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Tagesmail - Montag, den 11. Februar 2019

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„Staatskunst ist die schwerste aller Disziplinen. Es wird Zeit für Realpolitik.“ (WELT.de)

„Europa braucht eine neue Friedensbewegung“. (Sueddeutsche.de)

Realpolitik ist eine Salonformel für den militaristischen Willen zu Krieg und Kriegsgeschrei. Michael Stürmer, Historiker, lässt keine Altersmüdigkeit erkennen, in der WELT das friedensverwöhnte Deutschland auf die Stürme der Zukunft vorzubereiten.

Die Journalistin Ferdos Forudastan, SZ, fordert hingegen eine neue Friedensbewegung:

„Vor allem aber kommt es darauf an, dass die Bürger, denen eine wache und wahrnehmbare Friedensbewegung am Herzen liegt, sich als ihren Teil begreifen und in ihr engagieren. Für die Friedensbewegung der späten 1950er- und frühen 1960er-Jahre war die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg noch sehr gegenwärtig. Viele der mehr als 300 000 Demonstranten im Bonner Hofgarten Anfang der 80er-Jahre waren mit den Geschichten ihrer Eltern oder Großeltern vom Krieg aufgewachsen und in den Jahren der Konfrontation zwischen West und Ost großgeworden. Ihr Protest gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen war auch getragen vom Gefühl der unmittelbaren Bedrohung. Die meisten jungen Menschen in Deutschland haben dieses Gefühl nicht, bisher jedenfalls nicht. Mag sein, dass sich das ändert, wenn in sechs Monaten der INF-Vertrag endgültig Geschichte ist. Allein davon hängt es allerdings nicht ab, ob es bald wieder eine große, starke Bewegung geben könnte, die sich dagegen auflehnt, dass weitere Atomwaffen den Frieden in Europa ...

 ... bedrohen.“

Was ist Realpolitik – und was wäre ihr Gegenteil?

„Als bedeutendster Verfechter einer Realpolitik, die sich nicht an religiösen oder ethischen Erwägungen orientiert, gilt Niccolò Machiavelli.“ (Wiki)

Das „oder“ ist falsch: religiöse Erwägungen sind keine ethischen, sondern – realpolitische. Wer sich an Gottes Befehlen orientiert, unterwirft sich seiner Macht als Realissimum. Frieden gibt es nur für Gläubige: „Keinen Frieden, spricht mein Gott, gibt es für die Gottlosen.“

Die Gründung des zweiten deutschen Reiches durch Bismarck war eine realpolitische Tat. Bismarck führte mehrere Kriege, um die Zerrissenheit der Deutschen zu beenden. Ist Realpolitik mit demokratischen Entscheidungen vereinbar?

„In der Literatur wird unter anderem auf die aus demokratietheoretischer Perspektive problematische Bindung der Realpolitik an demokratische Mitentscheidung hingewiesen. Zwar zielt Realpolitik auf öffentliche Zustimmung. Minderheitenschutz, die Ausgewogenheit realpolitischer Entscheidungen oder eine langfristig orientierte Politik leiten sich jedoch nicht zwangsläufig aus der schnell wechselnden öffentlichen Zustimmung ab.“ (Wiki)

Wer auf Waffen und Gewalt setzt, kann sich vom wankelmütigen Pöbel nicht abhängig machen, um seine Heere in Marsch zu setzen. Insofern ist Realpolitik eine weitere Schwächung der Demokratie. Heerführer können nicht das Volk befragen, wie man die Feinde abschrecken, bedrohen oder angreifen kann. Schon gar nicht in weltumspannenden Zusammenhängen.

Wenn Realpolitik auf Macht und Gewalt setzt, muss Friedenpolitik irreal sein. Irreal bedeutet „wirklichkeitsfremd, traumhaft, illusionär, utopisch.“

Der Mann Stürmer müsste die Frau Forudastan für eine gefährliche Traumtänzerin halten. Um eines surrealen Traumes willen gefährdet sie den Bestand des Realen. Nicht anders müsste Forudastan den WELT-Historiker für eine Bedrohung des momentanen Friedens halten, denn seine Forderungen nach gewaltgestützter Machtpolitik unterminieren alle friedenspolitischen Verständigungen, die seit Kriegsende im UN-Weltparlament zu wirksamen Entscheidungen führten.

