Sofort, Hier und Jetzt LXVI

Tagesmail - Montag, den 21. Januar 2019

Sofort, Hier und Jetzt LXVI,

in skandalösen Zeiten müsste der Begriff Skandal inflationär benutzt werden, um die Zeiten sachgerecht darzustellen. Würde er aber inflationär benutzt, wäre er morgen verbraucht und landete als Plastik-Müll an den Stränden von Malaysia.

Der Skandal des Jahres, des Jahrzehnts, der Jahrhunderte, des gesamten Fortschritts und der Moderne:

Was verdienen (verdienen tun sie es nicht: sie kassieren) die Superreichen mehr? Nur lumpige 2,5. 2,5 was? Milliarden. Täglich.

„Das Vermögen der Milliardäre stieg laut dem Ungleichheitsbericht um durchschnittlich 2,5 Milliarden Dollar pro Tag. Die statistisch gesehen ärmere Hälfte verlor 500 Millionen Dollar je Tag. Auch in Deutschland habe sich die Lage nicht verbessert – nötig seien ein höherer Mindestlohn sowie eine stärkere Belastung von Vermögenden, Konzernen, Erbschaften und hohen Einkommen. Besonders Frauen und Mädchen sind laut dem Bericht von sozialer Ungleichheit bedroht. So besäßen Männer im globalen Durchschnitt 50 Prozent mehr Vermögen als Frauen. Zudem hätten Frauen wegen unbezahlter Arbeit wie Pflege oder Kindererziehung oft weniger Zeit, sich politisch zu betätigen – dies verstärke ihre Benachteiligung und zementiere ein Wirtschaftssystem, das von Männern für Männer gemacht sei. „Das Problem der wachsenden sozialen Ungleichheit ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit", sagte Jörn Kalinski, Leiter Entwicklungspolitik von Oxfam Deutschland. Sie biete einen Nährboden für gefährliche Entwicklungen wie Rechtspopulismus und aggressiven Nationalismus. Insgesamt verfüge das reichste Prozent der Bevölkerung über ebenso viel Vermögen wie die 87 ärmeren Prozent. Damit zähle Deutschland zu den Industrienationen mit der größten Vermögensungleichheit. Mit 15,8 Prozent liege die Armutsquote auf dem höchsten Stand seit 1996, jedes fünfte Kind sei ...

... von Armut betroffen. Frauen verdienten im Durchschnitt 21,5 Prozent weniger als Männer.“ (SPIEGEL.de)

Pardon, nur kein Alarmismus: denn alles hat sich verbessert.

„Der Leiter des Ifo-Zentrum für Makroökonomik sagte demnach, dass die Vermögen der unteren Hälfte der Weltbevölkerung zurückgegangen sein sollen, "entspricht nicht der makroökonomischen Realität". Die Wirtschaft weltweit wachse und die Armut nehme insgesamt deutlich ab. Auch laut Oxfam ist die Entwicklung positiv: Die Zahl der Menschen in extremer Armut habe sich zwischen 1990 und 2010 halbiert und nehme weiter ab.“

Oxfam, die verdienstvolle Gruppe, fühlt sich, wie jede kritische Gruppe, genötigt, nicht immer so entmutigend pessimistisch zu sein. Vor allem absolut objektiv: deshalb ihre „positive Bilanz“.

Damit ist sie aber den Verharmlosern auf den Leim gegangen. Deren Objektivität ist erschlichen und steht im Dienst gewisser Mächte. Wie kann man dem Profi-Lügner Trump den Vorwurf machen, täglich verdrehe er die Tatsachen, wenn „seriöse Wissenschaftler“ nicht in der Lage sind, ihre unterschiedlichen Zahlen und Bewertungen vor der Öffentlichkeit zu erklären? Was sind das für Medien, die im Bereich der Fakten, Fakten, Fakten – ihrem genuinen Kompetenzbereich – es nicht nötig haben, diese Differenzen aufzuklären?

