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Tagesmail - Mittwoch, den 09. Januar 2019

Sofort, Hier und Jetzt LXI,

„Sollte man nicht fortgehen aus dem Paradies, solange man noch am Leben ist?“ – fragt sich Jürgen Schmieder, Korrespondent der SZ in Kalifornien, wo ein Erdbeben „biblischen Ausmaßes“ das traumhafte Land an der Westküste jederzeit auslöschen, Amokläufer und Terroristen Schulkinder erschießen und Waldbrände jeden Sommer die teuersten und sichersten Villen in Schutt und Asche legen können. (Sueddeutsche.de)

Auch Deutschland ist ein Paradies mit Chaos-Perspektiven. Hier denkt niemand an Flucht. Auch nicht an Verhinderung des Chaos, das so sicher wie das Amen im Gebet über das glückliche Land kommen wird.

Naturkatastrophen kann man nicht verhindern, man könnte aber versuchen, ihren Auswirkungen vorbeugend zu entfliehen. Muss man denn am Fuße eines explosionswilligen Vulkans wohnen? Ganz Kalifornien umsiedeln aber könnte ein bisschen schwieriger werden.

Menschengemachten Desastern allerdings könnte man sich mit aller Kraft entgegenstemmen – wenn man wollte. Wer will denn sowas, solange alles friedlich scheint?

Die Lehre vom Schein und Sein diente früher dazu, den trügerischen Schein zu durchbrechen, um zum wahren Sein vorzudringen. Heute ist alles scheinhaft und trügerisch, doch der Schein ist zum Sein geworden. Unmittelbar hinter dem Trug beginnt – das Nichtsein, das niemand will.

Oder doch? Vielleicht wäre es trefflicher zu sagen: das Nichtsein will jeder, weshalb niemand drüber spricht, damit kein Weltverbesserer sich ermutigt fühlt, die beste aller Welten zu verschlimmbessern. Nichts schlimmer als Utopisten, die aus ...

 ... Perfektionsdrang alles in Trümmer legen müssen.

Zufall, dass Leibniz, der die beste aller möglichen Welten propagierte, ein Deutscher war? Die beste aller möglichen Welt war nicht die beste überhaupt. Gott erwog unendlich viele Welten, dann entschloss er sich, die beste unter allen möglichen zu wählen. Das war für ihn diejenige, in der das Gute das Übergewicht über das Böse hatte. Er hätte auch eine ohne das Böse erschaffen können. Dann aber wäre die Welt schlechter gewesen als die jetzige, in der Faust ohne Mephisto nicht lebensfähig ist. Welcher Deutsche wollte auf das faustische Prinzip verzichten?

Das Böse ist kein Beweis gegen Gottes Güte, denn ohne Böses wäre das Gute saft- und kraftlos. Gott ohne Teufel wäre ein Jammerlappen. Das Böse ist der Pädagoge des Guten. Wenn das Gute die Welt erobert und seine Heilsgeschichte siegreich vollendet hat, ist der Teufel überflüssig geworden und wird sang- und klanglos abserviert. Am Ende zeigt sich, dass der Erzieher des Menschengeschlechts ein ziemlich dummer Teufel sein muss. Er hat seinen Dienst getan, er kann gehen.

Vorsicht vor den Guten, die vor nichts zurückschrecken, nicht einmal vor logischen Widersprüchen.

„Dieser Beweis gefiel offenbar der Königin von Preußen. Ihre Leibeigenschaften mussten weiter Böses erleiden, während sie fortfuhr, das Gute zu genießen. Es war beruhigend, dass ein großer Philosoph versicherte, dies alles sei in Ordnung.“ (Bertrand Russell, Die Philosophie des Abendlandes)

Voltaire, stolzer Vordenker der Aufklärung oder der Epoche des Lichts, hätte Leibniz zustimmen müssen. Auch er war überzeugt, in der besten aller bisherigen Geschichtsepochen angekommen zu sein. Doch er stimmte nicht zu – worunter das deutsch-französische Verhältnis bis heute zu leiden hat.

Beide Länder scheinen dasselbe für richtig zu halten, doch wenn‘s zum Schwur kommt, ist es um die sentimentale Eintracht geschehen. Leibnizens Perfektionsglaube war obrigkeitshörig: alles paletti in Preußen, nichts muss verändert werden. Voltaires Optimismus hingegen war staatskritisch. Selbst war er kein Revolutionär, aber seine Gedanken führten zur Unterminierung der Gesellschaft, die letztlich die Französische Revolution vorbereitete.