Was sind, nach Stürmer, die Ursachen für die „Narrenpossen“ der überhandnehmenden Irrealpolitik der Deutschen?

„Ende der Geschichte? Das war eine Narrensposse aus den Thinktanks der RAND-Corporation in Kalifornien und ähnlich aus dem State Department. Sie hatte den Zeitgeist für sich ebenso wie die Bequemlichkeit und die Konvenienz der westlichen Industriegesellschaften. Aber mit der Wirklichkeit hatte solche Traumdeutung wenig zu tun. Die Lust auf die Friedensdividende jedenfalls, cash down in die westlichen Sozialkassen, erwies sich als unwiderstehlich. Wozu den Apparat der Abschreckung zu hohen Kosten bewahren und in Gang halten, wenn es doch weit und breit nichts und niemanden abzuschrecken gab?“

Also Zeitgeist, Friedensdividende in cash zugunsten der Überflüssigen, Bequemlichkeit und Konvenienz (Verträglichkeit). Die gesamte UN-Politik wäre demnach nichts als bequeme Verständigungspolitik gewesen. Gleichwohl – war sie irreal?

Länger als ein halbes Jahrhundert garantierte sie den Weltfrieden. Selbst der Kalte Krieg, die Bedrohung der ganzen Menschheit durch atomare Vernichtung, wurde nicht zur grausamen Realität. Nicht zuletzt durch einsame Entscheidungen sowjetischer Offiziere.

„Heute vor 54 Jahren, am 27. Oktober 1962, verhindert ein sowjetischer Marineoffizier vermutlich den Dritten Weltkrieg. Wassilij Archipow befindet sich an Bord des U-Boots „B-59“, das auf Kuba zusteuert. Archipow steigt in den folgenden Jahrzehnten bis zum Admiral auf. Er stirbt 1998 an Krebs – ohne je für seine größte Heldentat geehrt worden zu sein.“ (GEO-EPOCHE Facebook)

„Atomraketen im Anflug: Im September 1983 erlebte Stanislaw Petrow den Alptraum. Die sowjetische Frühwarnzentrale meldete den Start amerikanischer Raketen. Die Apokalypse? Oder nur ein Fehlalarm? Dem Oberst blieben Minuten, um die wohl wichtigste Entscheidung des 20. Jahrhunderts zu treffen. Petrow bekam damals für seine Heldentat keine Orden, sondern einen Tadel – weil er vergaß, seine Beobachtungen im Dienstbuch festzuhalten, während die Alarmsirenen schrillten. "Der Mann, der die Welt rettete" nannten ihn die Zeitungen aus Übersee, und "Stan the Man". "Glauben Sie mir", sagt Petrow, "ich bin kein Held. Ich habe nur meine Arbeit getan." So sieht er es. Alle anderen wissen: Er hat die Menschheit vor einem nuklearen Inferno bewahrt.“ (SPIEGEL.de)

An einem Punkt scheinen die unverträglichen Standpunkte von Stürmer und Forudastan übereinstimmend zu sein. Die heutige Menschheit, vor allem die junge Generation, habe die schreckenerregenden Vernichtungen des Zweiten Weltkrieges vergessen. Ihre Folgerungen aus diesem Tatbestand aber sind verschieden. Stürmer fordert die vergesslichen Bequemen auf, sich gegen ähnliche Schrecken durch potentielle Gewaltmaßnahmen zu schützen. Forudastan fordert die Vergesslichen auf, die wachsenden Kriegsgefahren mit verstärkten Friedensmaßnahmen zu unterlaufen und zu verhindern.

Die Gefahrenszenarien der beiden schlimmsten Krisen im Kalten Krieg waren furchterregend real. Wäre Stürmer der Vorgesetzte der beiden Welthelden gewesen, hätte er Archipow und Petrow häuten und pfählen müssen. Zufall, dass es zwei Russen waren, die die Menschheit mit einsamen Entscheidungen vor der Apokalypse bewahrten?

