Sofort, Hier und Jetzt LXIX

Tagesmail - Montag, den 28. Januar 2019

Sofort, Hier und Jetzt LXIX,

Kinder retten die Welt. Das darf sich die Welt nicht gefallen lassen.

Sie will nicht gerettet werden. Schon gar nicht von Neunmalklugen, die grün hinter den Ohren sind. Die WELT hasst calvinistisch ferngesteuerte Tugend- und Engeldarsteller, die sich anmaßen, den Erwachsenen den richtigen Weg zu weisen. Ulf Poschardt wütet über auserwählte Bälger, „die wissen, was richtig und falsch ist, die gut sind, alles besser wissen und keine Probleme haben, sich über die sündigen anderen stellen.“

„Die Auserwählten sind von weltlichen Pflichten befreit. Der Schulpflicht zum Beispiel. Da propagieren grüne Politiker eine Demonstration junger Menschen, die freitags – anstatt naturwissenschaftliche Grundlagen zu büffeln – Plakate hochhalten, die jene Schüler zu Erfüllungsgehilfen der Auserwählten machen. Damit wird der Staat zum Organ des Vollzugs der auserwählten Moral. Böller nerven? Verbieten. Vermieter nerven? Enteignen. Freunde der Überholspur nerven? Staatlich einbremsen. Von den verklemmten Prüderien im Dunstkreis von #metoo und Gendersternchen ganz zu schweigen.“ (WELT.de)

Kinder sollen büffeln, sich aus den Angelegenheiten der Erwachsenen raushalten. Naturwissenschaften sollen sie pauken, damit das Vaterland nicht den Anschluss an China verliert. Demokratie einüben? Schnauze halten ist angesagt. Poschardt liegt auf einer Linie mit dem australischen Premierminister Scott Morrison, der die Order ausgab:

„Wir wollen mehr Lernen und weniger Aktivismus in der Schule. Die Kinder sollten zur Schule gehen.“

Greta Thunberg erwiderte via Twitter: „Sorry, Mr. Morrison. Können wir nicht erfüllen.“

Das ist Revolution. Die Kinder der Welt stehen auf gegen ihre Autoritäten. Sie ...

 ... wollen ihnen das Ruder der Geschichte aus den Händen reißen.

Schweden ist lutherisch, doch Poschardt weiß es besser. Greta Thunberg muss neocalvinistisch sein, denn allen Erwachsenen fühlt sie sich durch Sündenlosigkeit überlegen.

Was in heiligen Schriften geweissagt wurde, ist eingetreten:

„Ich preise dich, Vater und HERR Himmels und der Erde, daß du solches den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart.“

Gerhard Schröder ist Poschardt überlegen. Er weiß um die überragenden Fähigkeiten der Kinder. Seine neutestamentliche Lieblingsstelle lautet:

„Jesus rief ein Kind zu sich und stellte das mitten unter sie und sprach: Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, daß ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich. Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.“

Schröders Kommentar: „Die Welt mit den Augen der Kinder sehen, sich im Wortsinne „klein machen“, so kann man den Vers aus dem Matthäusevangelium verstehen. Dieser Perspektivwechsel tut gut: Er hilft uns Erwachsenen zu entdecken, was eben nur Kinder auszeichnet und was wir oft genug aus dem Blick verlieren: ihre Neugier und Wachheit, ihr elementares Gerechtigkeitsgefühl und ihr natürliches Mitempfinden für Schwächere.“ (Politikerbibel)

Eben dies war der Grund, warum Schröder keine Kinder befragte, als er mit Hartz4 weder Gerechtigkeit noch Mitempfinden für Schwächere walten ließ. Doch die Rücksicht war überflüssig. Wie Kinder sich von Natur aus erniedrigen, um im Himmel erhöht zu werden, so die sozial Schwachen. Macht euch klein und demütig, dann wird euch Gerechtigkeit zuteil – im Himmel. Auf Erden ist Hopfen und Malz für euch verloren.

Schröder ist Poschardt doch nicht überlegen: beide sind Verächter der Kinder. Schröders Politik ist das Gegenteil seiner Salbaderei, seine frömmelnde Kinderfreundlichkeit ist Heuchelei, Poschardts Animosität gegen moralisch überlegene Kinder ist von trumpistischer Ehrlichkeit.

