Sofort, Hier und Jetzt XLVII

Tagesmail - Montag, den 03. Dezember 2018

Sofort, Hier und Jetzt XLVII,

„Die 15-jährige Schwedin Greta Thunberg ist in den vergangenen Monaten zu einer Galionsfigur der Klimabewegung geworden: Im August hat sie beschlossen, nicht mehr zur Schule zu gehen, bis ihr Land die Ziele des Pariser Klimaabkommens erfüllt. Mit einem Plakat, auf dem „Schulstreik für das Klima“ stand, setzte sie sich wochenlang vors schwedische Parlament. Das hat viele Menschen beeindruckt und inspiriert.

Was rätst du jedem einzelnen, der das Klima schützen will?

Informiere dich, bilde dich weiter, versuche, die Klimakrise zu verstehen. Sprich mit anderen, trage die Botschaft weiter, fordere, dass etwas dagegen getan wird. Im Alltag solltest du vegan leben, nicht mehr fliegen und Auto fahren und weniger konsumieren.“ (Jetzt.de)

Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr bald die Erde verlieren und dort landen, wo ihr schon immer hinwolltet – im Nichts eurer Jenseitsvorstellungen.

Kinder, rund um die Erde, sind die einsichtigsten und entschlossensten, die hellsichtigsten und vernünftigsten menschlichen Wesen, die wissen, was die Uhr geschlagen hat: Es geht um ihre Zukunft.

Alle Politklassen, alle Eliten, alle Erwachsenen, die Hier und Jetzt nicht alles tun, was in ihren Kräften steht, um die Endkatastrophe abzuwenden, sind nicht nur Menschheitskiller, sondern finale Mörder aller nachkommenden Generationen – die sie selbst gezeugt haben.

Die totalitären Völkervernichter der Vergangenheit wären Waisenknaben, verglichen mit den Menschheitsverderbern der Gegenwart.

Da streiten sie sich, ob Embryos im Labor nach Wunsch gezüchtet werden können, während allen Kindern die Überlebenschancen genommen werden.

Da streiten sie, wie Kinder erzogen werden sollen: auf keinen Fall überbehütet, damit sie sich schnell lösen können von verlässlichen Beziehungen, um irgendwo ...

 ... in der Welt frei flottierend erfolgreich zu werden und als Auswechselbare den ökonomischen und technischen Fortschritt ins Endlose zu treiben – doch ihr schieres Überleben, die Basis allen Tuns, sollen sie blind und taub aufs Spiel setzen.

Wenn nichts geschieht, wird die Geschichte in einem infernalischen Vernichtungswettkampf enden: der Alten gegen die Jungen, der Eltern gegen Kinder, der kollektiven Selbstmörder gegen diejenigen, die ihr Leben noch leben wollen, derjenigen, die alle Hoffnung verloren haben gegen diejenigen, die sie zu durchschauen beginnen und ihnen demnächst das Steuerrad aus der Hand reißen werden.

Wie werden Kinder wahrgenommen? Welche Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung wird ihnen zugeordnet und vorgeschrieben?

Gefährdete Tiere und Pflanzen werden von den Erwachsenen sorgfältig erforscht und registriert, die Gefährdung ihrer Nachkommen mit keiner einzigen Zeile der Beunruhigung zur Kenntnis genommen.

Oh doch, sie zittern und leiden darunter, dass sie einen weltumspannenden Kindermord inszenieren. Sie sind ja keine Unmenschen. Doch sie verdrängen ihre Gefühle und stürzen sich zur Ablenkung noch mehr in ihre rasenden Machenschaften. Vergessen, verdrängen, verleugnen, ignorieren: das ist das Hauptgeschäft ihrer Bankrotterklärungen.

