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Tagesmail - Mittwoch, den 27. März 2019

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„"Die Medien sollten jetzt in sich gehen", schrieb das "Wall Street Journal" in einem Leitartikel. "Es muss eine Abrechnung geben", forderte die Kolumnistin Mollie Hemingway im "Federalist". Aber auch Michael Tracey, ein Kommentator für die sonst eher Trump-kritische Tageszeitung "New York Daily News", sprach von "einem journalistischen Versagen von fast undenkbar monumentalen Ausmaßen".“ (SPIEGEL.de)

In Amerika erleidet der Journalismus eine Niederlage von „fast undenkbar monumentalen Ausmaßen“ – in Deutschland geht alles seinen gewohnten Gang. Still ruht der See. Keine Zeitung fühlt sich angesprochen, kein Edelschreiber kommentiert das amerikanische Urbeben. Niemand geht in Sack und Asche, keine Gazette erscheint mit Trauerrand. Atem anhalten und schweigen, bis sich die Einschläge wieder entfernen. Merkels Taktik ist die Taktik der Deutschen, weshalb sie nicht voneinander lassen können.

Liegt der Journalismus am Boden, verendet die Demokratie. „Verzockt“ – lautet die Überschrift eines SPIEGEL-Artikels: aber nicht über sich selbst, sondern über die amerikanische Opposition.

„"Ich hoffe das motiviert uns alle, lieber von Themen zu reden, die unser tägliches Leben betreffen", sagte Pete Buttigieg, einer der meistgehypten Demokraten-Kandidaten, im Sender MSNBC. Die Partei habe 2016 auch deshalb "ihren Weg verloren", weil sie zu viel von Trump geredet habe und zu wenig von den Wählern.“ (SPIEGEL.de)

Von Anfang an wurde Trump als Antichrist, als Destruktor der amerikanischen Demokratie beschrieben. Begriffe aus der Offenbarung des Johannes, abwechselnd mit Diagnosen der Psychopathologie, wurden verwendet, um den Sieger zu beschreiben, mit dem kaum jemand ...

... gerechnet hatte.

„Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen.“

Der Antichrist gleicht dem Christus zum Verwechseln. Der Welt verspricht er Heil und Segen – und wird sie endgültig ins Verderben stürzen. Misstraut den Heilsbringern, lautet die Botschaft der Platzhalter, deren Sturz der Antichrist verheißt. Wie kann man den wahren vom falschen Erlöser unterscheiden?

Der Kampf gegen Populisten begann auch in Europa. Populisten sind unwahre Heilsbringer, im Gegensatz zu den richtigen – die im Besitz der Macht sind und sich gefährlicher Rivalen durch deren Diffamierung als trügerische Lichtfiguren entledigen wollen.

In amerikanischen Dokus über das Phänomen der Apokalypse – zu nächtlicher Stunde im Springer-Kanal N 24 als kurz bevorstehendes, finales Ereignis mit dramatischen Bildern zu sehen – ähnelt der Antichrist verblüffend der Figur Obamas, der als strahlender Gutmensch die Welt beglücken wollte. Misstraut den Moralaposteln, lautet die Warnung vor auratischen Betrügern, die der Menschheit nichts weniger als das zweite Paradies versprechen.

Was ist der Unterschied zwischen wahren und falschen Heilsbringern? Der wahre Christus kommt im Auftrag des Herrn, bringt Fluch und Verderben über die Gottlosen, um den Seinen einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen. Die Menschheit wird endgültig geteilt in Verdammte und Gerettete.

Der falsche Messias kommt aus eigener Kraft und will unterschiedslos alle Menschen retten. Das ist die schlimmste Sünde wider den Geist und kann nur durch endgültigen Sturz in die Hölle geahndet werden.

Die Mehrheit der Amerikaner glaubt, in der Endzeit zu leben. Ihre Aufgabe besteht darin, den eigenmächtigen Heiland vom authentischen zu unterscheiden. Heil aber müssen beide versprechen – darunter machen es die Endzeitgläubigen nicht.

In Deutschland, das seine apokalyptischen Erwartungen bereits im Dritten Reich abarbeiten konnte, hat sich die Sehnsucht nach einem siegreichen Ende der Geschichte verflüchtigt – und verwandelt in den Sieg über wirtschaftliche Konkurrenten. Dieser Wettbewerb muss unablässig gewonnen werden, predigt die säkular auftretende fromme Kanzlerin, die es nicht wagt, ihr „aufgeklärtes“ Volk mit Gräueln der Heilsgeschichte zu belästigen.