Doch ehrlich oder simuliert: Kinder haben keine Chance in deutschen Gauen. Sie werden benutzt. Was ist die schrecklichste Sendung im deutschen Bildungsfernsehen? Nicht Dschungelcamp, nicht Bachelor, wo Menschen systematisch vorgeführt werden – sondern „Klein gegen Groß“. Brillante Fähigkeiten der Kinder müssen als Quotenfänger dienen. Ihre Überlegenheit in Belanglosigkeiten dient der Sensation. Wenn sie gewinnen, werden sie als Stars verheizt, wenn sie verlieren, haben sie ihre Familie und Schule blamiert. Ihre politische Wachheit, ihre überlegene Weisheit und Klugheit werden nicht zur Kenntnis genommen.

Kommt die Welt ins Wanken, müssen Heilige Kinder her. Natürlich männliche. Das Weib und das Heilige sind wie Feuer und Wasser. Kinder sehen, dass Kaiser keine Kleider tragen. Die Großen und Mächtigen entlarven sie als Charaktermasken. Werden sie zur Heiligkeit gezwungen, müssen sie Erlöser werden. Erneut werden sie für das Seelenheil der Erwachsenen missbraucht.  

Wenn Erwachsene guter Stimmung sind, rühmen sie die Neugier und Wachheit der Kinder. Weshalb Schulen erfunden wurden, um ihnen diese Neugier und wache Logik auszutreiben.

Kinder retten die Welt. Doch die Welt will nicht errettet werden. Entrüstet weist sie zurück, errettungsbedürftig zu sein. Erlösungsbedürftig hingegen ist sie schon – durch Gott.

Die Erwachsenenwelt der Moderne ist das Gegenteil der Kinderwelt. Sind Kinder gerecht und mitfühlend, sind Erwachsene berechnend und gefühlstaub. Kinder sitzen selbstvergessen an einer Stelle, um die Erde zu durchwühlen und zu betasten, Erwachsene düsen durch die ganze Welt – und sehen und fühlen nichts.

Wenn die Jugendlichen politisch taub sind, werden sie gescholten. Wenn sie sich zu Worte melden, werden sie wiederum gescholten. Macht, was ihr wollt, uns macht ihr es nicht recht.

Dabei will Poschardt durchaus, dass Kinder mündig werden. Wie soll das zugehen, wenn sie sich aus allem raushalten sollen?

„Gegen die alte aufklärerische Idee der Mündigmachung des Bürgers wird die Belehrung gesetzt. Alle anderen werden für unmündig und diskursdeviant erklärt. Die philiströseste Spielart des Protestantischen geht in einer Umerziehungskultur auf. Im Calvinismus gibt es die Vorstellung, dass der Mensch nicht in der Lage ist, anständig zu leben: Seit dem Sündenfall ist er ganz in seiner Sünde verstrickt, nur ein paar Erwählte sind vorherbestimmt, ein gutes Leben zu führen.“

Sind Mündigwerden und Belehrung unvereinbar? Kann Mündigkeit nicht gelehrt werden durch Argumente und authentisches Vorbild?

„Das Ziel der Erziehung zur Klarheit im Denken und Reden und zur Entschlossenheit und Tatkraft im Handeln ist in Griechenland bis zum Ende des 5. Jahrhunderts das gleiche geblieben.“ (Nestle)

Ist Belehren eine Zwangsbeglückung? Dann wäre Schulpflicht die staatliche Anstiftung zur psychischen Gewalt gegen Jugendliche.

Diejenigen, die mit Erpressung und Nötigung erzogen werden, „sind voller Hass, indem man ihnen gleichsam etwas weggenommen hat; die mit Güte Überzeugten aber sind voll freundschaftlicher Gesinnung, indem sie gleichsam eine Wohltat erfahren haben. Es passt also nicht zu jenen, die sich in Vernunft üben, Gewalt anzuwenden, sondern derartiges tun die, welche nur von roher Gewalt ohne Einsicht beherrscht sind.“ (Xenophon, Erinnerungen an Sokrates)

Staatliche Schulen erziehen mit Erpressung durch permanente Notengebung. Das ist ein Verstoß gegen Lernen der Mündigkeit in Freiheit. Poschardt erinnert an die „alte aufklärerische Idee der Mündigmachung“. Hätte er nur Kant gelesen.

