Sofort, Hier und Jetzt LXXXI

Tagesmail - Montag, den 25. Februar 2019

Sofort, Hier und Jetzt LXXXI,

Entwarnung. Es gibt keinen Antisemitismus mehr, es kann keinen mehr geben:

„Ein Neurowissenschaftler hat mir einmal gesagt, eine Geschichte der Gefühle zu schreiben, sei so unmöglich, wie eine Geschichte der Gallenblase zu schreiben, Gefühle hätten keine historische Dimension.“ (SPIEGEL.de)

Antisemitismus ist ein menschenhassender Gefühlskomplex. Wenn es keine Gefühle mit historischen Dimensionen gibt, kann es auch keinen Antisemitismus geben. Die Neuro-Wissenschaft – die Spitze aller Wissenschaften – hat die Vergangenheit eines Menschheitsproblems elegant und gefühllos bewältigt. So denkt der süddeutsche Historiker Biess – nicht. Und plötzlich denkt er doch so. Deutsche sind sehr tapfer, vor Widersprüchen kennen sie keine Furcht. Die Frage des SPIEGEL:

„Versuchen Sie, die Deutschen auf die Couch zu legen? Glauben Sie an eine Art kollektives Unbewusstes, das sich in Ängsten äußert?“ beantwortet er:

„Nein. Ich bin sehr skeptisch, wenn es um so eine Psychogeschichte geht. Für mich wird ein Gefühl in dem Augenblick real, in dem es artikuliert wird. Wir leben in einem Chaos von Sinneseindrücken, und ein Satz wie "Ich habe Angst" ist ein Versuch, dieses Durcheinander zu ordnen und als ein spezifisches Gefühl zu definieren.“

Wo eigentlich sind die Tiefenpsychologen verschollen? Ihre Skinner‘schen Gegner von einst haben sie vollständig aus dem Feld geschlagen. Nicht Ich-Es-Überich beherrscht den Menschen, sondern eine unerkennbare black box, die als Schwarzes Loch das Universum, ja, sogar die deutsche Finanzpolitik erobert hat. Gottlob, der Kosmos leidet nicht an Verdrängung und muss nicht auf des Schöpfers Couch, um aus einem ...

 ... dunklen Es ein transparentes Ich zu machen. Wieder einmal ist die Vergangenheit per Ukas des Zaren geköpft worden. (Neuro-Wissenschaftler bitte nicht mit Neuro-tikern verwechseln.)

Gefühle werden erst real, wenn sie artikuliert werden? Damit scheint das Reich dunkler Emotionen bezwungen. Entweder sie präsentieren sich mit klarer Artikulation oder sie haben sich gefälligst aus dem Staub zu machen. Dumpfe Gefühle – ein medialer Lieblingsausdruck – kann es also nicht geben.

Neuro-Könige scheinen die schwarze Pädagogik zu bevorzugen: bevor ihr nicht sprechen könnt, seid ihr nicht existent. So reden sie mit Gefühlen, die aus der dumpfen Fremde in die lichten germanischen Netzwerke einwandern wollten. Erst müssen jene ihren Kotau vor der hiesigen Licht- und Hochkultur gemacht haben, bevor rationale Wissenschaftler sich um sie kümmern.

Pardon, das war der unzulässige Versuch, Vergangenheitsverleugner mittels ihrer Vergangenheit zu verstehen. Verstehen oder verstanden werden: eine größere Demütigung der Hochkomplexen kann es nicht geben.

„Gefühle strukturieren die Wahrnehmung, ihre Erfahrung und Artikulation sind nicht universal, sondern variieren historisch und kulturell.“

Wer als Kind unter Lieblosigkeit leiden musste oder, im Gegenteil, in Geborgenheit sein Ich entfalten konnte: das sollen keine universalen Vorgänge sein? Es müssen wohl wilde Völker sein, die an solch simplen Seelenstrukturen zu erkennen sind. Die „Identität“ westlicher Kulturen ist mit solchen Primitivismen nicht zu erfassen.

Wir sehen, die Hoheit der westlichen Staaten gründet in ihren vergangenheitsbereinigten Ich-Strukturen. Die Reduktion der kognitiven Dissonanz beginnt bereits bei den Urgefühlen, die nichts anderes sind als schreckliche Vereinfacher. Die unverhüllte Realität hingegen ist hochkomplex und unentwirrbar, mit simplifikatorischem Komplexitätsreduzieren nicht zu begreifen.