Der amerikanische Traum ist Versprechen des Heils. In Silicon Valley wird keine bloße Technik hergestellt, sondern das futurische Heil. Jedes technische Genie muss die Welt verändern – um sie von aller sündenbeladenen Erdenschwere zu befreien. Technik ist keine Frucht eigenmächtiger Vernunft, sondern Beitrag zur Errichtung der Goldenen Stadt. Heil ist im neuen Kanaan unabdingbar, es muss nur noch das richtige vom falschen unterschieden werden.

Die Deutschen dürfen nicht mehr träumen, seitdem sie im nationalen Chor Heil Hitler brüllten. Selbst säkulare Utopien gelten ihnen seitdem als larvierte Heilsversprechen.

Die anti-apokalyptische Heilsaversion der Deutschen, ein wesentlicher Teil ihrer reeducation, schüttet das Kind mit dem Bade aus. Jede Politik tritt an als Verbesserungsversuch der herrschenden Verhältnisse. Wer das Bessermachen als Streben nach einer Utopie systematisiert, wird eines Heilsversprechens verdächtigt.

Bessermachen durch Politik war für den Staatsverächter Hayek das Herabholen des Himmels auf Erden, das sich in eine Hölle verwandeln wird. Vervollkommnen durch den göttlichen Markt aber war absolute Pflicht.

Bis heute können die Deutschen zwischen autonomer Vision und fremdbestimmtem Paradies nicht unterscheiden. Allergisch geworden gegen jedes Heil auf Erden dürfen sie der Politik nichts, der Wirtschaft alles zutrauen. Niemals wäre Helmut Schmidt auf die Idee gekommen, eine wirtschaftliche Vision als Wahn zu bezeichnen.

An die Stelle staatlichen Heils trat das Heil des grenzenlosen Wohlstands – auf Kosten der Natur. Jede Grenzenlosigkeit überschreitet die Kapazitäten des Menschen und muss als übernatürliche betrachtet werden.

Religiöser Heilswettbewerb endet in einem strikten Entweder-Oder. Entweder ewige Seligkeit oder Verdammnis. Der ökonomische Wettbewerb endet à la longue in einem irdischen Entweder-Oder. Entweder EINPROZENT der Superreichen oder 99PROZENT der Loser. Sollte es so kommen, wie die Superreichen imaginieren, wird EINPROZENT im Falle der Naturzerstörung in den Weltraum abdüsen, Milliarden Loser werden von CO2-Emissionen erstickt.

Angela Merkel will etwas ganz Besonderes: sie will gnadenlosen Wettbewerb, doch Sieger und Verlierer soll es nicht geben. Auf neudeutsch: Konkurrieren soll zur Win-Win-Situation werden.

„Dies werde aber nur gelingen, wenn man Wettbewerb nicht nur so betrachte, „dass immer wenn einer gewinnt, der andere verliert“, sagte die Kanzlerin mit einem Seitenhieb auf US-Präsident Donald Trump, ohne ihn beim Namen zu nennen.“ (Berliner-Zeitung.de)  

Mit solch widersprüchlichen Phrasen „stichelt“ Merkel gegen Trump? Zur offenen Kritik ist sie nicht fähig? Oder wissen die Schreiber nicht mehr, was Kritik ist?

Es gibt nur einen Wettbewerb, von dem alle Beteiligten profitieren: das ist der Wettstreit um die Wahrheit. Hier gibt es keine Verlierer, wenn alle in glühendem Eifer mitdenken. Auch wer sich in einem Dialog geschlagen geben muss, hat dazu gelernt. Wem klar wurde, dass er irrte, der ist klüger geworden.

Der heutige Zeitgeist verschmäht Besserwisserei, um nicht eines Irrtums überführt zu werden. Moralische Anklagen hasst er geradezu. Er will nicht öffentlich an den Pranger gestellt werden.

Wenn es aber um staatliches Demütigen der Schwachen und Armen geht, hat man bislang noch von keinem Protest gehört. Wenn Griechen nicht wirtschaften können, sollen sie dafür büßen. Deutschland, das Land der wirtschaftlichen Besserwisser und Besserkönner, sonnt sich im Glanz seiner Überlegenheit. Hier fordert niemand Mitleid mit den Doofen und Versagern. Wenn‘s aber um Wahrhaftigkeit geht, gar um Rettung der Menschheit, will ein Chefredakteur der WELT nicht zum Depp der Nation gemacht werden.

