfindung der Juden – und sie konnten sich von der erdrückenden Überlegenheit der Hellenen emanzipieren.

„Das Neue Testament enthält nach Semlers Auffassung die universale, abgeklärte, ewige, Religion, der gegenüber das Alte Testament eng, national, jüdisch und zeitgebunden wirkt.“ (H. J. Kraus, Geschichte der historisch-kritischen Erforschung des Alten Testaments)

Diese Mixtur aus entbeinter Graecomanie und mit Vernunft angereichertem Heilsglauben wurde zur Basis einer immer nationaler werdenden deutschen Theologie, die ihre Judenfeindschaft mit rational und heilig scheinenden Argumenten untermauern konnte. Ihren fürchterlichen Höhepunkt erlebte der Judenhass im Dritten Reich, wo es vor allem Alttestamentler wie Gerhard Kittel waren, die den Nationalsozialisten exquisite Argumente lieferten, mit denen die Völkerverbrecher ihre Schandtaten in Konkordanz mit dem Himmel exekutieren konnten.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der hellenisierte, entjudaisierte Jesus zur Zentralfigur einer neugermanischen Nationalreligion. Die evangelischen Theologen sprachen von Kulturprotestantismus, dem die Aufgabe zufiel, die messianische Sendung der Deutschen in aller Welt mit heiligen Worten zu befestigen.

Einer der führenden Kulturprotestanten war der wilhelminische Dogmatiker Adolf von Harnack, der in seinem Buch „Das Wesen des Christentums“ schrieb:

„Es zeigt sich, dass das Evangelium überhaupt keine übliche Religion ist wie die anderen, dass es nichts Statutarisches und Partikularistisches hat, dass es also die Religion selbst ist. Es ist erhaben über allen Gegensätzen und Spannungen von Diesseits und Jenseits, Vernunft und Ekstase, Arbeit und Weltflucht, Jüdischem und Griechischem. In allen kann es regieren.“

Hegels dialektische Versöhnung aller Widersprüche war bei den Protestanten auf fruchtbaren Boden gefallen. Wenn der Weltgeist sein finales Dominium in Berlin aufschlägt, kann Kaiser Willem nicht falsch liegen, wenn er der Welt die messianische Unvergleichlichkeit der Deutschen mit Kruppkanonen und einer neuen Flotte aufs neidische Auge drücken wollte.

Bei Harnack gab es noch eine Versöhnung zwischen Juden und Griechen. Es dauerte nicht lange, bis diese Waffenruhe aufgegeben und in Feindschaft gegen die Juden verwandelt wurde. Es waren keine Schlafwandler, die den Ersten Weltkrieg entzündeten. Es war religiöser Hass, der sich mit Vernunft tarnte, aber keine besaß, um geistige und machtpolitische Antagonismen friedlich zu klären.

Der junge Hegel war ein leidenschaftlicher Griechenverehrer und scharfer Kritiker des Juden- und Christentums. Erst als er seine dialektische Versöhnung von allem mit allem gefunden hatte, wurde er zum Parteigänger des Christentums, wenngleich mit griechischen Bereinigungen.

Die Kritik Hegels an den Juden war so kompromisslos, dass der Theologe Kraus die Vermutung äußerte, bei Hegel begönne der moderne Antisemitismus. Der „absolute Geist“ der frühen Schriften sei ein ausgesprochen griechisches Wesen, während der Gott des Alten Testaments als „Dämon des Hasses“ erscheint.

„Krass und kühn sind die leidenschaftlichen Gegenüberstellungen, die in der nationalsozialistischen Weltanschauung und ihrem Kampf gegen das Alte Testament ihr verzerrtes Echo gefunden haben. So wird die alttestamentliche Religion – gemessen am Maßstab des Griechentums – als das Gegenteil einer Humanitätsreligion bezeichnet. Charakteristisch ist das Schlussurteil:

„Das Trauerspiel des jüdischen Volkes ist kein griechisches Trauerspiel. Es kann nicht Furcht noch Mitleid erwecken, denn beide entspringen nur dem Schicksal des notwendigen Fehltritts eines schönen Wesens; jenes kann nur Abscheu erwecken. Das Schicksal des jüdischen Volkes ist das Schicksal Macbeths, der aus der Natur selbst trat, sich an fremde Wesen hing und so in ihrem Dienst alles Heilige der menschlichen Natur zertreten und ermorden, von seinen Göttern ... endlich verlassen und an seinem Glauben selbst zerschmettert werden musste“.