In westlichen Medien werden die Russen als gewalttätig und kriegslüstern hingestellt. Erstaunlicherweise halten die Deutschen die Amerikaner für gefährlicher als die Russen. Das kann doch nur an sentimentalen Don-Kosaken-Schwärmereien liegen, oder?

Bei Krieg und Frieden geht es um Sein oder Nichtsein. Und dennoch gibt es hierzulande keinen öffentlichen Streit, welchem Kurs die Deutschen folgen sollen. Ist das schon gespenstisch, wird es noch gespenstischer, wenn man hinzunimmt, dass auch die zweite drohende Menschheitsapokalypse, die Klimaveränderung, nur von der jungen Generation aufgegriffen wird. Seltsam, dass sie dazu fähig ist, obgleich sie in ihrem jungen Leben noch keine entsprechende Krise erfahren musste. Die Grünschnäbel werden doch nicht vernünftiger sein als ihre superrealen Erzeuger?

Beide Menschheitskatastrophen werden in Deutschland unter den Teppich gekehrt. Wer sich an dieses Tabu nicht hält, wie die junge Greta Thunberg aus Schweden, wird als kranke Marionette vorgeführt. Wer jung, weiblich ist und sonstigen Klischeeerwartungen nicht entspricht, wird von deutschen Supermännern zur Minna gemacht.

Kommt es mal zu einer Andeutung von Debatte, werden selten Ross und Reiter der konträren Positionen genannt. Es geht zu wie in einem Seminar über hehre Ideen. Keine Angst, deutsche Talkshows werden Forudastan und Stürmer auf keinen Fall vor die Kameras holen, um den Disput coram publico austragen zu lassen.

Die ARD hat sich ohnehin zu einem Circenses-Sender mit tagelangen Sportübertragungen entwickelt. Da bleiben für Politik nur Alibiminuten in der Pinkelpause der Athleten. Versteht sich, dass sie für den Klamauk immer mehr Geld vom Steuerzahler fordern, sind doch die Sportler für ein Taschengeld nicht mehr zu haben. Karlsruher Richter, die die Öffentlich-Rechtlichen als öffentliche Bildungseinrichtungen eingestuft haben, scheinen Sportfanatiker – oder realitätsblind zu sein.

Stürmer erinnert an das „Ende der Geschichte“, Buchtitel des amerikanischen Politwissenschaftlers Fukuyama, dem besonders von Deutschen vorgeworfen wird, ein utopisches Buch geschrieben zu haben. Gleichzeitig rühmen sie in höherem Bildungston Kants Entwurf zum ewigen Frieden. Fukuyamas Schuld liegt wohl darin, dass er nicht Kant heißt. Da kennen sie nichts, die Verehrer der deutschen Dichter und Denker. Ideen können noch so verwerflich sein wie ein schwachbrüstiger Frieden; wenn sie von Deutschen kommen, müssen sie unangreifbar sein.

Sagen wir es in Klardeutsch: einem Politologen wird vorgeworfen, dass er – dank dem Fall der Mauer, des Zusammenbruchs der Sowjetunion, des unwahrscheinlichen Friedensprozesses zwischen Ost und West – das Ende der bisherigen Kriege und die Perspektive einer friedlichen Weltgemeinschaft erkannt haben wollte. Gorbatschow hatte den Europäern eine Handelsunion zwischen Lissabon und Wladiwostok, der Welt die Abrüstung aller Atomwaffen, und allen Völkern eine globale Ökologie angeboten. Irreal?