Die Obszönität heutiger Medien besteht in ihrer exhibitionistischen Ignoranz. Sie müssen nicht wissen, worüber sie schreiben. Was sie behaupten, ist Wissen, weil sie es behaupten. Wahrheit muss nicht gefunden, sondern erfunden und deklariert werden.

„Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen. Die Menschen arbeiten sich von selbst nach und nach aus der Rohigkeit heraus, wenn man nur nicht absichtlich künstelt, um sie darin zu erhalten. (Kant, Was ist Aufklärung?)

Eben dies tun Jugendliche: in aller Freiheit ihre Meinung sagen. Und schon werden sie als Erfüllungsgehilfen größenwahnsinniger Erzieher verleumdet. Die höchste Form der Erziehung – die Schaffung von Freiräumen, um Kindern freies Denken und Tun zu ermöglichen – wird als Herstellen von Marionetten denunziert.

Freilich: Kinder lernen Freiheit nur, wenn sie vorbildliche freie Menschen um sich herum erleben. Für Poschardt ist jede „Umerziehung“ ein Eingriff in die Freiheit. Dann wäre auch jede Erziehung ein totalitärer Akt.

Gewiss, das Allerbeste wäre eine Anarchie, in der keine Gesetze nötig wären, um ein Zusammenleben in Freiheit zu ermöglichen. Sind Gesetze zur ökologischen „Umerziehung“ unstatthafte Eingriffe in die Freiheit? Dann wäre ein demokratischer Rechtsstaat ein totalitäres Gebilde.

Demokratie ist der politische Versuch einer Gesellschaft, sich durch Streiten, Gesetzgebung und vorbildliches Verhalten gegenseitig zu erziehen. Nichts ist perfekt, auch keine Demokratie, also muss sie die Möglichkeit haben, sich durch gemeinsames Lernen weiterzuentwickeln. Wer Erziehung und Lernen in Freiheit als totalitär betrachtet, verwechselt Ungezügeltheit der Starken und Unvernünftigen mit demokratischer Freiheit.

Poschardt warnt – mit einem Satz von Ralf Fücks – davor, „«im Namen der Freiheit künftiger Generationen (oder der Rettung des Ökosystems) die Freiheit der Heutigen stärker zu reglementieren». Er setzt wie klassische Liberale auf Innovation, Mündigkeit und Freiheit zur Entscheidung (und auch zur Unvernunft).“

Lernen heißt, unsere Unvernunft überwinden. Wer absichtlich auf Irrationalität setzt, will sehenden Auges das Chaos. Klassische Liberalität – etwa bei Adam Smith – wollte mit egoistischen Methoden Vernunft und Harmonie herstellen. Heutige Milliardärsverhältnisse wären für den Schotten, wenn er sie denn erlebte, eine Horrorvorstellung.

Gesetze sind die zweitbeste Möglichkeit, die optimale Freiheit der Gesellschaft zu erringen. Wären Menschen reif genug, das Notwendige und Selbstbestimmte zu tun, wären Gesetze überflüssig.

Wenn die Freiheit heutiger Generationen dazu beiträgt, das Leben zukünftiger Generationen zu verhindern, wäre sie keine Freiheit, sondern ein Völkermord an zukünftigen Generationen. Wahre Freiheit ist die im Denken, Sagen und Tun – und nicht, ob man weniger Fleisch essen sollte. Das ist keine klassische Liberalität, sondern degenerierter Konsum-Wahnsinn.

Poschardt sieht nur religiöse Determinanten am Werk. Dass unsere Kultur durch Griechen- und Christentum geprägt ist, entzieht sich seiner historischen Blindheit. Insofern ist das Religiöse nicht nur deutsch, sondern westlich. Besonders amerikanisch.

Allerdings ist es unerlässlich in einer Demokratie, Klartext zu sprechen. Wer hasserfüllte Politik betreibt, dem muss gesagt werden: lass das. Hass und Fremdenfeindschaft zerstören das Gemeinwesen. Da denunziert Poschardt seine Gegner bedenkenlos als religiöse Faschisten, er selbst aber will unangreifbar bleiben.