Was Erwachsene sehen, ist lediglich, dass ihre Kinder nicht so sind, wie sie selbst einst waren – oder gewesen sein wollen:

„Gibt es überhaupt noch Kinder, die draußen spielen, auf Bäume klettern, sich schmutzig machen, Kinder, in deren Hosentasche Regenwürmer sind? Die „losziehen, dreckig wiederkommen, im Zelt schlafen, was aushalten, was schleppen, hinfallen, sich wieder hochrappeln, Blasen an den Füßen haben“ wie es ein Freund von mir kürzlich sehnsüchtig formulierte. Sein 14-jähriger Sohn hockt nur noch vor dem PC und verlässt das Haus nicht ohne Markenklamotten.“ (BILD.de)

Kein Wort über die Klimakatastrophe, die das Leben der Kinder immer mehr belastet. So wenig sie in ihren Zukunftsängsten wahrgenommen werden, so sehr werden sie, zum Amüsement des Publikums, als witzige, schlagfertige, kenntnisreiche und akrobatische Wesen in den TV-Kanälen vorgeführt und feilgeboten, mit grandiosem Erfolg und beschämendem Misserfolg überfordert und missbraucht.

Erfolg und Misserfolg in diesen Dimensionen sind für junge, verletzliche Seelen kaum zu bewältigen. Selbst wenn sie gewinnen, fühlen sie sich identisch mit den Verlierern. Bei diesen Sendungen mit Kindern als niedliche Clowns der Erwachsenen handelt es sich um eine ästhetische Abart öffentlicher Pädophilie.

Unerbittlich wiederholt sich, was nicht verstanden und aufgearbeitet worden ist. Als vor 2000 Jahren die Menschheit zum ersten Mal in der Geschichte in weltreich-umfassender Weise am Boden lag, hielt sie Ausschau nach dem messianischen, weisen Kind, das die Menschheit erretten sollte:

„Der ZEITENKREIS

ein KIND ist er, kindlich spielend

Brettspielsteine setzend;

einem KIND gehört die Königsherrschaft“ (Heraklit)

„Letzte Weltzeit brach an – Prophetie der Sibylle von Kyme:
Groß von Anfang an neu wird geboren der Zeitalter Reihe.
Schon kehrt wieder die Jungfrau, kehrn wieder saturnische Reiche,
schon wird neu ein Sprößling entsandt aus himmlischen Höhen.“ (Vergil)

„Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; er heißt Wunderbar, Rat, Held, Ewig-Vater Friedefürst; auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende.“

„Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“

Wenn die Erwachsenen scheitern, träumen sie von einem Kind, das sie erlösen soll. Doch die Geburt des erhofften Wunderkinds und der bethlehemitische Kindermord gehören zusammen.

Wenn sie zu potent sind, beschämen sie die Erwachsenen, vollbringen sie keine Wunder, sind sie überflüssig und müssen über die Klinge springen. Wenn die Kinder der Gegenwart nicht die Wende bringen und ihre Erzeuger erlösen – haben sie ihren Untergang verdient. Zwischen Messias, der nicht erlöst und Satan, der vernichtet, pendelt das heutige Bild vom Kind.

Ihr sollt es eines Tages besser haben, klang die Botschaft der Erwachsenen in früheren Zeiten. Der Glaube an Verbesserung aller Verhältnisse war den Nachkriegseltern nicht abhanden gekommen.

Heute ist der Traum vom humanen Fortschritt erloschen. Was blieb, ist der Glaube an technischen Fortschritt. Heute schaut man in die Zukunft mit glasigen Augen. Unterschwellig weiß man, dass nichts besser wird. Offiziell betet man einen unendlichen technischen Fortschritt an, den diejenigen am wenigsten für möglich halten, die ihn am meisten propagieren.

Nein, die Geschichte wird nicht als Fortschritt empfunden. Es geht rapide bergab. Nur der technische Fortschritt wird so beschleunigt, dass er das Gefühl des Niedergangs ausgleichen muss. Wir leben in pessimistischen Zeiten, die durch forcierten Optimismus verdeckt werden.

Wer heute ständig davon redet, nach vorne, in die Zukunft zu schauen, hätte in früheren Zeiten das Wort „Verheißung“ benutzt. Für Möller van den Bruck war das Dritte Reich, die Vollendung der deutschen Geschichte, immer nur verheißen. „Es wird niemals erreicht. Es ist das Vollkommene, das nur im Unvollkommenen erreicht wird.“ (Fritz Stern, Kulturpessimismus als politische Gefahr)

Wie es früher der Verheißung erging, ergeht es heute dem Schauen in die Zukunft. Die gloriose Zukunft wird nie eintreten. Um Enttäuschungen zu überdecken, muss sie stets phantastischer aufgeputzt werden. Epochen der Enttäuschung und Verheißung lösen sich ab. Pessimismus und Optimismus drücken sich gegenseitig die Klinke in die Hand.

