Sofort, Hier und Jetzt LXVII

Tagesmail - Mittwoch, den 23. Januar 2019

Sofort, Hier und Jetzt LXVII,

folgenloses Knutschen oder: wir lieben uns, doch wir werden keine Spuren hinterlassen.

Die Rede ist von Merkel und Macron. Schaut nur, welch ein Verhältnis sie haben – doch mit Kondompflicht: Folgen darf es keine geben. Vom tapferen Ritter Emmanuel Frederic von Amiens ist ein ergreifendes Minnelied überliefert:

„Ich soll den Mond um seinen Glanz
Berauben, ehe sie mich liebt;
Umgraben auch die Erde ganz,
Bevor sie Minnelohn mir gibt.

Sie war bei mir wohl auf der Hut,
Die Reine,
Die Feine!
Denn außer Gott alleine
Kennt niemand sonst die Eine,
Die Herrin, die ich meine!“

Die Antwort der holden Pfalzgräfin Angela aus Aachen kam mit einem verschwiegenen Postillon d’amour:

Es waren zwei Königskinder,
die hatten einander so lieb,
sie konnten zusammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief.

Kern Europas ist das deutsch-französische Verhältnis. Doch wie sollen die europäischen Völker zusammenkommen, wenn die Herzen der beiden ...

 ... Kernvölker nicht im gleichen Takt schlagen? Man bewundert und respektiert sich, aber in gebührendem Abstand. Friedrich der Große sprach französisch besser als deutsch, doch Deutschland ist heute von Amerika berauscht, das macht Paris untröstlich.

Jetzt erst lässt der Rausch der Neuen Welt nach. Amerika zeigt sein – lange verborgenes – alteuropäisches zänkisches, eigensinniges und frömmelndes Gesicht. Zum ersten Mal erkennt das malträtierte, ermattete, uralte Europa sich im Spiegel – und ist erschüttert.

Die Vergangenheit ist nicht aufgearbeitet, die Völker kennen sich nicht – wie können sie voneinander wissen, wenn sie sich mit Waren überfluten und sich als Menschen fremd geblieben sind? –, die Zukunft zog übers große Meer.

Ihre schreckliche Tradition mussten die Deutschen ablegen und mühsam eine neue lernen, die Tradition ihrer Besieger. Doch die neuen Kleider schlottern um ihre Glieder. Lasst uns unsere auferzwungene Fremderziehung ungeschehen machen, lasst uns zurückkehren zu unseren Wurzeln – ertönen schon wieder Stimmen, die deutsch und nicht europäisch, national und nicht kosmopolitisch, identitär und nicht weltoffen sein wollen.

Sie kennen nur ein Deutschland, zu dem sie zurückkehren wollen, das ist das Heilige Römische Reich deutscher Nation, mit dem sie noch Herren Europas waren. Was Bismarck, was Weimar, vom Dritten Reich ganz zu schweigen. Aachen mußte es sein, wo Karl der Große den Grundstein legte zum Weltreich der Deutschen:

„Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Welttheil bewohnte; Ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs. – Ohne große weltliche Besitzthümer lenkte und vereinigte Ein Oberhaupt, die großen politischen Kräfte. – Eine zahlreiche Zunft zu der jedermann den Zutritt hatte, stand unmittelbar unter demselben und vollführte seine Winke und strebte mit Eifer seine wohlthätige Macht zu befestigen. Jedes Glied dieser Gesellschaft wurde allenthalben geehrt, und wenn die gemeinen Leute Trost oder Hülfe, Schutz oder Rath bei ihm suchten, und gerne dafür seine mannigfaltigen Bedürfnisse reichlich versorgten, so fand es auch bei den Mächtigeren Schutz, Ansehn und Gehör, und alle pflegten diese auserwählten, mit wunderbaren Kräften ausgerüsteten Männer, wie Kinder des Himmels, deren Gegenwart und Zuneigung mannigfachen Segen verbreitete. Kindliches Zutrauen knüpfte die Menschen an ihre Verkündigungen. – Wie heiter konnte jedermann sein irdisches Tagewerk vollbringen, da ihm durch diese heilige Menschen eine sichere Zukunft bereitet, und jeder Fehltritt durch sie vergeben, jede mißfarbige Stelle des Lebens durch sie ausgelöscht, und geklärt wurde. Sie waren die erfahrnen Steuerleute auf dem großen unbekannten Meere, in deren Obhut man alle Stürme geringschätzen, und zuversichtlich auf eine sichre Gelangung und Landung an der Küste der eigentlichen vaterländischen Welt rechnen durfte.“ (Novalis, Die Christenheit oder Europa)