„Er sieht das Übel in der Bösartigkeit der Herrschenden und zeigt, dass diese ihre Erfolge gerade der Gutgläubigkeit ihrer Untertanen verdanken, deren Realitätsblindheit sie immer wieder ihren Schlächtern ausliefert. In einer idealen Gesellschaft müssten alle Beteiligten aus den vorhandenen Reichtümern einen angemessenen Vorteil ziehen. Ein Programm, das auch heute noch geradewegs zur Revolution führen würde.“ (Stiftung Voltaire)

Und schon stehen Gelbwesten bereit, die nächste gallische Revolution vorzubereiten, während die Leibniz-Deutschen ihre Regierung, wenn auch mit Grummeln, auf Händen tragen. Die Königin der Deutschen, pardon ihre Kanzlerin, wird Leibniz nicht gelesen haben, doch seiner Harmoniegesänge bedient sie sich gern.

Macron fühlt sich als Aufklärer, doch verändern will er nichts, Merkel ist eine Magd Gottes, doch verändern will sie auch nichts. Sie ist überzeugt, dass das Böse unverzichtbarer Bestandteil der civitas terrena ist. So tun sie dasselbe in prästabilierter Apathie, wiewohl in reziproker Absicht, den anderen von seinem nationalen Irrtum abzubringen.

Müssten Demokratien nicht prinzipiell einig sein im Ermöglichen des Glücks für jedefrau und jedermann? Am Glück erkennt man, warum Deutschland es nie aus eigener Kraft zur Demokratie brachte. Glück ist dem deutschen Wesen eine Versuchung, der man zu widerstehen hatte.

Kants sittlicher Wille muss „unabhängig von eudaimonischen Zwecken und Trieben bestimmt werden.“ Der Mensch soll gut sein um des Guten willen, nicht um glücklich zu werden. Kant hat den Pietismus seiner Eltern nie ganz überwunden. Wer gut ist um des Glückes willen, ist so fremdbestimmt wie der Fromme, der um der Seligkeit willen gute Werke vollbringt. Unglück muss ertragen werden um des guten Endzwecks willen. Erst, wer seine Pflicht getan hat, kann – ohne darauf zu spekulieren – irgendwann das Glück als Geschenk der Natur entgegennehmen.

Bei Hegel ist die Weltgeschichte „nicht der Boden des Glücks“. Bei Marx erscheint das Glück erst am Ende der Geschichte im Reich der Freiheit. Vorher gibt es nur Empörung, Leiden und Klassenkampf. Ab Schopenhauer beginnt der Enthusiasmus für Unglück und Untergang, weil er im Leben keine Erfüllung mehr sah. Das Leben ist eine Strafe, komm Gevatter Tod, erlöse uns. Nietzsche wollte unabhängig sein von Glück und Unglück:

„Trachte ich denn nach Glücke? Ich trachte nach meinem Werke.“

Das „Werk“ der Deutschen wurde immer mehr zur gewalttätigen Erhöhung des eigenen Selbst und zum Untergang alles Fremden und Feindlichen.

Seit sie durch Besiegung zwangsdemokratisiert wurden, gehört es zu ihrem reeducated Strebertum, glücklich sein zu müssen. Denn das Streben nach Glück war das Geheimnis des amerikanischen Traums. Amerikaner dürfen träumen und die Sterne erobern, Deutsche müssen sich alle Utopien verbieten – gleichwohl glücklich sein. Für traditionelle Verächter der Logik kein Problem.

„Das "Streben nach Glück" ist das amerikanischste der Menschenrechte. In der französischen "Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte" von 1789 fehlt es ebenso wie in der Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948. Die Idee, dass das Streben nach Glück ein Recht ist, hat die DNA des amerikanischen Kapitalismus geprägt. Sie steht für grenzenlose Gier ebenso wie für Erfindergeist, Wagemut und überwältigende Großherzigkeit. Sie ist wie eine Formel, die immer wieder neu Menschen inspiriert, sich ihren Traum zu verwirklichen.“ (Sueddeutsche.de)

Schreibt Nikolaus Piper in der SZ, der sich gewöhnlich als Parteigänger Hayeks darstellt. Bei Hayek aber kann Glück nicht der Zweck der Ökonomie sein. Denn im Bereich des evolutionären Marktes herrschen „Zeit und Zufall“, aber kein finales Glück.