In einem SPIEGEL-Interview kritisierte Fukuyama die Fehldeutungen seines Buchtitels:

„Leute glaubten, dass ich Geschichte im Sinne von tagtäglichen Ereignissen meinte. Oder dass jedes Land plötzlich demokratisch würde. Ich habe ausdrücklich gesagt, dass ich das nicht meinte. Nationalismus und Religion würden natürlich nicht verschwinden.“ (SPIEGEL.de)

Wie erklären die Welt-Analytiker die Veränderungen der globalen Atmosphäre? Gar nicht. Sie werden zu Vorgängen, die irgendwie, niemand weiß warum, über die wehrlose Menschheit gekommen sind. Da kann man Sätze lesen wie:

„Weltweit zertrümmern populistische Extremisten die alte politische Ordnung und gefallen sich in Provokationen. Die politische und die wirtschaftliche Großwetterlage ist sehr bedrohlich. Populisten betreiben überall in Europa die Demontage der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft. Ein Jahr später brach die Kubakrise aus, und beinahe wären solche Sprengköpfe gezündet worden. Nach der Kubakrise rückte die Welt noch einmal gefährlich nah an den Rand eines Nuklearkrieges, diese Episode ist beinahe in Vergessenheit geraten.“

Verantwortliche Subjekte, Akteure des Weltgeschehens scheint es keine zu geben. Es war die Kubakrise, die die Kubakrise zur Folge hatte. Es war die Welt, die die Welt an den Abgrund brachte. Die Sonne bringt es an den Tag, die Geschichte gebärt sich selbst. Menschen gibt es keine, die die Geschichte zu verantworten haben. Und wenn doch jemand genannt wird, sind es anonyme Sündenböcke, die alle Schuld der Menschheit auf ihren Schultern tragen müssen, damit ja kein treuer Leser der Gazette sich schuldig fühlen muss. Er könnte ja auf die Idee kommen, die Zeitung aus Überdruss abzubestellen.

Wer den Begriff Populist erfand, sollte den Nobelpreis für die Entlastung der Menschheit erhalten. Fügt man noch Messias hinzu, erkennt man vielleicht, dass ein populistischer Messias es zum Heiland der Christen gebracht hat – indem er die Schuld aller Sünder stellvertretend auf seine zarten Schultern lud.

Die Abschaffung des geschichts-bestimmenden Menschen ist nicht nur eine Katastrophe für die Demokratie, sondern für die gesamte Menschheit. Gibt es niemanden, der die Desaster verursachte, kann es auch niemanden geben, der sie verhindern kann. Oh, wie schön ist es in Panama.

Der Zeitgeist, der Weltgeist, die Geschichte: alles dreht und ändert sich und fragt nicht nach den Menschen. Bevor Fortschrittsenthusiasten jene Roboter erfinden, die alles für sie erledigen werden, von der Fließbandarbeit über das Liebesleben der Monaden bis zum Abschlachten der Gegner und zum Plexit (dem Exit vom Planeten), hat die vollautomatische Geschichte den deus ex machina schon bewundernswert erprobt und vorgeführt. KI, die überlegene Intelligenz der Geschichte. Der Gott aus der Maschine wird Realität.

Wie konnte es geschehen, dass aus den realen Friedensperspektiven der Gorbatschow-Jahre die jetzigen Verdüsterungen der globalen Politik entstehen konnten? Auch hier gibt Fukuyama einen Hinweis:

„Sie wissen ja, dass ich als Konservativer begonnen habe. Als Neocon, wenn Sie so wollen, zusammen mit Leuten wie Bill Kristol oder Norman Podhoretz während der Neunzigerjahre. Wegen des Irakkriegs 2003 habe ich mich mit denen überworfen. Aber es ging auch um mehr. Zum Beispiel die Finanzkrise, die ebenfalls das Produkt bestimmter konservativer Ideen war. Ich habe irgendwann begriffen, dass die beiden größten politischen Desaster unsere Zeit auf konservative Ideologie zurückzuverfolgen sind. Erstmal waren die Neocons zu eingenommen von militärischer Stärke. Wir argumentierten, die Ausübung militärischer Macht durch Amerika hätte in der Vergangenheit viel Gutes hervorgebracht – im Zweiten Weltkrieg oder im Kalten Krieg. Das zweite war, dass sie wirklich wenig Ahnung von der Kultur nahöstlicher Gesellschaften hatten. Sie glaubten, sie könnten westliche Ideen dorthin verpflanzen wie in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Es gab viele Illusionen.“

Wer waren die Neokonservativen? Nehmen wir etwa Paul Wolfowitz:

„So soll sich etwa Paul Wolfowitz, der sich als Doktorand noch entschieden gegen eine atomare Aufrüstung Israels ausgesprochen hatte, in den 1970er Jahren zu jenem „Falken“ entwickelt haben, als der er heute gilt. Auch der später als Vordenker der Neocons angesehene Yale-Professor Donald Kagan wandte sich damals von seinen ursprünglich eher linksliberalen Überzeugungen ab. Zwar befürworteten die Neocons in vielen Feldern nach wie vor eine sozialstaatliche Politik im Inneren, nach außen traten sie jedoch als strikter Gegner jeder Entspannungspolitik gegenüber der Sowjetunion und als Verfechter der US-amerikanischen Vorherrschaft auf. Die Neocons hingegen treten nach eigenem Bekunden als Verfechter von Menschenrecht, Demokratie und Freiheit auf. Die Rechtfertigung von Interventionen und Maßnahmen zum Beispiel, etwa gegenüber sogenannten „Schurkenstaaten“ (Rogue States), fußt meist auf Menschenrechtsargumenten und dem bekundeten Willen, Demokratie und Freiheit weltweit zu verteidigen und zu verbreiten (Nation-Building; Demokratisierung, z. B. des Nahen Ostens).“ (Wiki)

Aus Linken wurden Rechte? Das mussten sie nicht werden, das waren sie bereits. Linke, die auf Marx, und Rechte, die auf Religion schwören, sind au fond einer Meinung. Sie wollen die Welt mit ihren Ideen zwangsbeglücken. Das ist platonischer Faschismus oder religiöser Totalitarismus. Dabei ist es unerheblich, ob es um demokratische Ideen geht. Was man anderen mit Gewalt serviert, ist immer totalitär.

In seiner „Geschichte der totalitären Demokratie“ hat der israelische Historiker Jacob Talmon den gemeinsamen Ursumpf beider Theokratien detailliert beschrieben. Theo-kratien deshalb, weil auch Marxens Anbetung der Geschichte ein verborgener Glaube an die Heilsgeschichte ist.

Das also war die Ursache der internationalen Wetterwende. Den satten Westen, gelangweilt in seiner Vorherrschaft über die Welt, gelüstete es nach Remmidemmi. Frieden ist so entsetzlich langweilig.

„Durch Frieden wird die sittliche Gesundheit der Völker zerstört. Im Frieden dehnt sich das bürgerliche Leben mehr aus, es ist auf die Länge ein Versumpfen der Menschen. Die Notwendigkeit des Kriegs für die sittliche Gesundheit der Völker ist vergleichbar der Bewegung der Winde, die die Seen vor der Fäulnis bewahrt, in welche sie eine dauernde Stille, wie die Völker ein dauernden oder gar ein ewiger Frieden, versetzen würde.“ (Hegel)

Es sind die wiedergeborenen Hegelianer, die Kants ewigen Frieden in den Orkus verbannten. In Hegels objektiver Geschichte war der Mensch eine Marionette. Der Aufklärung des autonomen Menschen folgte die Gegenaufklärung des regredierten Geschichtsknechts. Es muss ein erhabenes Gefühl sein, auf der Seite jener Geschichte mitzulaufen, die alles Feindliche über den Haufen wirft.

Das kann man auch an Merkels Demutsdiktatur ablesen. Wenn AKK ihre Flüchtlingspolitik unter die Lupe nehmen will: wer fehlt, weil die Konferenz eine „verplemperte Zeit“ sei? Die mächtigste Frau der Welt, die es nicht nötig hat, dass man ihre Machenschaften überprüft.

„Es gilt aber als unschicklich, die Kanzlerin offen zu kritisieren“ schreibt der SPIEGEL. Das ist keine Demokratie, das ist Absolutismus mit christlicher Charaktermaske.