Die hohe Kunst der demokratischen Auseinandersetzungen bestünde darin, die gegenseitige Kritik durch öffentliche Debatten durchzuarbeiten. Jeder sollte die Möglichkeit erhalten, seine Meinung ohne Gesichtsverlust zu revidieren. Ohne das selbstbewusste Gefühl, die Lage der Gesellschaft klarer und wahrer zu sehen als andere, kann es keinen Streit auf der Agora geben.

Poschardt glaubt, es besser zu wissen als die Besserwisser. Man sollte ihn einen Allerbestenwisser nennen. Nur Fromme empfinden ihren subjektiven Standpunkt als sündenfreie Überlegenheit. Rationale Aufklärer kennen weder Sünden noch das irreversible Böse. Sie kennen nur Irrtümer und Abwehrreaktionen in desolaten Umständen. Die können furchtbar und schrecklich sein. Niemals aber sind sie die giftigen Früchte eines Gottseibeiuns.

Poschardt verkörpert die Weltanschauung eines Gegenaufklärers – wie etwa die des Theologen Johann Georg Hamann zu Zeiten Kants –, versteckt hinter demokratischem Dekor. In welchem Maße der WELT-Chefredakteur die untergründigen und mittlerweilen immer offensichtlicher werdenden Bourgeoisverhältnisse der Republik repräsentiert, in diesem Maße befände sich die BRD schon in den Händen der Gegenaufklärung. Verglichen mit der WELT wäre die AfD ein harmloses Stammtischtreffen.

In der WELT wird permanent mit dem Moralknüppel gedroht – mit einem ganz besonderen. Seine Moral ist die Amoral derer, die die Macht der Verhältnisse in alle Ewigkeit verlängern wollen. Da diese Macht amoralisch ist, werden diejenigen bedroht, die durch konträre Moral die Verhältnisse humanisieren wollen. Wie die Besserwisser nur durch Allerbestenwisser aus dem Sattel gehoben werden können, sollen Moralisten durch Amoralisten aus dem Land gejagt werden. Amoral ist auch eine Moral. Wer den Moralknüppel der Andersdenkenden bedroht, ist selbst ein Knüppel aus dem Sack.

Woher kommt der Hass gegen Moral? Aus der lutherischen Tradition der Deutschen. Autonome Moral war für Luther Werkgerechtigkeit: der Mensch versucht, sich bei Gott mit moralischen Werken einzuschmeicheln. Bei Paulus waren es seine jüdischen Volksgenossen, die sich anmaßten, mit Erfüllung göttlicher Gebote sich den Zutritt zur Seligkeit zu verdienen. Jesus und Paulus warfen den Pharisäern vor, sie würden den Bund mit Gott als kaufmännischen Deal verstehen. Do ut des, ich gebe – damit du gibst. Habe ich meinen Teil des Vertrags erfüllt, musst du, Gott, auch deinen erfüllen.

Werner Sombart deklarierte dieses „kaufmännische Denken“ der orthodoxen Juden zur Urquelle des modernen Kapitalismus. Er übersah nur die Kleinigkeit, dass der Kapitalismus als Bestandteil der griechischen Demokratie längst in der Welt war, als das jüdische Volk sich noch in virtuellen Glaubenswelten bewegte. (Näheres in Rostovzeffs dreibändigem Werk: Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte der Hellenistischen Welt)

Die fast gleichberechtigte Bund- oder Vertragstheologie der Juden wurde von Jesus verworfen. Gott ist kein Vertragspartner auf gleicher Augenhöhe. Er ist der ganz Andere, der Bildlose, der sich nur durch Hören zu erkennen gibt. Nur bedingungslos kann man sich ihm unterwerfen. Sola gratia. Der Mensch ist Nichts, Gott ist Alles. Hegels Geschichtsphilosophie ist die über unendlich viele dialektische Stufen sich entwickelnde Harmonisierung zwischen Nichts und Allem.

Moral ist Blasphemie gegen Gott. Da Heilsgeschichte in zwei Reichen abläuft, dem unsichtbaren Reich Gottes und dem sichtbaren Reich des Teufels, kann es keine Moral geben, die den Gang der Geschichte regiert. In beiden Reichen ist Gott der Oberbefehlshaber, wenn auch dem Satan in der civitas terrena von Gott eine gewisse Eigenregie eingeräumt wurde.

