Sofort, Hier und Jetzt LXXIII

Tagesmail - Mittwoch, den 06. Februar 2019

Sofort, Hier und Jetzt LXXIII,

eine Rede zur Lage der Nation gibt es in Deutschland nicht. Stattdessen salbungsvolle Worte zum Sonntag – an hohen christlichen Feiertagen.

Wo legt die Kanzlerin Rechenschaft ab vor dem Volk? Nirgendwo.

Dank technischer Übertragungsmöglichkeiten wäre sie nicht gezwungen, sich auf die Hörweite des Parlaments zu beschränken. Das Repräsentativ-System der Demokratie – einst Völkern geschuldet, bei denen das Face-to-Face-Prinzip einer übersichtlichen Volksversammlung nicht mehr möglich war – wäre in modernen Zeiten für Reden an das ganze Volk nicht mehr notwendig. Zwar sind Volksversammlungen mit persönlicher Anwesenheit aller Citoyens und dem Recht zur Rede und Gegenrede weiterhin nicht möglich. Doch die AmtsinhaberInnen könnten sich – wie der amerikanische Präsident – an das gesamte Volk wenden, um ihre Politik coram publico zu rechtfertigen.

Repräsentativ-Systeme, die einen Puffer bilden sollen, um den geballten, irrationalen Volkswillen vor dem Allerheiligsten der Macht fernzuhalten (in Deutschland gestützt auf das überlegene Gewissen der Gewählten, die Erwählte sein wollen), sind demokratiefeindliche Elemente mächtiger Eliten, die das urdemokratische Prinzip der Gleichheit untergraben. (Erster Grundmakel der modernen Demokratie)

Der Amtseid der Kanzlerin lautet:

„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“

Und wenn ihr Gott ihnen nicht hilft? Ist eine Demokratie von den Weisungen eines ...

 ... Gottes abhängig? Das wäre keine Demo-, sondern eine Theokratie. (Grundmakel II)

Der Schwur enthält nicht die Pflicht, die Prinzipien der Demokratie zu schützen und im Sinne des Mitspracherechts des Volkes kontinuierlich auszubauen. (Makel III)

Gerechtigkeit gegen jedermann – zu ergänzen: gegen jedefrau und jedeskind – ist eine Farce christlicher Nächstenliebe, die sich auf zufällig vorhandene Einzelpersonen bezieht. Nicht aber auf den gerechten Gesamtzusammenhang einer Gesellschaft. Nur eine gerechte Gesamtheit kann die Gerechtigkeit jedes Einzelnen garantieren. Gerechtigkeit ist ein solidarisches Netzwerk, kein isoliertes privates Verhalten. (Makel IV)

Das Grundgesetz? Auch die Weimarer Verfassung hatte ein Grundgesetz – nur leider ohne rechtliche Verpflichtung. Die Grundrechte des Menschen waren nicht einklagbar, sie hingen dekorativ in der Luft.

In der jetzigen Verfassung soll sich das verändert haben. Vielleicht auf dem Papier. Würdelose Zustände gibt es in dieser Gesellschaft zuhauf: viele, die sich abgehängt und ausgeschlossen fühlen – und sich nicht nur fühlen, sondern auch sind. Besitzen alleinerziehende Mütter, Arbeitnehmerinnen, schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen, ausländische Hilfesuchende, hilfsbedürftige alte Menschen, die nicht mehr als Menschen betrachtet werden, junge Generationen, denen man durch Vernichtung der Natur die Zukunft stiehlt – eine Würde, die sie einklagen können? (Makel V)

Das Wohl des Volkes, sein Nutzen, sein Schaden? Alles demokratie-ferne, ja, demokratie-unverträgliche Begriffe, die auf Kapitalismus zielen, nicht aber auf die Gleichwertigkeit aller. Kein Mitglied eines indigenen Stammes, das sich in seinem naturnahen, armen Stammesleben als Gleichberechtigter wohlfühlt, würde den Verlockungen einer Luxusgesellschaft verfallen. Demokratie ist nicht identisch mit Wohlstand, Nutzen oder dem Fernhalten von Schäden, die allein mit Geld zu beheben wären. (Makel VI)

