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Tagesmail - Donnerstag, den 27. Dezember 2018

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Auch mit richtigen Geschichten kann man betrügen: wenn sie daherkommen, als könnten sie im Einzelnen ein Ganzes adäquat darstellen. Sei es ein politisch Bedeutsames, moralisch Vorbildliches oder Abschreckendes.

Kann eine konkrete Tatsache beispielhaft für eine allgemeine Aussage stehen? Kann die Beschreibung eines einzelnen Fakts Aufschluss geben über eine umfassende Gesamtheit?

Umfragen haben ergeben, dass die Deutschen Helene Fischer für eine überragende Künstlerin halten.

Woher weißt du das?

Ich habe eine Umfrage gemacht.

Mit wie vielen Probanden?

Mit unsrer Patchwork-Familie am Heiligen Abend. Das sind nicht wenige.

Schon klar.

Das Hauptproblem der Demoskopen ist die repräsentative Stichprobe, mit welcher von Wenigen auf Viele, von einer Minderheit auf eine Gesamtpopulation geschlossen werden darf. Wie kann ich wissen, ob eine Stichprobe repräsentativ war, wenn ich das Gesamtbild nicht kenne?

Kann ich erst mal nicht. Ich kann aber lernen, die Qualität der Stichprobe immer mehr zu verbessern, wenn ich anschließend das Gesamtergebnis erfahre. Meine Auswahl war umso trefflicher, je mehr die Prognose sich dem späteren Gesamtergebnis annäherte.

Bei politischen Wahlen etwa. Prognosen, die das Endergebnis am präzisesten vorhersagen, haben das Problem der Auswahl am genauesten gelöst – wenn sie ...

 ... verlässlich und überzufällig das Endergebnis vorwegnehmen.

Was hat dies alles mit der jetzigen SPIEGEL-Affäre zu tun, in der ein Betrüger mit falschen Geschichten entlarvt wurde? Dass richtige Geschichten noch lange keine politische Relevanz besitzen. Dass einzelne Fakten nicht erfunden werden dürfen, versteht sich von selbst.

Was aber will uns eine erzählte Geschichte mitteilen?

Journalisten wollen die Realität abbilden, um ihren Lesern ein besseres Bild über einen bestimmten Ausschnitt der Welt zu vermitteln. Erkenntnisgewinn also wäre das Ziel einer konkreten Geschichte. Der Begriff Erkenntnisgewinn erscheint aber nirgendwo in der Debatte. Wie ist das möglich?

Wer Wahrheit verschmäht, kann von Erkennen nichts halten. Erkennen ist Aufdecken der Wahrheit. Seit dem Import des Neoliberalismus und der Postmoderne wurde der Begriff Wahrheit aus dem Vokabular deutscher Edelschreiber gestrichen.

Beide Ideologien sind Gegenaufklärungen: für Hayek ist die Vernunft des Menschen zu minderwertig, um die Wahrheit des evolutionären Geschehens zu erfassen. Für die Postmoderne gibt es viele subjektive Wahrheiten, aber keine objektiv-gültige. Jeder hat seine eigene, die er anderen nicht vorschreiben darf.

Postmoderne und Neoliberalismus, verstärkt durch uralte christliche Verachtung menschlicher Erkenntnisfähigkeit, die vor Gott eine Torheit ist, haben dem hiesigen Journalismus, der sich einst im Dienst objektiver Wahrheit sah, das Kreuz gebrochen.

Der SPIEGEL ist kein Einzelfall, er hat es nur am arrogantesten getrieben, weshalb er jetzt öffentlich Buße tun muss. Wird Buße nicht zum Erkennen der eigenen Fehler, wird sie bald zur hochnäsigen Demut entarten.

„Journalisten müssen der Wahrheit dienen, nicht dem eigenen Ruhm“: eine Schlagzeile wie diese von Annette Ramelsberger in der SZ wäre vor kurzem noch verspottet worden.

