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Tagesmail - Mittwoch, den 12. Dezember 2018

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Todesstrafe für Klimaleugner – wie ein Musikprofessor forderte? Aber nein, das wäre ja Gewalt und verstieße gegen Recht und Moral – sagen die Leugner der Moral. Gewalt darf nur besitzen, wer Macht ausübt im Einklang mit der Geschichte, der Evolution, des Fortschritts und der Zukunft.

Mörderbanden der Mafia werden europaweit gejagt. Klimaleugnende Menschheitskiller hingegen sind respektable Mitglieder der weltweiten Wissenschaftsgemeinde, Vertreter klimazerstörender Betriebe, neoliberale Hayekianer – im Nebenberuf Feinde der Demokratie, Gegner der EU, der UNO, der Migration und der freien Presse:

„Es ist kein Zufall, dass dieselben Menschen, die gegen Migration und freie Presse sind, auch Erkenntnisse zum Klimawandel bestreiten. „Die Klimaskeptiker bereiten den Boden, um die Agenda von Demokratiefeinden durchzusetzen: Sie stellen Demokratie, Institutionen wie die EU und die Vereinten Nationen in Frage.“ (Sueddeutsche.de)

Noch immer gibt es viele Hayek-Clubs, verstreut über die ganze Republik. Für Hayek, ihren bewunderten Patron, „der in seiner Jugend dem fabianischen Sozialismus anhing“, war Demokratie nur akzeptabel, wenn sie die Freiheit der Moneymaker höher einschätzte als die Rechte des Pöbels.

Diktatoren waren ihm willkommen, wenn sie seine neoliberale Wirtschaft einführten. Die Frage: Braucht eine freie Wirtschaft Demokratie, beantwortete er: „Demokratie viel weniger. Freiheit ja. Die Demokratie, manchmal ein vernünftiger Diktator, kann die persönliche Freiheit garantieren.“

Richtig gelesen: Freiheit ist nicht Demokratie, sondern Freiheit der Wirtschaftsgiganten, die in Diktaturen besser aufgehoben sein können als unter der Herrschaft des Mobs. Dies gelte auch für das klassische Athen, wo unter der ...

 ... Tyrannei der Dreißig „größere Freiheit geherrscht habe als unter der Demokratie.

“Dem portugiesischen Diktator Salazar widmete er im Jahre 1962 ein Exemplar seines Werkes „Verfassung der Freiheit“ mit den Worten, dieser Entwurf könne ihn bei seinen Bemühungen unterstützen, eine Verfassung zu entwerfen, die „gegen die Missbräuche der Demokratie gesichert ist“.

In der chilenischen Diktatur unter Pinochet waren es Schüler seines Freundes Milton Friedman, die die Ökonomie des Landes gnadenlos neoliberalisierten. Dass in diesem Regime viele Menschenrechtsverbrechen stattfanden, maß Hayek „keine Bedeutung bei“. Das war selbst für Margaret Thatcher, seine Bewunderin, zu viel des Guten.

Als die Ökobewegung aufkam und der Club of Rome seinen ersten Bericht vorlegte, war Hayeks Urteil „knapp und vernichtend“:

„Es ist ein Beispiel jener Arroganz der Intellektuellen, dass sie glauben, sie können – oder müssen – voraussagen, wie sich die Dinge in Zukunft entwickeln werden. Das Verlangen, dass wir wissen sollen, wie die Welt in 100 Jahren ausschaut, ist einfach absurd.“

Stattdessen rief er zu intellektueller Bescheidenheit auf (Vorläuferin der Merkel‘schen Demut) und forderte die Bedeutung des „in Tradition und Religion gespeicherten Wissens zu achten“. Offensichtlich konnte er Prognose und Prophetie, die sein Freund Popper streng unterschied, nicht auseinanderhalten. Als der Club of Rome die baldige Verknappung der Rohstoffe prognostizierte, reagierte er barsch: „Das sei einfach Unsinn und nicht wahr. Durch Entdeckung neuer Lagerstätten würden fast alle bekannten Rohstoffvorkommen stets zunehmen.“ Die schon damals debattierte Luftverschmutzung kommentierte er „gelassen“ (Merkel muss viel von Hayek gelernt haben): „Wenn wir wirklich vor der Kohle so viel Angst haben, können wir uns auf die viel gesünderen und viel weniger gefährlichen Atomkraftwerke verlassen.“ Drei Jahre später explodierte das Atomkraftwerk Tschernobyl.