Wirklichkeit ist nicht erfassbar, sagen die Modernen. Gleichwohl behaupten sie: was wir erkennen, ist nicht identisch mit der Wirklichkeit. Mit welchem Recht können sie über die unerkennbare Wirklichkeit reden, wenn sie ihnen verschlossen bleibt? Halte ich Gott für unerkennbar, kann ich keine Aussage über ihn machen. Offenbart er sich, kann ich nicht überprüfen, ob seine Offenbarung der unerkennbaren Wirklichkeit entspricht.

Womit wir zugleich im Zentrum gegenwärtiger Ökoverwüstungen gelandet wären. Dass die Natur zerstört wird, erkennt jedes Kind, das seine Umgebung mit wachen Augen sieht. Dennoch leugnen grenzenlose Fortschrittler, dass es eine Klimaverschlechterung gibt. Mit welchem Argument? Dass wir die Natur, wie sie ist, nicht erkennen könnten. Wir erkennen nur, was wir selbst konstruieren. Subjektive Konstrukte würden wir mit objektiver Realität verwechseln, die wir vernebeln würden mit Ausdünstungen unseres Erkennens.

Das Fiasko beginnt in der Erkenntnistheorie, die sich seit Beginn der Neuzeit getrennt hat von der objektiven Erkenntnistheorie der Griechen. Um uns weißzuwaschen von der Schuld der Naturverwüstung, behaupten wir dreist: wovon ist die Rede? Wir sehen und erkennen keine Realität. Können wir Aussagen machen über das Unerkennbare? Wie können wir vernichten, worüber wir nicht reden können?

Wovon man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen. Der Positivismus wollte das metaphysische Geschwätz zum Schweigen bringen, indem er die Naturwissenschaft zur einzigen, objektiven Wahrheitsmethode erklärte. Gerade dieser Positivismus hat die Wahrnehmung der Natur begraben.

Womit wir beim Thema Antisemitismus wären, dem schwierigsten Problem der Deutschen – aber auch der Juden, die nie dem Status der Opfer entkommen werden, solange die Täter ihre judenfeindlichen Gefühle und Taten verleugnen.

Über Antisemitismus wird gesprochen, ohne ihn begriffen und definiert zu haben. Das gilt inzwischen für alle Begriffe. Wie kann man bekämpfen, was man nicht erkannt hat? Wie kann man Maßnahmen gegen ihn ergreifen, wenn man nicht weiß, wie man ihn packen soll? Wenn jeder etwas anderes darunter versteht?

„Nach antisemitischen Vorfällen in Frankreich hat Präsident Emmanuel Macron ein härteres Vorgehen gegen Judenhass versprochen. Macron kündigte unter anderem die Auflösung rassistischer und antisemitischer Gruppierungen an. Frankreich brauche "neue rote Linien", sagte Macron.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Eins ist sicher: mit bloßer Härte und Entschlossenheit werden sich die Probleme nicht lösen lassen. Wie kann man Krankheiten ohne Diagnose, politische Krisen ohne Analysen therapieren? Notwendige Gespräche finden nicht statt. So schrecklich es klingt: trotz polizeilicher Maßnahmen wird sich der Antisemitismus in nächster Zeit nicht reduzieren lassen.

Auch die sanftmütige Merkel redet nur in Polizeideutsch. Zum Verständnis der Lage trägt sie, wie immer, nichts bei. Wenn man ein ganzes Jahr lang den hasserfüllten Gründer des deutschen Antisemitismus gefeiert hat, wird man Schwierigkeiten haben, mit Zorn und Eifer, dennoch mit kühlem Kopf, den christlichen Wurzeln des Antisemitismus nachzugehen.

Doch welch ein Glück: da biegt auch schon, wie durch ein Wunder, die Neurowissenschaft um die Ecke und verleugnet die Vergangenheit aller judenfeindlichen Affekte. Nein, mit den Weherufen des Herrn über Pharisäer und Heuchler kann das Ganze nichts zu tun haben. Wie sich alles täglich neu erfindet, so auch das Verhängnisvolle.