„"Was ist denn das für ein Menschenbild", rief Ulf Poschardt angewidert aus, als Plasberg den Vorschlag eines "Zeit"-Journalisten einbrachte, wir bräuchten mehr Verbote, um die Welt zu retten. Das mache ihm "die Laune kaputt".“ (SPIEGEL.de)

Überall der Erste zu sein und voranzustreben den anderen, nur nicht in der wichtigsten Disziplin des Lebens: in der Suche nach der humansten Weise des Zusammenlebens. Eher soll die Welt untergehen, als dass ein selbstgefälliger Amoralist seine Laune verlöre. Diese Einstellung würde man für unglaublich halten, wenn man die Selbstentlarvung eines WELT-Schreibers, dem ein seelenvoller Porsche wichtiger ist als die Seelen von Milliarden Menschen, nicht mit eigenen Augen gesehen hätte.

Der Auftritt von Markus Lanz sollte der Beweihräucherung des öffentlich-rechtlichen TVs dienen, allein, es wurde zum Gegenteil. Nachdem heldenhafte Bilder des ZDF-Moderators beim eigenhändigen Überprüfen arktischer Eisschollen zu sehen waren, um dessen ökologische Qualifikation unter Beweis zu stellen, blieb die politische Bilanz des wackeren Beobachters im Nullbereich des „Ich will niemanden missionieren“. An jener Stelle, die er höchst selbst inspizierte, sei es zwar schlimmer geworden, an anderer aber könnten die Inuit wieder Kartoffeln anbauen. Plus zwei minus zwei ist Null.

Schon früher hätte es eine warme Epoche wie die heutige gegeben. Unausgesprochene Folgerung: könnten jene Trumpisten nicht Recht haben, die die Klimaveränderung nicht als menschengemachte verstehen? Lanz gab sich als engagierter Naturversteher, der sich am Ende in peinliche Lauheit auflöste.

Um die Macht der Platzhirsche zu sichern, werden erfolgversprechende Rivalen zu Populisten ernannt. Sie würden versprechen, was sie nicht halten könnten. Soll tatsächlich vorgekommen sein.

Jede Kritik verspricht, etwas besser zu machen. Ein rationales Versprechen kann nicht garantieren, wie erfolgreich es sein wird. Das Versprechen liegt zwar in seiner Hand, das Gelingen aber hängt von Faktoren dieser Welt ab, die niemand einschätzen kann.

Auch Wahlversprechen sind nichts als der entschlossene Wille, etwas zu versuchen. Jeder vernünftige Zeitgenosse weiß das oder sollte es wissen. Kein Erfolg wird das Maß der Wahlversprechen erreichen. Und doch tun alle, als ob es ein schmähliches Versagen wäre, wenn gewählte Politiker ihre Parteiprogramme nicht Punkt für Punkt erfüllen. Zudem in erzwungenen Koalitionen, die ohne Kompromisse undenkbar sind.

Was aber unbedingt nötig wäre, wären regelmäßige Bilanzprüfungen des Erreichten. Die Regierungsparteien müssten erklären, was ihnen gelungen oder nicht gelungen ist – unter präziser Angabe der Ursachen.

Populisten maßten sich an, stellvertretend für das Volk zu sprechen. Hier zeigt sich der Hass der Eliten gegen das Volk, dem sie eine Verbesserung seines Zustandes nicht gönnen. Jeder Demokrat müsste bestrebt sein, die ungerechten Verhältnisse des Kapitalismus gerechter zu machen. Jeder müsste die Sorgen der Bevölkerung ernst nehmen. Volk ist jeder. Eliten, die sich außerhalb des Volkes wähnen, entlarven ihre aristokratische Hybris. Längst sind aus Volksdemokratien verkappte Aristo-, Elito-, Merito-, Plutokratien oder Oligarchien geworden.

Solange junge Demokratien erfahrungslos waren, akzeptierten die Massen das Regiment der Tüchtigen und Starken. Charakteristisch für die gegenwärtige Krise ist das Flüggewerden der Dumpfen und Schwachen. Inzwischen haben die meisten die Spielregeln der Demokratie und der Macht verstanden und lassen sich nicht länger ein X für ein U vormachen. Vor wenigen Dezennien noch hätte es kaum Shitstorms als ungehobeltes Mitreden und ungelenkes Palavern geben können – auch unter günstigsten technischen Bedingungen nicht.

Inzwischen hat sich das Mitredenkönnen der „ungebildeten“ Schichten soweit fortgebildet, dass auf der Ebene des Bewusstseins wie des Unbewussten kein Ereignis mehr unkommentiert bleibt. Je mehr die unteren Klassen die Verhüllungssprachen der Oberen durchschauen, desto kompetenter geigen sie ihnen die Meinung. Die Dauerpräsenz der Mächtigen in TV-Kanälen und Blättern erzeugt das Gefühl erhöhter Vertrautheit mit den Gepflogenheiten der Eliten.