Nicht überraschend, dass deutsche Hayekianer sich mit ihrem Guru gedanklich nicht auseinandersetzen. Denn Wirtschaft ist für sie das Bedienen einer Maschine, die nur naturwissenschaftlichen Gesetzen gehorcht. Mit philosophischem Geschwätz hat sie nichts zu tun. Doch worauf will Piper hinaus – wenn ihm schon sein Mentor gleichgültig ist?

„Das Recht auf Streben nach Glück impliziert, dass es auch ein Recht gibt, unglücklich zu sein. Jefferson und Franklin wäre diese Feststellung vermutlich trivial vorgekommen. Nach den totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts weiß man: Nichts daran ist trivial. Sowohl der Stalinismus als auch der Nationalsozialismus und später der Familienkommunismus der Kims in Nordkorea verlangten von ihren Untertanen, dass sie glücklich waren oder zumindest so taten als ob.“

Jetzt ist die Katze aus dem Sack. Piper wandelt auf den Spuren von Leibniz, der das Gute ohne das Böse nicht denken konnte. So auch beim Streben nach Glück. Wer das Recht auf Glück beansprucht, darf das „Recht auf Unglück“ nicht ablehnen.

Eine neoliberale Gesellschaft ist vollkommen wie Leibnizens beste aller möglichen Welten: Glück und das Gute für die einen, Unglück und das Böse für die anderen. Das Glück des Einen darf auf dem Unglück des anderen ruhen. Wie man glücklich sein kann, wenn die meisten zum Unglück verdammt sind, das ist keine amerikanische Frage. Autonomes Glück und faschistische Zwangsbeglückung sind für Piper verwechselbar. Wer Glück propagiere, wolle Gewalt, das steht für ihn fest.

Verquerer als bei Piper kann deutsche Logik nicht sein. Wer demokratische Rechte beansprucht, muss auch demokratische Rechtlosigkeit akzeptieren. Du willst Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Dann musst du bereit sein für Unfreiheit, Ungleichheit und Inhumanität. Du willst Menschenrechte? Dann darfst du das Recht auf Unmenschlichkeit nicht abweisen. Wenn Recht bedeutet, die Verneinung des Rechts nicht verneinen zu dürfen: kann es dann noch ein Recht sein? Ein Recht ist die Überwindung des jeweiligen Unrechts, nicht die Einebnung von Recht und Unrecht.

Deutsche Dialektik sorgt für Harmonie aller Gegensätze. Moralischer Fortschritt ist nicht Überwindung der Unmoral, sondern die Liebesehe von Gut und Böse. Alles ist gut. Die Versöhnung aller Widersprüche hat Hegel in Berlin wahrgenommen.

Die jetzige deutsche Regierung folgt Hegel aufs I-Tüpfelchen. Wenn ein Amerikaner das Ende der Geschichte ausruft, wird er von deutschen Hardcore-Realisten an die Wand genagelt. Hegels Ende der Geschichte in dialektischem Eierkuchen hingegen wird als deutsches Bildungsgut betrachtet. Auf Marxens Schlaraffenland müssen wir noch warten, doch es wird so sicher kommen wie die Wiederkunft des Herrn.

Bei Allversöhnern gibt’s keinen Untergang der Gattung. Warum sollte die Berliner Regierung in endzeitliches ADHS verfallen, wenn wir bereits in einer unbesiegbaren Harmonie gelandet sind?

Immer weiter so. Immer weiter durch die Heilsgeschichte jagen die Erwählten. Kein Innehalten, keine Selbstbesinnung. Nach seinem Fälschungsdebakel begnügt sich der SPIEGEL mit Pipifax. Ein grundsätzliches Nachdenken gibt’s in der ganzen Branche nicht – die einmütig war im Lob des Dekorativen. Gefälschtes juckt niemanden, wenn es nur in pittoresquem Rahmen serviert wird.

„In jenen Jurys, die Claas Relotius zigfach auszeichneten, saß die Creme des deutschen Journalismus: hochmögende Moderatorinnen und Moderatoren, Spitzenreporter und -reporterinnen, Chefredakteure und Chefredakteurinnen. Sie namentlich aufzuzählen, würde den Platz sprengen, zumal es im Fall des Deutschen Reporterpreises (viermal an Relotius verliehen) auch noch üppig besetzte Kommissionen zur Vorprüfung der eingereichten Texte gab." (Berliner-Zeitung.de)

Edelschreiber leiden darunter, dass sie nicht als Künstler und Schriftsteller anerkannt werden. Weshalb sie sich ingrimmig auf Fakten, Fakten, Fakten stürzen. Intern aber sind sie vom ästhetischen Wert ihrer Märchen überzeugt – die vom Publikum genervt überblättert werden.