Egalitäre Menschenrechte waren dem österreichischen Adligen schnuppe. Er blieb Anhänger einer unerbittlichen Selektion: die Tüchtigen ins Töpfchen, die Schlechten dem Gevatter Tod:

„Für eine Welt, die auf egalitäre Ideen gegründet ist, ist das Problem der Überbevölkerung unlösbar. Wenn wir garantieren, dass jeder am Leben erhalten wird, der erst einmal geboren ist, werden wir sehr bald nicht mehr in der Lage sein, dieses Versprechen zu erfüllen. Gegen Überbevölkerung gibt es nur eine Bremse, nämlich dass sich nur die Völker erhalten und vermehren, die sich selbst ernähren können.“ (alle Zitate aus H. J. Hennecke: „Friedrich August von Hayek, Die Tradition der Freiheit)

Der menschenrechts-, demokratie- und ökologiefeindliche Neoliberalismus überschwemmte fast widerstandslos die Republik. Selbst Trittin, der Linke unter den Grünen, bekannte: wir waren fast alle ein bisschen neoliberal.

Ein bisschen? Deutschland wollte lieber auf der Seite des aus England und Amerika hereinströmenden Zeitgeistes sein, als sich mit der altbackenen sozialen Marktwirtschaft bis in alle Ewigkeit zu langweilen. SPD und die Grünen ernannten sich zu Fahnenträgern der Neuen Zeit.

Lieber genialisch auf der Seite des Zeitgeistes, als bei den Tugendwächtern „politisch korrekt“, ein Kampfbegriff, der seit jener Zeit zur Waffe der Eliten wurde. „Politisch korrekt“ war Nachfolgebegriff des „Spießigen und Spießbürgerlichen“, die Beschreibung der Moral der Unterschichten.

Dem Pöbel wird – vor allem von Kanzeln herunter – Tugend und Anstand gepredigt, doch wehe, er hält sich dran. Dann wird er vorgeführt und lächerlich gemacht. Herren der Gelehrsamkeit sprechen von paradoxer Intervention, weil sie das alte Wort „Heuchelei“ nicht in den Mund nehmen wollen. Was, du Dämel: du hast tatsächlich gemacht, was wir dir gesagt haben?

(Trittin hielt es sogar für richtig, an einer Bilderberg-Konferenz teilzunehmen, einem Treffen auserwählter Welteliten, über welches kein Teilnehmer berichten darf. Ein Schelm, wer an Verschwörungen glaubt. Wäre dieses Treffen belanglos gewesen, hätte Trittin darüber berichten können. Wenn nicht, hätte er berichten müssen.)

Was sind leicht durchschaubare Ausdünstungen der Pegida & Co gegen diese geballten Verwüstungen aus den oberen Etagen der Gesellschaft?

Von allen Seiten wurde die junge Demokratie in die Zange genommen. Die linke Frankfurter Schule hielt Aufklärung für totalitär, in rechten und frommen Kreisen herrschte der Ungeist der Böckenförde-Doktrin: Demokratie ohne Glauben ist ein Bankrottunternehmen. Hayekianer und ihre sozialistischen Gegner waren sozialdarwinistisch und amoralisch. Bei den einen obsiegen die Erwählten des Seins, bei den anderen die Erwählten des Mammons. Selbst Habermas, unser größter Aufklärer, schlüpfte bei dem späteren deutschen Papst unter die Soutane. Bis heute gibt es keine Philosophie der Menschenrechte oder der autonomen Moral.

Julien Bendas Kritik an den Intellektuellen träfe die Zertrümmerer der Volksherrschaft noch heute im Mark:

„Die Intellektuellen verraten ihr Amt im Namen einer mystischen Vereinigung mit der Evolution der Welt.“ Sie handeln nach dem Motto: „Unser Handeln ist richtig, weil es mit dem historischen Werden in eins zusammen fällt. Eine solche Haltung schwört der Vernunft ausdrücklich ab und enthält die Meinung, dass die historische Entwicklung sich unabhängig vom menschlichen Willen vollzieht. Wahrheit hängt für sie ab von Zeit und Umständen. Sie machen sich Mussolinis berühmten Ausspruch zu eigen: Hüten wir uns vor der Todesfalle der Konsequenz.“ (Der Verrat der Intellektuellen)

Wenn die Massen aufzuheulen beginnen, haben die Eliten schon jahrelang den Cantus firmus vorgegröhlt. Die Loser sind zu ungebildet, um den Ungeist von Oben zu durchschauen, aber sie spüren, dass sie als erste dran glauben müssen, wenn die Fundamente bröckeln.

