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Tagesmail - Mittwoch, den 20. März 2019

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Neuseeland war das letzte sündenfreie Paradies der Erde. Nun gibt es keines mehr. Alles ist befleckt, entehrt, besudelt. Kein Fleckchen Erde mehr, wo Menschen den Schein einer unberührten Natur erleben können, als Zeugen, die sich einbilden dürfen, dass ihr Beobachten keine Spuren hinterlässt.

Rundum ist sie entjungfert und geschändet, die Erde, die Mutter Natur, die Schöne und Reine. Das Böse hat Einzug gehalten. Es gibt kein Plätzchen mehr, wo der Mensch verdrängen kann, dass sein Fußabdruck als Herr und Despot der Erde blutrot gezeichnet ist.

Nun gibt es kein Halten mehr. Was gebrandmarkt ist, kann nicht, darf nicht mehr gerettet werden. Schon ist die Axt dem letzten Baum an die Wurzel gelegt, wie jeder Baum, der keinen Gewinn bringt, abgehauen und ins Feuer geschickt wird. Der Mensch hat die Wurfschaufel in seiner Hand und wird seine Tenne fegen und seinen letzten Weizen in die Scheune sammeln; die Spreu aber wird er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen.

Neuseeland war das letzte Land ohne menschliche Brandzeichen. Nun kommt die finale Epoche, in der die gesamte Natur zur Spreu verurteilt und ins Feuer geworfen wird.

Wenn Deutsche in die Welt reisen, fliehen sie vor der beschädigten Natur ihres Landes, die sie Heimat nennen und deren Anblick sie nicht mehr ertragen. Sie müssen in die Ferne, wo sie das Unberührte zu finden hoffen. Natur ist da, wo du nicht bist.

„Liegt dort hinter jenem Walde nicht ein fernes, fremdes Land?“

Sie empfinden sich als Märtyrer, wenn sie ihre Heimat verstümmeln, um die Welt mit Tand zu überfluten. Müssen sie sich nicht opfern, das Eigene verwüsten, um ...

 ... die schöne Fremde zu retten?

„Wenn dich die Leute unterwegs einmal neugierig fragen, wohin die Reise geht, sag: ins Jungbrunnenreich.“

„Es blüht im Walde tief drinnen die blaue Blume fein, die Blume zu gewinnen, ziehn wir ins Land hinein.“

Der Jungbrunnen ist versiegt, die blaue Blume gebrochen. Was fällt, das soll man noch stürzen, was krepiert, dem soll man den Todesstoß versetzen.

Deutsche reisen nicht, um Menschen kennen zu lernen. Sondern, um Lärm und Giftschwaden ihrer Städte zu entfliehen. Ihre Reise ist Flucht vor dem Gewohnten und Alltäglichen, das sie nicht länger ertragen.

Reiseziele sind Luxusziele, die ihnen angemessen serviert werden müssen. Als Menschen sind die Bewohner der Gastländer ohne Interesse. Den reichen Gästen haben sie zu dienen. Sonst nichts.

Kommen sie jedoch als Hilfesuchende in das Land ihrer Gäste, werden sie als Fremde empfunden und abgelehnt.

Deutsche reisen, um die letzten Gärten Eden aufzuspüren. Zurückgekehrt, wollen sie den Zuhausegebliebenen außergewöhnliche Dinge erzählen. Je unberührter die Meeresstrände, je gewaltiger die Wälder und Savannen, je phantastischer die Aussicht, von denen sie schwärmen, als hätten sie alles selbst erfunden, desto höher steigt ihr sozialer Rang:

„Was bedeutet das Morden in Neuseeland für uns Touristen? Es bedeutet, dass wir keine Urlaube mehr machen können, dass es keinen Garten Eden mehr gibt. Die Orte, wo wir Urlaube machen können, gibt es nur noch in alten Reiseführern. Neuseeland war immer mein Sehnsuchtsland. Sonne, Mond und Sterne waren wie herrliche Laternen. Im Meer tummelten sich Wale und Delfine. Alle waren glücklich. Bis dieser Mörder kam.“ (BILD.de)