In beiden Reichen wäre selbstbestimmte Moral eine Sünde wider den Geist. Oberste Regel muss sein: der Mensch denkt, Gott lenkt.

Das ist Merkels oberste Handlungsdevise. Weshalb sie es mit eigenständigem Denken nicht übertreibt. Momentan bläst sie mächtig die Backen auf, was ihre Anhänger jubeln lässt: Merkel ist Anführerin der westlichen Welt. Da sie nicht mehr lange im Amt ist, muss sie für die Verwirklichung ihrer finalen Fanfaren nicht mehr sorgen. Der Platz der ersten politischen Heiligen im deutschen Vaterland ist ihr gewiss.

Selbst bei Kant war Moral als kategorischer Imperativ nicht so selbstbestimmt, wie man annehmen sollte. Ohne ungesellige Geselligkeit, einem pädagogischen Motivationsinstrument der Natur, wäre der Aufgeklärteste nicht in der Lage, die Direktiven seiner autonomen Moral zu befolgen.

Nach Kant spaltete sich das moralische Vermögen des Menschen. Bei Fichte wuchs es zur schieren gottähnlichen Allmacht, bei Hegel und den Romantikern verfiel der Glanz der Autonomie. Bei Marx war Moral eine bürgerliche Farce, bei Nietzsche eine komplette Illusion.

Danach nichts mehr bis heute. Von links bis rechts sind sich alle Intellektuellen der Republik einig, dass Moral unfähig ist, die Welt zu verändern.

Moral gilt als privates Verhalten. Veränderungen der Wirklichkeit seien nur durch Politik möglich. Politik und Moral fallen auseinander. Galt einst bei den revolutionären Studenten: das Private ist politisch, das Politische privat, sind beide Bereiche längst auseinander gefallen. Niemand setzt auf private Moral, alle setzen auf Politik. Politik muss alles richten.

Ersetzt man Politik durch Obrigkeit, kann man leicht erkennen: die Deutschen sind noch immer obrigkeitsabhängig. Von sich erwarten sie nichts, vom Staat alles. Ausgehöhlter kann eine Demokratie nicht sein.

Das trifft nicht nur zu für das gemeine Volk. Wie im SPIEGEL zu lesen war, ist die Berliner Regierung unfähig geworden, ohne bezahlte Agenturen ihre Pflichten zu erledigen. Der BER-Virus grassiert allüberall auf den Tannenwipfeln. Kein Zufall, dass immer weniger funktioniert. Da man nichts von moralischer Selbstertüchtigung hält, delegiert man immer mehr an Experten, Andere, Höhere, Mächtigere. Das Subjekt der Geschichte verschwindet aus der deutschen Nation, weshalb die Untertanen sich immer mehr an deutschen Nostalgie-Sumpfdotterblüten orientieren.

Moral ist Kern der Mündigkeit. Ich weiß, was ich denke. Ich bestimme, was ich entscheide. Ich verantworte, was ich getan habe. Diese drei Sätze, multipliziert mit der Anzahl aller Erwachsenen in der Republik, ergeben den Wirkungsgrad der kollektiven Mündigkeit.

Bei Max Weber fielen Gesinnungs- und Verantwortungsethik auseinander. Gesinnung war private Moral, „Verantwortungsethik wird von Weber ausschließlich der Politik zugeordnet.“ (Picht)

Gesinnung war nicht nur privat, sondern auch idealistisch. Ein Gesinnungsethiker glaubte an das Gute im Menschen – wie die Aufklärer. Die Gegner der Aufklärung zerrissen das ideale Hirngespinst der Philanthropen. Ab Hegel wurde Machiavelli zum Über-Ich der deutschen Realpolitik.

Nachdem die Deutschen allzu lange unter nationaler Zerrissenheit gelitten hatten, machten sie ihre Gutgläubigkeit für ihre machtlose Rückständigkeit verantwortlich. Ergo mussten sie zu härteren Bandagen greifen, um dem Druck der Welt einen adäquaten Gegendruck zu bieten. Bismarck war der Machiavellist, der – obgleich frommer Pietist – mit der Bergpredigt nicht mehr regieren konnte und zur Peitsche griff.