Pflichten erfüllen? Ein hohler Imperativ. Die höchsten Pflichten einer Kanzlerin wären nicht nur die Sicherung der eigenen Demokratie, sondern der leidenschaftliche Einsatz für Frieden unter den Völkern, für Wahrung der Menschenrechte und für Rettung der Menschheit vor suizidalen Machenschaften globaler Eliten. (Makel VII)

Was war der schrecklichste Satz einer Regierung Merkel, der sich an Gesetzen nationalen Renommees und internationaler Rivalität orientierte, nicht aber am Glück der Menschen, das sich auf ökonomische Zahlen nicht reduzieren lässt?

Wir brauchen eine wirtschaftsadäquate Demokratie.“

„Wenn ich das höre, geht mir der Hut hoch. Wir brauchen genau das Umgekehrte: eine demokratieadäquate Wirtschaft.“ (Harald Lesch, furchtloser Naturwissenschaftler)

Kapitalismus war der Zwillingsbruder der Demokratie, der die neue internationale Freiheit der antiken Völker nutzte, um die Regeln einer begrenzten und überschaubaren Polis über den Haufen zu werfen. Wirtschaft ist seitdem zur Todfeindin der Demokratie geworden. Internationale Wirtschaftsriesen haben keine Bedenken, Demokratien aus den Angeln zu heben.

Der Freihandel der Moderne, einst zum Wohle aller Nationen entstanden, wiederholt den Siegeszug des antiken Kapitalismus über einen von allen Seiten angegriffenen Stadtstaat der Freien und Gleichen.

Zügellose Ökonomie, die sich brüstet, die Freiheit erfunden zu haben, ist mit Demokratie unverträglich. Woran erkennt man die wirklichen Armen? Daran, dass sie die Ohnmächtigsten aller sind. Die Kluft zwischen Reichen und Armen ist eine Kluft zwischen denen, die das Gemeinwesen aus dem Hinterhalt dirigieren und denen, die zum wehrlosen Opfer dieser Plutokraten wurden.

Eine Handvoll Superreicher verfügt über mehr Geld als die Hälfte der Erdbevölkerung. Sollten Aliens eines Tages die Erde besuchen, werden sie aus dem Staunen nicht herauskommen und sich gegenseitig fragen: dieses seltsame Wesen wollte ein homo sapiens, ein weiser kluger Mensch sein? Solch ein Wahn ist uns im ganzen Universum noch nicht begegnet.

Hat die Kanzlerin sich je zu diesen gravierendsten Weltproblemen geäußert? Zur Klimakatastrophe? Zum Aufstand der jungen Generation? Zur wachsenden Friedlosigkeit der Völker? Zu allen klaffenden Wunden der Menschheit schweigt Merkel stille.

Eine realitätsverleugnende Mutistin ist zur Heiligen der Deutschen geworden. Und wenn sie redet, redet sie über Wirtschaft und Wettbewerb. Es gibt unter den Gewaltigen der Erde nur ein Thema: wie können wir andere Völker im Wettbewerb an den Rand des Ruins bringen?

Danach wird die Schalmei der Nächstenliebe geblasen: Gottlob, wieder ein Konkurrent, den wir in die Knie gezwungen haben. Immer wenn die Kanzlerin über Agape flötet, hat sie einen Wettbewerber gedemütigt. Geht die Entwicklung weiter wie bisher, werden bald 12 Superreiche den Besitz des Planeten in ihren Händen halten. Der Rest der Menschheit darf bewundern und anbeten.

Lächerlicher kann ein Wesen, das klug sein will, nicht sein. Täglich muss man sich am Riemen reißen: das soll unsere fortgeschrittene Moderne sein, in der der Profit einer ganzen Gattung in die Hände weniger weißer Männer gelangt?

Athen wurde zur Urdemokratie der Geschichte, weil es seinen Bewohnern gelang, die ersten Anzeichen des Kapitalismus unter Kontrolle zu kriegen. Den internationalen Wucherungen der Profitgier zu begegnen jedoch, war der kleinen Stadt nicht möglich.