Am zwanghaften Herdentrieb in die Ferne und am Fluchtreflex ist abzulesen, wie unerträglich die Modernen ihre Heimat empfinden. Man braucht keine Untersuchungen, um zu sehen, wie Sklaven der Technik die Natur wahrnehmen. Wie kann man sich heimisch fühlen, wenn man dem Heimischen zwanghaft entflieht? Wie kann man sein Nest als Zufluchtsort empfinden, wenn Nestflüchten zur Pflicht wird?

Die Wohnungen, je unerschwinglicher sie werden, je mehr schrumpfen sie zu isolierten Zellen. In Japan übernachten junge Männer bereits in Särgen, weil sie sich keine Wohnung leisten können.

Hinzu kommt das Gefühl: es gibt viel zu viele Menschen. Bis ans Ende der Welt muss man flüchten, um den wimmelnden Massen zu entkommen. Wann wäre der Planet überbevölkert? Wenn er Milliarden Mäuler mit naturverträglichen Methoden nicht mehr ernähren könnte.

Es konnte nicht ausbleiben, dass Kinder zu Schuldigen gestempelt werden, die den Erwachsenen die Haare vom Kopf fressen und ihnen die Luft wegschnappen. Haben sich die Kinder etwa im Orbit entschieden, freiwillig geboren zu werden?

„Verena Brunschweiger beruft sich in ihrem Buch "Kinderfrei statt kinderlos – ein Manifest" auf eine Studie zum CO2-Ausstoß. Demnach könne man jährlich 58,6 Tonnen CO2 einsparen, "wenn wir nur ein Kind weniger in die Welt setzen. Wenn wir jemanden zur Welt bringen, dann fügen wir ihm immer Leid zu. Insofern ist es das Beste für mein Kind, wenn ich es nicht bekomme."“ (SPIEGEL.de)

Am Los der Erwachsenen sind immer ihre Kinder schuld. Gelingt es diesen nicht, ihre Erzeuger durch Genie und Heiligkeit zu erlösen, müssen sie zu ihren Totengräbern werden. Nicht nur, dass sie die Welt verpesten, inzwischen wollen sie klüger sein als ihre Erzeuger.

Klingt es nicht humaner, wenn man Kinder zu ihrem eigenen Besten gar nicht erst auf die Welt kommen lässt? Leben ist Leid. Jeder Zustand ist besser als geboren zu werden.

Seit wann gibt es Überbevölkerung? Seit den mythischen Zeiten der Urvölker, als diese begannen, sich auszubreiten, Kolonien zu bilden und andere Völker zu domestizieren. Mit dem Gespenst knapper werdender Ausbreitungsmöglichleiten in der Horizontalen begann der Zwang zur Entwicklung in die Vertikale.

Die Grundlagen der europäischen Kultur als Höherentwicklung ins Grenzenlose wurden gelegt. Den Pyramiden als Grabstätten der obersten Herrscher, die ihnen Unsterblichkeit bringen sollten, entsprachen die Hierarchien der Macht, die Mumford „Sozialpyramiden“ nennt. Von Oben, der Spitze der Sozialpyramide, wurde die Gesellschaft beobachtet und beherrscht.

„Die Sozialpyramide, die im Pyramidenzeitalter in Ägypten und in Mesopotamien entstanden war, blieb weiterhin das Modell für jede zivilisierte Gesellschaft, lange nachdem der Bau jener geometrischen Grabmäler aus der Mode gekommen war. An der Spitze stand eine von Stolz und Macht geblähte Minderheit, angeführt vom König und seinen Ministern, Adeligen, Kriegsherren und Priestern. Die Aufgabe dieser Minderheiten bestand in der Kontrolle der Megamaschine.“ (Lewis Mumford, Mythos der Maschine)

Oben waren die Führungsklassen, die in Muße ihre Bedürfnisse befriedigten, unten die breite Basis der Arbeiter, die von erzwungener Arbeitslast erdrückt wurden.