Wir befinden uns auf der logischen Entwicklungsstufe von Drei- bis Vierjährigen, die Widersprüche, wie aus der Pistole geschossen, konstatieren können. Zur „Erklärung“ der Unterschiede fügt die SPIEGEL-Redaktion hinzu:

„Oxfam nutzt als Grundlage Daten der Schweizer Großbank Credit Suisse sowie Vermögensschätzungen des US-Magazins "Forbes". Die Organisation weist darauf hin, dass ihre Werte nicht zwingend vergleichbar sind mit den Ergebnissen der Vorjahre, da es minimale Änderungen an der Methodik geben könnte.“

Jetzt wird’s lustig: nicht zwingend vergleichbar – dennoch wurden klare Vergleiche gezogen? Minimale Änderungen: relevant oder zu vernachlässigen? Auf welche Daten sich der Ifo-Experte beruft, halten Schreiber und Experte nicht mal für erwähnenswert.

Welcher Chefredakteur, vom Relotius-Verschwiemelungeffekt heimgesucht und gewillt, der ungeschminkten Realität reumütig ins Auge zu schauen, müsste diesen Artikel nicht unwirsch vom Tisch fegen?

Nacheinander. Die Armut nehme insgesamt deutlich ab? In absoluten oder prozentualen Zahlen? Ist das Wachstum der Weltbevölkerung mit berücksichtigt worden – oder hielt man sich an Bevölkerungszahl des letzten Jahres? Keine Frage, keine Antwort.

Wenn die Zahlen beider Seiten nicht vergleich- und erklärbar sind – wo bleibt da die Kunst der objektiven Statistik? Die Wissenschaften scheinen nicht mal in der Lage, ihre Differenzen zu konstatieren, geschweige sie durch Klärung zu beheben.

Verlassen wir den Bereich der Quantitäten und betreten das Reich der qualitativen Gedanken – ein Bereich, der fast immer ungeklärt bleibt. Die Zahl welcher Armen ist reduziert? Die der absoluten oder relativen Armut?

Absolute Armut ist Dahinsiechen und allmähliches Verrecken. Das also wäre der Triumph eines globalen Kapitalismus, eines steinreichen Planeten, dass die Zahl der Menschen zwischen Sein und Nichtsein gefallen sein soll? Bravo, Kapitalismus. Etwas Humaneres als dich hat es in der Geschichte noch nicht gegeben.

Der Kapitalismus brüstet sich, viele Arme in aller Welt zum ersten Mal dem Elend entrissen zu haben. Welch Irrsinn. Hat er sie nicht überhaupt erst in die Armut gestoßen?

Die „armen“ Kulturen dieser Welt lebten schlicht und einfach von den Früchten der Natur. Kühlschränke und Banken brauchten sie nicht, um ein zufriedenes Leben zu leben, ohne die Natur zu missbrauchen und ihr Überleben zu gefährden. Gegen Naturkatastrophen waren sie in der Tat nicht gerüstet. Diese aber waren absolute Ausnahmen, die die Regel der zuverlässigen Natur nicht außer Kraft setzten. Nie würden diese „Armen“ ihr Leben mit dem in einer „Hochkultur“ tauschen. Verglichen mit dem suizidalen Schattenreich unserer Glitterexistenz lebten sie in einem Garten Eden.

Warum wird in hiesigen Breiten das Reden über eine Utopie als lebensuntüchtige Nostalgie verworfen? Weil man Vergleiche mit gelungenen Modellen der Vergangenheit nicht zulassen will. Man legt Wert auf Unvergleichlichkeit. Jeden Tag muss man sich neu erfinden. Kein Blick zurück, alles schaut in die Zukunft, die als Kriterium wegen Unerkennbarkeit ausfällt. Zukunft ist wie Gott: man soll sie anbeten, sich aber kein Bildnis noch Gleichnis von ihr machen.

Was ist der gedankliche Kern des Problems beim Auseinanderdriften von Arm und Reich, ein Problem, das in diesem Zusammenhang nie angesprochen wird? Es ist das Problem der Gerechtigkeit. Wenn die Kluft zwischen Habenichtsen und Geldsäcken unablässig steigt – bedeutet das: die Ungerechtigkeit wächst ununterbrochen?

Von der absoluten Verelendungsquote müssten wir gesondert gar nicht reden. Die Todeskandidaten wären der grausamste Teil der Armen überhaupt, die durch wachsenden Abstand von den Reichen nicht nur an den Rand der Gesellschaft gedrängt, nicht nur gedemütigt und verachtet, sondern aus dem Prozess demokratischer Mitwirkung, dem Status der Würde und Gleichheit ausgeschlossen werden.