Voltaire hatte die Aufklärung aus England nach Frankreich gebracht, jene Aufklärung, deren erasmische Vorläufer der deutsche Reformator zu Tode gewütet hatte, um in die Anfänge des geistfeindlichen Urchristentums zu regredieren. Der religiöse Amoklauf überlieferte Deutschland in die Arme berserkerhafter Religionskrieger. Nach dem 30-jährigen Krieg war „Deutschland“ eine Horde sich zerfleischender Fürsten und Bischöfe, ein fast Nichts.

Dann die allmähliche Erholung. Frankreich übernahm die Erziehung der aus dem Wald kommenden Simplicii Simplicissimi. Auf der einen Seite der Sonnenkönig, auf der anderen der scharfe Geist des adel- und popenfeindlichen Voltaire. Alle Obrigkeiten bauten ihre Schlösser à la Versailles – doch wo blieben die Schüler Voltaires?

Da kam Einer, eine in sich gärende Mixtur aus Absolutist und Aufklärer, der preußische Fritz. Die moderne Geschichte deutscher Antagonismen nahm ihren Lauf. Hegel idealisierte die Unvereinbarkeiten zu höheren Synthesen, die die Welt überwinden würden. Ja, wo denn? Heißa, in Berlin, wo heute alle Widersprüche zu Gottes Lob und Ehr eingeebnet werden: wir schaffen das; wo ein französischer Präsident, der Voltaire und Monarch in einer Person sein will, mit schönen Augen entmannt wird, damit die deutsche Vorherrschaft nicht gefährdet werde.

Friedrich über Francois-Marie de Arouet, genannt Voltaire:

"«Er hat die Eloquenz des Cicero, das Einschmeichelnde des Plinius, dazu die Weisheit Agrippas. Sein Geist arbeitet ohne Unterlass. Wir waren außer uns vor Entzücken, und ich konnte ihn nur bewundern und schweigen.» Bisher hatten die Dichter stets den Königen gehuldigt – nun schmeichelte ein König dem Poeten. «Europa hatte zu dieser Zeit zwei Könige, den König von Preußen und den König Voltaire»." (SPIEGEL.de)

Wie konnte die ungewöhnliche Liaison aus Geist und Macht Schiffbruch erleiden? An der Unverträglichkeit von Geist und Macht. Der deutsche Begriff Staats-Raison will Staat und Raison vereinigen. Allein, die Zwangsehe missglückt. Raison sieht Macht kritisch, Macht erträgt keine Kritik:

„Dem eigenwilligen Voltaire fällt es von Anfang an schwer, sich in die höfische Hierarchie einzufügen. Er will auch politisch mitmischen, doch da lässt ihn Friedrich kühl abblitzen, schließlich war der Dichter zeitweise königlicher Historiograf in Paris und ließ sich sogar schon in geheimer Erkundungsmission nach Preußen schicken: "Ich gedenke nicht, mit Ihnen über Politik zu parlieren", befindet der König. Auch der König ist schnell ernüchtert, als er sieht, wie gern sich sein Günstling in streitbare Händel verstrickt. Er warnt: "So Scherereien Ihnen lieb und wert sind, ziehen Sie niemals mich mit hinein, ich verstehe mich nicht darauf, will mich auch niemals darauf verstehen."

