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Tagesmail - Montag, den 10. Dezember 2018

Sofort, Hier und Jetzt L,

Keine Endzeitstimmung! Trotz Frankreich, Belgien, Italien, Amerika, China, Russland, Brasilien, Polen, Ungarn, überhaupt der ganzen Welt. Deutschland ausgenommen.

Was haben Merkel, Hayek und Marx, christlicher Glaube, Neoliberalismus und Sozialismus gemeinsam? Alle drei sind Beruhigungs- und Betäubungsmittel für die Menschen. Die Guten werden kein böses, die Bösen kein gutes Ende erleben: also Mensch, werde gut.

Pech nur, dass in allen drei Religionen die Guten nicht aus eigener Kraft gut werden können: der Erlöser, der Markt oder das Sein – drei Begriffe für dasselbe – machen sie gut oder auch nicht.

„… nicht, dass wir von uns selbst aus tüchtig wären, etwas zu denken als aus uns selbst heraus, sondern unsere Tüchtigkeit stammt von Gott.“ „Denn Gott ist es, der in euch sowohl das Wollen als das Vollbringen wirkt um seines Wohlgefallens willen.“

„Hayek bekennt sich ausdrücklich zu den zentralen moralischen Positionen des Christentums, in denen er jene Merkmale wiederfindet, die auch für eine freie, spontane Gesellschaft grundlegend sind. Wir Marktwirtschaftler haben noch eine Utopie zu bieten – der Kommunismus hat keine mehr.“ (H. J. Hennecke, Friedrich August von Hayek) Und dies, obgleich Hayek sonst jede Utopie als Hölle auf Erden verteufelt.

„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein. Sowenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewußtsein beurteilen, sondern muß vielmehr dies Bewußtsein aus den Widersprüchen des ...

... materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären. Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind.“ (Marx)

Was bedeutet, die ganze Menschheit, soweit sie christlich, neoliberal oder marxistisch durchdrungen ist, steht unter opiaten Verhältnissen. Opium ist nicht nur ein ordinäres „Schmerz-, Schlaf- und Rauschmittel“:

„Unter all den Mitteln, welche dem Allmächtigen beliebt hat, dem Menschen zur Linderung seiner Leiden zu geben, ist keines so umfassend anwendbar und so wirksam wie Opium.“ (Thomas Sydenham)

Schlaf- oder Rauschwandler: die Menschheit torkelt betäubt und apathisch ihrem Ende entgegen. Also doch Endzeitalarm! Lasst, wenn auch Katowice scheitert, alle Sirenen rund um den Globus von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang aufheulen.

Nein, erneut Entwarnung. Alles hat seinen Preis, alle Probleme können mit Geld gelöst werden. Was kostet die Welt?

„Ohne eine grundlegende politische Veränderung könne es einen langfristigen Temperaturanstieg von rund vier Grad geben, warnt der britische Vermögensverwalter Schroders, der den Appell mitträgt. Dies könne zu weltweiten wirtschaftlichen Einbußen in Höhe von 23.000 Milliarden Dollar führen.“ (SPIEGEL.de)

„Fünf Billiarden US-Dollar – also eine Fünf mit 15 Nullen. Diesen Wert hat der US-amerikanische Astronom Greg Laughlin für die Erde errechnet. Dagegen geht der Mars (Preis: 15 000 Dollar) als echtes Schnäppchen durch.“ (Handelsblatt.com)

Wenn die Menschheit fleißig ihre Moneten spart und ZDF-Kerner eine obszöne Weltsupergala mit den Allerbesten der Besten veranstaltet, um Politik endgültig in glamouröse Charity zu verschandeln, können wir locker bis zu 10 000 000 000 000 000 Dollar Erlösermoneten gut machen. Wenn der Taler im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.

Sollte es der Menschheit allerdings zu teuer sein, ihr Dasein auf Erden in bar zu erkaufen, könnte sie sich die Ausgaben sparen und sich als lebende Ware anbieten: im Grabe könnte sie sich einer hübschen Summe erfreuen. An die Herren Sinn, Hüther und Fuest: bitte rechnen Sie durch und empfehlen Sie uns die marktwirtschaftlich beste Lösung! Tod, aber reich, oder lebendig und bettelarm? Merci.