Wirtschaft ist nicht die Folge eines automatischen Uhrwerks in Natur und Geschichte. Wirtschaft wurde von Menschen gemacht und muss von Menschen gezähmt werden.

Nicht die Bühne, die Demokratie ist eine moralische Anstalt. Demokratische Regeln folgen moralischen Imperativen. Was ist die Generaltugend der Demokratie? Die Fähigkeit, alle Menschen als gleichberechtigte Wesen anzuerkennen – und von allen Wesen Gleichberechtigung einzufordern.

Nachdem die pyramidalen Hochkulturen gewalttätiger Männer die Ungleichheit der Menschen erfunden haben, war die Forderung nach Gleichheit eine fortschrittliche Rückkehr in das Reich der Mütter.

Warum wird die Entstehung des Kapitalismus in Athen bis zum heutigen Tage verleugnet?

a) Weil die Moderne stolz ist auf die angebliche Erfindung ihrer Machtmaschinen – und seien sie noch so verderblich. Wir bewundern, was wir hassen. Die Erfindung des Grauenhaften ist brillanter als die Erfindung des Humanen.

b) Weil das christliche Abendland sich nie vom Regiment einer übernatürlichen Geschichte lösen konnte. Heilsgeschichte wurde zur Fortschritts-Geschichte, die alle Grenzen überwindet. Oder zur Revolutionsgeschichte, die den Menschen – ob er will oder nicht – ins Reich der Freiheit trägt.

In keiner Geschichtstheorie des Abendlands – mit Ausnahme der Aufklärung – war der Mensch der autonome Regisseur seines Geschicks. Nach Ende der Aufklärung wurde omnipotente Geschichte wieder zum Despoten – oder zum Heilsführer der Menschheit. Zum Despoten für alle, die sich nicht beugen wollten, zum Heilsführer für alle, die ihren Gehorsam zum Glauben verklärten.

Die Menschheit kann ihren Untergang nur vermeiden, wenn sie Abstand hält von allmächtigen Geschichtsgötzen, welche sie an der Leine hinter sich herziehen.

Marx, den viele Bewunderer noch immer als Inbegriff „linker Moral“ empfinden, dachte heteronom und amoralisch. In gewisser Hinsicht war er das Gegenteil von Kant. Für Kant war Natur unerkennbar, also musste sie vom Menschen geleitet werden, indem er sie „erkannte“. Unter Erkennen verstand er die Macht, der Natur kausale Gesetze vorzuschreiben, denen sie folgen musste.

Für Marx war Natur (auch als Geschichte) erkenn-, aber nicht veränderbar. Den amoralischen Gesetzen der Natur muss der Mensch gehorchen, bis er im Paradies der Proleten ankommt.

Die deutsche Demokratie steckt längst im doppelten Sumpf ihrer kapitalistisch-sozialistischen Geschichtsunterwerfung. Hayek betet die Evolution an, Marx die Revolutionsgeschichte. Völlig paradox empfinden sich die Linken – als sentimentale Erben von Marx – den Kapitalisten moralisch überlegen, obgleich sie entrüstet zurückweisen, Moralisten zu sein.

Warum links und rechts zusammengeflossen sind, hängt mit der rechten und linken Untertänigkeit unter übermenschliche Leitungsinstanzen zusammen. Alle gehen sie folgsam an der Hand eines unabwendbaren Geschicks. Wenn links und rechts Kompromissorgien feiern, liegt es an ihrer Obödienz gegen höhere Mächte. Sie wollen geleitet und geführt werden. Ihr Risikohunger dringt ihnen als Kompensation ihrer mangelnden Autonomie aus allen Poren.

Die Gefahren einer destruierenden Wirtschaft wurden in Athen illusionslos erkannt. Die größten Denker der Geschichte waren sich einig, dass nur eine strenge Moral die Gefahren eines zerstörerischen Wohlstands bändigen könnte. Das Naturrecht der Starken wurde zum Manifest der Machiavellisten und Kapitalisten, das Naturrecht der Schwachen zur Deklaration ihrer Gegner, die mit den stabilen Regeln einer Demokratie die Gefahren der Maßlosigkeit bändigen wollten.