Kraus fährt fort: „Das unterwertige Alte Testament wird auf der ganzen Linie vom Griechentum bzw. von einem im Sinne des griechischen Humanismus verstandenen Neuen Testaments verdrängt.“ Die Aussagen kulminieren in dem Satz: „Der unendliche Geist hat nicht Raum in dem Kerker einer Judenseele.“

„Es ist erschütternd zu sehen“, so Kraus, „wie der junge Hegel gegen das alttestamentliche Judentum tobt. Der Geist der Schönheit und des klassischen Griechentums bedeutet ihm alles – und Israel nichts. Später hat Hegel diese Einstellung zum Alten Testament beinahe in das genaue Gegenteil umgewandelt. Das Judentum ist dann die Größe, durch die die Selbstentfaltung des absoluten Geistes in besonderer Weise sich ereignet.“

Hat Kraus recht, der den uralten christlichen Antisemitismus einem Philosophen der Moderne in die Schuhe schiebt, um alle Schuld von der Theologie abzuweisen? Nicht die Kirche wäre dann schuld am Völkerverbrechen der Nationalsozialisten, sondern ein verruchter Philosoph.

Ein geschickter Versuch, die übergroße Schuld der Kirchen im Nationalsozialismus loszuwerden. Das entspricht der Behauptung eines anderen Theologen – K. M. Kodalle –, der jegliche Schuld des Christentums am 1000-jährigen Reich abwies:

„Die Nationalsozialisten haben eine kaum übertreffbare Akzeptanz ihrer Ziviltheologie erreicht, die gleichfalls, ohne christlich zu sein, Elemente des christlichen Glaubens („Vorsehung“, religiöse Riten und Weihefeiern) absorbiert hatte. (Kodalle, Gott und Politik in USA)

Der ganze Nationalsozialismus glich dem christlichen Glauben nur bis aufs I-Tüpfelchen, durfte aber keineswegs mit ihm zu tun haben? Das müssen himmlische Schalmeien sein, denn aus irdischer Sicht müsste man sie als Lügen bezeichnen. Den geistbegabten Wahrheitsverdrehern wird es in Deutschland superleicht gemacht. Denn im Land der Täter gibt es weder Gelehrte noch Investigativ-Journalisten, die nur im Geringsten an ihrer eigenen Religion interessiert wären.

Hierzulande wird Religion total verdrängt, mit Antisemitismus und Muslimenhass darf sie nichts zu tun haben. Der Verdacht liegt nahe, dass die Deutschen den Gefahren ihrer Religion dadurch entgehen wollen, dass sie – die Augen schließen. Unwissen tilgt alle Spuren des Verbrechens.

Hier muss die Frage gestellt werden: Ist Religionskritik die Wurzel des Judenhasses und der Feindschaft gegen Muslime? Ist Kritik am Alten Testament Antisemitismus, Kritik am Neuen Testament Hass gegen die Christen?

Man müsste die These auf den Kopf stellen. Es ist die Abwesenheit eines kritischen Dialogs, der zum Hass führt. Der gegenwärtige Antisemitismus ist nicht zuletzt das Produkt religiöser Tabuisierungen. Über den Antisemitismus des Christentums, über seine Verstrickung mit dem Nationalsozialismus darf heute nicht gesprochen werden. Um das Christentum zu schonen, darf auch über das Judentum nicht gesprochen werden. Über beiden liegt eine Decke des Schweigens, um alle Kritik an den Erlöserreligionen dem Islam aufzubürden.