Selbst der SPIEGEL wird allmählich nervös. Sollten die ausgewogenen HamburgerInnen etwa ihren christlichen, neoliberalen oder marxistischen Glauben eingebüßt haben?

„Saudi-Arabien, Russland und die USA wollen nicht einmal den Bericht des Weltklimarats akzeptieren, der eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad empfiehlt. Es ist zu befürchten, dass sich die Konferenz auf wirklich wirksame Regeln nicht einigen kann – es wäre, so dramatisch muss man das sagen, für die Menschheit eine Katastrophe.“ (SPIEGEL.de)

In all diesen lächerlichen Überlebensfragen bleibt Silicon Valley cool und vorbildlich. Wenn dieser senile Planet ihre Wohltaten nicht erträgt, dann hat er ihre Anwesenheit einfach nicht verdient, dann suchen sie sich eben den nächsten.

Der Mars? Hmm, ja, warum nicht? Immerhin wissen sie inzwischen, wie‘s dort klingt. Und wenn nicht: zur Not macht‘s auch Neuseeland, wo ihre Alphatiere sich schon eingebunkert haben. Silicon Valley löst alle Probleme, nur nicht das höllische Feuer vor der Haustür.

Wenn nur nicht dieser Jaron Lanier wäre, der ständig herummosern muss. Die TAZ fragte ihn:

„Der französische Soziologe Bruno ­Latour sagt, dass Präsident Trump und die Silicon-Valley-Unternehmer die Idee aufgegeben haben, dass es eine Welt geben könnte, in der es allen besser geht. Sie reduzieren das auf sich, ihren Stamm. Sie wollen auf den Mars fliehen oder in einen Bunker in Neuseeland.

Lanier: Lustig, dass Sie das sagen. Ich hatte gerade dieses Gespräch, in dem jemand sagte: Hey, wir machen dieses Ding in Neuseeland, du musst unbedingt mitkommen. Und ich sagte: Warte mal, wir haben das große Amerika ruiniert und jetzt hauen wir ab, soll das ein Witz sein? Ruinieren wir dann nicht auch umgehend das kleine Neuseeland? Und er sagte: Na ja.“ (TAZ.de)

Die weltverändernden Genies müssen von ihren Produkten so überzeugt sein, dass sie ihre Kinder auf Waldorf-Schulen schicken, um sie von ihren eigenen Creationen sorgfältig fernzuhalten.

Was Lanier von sich gibt, hat man in der ganzen bisherigen KI-Debatte noch nicht im Ansatz gehört. Er sollte, ohne Scherz, den Friedensnobelpreis erhalten.

„Es war ein zentraler Fehler des Silicon Valley, zu glauben, das richtige digitale Design könnte politische Fehler transzendieren. Das war komplett falsch.“

Solch einen fundamentalen Satz zu verstehen, übersteigt das Programmiergehirn der technischen Menschheitsbeglücker. Sie kennen nur ein Problem: Wie kann man in einem bestimmten Alter noch kein Milliardär sein?

Womit wir endlich bei den französischen Gelbwesten angekommen wären, die die Frechheit besitzen, es nicht mal zu einer Million zu bringen, aber für ihre Unfähigkeit die grande nation an die Mauer fahren lassen.

Macrons Liebesgeständnis an die deutsche Nation hat mit der jetzigen Tragödie sein Geheimnis preisgegeben. Schon damals stand der Matador bereits am Abgrund und wusste nicht weiter. Was er expressiv formulierte, war ein versteckter Hilferuf: Liebt mich, liebt uns, helft uns: wir Franzosen wissen nicht mehr weiter.

Erschütternd zu sehen, wie ein energischer Primus sich in seine autoritären Bestandteile zerlegt, ohne die geringste Fähigkeit, sich in die verletzte Seele seiner Nation zu versetzen. Sein grandioser Wahlsieg ließ ihn derart superbe werden, dass er sich berechtigt fühlte, sein Volk hart, aber gerecht mit der Rute zu erziehen.

Seit der Französischen Revolution haben es die Eliteklassen dem Pöbel nicht verziehen, dass sie entmachtet wurden. Dieses Rachebedürfnis, sublimiert in politische Pädagogik, war die Kehrseite von Macrons gelungener Charme-Offensive, die ihn selbst überraschte. Bis vor kurzem war es Autoritäten in Frankreich noch gestattet, Jugendliche körperlich zu züchtigen.