Das gilt noch heute, obgleich moderne Eliten es glänzend verstehen, ihre Machtausübung als harte Arbeit zu präsentieren. Babylonische Türme wurden zu Wolkenkratzern in Mega-Städten, die alle Menschen magisch anziehen, weil außerhalb ihrer Asphaltdünste nur noch eine seelenlose Agrarwirtschaft die letzten Reserven der Natur aussaugt.

Je mächtiger die Riesenstädte werden, je mehr sie Menschen aus ihrer Umgebung an sich ziehen, umso abhängiger werden sie von der Ernährungsleistung einer menschenleeren Landwirtschaft und von Produkten weit entfernter Konkurrenz-Megalopole. Die Verkehrsdichte wird immer naturbedrohlicher, gigantische Mengen an Lebensmitteln rauben der Natur die letzten Reserven.

Kein Wunder, dass sich die Menschen immer lästiger fallen, wenn sie sich in Zentren zunehmend auf die Pelle rücken. Nicht nur, dass moderne Gesellschaften an Ungerechtigkeit kaum zu übertreffen sind: sie unternehmen auch alles, um ihre Probleme der Naturzerstörung zu verschärfen und das Gefühl zu verbreiten, das Ganze in rasendem Tempo in die Endkatastrophe zu führen. Wie im antiken Fluch wird ein Problem benutzt, um andere magnetisch an sich zu ziehen. Wenn schon Krise, dann gründlich.

Hätte die Menschheit schon ausreichend zu tun, um ihre Gesellschaften gerechter zu machen und die Naturzerstörung zu beenden, unternimmt sie alles, um auch noch die Kriegsgefahren zu verschärfen. Da liegt der Verdacht nicht fern, dass eine Katastrophe die andere „lösen“ soll.

Wäre ein Nuklearkrieg nicht das ideale Mittel, um die Zahl der Menschen radikal zu reduzieren – und die Natur zu entlasten? Schreckliche Gedanken, doch sie müssen laut formuliert werden, damit die Menschheit sich mit ihnen beschäftigen kann.

Schon jetzt beginnen Projektionen, welche Menschheitsgruppen am ehesten zu entbehren wären, um anderen, die sich für wichtiger halten, eine Überlebenschance zu bieten.

Kinder? Sind die Unschuldigsten, können sich am wenigsten wehren. Also weg mit ihnen.

Frauen? Wozu Frauen, wenn es Sexroboter gibt, die den Männern beim Befriedigen ihrer Triebe keinen Ärger mehr bereiten? Also weg mit ihnen.

Bleibt? Der Mann, die Krone der Schöpfung, Ebenbild seines Schöpfers, der auch ein Mann ist und beim Zeugen seines Sohnes – welch Schwäche des Allmächtigen – auf eine Frau angewiesen war. Diese Schwäche auszumerzen, dafür hat mann Technik und Wissenschaft erfunden, um sich endgültig vom „Fleisch“ zu lösen.

„Denn die fleischlich Gesinnten trachten nach dem, was des Fleisches ist, die geistlich Gesinnten aber nach dem, was des Geistes ist.“

Geist ist Mann, Fleisch das Weib. Was der Mann durch Geist ersinnt, soll minderwertiges Fleisch überflüssig machen.

„Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch.“

Selbst Zeugen ist ein notwendiger, aber minderwertiger Akt: und sie werden sein ein Fleisch. Zwar wurde das Wort zu Fleisch, doch als solches wurde es gemartert und getötet, um als geistiger Leib wieder aufzuerstehen. Wer wird am Ende den Sieg davontragen?

„Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, die an seinen Namen glauben; welche nicht von dem Geblüt noch von dem Willen des Fleisches noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.“

Wenn der Mann in den Stand seiner vollkommenen Gottebenbildlichkeit eintreten wird, wird alles Fleisch abgetan werden.