Die Medien wollen nicht das Sprachrohr der Oberklassen sein. Man muss aber mal lesen, wie sie die Gelbwesten in Stücke reißen: die wissen nicht, was sie wollen, sind gegen alles, kennen nur Zorn und Rache. Sie bringen nichts auf die Waage, wollen aber vom Staat versorgt werden wie unmündige Kinder.

Welcher Staat? Es gibt nur die Gewählten des Volkes. Das Volk bestimmt, wie es mit sich umgehen will, kein lächerlicher Staat.

Vom Volk halten sie nichts, die Hohepriester der Erkenntnis. Sie wollen, dass die Meute ausgefiltert wird vom repräsentativen System.

„Trotz solcher Erfahrungen tritt zum Beispiel Katarina Barley (SPD) weiterhin stramm für die Urwahl des oder der Parteivorsitzenden ein. Das ist befremdlich, zumal Barley Justizministerin ist. Als Hüterin des Grundgesetzes sollte sie wissen, wie wichtig die Filter der repräsentativen Demokratie sind, um Populismus und Irrationalismus gegenzusteuern und in mehrstufigen, klar normierten Verfahren Kompromisse und Mehrheiten zu finden.“ (Berliner-Zeitung.de)

Weg mit dem Demos, her mit der Filterdemokratie. Die Ablehnung der égalité wächst mit der Geschwindigkeit der gesellschaftlichen Zerrüttung.

Auch das junge Amerika stand einst vor der Herausforderung einer repräsentativen Ausdehnung in eine kontinentale Riesendemokratie. Alexander Hamilton, einer der Verfasser der Federalist Papers, wollte das ordinäre Volk ausfiltern, um den Willen der Oberen zur alleinigen Entscheidungsinstanz zu erheben. Was aus diesem Geist der Abwertung des Volkes geworden ist, kann man heute erkennen, wenn ein Politkandidat eine riesige Mehrheit der Stimmen gewinnen – und dennoch unterliegen kann, weil Filter dafür sorgen, dass Mehrheiten nicht zum Zuge kommen.

Athen war eine face-to-face-Gesellschaft, hier kannte jeder jeden. Eine moderne Riesengesellschaft kann das nicht mehr leisten und muss zur Repräsentation greifen. Dennoch muss das keine zwangsläufige Minderung der demokratischen Qualität sein, wenn jeder Mensch in seiner Umwelt Demokratie vorleben würde. Wenn aber in Schulen, Betrieben, Familien, Universitäten kein Hauch von demokratischer Kompetenz zu spüren ist, dann wird die Repräsentation zur despotischen Krake.  Hamiltons Worte lassen keinen Zweifel an seiner Volksverachtung:

„Alle Gemeinschaften unterteilen sich in die Wenigen und die Vielen. Die Ersteren sind reich und wohlgeboren, die anderen die Masse des Volkes. Die Stimme des Volkes wurde auch schon die Stimme Gottes genannt; wie allgemein auch immer diese Maxime zitiert und geglaubt wurde, so ist sie doch nicht wahr. Das Volk ist turbulent und veränderlich; es urteilt und beschließt selten richtig. Gebt deshalb der ersten Klasse einen eindeutigen, dauerhaften Anteil an der Regierung. Kann von einer demokratischen Versammlung, die jährlich in der Masse des Volkes rotiert, erwartet werden, dass sie stetig das öffentliche Wohl verfolgt? Nur ein dauerhaftes Organ kann die Unbedachtsamkeiten der Demokratie überwachen“. (nach Howard Zinn, Eine Geschichte des amerikanischen Volkes)

So unverstellt und deutlich könnte heute kein Elitenbewunderer sprechen. Heute benutzen sie Fremdwörter und Satzbauten, dass alle nur Bahnhof verstehen. Trumps Ehrlichkeit, bei aller Widerwärtigkeit seines Wollens, beruht auf langer amerikanischer Tradition. Seine Unverstelltheit bewies er erneut, als er vor laufender Kamera mit politischen Gegnern um ein brisantes Thema stritt:

Vor laufender Kamera hat sich Donald Trump mit Spitzenpolitikern der US-Demokraten gezofft. Es ging um die Mauer an der Grenze zu Mexiko. Am Ende drohte der Präsident, der eigenen Regierung den Geldhahn zuzudrehen.“ (SPIEGEL.de)

Bei Merkel undenkbar. Nicht mal vor Wahlen ist sie fähig, mit ihren Herausforderern einen offenen Schlagabtausch zu führen. Alles muss auf Sprechkärtchenniveau reduziert und eingekocht werden. Die Vertreter der TV-Kanäle maulen und kuschen, indem sie Stich-Worte liefern – ohne einen einzigen Stich zu landen.

Wie wurden Macrons Bußmaßnahmen kommentiert? Da gab es einen emotionalen Artikel mit Stimmen der Betroffenen und einen anderen harten sachlichen mit Stimmen der Experten.

„Frankreichs Präsident Macron will die "Gelbwesten" ruhigstellen – mit einer Reihe sozialer Maßnahmen für Geringverdiener. Den Staat kostet das Milliarden. Ökonomen glauben aber, dass die Falschen profitieren. Fuest allerdings glaubt, dass die Maßnahme die sozialen Spannungen im Land nicht reduzieren kann. Einer Einschätzung von Elisabeth Borne, Verkehrsministerin im Ministerium für den ökologischen und solidarischen Übergang, zufolge werden die Maßnahmen den Staat etwa acht bis zehn Milliarden Euro kosten. Wie das finanziert werden soll, ist noch unklar.“ (SPIEGEL.de)

Ausgerechnet die Schutzkohorten des Systems werden als Experten vorgestellt? Hat man diese Experten je befragt, ob der wahnsinnige Reichtum wirklich die Richtigen, nämlich die Milliardäre, trifft und mit welchen wissenschaftlichen Methoden sie diese „evaluiert“ haben? Kein wirtschaftlicher Artikel, der nicht von den Meinungen der Fuests & Genossen „eingeframt“ wäre.

Wieder einmal leben die lockeren Franzen über ihre Verhältnisse und wundern sich, dass ihre rechtsrheinischen Rivalen sie mit Lohndumping und Hartz4-Sadismen überflügeln. Die Deutschen haben viel Sympathie für die Gelbwesten, also muss schnell dafür gesorgt werden, dass nicht der kleinste Funken überspringt. Also schnell mit medialen Wasserkanonen an die Front.

Dabei könnte es ganz anders sein: der gallische Hahn kräht – die Teutonen stürmen aus dem Unterholz und fegen gemeinsam den Neoliberalismus vom Tisch.

Wie aber ist die Mea-culpa-Rede des Präsidenten zu bewerten? In den großen Blättern wurde sie nur mit wenigen Sätzen zitiert. Nirgendwo wurde die gesamte Rede abgedruckt, dass man sich eine eigene Meinung hätte bilden können.

In der WELT wurde die Rede zum nationalen Orgasmus erklärt:

„Mon seul souci, c’est vous; mon seul combat, c’est pour vous; notre seule bataille, c’est pour la France“ (Meine einzige Sorge, das seid ihr; meinen einzigen Kampf, den kämpfe ich für euch; unsere einzige Schlacht, die gilt Frankreich): diese Klimax in der Form eines Trikolon, die sich vom Gedanken zur Tat, vom Ich zum Wir emporschwingt: Sie packt uns bei den Eingeweiden. Sie ist rhetorischer Sex mit den eigenen Landsleuten. Wir Deutschen kennen das nicht. Aber wie immer wir zu Macron, wie immer wir zu den Gelbwesten stehen (und das Herz dessen, der hier schreibt, schlägt für die Gelbwesten, nicht für Macron), wir ertappen uns bei dem Wunsch: Möge, was der Präsident gesagt hat, wahr werden. So kann die Macht der Rede wirken, wenn einer reden kann.“ (WELT.de)

Das war zugleich eine Scheltrede an den erregungsfreien Rhetorikübungen der deutschen Kanzlerin, die weiß, dass der Herr sie für ihre Worte bestrafen wird. Je weniger sie schwätzt, desto besser könnte sie davonkommen.