„Er belehrte auch die, welche stolz waren auf ihren Reichtum und glaubten, sie hätten keine Erziehung mehr nötig und der Meinung waren, Reichtum sei ein genügendes Mittel zum Erreichen jeglichen Zieles und zum Erlangen der Ehre von seiten seiner Mitmenschen. Er wies nach, dass einer töricht sei, wenn er sich einbilde, Nützliches und Schädliches unterscheiden zu können, ohne es zu lernen. Ebenso falsch sei es, wenn er glaube, ohne diese Dinge unterscheiden zu können, seinen Nutzen erreichen zu können, indem er sich mit Reichtum jede beliebige Sache verschaffe. Ein Tor sei, wer glaube, es gehe ihm gut, sein Lebensunterhalt sei in Hülle und Fülle vorhanden, ohne dass er imstande sei, das Nützliche zu treffen. Einfältig sei jemand, der glaube, auf Grund seines Reichtums könne er auf irgendeinem Gebiet tüchtig erscheinen oder zu Ehre und Ansehen gelangen.“ (Xenophon, Erinnerungen an Sokrates)

Welche Moral ist allein tüchtig, der Gier nach grenzenloser Macht und Reichtum Einhalt zu gebieten?

„Sokrates ging nicht darauf aus, seine Anhänger rede-fertig, geschäftstüchtig oder lebensgewandt zu machen. Vielmehr glaubte er, dass sie vor allem zur Besonnenheit kommen müssten.“

Das alles ist das Gegenteil moderner Allergie gegen Moral, gegen moralische Überlegenheit der anderen und gegen die Furcht, als moralische Niete entlarvt zu werden. In technischen Dingen gelten die Gesetze unerbittlicher Konkurrenz. Wer niedergemacht und abgehängt wird, gilt als verachtenswerter Loser. Im Moralischen gilt das Gegenteil. Hier darf sich niemand hervortun, niemand klüger und weiser sein wollen als sein Kontrahent.

Wie soll man auf der Agora streiten, wenn sich niemand traut, dem Anderen überlegen zu sein? Das Gesetz der Demut, von der Kanzlerin meisterhaft zelebriert, gibt Christen das Image der Unterlegenen, obgleich sie den Ungläubigen in allen Dingen überlegen sind. Beim selbstbewussten Streiten geht es doch nicht um private Eitelkeiten, sondern um die Erhaltung und Verbesserung der Demokratie. In technischer Hinsicht soll Fortschritt alles besser machen, in moralisch-politischen Dingen aber alles unverändert im Brackwasser der Sünde vor sich hin dümpeln.

Vergleichen wir das denkerische Selbstbewusstsein eines Sokrates mit der Pose eines Nichtbesserwissens eines führenden deutschen Meinungsmachers.

Sokrates: „Ich habe nun die Absicht, dich eines Besseren zu belehren.“

Henryk M. Broder bei seiner Rede vor der AfD:

„Meine Damen und Herren, ich bin nicht hierhergekommen, um Ihnen eine Predigt zu halten oder Ihnen zu sagen, was Sie tun oder was Sie lassen sollten. Ich will Ihnen weder den Weg versperren noch Ihnen den Weg weisen.“

Sokrates macht kein Hehl aus seiner Überlegenheit – die niemanden erniedrigt, sondern ein Angebot ist, durch Debattieren in einen edlen Wettstreit um die Wahrheit einzutreten. Auch von seinem Partner erwartet er das subjektive Gefühl der Überlegenheit, die sich im Dialog in einen Prozess gemeinsamen Erkennens verwandeln kann. Hier wird niemand degradiert, hier gilt jeder als wahrheitsfähig, wenn er dem mühsamen, aber befreienden Akt des Denkens nicht ausweicht.

Wettstreit? Unbedingt. Nur Wettbewerb um die humanste Art des Zusammenlebens kann einen Unmündigen zum mündigen Wesen erheben. Nur mündige Wesen, die sich kennen, sind fähig, eine Demokratie am Leben zu erhalten.

Wie könnten Athleten sich gegenseitig zum Wettkampf fordern, wenn nicht jeder glaubte, den anderen besiegen zu können? Agon, der Geist des sportlichen Wettkampfs, wurde zum Agon der Selbstdenker.