„In einer Zeit, in der "Fake News" zum Kampfbegriff geworden sind und Rechtspopulisten ihre eigenen Wahrheiten streuen, ist Glaubwürdigkeit lebensnotwendig für den Journalismus. Wenn man sich darauf nicht mehr verlassen kann, zerbröckelt das Fundament der Demokratie. Journalisten setzen das Bild der Welt zusammen – wenn sie dabei lügen, stimmt die Welt nicht mehr.“ (Sueddeutsche.de)

Lernen durch Versuch und Irrtum: das können Journalisten nicht. Kritische Selbsterkenntnis ist ihnen verwehrt. Sie müssten ja ihre Fehler in der Vergangenheit erkennen. Eine Vergangenheit aber kennen sie nicht. Wenn die Sonne des Tages sinkt, versinken auch ihre Tageswahrheiten.

Am nächsten Morgen beginnt die Geschichte von vorne. Nach hinten schauen halten sie für rückständig, überholt oder anachronistisch. Mit jedem neuen Tag, den ihr Gott werden lässt, erfinden sie die Schöpfung neu oder aus dem Nichts.

Ihre Gedanken richten sich nicht nach der Idee einer übertägigen Wahrheit. Sie halten den Finger in die Luft, um festzustellen, woher der Wind weht – den sie Zeitgeist nennen. Stets wollen sie auf der Höhe der Zeit sein. Gestern: aus den Augen, aus dem Sinn. Morgen: ein neuer Tag, ein neuer Zeitgeist.

Weder wollen sie erkennen noch aus ihren Fehlern lernen. Der SPIEGEL-Betrüger wäre nicht aufgeflogen, hätte er seine Storys nicht mit lächerlichen Falschheiten, sondern mit Richtigkeiten – dekoriert. Das Erschrecken der Redaktion schien authentisch, doch die Aufarbeitung ihrer Fehler droht pharisäisch zu werden: sie schlucken Elefanten und seihen die Mücken.

War das schon immer so beim SPIEGEL? Rudolf Augstein, der Begründer des Magazins und lange Zeit führender Kopf des deutschen Journalismus, war für seine knallharten Kommentare bekannt. Sagen, was ist: hieß sein Motto des Aufspürens und Enthüllens, das seine Nachfolger heute ständig zitieren, dem sie aber schon lange nicht mehr gerecht werden.

Sagen, was ist, heißt: sagen, was wahr ist. Da Augstein aber scharfe Kritik an den Verhältnissen übte, hätte sein Motto eigentlich lauten müssen: sagen, was ist – und sein soll. Das Sollen aber haben sich die neutralen Beobachter von heute längst abgeschminkt.

Nicht Augstein hat sich durchgesetzt, sondern H. J. Friedrichs unsägliches Motto, sich mit nichts gemein machen, auch nicht mit dem Guten. Das Motto ist selbst dann verwerflich, wenn eingeräumt wird: natürlich werden Pressefreiheit und sonstige Grundwerte für unabdingbar gehalten. Sind Edelschreiber der deutschen Sprache so wenig mächtig, dass sie bei der Formulierung ihrer Devisen nicht klar sagen können, wofür sie stehen?

Mit diesem, sich über alle moralischen Maßstäbe hinwegsetzenden, Leitmotto hätten sie auch das Dritte Reich überstanden. Äußerlich mit den Wölfen heulen, innerlich sich von nichts berühren lassen.

Bernd Ziesemer weist in seiner Kritik darauf hin, dass der dekorative Erzählstil des SPIEGEL mit den nüchternen Recherchen der Angelsachesen nichts zu tun hat:

„Auch mit dem Vorbild der großen angelsächsischen „Story“ hat das, was bei uns um sich gegriffen hat, nichts gemein: Was Zeitschriften wie der New Yorker oder die Washington Post betreiben, besticht durch das unglaubliche Ausmaß der Recherchen, die in die Texte eingegangen sind. Die Erzählweise dieser Stories aber ist oft vergleichsweise nüchtern, weit weg vom elegischen Literaturton journalistischer Texte bei uns. Viele deutsche Reportagen, die gleich sackweise Journalistenpreise kassieren, lesen sich irgendwie wie eine Novelle: Viel zu schön, um wahr zu sein.“ (Meedia.de)

H. J. Friedrichs war noch stolz auf seine Lehrjahre in der BBC. Davon ist heute wenig übrig geblieben. Auch hier sind die Deutschen auf einen nationalen Sonderweg zurückgefallen: sie verwechseln Politik mit Kunst.