Gerechtigkeit? In der Moderne ein Nicht-Begriff. Höchste Form der Gerechtigkeit ist das Gefühl: hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein. Welcher Mensch der Gegenwart kennt noch dieses Gefühl? Wie kann man dann noch die Frage nach den Ursachen der heutigen Krise stellen? Der Triumphzug des Kapitalismus begann in der Wiege der Freiheit. Die moderne Ökonomie war ein Sprossling der antiken Demokratie, deren Regeln sie missachtete und deren Freiheit sie für ihre eigensüchtige Macht missbrauchte.

„Erst das Streben nach überflüssigen Gütern und der damit verbundene Übergang zu Viehzucht und Ackerbau entfesselte den Kampf unter den Menschen infolge des widerstreitenden Interesses derjenigen, welche den Besitz an diesen Gütern zu erwerben und derer, welche den bereites gewonnenen Besitz zu behaupten suchten. Und mit diesem Wettbewerb menschlicher Habgier, des gegenseitigen Mehrhabenwollens geht dann Hand in Hand Unrecht und Gewalt, Verfeindung und Fehde. Die Habsucht, so heißt es, hat die brüderlichen Bande zerrissen, welche die Menschen ursprünglich vereinigte, solange sie unverdorben dem Gesetz der Natur folgten.“ (Robert von Pöhlmann)

Ja, der gerechte Staat war ein „Gebilde der Liebe, Freiheit und Eintracht“, wie es bei einem Stoiker hieß, die vollendete Verkörperung jener Selbstgenügsamkeit – autarkeia –, wie sie dem cynisch-stoischen Ideal eines wahrhaft freien und naturgemäßen Lebens entsprach. (ebenda)

An diesen Stellen erstarrt die Moderne, die unter Gerechtigkeit nur die unbegrenzten Rechte des Individuums versteht, das sich die Gesellschaft zunutze macht, um seine unbegrenzten Einzelbedürfnisse auf Kosten aller anderen zur Entfaltung zu bringen. Aus der Gesellschaft als einem Hort der Zuflucht und Akzeptanz wurde eine Sportarena, in der nur die Stärksten gewinnen. Nach Losern fragt niemand.

„Wisset ihr nicht, daß die, so in den Schranken laufen, die laufen alle, aber nur einer erlangt das Kleinod? Laufet nun also, daß ihr es ergreifet!“

Das Hortmodell wurde zum Gladiatoren- und Sportmodell. Das Leben war kein Geschenk der Natur mehr, sondern musste verdient und erobert werden. Wer keine Vorleistung bringt, findet sich plötzlich am Ende der Gesellschaft.

Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen. Der Satz des Paulus – ein Todesurteil für philosophische Muße, die über Gott und Welt nachdenken muss – wurde von SPD-Müntefering benutzt, um Hartz4-Barbareien zu rechtfertigen. Ich denke, also bin ich, wurde zum Befehl: Du malochst – oder du bist nicht.

Wer seine Nase rümpft über so viel Ethik, vergisst die Herkunft der Menschenrechte aus dem Kreis der Stoiker und Kyniker. Eine Moral, die ihren Namen verdient, muss den Einzelnen als Mitglied einer terrestrischen Gemeinschaft sehen. Seine Freiheit kann nichts anderes als die Freiheit aller sein. Sich auf der Erde heimisch fühlen im Umkreis anderer Menschen, das ist die vergessene Urquelle der Demokratie.

„Und es trat zu ihm ein Schriftgelehrter, der sprach zu ihm: Meister, ich will dir folgen, wo du hin gehst. Jesus sagt zu ihm: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hin lege. Und ein anderer unter seinen Jüngern sprach zu ihm: HERR, erlaube mir, daß hingehe und zuvor meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Folge du mir und laß die Toten ihre Toten begraben!“

Bedürfnisse der Pietät, ein Platz, wo man sich zu Hause fühlt: das wird vom Erlöser abgewiesen, der die Erde als fremd und abweisend empfindet, keine irdische Stadt kennt, aber der himmlischen zustrebt. Das ist die veränderte Umgebung der christlichen Wettbewerbsarena, in der jeder um den ersten Platz kämpfen muss. Schon der zweite ist ein Verlierer. Freiheit ist die Chance des Einzelnen, die irdische Muttersippe hinter sich zu lassen, um in einem imaginären Reich der Einzelne zu sein.

Demokratie ist eine erweiterte Muttersippe, in der jeder jeden anderen als gleichberechtigtes Mitglied der Gemeinschaft anerkennt.