Abendländische Geschichte ist eine unaufhörlich gegenseitige Steigerung von Licht und Finsternis, von Hoffnungslosigkeit und Messias-Erwartung. Geht’s der Welt schlecht, steht das Ende der Welt vor der Tür. Der Hoffnungspegel steigt, die ausgebrannten Kräfte regenerieren sich: das Selbstbewusstsein wird zum selbsterfüllenden Fortschritt. Bis zum nächsten Niederschlag, wo alles menschliche Mühen sich als Tand erweist. Da capo al fine.

Mit der Hoffnung wächst das Unbehagen, sich erneut zur höheren Ebene der Hoffnung aufzuschwingen. Der immer größer werdende Pendelschlag zwischen Plus und Minus, Erwartung des Messias und Furcht vor dem Antichrist, Optimismus und Pessimismus treibt die Geschichte des christlichen Abendlands voran.

Momentan nähern wir uns wieder einem Tiefpunkt der Geschichte. Die Krisen akkumulieren, die Stimmung wird gereizter, das Aggressionspotential steigt im Takt der Klimatemperaturen. Je schwärzer sie sehen, desto mehr präparieren sie sich für das strafende Schwert Gottes.

„Dabei mehren sich die Zeichen innerlichen Verfalls. Selbstsucht und rücksichtslosestes Strebertum sind an die Stelle feinen Ehrgefühls und vornehmer Milde getreten, und während in den Herzen Roheit und destruktive Ideen Fortschritte machen, zeigt sich nach außen ein toter, bei uns nie dagewesener Byzantinismus (= kriecherische Schmeichelei). Dem Hammel, der vorspringt, springen die anderen nach, und an die Stelle selbständigen Denkens ist Salamanderreiben und Nachplapperei getreten.“ (Fontane)

Die Bismarckzeit war ursprünglich – nachdem man alle demokratischen Erwartungen beerdigt hatte – eine Zeit machtbewussten Optimismus, der sich plötzlich in Pessimismus verwandelte, weil die Träume von einem Weltreich nicht in Erfüllung gingen. Das Umkippen in Nihilismus benötigte einen gesteigerten Anfall von Stärke, der nur in einem Weltkrieg die Chance sah, dass der Herr der Geschichte allen rivalisierenden Nationen zu verstehen geben würde: das deutsche Volk ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Kam aber nicht so. Der Nachkriegspessimismus sank ins Bodenlose, weshalb der neue Sohn der Vorsehung, der die Schmach der Deutschen tilgen wollte, sein Volk mindestens ins 1000-jährige Reich führen musste, um die klaftertiefen Wunden zu heilen.

Das Wechselspiel zwischen Christ und Antichrist, eschatologischer Verheißung und Apokalypse übertrug sich inzwischen auf das Weltgeschehen. Die Gesetze der christlichen Heilsgeschichte sind zu Gesetzen der Weltpolitik geworden, der Westen hat der Welt seinen geschichtlichen Pendelschlag ins Fleisch gedrückt.

Das Gesetz des akkumulierenden Pendelschlags prägt auch Amerikas Politik. Noch mehr als die säkularisierten Deutschen werden amerikanische Fundamentalisten von der Polarität zwischen Christ und Antichrist geprägt. Nach der Euphorie des siegreich beendeten zweiten Weltkriegs war Amerika zum leuchtenden Vorbild aller Demokraten geworden. Und dennoch geschah etwas, was die begeisterten Neudemokraten nicht sehen wollten. Trump hat sich seine irrlichternde Machtpolitik nicht aus den Fingern gesaugt.