Der Hass gegen Muslime ist ein verdrängter Hass der Christen gegen sich selbst. Was sie ahnungsweise ihrer eigenen Religion vorwerfen müssten, werfen sie der neuen fremden Religion vor. Der Islam trägt stellvertretend alle Animositäten gegen totalitäre Religionen auf seinen Schultern.

Nicht nur die verheerende Rolle der Christen im Dritten Reich ist tabu, auch die jüdische Bibel darf nicht öffentlich kritisiert werden. Aus Angst, die Kritik könnte als Antisemitismus eingestuft und verdammt werden.

Solche Emotionen können im Land der Täter niemanden verwundern. Juden müssen ständig auf der Hut sein vor einem neu aufflammenden Antisemitismus. Die Deutschen haben ein permanent schlechtes Gewissen wegen der Untaten ihrer Väter und scheuen jeden Verdacht, in ihren Spuren zu wandeln. So hat sich ein Entweder-Oder ergeben aus Verschweigen und offener Brutalität.

Wäre Religionskritik identisch mit Antisemitismus: stünde jeder Philosemit unter striktem Verbot, Kritisches über Religion zu äußern. Aufklärung als Kritik an Religionen wäre unmöglich.

Von daher kann es niemanden verwundern, dass wir heute in einer aufklärungsfeindlichen Zeit leben. Die Krise der Gegenwart ist auch ein Verbot aufgeklärten Denkens. Der Obskurantismus feiert fröhliche Urständ.

Beispiel: die Aversion der Erwachsenen gegen die Fridays-for-Future-Jugend. Die jugendlichen Ökologen behaupten nichts anderes als das, was die Mehrheit der Fachwissenschaftler seit langem betont. Mit den Worten von Eckardt von Hirschhausen beim Illner-Talk: Wir Menschen sind dabei, uns selbst abzuschaffen. Es geht nicht um Arbeitsplätze, sondern um Menschenplätze. Was immerzu wächst, kann in begrenzter Natur nichts anderes sein als tödlicher Krebs.

Aust und Ziemiak hätten nicht nur die Jugendlichen, sondern die geballte Wissenschaft angreifen müsssen. Taten sie aber nicht. Die Wissenschaft war abwesend. Die Jugendlichen wurden traktiert, als hätten sie Alpträume erzählt. Versteht sich, dass auch die Moderatorin kein einziges Mal die Frage stellte:

Müssten Sie, Herr Aust, nicht automatisch die Erkenntnisse der Wissenschaft bezweifeln, wenn Sie die Thesen der Jugend bezweifeln? Wie können Sie sonst eine Erkenntnisbewegung in eine religiöse Erweckungsbewegung verfälschen?

Die Gegner der ökologischen Warner ähneln amerikanischen Kreationisten, die die Überlegenheit der Wissenschaft über die Texte der Offenbarung nicht hinnehmen. Widerspricht der Schöpfungsbericht den Erkenntnissen der Evolution, muss nicht die Schrift daneben liegen.

Das Aufkommen der amerikanischen Fundamentalisten in den 70er- und 80er-Jahren machte die Genesis wieder zur einzigen Norm der Wahrheit. Die Wissenschaft wurde aus den Schulen der Frommen verdammt.

Hier war der Kampf Galileis gegen klerikales Denkverbot vergeblich gewesen. Die Kirche, die sich widerstrebend dem Sieg des freien Denkens und Forschens unterworfen hatte, erhob wieder ihr Haupt und erklärte sich zum unfehlbaren Haupt aller Erkenntnisse. Was der Schrift widersprach, musste falsch sein.

Von Anfang an kämpften in Amerika zwei Parteien gegeneinander: der Geist der Aufklärer gegen den Geist der Calvinisten. Es gab Zeiten, in denen die demokratische Aufklärung obenauf war, es gab Zeiten, da musste die Freiheit des Denkens in Deckung gehen.

Die letzte Wendung dieses Dauerkampfes ereignete sich mit der Einführung des Neoliberalismus in der Reagan-Zeit. Hayek war ein fanatischer Gegenaufklärer: Selbstbestimmte Vernunft und Moral der Menschen taugen nichts. Der Markt ist jene transzendente Erfindung, der sich der Mensch unterwerfen muss. Hayek ist ein später Schüler Hamanns.