Gibt es beim SPIEGEL ein grundsätzliches Nachdenken? Gibt es bei allen Gazetten ein warnendes Schild: So nicht? Wenn wir überleben wollen, müssen wir uns ändern?

Anstatt sich auf demokratische Grundwerte zu besinnen und den Menschen zur Rettung seiner Gattung aufzurufen, sorgen zwei SPIEGEL-Artikel für Verhöhnung a) einer vitalen Volksherrschaft und b) einer notwendigen Humanisierung des homo sapiens.

a) Direkte Demokratie mit Volksabstimmungen wird von Ralf Neukirch als Verrat an der höherwertigen repräsentativen Demokratie angeklagt:

„Fast alle Parteien fordern Elemente direkter Demokratie auf Bundesebene – so soll das Misstrauen in die Politik abgebaut werden. Ein Fehler. Der Brexit hat gezeigt, dass komplexe Probleme sich nicht auf einfache Ja-nein-Aussagen reduzieren lassen. Die Möglichkeit zum Kompromiss, die im parlamentarischen System angelegt ist, existiert bei Volksentscheiden nicht. Das führt dazu, dass die Polarisierung meist stärker ist als bei Wahlen. Entsprechend größer ist der Frust der Unterlegenen, vor allem dann, wenn die Mehrheiten knapp sind. Die direkte Demokratie spaltet, statt zu einen." (SPIEGEL.de)

Unmöglich, dass man sich in der Moderne am historischen Original orientiert. Die Alten haben uns nichts mehr zu sagen, wir schauen in die Zukunft. In allen Dingen haben wir die Vergangenheit überholt. Das Wort: früher war alles besser, wurde ins absolute Gegenteil verkehrt: heute haben wir alles überrundet, morgen wird alles besser sein.

Das repräsentative Modell ist keine pragmatische Anpassung an unübersichtliche Staaten, sondern eine höhere Neuerfindung der unterkomplexen, kompromisslosen (wenn nicht totalitären) Urdemokratie. Direkte Volksentscheide vertiefen nur die Spaltung der Gesellschaft, wachsende Polarisierungen führen zur Auflösung der Nationen.

In Wahrheit kann die Wahl von Parlamentsabgeordneten nur ein Notbehelf sein. Eine lebendige Demokratie atmet mit allen Poren von Unten nach Oben. Ohne demokratische Basis in allen Lebensbereichen kann keine Volksherrschaft Bestand haben. Abgeordnete sind nur Beauftragte des Volkes, den Willen des Volkes können sie per höherer Einsicht nicht ersetzen.

Um das Volk zu delegitimieren, wird bei Neukirch das repräsentative Prinzip geadelt. Das von Gott gegebene Gewissen der Gewählten soll klüger sein denn die Stimmen des Pöbels.

Dabei haben die Erfinder des Parlaments keinen Zweifel daran gelassen, was sie bewegt: der direkte Einfluss gottverlassener Horden sollte eingedämmt werden. Was aus dieser Degradierung des Volkes wird, kann man am amerikanischen Wahlmänner-Prinzip ablesen. Wenn ein Gewählter der Pufferinstanz nicht gefällt, kann er so viele Stimmen erhalten, wie er will: er hat keine Chancen. Noch wichtiger aber für die Einführung der Repräsentation waren die Bevorzugung der Führungsklassen und das rechtlich gesicherte Ableiten der Geldströme in die richtigen Hände:

„Die Etablierung parlamentarischer Vormacht, des Rechtssystems, brachte den Männern von Vermögen den größten Nutzen. Durch die Tür der amerikanischen Revolution kam keine neue soziale Klasse an die Macht. Die neuen Mächtigen waren größtenteils Mitglieder der kolonialen Herrscherklasse. Vier Gruppen waren in der Verfassungsversammlung nicht vertreten: Sklaven, Leibeigene, Frauen und Männer ohne Eigentum. Niemand, der nicht ziemlich wohlhabend war, konnte ein öffentliches Amt bekleiden. Das Volk ist turbulent und wankelmütig, es urteilt und beschließt selten richtig. Gebt deshalb der ersten Klasse einen eindeutigen, dauerhaften Anteil an der Regierung. Nur ein dauerhaftes Organ kann die Unbedachtsamkeiten der Demokratie überwachsen.“ (zit. nach Zinn, Eine Geschichte des amerikanischen Volkes)

Misstrauen gegen das Volk in allen Bereichen demokratischer Kompetenz: daraus entsprang das repräsentative System. Bei Neukirch kein Deut anders: die Dinge sind zu komplex, das Volk kann nichts beurteilen – ganz im Gegensatz zu den Eliten. Sie blicken alles, sind verantwortungsfähig, uneigennützig und haben den Laden im Griff.