In der frühen Klassik waren das Schöne, Wahre und Gute noch eine Einheit. Als aber die erste Begeisterung für die Französische Revolution übertragen werden sollte auf die zurückgebliebenen deutschen Verhältnisse, blieb von der Dreieinigkeit nur noch das Schöne übrig, das mit Erkenntnis und politischer Moral nichts mehr zu tun hatte. Aus enttäuschter Leidenschaft für das Revolutionäre wuchs die Schwärmerei für das unpolitische Schöne. Hitler, der sich als Schüler Wagners verstand, erfand eine Erlösungs- und Untergangspolitik, die er in grandiosen Inszenierungen präsentierte.

Platon benutzte die Identität von Wahrem, Schönem und Gutem als Legitimation seines zwangsbeglückenden Urfaschismus. Der Protest der heutigen Schreiber gegen Platons Diktatur des Guten schüttet das Kind mit dem Bade aus. Anstatt die erwünschten Normen des Zusammenlebens mit Überzeugen und Argumentieren zu vermitteln, wird das Sollen in Stücke zerhackt.

Das Philosophische und Moralische werden abgetrennt und weggeworfen, das Schöne bleibt allein auf dem Thron – wo es zum faschistoiden, alle Regeln über den Haufen werfenden, subjektiven Schönen wird.

Trump, Fleisch gewordenes Vorbild dieser dekadenten Entwicklung, agiert wie ein genialer Bürgerschreck oder Chaot auf dem Regiestuhl, der glaubt, sich alles erlauben zu dürfen. Was ihn treibt, ist Erneuerung der politischen Verkrustungen durch Regression ins Urchaos. Alles über den Haufen werfen, um aus Urkräften einen neuen Weg zu finden. Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.

Thomas Assheuer zitiert einen entscheidenden Satz von SPIEGEL-Fichtner, der für die Bewertung der Relotius-Artikel zuständig war:

„Als Ressortleiter, der solche Texte frisch bekommt, spürt man zuerst nicht Zweifeln nach, sondern freut sich über die gute Ware. Es geht um eine Beurteilung nach handwerklichen Kriterien, um Dramaturgie, um stimmige Sprachbilder, es geht nicht um die Frage: Stimmt das alles überhaupt?" (ZEIT.de)

Hier schnalzt ein Ästhet mit der Zunge, hier spricht kein Beobachter der Zeit, der seinen Lesern Erkenntnisse vermitteln will. Dramaturgie, stimmige Sprachbilder: befinden wir uns in einer literarischen Schule für schönes Schreiben oder in einer nüchternen Berichterstatter- und Denkerstube?

Was ist ein stimmiges Sprachbild? Ein Sprachbild, das mit der Realität übereinstimmt? Woher will Fichtner wissen, wie die Realität ist, wenn er sie erst aus dem Text kennenlernen kann? Er will, dass seine eigenen Vorurteils-Erwartungen durch den Text bestätigt werden. Hätte er andere Erwartungen gehabt, hätte er den Artikel verwerfen müssen.

Er will sich vom Beobachter vor Ort nicht aufklären lassen, er fordert von ihm, seine apriorischen Meinungen im Nachhinein zu bestätigen. Politische Fragen hingegen spielen keine Rolle. Bestätigt der Artikel etwa den Trump‘schen Zerfall der amerikanischen Gesellschaft im hintersten Winkel des Kontinents?

„Das ist der Grund, warum bei der journalistischen Weltvereinfachungsprosa eines Claas Relotius nicht die Wahrheit zählt, sondern die ästhetische Performance. Die Geschichten müssen fantastisch schön geschrieben sein, denn Schönheit ist der warme Quell der Stimmigkeit. Sie legt einen ästhetischen Zauber über die Dinge und versichert dem Leser, dass es Sinn gibt hinter dem Sinnlosen, sogar Sinn hinter Elend und Unheil. Deshalb scheint die Devise zu lauten: Wir müssen die Welt nicht erkennen, wir müssen sie ästhetisieren, nur so können wir sie ertragen. Es zählte die "Stimmigkeit". Doch Stimmigkeit ist eine ästhetische Kategorie; sie meint die innere Vollkommenheit eines Kunstwerks, das widerspruchsfreie Verhältnis der Teile zum Ganzen. Stimmig ist eine Komposition, wenn es ihr gelingt, die Welt harmonisch zur Einheit zu bringen. Die Fakt-Fiktion-Synthesen dienen der pastoralen Daseinsberuhigung.“

Hier berührt ZEIT-Assheuer einen entscheidenden Punkt. Die von Fichtner geforderte Stimmigkeit ist Harmonie mit der Welt. Es soll nichts Misstönendes zur Sprache kommen, nichts, was eine revoltierende Empörungsbereitschaft wecken oder verstärken könnte. Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind, in dürren Blättern säuselt der Wind.