Die christliche Moderne ist über diese heidnische Nostalgie hinaus. Sie gibt sich aus als die höhere Stufe der Evolution oder die höchste der Geschichte, die von nichts mehr übertrumpft werden kann. Die Freiheit der selbsternannten Geschichtsvollender ist die Freiheit des prädestinierten Individuums, das keinerlei Rücksicht auf die vorherbestimmten Verlorenen nehmen muss.

Die Gemeinde Christi ist der Demokratie nachgebildet, aber in der faschistischen Verformung durch Platon: an die Stelle der absoluten Gewalt der Weisen ist die Allmacht des Gottessohnes getreten.

„Unter Vorbestimmung verstehen wir Gottes ewige Anordnung, vermöge deren er bei sich beschloss, was nach seinem Willen aus jedem (…) Menschen werden sollte! Denn die Menschen werden nicht alle mit der gleichen Bestimmung erschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis vorher zugeordnet.“ (Calvin, Institutio III,21,5)

Streng genommen ist die Freiheit des neucalvinistischen Neoliberalismus nur eine Farce – wie die gesamte Geschichte als Wettlauf um den Sieg des Einzelnen nur eine Farce ist. Wenn alles vorher entschieden wurde, sind alle irdischen Ereignisse Abläufe einer programmierten Geisterbahn. Neoliberale Freiheit ist vorherbestimmte Nötigung, seine eigene Person als Sieger über die Ziellinie zu bringen. Das Schicksal seiner Konkurrenten kann ihn nicht bekümmern, denn es wird von Oben bestimmt.

Kaum ein Lutheraner weiß, dass auch der deutsche Reformator ein Vertreter der Vorherbestimmung war. Er ging mit dieser Lehre nur nicht so aggressiv an die Front wie der Franzose aus Genf.

Die moderne Demokratie als Mixtur aus heidnischer Demokratie und christlicher Determination ist letztlich zum Scheitern verurteilt. Aus theologischen und sachlichen Gründen. Missachtung der Gesellschaft durch göttliche Bevorzugung Einzelner sprengt jedes autonome Miteinander der Menschen.

Grenzenlose Wirtschaft und begrenzte Demokratie sind inkompatibel. Von Anfang an waren Demokratie und Wirtschaft Zwillinge, die nicht miteinander konnten und der Starke den Schwachen im Bruderkampf aus dem Weg räumen wollte.

Demokratie war der Versuch einer face-to-face-Gruppe, ihre Probleme nach Regeln von Gleichberechtigten zu bewältigen. Die neue Freiheit aber verlockte die Wagemutigsten, über alle Grenzen hinaus im Tauschverkehr mit Nachbarn Reichtum und Macht anzuhäufen. Macht, die jeden Rahmen der Polis sprengen musste. Vom Willen des Volkes war sie nicht autorisiert.

Der Drang nach internationalem Austausch brachte manche Vorteile für die demokratische Heimatgemeinde: der kosmopolitische Geist konnte sich entwickeln, kulturelle Vergleiche brachten viele Anregungen zur Beantwortung der Frage: Wer sind wir? Warum unterscheiden wir uns von anderen? Wer hat Recht, wenn politische Lebensentwürfe unvereinbar sind?

Das Aufeinandertreffen von eigenen und fremden Erfahrungen bildete den Humus, auf dem die Menschenrechte wuchsen. Das war das Positive der Ausdehnung in die Welt durch Kaufmänner und Abenteurer, die ihre Erlebnisse reflektierten und in philosophische Erkenntnisse verwandelten.

Doch der wirtschaftliche Drang ins Fremde und Unbegrenzte stapelte den Reichtum der Wagemutigen in derartige Höhen, dass die Zuhausegebliebenen keine Chance hatten, diese Macht zu zähmen und in die Ordnung der Demokratie einzubinden. Der Geist der Polis war überschaubar und begrenzt, der Geist der Wirtschaft unbegrenzt und undurchschaubar.