„George Kennan, eine der führenden Figuren der frühen Nachkriegsplanung, warnte 1948 in einer geheimen Richtlinienüberprüfung wie folgt: "Wir sollten aufhören, über vage und unrealistische Ziele wie die Menschenrechte, die Anhebung des Lebensstandards und die Demokratisierung zu sprechen." Laut Kennan sollte man bereit sein, in direkten Machtkonzepten zu handeln und sich nicht von idealistischen Slogans, in denen es um Gleichberechtigung und Ähnliches geht, führen lassen. Nur durch eine solche Haltung ließe sich die "Position der Disparität", wie er es ausdrückte, beibehalten. Und nur dadurch bleibt der enorme Reichtum der USA, der das Land von der Armut anderer trennt, erhalten.“ So die Analyse von Noam Chomsky.

Weil Amerika, aus machtpolitischen wie sentimentalen Gründen, den Deutschen zum schnellen Wohlstandswunder verhalf, sahen die Deutschen in ihren Besiegern nur die unbesiegbare wohlwollende Schutzmacht. Dass Kennans Außenpolitik nichts anderes bedeutete als Trumps „America first“, durften die Deutschen aus Idolisierung ihrer Besieger nicht wahrnehmen.

Der Vietnamkrieg war bereits eine erhebliche Bewunderungsdelle für die jungen 68er-Deutschen, die sich aber schadlos halten konnten an den revoltierenden Hippies. Je mehr die konkurrierenden Nationen wie Japan und Deutschland Amerika wirtschaftlich einholten und je mehr die amerikanische Ökonomie in Saturiertheit verflachte, desto mehr verblasste der Glanz der Uneinholbarkeit. Die Gerechtigkeitsmängel der neupuritanischen Gesellschaft wurden immer deutlicher.

Der Fall der Mauer und die Auflösung der Sowjetunion wurden nicht zum erwartbaren Triumph der guten Seite. Der Lichtgestalt Gorbatschows gelang es, die Sympathien der Welt auf seine Seite zu ziehen. Selbst dem ausgewiesenen Freund der Deutschen, dem eben verstorbenen Bush senior, gelang es nicht, den Verfall des amerikanischen Charismas aufzuhalten. Spätestens bei seinem Sohn Dabbelju Bush, der den Terrorakt von 9/11 benutzte, um mit frommer Heuchelei, Lügen und kriegerischen Angriffen gegen muslimische Länder völkerrechtswidrige Aktionen zu initiieren, kippte die deutsche Bewunderung ins Gegenteil.

Trumps auftrumpfende Führungsrolle ist nichts Neues. Nur sein Stil der diplomatischen Dekonstruktion in willkürlicher Launenhaftigkeit durchbrach die uralte Fassadenkorrektheit der offiziellen Politik.

Die Amerikaner, seit Dabbelju in Depression versunken, nach Obamas trügerischem Zwischenhoch noch mehr enttäuscht, entschieden sich für den ehrlichen Sprüchemacher, der es der Welt ungeschminkt zeigen würde. Das Treffen der G20 in Argentinien war ein Treffen der Rüpel, Raufbolde und Verbrecher:

„Die bösen Buben sind dabei, die Regie zu übernehmen. Das ist die Botschaft von Buenos Aires. In die Defensive geraten all jene, die sich für eine Weltordnung einsetzen, in der Wohlstand für viele, die Einhaltung der Menschenrechte, Demokratie und internationale Zusammenarbeit von zentraler Bedeutung sind. Die alte Welt gerät ins Wanken, die Welt der vergangenen Jahrzehnte, die geschaffen worden war, um eine erneute Katastrophe wie den Zweiten Weltkrieg zu verhindern. Diese Welt war natürlich nie perfekt, aber in ihr wurden wenigstens die richtigen Ziele verfolgt.“ (SPIEGEL.de)

Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Politeliten haben es nicht nötig, ihre machiavellistische Machtpolitik mit korrekten Phrasen zu dekorieren. Das ist ein Fortschritt, wenngleich ein brisanter, der schnell ins Zündeln kommen könnte.

Die Menschen sind der verarschenden Gaukelei überdrüssig geworden. Sie wollen nicht mehr belogen werden. Gemessen an seinen hohen Versprechungen war Obamas Politik ein herber Fehlschlag. Das war Trumps Chance, mit dem Motto zu siegen: lieber dreist und frech, aber ehrlich, als mit frommen Lügen zu brillieren. Der Pessimismus der amerikanischen Abgehängten führte zur Kraftprotzerei eines Auftrumpfenden.