Fleisch ist weibliche Natur, die vernichtet werden muss, damit eine neue geistige Übernatur erschaffen werden kann. Diese Ziele sind die verborgenen Ziele der männlichen Technik und Naturwissenschaft.

Touristen suchen nach den letzten unberührten Inseln der Natur. Nach Jungbrunnen, die niemals erschöpft werden können, um das durstige Erdreich zu wässern. Wie ist es in Wirklichkeit? Der Mensch unterlässt nichts, um das Wasser der Erde zu vergiften:

„Fast ein Drittel der Weltbevölkerung hat nach einer neuen UN-Studie zu Hause kein zuverlässig sauberes Trinkwasser. Das sind 2,1 Milliarden Menschen. Bei Abwasser ist die Situation noch schlimmer: Nur ein Viertel der Menschen weltweit, 1,9 Milliarden, hat Toiletten mit Anschluss an die Kanalisation und Abwasseraufbereitung.“ (WELT.de)

Ohne Taufe fährt alles Fleisch in die Hölle. Taufwasser ist kein ordinäres Wasser der Natur, sondern von Oben geweiht. Aus Luthers Kleinem Katechismus: „Taufe ist nicht allein schlecht Wasser, sondern sie ist das Wasser in Gottes Gebot gefasst und mit Gottes Wort verbunden.“ Die Vorräte an „schlecht“ Wasser müssen heute verschwinden, damit Gottes digitale Wassermassen die Herrschaft übernehmen können.

Die Vernichtung der Natur ist das Ziel der Erlöserreligionen. Ohne Überwindung dieser religiösen Feindschaft gegen die Erde wird die Menschheit nicht zu retten sein. Doch der fromme Westen ist mit Religion bis an die Zähne gewappnet. Nur biblizistische Amerikaner sind ehrlich und fordern eine apokalyptische Politik, mit der sie den Endsieg über alle gottlose Brut zu gewinnen gedenken.

In Deutschland gibt es keine einzige Partei, die es wagte, religionskritische Forderungen zu stellen. Selbst die Linken seufzen nach Erleuchtung von Oben und jammern, dass ihnen die Gnade des Glaubens verwehrt bleibt. Noch frömmer als die CDU ist die SPD, die – unglaublich, aber wahr – keine Atheistengruppe in ihren Reihen duldet. Die katholische Kirche duldet keine Nichtkatholiken unter ihren 100 000en von Abhängigen; die Arbeiterpartei, einst Gegnerin der Kirchen, hat sich inzwischen zur Kirche gemausert:

"Die Atheisten in der SPD. Die dürfen nämlich, anders als Christen, Muslime oder jüdische Genossen, keinen eigenen, offiziellen Arbeitskreis in der Partei bilden. Die "Säkularen Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen" mit mehreren hundert Mitgliedern würden ihr bisher informelles Netzwerk gerne innerhalb der SPD institutionalisieren, aber, so berichtet es die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", Generalsekretär Lars Klingbeil will ihnen sogar verbieten, öffentlich als Sozialdemokraten aufzutreten. Dabei heißt es doch in der Internationalen:
Es rettet uns kein höh'res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun,
Uns aus dem Elend zu erlösen,
können wir nur selber tun!

Warum man den weltlich gesinnten Genossen die parteiinterne Anerkennung verweigert, um die sie sich im Übrigen schon seit Jahren bemühen, darauf hatte eine Parteisprecherin gegenüber der Zeitung keine wirkliche Antwort." (SPIEGEL.de)

Die Jugendlichen sollen die Schule nicht schwänzen, um an elementar wichtigen Demos teilzunehmen, für einen Kirchentag aber werden sie sofort vom Schulbesuch freigestellt. (Ruhr24.de)

Amerikaner glauben an die Apokalypse, denn sie glauben dem Buchstaben ihrer Schrift. Ergo glauben sie nicht an die Forderung, die ökologische Apokalypse politisch zu verhindern. Denn das wäre Empörung gegen den Willen Gottes.