In Deutschland geschah die Invasion des Neoliberalismus fast geräuschlos. Die Deutschen hatten die soziale Marktwirtschaft satt und dürsteten nach einem neuen Zeitgeist. Sie wollten sich beweisen, dass sie „in“ waren. Das waren sie, wenn sie dem transatlantischen Bruder nacheiferten.

Da in Deutschland bis heute keine eigenständige kapitalismuskritische Philosophie entstand – Marxens Heilsgeschichte stand zu Recht unter Totalitarismusverdacht – waren die Deutschen machtlos gegen den Import aus Amerika. Was man daran erkennen kann, dass es eine gründliche Auseinandersetzung mit Hayek bis zum heutigen Tag nicht gibt.

Mit einer fulminanten Ausnahme: der humanistischen Philosophie des Alexander von Rüstow, der in seinem Monumentalwerk jede inhumane Ökonomie von der Urzeit bis zur Gegenwart sezierte.

Doch Rüstow, der sein Werk in der türkischen Diaspora verfasste, verfiel der staatlich verordneten Amnesie der Adenauer-Epoche. Da er Religionskritiker war, passten seine Thesen nicht in den Rahmen eines religiösen Ordo-Kapitalismus. Rüstow wurde bei Nacht und Nebel verscharrt, um die Herrschaft der CDU nicht zu gefährden.

Heiner Geißler berief sich unentwegt auf den katholischen Ordoliberalismus der Freiburger, doch den Namen Rüstow, der mit Eucken und Röpke befreundet war, erwähnte er nie. Das war die erste Großleiche der Verdrängungsarbeit der Nachkriegszeit. Die Christdemokraten fühlten sich identisch mit dem frommen Amerika, das sollte genügen, um den Sündern eine Zukunft zu ermöglichen.

Die Amerikaner legten keinen Wert auf die Aufarbeitung der kirchlichen Vergangenheit der Deutschen, sie brauchten schnellstmöglich eine wieder erstarkte deutsche Nation an der Frontlinie gegen das gottlose Reich der Sowjetunion.

Die nächste Großleiche im Banne des Bible Belt wurde im Jahre 2007 gefeiert. Die Leugnung der Wissenschaft im Namen des Heils ereignete sich, als nicht wenige CDU-Politiker den amerikanischen Kreationismus auf deutsche Schulen übertragen wollten. Unter ihnen der hessische Ministerpräsident Koch, seine Kultusministerin Wolff und der CSU-Abgeordnete Geis:

„Wolff hatte von einer neuen "Gemeinsamkeit von Naturwissenschaft und Religion" gesprochen und einen modernen Biologieunterricht gefordert, in dem vermittelt werden müsse, dass es Grenzen der Erkenntnis gebe. Während Wissenschaftler und Oppositionsparteien in Hessen entsetzt reagierten, signalisierte Geis nun Zustimmung: "Indem man darauf aufmerksam macht, dass die Bibel die Schöpfung der Welt bei einer höheren Instanz sieht, kann man jungen Menschen nahebringen, dass auch Naturwissenschaften nicht letzte Wahrheiten garantieren können."“ (WELT.de)

Auch diese Kontroverse wurde nicht eingehend und nach allen Regeln der Kunst debattiert. Wie immer, gab es ein hysterisches Tagesflimmern, das nach kurzer Zeit im Untergrund verschwand.

Deutschland kennt keine methodisch strengen Debatten, in denen Thesen mit Gegenthesen raufen müssen. Zweier-Dialoge vermeiden die Öffentlich-Rechtlichen wie die Pest. Wenn in ihren Talkshows ein Teilnehmer eine kühne Behauptung wagt, schaut die Moderatorin auf ihre Kärtchen und stellt einem anderen eine völlig andere Frage. Nur kein direktes Duell, nur kein strenges Definieren und Argumentieren. Wenn Hirschhausen sich auf die Wissenschaft bezieht, wird Aust von Illner nicht gefragt: Was, Herr Aust, halten Sie von den Erkenntnissen der Wissenschaft?