„Der Wettbewerb um den höchsten Gewinn und Ertrag wurde bestimmend für die ganze ökonomische Signatur der Epoche. „Die Pleonexie (Habsucht) ist die notwendige Begleiterscheinung der kapitalistischen Volkswirtschaft, zugleich der Hebel des wirtschaftlichen Fortschritts, von Thukydides gepriesen als ruheloser Erwerbstrieb der Athener. Der Erwerbstrieb entartete zur Erwerbsgier, zur maßlosen Spekulation und Plusmacherei.“ (Pöhlmann)

„Im Schiffswagen fuhren sie über das
Salzige Gebiet mit segelstreichendem Wind.
Für die Speicher erhebend
Reichtum liebenden Wettstreit.
Denn unersättlich süße Sucht
Wohnet zum eigenen Verderben Sterblichen bei,
Die reichen Gewinne zu schleppen,
Umirren durch die Wogen der See, in
Fremde Städte dringend: Die Verblendeten.“ (Euripides)

Kapitalismus ist kein Gebilde natürlicher Gesetze, Gesetzen der Physik vergleichbar, wie Marx konstatierte, um sich als Newton der Ökonomie auszuzeichnen, sondern ein Gebilde menschlichen Machtwillens, dem es nicht gelang, seine überschießenden Erfahrungen zu bändigen und im Rahmen einer winzigen Polis zu demokratisieren.

Nicht zu vergessen: Athen war die einzige Demokratie weit und breit. Der endlose Kampf der Kleinstaaten untereinander trug nicht dazu bei, die Erfahrungen Athens auf andere Städte zu übertragen. Der erstaunliche Reichtum der Stadt des Perikles wurde Grundlage ihrer kulturellen Ausnahmestellung. Philosophie, Kunst und Demokratie machten Athen zur unvergleichlichsten und einflussreichsten Stadt bis heute.

Die explodierenden Begabungen, Kräfte und Mächte waren unfähig, das kleine demokratische Urwesen in Frieden zusammenzuhalten. Die Begehrlichkeiten wuchsen, die Regeln der Demokratie wurden von Neureichen als Fesseln empfunden und abgestoßen, die adligen Feinde der Demokratie witterten Oberhand, um eine Plutokratie zu errichten, das athenische Volk zerlegte sich in inkompatible Interessengruppen.

Der aufkommenden mazedonischen Heermacht war das geschwächte Athen nicht gewachsen. Alexander versuchte, den kosmopolitischen Geist der Griechen – den er bewunderte – mit militärischer Macht zu vereinigen. Er eroberte ein riesiges Weltreich im Nahen und Fernen Osten, gründete Städte mit Gymnasien, die von vielen besiegten Völkern angenommen oder geduldet wurden.

In der Neuzeit wiederholt sich der Kampf der ungleichen Zwillinge. Nach dem Krieg dominierte der demokratische Geist, die Mächte der Wirtschaft konnten gebändigt werden.

Doch je mehr der Geist internationaler Solidarität verblasste, die Volksherrschaften von der endlosen Macht des Geldes und des technischen Fortschrittes zersetzt wurden, begann die kannibalistische Herrschaft des himmelhoch-strebenden Wirtschaftsbruders über den Konkurrenten, dessen Horizont durch globale Ausdehnung überfordert war.

Der Freihandel hatte keinerlei demokratische Ambitionen, obgleich er so tat, als ob. Demokratische Zwangsbeglückung war stets nur ein Vorwand, um die Vormachtstellung Amerikas – des westlichen Anführers – über die Welt zu kaschieren.

Demokratien kann man durch Machtmethoden nicht übertragen. Wer die Welt demokratisieren und humanisieren will, muss Vorbild sein. Und darf seine Interessen mit schein-demokratischen Heucheleien nie anderen Völkern aufzwingen wollen.

Im Kampf gegen NS-Schergen war Amerika ein leuchtendes Vorbild. Im Verlauf der Nachkriegsjahre schmolz die Attraktivität des Vorbilds, bis es ins Gegenteil kippte. Was spätestens bei Dabbelju Bush stattfand. Die bislang unterentwickelten Völker, trotz imperialer Erfahrungen mit dem Westen lange Zeit im Bann der westlichen Demokratie, begannen die Bigotterie des Westens abzulehnen, ja zu hassen.

Der Westen, mit dem wirtschaftlichen Siegeszug über die Welt übersättigt, verlor seine Ambition, den humanen Geist der Demokratie in alle Welt zu senden. Früher waren es Kriege, mit denen sie die Welt überfuhren, jetzt war es – unter dem Mantel einer global-gerechten Ökonomie – wirtschaftliche Überlegenheit, mit der sie die Völker ausbeuteten. Immer verbunden mit der Predigt, die Welt der Schwächeren mit Almosen der Nächstenliebe auf gleiche Augenhöhe anzuheben.