Wer, zum Teufel, ist dann schuld am suizidalen Kurs der Nationen? Alles Üble kommt vom Volk, ist „populistisch“, alles Gute kommt von den Eliten – und ihren medialen Kohorten.

Das Volk ist nicht unschuldig, sonst hätte es die Eliten längst zum Teufel gejagt. Wesentliche Entscheidungen aber werden von denen da Oben getroffen. Die Kanzlerin wird verehrt, obgleich sie alle Maßnahmen zur Klimaverschärfung, einer grenzenlosen naturzerstörenden Wirtschaft und der Etablierung von Superreichen unterschrieben hat.

Überall gibt es Defekte im demokratischen System der Deutschen, die in ihrer Summierung zur Lähmung der Nation geführt haben. Die Übermacht der Parteien, der Fraktionszwang, der die Meinung des Einzelnen ignoriert, die Unfähigkeit des Parlaments zu lebendigen Debatten – ganz anders als in England –, die Inflationierung der Kompromisse, die zur Denkunfähigkeit führte, das Empfinden scharfer Debatten als Spaltung: all das führte zur Sklerotisierung des Systems. Aberwitzig, diese kaum verhüllten Oligarchien als bessere Ausgaben der Volksherrschaft zu rühmen.

Niemand will wissen, wie diese oligarchischen Repräsentationen einst entstanden sind:

„Waren die Gründungsväter kluge und gerechte Männer, die versuchten, eine Balance zu finden? Sie wollten ganz sicher keine Balance zwischen Sklaven und Herren, Armen und Reichen, Indianern und Weißen, von Frauen und Männern.“ (Zinn)

Welch ein Kontrast zwischen Neukirchs und Russells Bewertung der direkten Demokratie:

„Athens Demokratie, obwohl stark eingeschränkt durch den Ausschluss von Sklaven und Frauen, war in einigen Punkten demokratischer als jedes moderne System. Die Richter und Beamten wurden durch das Los bestimmt und amtierten kurzfristig. Es waren gewöhnliche Bürger mit allen Vorurteilen und mangelnden Fachkenntnissen.“

Das Los erst nimmt die Gleichheit des Einzelnen – Isonomie – beim Wort. Jeder Mensch ist gleichwertig. Was er noch nicht kann, kann er lernen. Vernunft ist in allen Menschen, jeder hat die Pflicht, sie zu entfalten. Im Streit auf der Agora und in der Volksversammlung kann er seine Argumente erproben und überprüfen. Im Vergleich mit der Urpolis sind moderne Demokratien heuchelnde Plutokratien.

b) Ulrike Knöfel schreibt eine rasende Attacke gegen alle philosophischen Bemühungen zur Erziehung des Menschen und zur Selbstentfaltung seiner humanen Fähigkeiten. Zwangsbeglückungen und autonomes Wachsen in Einsicht wirft sie ebenso in einen Topf wie Steiner und Hitler. Sokrates und Platon scheinen für sie dasselbe zu sein: eine faschistische Dressur des Menschen durch Despoten.

„Vielleicht ist dies sogar das schwierigste Erbe von 1919 – diese Gleichsetzung einer gewissen Lebensführung mit einem vermeintlich zukunftsfähigen, irgendwie erleuchteten Charakter. Heute gehört zum Gutmenschen-Lebensstil im Sinne Steiners mehr denn je die Feier des Biodynamischen, ebenso die Befürwortung einer "direkten" Demokratie und eines Grundeinkommens. Eigentlich war das alles aber die ganze Zeit da. Joseph Beuys etwa, ein ergebener Bewunderer und Interpret Steiners, forderte in den Achtzigerjahren "Volksabstimmungen", er hielt politische Parteien für "Unsinn" und fand, "auf Einkommen besteht ein Menschenrecht. 1919 war das Jahr, in dem das Bauhaus entstand, die erste Waldorfschule gegründet und die seltsame Idee geboren wurde, der Mensch sei zu perfektionieren. Das Missverständnis lebt bis heute fort.“ (SPIEGEL.de)