Die Anbetung der alleinherrschenden Geschichte ist Verwerfung der autonomen Moral. In Deutschland gilt das Gegenteil:

„Die politische Anrufung der Moral hat eine ähnliche Wirkung der Entpolitisierung: Wenn man sich auf Moral beruft und den politischen Positionen der anderen die Moral abspricht, führt auch dies zur Alternativlosigkeit, zur Verdrängung von Pluralismus und Diskurs. Ob es sich um eine konservative oder eine progressive Moral handelt – wenn sie in der Politik dominant wird, lässt die moralische Diskurspolizei keinen legitimen Raum für jene anderen Perspektiven, die nun nur morallos oder inhuman erscheinen können. Das Motto der Alternativlosigkeit an das wir uns gewöhnt haben, in Deutschland und anderswo, ist Gift für die liberale Demokratie. Es verengt den Raum des Politischen so, dass am Ende nur noch Problemverwaltung übrig bleibt. Vor allem zwei Muster fallen ins Auge, mit deren Hilfe die Politik in den vergangenen Jahrzehnten regelmäßig Alternativlosigkeit suggeriert hat: die Sachzwänge und die Moral.“ (ZEIT.de)

Merkel wird gescholten, weil sie ihre Politik allzu oft als alternativlos preist. Auf der alltäglichen Ebene ist der Vorwurf gerechtfertigt. Gleichwohl gibt’s hier eine zweite Ebene. Da jede Demokratie ein Wettbewerb um die besten Problemlösungen – oder um die Wahrheit – ist, muss jeder Hypothese die Chance gegeben werden, ihre Qualität im Clinch zu beweisen. Merkels Debattenscheu ist nicht befugt, konkurrierende Ideen auszuschließen.

Auf der logischen oder erkenntnistheoretischen Ebene aber gibt es Alternativlosigkeiten. Nämlich dann, wenn es um ein absolutes Falsch oder Richtig geht. Wenn klar ist, dass die Alternative zu Wahr ein Falsch ist, kann es keine Alternative geben – es sei, man plant seine Selbstauslöschung. Wenn wahr ist, dass der Menschheit ein allmähliches Ende durch Klimaveränderungen droht, kann es keine Alternative zur Beendigung dieser Naturverwüstung geben.

Gerade hier übergeht die Kanzlerin den alternativlosen Stopp aller Emissionen, als ob es um Lappalien ginge. Da geht es plötzlich um Alternativen, die deutsche Wirtschaft nicht zu schädigen und keine Arbeitsplätze abzubauen. Geht es aber um Futurismus und Wirtschaftswachstum, kennt Merkel keine Probleme, abgebaute Arbeitsplätze durch neue zu ersetzen.

Was für alternativlose Wahrheit gilt, gilt auch für wahre politische Moral. Moral ist die praktische Seite der Wahrheit. Wenn die Menschheit sich retten will, gibt es zur Rettung keine Alternative.

Allerdings muss darüber gestritten werden, welche Rettungsmethoden die besten – oder möglicherweise die alternativlosen sind. Der philosophische Obersatz aber bleibt bestehen. Mit welchen praktischen Methoden auch immer: zur Wahrheit der Rettung gibt es keine Alternative.

Demokratie ist eine streitbare Agora. Jeder hat die Pflicht, die Meinungen der anderen einer scharfen Kontrolle zu unterziehen. Von Diskurspolizei zu reden, ist Mumpitz. Polizei arbeitet mit legaler Gewalt, Debatten aber werden durch Argumente und Abstimmungen entschieden.

Die Moderne hat keine Probleme, technisch und wirtschaftlich alle Konkurrenten   niederzumachen. Doch im Bereich des Denkens gibt sie sich hypersensibel und wittert im Wettstreit der Geister eine impertinente Überheblichkeit:

„Der Poststrukturalist Roland Barthes wendet sich im Rahmen seiner Kritik am Logozentrismus auch gegen die sokratische Mäeutik; er sieht in der Vorgehensweise des Sokrates das Bestreben, «den anderen zur äußersten Schande zu treiben: sich zu widersprechen.»“ Jaques Derrida spricht von einem «Imperialismus des Logos». „Nach Barthes versucht das logozentrische Denken das Prinzip «jenes alte Gespenst abzuschütteln: den logischen Widerspruch».“

Hier wird klar, worum es in der Feindschaft gegen das bessere Argument geht. Es geht um die Erhaltung jener Dialektik, die das logische Denken als Ausschalten des Widerspruchs verflucht. Niemand soll allein recht haben, objektive Wahrheiten gibt es nicht. Jeder darf plappern, wie ihm zumute ist. Das ist Stammtisch-Ideologie, die die Gleichheit der Menschen verwechselt mit uniformem Gedankenbrei.