Indes zerlegt sich Europa. Die einen lassen sich von Trump inspirieren und pfeifen auf Völker- und Menschenrechte. Die anderen, Deutschland unter ihnen, verlassen ebenfalls den Pfad der Tugenden, aber stets unter Demut und Bescheidenheit wie die deutsche Kanzlerin. Das ist noch schlimmer, weil irreführender.

Mit seiner Bewunderung für Merkel, die ohne einzigen politischen Satz auskommt, trifft sich BILD-Wagner mit Martin Walsers Liebesbrief auf einer Ebene. Gosse und Geist vereinigen sich zur nationalen Madonnenanbetung:

Wenn ich jemals ein Buch schriebe über eine Superfrau, dann wäre meine Heldin Angela Merkel.“ (BILD.de)

Bald wird die Welt auch des neuen Rüpelstils müde sein. Dann wird‘s brenzlig. Entweder gelingt es den immer mehr revoltierenden Völkern, die naturhassenden und machtgeilen Großsprecher in die Wüste zu schicken – oder der aufkommenden Langeweile gelüstet es nach militantem Remmidemmi. Dann wehe uns Sterblichen.

Noch nie ging es uns so gut wie heute, behauptet der amerikanische Psychologe Steve Pinker, dessen Werk Bill Gates als bestes Buch der Welt rühmt. Hier preschen Optimisten vor, die die alte amerikanische Tugend nicht unter die Räder kommen lassen wollen. Pinker hat recht. Nur eine Kleinigkeit übersah er: noch nie ging es uns so gut – kurz vor dem Abgrund.

Noch nie war die Menschheit so frei und so miteinander verbunden, dass sie es unterlassen sollte, mit ihrer neuen Mündigkeit den Mächtigen die Leviten zu lesen und das globale Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Gutgehen und Schlechtgehen, Optimismus und Pessimismus mussten sich stets gegenseitig empor reizen, weil die Geschichte keine Langeweile zuließ. Bewegung, Bewegung, der Herr kommt oder sein Widersacher, beide haben keine Zeit.

In Deutschland verteilen sich Optimismus und Pessimismus auf auseinanderdriftende Klassen. Während die Führungsklassen lange Zeit im Paradies lebten, blieb den Unteren nur der psychische Abrieb der Loser. Solange das BIP himmelwärts zeigt, werden alle aggressiven Jammereien der Abgehängten als german Angst begraben. Wird sich die Konjunktur aber plötzlich nach unten bewegen, werden die Paradiesgesänge einem wilden Getümmel weichen: lasst alle Hoffnung fahren, die ihr die deutsche Heimat besingen wollt.

Die ersten Himmelsvorboten zeigen sich: die Deutschen kriegen nichts mehr zustande, sie, die Zuverlässigen und Fleißigen. Merkel fällt fast vom Himmel wegen Kommunikationsfehlern zwischen Oben und Unten. Das müsste ihr bekannt vorkommen. Die einst weltführende Autoindustrie lügt und betrügt – und niemand zieht sie zur Verantwortung.

Sollte der Pöbel einmal so aufmüpfig werden wie in Frankreich, stünde Deutschland kurz vor dem Exitus. Die alte französische Freude an der Revolte macht Paris unsicher und Macrons Brillanz zur Makulatur. Umgeben von Absolventen zweier Eliteschulen, die nie mit der Realität des Volkes in Berührung kamen, versteht er die Welt nicht mehr. Deutsche Gazetten, wie anders, haben kein Verständnis für diejenigen, die immer gegen alles sind, ohne angeblich zu wissen, wofür:

"Ihre Bewegung hat viele Gesichter, vor allem aber ist sie Ausdruck der Ablehnung. Sie ist gegen die Macht, gegen die Politik, gegen die Elite, gegen Medien. Und gegen Paris. Macron muss sich warm anziehen.“ (WELT.de)

Dass Menschen sehr wohl wissen, warum es ihnen schlecht geht: das können nach oben schielende Medien nicht nachvollziehen. Viel Verständnis der Objektiven für Macron und seine deutsche Freundin. Kein Verständnis für Gelbwesten, die mit klaren Worten ins Mikrofon sagen, was ihnen fehlt.