Wir sehen eine neue Abwertung der Moral, die man verinnerlichen musste, um die deutsche civitas terrena aus der Taufe zu heben. Die lebensuntüchtige Moral der Agape musste ausgeklammert werden, um der sündigen Moral der Welt mit sündiger Gegenmoral entgegenzuwirken.

Heute dominiert eine komplette Doppelmoral. Christlich, sanftmütig und in christlicher Lindigkeit im Privaten, machiavellistische Staatsraison im Hochpolitischen. Manche sprechen auch von knallharter Interessenpolitik – als ob Moral kein Interesse sein dürfte.

Was hat der Auschwitz-Gedenktag mit Moral zu tun? Der folgende SPIEGEL-Artikel zum Gedenktag ist gut gemeint. Doch weder wird erklärt, auf welchen historischen Wegen die Deutschen zu Völkerverbrechern wurden, noch, was gegen eine mögliche Wiederholungsgefahr zu machen wäre. Wenn man nicht weiß, wie etwas zustande kam, kann man keine sinnvolle Gegenstrategie entwickeln:

„Wenn wir schon nicht aus Auschwitz lernen, dann vielleicht aus dem Lernen aus Auschwitz. Ethos und Moral und "Erinnerungspolitik" allein werden uns nicht gegen Totalitarismus, Antisemitismus und Rassismus absichern können. Auschwitz hilft nicht, Auschwitz zu verhindern. Dazu braucht es mehr.“ (SPIEGEL.de)

Ja, was braucht es mehr? Keine Antwort. Warum reichen Ethos, Moral und historische Anamnesen nicht aus, um eine Wiederkehr des Vergangenen zu verhindern? Keine Antwort. Waren die Widerständler Hitlers keine Moralisten? Jeder und jede musste sich individuell entscheiden, gegen das Böse zu kämpfen.

Die Politik war in den Händen der Schergen. Nur individuelle Moral konnte den Kampf gegen diese Politik aufnehmen. Fast alle WiderständlerInnen waren EinzelkämpferInnen, die sich gelegentlich mit anderen Individuen zusammentaten. Der Kampf gegen das Inhumane ist ein Kampf des moralischen Individuums, das sich auf andere nicht verlassen, seine Verantwortung nicht auf Obrigkeit, Politik delegieren darf. Denn diese waren die Vollstrecker des Grauens.

Das ist die größte und verhängnisvollste Heuchelei der deutschen Täter-Nachfolger, dass sie wieder dabei sind, alle Moral als Narzissmus der Guten vom Tisch zu wischen. Wenn aber des Völkerverbrechens gedacht werden muss, wird plötzlich an die Verantwortung der Deutschen appelliert. Was ist Verantwortung anderes als moralische Mündigkeit?

Der SPRINGER-Verlag kann das ganze Jahr nicht genug gegen Moralisten schäumen – wenn aber der ermordeten Juden gedacht werden muss, schwafeln sie um den heißen Brei herum, dass Gott erbarm.

Sonst wird Vergangenheit aus dem Gedächtnis getilgt: jeder blicke starr nach vorn. Nur kein Gestern. Plötzlich aber soll die Vergangenheit erinnert werden.

Sonst muss alles erduldet und ertragen werden, was Fortschritt und Geschichte über uns bringen. Plötzlich soll man eine Wiederholung des Grauens mit aller Kraft verhindern.

Widersprüche lassen die Deutschen kalt. Sie blinken links und fahren rechts. Alles zu komplex, alles undurchdringlich. Plötzlich soll man das Unmögliche möglich machen.

Heute drohen terrestrische Verbrechen an der Menschheit durch Vernichtung der Natur. Selbst wenn auf Teilen der Erde wenige Auserwählte überleben können: das wäre das Ende des homo sapiens. Die Jugend der Welt hätte keine Überlebenschance.

Wer wird in Deutschland in Grund Boden amoralisiert? Derjenige, der sich mit allen Kräften gegen das Verhängnis wehrt? Oder derjenige, der alles laufen lässt – weil ohnehin nichts zu machen wäre oder der Kampf gegen die Katastrophe sein Wohlgefühl unterminieren würde?

Die Jugend beginnt zu begreifen und hat den Fight um Sein oder Nichtsein begonnen. Es sind ihre eigenen Erzeuger, die sie zu ferngelenkten Marionetten erklären.

 

Fortsetzung folgt.