Was sich in der jetzigen Weltkrise ereignet: alle Sünden der Vergangenheit kommen auf den Tisch. Die lange düpierten und ausgesaugten Ex-Kolonien haben aufgeholt, dass sie sich immer weniger gefallen lassen. Sie fühlen sich so erstarkt, dass sie den giftigen Sirenengesängen ihrer einstigen Besieger und Vorbilder nicht mehr folgen müssen. Sie sind dabei, ihren eigenen Weg zu entwickeln und dem Willen des Westens entgegenstellen. In China erhielt Amerika einen gleichberechtigten und mächtigen Rivalen um die Alphastellung in der Welt.

Die Monopolisten der Welt sind derart übermächtig geworden, dass die abdriftenden Demokratien keine Chance mehr haben, sie an die Leine zu nehmen. Nur ein international gemeinsamer Wille könnte die Googles, Amazons, Nestles und BASFs zerschlagen und entmachten.

Die Politik ist so schwach auf der Brust geworden, dass sie solche Perspektiven nicht mal denken darf. FDP-Lindner hält von Gerechtigkeit im globalen Maßstab nichts, doch Hartz4-Demütigungen müssen sein – aus Gerechtigkeitsgründen.

Um die Verhältnisse zu ändern, müssten die Völker sich zu einer globalen moralischen Anstrengung aufraffen. Einer Moral, die sich in politischen Entscheidungen realisiert. Doch der Fall der Demokratie geht einher mit moralischem Verfall. Moral halten die amoralistischen Flagellanten der Gegenwart für private Belanglosigkeiten, für knallharte Interessenpolitik ungeeignet.

Just im Kapitalismus hat sich Marxens Materialismus durchgesetzt. Nicht das Bewusstsein – die moralische Kompetenz des Menschen – bestimmt das Sein. Menschen bestimmen und prägen nichts mehr. Sie werden geprägt und determiniert.

Marx und Calvin sind geistige Brüder. Was dem einen Gott, ist dem anderen das materielle Sein. Der Mensch bleibt ein getriebenes, von höheren Mächten geführtes Wesen. Weder im Kapitalismus noch im Marxismus ist der Mensch Autor seines Geschicks.

Wir brauchen politische Entscheidungen, keine moralischen Angebereien, tönt es von Seiten der Kalten und Sachlichen. Dass Politik die Frucht der Mündigkeit ist, ist Lobrednern der Unmündigkeit nicht zu vermitteln.

Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn? Da kochen die Porscheseelen von FDP-Lindner bis WELT-Poschardt. Das sei staatliche Umerziehung, höhnen Lindner & Co, die keinerlei Schwierigkeiten haben, die Deutschen auf Digitalisierung umzuerziehen.

„Verkehrsminister Andreas Scheuer erklärte, die Vorschläge seiner Experten seien "gegen jeden Menschenverstand". Porschefahrer (und FDP-Chef) Christian Lindner twitterte, es brauche kreative Lösungen und keine "Umerziehung".“ (SPIEGEL.de)

Jede Demokratie ist eine Gemeinschaft, die sich durch Streit, Dialog und Gesetzgebung selbst erzieht. Eine dominante Wirtschaft hingegen erzieht die Bevölkerung zur Ethik grenzenloser Gier.

Eine demokratische Erziehung bedient sich überzeugender Argumente und eines vorbildlichen Verhaltens.

Eine ökonomische Umerziehung bedient sich wirtschaftlicher Erpressung und Skinner‘scher Verhaltensreize, die den Zöglingen und Objekten subkutan verabreicht werden. Das ist Faschismus auf psychologische Art.

Die grenzenlos wuchernde Ungerechtigkeit der globalen Wirtschaft ist – skandalös. Sie ist die komplementäre Seite der Klimakatastrophe. Beide Skandale sind systemverwandt.

Wer die Klimakatastrophe verhindern will, muss die ungerechte Ökonomie angreifen. Wer die gnadenlose Ökonomie entmachten will, muss den Menschen als mündiges Wesen rehabilitieren.

Diese Thesen sind demokratische Trivialitäten auf Anfängerniveau. Deutschland ist dabei, dieses Niveau zu unterlaufen.

 

Fortsetzung folgt.