„Wir werden nicht zum normalen Verlauf unseres Lebens zurückkehren, wie in der Vergangenheit allzu oft in ähnlichen Krisen, ohne dass etwas wirklich verstanden wird. Wir befinden uns in einem historischen Moment für unser Land: Durch Dialog, Respekt und Engagement werden wir erfolgreich sein.“ (Achse-des-Guten.com)

Wollte Macron einen Dialog führen? Wollte er die Abgehängten seines Volkes verstehen? Er sprach einen Monolog, unbeweglichen harten Gesichts, dem man die Anspannung ansah, mit der er seine Arroganz zu besiegen gedachte. Warum sprach er nicht mit einer Abordnung der Gelbwesten? Da hätte er sein Verständnis und seine dialogischen Fähigkeiten unter Beweis stellen können.

Zuerst stauchte er sie zusammen, dass klar war, wer Herr im Haus ist. Gewalt? Auf keinen Fall. Spricht er so auch mit den Unternehmern des Landes, die mit legaler Gewalt ihre Lohnabhängigen drangsalieren dürfen? Nach dem hoheitlichen Introitus kam der Umschlag ins Demütige:

„Dieser Zorn sitzt tiefer, ich glaube, er ist in vielerlei Hinsicht berechtigt. Er kann unsere Chance sein. Vierzig Jahre des Unbehagens sind jetzt aufgetaucht: das Unbehagen der Arbeitnehmer, die sich nicht mehr zurechtfinden; das Unbehagen der Gebiete, Dörfer und Viertel, in denen die öffentlichen Dienstleistungen reduziert werden und die Lebensumwelt verschwindet; das demokratische Unbehagen, in dem sich das Gefühl entwickelt, nicht gehört zu werden; das Unbehagen der Veränderungen in unserer Gesellschaft, des erschütterten Säkularismus und der Lebensweisen, die Barrieren und Distanz schaffen. Wir waren in anderthalb Jahren zweifellos nicht in der Lage, eine ausreichend schnelle und starke Antwort zu geben. Ich übernehme meinen Teil dieser Verantwortung. Ich habe Ihnen vielleicht das Gefühl gegeben, dass es mir nichts ausmacht, dass ich andere Prioritäten habe. Ich weiß auch, dass ich einige von euch mit meinen Worten verletzt habe. Ich möchte heute Abend ganz eindeutig sein. Wenn ich gekämpft habe, um das politische System, die Gewohnheiten, die Heucheleien zu erschüttern, dann gerade, weil ich mehr als alles andere an unser Land glaube und es liebe und weil meine Legitimität, nicht von einem Titel, einer Partei, oder einer Clique beziehe, ich beziehe sie nur von Ihnen und von niemand anderem.“

Pathetische Artistik, um sich selbst aus der Patsche zu helfen. Er weiß, dass er einige verletzt hat? Er weiß gar nichts. Er musste es sich sagen lassen. Hätte er‘s gewusst: warum hatte er nicht schon längst von sich aus die Kränkungen beendet? Warum zwang er die Gelbwesten zu harten Methoden, weil sie das Gefühl hatten, anders höre ihnen niemand zu?

Nicht anders als in Deutschland. Hier gilt es schon als Auszeichnung für einen Politiker, wenn man über ihn sagt: er kann zuhören. Zuhören ist nicht verstehen. Zumal Verstehen von deutschen Medien permanent zum höchsten aller Übel erklärt wird. Wenn Macron es gewusst hätte, warum trampelte er wie ein Getriebener auf dem Volk herum? Keine Erklärung, keine Entschuldigung. Stattdessen Versöhnungsbeschwörungen von Ich und euch.

Er spricht von Berufung und nationaler Grandeur, die über alles in der Welt geht: „Es ist unsere Berufung im Laufe der Geschichte, Wege zu eröffnen, die von uns und der Welt zuvor nicht gegangen wurden.“

Was will der Mann? Das Außerordentliche um der Gloire willen oder Gerechtigkeit um der Menschen willen? Soll Frankreich zur Krone der Menschheit werden? Oder wollen die Menschen wie Menschen behandelt werden? Universelle Werte oder nationale Hybris?