In europäischen Demokratien wird zunehmend Oben entschieden, in welchen Befindlichkeiten sich das tumbe Volk gefälligst zu befinden hat. Befindlichkeiten werden per Zahlen zugeordnet, nicht wahrgenommen oder verstanden.

Die deutschen Linken, einstmals Versteher der Schwachen, verstehen sich heute nicht mal selbst. Während sich zum ersten Mal seit ewigen Zeiten die Linken der Welt zusammenschließen – unter ihnen der Grieche Varoufakis und der Amerikaner Sanders – ist kein einziger deutscher Name unter den Gründungsmitgliedern zu lesen:

„Es passiert nicht alle Tage, dass eine neue Internationale gegründet wird. Genau das haben 250 Linke aus Nord- und Südamerika sowie aus Europa am Freitag im US-Bundesstaat Vermont versucht. Auf der ersten großen Konferenz des neu gegründeten Sanders-Instituts in Burlington hoben sie die Initiative „Progressive Internationale“ aus der Taufe. Zu den PatInnen der Bewegung gehören der ehemalige – und möglicherweise künftige – US-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders, Griechenlands Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis, die isländische Premierministerin Katrín Jakobsdóttir und die Bürgermeisterin von Barcelona Ada Colau.“ (TAZ.de)

Noch immer brüten sie im eigenen Sumpf der Sonderklasse – die deutschen Weltmeister in erkenntnislosem Tourismus. Die TV-Medien schwelgen in tagelangen Ski-und-Rodel-gut-Übertragungen. Alles, nur keine Politik. Die Massen müssen mit Events bei Laune gehalten werden. Und Onkel Jauch gibt am Ende des Jahres der deutschen Welt seinen katholischen Segen. Dafür segnet die Kanzlerin Onkel Jauch.

Was ist die Steigerung von radikal? Nein, nicht totalitär. Totalitär ist Zwangsbeglücken, radikal ist Macht der Argumente.

Was wäre, wenn die Menschheit, um das Schlimmste zu verhüten, hier und jetzt beschlösse, radikal von vorne zu beginnen?

Radikal sein heißt, der Sache auf den Grund oder zu den Kindern zu gehen. Heißt, alle Superreichtümer, die der Menschheit durch Pokerspiele abgeluchst wurden, einzukassieren und unter allen zu verteilen. Den geschändeten Begriff Gerechtigkeit wieder zur Ehre zu bringen. Alle Fabriken sofort zu schließen, die den Tod in die Luft pusten. Und alle Folgeprobleme, wie das Abschmelzen des naturzerstörenden Wohlstands, im Einvernehmen zu lösen. Wahrer Wohlstand ist verträgliches Zusammenleben mit der Natur, kein Anhäufen sinnloser Güter.

Alles müsste auf den Prüfstand: Was ist sinnvolle Arbeit, was selbstbestimmtes Glück, welchen Fortschritt, welche Maschinen brauchen wir? Auf keinen Fall eine Zukunft, die ungefragt über uns kommt. Keinen Fortschritt, den pubertierende Cliquen uns vorschreiben. Intelligenzbestien können unermesslich dumm sein.

Wie müsste die Stadt der Zukunft aussehen, dass sie eine urbane, durchgrünte und durchlüftete Polis darstellt, in der man sich zu Hause fühlt?

Wahrheit müsste der Despotie der Zeit entrissen werden, Menschenrechte der Feindschaft gegen Moral. Religion muss bedingungslos privat werden.

Kinder müssen ernst genommen, in den Schulen Demokratie vermittelt werden. Durch Erforschen der Vergangenheit müssen wir uns von ihren Lasten befreien, damit wir unsere Gegenwart und Zukunft selbst bestimmen. Geschichte darf kein Schicksal mehr sein, das uns von irgendwoher verordnet wird.

Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, wird euch der Erlöser holen.

 

Fortsetzung folgt.