Auch Lessing, neben Kant der humanste und scharfsinnigste Aufklärer in „Deutschland“, hatte seine Probleme mit dem Franzosen:

„In Berlin treffen sich Lessing und Voltaire, der zu dieser Zeit am Hofe von Friedrich dem Großen lebt. Lessing übersetzt einige Schriften des französischen Aufklärers ins Deutsche. Dadurch kommt Lessing auch mit dem Gedankengut des Islams in Verbindung. Voltaire selbst allerdings hatte für die Religionen wenig übrig, er sah in ihnen ein Sammelbecken für den Fanatismus. Persönlich war das Verhältnis zwischen Lessing und dem scharfzüngigen Voltaire eher angespannt. Vor Friedrich dem Großen musste Voltaire 1753 sogar flüchten, so stark hatte der Spötter den Zorn des Monarchen erregt.“

Schon hier erkennt man die ersten Spuren der späteren Differenzen zwischen dem laizistischen, religionskritischen Frankreich und dem von Pastorensöhnen geprägten deutschen Gott in der Verfassung, der als absoluter Theokrat die Demokratie erfunden haben soll. Wunder gibt es immer wieder.

Lessings Vorschlag, die Qualitäten der Religionen im Wettbewerb ihrer guten Taten zu erkennen, war der Vorschlag eines demokratischen Agons – doch leider wider alle Vorstellungen der Religionen, die keine Werke, sondern den Bankrott der Werke per sola gratia forderten. Würde Lessings Nathan der Weise heute auftreten, würde er von Rotten amoralistischer Eliten aus Politik und Medien per roter Karte des Feldes verwiesen werden. Die Erziehung des Menschengeschlechts würde von FDP-Lindner wegen totalitärer Umerziehung aus dem Lehrplan der Schulen verbannt werden.

Heute wird nicht mehr erzogen, sondern durch äußere Reize der Macht und des Mammons genudgt (in die erwünschte Richtung geschubst, gedrückt und genötigt).

„Vordergründig vergleicht Lessing in der Schrift die Entwicklung der menschlichen Vernunft mit der Entwicklung der Vernunft beim einzelnen Menschen, wobei Gott als eine Art Erzieher der Menschheit erscheint. Die göttliche Offenbarung ist dabei für das Menschengeschlecht das, was die Erziehung für den einzelnen Menschen ist. Diese „Erziehung“ erfolgt im Wesentlichen in drei Stadien: Im ersten geschieht sie durch unmittelbare sinnliche Strafen und Belohnungen (= Altes Testament); im zweiten Stadium werden durch die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele Lohn und Bestrafung ins Jenseits verlagert (= Neues Testament); und in einem dritten Stadium wird es keine Belohnungen und Strafen mehr geben, weil die menschliche Vernunft so weit entwickelt ist, dass die Menschen das Gute tun, weil es das Gute ist (= Ewiges Evangelium). Diese drei Stadien durchlaufen alle Völker, so dass man an ihren positiven Religionen den jeweiligen Entwicklungsstand ihrer Vernunft erkennen kann.“

Lessing war einer der entschiedensten Kritiker der lutherischen Orthodoxie und lieferte sich mit dem Pastor Goetze eine Kontroverse, die heute undenkbar wäre. Dennoch will er Frieden schließen mit dem Glauben seiner Jugend, indem er Gott zum obersten Erzieher der Menschheit ernennt – die ihn durch ihre wachsende Vernunft überflüssig macht.

Prügel und Rohrstock, Lohn und Strafe der ersten Phase, werden in der dritten beiseite geräumt. Der mündige Mensch ist autonom geworden und tut Gutes, weil er es für richtig hält. Die Griechen kommen noch nicht vor, Winckelmanns Bewunderungsschrift des Schönen war zu einseitig ästhetisch gewesen, um die Vernunft von aller Offenbarung zu befreien.

Lessings dritte Stufe haben die Deutschen heute noch nicht erreicht. Ihr gesamtes Wirtschafts- und Fortschrittstheater setzt auf äußere Belohnungen: der Wettbewerb um die Herrschaft der Erde muss gewonnen werden. Streng genommen sind sie auf die erste Stufe zurückgefallen. Wenn eine Wirtschaftsflaute droht – wie demnächst in diesem Theater –, fühlen sie sich persönlich von Gott geprügelt. Nur eine Pastorentochter kann diesen Makel durch Eiapopeia lindern.