Die Wissenschaft ist in der Versenkung verschwunden. Daran ist sie nicht unschuldig. Lange genug hielt sie es – nicht anders als die Medien, die sie nachäffen – für ihre Verpflichtung, sich aus dem politischen Tagesgeschehen rauszuhalten. Als sie von den beunruhigenden Erkenntnissen der Klimakatastrophe überrollt wurde, wusste sie nicht, wie sie sich der Öffentlichkeit mitteilen sollte.

Die verdienstvollen Bücher der 70er- und 80er-Jahre waren verdrängt. Neue Bücher erschienen nicht. Die Propheten wagten sich nicht mehr an die Öffentlichkeit. Ja, sie scheuten sich, die Öffentlichkeit mit dauerapokalyptischen Meldungen zu fluten und zu entmutigen. Also bedienten sie sich der Tröpfchen-Methode: steter Tropfen höhlt den Stein. Oder auch nicht.

Die Vertreter des Status quo hielten diese Zurückhaltung für das Eingeständnis nicht belastbarer Erkenntnisse und schoben die lästigen Warner beiseite. Die Fraktion der Amoralisten schloss aus den seltsamen Widersprüchen zwischen der Dramatik der Wissenschaftserkenntnisse und ihren tonlosen Warnungen, dass Moralpredigen eben nichts bringe.

Die Wissenschaftsverächter der WELT wollen von niemandem belehrt werden. Schon gar nicht von Besserwissern, denn sie selbst wissen es noch viel besser. Verbote wollen sie nicht akzeptieren. Dass Gesetze moralische Verbote sind, scheint ihnen unbekannt. In ihrer grenzenlosen Freiheit fühlen sie sich eingeschränkt, wenn sie bei Rot nicht die Straße überqueren dürfen.

Auch die Frage der Fragen wurde von Illner nicht gestellt. „Angenommen, Wissenschaft und Jugend hätten recht: wäre das Ignorieren dieser beiden Gruppierungen, das Verachten aller rettungsfördernden Maßnahmen, nicht gleichbedeutend mit dem Ende der Menschheit?“ Die Deutschen verachten den strengen Dialog zwischen zwei Partnern. Sie flüchten ins Gruppenschwallen, in dem jeder sich hinter jedem verstecken kann.

Ziemiak ging noch weiter. Der Schwedin Greta warf er Ideologie vor, weil sie kompromisslose Forderungen stelle. Zudem forderte er von den Jungen, was Politprofis bis heute nicht geleistet haben: ein umfangreiches Maßnahmenbündel zur Rettung der Welt. Dreister und unverschämter geht es nicht.

Kaum begonnen, können die Jungen ihre abstrakten Forderungen nicht zugleich in aller Konkretion vorlegen. Sie befinden sich im Status philosophischer Rigidität. Da gibt es keine Kompromisse. Abstraktes Fordern ist alles andere als unkonkret. Wenn Überleben die Basis aller zukünftigen Einzelmaßnahmen ist, ist es zugleich das Konkreteste des Konkreten.

Die ökologische Überlebensfrage führt uns ins Zentrum aller futurischen Politik. Es geht um die Schöpfung. Noch immer sprechen die Grünen von Schöpfungsbewahrung. Welche Schöpfung? Es gibt keine. Schöpfung ist die Erfindung religiöser Phantasten.