Die Perfektionierung durch Technik und Naturzerstörung hingegen scheint Knöfel nicht zu stören. Mit links fegt sie alle philosophischen Streitfragen zur Menschwerdung vom Tisch. „Die seltsame Idee, der Mensch sei zu perfektionieren, dieses Missverständnis lebt bis heute fort.“

Das ist eine radikale Absage an die Demokratie. Denn diese wollte ein Forum bieten, auf dem strittige Meinungen zur Menschwerdung debattiert und praktisch überprüft werden konnten. Wer bin ich, fragte Sokrates. Bin ich ein Ungeheuer – oder ein Wesen auf der Suche nach dem Menschsein? Platons Schock über die Tötung seines Lehrers, seine Ungeduld mit den begriffsstutzigen Menschen, brachte ihn auf die Idee einer faschistischen Politeia, in der – laut Popper – sein Lehrer Sokrates keinen einzigen Tag überlebt hätte.

Zwischen messianischer Erlösung und autonomer Reflektion, zwischen Glauben und Denken kann Knöfel nicht unterscheiden. Selbstvervollkommnung klingt für sie wie Ruinierung des Menschen durch Überheblichkeit. Tatsächlich, sie weiß, dass die Idee der Vervollkommnung selbst in der Bibel vorkommt. Müsste sie konsequenterweise die christlichen Werte des Abendlandes nicht ins höllische Feuer verdammen?

„Nun lässt sich die Beschwörung des neuen Menschen schon in der Bibel finden.“

Es gibt viele Formen der Selbstvervollkommnung. Nicht alle sind gut oder freiheitlich. Eine Demokratie lebt davon, diese konkurrierenden Ideale miteinander zu vergleichen und das beste zu wählen. Alles prüfet, das Beste behaltet. Dies alles interessiert die Verfasserin nicht. Alles ist für sie totalitärer Funkenschlag: BGE und direkte Volksabstimmungen, selbständiges Denken und Guru-Wesen.

Die anerkannten Gurus der Gegenwart, die etwa Zuckerberg und Bezos heißen, werden von der Verfasserin nicht mal erwähnt. Jene glauben, die Menschheit durch Maschinen perfektionieren zu können – ohne dass sie sich im Geringsten ändern müssen.

Das wäre der finale Sieg der Maschinisten und Mächtigen über all jene, die durch Wahrheitssuche den Schlüssel zur Menschlichkeit finden wollen. Um selbstgefällige Perfektion kann es dabei nicht gehen. Sondern allein um die Frage: Was fehlt uns, um das Leben auf Erden lebensfähig zu gestalten?

Joseph Beuys, Mitglied der Grünen, wird zum Narren erklärt, weil er direkte Volksabstimmungen forderte und den Kapitalismus kritisierte:

„Joseph Beuys etwa, ein ergebener Bewunderer und Interpret Steiners, forderte in den Achtzigerjahren "Volksabstimmungen", er hielt politische Parteien für "Unsinn" und fand, "auf Einkommen besteht ein Menschenrecht".

Die seltsame Idee, der Mensch könne weise und friedlich, im Einklang mit Natur und Mitmensch leben: wird es nicht Zeit, dieses Hirngespinst am höchsten Galgen aufzuknüpfen, bis es nicht mehr zappelt?

Was will der SPIEGEL noch verteidigen, wenn er urdemokratische Werte lässig in Luft auflöst? Der amerikanische Trumpismus, anfänglich von deutschen Medien scharf angegriffen, ist längst zum deutschen Zeitgeist geworden. Zuerst Geld, Macht und Weltzerstörung, dann lang lang nichts.

Wer die beste aller Welten freiwillig verlassen will, sollte sich still und heimlich vom Acker machen. Niemand wird ihm eine Träne nachweinen.

Weltverbesserer sind Weltverderber. Wer die Welt retten will, lässt sie, wie sie ist. Siehe, sie war sehr gut und ist noch immer besser als alles, was der vermessenen Kreatur dazu einfällt. Ungläubigen ist es nicht anheim gestellt, an Gottes Schöpfung herumzupfuschen oder sie verbessern zu wollen.

Die Genialen und Erfolgreichen werden es schon richten. Perfekt müssen sie nicht werden. Sie sind es längst.

 

Fortsetzung folgt.