Der moralische Wettstreit um die beste Demokratie, der edle Wettstreit um die Wahrheit, ist der einzige Wettbewerb, der niemanden erniedrigt und jedem nützt. Just dieser Agon wird heute verworfen zugunsten eines technischen und wirtschaftlichen Beschädigungs- und Vernichtungswettbewerbs.

Broder hingegen kann sich nicht genug tun in ironischer Inkompetenz, die nichts anders ist als eine Show zynischer Überlegenheit. Natürlich weiß er es besser und fühlt sich der rechten Partei haushoch überlegen – oder fühlt sich kompetent, die Kritiker der Partei zu desavouieren, um sich der Partei atmosphärisch anzudienen.

Voraussetzung der Besonnenheit ist, dass jeder Demokrat sich selbst kennen lernt. Ohne zu wissen, welche Faktoren ihn geprägt haben, kann er nicht wissen, wer er ist und was er tut. Er muss sich kennen, damit er grandiosen oder dämonischen Illusionen über seine Person nicht erliegt.  

„Mein Guter, bleibe mit dir selbst nicht unbekannt, verfalle nicht in den Fehler, den die meisten machen. Denn die große Menge neigt dazu, die Leistungen der anderen zu beobachten und vergisst dabei, sich selbst zu prüfen. Lass aber auch nicht die Angelegenheit des Staates außer Acht, wenn du zu irgendeiner Verbesserung beitragen kannst. Denn wenn diese in Ordnung sind, werden die anderen Bürger und deine Freunde ihren Nutzen davon haben und nicht zuletzt auch du selber.“

Sokrates war nicht nur stolz auf seine Autonomie – die identisch ist mit wahrer Bescheidenheit –, er war auch stolz auf die Athener, die es fertig gebracht hatten, eine einzigartige Demokratie aus dem Boden zu stampfen – die inzwischen zum Urbild aller modernen Demokratien geworden ist, auch wenn dies von Erleuchteten und Erwählten aller Konfessionen bestritten wird. Dennoch mussten er und seine Freunde die Frage beantworten: warum verfällt dieses einzigartige Gebilde?

Seine Antwort könnte auch den heutigen Verfall der westlichen Demokratien erklären.

„Ich glaube, es ging den Athenern wie gewissen Athleten, welche in starker Überlegenheit den Sieg davontrugen und deshalb nachlässig geworden hinter ihren Gegnern zurückblieben. So haben auch sie sich im Gefühl ihrer großen Überlegenheit vernachlässigt und deshalb sind sie schwächer geworden.“

Woran erkennt man den demokratischen Verfall und die moralische Nachlässigkeit, den Gründen des Siegs kapitalistischer Gier über Maß und Besonnenheit? Daran, dass die Starken und Bedenkenlosen diejenigen verlachen, die noch immer an diesen uralten Tugenden festhalten. Auch heute heißt es: jeden Tag was Neues, Schluss mit dem Rückständigen und Veralteten, wir blicken nach vorn.

„Sie wissen ja nichts Besseres zu tun, als einander zu schaden, statt einander in die Hände zu arbeiten. Am meisten von allen entzweien sie sich in privaten und öffentlichen Zusammenkünften. Sie prozessieren gegeneinander am häufigsten und ziehen es vor, auf diese Weise, anstatt sich gegenseitig zu helfen, voneinander Gewinne zu erzielen. Daher kommt es, dass sich viel Verderben und Unheil im Staate einnistet, und viel Feindschaft und gegenseitiger Hass unter den Bürgern entsteht. Deshalb fürchte ich immer mehr, der Staat könnte in ein Unglück geraten, dem er nicht gewachsen ist.“

Warum fällt es modernen Lesern so schwer, in diesen unscheinbaren Worten den verhängnisvollen Aufstieg des Kapitalismus zu erkennen? Weil Kapitalismus für sie ein kaum durchschaubares, hochkomplexes Uhrwerk ist, das nicht von Menschen erfunden wurde, sondern von historischen oder evolutionären Mächten, die zu durchschauen nur genialen Marxisten oder Neoliberalen gelingt. Seinen eigenen Niedergang allerdings konnte der Marxismus so wenig vorhersehen wie ökonomische Nobelpreisträger die regelmäßigen Bankrotterklärungen des Kapitalismus.