Dass er die ganze, marode Parteienformation über den Haufen werfen konnte, war bereits eine parlamentarische Vorlaufaktion des gelben Westen-Aufstands. Anstatt aber handfeste Taten sehen zu lassen, paradierte Macron als allseits gebildeter, arroganter Intellektueller, Banker und de Gaulle. Um die banlieus kümmerte er sich so wenig, wie um die wachsende Kluft zwischen Stadt und Land.

Le style, c’est l’homme: die Weisheit der französischen Aufklärung stand ihm nicht zur Verfügung. Seine Auftritte in Versailles waren napoleonische Lachnummern, Frankreich ist nicht stehen geblieben. Es hat andere Sorgen als zerbrochenes Luxusgeschirr. Zudem umgab er sich mit angeblich Unabhängigen, die von der Realität des Volkes so wenig Ahnung haben wie er selbst.

Hätte er vom Debakel Blair-Schröder nicht lernen müssen, dass es Unsinn ist zu sagen: links und rechts gibt es nicht mehr? Während die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, soll es zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit keinen Unterschied mehr geben?

Sinnvoll war, dass er das sklerotisierte Europa wieder ins Laufen bringen wollte. Doch er unterschätzte die männermordenden Fähigkeiten seiner besten Freundin aus Berlin, die ihm vordergründig schöne Augen machte, ihm von hinten aber den Hals zuschnürte.

Eine demütige Pastorentochter ist immer noch eitler als ein französischer Liebhaber, der keine Pfarrerstöchter aus der Nähe kennen kann, weil es keine Lutheraner im Lande gibt. Französische Intellektuelle kennen Nietzsche, Wagner, Heidegger und Gadamer, aber kein protestantisches Pfarrhaus mit ehrgeizigen Töchtern.

Angela flötete ihm Sirenengesang ins Ohr – und ließ ihn draußen in der Kälte stehen. Sie leidet es nicht, von irgendjemandem in den Schatten gestellt zu werden. Wer ohne zu erröten den Satz sagen kann: „Wahrlich, ich bin nicht als Kanzlerin geboren worden, seht, was der Herr Gutes an mir vollbracht hat“, ist auf die Zuneigung fremder Männer nicht mehr angewiesen.

Die deutschen Oberklassen haben Angst vor dem randalierenden Pöbel, geben es aber nicht zu und weichen aus auf Römer-13-Scheltrede. Wissen diese laizistischen Gottlosen aus Gallien nicht, dass jede Obrigkeit von Gott ist? Die deutschen Medien prügeln, dass die Fetzen fliegen. Nicht nur, dass diese Randalierer nicht wissen, was sie wollen: jeder von ihnen will etwas anderes. Vor allem sind sie gegen alles.

„Zu hohe Steuern, sagt Eric. Zu teures Essen, meint Julien. Zu wenig Geld für ein gutes Leben, ärgert sich Maria. Die "Gelbwesten" haben verschiedene Nöte. Vereint sind sie bloß in der Wut, die sich erneut auf den Straßen entladen hat. Das, was in Paris und ganz Frankreich passiert, ist ein Aufstand ohne festen Plan. Sie alle eint nichts als ihre gelben Warnwesten und das Gefühl, dass dieses System seit Jahren zu wenig für die Menschen tut. Deswegen haben sie auch keine gemeinsamen Slogans, Banner oder Anführer und das macht sie unberechenbar.“ (SPIEGEL.de)

So ist der Aufstand der Massen: planlos, unkoordiniert, wirr, blind-aggressiv. Wer kann solch eine aufgeheizte Meute ernst nehmen? Nur eins eint sie: die Wut.

Alles in allem das genaue Gegenteil der technokratischen Elite, die stets genau weiß, in welche Finanzkrise sie demnächst schliddern wird, wie sie das Migranten- und Klimaproblem lösen will, wie sie Frieden unter den Völkern stiften und Versöhnung des eigenen Volkes voranbringen will.

Das Planlose der Masse entspricht dem Überkomplexen der Oberklassen, die Wut gegen ihre Ausbeuter der Berserkerei der Kapitalisten, die spontanen Aktionen auf der Straße den Wildwuchsaktionen der Wettbewerber.