Wer ist Subjekt der Berufung: die Geschichte, Gott? Welch ein Arsenal an religiösen Geschmacksverstärkern für ein laizistisches Volk. Da wäre an den 12-jährigen Emmanuel zu erinnern, der zum Glauben fand, indem er sich vom Atheismus seines Elternhauses löste:

„Aus einer nichtreligiösen Familie stammend, ließ sich Macron als 12-Jähriger bei Eintritt in die Jesuitenschule La Providence auf eigenen Wunsch katholisch taufen.“

Kein Zweifel, dieser Aufstand war eine furchtbare und beschämende Niederlage für den Dauersieger. Doch halt: war er tatsächlich ein Überflieger ohne Niederlagen?

„Die Aufnahmeprüfung für die Elitehochschule École normale supérieure hat er zweimal nicht bestanden.“

Das potenzierte Pathos will die Niederlage nachträglich in einen Sieg transformieren. Nach der doppelten Niederlage bei der Aufnahmeprüfung begann er bei Paul Ricoeur Philosophie zu studieren:

„Es gibt einen französischen Philosophen, dem ich sehr viel zu verdanken habe, der mich gelehrt, unterstützt und mir vertraut hat: Paul Ricœur.“

Ricœur zeichnete sich dadurch aus, dass er die Sprache der Deutschen lernte und Brücken zwischen den verfeindeten Ländern baute. „Ricœur wurde nie müde, das Übersetzen zwischen unseren beiden Sprachen und Ländern zu verteidigen.“

Eben diese Fähigkeiten des Verstehens und Übersetzens hätte der Schüler des Meisters in seinem Amt beweisen müssen, indem er Gespräche mit jenen führt, mit denen sonst niemand spricht. Hat er nicht. Im Gegenteil. Nach seinen L’etat c’est moi-Ouvertüren schulmeistert er mit dem Rohrstock, dass die Schwarte kracht.

Einen Dialog wollte er führen. Wem stellte er Fragen, wem antwortete er? Welche Argumente brachte er, um seine Dialogpartner zu überzeugen? In Wahrheit hielt er eine Kanzelrede, nicht von der Kanzel, aber von der Empore seines Amtssitzes herunter. Von Streiten, Verstehen und Überzeugen war nichts zu sehen.

Europa, die Welt, das Klima – kaum, dass diese Begriffe auch nur erwähnt wurden. Alles zentriert er zum nationalen Solo:

„Meine einzige Sorge gilt dir, mein einziger Kampf ist für dich. Unsere einzige Schlacht ist für Frankreich. Es lebe die Republik, es lebe Frankreich.“

Welch eine Seins- und Weltvergessenheit, welch eine Trunkenheit in nationaler „Identität“. Wo bleibt das Bewusstsein, dass die ganze Menschheit in einem Boot sitzt? Welche Gerechtigkeit meint er? Auf welche Tradition beruft er sich? Will er alles neu erfinden? Unvergleichlich werden?

Ohne prophetisch zu werden: dieser Sturmlauf auf den Berg wird im Absturz enden. Zum zweiten Mal will Macron das Außerordentliche, das wird er nicht erreichen. Kein Alltag wird diesen Höhenflug ertragen. Zum zweiten Mal wird er die Aufnahmeprüfung vergeigen.

Kaum geredet, kam sie schon: die Quittung auf die Selbstberufung zum Göttergipfel, die Ikarus zum Absturz bringen wird.

„Frankreich ist erneut von einem schweren Terroranschlag erschüttert worden. Ein bewaffneter Angreifer hat im elsässischen Straßburg am Dienstagabend mindestens drei Menschen erschossen und gut ein Dutzend Personen verletzt.“

Wie wollen die Deutschen, die sich das Verstehen abgewöhnen, ihre Nachbarn verstehen?

Oh, wir haben euch durchschaut: tout comprendre, c‘est tout pardonner, stimmt‘s? Versteht ihr immer noch nicht, warum wir euch nicht verstehen wollen? Wir verzeihen euch nicht, dass ihr seit Jahrhunderten besser sein wollt und uns behandelt wie tumbe Germanen, obgleich ihr längst hinter uns her hinkt und auf unsere Kosten saniert werden wollt.

Frankreich sagt den Deutschen: Wir lieben euch.

Wie antwortet Deutschland? Zum Donner, wie hoch ist eure Staatsverschuldung?  

 

Fortsetzung folgt.