Auch die Kritik am Vatikan lässt keine historische Tiefenschärfe erkennen. Kirche wird nicht an den Maßstäben gemessen, die man in ihren heiligen Schriften lesen kann. Da man die Schriften nicht kennt, erwartet man vom Klerus Unmögliches. Nicht nur der Papst ist unfehlbar ex cathedra – in seiner amtlichen Funktion. Alle Kirchen sind unfehlbar sola scriptura: indem Gott ihnen vergibt, wenn sie gesündigt haben, vergeben sie sich selbst. Denn Gott ist ihr omnipotentes Alter Ego. Schuldig werden ist für sie kein Problem, sie vergeben sich ihre Sünden im Glauben. Der Glaube macht sie so unfehlbar wie der himmlische Vater die Schlüssel Petri:

„Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“

Wer Schlüsselmacht besitzt, muss sich vor läppischen Sünden nicht fürchten. Sie können schuldig werden wie sie wollen: wenn Gott ihnen verzeiht, sind sie rein und neugeboren wie bei der Taufe.

Weltlich betrachtet, hätten die Sünden der Kirche nicht solche Ausmaße annehmen können, wenn die BRD sich nicht mitschuldig gemacht hätte an den Verbrechen der Kirche durch Gewährung einer rechtlichen Sonderstellung. Der Klerus darf Selbstjustiz üben.

Muslimen wirft man die Scharia vor. Den Kirchen gewährt man – obwohl ihre pädophilen Dauersünden uralt sind – eine christliche Scharia.

Warum verachten die Deutschen eine schlichte und einfache Moral? Weil sie auf Doppel-Moral geeicht sind. Doppelmoral garantiert die Negierung aller Moral. Kein Deutscher, der sich nicht gegen die Sondermoral der Kirchen eingesetzt hat, darf sich von pädophiler Schuld frei fühlen.

In der Odenwald-Schule geschah Ähnliches. Intern war alles bekannt, die Aufsichtsbehörden schauten weg. Führende Protestanten zeigten lutherische Schlampereien und schwebten über dem Gesetz der Spießer.

Deutschland ist ein Land schreiender Doppelmoral – besonders erkennbar im Fall des Antisemitismus. Äußerlich übertreffen sie sich im Geschrei gegen die Sünde, in Wirklichkeit begnügen sie sich mit muskulären Kontraktionen.

Gehen wir‘s durch.

Antisemitismus ist ein Verstoß gegen Menschenrechte. Menschenrechte sind die universelle Moral der Humanität. Beschädigte Moral kann nur durch intakte Moral behoben werden.

Was geschieht in Deutschland? Jene Medien, die am lautesten gegen Antisemitismus plärren, sind die eifrigsten Prediger einer zynischen Amoral. Wie in BILD und WELT. Gewöhnlich wird lüsterne Amoral gepredigt. Wenn es aber um Antisemitismus geht, werden alle Bösen an den moralischen Pranger gestellt.

Unter Moral verstehen wir privates und politisches Verhalten, die nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Neuestes WELT-Beispiel:

„Eine Freiheit, die auf Kosten des Rests der Menschheit ausgelebt wird, wird zum bloßen Egoismus. Wenn also der Appell zum Verzicht nicht fruchtet, müssen kollektive Gebote und Verbote nachhelfen. Sie schränken die Freiheit des Einzelnen ein, um das Leben aller zu schützen. Diese Logik der Restriktion erscheint zwingend. Sie ist dennoch die falsche Antwort auf Klimawandel und Artensterben. Ökologisch springt sie zu kurz, gesellschaftlich mündet sie in eine scharfe Polarisierung, politisch führt sie auf die schiefe Ebene eines Autoritarismus im Namen der Weltrettung.“ (WELT.de)

Privates und politisches Verhalten sollen sich forsch widersprechen dürfen. Das ist immer noch Augustins Zweireichelehre: dem teuflischen Reich ist alles gestattet, was dem himmlischen verboten ist. Der grüne Fücks und die schwarze Kanzlerin betreiben dieselbe Doppelmoral-Politik.

Kirchen dürfen unfehlbar sein. Wenn aber eine schwedische Schülerin die Öko-Heuchelei der Erwachsenen anprangert, fällt sie bei Ansgar Graw in Ungnade:

„Greta Thunberg geht mir allerdings auch auf den Senkel. Aber das Mädchen attackiert auf der Weltbühne sehr hart erwachsene und gewählte Politiker und ist wegen seiner kindlichen Erscheinung selbst praktisch unangreifbar.“ (WELT.de)

Kinder dürfen Erwachsene nicht hart angreifen, müssen erdulden, dass ihre Zukunft von jenen zertrümmert wird – und dürfen sich durch eine „kindliche Erscheinung“ nicht unangreifbar machen.