Natürlich gibt es einen Unterschied: die Oberklassen können authentisch den Eindruck vermitteln, sie wüssten, was sie wollen. Sie können soziologisch, ökonomisch, feuilletonistisch, ästhetisch und wenn‘s sein muss, sogar psychologisch. Da kommt das Gebrüll der Straße nicht mit. Nur seltsam, dass sie regelmäßig bekennen müssen: ignoramus et ignorabimus: wir verstehen nichts, jetzt und bis in die Stunde unseres endgültigen Scheiterns.

Die WELT überschlägt sich vor Abscheu gegen die Meuten. Die Oberklassen sind bei ihr in wunderbarer Ordnung, die Loser aber zwingen den Staat ins Verderben:

„Frankreich hat lange Zeit über die Verhältnisse gelebt. In den frühen 1980er-Jahren kam es schon einmal, unter einem linken Präsidenten, Mitterrand, zu einer klammen Lage. Die jetzt in die Krise geratene Fünfte Republik war von de Gaulle als Staatsform des Ernstfalls gedacht, mit der Nationalversammlung als Repräsentation der gesellschaftlichen Kräfte und dem starken Mann im Élysée als Gegengewicht und Retter der Gesellschaft. In der Krise der Gegenwart steht diese Konstruktion auf dem Spiel, dahinter aber geht es um Regierbarkeit oder Unregierbarkeit eines Landes, das in Krisen an schnelle Eskalation, anarchische Anwandlungen und dann Nachgeben der Regierenden vor dem öffentlichen Zorn gewohnt war.“ (WELT.de)

Da werden sie gut und weise regiert – und die Undankbaren reagieren in Zorn. Ein solches Volk hat es nicht verdient, das Subjekt einer Volksherrschaft zu sein.

Endlich erhält Thomas Schmid die Chance, dem Demos die Kratie zu verweigern. Schon der inflationäre Begriff Populist hatte dem populus genüsslich die Innereien entfernt.

„Es gilt, ein großes Missverständnis auszuräumen, das sich in den vergangenen Jahrzehnten breitgemacht hat. Das Missverständnis, die Demokratie sei der höchste politische Wert: je demokratischer, desto besser. Nicht die Demokratie, die auch zur Herrschaft des Mobs oder zur präsidialen Akklamationsmaschine werden kann, ist der höchste Wert. Der höchste Wert ist vielmehr die repräsentativ gezügelte Republik.“ (WELT.de)

Das klingt nach Kant, der die Mitwirkung des Volkes hasste. Eine gesetzestreue res publica unter monarchischer Führung: das war Kants Vorstellung eines aufgeklärten Staates. Von Demokratie hatten selbst die Aufgeklärten hierzulande keine Ahnung. Was die Republikaner nicht zu wissen scheinen: Naturrechtler der Starken bekämpften in Athen die Demokratie als Majorität der Schwachen. Platon, der Urfaschist, bekämpfte sie als Mehrheit der Dummen und Zügellosen.

Die ersteren kujonierten das Volk mit der blanken Faust, der königliche Philosoph mit der Faust seiner überlegenen Weisheit. Hier begann die wortmächtige Elite, ihre Herrschsucht mit klugen Begriffen zu drapieren. Heute herrscht geradezu eine Anbetung der Redekunst. Die Rede, Rede, Rede entscheidet alles.

Im ersten Viertel seiner Rede hatte Merz bereits verloren. Inhalt der Rede? Belanglos. Auch hier durchdringt kryptische Religion die heidnische Demokratie: Und er redete wie einer, der Gewalt hat und nicht wie ihre Schriftgelehrten. Wer Kanzler ist, muss ein charismatischer Kanzlerredner sein – oder er ist nichts. Merkels Sprach-verödung ist ein Protest gegen die Kanzelreden ihres Vaters, die ihr irgendwann auf den Wecker fielen. Inzwischen kann sie sich ihre rhetorische Schlichtheit leisten, denn jedermann glaubt, sie könnte, wenn sie nur wollte.

Die deutsche Demokratie ist ohnehin nur eine Staffage für Oberammergauer Festspiele. Wer gewählt wird, ist kein normaler Mensch mit überzeugenden Argumenten, sondern einer, der die „gespaltene“ Gesellschaft einigen und versöhnen muss. Wie kann ein Menschlein eine uralte verhärtete zerklüftete Klassengesellschaft einigen?