Wer den Kapitalismus durchschauen will, muss die Beweggründe der Menschen durchschauen, die ihn erfunden und ausgebaut haben. Dann wird es so simpel, dass alle hochkarätigen Komplexdenker Reißaus nehmen. Auch hier gilt das Gesetz des Kindes, das den Kaiser in seiner nackten Blöße wahrnehmen kann. Schaut, der Kapitalismus hat keine Kleider.

Schon das christliche Mittelalter fühlte sich den heidnischen Griechen überlegen. Die Neuzeit, zuerst im Bann der Griechen, befreite sich von der Überlegenheit der statischen Heiden durch den rasanten Fortschritt ihrer Wissenschaft und Technik.

Das Naturrecht der Starken, das von Gorgias formuliert wurde, beschreibt die Mechanismen des Naturrechts der Starken. Seine Schülern lehrte Gorgias den Willen zur Macht, dessen politisches Ziel sein sollte, „über andere zu herrschen. Es sei ein Naturgesetz, dass nicht das Stärkere von dem Schwächeren beherrscht und geführt werde, sondern das Stärkere soll vorangehen, das Schwächere soll folgen.“

In der Schrift „Vom Staat der Athener“ war zu lesen, die ganze demokratische Staatsverfassung sei ausgerichtet auf den Vorteil der schlechten Leute, die die besoldeten Ämter für sich beanspruchten und sich auf Kosten der „rechten Leute“ amüsierten, die ihnen geistig überlegen seien, wozu das Geld durch Besteuern der Reichen eingezogen wurde. Die von der Mehrheit erlassenen Gesetze seien genau so diktatorisch wie die Herrschaft von Tyrannen.

Der Hass der Starken gegen die Schwachen erreichte einen solchen Grad, daß die Oligarchen zu schwören pflegten: „Ich will dem Volke feindlich gesinnt sein und, so viel ich kann, zu seinem Schaden beitragen.“ Menon schließlich zieht aus dem Willen zur Macht des Gorgias die äußersten Konsequenzen und huldigt einem Immoralismus, der alle sittlichen Schranken niederreißt.“ (Nestle)

Das alles ähnelt der Gegenwart bis aufs I-Tüpfelchen – und dennoch erkennen wir uns nicht. Warum? Weil hier keine Pseudogesetze formuliert werden, die von Genies in mühsamer Arbeit durchschaut werden müssen, sondern in schlichter, ja kindlich-naiver Moralsprache daherkommen.

Dank des Immoralismus eines Trump, der die wissenschaftlich-strategischen und diplomatischen Beschönigungs- und Heuchelstrategien vom Tisch wischt und die moralische, sprich: amoralische Grundebene menschlichen Verhaltens durchbricht, könnte das ganze anmaßende Expertengehabe allmählich durchschaut werden. Haben wir den moralisch-amoralischen Grund und Boden des Kapitalismus erreicht, könnten wir unsere private Moral so verändern, dass eine veränderte Politik daraus entspringt.

Noch immer trennen die Deutschen privates und politisches Verhalten. Wer auf Moral setzt, wird verdächtigt, die Politik zu vernachlässigen. Wer auf Politik setzt, glaubt, auf private Moralentscheidungen verzichten zu können.

Wir waren schon mal weiter: jedes Private ist politisch, jedes Politische hat private Folgen. Wer seine Moral der politischen Arena entzog, den nannten die Athener: Idiot. Heute können wir ergänzen: wer der Politik die Moral entzieht, ist todessüchtig.

Die Krise der westlichen Nationen ist eine Grundlagenkrise der Demokratie. Wir sind so übersättigt an Wohlstand, gleichzeitig so unglücklich wegen der kapitalistisch erzwungenen Amoral, dass wir die schlichten demokratischen Grundprinzipien aus dem Bewusstsein gestrichen haben. Völlig belügen können wir uns dennoch nicht. Tief im Innern brodelt es: wir müssen von vorne beginnen.

 

Fortsetzung folgt.