Das Schwanken der EU beruht auf dem zunehmenden Bewusstsein der Völker, die jetzt erst das Gefühl zulassen können, ob sie diese ungewohnte Gemeinschaft der Nationen für gut finden oder nicht. Bislang war die Gemeinschaft ein oberflächliches Jasagen zu wachsenden wirtschaftlichen Erfolgen.

Seitdem die Erfolge gefährdet erscheinen, müsste ein politisches Tiefendenken hinzukommen, damit die Gemeinsamkeiten trotz gelegentlicher Krisen bejaht und verteidigt werden. Die jungen Generationen in England fühlten sich noch nicht bemüßigt, sich beim ersten Brexit-Referendum zu engagieren. Erst jetzt, bei den turbulenten Folgen eines drohenden Austritts, wachen sie auf und merken, dass sie junge Europäer sein wollen.

Jeder Demokrat müsste Populist sein und versuchen, das Wohl der Gesellschaft zu verbessern. Er sollte klare Vorstellungen haben, worunter alle leiden – um das Ausmaß des Leidens zu minimieren. Man kann nicht nur für sich, man kann auch für andere sprechen – aber nur im Modus einfühlender Hypothesen, die man zur öffentlichen Debatte stellt. Oft kann man andere besser verstehen als sich selbst. Es ist Unsinn, dass privater Egoismus die Voraussetzung für das Wohl der Gemeinschaft sei.

Den klassischen Satz: Wer für sich sorgt, sorgt gleichzeitig für alle, müsste man umdrehen, dann klänge er sinnvoller: Wer für alle sorgt, sorgt am besten für sich. Selbst- und Fremdverständnis schließen sich nicht aus, sondern bedingen sich gegenseitig. Ein knallharter Egoist versteht seine Bedürfnisse nicht besser als ein zoon politicon, der auf seine Kosten kommt, wenn alle auf ihre Kosten kommen.

Das giftige Geschwätz von überall drohenden Populisten will nur Mauern errichten, um die Pfründe der Erfolgreichen gegen alle Konkurrenz abzusichern. Jeder ist berechtigt, das Beste für die Gemeinschaft zur öffentlichen Debatte zu stellen. In welchem Maße die „Heilsversprechen“ den Wünschen der Bevölkerung entsprechen, muss sie auf der Agora, spätestens bei der nächsten Wahl, selbst bestimmen. Kein Versuch des Bessermachens ist unerwünscht. Ob er akzeptiert wird, muss der öffentliche Diskurs entscheiden.

Wenn Populisten auftreten, werden sie nicht an ihren Worten und Taten gemessen, sondern an ihren Erfolgen. Die Medien überschlagen sich mit der Schilderung belangloser Privatheiten: wie jung er ist, welche akademischen Titel er schon errang, wie glänzend er reden kann – anstatt die Reden minutiös zu zerlegen.

Bis vor kurzem gab es keine Kritiken der Talkshows, in denen die Immergleichen ihre Plapperkünste vorführen konnten. Erst allmählich halten es die Redaktionen für nötig, das Gerede nicht als belangloses Wortgerangel, sondern als kritikwürdige Beiträge zum öffentlichen Streit unter die Lupe zu nehmen.

Alles nur Schein, Finten und Werbemaßnahmen, alles nur Framing und Propaganda: das ist der Grund, warum die Medien die Sprache als Wahrheits- und Verständigungsmittel vernachlässigen. Die Selbstverblendung ist komplett. Obgleich alles Manipulation sein soll, scheint nur sie der Berichterstattung würdig.

Sprache ist für Edelschreiber kein Mittel zur Wahrheitsfindung, sondern ästhetische Bezauberungskunst. Die dürftige Realität ist das armselige Dornröschen, das mit Erzählerfinessen zur Prinzessin wachgeküsst werden muss. Geschichten wollen sie erzählen, ausschmücken, dramatisieren, nicht ungeschönte Wirklichkeit wiedergeben. Das Leben ist zu langweilig, als dass es Substanz haben könnte.

Als SPD-Schulz wie eine Rakete zum Himmel aufstieg, gab es anfänglich nur Sieger-Berichte – im wohligen Vorauswissen, dass die Rakete bald abstürzen wird. Mediale Beobachter, die unter dem Selbstvorwurf leiden, nur passiv wahrzunehmen, sind allergisch gegen Stars, die den Beweis erbringen könnten, dass Mitmachen und Beteiligen sich lohnen könnten. Wie erleichtert sie sind, wenn diese messianischen Wasserläufer in der Mitte des Sees einbrechen.