Merkel ist keine normale Politikerin: sie ist eine Hohefrau, die „Epoche gemacht hat“. Kaum wurden die großen epoche-machenden Männer abserviert, übernimmt bereits eine Magd Gottes ihre historische Grandiosität.

Was WELT-Schmid übersieht: eine repräsentative Demokratie ist nicht die Abdankung des Volkes, sondern – aus rein technischen Gründen – die Bündelung ähnlicher Interessen in gewählten Personen, die auf keinen Fall das Mandat haben, einen Schutzwall gegen die „spontane Volksdummheit“ zu bilden. Gewählte haben gewissenhaft auszuführen, wozu sie beauftragt wurden und was sie selbst für richtig hielten. Alles andere ist Gewissens-Angeberei, um den Willen der Wähler durch subjektives Meinen zu ersetzen.

Für Alan Posener sind Gelbwesten nichts als reaktionäres Gesindel, das mit staatlicher Gewalt aus der Öffentlichkeit entfernt werden sollte. Dass Frankreich unreformierbar ist – sprich nicht-neoliberalisierbar – geht einzig auf das Konto der kopflosen Masse:

„Wenn die Gelben Westen nach vier Wochen der Randale, die den Mai 1968 in den Schatten stellen, trotz rassistischer Ausfälle, trotz der Verweigerung von Kompromissen, trotz der führenden Rolle von Kadern der Partei Marine Le Pens und angereister Rechtsradikaler, vor allem aus Russland – wenn dieser Aufstand gegen eine gewählte Reformregierung dennoch die Unterstützung von über 70 Prozent der Franzosen genießt, dann bestätigt das nur, was Macron vor mehr als einem Jahr in Bukarest festhielt: „Frankreich ist unreformierbar“.“ (WELT.de)

Poschardt setzt dem Ganzen die Krone auf. Alles, was sich links gibt, will nur die Armen instrumentalisieren, um mit ihrer Hilfe die Macht zu erringen. Die Wahren und Guten, die Poschardt sonst verabscheut, sind Leistungsträger der Gesellschaft, die Merz in den Mittelpunkt der Politik zurückholen wollte:

„Er hat den Bürger, den Einzelnen, den Fleißigen und den Übersehenen in den Mittelpunkt gestellt und sich jede staatliche Einmischung in dessen Dinge weitgehend verbeten.“ (WELT.de)

Die Linken hingegen sind „Sozialopportunisten“:

„Ihr Sozialopportunismus ist kontraproduktiv, oft genug zynisch, immer aber paternalisierend. Daher die Liebe auch zu jenen Schwachen, die kommen, die schamlos zu Opfern gemacht werden, um umso lauter für sie zu sprechen. Jeder Schwache wird instrumentalisiert, um ihn als Munition im eigenen Weltanschauungskampf zu nutzen.“

Menschenrechte für Schwache scheint es für den WELT-Schreiber nicht zu geben. Dass alle Menschen das gleiche Recht auf ein Leben in Würde besitzen – schon mal gehört, Herr Poschardt? Ach ja, Menschenrechte sind der Inbegriff der Moral – und Moral verachtet der moralfreie Ästhetiker.

Selbst Daniel Cohn-Bendit, der einstige Studentenrevolutionär, hat Probleme mit den „Rechten“ auf der Straße. Die Falschen und Bösen dürfen offenbar keine objektiven Probleme haben.

„José Bové, der große Kämpfer in der Antiglobalisierungsbewegung, der radikale Landwirt, sagt: Der überwiegende Teil der Gelbwesten-Bewegung stammt aus dem Front National, aus dem Reservoir der ganz Rechten – mit denen will er nichts zu tun haben." (TAZ.de

Gleichzeitig muss er zugeben:

„Es ist eine Revolte gegen eine soziale Ungerechtigkeit, eine, die seit Langem währt. 1995 sprach der konservative Präsidentschaftskandidat Jacques Chirac von „la fracture“, vom „Bruch“ in den sozialen Verhältnissen.“

Dem ehemaligen 68-er Straßenkämpfer ist die Empathie mit seinen heutigen Nachfolgern abhanden gekommen. In Deutschland wurden die Revoluzzer Professoren und Edelschreiber, in Frankreich Berater des Präsidenten.