Deutsche glauben nicht an die Apokalypse, weil sie sich zwar für christlich, nicht aber für buchstabengläubig halten. Hier spaltet sich die Nation Luthers. Die einen verneinen jede apokalyptische Gefahr, sei es als göttliche Prophetie oder als Naturkatastrophe. Die anderen bekämpfen die letztere, weil sie wissenschaftlich nicht mehr zu leugnen sei.

Bislang schienen die Konservativen ökologisch aufgeschlossen. War doch selbst ihre Kanzlerin einst eine engagierte Naturschützerin. Der Schein trog. Alles, was die fromme Frau tut, ist Aufspringen auf Zeitvorgänge, die von Mehrheiten gebilligt werden. Beginnt der Wind zu drehen, ist von der Kanzlerin nichts mehr zu sehen.

Mit AKK als Nachfolgerin im Amt der Parteivorsitzenden hat sich der Wind gedreht. Der antiökologische Biblizismus Trumps – in Europa einst wütend attackiert – beginnt Europa zu fluten. Trump verbündet sich mit Bolsonaro im Geiste des Herrn:

„Brasilien und die USA stünden gemeinsam für den "Respekt für einen traditionellen, familiären Lebensstil, für den Respekt für Gott, unseren Schöpfer" – und "gegen die Gender-Ideologie oder gegen politisch korrekte Einstellungen und gegen Fake News", sagt Bolsonaro. Gleichzeitig kämpft er wie Trump gegen das Pariser Klimaschutzabkommen und schimpft auf die Vereinten Nationen.“ (SPIEGEL.de)

Respekt für den christlichen Gott heißt: Kampf gegen universelle Menschenrechte, gegen UN und alle Bemühungen, das Klima zu retten. Universelle Menschenrechte sind auf dem heidnischen Boden der Griechen gewachsen. Die Regression ins Nationalistische ist dem Geist partikularen Erwähltseins geschuldet.

AKK und der neu gewählte Vorsitzende der Jungen Union beginnen, alle notwendigen und von den Grünen geforderten Verbote zum Schutz der Umwelt unflätig als moralische Diktatur zu diffamieren. Ihr Freiheitsbegriff lautet: alles ist erlaubt. Das ist so paulinisch wie nietzscheanisch, obgleich Nietzsche ein scharfer Gegner des Christentums sein wollte:

»Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt«: so sprach ich mir zu. Zu oft, wahrlich, folgte ich der Wahrheit dicht auf dem Fusse: da trat sie mir vor den Kopf. Manchmal meinte ich zu lügen, und siehe! da erst traf ich – die Wahrheit. »Leben, wie ich Lust habe, oder gar nicht leben«: so will ich's, so will's auch der Heiligste. Aber, wehe! wie habe ich noch – Lust?“ (Also sprach Zarathustra)

Wahrheit ist, was Menschen schädigt. Vermutlich gibt es keine Wahrheit. Wahrhaftiger als Wahrheit ist die Lüge. Jedes Verbot schränkt die unendliche Freiheit des Übermenschen ein, der seiner willkürlichen Lust folgen will. Doch dazu ist er unfähig, weil ihm die Lust abhanden kam. Freiheit ist Freiheit – zu Nichts. Das Neue kann nur kommen, wenn das Alte zu-nichte geworden ist.

Die Anti-Apokalyptiker in der neuen CDU – und in der WELT – merken gar nicht, dass sie im Fahrwasser Nietzsches, dessen Freiheit nicht das geringste moralische Verbot duldet, hinterrücks zu nihilistischen Apokalyptikern werden. Ihre grenzenlose amoralische Freiheit ist Freiheit zum Nichts.