Zwei Jahre lang haben die Medien Amerikas – und nicht nur sie – am Glorienschein eines politischen Mafiapaten gestrickt. Nun fällt die ganze schwüle Hofintrigenpracht in sich zusammen. Trump scheint nicht der Unhold zu sein, den man mit links zu entzaubern gedachte.

Vom ersten Tage an wurde er zum untypischen Präsidenten stilisiert, der mit der gesamten Tradition der amerikanischen Vorzeigedemokratie gebrochen hätte. Davon kann keine Rede sein. Schon 2002 stellte Emmanuel Todd die Frage:

„Warum ist die „einsame Supermacht“ nicht ihrer Tradition entsprechend, die sie nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert hat, die benevolente und vernünftigere Herrscherin?“

Schon Dabbelju Bush forderte: America first. Er formulierte es nur theologisch und nicht ordinär-darwinistisch:

„Gott steht nicht auf der Seite irgendeiner Nation, doch wir wissen, dass er auf der Seite der Gerechtigkeit steht. Und es ist Amerikas größte Stärke, dass es von seiner Gründung an die Gerechtigkeit auf seine Fahnen schrieb.“ (zit bei Peter Singer, Der Präsident des Guten und Bösen)

Amerika war für den jungen Bush das Land des Guten, das einer Welt des Bösen gegenüberstand. Also hatte das Land die Pflicht und das Recht, mit heiliger Gewalt seine von Gott verliehene Führungsrolle zu verteidigen. Wirtschaftliche und militärische Kriege seien heilige Kriege.

Solche Worte sind schrecklicher als das unberechenbare Geschwätz eines Aufschneiders, der sein TV-Maulheldentum in politische Realität übertrug. Das war der Geniestreich einer unverhofften Ehrlichkeit, der die unerträglich gewordene Bigotterie der Clintons & Vorgänger mitten entzwei riss.

Die Mehrheit der Amerikaner glaubt an die Wiederkunft des Herrn zu ihren Lebzeiten. Dieser Herr wird nicht in Friede, Freude, Eierkuchen kommen, sondern mit dem feurigen Schwert. Von moralischer Ehrbarkeit und Sanftmut kann keine Rede sein. Trump entsprach der monströsen Figur am ehesten von allen Kandidaten. Das Wahlvolk hielt den Atem an, als er mit losen Reden die ehrbaren Heuchler schockierte.

Auch die deutsche Presse war unfähig, die heilsegoistische Tradition der amerikanischen Politik, die Trump vertritt, zu rekonstruieren. Wie kann man jemanden verstehen, ohne sein historisches Werden zu rekonstruieren? Von Tag zu Tag entzündete man sich mehr an den Unflätigkeiten des Entertainers. Nicht nur Medien, auch die Demokraten verließen sich nicht auf die Kraft überlegener Argumente. Man wollte den Berserker in flagranti erwischen. Am Ende fiel das ganze Feuerwerk in sich zusammen.

Nun ist klar geworden, dass es sich bei der Trump-Berichterstattung um einen gigantischen Relotuis-Effekt handelt. Der mächtigste Mann der Welt wurde zur projizierten Verbrecherfigur, seine verhängnisvolle Weltpolitik mit dreisten Sprüchen und flegelhaftem Verhalten zum Despotenspiel mit fratzenhaften Zügen verklärt und verdüstert.

Kasperletheater ist vorbei, Teufelchen hat gewonnen. Fakten, Fakten, Fakten wurden zum Klamauk illusionärer Schaudereffekte. Die religiösen und philosophischen Grundlagenkonflikte des verfallenden Amerika wurden eliminiert. Außer Sensationen und Spesen nichts gewesen.

Eine erregende Geschichte – bestens geeignet für einen Hollywood-Schocker mit dem Titel: Wie ein Schelm mit Hilfe einer Räubergeschichte das ganze Land in die Irre führen konnte, um die Welt für weitere vier Jahre an der Nase herumzuführen.

Eine verhängnisvollere Pleite als dieser mediale Bankrott ist nicht ausdenkbar. Jour-nalisten, die nur dem flüchtigen Tag und Augenblick leben, die Vergangenheit verleugnen, die Welt zum Sündenbabel böser Nachrichten verzerren, Worte als Propagandamethoden und Vernunft und Moral als Heuchelei betrachten, und dies alles, nur um die eigene Amoral zu rechtfertigen: diese Medien haben keine Zukunft.

Wer die Menschheit vor dem Untergang retten will, muss sie zuerst von ihren eigenen Trugbildern befreien.

 

Fortsetzung folgt.