Ulf Poschardt warnt vor allem die Muslime:

„Die muslimischen Gemeinden müssen den Antisemitismus bei sich an der Wurzel bekämpfen. Es muss ihnen klar sein, dass ihre Akzeptanz von der Akzeptanz der unteilbaren Menschenrechte abhängt. Das Judentum in Europa ist ein Herzstück unserer Identität. Ein Europa ohne jüdische Bürger ist kein Europa mehr. Es ist eine Farce, ein Skandal, unser Ende als Europa.“

Menschenrechte? Poschardt begnügt sich mit Alarmgeschrei. Doch es genügt nicht, Feuer zu rufen. Man muss auch wissen, wie der Brand zu löschen ist. Verletzung der Menschenrechte könnte nur durch vorbildliches Einhalten der Menschenrechte behoben werden. Das aber wäre Moral, bei welchem Begriff den Bewunderer des Abgrunds das Erbrechen überkommt. Dann versteckt er sich hinter Alan Posener, ohne sich ein eigenes Urteil über einen preisgekrönten, israelischen Film zu bilden, in dem das heilige Land schlecht davon kommt: „Und die Berlinale vergibt einen Bären an einen Film, in dem Zionisten, so Alan Posener, „als rassistische Idioten hingestellt“ werden.“ (WELT.de)

Zionisten gibt es nicht. Es gibt nur friedliche oder militante Zionisten. Palästinenserfreundliche Israelis wie Zuckermann, Zimmermann, Uri Avnery kommen in deutschen Gazetten kaum zu Wort. Eine Zweierdebatte Posener gegen Zuckermann in den Öffentlich-Rechtlichen? Undenkbar. Jedes Vergehen der zu Unmenschen degradierten Palästinenser wird von BILD dämonisiert. Wenn Netanjahu aber den brasilianischen Faschisten Bolsonaro als guten Freund bezeichnet, liest man kein Wort.

Posener ist dauerempört über die internationalen Unterstützer der Palästinenser, die nichts als verkommene Terroristen seien. Avnery bekannte, auch ein Terrorist gewesen zu sein, als er gegen die britischen Besatzer kämpfte. Wird Widerstandskampf als legitim bezeichnet, ist man ein Freiheitskämpfer, sonst ein Terrorist. Waren die Makkabäer, die sich gegen die Seleukiden erhoben, Terroristen oder Freiheitskämpfer?

Die rote Linie verläuft dort, wo das Existenzrecht Israels in Gefahr ist. Solches muss geächtet – und dennoch verstanden, aber nicht gebilligt werden. Verstehen heißt nicht verzeihen. Wer verstanden hat, wie ein Konflikt entstand, kann an der Wurzel ansetzen, um ihn langfristig zu beheben.

In BILD und WELT wurde Verstehen, Freuds Wunderwaffe, zum Teufelszeug. Ohne Verstehen gibt’s keine Friedensperspektive. Israels Besatzungspolitik ist überdimensionierte Rache für Untaten der Unterdrückten, die sie selbst provoziert hat. Man muss Hamas-Methoden nicht für richtig halten, um die Psycho-Logik ihres Entstehens dennoch nachzuvollziehen.

Alain Finkielkraut wurde von Gelbwesten in wüster Form angegriffen. Das muss man nicht gut heißen – aber dennoch zu verstehen versuchen. Im deutsch-jüdischen Verhältnis wird nichts verstanden. Es wird nur drauf gedonnert. Auge um Auge wäre eine pazifistische Formel, wenn man sie den Parteien als Schlichtungsmethode empfehlen würde. Es kann keinen Zweifel geben, dass Netanjahu den wahren Frieden ablehnt. Im Sog der Ultras will er das Land bis an seine biblischen Grenzen erweitern.

Der sogenannte Antisemitismus der Muslime ist vor allem Empörung gegen den Neokolonialismus Israels. Es ist nicht wahr, dass man in Deutschland die Politik Israels ungeschoren kritisieren kann. Wer das gönnerhaft sagt, von dem hört man nie eine adäquate Kritik an der Jerusalemer Regierung. Inzwischen hat sich die Atmosphäre des Verdachts so weit ausgedehnt, dass die kleinste Kritik an Israel als Antisemitismus verflucht wird. Es sind die Anmaßenden, die die unfehlbare Kompetenz der Antisemitismus-Richter an sich gerissen haben. Wer bestimmt in Deutschland, wer ein Antisemit ist? Die direkten und indirekten Unterstützer und Verteidiger der israelischen Menschenrechtsverletzungen.