Selbst der linke Günter Grass kann Lessings Devise, die Menschen tun das Gute, weil es das Gute ist, nicht teilen:

„Grass glaubt nicht an eine Entwicklung des „Menschengeschlechts“ hin zu einer moralischen Vervollkommnung. Das Gegenbild liefert ein in den Roman eingebautes Gedicht, in dem die „große Helligkeit“ der Atombombe die Geschichte der Menschheit abrupt beendet.“

Gutes tun um des Guten willen, ist das sokratische Prinzip der Vernunft, das in Deutschland niemand kennt und kennen will. Über solche Naivitäten sind sie seit dem grässlichen Ende der Französischen Revolution und Napoleons Sieg über Deutschland hinaus. Ab sofort wurde Machiavelli zum Heiligen der deutschen Realpolitiker, die sich nie mehr Edles und Moralisches vorflunkern lassen wollten.

In Deutschland gibt es keine einzige intellektuelle oder politische Gruppierung, die sich zur autonomen Moral bekennt. Definiert man Mündigkeit als autonome Moral, ist Mündigkeit in hiesigen Gauen nicht angekommen. Mündigkeit ist die Frucht der Würde. Jeder Mensch muss als würdiger behandelt werden. Will er seine Würde in Taten umsetzen, kann er es nur durch Mündigkeit. So gesehen, ist Deutschland zur aktiven Würde oder Mündigkeit noch nicht gekommen.

Die Rechte hält nichts von Moral, sondern nur von Macht, die linken Postmarxisten fegen Moral vom Tisch. Beide sind unmündige Marionetten einer Geschichte des göttlichen Geistes oder des materiellen Seins.

Woher kommt das Elend der Deutschen? Dass sie noch immer – wie die Romantiker – Moral als Kanzelterror betrachten und nicht als Stimme ihrer eigenen Vernunft.

In einem Gespräch mit Eckermann verglich Goethe Lessing mit Voltaire:

„Ein Mann wie Lessing täte uns not. Denn wodurch ist dieser so groß als durch seinen Charakter, durch sein Festhalten! − So kluge, so gebildete Menschen gibt es viele, aber wo ist ein solcher Charakter! Viele sind geistreich genug und voller Kenntnisse, allein sie sind zugleich voller Eitelkeit, und um sich von der kurzsichtigen Masse als witzige Köpfe bewundern zu lassen, haben sie keine Scham und Scheu und ist ihnen nichts heilig. Die Frau von Genlis hat daher vollkommen recht, wenn sie sich gegen die Freiheiten und Frechheiten von Voltaire auflegte. Denn im Grunde, so geistreich alles sein mag, ist der Welt doch nichts damit gedient; es lässt sich nichts darauf gründen. Ja es kann sogar von der größten Schädlichkeit sein, indem es die Menschen verwirrt und ihnen den nötigen Halt nimmt. Und dann! Was wissen wir denn, und wie weit reichen wir denn mit all unserm Witze! Der Mensch ist nicht geboren, die Probleme der Welt zu lösen, wohl aber zu suchen, wo das Problem angeht, und sich sodann an der Grenze des Begreiflichen zu halten. Die Handlungen des Universums zu messen, reichen seine Fähigkeiten nicht hin, und in das Weltall Vernunft bringen zu wollen, ist bei seinem kleinen Standpunkt ein sehr vergebliches Bestreben. Die Vernunft des Menschen und die Vernunft der Gottheit sind zwei sehr verschiedene Dinge.

Da war der amoralische Geniegedanke der Romantik noch nicht durchgedrungen. Ein geistreicher Mensch musste Charakter haben. Charakterlose Freiheiten und Frechheiten, und seien sie noch so erfüllt von Esprit und Scharfsinn, zerrütteten den Menschen.