Dialektik war bei Hegel die Methode des Weltgeistes, sich über alle Streitigkeiten der Menschlein hinwegzusetzen mit der Allmacht Gottes, der zwar eine Zeitlang mit dem Sparringspartner Satan in den Clinch geht, am Ende aber seinen teuflischen Widerspruch mit K.O. zu Boden streckt. Gott allein bestimmt die Wahrheit. Eine objektive Wahrheit außer Ihm kann es nicht geben.

Wer hingegen dem menschlichen Erkenntnisvermögen oder dem Denken seines Kopfes folgen will, muss ständig zwischen Irrtum und Wahrheit unterscheiden. Wahrheit und Irrtum können psychologisch in einem Akt vorkommen, nicht aber zur logischen Einheit verschmelzen. Logik beurteilt Psychologie.

Die Postmoderne hasst die Strenge des ausschließenden Irrtums. Ja, Irrtum kann es für sie gar nicht geben. Denn wer die Wahrheit leugnet, wie kann der an Irrtum glauben?

Streng genommen verbirgt sich hinter dem Glauben an endlos beliebige Alternativen der Hochmut, unfehlbar zu sein. Wer alles für richtig halten darf und zwischen wahr und unwahr nicht unterscheiden muss, der ist unwiderlegbar.

In der Postmoderne hat der Papismus die Philosophie der Demokratie unterhöhlt. Es ist der apokryphe Katholizismus der französischen Aristokratie, der den Urgeist der Französischen Revolution nachträglich zuschanden macht.

Diesem elitären Katholizismus der Franzosen entspricht der Glaube der deutschen Romantiker, den sie im barocken Süden Deutschlands, im aufklärungsresistenten Katholizismus, gefunden haben. Die kühlen, linkischen, lutherischen Norddeutschen fanden im lebensfrohen Bayern das Vorbild ihrer Vision von der Herrschaft Roms über das Mittelalter.

Demokratie und Nichtdemokratie sind nicht identisch. Freiheit ist nicht Unfreiheit. Ungerechtigkeit nicht Gerechtigkeit. Wahrheit ist weder Irrtum noch Trug. Frieden ist keine machiavellistische Realpolitik.

Real aber soll sie sein im Sinne ihrer Verwirklichung. Das Humane soll siegen über das Inhumane. Nicht im Sinne der Vernichtung, sondern der Überzeugung und des Willens der Mehrheit. Wer im Kampf der Geister unterliegt, ist kein Böser, sondern ein Irrender, der jederzeit die Möglichkeit haben muss, seinen Irrtum neu zu durchdenken und seine Denkfehler zu korrigieren.

Denkfehler sind keine isolierten Vorgänge des Kopfes, sondern beruhen auf Erfahrungen des Menschen, die seinen Glauben an die Vernunft beschädigten.

Wer das Glück hatte, ein erfülltes Leben zu führen, der hält keinen Menschen für die Verkörperung des Bösen. Er sieht nur Beschädigungen der Vernunft durch emotionale Kränkungen des Menschen.

Michael Stürmer leidet an sekundärer Entzugserscheinung. Als Geschädigter des Weltkriegs hat er die Segnungen der Freiheit und des Wohlstands anfänglich genossen. Im Laufe der Zeit aber wurden die Wohltaten des Friedens unerträglich für seine unbewältigten Schreckenserlebnisse, die er umdeutete zur Fähigkeit, in Gefahren über sich hinauszuwachsen. Das nachträgliche Verklärungselement der Heldenhaftigkeit ist im Einerlei des Konsumismus zu kurz gekommen.

Lieber heroenhaft in Not und Tod untergehen, als ein schlichtes glückliches Leben verbringen: das ist deutsche Sehnsucht nach militanter Realpolitik, die dem Frieden die rote Karte zeigen muss.

 

Fortsetzung folgt.