Die Schöpfungsgeschichten der ältesten Kulturen, die in der Bibel zusammenflossen, sind männliche Größenphantasien. Schöpfung ist der größtmögliche Gigantismus der Männer, wonach der Stärkste unter ihnen aus Nichts Alles ins Leben gerufen haben will. „Vor der Schöpfung gab es nichts ausser Gott.“ (Lutherische Dogmatik)

Wenn das Leben im Nichts die göttlichste aller Lebensweisen ist, muss die Erschaffung der Welt eine Deformation dieser göttlich-einsamen Exklusivität gewesen sein. Oder langweilte sich etwa der Gott? Dann war er nicht allmächtig. Indem er sich entschloss, ein Anderes, Sekundäres, neben sich zu dulden, begann sein Abstieg. Anfänglich war das nicht absehbar, denn zuerst war alles sehr gut. Doch schon im nächsten Augenblick versank das Sehr Gute im Morast des derart Schlechten, dass der Sohn des Höchsten in eigener Person auf die Erde niederfahren musste, um eine Minderheit der Versager zu retten – nicht aber die Schöpfung. Die war nicht mehr zu retten und musste vernichtet werden, um durch eine gänzlich neue ersetzt zu werden. Der Mann in seiner unüberbietbaren Allmacht hatte sich übernommen. Wer garantiert, dass die neue Schöpfung die unüberbietbar beste sein wird?

Augustin sprach von der creatio continua, der fortgesetzten Schöpfung, um der Pfuscharbeit des Höchsten die Chance einer kontinuierlichen Reparatur einzuräumen. Die Nachbesserung als creatio continua wurde zum wissenschaftlichen und technischen Fortschritt der Menschen. Das Geschöpf erkühnt sich, die mangelhafte Arbeit des VATERS so lange zu verbessern, bis sie vollendet sein wird. Eine creatio continua ist eine destructio continua. Jedes Schaffen eines Neuen ist Vernichten des Alten. Natur aber muss nicht verbessert werden. Erlöserreligionen haben das Urvertrauen in die Natur zerstört. Rettung der Natur und der Menschheit setzt einen uralten, längst verschütteten Glauben voraus. Nicht den Glauben an einen naturverachtenden Vater, sondern an die großzügige, verlässliche weibliche Natur.

Die Anfänge der Kybernetik, heute KI genannt, waren der Traum von künstlichen Wesen, die den Menschen in allen Dingen übertreffen, ja ersetzen würden. Heute sind die technischen Creationisten vorsichtiger geworden. Was nicht bedeutet, dass sie insgeheim nicht noch immer den Traum von einer totalitären neuen Welt träumen.

Die Götter von Silicon Valley wollen nichts weniger als einen neuen Himmel errichten:

„Sie wollen raus aus der gesamten etablierten Welt und eine eigene Staatlichkeit wagen. Die „New Frontier“ der Zukunft liegt unmittelbar vor der Haustür: im Pazifik, in internationalen Gewässern, außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone.“ (Hannoversche-Allgemeine.de)

Natur ist keine Schöpfung eines männlichen Omnipotenzwahns, eine Schöpfung, die aus unerfindlichen Gründen defekt wird, durch eine ersetzt werden muss, deren Qualität nicht besser sein wird als die alte.

Solche lachhaften Phantasien müssen destruiert werden, wenn der Mensch überleben will. Religionskritik ist deshalb nicht nur notwendig, sondern lebensnotwendig. Wie kann eine solche Kritik menschenfeindlich sein, wenn sie alles Erdenkliche unternimmt, um die Menschheit zu retten?

Die Natur hat nirgendwann begonnen, wurde von niemandem erfunden. Sie war, ist und wird sein von Ewigkeit zu Ewigkeit. Die Formel der weiblichen Natur wurde vom allmächtigen Mann entwendet, um sich selbst damit zu schmücken:

„Diese Weltordnung hier hat nicht einer der Götter, noch einer der Menschen geschaffen, sondern sie war immer und ist und wird immer sein.“ (Heraklit)

Die Rettung der Natur beginnt mit ihrer Anerkennung als unerschaffenes, unvergängliches Gebilde, das in der Lage ist, den Menschen großzügig zu ernähren. Vorausgesetzt, er hält sich an ihre Regeln. Der Mensch allerdings kann von der Bildfläche verschwinden, wenn er einen Tag länger wartet, um das Notwendige zu tun.

Jeder Augenblick zählt. Die Jugend hat verstanden.

 

Fortsetzung folgt.