Was Finkielkraut aber zum Antisemitismus zu sagen hat, ist schlechterdings ein Skandalon.

„Ich bin sicher, der Antisemitismus ist nur eine Randerscheinung. Mich beunruhigt der Hass auf jede Form von Hoheit, von Eminenz im Namen der ewigen Gleichheit. Das ist extrem gefährlich. Die Politiker sind die ersten Opfer. Als ob sie zu nichts gut wären, als ob wir nicht kompetente, kluge, weise Menschen bräuchten, um die Probleme des Zusammenlebens zu lösen. Ich finde diesen Antielitismus sehr gefährlich. Es ist die neue Krankheit unserer Demokratie. Die Juden müssen sich immer gegen die Vorstellung verteidigen, ein auserwähltes Volk zu sein. Europa ist auch dazu da, die Europäer zu schützen. Wenn Europa nur noch eine Anhäufung von Regeln und Prozeduren ist, dann wird es ein leeres Gebilde, genau das, was Jürgen Habermas vorschwebt. Mit Herrn Habermas werden wir nicht Europa retten. Aber „Wir schaffen das!“ war einfach Unsinn. Sie sehen es ja selbst: Ihr schafft es nicht. Dieser Mix aus extremem Moralismus und wirtschaftlichen Interessen war abstoßend. Die Deutschen wollten sich damit freikaufen und endlich ein moralisch tadelloses Volk werden. Aber das passiert auf Kosten der Juden, die die ersten Opfer sind, wenn immer mehr Einwanderer hineingelassen werden. Europa ist nicht dazu berufen, eine multikulturelle Gesellschaft zu werden.“ (WELT.de)

Hier wird der Antisemitismus, als sekundärer, tertiärer etc., zu einem allumfassenden Phänomen aufgebauscht, dem niemand entkommt, der die kapitalistische Menschenverachtung und Zerstörungspolitik nicht blindlings unterschreibt.

Eliten wollen als Unfehlbare angebetet, das Volk soll mundtot gemacht werden. Was schon bei Kaden ausgedeutet wurde, wird bei Finkielkraut zur Forderung nach einer volksfreien Elitenherrschaft radikalisiert. Die Oligarchen und Geld-Autokraten dieser Welt werden Beifall klatschen. Trump, der Mauerbauer, an erster Stelle.

Europa soll sich von allen Menschenrechten verabschieden. Die verheerenden Folgen der westlichen Übermächtigungspolitik in aller Welt sollen negiert werden. Flüchtlinge sind Parasiten. Europa den Europäern. Die Grenzen zu und alle Fragen mit Gewalt beantwortet. Die Gemeinschaft der Völker, anstatt zum Weltdorf zusammenzuwachsen, soll eine globale Räuberhorde werden, in der jeder des anderen Berserker und Würger ist.

Wenn die Deutschen ein moralisch tadelloses Volk werden wollten, soll ihnen das zum Verhängnis gereichen? Einerseits sollen sie beweisen, dass sie ihre Menschheitsverbrechen bearbeitet haben, andererseits aber ihre einstige Amoralität bewahren? Das nennt man paradoxe Intervention.

Man könnte auch von Doppelmoral oder ätzender Heuchelei reden. Wie sollte die Wahrung der Menschenrechte den Juden schaden, die just unter der Missachtung der Menschenrechte schrecklich zu leiden hatten?

„Europa ist nicht dazu berufen“: muss eine demokratische Völkerunion von höherer Stelle berufen werden? Und wer maßt sich an, die höhere Instanz zu sein? Wenn Deutschland Flüchtlinge aufnimmt, soll das ausgerechnet Juden schaden? Das erzähle man sozial Schwachen und Benachteiligten, zu denen Juden gewöhnlich nicht gehören.

Finkielkraut plädiert für Hoheit und Eminenz und gegen die ewige Gleichheit. Man traut seinen eigenen Augen nicht. Das ist ein Generalangriff gegen die Demokratie an sich. Gleichheit – ein Wahnbegriff des Pöbels?