Doch Assheuers Analyse bleibt ohne Folgerungen. Er fragt nicht: was bedeutet es, dass das führende Politmagazin auf Harmonie setzt, statt auf ein strenges Diagnostizieren? Die ZEIT ist nicht unschuldig. Auch sie hat ihre Kniffe, um sich Meriten der Obrigkeit zu verdienen.

Der SPIEGEL – und nicht nur er – ist zum religiösen Palliativ verkommen: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.

Nun wird klar, warum die Edelschreiber ihre Kanzlerin, bei aller Kritik im Kleinen, nie im Regen stehen lassen. Auch sie fühlen sich verpflichtet, den leicht erregbaren Shitstormpöbel in Dämmerschlaf zu versetzen. Merkel und ihre schreibenden Adjutanten wollen somnambulen Frieden im Land. Untertanen sollen malochen und die Wirtschaft konkurrenzfest machen, alles andere denen überlassen, die von Gott dazu berufen sind.

Diese Affirmation oder Erregungsdämpfung per ästhetischem Wohlgefallen erklärt die Apathie der Bevölkerung angesichts des drohenden Untergangs. Die Angst der Führungsklassen, zu denen die Medien gehören, verlangt gebieterisch nach allen Formen drogenhafter Bewusstseinslähmung.

Was müsste es für ein nicht zu beruhigendes Aufbegehren geben, wenn Menschen bewusst fühlten, wie desolat es um sie steht? Doch es muss unterbunden werden, dass der Mensch mündig werde, seine Situation mit Erschrecken erkennen und alles unternehmen würde, um sein bevorstehendes Debakel zu verhindern. Die Medien haben die Funktion des Klerus übernommen, der die Obrigkeiten der civitas terrena unterstützte, indem er die Meute mit Gottesfurcht in Ketten hielt.

„Wenn man die Sache höher hängt, sieht man, dass in der Relotius-Affäre zwei Theorieschulen eine späte Blüte erleben, die konservative und die postmoderne. Die konservative Schule behauptet, man könne den Selbstlauf der modernen Gesellschaft nur ertragen, indem man ihre Modernisierungsschäden durch tröstende Erzählungen kompensiere. Die postmoderne Denkschule behauptet, die Realität existiere gar nicht, sie sei ein Konstrukt – und Konstrukte solle man besser nicht anrühren, denn am Ende mache man sie noch kaputt.“

Kein Wort von Assheuer, dass alle Medien daran beteiligt waren, ihrem Publikum falsche Tröstungen zu verpassen. Konservatismus ist nichts anderes als Religion, die auch in der ZEIT in allen Variationen gepredigt wird, Konstruktivismus ist die Gottähnlichkeit des Menschen, der die Wirklichkeit konstruiert, wie es ihm gefällt. Man könnte auch von der Zukunftsfähigkeit des Menschen sprechen. Merkel kennt kein anderes Thema mehr als die Digitalisierung der Gesellschaft. Der Mensch lebt nicht von Brot allein, es muss auch Alexa dabei sein, damit die Untertanen nicht an Einsamkeit ersticken.

Journalisten wollen mehr sein als Knechte der Beobachtung, sie wollen Schriftsteller sein, die frei fabulieren können, was ihre Phantasie ihnen eingibt. Was wollen Schriftsteller? Sie wollen nichts anderes als Geschichten erzählen. Narrative. Edelschreiber wollen in den adligen Stand der Narrateure erhoben werden. Geschichten kann der Mensch erfinden, wie Gott seine Geschichte erfand: als Heilsgeschichte für wenige und Unheilsgeschichte für viele.