Paulus klingt wie Nietzsche:

„Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles ist heilsam. Alles ist mir erlaubt, aber ich darf mich von nichts beherrschen lassen. Ihr esset nun oder trinket oder was ihr tut, so tut es alles zu Gottes Ehre. Gebet kein Ärgernis weder den Juden noch den Griechen noch der Gemeinde Gottes; gleichwie ich auch jedermann in allerlei mich gefällig mache und suche nicht, was mir, sondern was vielen frommt, daß sie selig werden.“

Das ist die lutherische Freiheit eines Christenmenschen. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Präziser könnte man Merkels Politik nicht charakterisieren. Sie ist Herrin aller Dinge, wenn sie sich der civitas terrena vollständig unterwirft. Sie tut, als wolle sie etwas, doch morgen hat sie ihr Vorhaben vergessen.

Bei AKK und WELT kommt christliche Überlegenheit über weltliche Gesetze auf. Gesetze sind moralische Regeln, da fühlt sich kein Christ angesprochen, der sola gratia über alle irdischen Werke erhaben ist. Alles, was in Glauben geschieht – und sei es noch so verrucht – ist keine Sünde. Also können sie Auto fahren und beliebig in alle Welt fliegen, sie können essen und trinken, was sie wollen. Da müssen sie sich von keinen Veggiedays und sonstigem Nonsens verunsichern lassen. Die Welt retten? Die Welt liegt in Gottes Hand.

Tu, was du willst, aber glaube – das ist die Generalabsolution der Christen, die sich über alle irdischen Notwendigkeiten erhebt. Antinomische Moralfreiheit, Inbegriff der Trump‘schen Politik, wird immer mehr zur Doktrin der Rechten in der EU. Europa, einstiges Bollwerk demokratischer Versöhnung, geht vor Trump in die Knie:

„China-Lobbyisten fordern Ende deutscher Werte-Politik. Die „einseitige Werte- und Westorientierung“ Deutschlands habe schon in der Vergangenheit „zu keinem sinnvollen Ergebnis geführt“. Jüngstes Beispiel seien die Sanktionen gegen Russland aufgrund der Annexion der Krim. Dies sei eine „lächerliche Position“. Diese Unterstützung mit dem Hinweis zu verwehren, in diesen Ländern gäbe es nicht den gewünschten Standard an Demokratie bzw. an Menschenrechten ist komplett kontraproduktiv.“ (BILD.de)

Wenn alles erlaubt ist, gibt es keine verbindlichen Regeln in der internationalen Politik. Christliche Freiheit fühlt sich allen moralischen Normen der Welt überlegen. Da sie die Welt nicht zu retten hat, ja, sie prophylaktisch zerstören muss, um die biblische Vorhersage zu bewahrheiten, kann sie auf Schutzmaßnahmen zur Rettung der Welt verzichten.

Der natürliche Mensch will stark sein und die Natur retten, um in ihrem Schoß ein sattes Leben zu führen.

Der übernatürliche pfeift auf autonome Stärke. Er ist stark, wenn er schwach ist und alle Dinge der Welt seinem Herrn überlässt. Sein privates Heil ist ihm wichtiger als eine gottwidrige Rettung der Menschheit:

„Und er hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf daß die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich gutes Muts in Schwachheiten, in Mißhandlungen, in Nöten, in Verfolgungen, in Ängsten, um Christi willen; denn, wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“

Wer kommt gegen diese Raffinesse an? Starke werden zuschanden durch Schwache, Schwache gewinnen jeden Kampf gegen Starke durch listige Demonstration der Unterlegenen.

Bultmann deutet diese Stelle: „Diese radikale Offenheit für die Zukunft ist die Freiheit des Christen.“ („Das Urchristentum“)

Das ist in Kürze das Dogma der Moderne. Wer radikal offen ist, hält jede moralische Rettung für bornierte Nötigung. Nur wer nichts ausschließt, nicht mal die Apokalypse, ist offen für die Zukunft.

Göttliche Offenheit ist das Verderben der Menschheit.

 

Fortsetzung folgt.