Dass Finkielkraut die Deutschen hasst, ist ihm, nach all dem, was er und seine Angehörigen erleiden und erdulden mussten, nicht zu verdenken. Dass der Hass seine heutigen Politvorstellungen verwüstet, hat mit Vernunft nichts mehr zu tun. Werdet vorbildliche Demokraten, ihr Deutschen, doch wehe, ihr werdet es. Das ist Häme auf offener Szenerie.

Die Juden müssen sich immer dagegen wehren, ein auserwähltes Volk zu sein? Kann es sein, dass eben dies in ihren heiligen Büchern steht? Haben sich die Juden von diesem Buch losgesagt?

Die Juden gibt es ohnehin nicht. Durch ihre ganze Geschichte hindurch gab es bei ihnen Gläubige und Ungläubige. Nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft gelang es den Priestern, die Juden als heiliges Volk in Gewahrsam zu nehmen. Dennoch gab es immer wieder renitente Juden, die nicht wollten, wie die Pharisäer und Schriftgelehrten wollten.

Spinoza – ein stoischer Pantheist. Die jüdischen Aufklärer – eine bewundernswerte Gruppe von Denkern, die nicht mehr der Thora, sondern der Vernunft folgen wollten. Von diesen „Abweichlern“ ist heute so wenig die Rede wie von israelischen Kritikern der Besatzungspolitik. In Deutschland werden jüdische Nonkonformisten tot geschwiegen.

Die Juden werden von Finkielkraut derart mit Hoheit, Eminenz und Erfolg identifiziert, dass jeder Angriff gegen Kapitalismus, Moderne, Fortschritt und Naturverwüstung als unterschwelliger Antisemitismus gedeutet wird. Nicht, dass solche Motivverschlingungen unmöglich wären. Mit unerbittlicher Aggression aber das Urteil Antisemitismus fällen, ist furchterregend.

Gab es nicht herausragende Juden unter den Kritikern des Kapitalismus? Von Marx, Lassalle, Bernstein nicht zu reden? Kurt Eisner, pazifistischer Revolutionär und erster bayrischer Ministerpräsident nach dem Ersten Weltkrieg, müsste nach Finkielkrauts Kriterien ein extremer Antisemit gewesen sein.

„Kurt Eisner saß im Jahr 1918 wegen der Organisation des großen Arbeiterstreiks gegen den Krieg neun Monate ohne Prozess in Untersuchungshaft, er wurde im Oktober entlassen; am 7. November begann die Revolution – und Eisner rief die Republik aus. Seine Revolution war eine friedliche Revolution, ohne jedes Blutvergießen; sie war friedlich bis zu dem Tag, an dem Eisner von einem Nazi erschossen wurde.“ (Sueddeutsche.de)

Völlig unerwähnt bleibt bei Finkielkraut die religiöse Urquelle des Antisemitismus. Christen sollen geschont, die Muslime attackiert werden. Dass islamische Staaten in vielen Jahrhunderten Zufluchtsstätten der Juden auf ihrer Flucht vor endemisch judenhassenden Christen waren, bleibt unerwähnt.

Da nicht sein kann, was nicht sein darf, muss der heutige Antisemitismus ein ganz neues Gebilde sein. Auch das Böse hat sich gefälligst neu zu erfinden, damit es nicht dem Bann der Old School verfällt:

„Aber diese Beleidigungen müssen uns warnen. Man darf nicht alles mit den 30er-Jahren vergleichen. Alle zitieren jetzt Bertolt Brecht, der sagte: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“ Es gibt ein widerwärtiges Wesen, aber es ist nicht derselbe Schoß. Natürlich ist es neu. Auch wenn wir es mit recyceltem Antisemitismus zu tun haben.“

Recyceltes ist nicht neu, sondern Reaktivierung des Alten. An diesen uralten, religiösen Antisemitismus verschwendet Finkielkraut kein einziges Wort.

Finkielkrauts subjektive Empörung gegen die antisemitischen Umtriebe seiner Landsleute ist berechtigt. Seine demokratiefeindlichen Erklärungen sind es nicht.

Sein Hass gegen die Deutschen ist biografisch nachvollziehbar, seine Entrüstung über die deutsche Flüchtlingspolitik irrational und chauvinistisch. Deutschland ist alles andere als vorbildlich. Eine einmalige Tat aus dem hohlen Bauch einer Samariterin, die längst vergessen hat, was sie zu dieser Tat bewog, ist keine verlässliche Politik.

Europa als Kraftquelle einer weltumspannenden Menschlichkeit ist bei Finkielkraut verloren gegangen.

 

Fortsetzung folgt.