Das ging gegen Voltaire, doch zu Unrecht. Es waren Voltaire und seine Aufklärerfreunde, die die schändlichen Hexenprozesse und religiösen Drangsalierungen beendeten, die Denk- und Meinungsfreiheit brachten und die Französische Revolution vorbereiteten. Dass vereinigte Moral der Vernünftigen politische Prozesse in Bewegung setzen kann, ist deutschen Edelschreibern noch heute nicht zu vermitteln.

Goethe schillert in allen Farben. Vernunft – ja, aber nicht zu viel, sonst verliert man den Boden unter den Füßen. Vernunft – ja, aber die Probleme der Welt kann sie nicht lösen. Wozu, zum Henker, dann noch Vernunft? Um sie der Vernunft – Gottes unterzuordnen. Auch bei Goethe werden Reste des lutherischen Obrigkeitsglaubens sichtbar: seid untertan der Obrigkeit. Die Obrigkeit aller Obrigkeiten ist Gott.

Die ersten Aufklärer wollten nicht alle Religion vom Tisch wischen. Also machten sie Gott zur Vernunft. Gott wurde zum obersten Aufklärer. Kant wollte die menschliche Vernunft klar eingrenzen, um dem Glauben Platz zu schaffen: bestimmt nicht dem kirchlichen Afterglauben, sondern dem Vernunftglauben.

Höchstens in einem Punkt müsste man Goethe heute gegen die Aufklärer recht geben. Nach Newtons naturwissenschaftlichen Einsichten, berauscht von ihren eigenen Erfolgen gegen Dunkelmänner, Inquisitoren und sonstige Menschenfeinde, glaubten sie, dass der Mensch auf keine nennenswerte Hindernisse treffen würde auf seinem Weg zur Selbstvervollkommnung. Technischer und moralischer Fortschritt war für sie noch eine Einheit. Welche Verwerfungen der technische Fortschritt bringen würde, war nicht vorauszusehen.

In ihrem eigenen Sinn müsste die Aufklärung über sich selbst aufgeklärt werden, indem jeder humane Fortschritt ausschließlich von moralisch-politischen Kräften der Menschheit zu erwarten ist. Technischer Fortschritt ist nicht per se dämonisch. Dämonisch und verderblich aber ist er als blinder Glaube an die automatische Qualität des Fortschritts im Dienste des Menschen. Alles, was wir erfinden werden, wird dem Menschen nützen: dieses überhebliche Glaubensbekenntnis hat sich als schreckliche Verblendung herausgestellt.

Kurz nach der Revolution waren die Deutschen für manche Franzosen ein hochmoralisches Volk. Kein Wunder, lag doch die Romantik noch in den Windeln. Über „Deutschland“ lag protestantischer Ernst, den viele noch heute für Moral halten. Irrtum, er ist Furcht und Schrecken vor Gott.

1814 schrieb der Frühsozialist Saint-Simon über die Deutschen:

„Man trifft bey den Deutschen die reinste Moral, eine Aufrichtigkeit, die niemals untergeht, eine probfeste Redlichkeit. Mitten unter den schrecklichsten Kriegen, den grausamsten Feindschaften der unerträglichsten Unterdrückung, hat sich dieser Charakter nie verläugnet. Niemals ist ein französischer Soldat durch Verrätherey in diesem Lande, welches Frankreich verheerte, umgekommen.“ (Von dem Wiederaufbau der europäischen Staaten-Gesellschaft)

Eine idealisierende Aussage über ein Volk, das als Nation noch nicht existierte und seine Zusammengehörigkeit im Reich des Denkens und der Literatur suchen musste.