Das wirre und angsterregende Geschehen auf Erden so erzählen, dass die Zuhörer besänftigt und getröstet werden, ist zum klerikalen Wunschgeschäft der Narrateure geworden. Fakten, Fakten, Fakten? Vergiss es. Erkenntnisse? Vergiss es. Wahrheit und Moral? Bleib mir vom Leib.

Überflüssig zu erwähnen, dass das Schöne dem tumben Publikum verborgen bleibt. Schöne Geschichten werden fast von niemandem gelesen. Man beginnt die Story – und scrollt auf den letzten Absatz, wo vielleicht ein einziges vernünftiges Sätzchen zu entdecken ist.

Jener hat es getroffen, der behauptete, diese hübschen Storys seien nicht für das Publikum geschrieben, sondern für Jurys und neiderfüllte Konkurrenten. Warum gibt es keine Interviews mit den Juroren, nach welchen Kriterien sie ihre Trophäen zu vergeben pflegen?

Wann aber begann der Abstieg des SPIEGEL? Mit Stefan Aust, dem Nachfolger Augsteins, der sich weigerte, den meinungsstarken und demokratiestärkenden Kurs des Gründers gradlinig fortzusetzen:

„Für seine Gegner sind drei Dinge an Aust unangenehm: Er hat Erfolg, ein großes taktisches Gespür und er macht keine entscheidenden Fehler: Er hat vor allem nie den Fehler begangen, in die Fußstapfen Augsteins treten zu wollen.“

Fehler? Es war ein Fehler, dem Kurs demokratischer Leidenschaft nicht zu folgen. Aust verbindet wenig mit dem wortgewaltigen Publizisten Augstein. „In seinen Arbeitsvertrag bekam er sogar diktiert, dass er nicht selber schreiben solle.“ (Books.google.de)

Aust war umtriebiger Nachrichten-Organisator und TV-Manager. Ein Sturmgeschütz der Demokratie interessierte ihn nicht. Wie konnte es kommen, dass er heute ausgerechnet in jenem Haus landete, das Augstein am heftigsten bekämpfte: im Springer-Verlag?

Aust beherrscht das Mimikry meinungsloser Medien aus dem Effeff. Überall schlüpft er durch, niemandem fällt er auf. Damit wurde er zum Vorbild der heutigen Groko-Journalisten. Sie beginnen alle bei der TAZ, schlängeln sich durch alle Gazetten, die karriereförderlich sind und enden in der lukrativsten Position, die sie ergattern können.

Wer hat den Spruch erfunden, es gebe weder links noch rechts? Ihre Profillosigkeit nobilitieren die Schreiber zur Tugend göttlicher Beobachter, die mit dem Geschehen auf Erden nicht mehr besudelt werden wollen. Warum gibt es keine Zeitungen mehr mit erkennbarem Streitprofil? Weil sie alle übereinstimmend der Meinung sind, den Deutschen gehe es zu gut. Das Nörgeln der Schwachen ist für sie nur eine neurotische Pose derer, die auf Erden nicht glücklich werden dürfen. Denn Glück ist die Quelle aller Trägheit und Sattheit. Merkel will keine glücklichen, sondern ehrgeizige Wettbewerber.

Bundespräsident Steinmeier will, dass die Deutschen mehr debattieren und miteinander reden. Aber bitte mit versöhnlichem Happy end in Form von Kompromissen. Das sei demokratisch.

Nein, das ist das Gegenteil jener streitbaren Demokratie in Athen, die in der Wahrheitsfrage nie Kompromisse schloss. Ja, in praktischen Fragen sollte man aufeinander zugehen und zeitlich begrenzte Kompromisse schließen. Welchen Sinn aber sollten Kompromisse haben, wenn jeder in vorauseilender Gedankenschwäche seine eigenen Gesichtspunkte nicht stringent durchdenken und verteidigen darf?

Politiker haben sich das strenge Denken längst abgewöhnt. Was sollten sie auch mit rigiden Meinungen anstellen, wenn sie in der nächsten Fraktionssitzung Gefahr laufen, als Extreme im öffentlichen Dienst aussortiert zu werden?