Wie man sachgemäß über die Gelbwesten reden kann, zeigt das Interview von Iris Radisch mit der Schriftstellerin Annie Ernaux in der ZEIT:

„Ernaux: Es gibt eine privilegierte Klasse, die in den Großstädten lebt. Sie beherrscht die Kultur, die Medien, die Kommunikationsmittel, die Grandes écoles und so weiter. Und es gibt die Mittelklasse in den kleinen Städten, die zwar arbeitet, aber keine Hoffnung mehr hat. Eine Frau sagte mir: Wir arbeiten und arbeiten, aber unseren Kindern wird es schlechter gehen als uns. Der Oberbegriff für das alles ist: die Schnauze voll haben. Er verbindet die Rechte und die Linke. Angeblich sind 72 Prozent der Franzosen für die Gelbwesten, so etwas hat es noch nicht gegeben. Ich glaube, in Frankreich ist das Verlangen nach egalité, nach sozialer Gleichheit, noch viel lebendiger als in England oder in Deutschland. Es gehört zum Fundament der Französischen Republik. Jetzt hat man das Gefühl, dass dieses republikanische Versprechen ein Witz geworden ist.“ (ZEIT.de)

Greifen sie aber nicht zur Gewalt gegen Sachen, die französischen Revoluzzer? Ist das kein Argument gegen sie?

Nein, das berechtigt nicht zur Kritik an ihren Anliegen, sondern nur zur Kritik an ihren Methoden. Ausgerechnet deutsche Moralverächter schäumen am meisten über die Verletzung der Gesetze. Gewöhnlich haben sie nichts gegen einen verruchten Hauch von Abgrund.

Unerwünschte, verbotene und gefährliche Vorgänge in der Gesellschaft sollte man zu allererst verstehen. Wer keine Randale will, sollte nach ihren Ursachen fragen, um sie prophylaktisch zu verhindern: dann könnte Ruhe einkehren. Wer nur blind schäumt, stellt sein Gehirn ab. Politisch denken und handeln kann er nicht.

Was hat das Ganze mit Endzeitstimmung zu tun? In Deutschland sollte der Eindruck entstehen, als dächten die Revoluzzer nur egoistisch an ihre eigenen Interessen. Die globale Klimakatastrophe ließe sie kalt. Menschen in Not denken zuerst an ihr eigenes Hemd. Was nicht bedeutet, dass sie die übergeordneten Interessen der Menschheit ignorieren würden.

Hier wird das uralte Spiel der Mächtigen gespielt: teile und herrsche. Die Nöte der sozial Schwachen werden gegen die der Migranten oder der Umweltschützer ausgespielt – um beide Gruppen in Schach zu halten.

Gebt den Menschen ein Leben in Würde, dann werden sie erkennen, wie würdelos die Natur misshandelt wird. Nur selbstbewusste, wache Menschen, die um sich blicken, sind in der Lage, die Gefährlichkeit der Klimaverschärfung zu erkennen und zu bekämpfen.

In Deutschland wird keine Politik gemacht. Nach vielen Jahren der Entdemokratisierung durch Merkel spielen die Parteien bombastische Beziehungsspiele. Ach, wie schön kann Demokratie sein, warum hat uns das niemand früher gesagt? Personen wechseln, die Groko-Maische bleibt. Winzigkeiten werden zu Spaltungen und Rissen aufgebauscht. Wieder einmal muss versöhnt und vereint, niemals überzeugt werden.

Der Kanzlerin ist es geglückt, unfallfrei in Marrakesch zu landen. Zum Migrationspakt wird sie eine bedeutende Rede halten und das Manifest feierlich unterschreiben. Um einen völkerrechtlich verpflichtenden Vertrag handelt es sich nicht. Ihre Unterschrift bleibt unverbindlich. Pathetische Reden ohne Folgen  das ist ihre Lieblingskür.

Folgenlos macht Merkel Epoche. Ihr Abgang ist nicht die Folge ihrer demokratie-gefährdenden Alleingänge. Sie geht, weil sie die Beste ist. Tusch und Tränen der Rührung.

 

Fortsetzung folgt.