Germaine de Staël hingegen beurteilte die Deutschen nicht von außen. Die leidenschaftliche Gegnerin Napoleons hatte die besten Geister in Weimar kennen gelernt. 1810 schrieb sie:

„Die aufgeklärten Köpfe in Deutschland streiten lebhaft miteinander um die Herrschaft in Spekulation; hier leiden sie keinen Widerspruch, überlassen übrigens gern den Mächtigen der Erden alles Reelle im Leben. Der Geist der Deutschen scheint mit ihrem Charakter in keiner Verbindung zu stehen, jener leidet keine Schranken, dieser unterwirft sich jedem Joche; jener ist unternehmend, dieser blöde. Alles einsehen und begreifen ist ein erheblicher Grund zur Ungewissheit; die Kraft zu handeln, entwickelt sich nur in freien und mächtigen Gegenden.“

Als ob die außerordentliche Frau das Deutschland von heute vorausgesehen hätte. Die Deutschen sind touristische Weltmeister, wissen alles, sind der Wirtschaft und Technik mächtig – und denken nicht daran, durch eigenes Denken und verantwortliches Tun eine selbständige Rolle in der Weltpolitik zu übernehmen.

Sie haben sich untertan gemacht: den Mächten des Fortschritts, des zerstörerischen Wettbewerbs, der kommenden Digitalisierung, der amerikanischen Weltmacht. Europa ist für sie nur lästige Verwandtschaft, Frankreich der eitle Freund, den man braucht, aber nicht weiter ernst nehmen muss. Moral haben sie von der Politik abgeschnitten, die für sie die mechanische Bedienung einer Interessenmaschine ist. Wie Neoliberalismus und Marxismus keine Moral kennen, kennen Deutsche keine moralische Politik. Knallharte Interessenpolitik muss alle Konkurrenten platt machen.

Sie fliegen in alle Welt, vernichten ihre letzten Überlebenschancen, kehren nach Hause zurück, rühmen die entlegensten Landschaften, die das Glück hatten, von ihnen bewundert zu werden. Menschen? Trafen sie keine. Nur Nutznießer ihres Geldbeutels, der die Fremde als zweiwöchige Beute ihres Eskapismus mietete.

Die Welt neidet den Deutschen ihren Wohlstand. Je besser es ihnen geht, je mehr werden sie von ihren Nachbarn abgelehnt. Ihr Drang in die Welt wird nicht fremdenfreundlicher, sondern abweisender und defensiver. Mauern werden errichtet, Grenzen gesichert, Flüchtlinge zu Parasiten erklärt. Die konsumierende Haltung in der Fremde wird zur Ablehnung in der Nähe.

Wer jetzig Zeiten leben will,
muß hab'n ein tapfers Herze,
es hat der argen Feind so viel,
bereiten ihm groß Schmerze.
Da heißt es stehn ganz unverzagt
in seiner blanken Wehre,
daß sich der Feind nicht an uns wagt,
es geht um Gut und Ehre.

Geld nur regiert die ganze Welt,
dazu verhilft Betrügen;
wer sich sonst noch so redlich hält,
muß doch bald unterliegen.
Rechtschaffen hin, rechtschaffen her,
das sind nur alte Geigen:
Betrug, Gewalt und List vielmehr,
klag du, man wird dir's zeigen.

Das Lied stammt aus dem 17. Jahrhundert, es könnte von heute sein.

Aufrüsten, eine europäische Armee einrichten, den wirtschaftlichen Wettbewerb gegen Gott und die Welt bestehen und alles den Segenshänden der Magd Gottes übergeben. Frankreich ist zu katholisch und aufgeklärt, zu laizistisch und religionsfeindlich, zu zentralistisch und gelbwesten-revolutionär. England richtet sich selbst zugrunde und Amerika versinkt in apokalyptischen Endzeitphantasien. Alles nichts für abgeklärte, übersättigte Zyniker, die lange genug gezeigt haben, dass sie Demokratie können.

Doch muss man nicht gelegentlich aufs Spiel setzen, was man zu können glaubt? Muss man seine Vergangenheit nicht regelmäßig tilgen und sich neu erfinden? Neues muss das Alte besiegen, sonst drohen Langweile und Deklassierung. Mit demokratischer Gutgläubigkeit kann man China kein Paroli bieten, mit Glauben an das Gute Russland nicht in die Schranken weisen.

Ein halbes Jahrhundert utopischer Dämmerschlaf ist vorbei.

Wach auf, wach auf, du deutsches Land!
Du hast genug geschlafen.

 

Fortsetzung folgt.