Politiker reden wie Journalisten. Werden sie gefragt, warum sie vor Wochen das Gegenteil von dem sagten, was sie heute vertreten, antworten sie, ohne mit der Wimper zu zucken: heute ist ein anderer Tag. Jeder Tag bringt seine eigenen Wahrheiten. Der Herr gibt’s, der Herr nimmt‘s, der Name des Herrn sei gepriesen.

Die gegenwärtige Medienlandschaft ähnelt einer mit Plastikresten übersäten Seenlandschaft. Überall die gleichen Klumpenbildungen aus links-rechts, rechts-links, christlich-aufgeklärt, aufgeklärt-christlich, zukunftsgläubig, fortschrittsergeben, vor allem: aus amoralisch und abenteuerlich.

Umarmt den Fortschritt, stand vor Tagen im SPIEGEL. Die Götter der Mächtigen sind identisch mit den Idolen der Schreiber. Die Spitzenmänner (führende Frauen gibt es ohnehin keine) des schreibenden Gewerbes kennen sich alle und bilden ein unsichtbares Mycel:

„Das hängt damit zusammen, dass sie einander oft begegnen, auf Empfängen, auf Panels, bei Gala-Diners. So oft haben sie schon zusammen gegessen, dass sie irgendwann gemerkt haben, dass es wenig bringt, sich aufzureiben in wirklichen Kämpfen. Ein spektakulärer Fight für die Show – geschenkt, aber nie dürfen dabei wirkliche Verwundungen entstehen. Zu eng sind da doch die Geschicke der einzelnen Akteure verzahnt, zu kongruent die Lebensläufe gestrickt, zu ähnlich die tief in ihnen verborgenen Ängste, eines schönen Tages könne auffliegen, dass sie soviel, wie sie vorgeben, gar nicht wissen und leisten.“

Chefredakteure im Spiegel kommen und gehen. Gründe: zu wenig Umsatz, zu wenig Kompetenz in den neuen Medien. Profilierte Denker mit politischer Verantwortung sind nicht gefragt. Solche Dinos sind fürs Museum. Glatte, verwechselbare Funktionäre sind begehrt. Was qualifiziert den neuen Chefredakteur des SPIEGEL?

Obgleich eine Klimakatastrophe über uns kommen wird, veröffentlicht das Magazin ungerührt attraktive Reiseziele in die letzten unberührten Winkel der Erde, damit die Luftverpester am Busen der unbefleckten Natur zu sich finden können. Gleichzeitig erscheinen in regelmäßigem Abstand die schlimmsten Unheilmeldungen aus dem ganzen Universum. Das ist keine Heuchelei mehr, das ist Selbstvernichtungswahn.

In schnoddrigen Führungsetagen verhalten sich die Medien wie auf der sinkenden Titanic. Solange die Wasser nicht in die lärmenden Salons eindringen, ist die Welt noch in Ordnung.

Warum geht Merkel so gern mit Reinhold Messner auf alpine Wandertour? Und was hat der Abenteurer mit den Medien zu tun? Messners Lebensmotto ist das romantische Risiko: „Er will immer dort sein, wo er nicht ist“. Wo er nicht ist, da ist das Glück. Glaubt er, ein Zipfel des Glücks erwischt zu haben, ist es schon wieder verschwunden.

Merkels Lebensmotto ist die irdische Inkompetenz der Sünder. Sie erwartet kein Glück auf Erden. Devot tut sie, was ihr von Oben aufgetragen ist, den Rest überlässt sie dem Himmel. Da im irdischen Morast ohnehin nichts Sinnvolles zu erwarten ist, verbreitet sie die Harmonie der Vergeblichkeit. Die Deutschen danken ihr, dass sie sich nicht zu schade ist, sie mit himmlischen Märchen zu betrügen.

Medien wollen stets auf Höhe des Zeitgeistes sein. Doch kaum haben sie Sichtkontakt mit diesem flüchtigen Gast, ist er schon wieder weitergezogen. Der SPIEGEL – in einer Existenzkrise? Wetten, dass die Hamburger Narrateure eine aufregende Geschichte aus ihrer Krise machen werden?

Es gibt noch viele blasse Funktionäre im Land, die noch nie Chefredakteure des SPIEGEL waren. Sie sollten eine gerechte Chance erhalten.

 

Fortsetzung folgt.