Sofort, Hier und Jetzt XLIV

Tagesmail - Montag, den 26. November 2018

Sofort, Hier und Jetzt XLIV,

der Fortschritt hat sein Ende erreicht, wenn die Welt unfehlbar geworden ist. Sie ist unfehlbar geworden – dank ihrer weltbeherrschenden Religion. Unfehlbares kann nicht mehr kritisiert werden, weil es den Status der Vollkommenheit erlangt hat.

Nach 2000 Jahren erreichte die christliche Religion den Stand der Unfehlbarkeit. Alles, was geschieht, kann sie nach Belieben für gut oder böse oder für gut und böse erklären. Unfehlbarkeit segnet und verflucht alles. Sie kennt keinen Maßstab, nach dem sie angeklagt werden könnte. Entweder-Oder ist für sie eine Anmaßung der Welt. Einer heidnischen Logik des Widerspruchs unterwirft sie sich nicht.

„Alles ist rein den Reinen; den Befleckten aber und Ungläubigen ist nichts rein, sondern bei ihnen ist Denken und Gewissen befleckt.“

„Ich weiß und bin gewiß in dem HERRN Jesus, daß nichts böse ist an sich selbst.“

„Was aber nicht aus Glauben geschieht, das ist Sünde.“

Was aus Glauben kommt, kann niemals Sünde sein. Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht das gleiche. Was dem einen Tugend, ist dem andern Laster. Gute Werke der Gottlosen sind den Frommen frevelhafte Untaten.

Was ist gut, was böse – wer entscheidet darüber? Die Macht. Die Macht der Frommen, die an die Allmacht eines göttlichen Mannes glauben und dadurch selbst allmächtig geworden sind.

Aus religiöser Sicht muss Moral nicht erkannt und erkämpft, sondern durch Allmacht bestimmt werden. Gut und Böse findet und entdeckt man nicht, über ...

 ... Gut und Böse wird von Oben willkürlich entschieden. Gut und Böse, Weiß und Schwarz sind keine Maßstäbe für Fromme, sondern sola fide, allein der Glaube. Deutsche Intellektuelle reden vom Grauen, das weder hell noch dunkel ist. In Wirklichkeit ist das Graue das strahlende Licht der Vollkommenheit.

Die schlechte Welt kann durch Gutes nicht gerettet werden, denn es gibt kein Gutes. Die Welt muss auch nicht gerettet werden, denn sie liegt in Gottes Hand, der sie nach Gutdünken erretten oder verderben kann.

Menschenrechte sind Erkenntnisse heidnischer Vernunft und wurden niedergelegt in der UN-Charta. Westliche Demokratien sind selbstzerfleischende Mischgebilde aus heidnischer Moral und christlicher Allmacht, die Moral nach Gutdünken als böse oder gut zu bestimmen. Die Pendelbewegungen der westlichen Mischdemokratien schwanken zwischen dem heidnischen Pol eindeutiger Moral und dem christlichen Pol göttlicher Willkür-Ethik.

Nach langen Jahren Vorherrschaft der heidnischen Menschenrechte in der bußfertigen Nachkriegszeit pendelt die Welt wieder zurück in Richtung des amoralisch Göttlichen. Amoralisch oder antinomisch ist alles, was nicht eindeutig moralisch ist. Ein allmächtiges Sowohl-Als-Auch schließt ein strenges Entweder-Oder aus.

Trump ist Anführer der neuen amoralischen Frömmigkeit, die immer mehr Anhänger in anderen Ländern findet. „Sündige tapfer, wenn du nur umso tapferer glaubst“ lautet sein gläubiges Motto, das auch dem neuen brasilianischen Präsidenten Bolsonaro als Richtschnur dient. Sein frisch ernannter Außenminister hat die neue politische Weltrichtung auf die Formel gebracht:

„Ernesto Araújo, der künftige Chefdiplomat Brasiliens, ist ein erklärter Anhänger von US-Präsident Donald Trump. Der 51-jährige Karrierediplomat will die regionale Integration der vergangenen 20 Jahre rückgängig machen. Er werde Brasilien und die Welt von der „Ideologie der Globalisierung“ befreien, schreibt er in seinem Blog und begründete dies mit dem christlichen Glauben: „Letztes Ziel der Globalisierung ist die Trennung von Gott und Mensch.“ (TAZ.de)

Die sündhafte Globalisierung soll aufgehoben, die Trennung von Gott und Mensch rückgängig gemacht werden. Der Sinn der Geschichte ist die Identität von Gott und Mensch, womit politische Geschichte zur Heilsgeschichte wird.

Der Sinn der um sich greifenden Identitätspolitik der Gegenwart ist nicht ein irdischer: „Wir sind Wir, Ihr anderen seid nicht Wir“, sondern ein Glaubensbekenntnis: Wir sind identisch mit Gott – alle anderen des Teufels. Selbst engsten Verbündeten muss misstraut werden. America first heißt: im Zweifelsfall für Uns und Gott gegen alle.

Gibt es mehrere christliche Wir-Nationen, kann es schnell zu Konflikten führen: wer ist die wahre Lieblingsnation Gottes? Die meisten europäischen Kriege waren Rivalitäten um die wahre Gottesnation. Der Sieg auf dem Feld sollte Gottes Favoriten erweisen. In diesem Sinn wurden die menschenmordenden Gefechte zu göttlichen Erwählungsbeweisen.

Westliche Demokratien sind explosive Mischungen aus zwei unverträglichen Moralen: der universellen Moral heidnischer Menschenrechte und der partikularen Moral, besser Amoral, religiöser Selektion.

Da universelle Menschenrechte für alle Völker gelten, verschmelzen sie mit einem universellen Völkerrecht, in dem alle Nationen von gleichem Wert sein sollen. Solange in Demokratien heidnische Menschenrechte Vorrang haben, solange gibt es keine prinzipiellen Konflikte mit einem globalen Völkerrecht, das jede Nation als gleich-gültige oder gleichwertige behandelt.

Nähert sich der Pendelschlag der Geschichte aber wieder dem religiösen Pol, kommen die mächtigsten unter den Auserwähltheitsdemokratien unweigerlich auf den Gedanken, das universelle Völkerrecht zu missachten und dem eigenen Staat partikulare Rechte und Pflichten zuzuschreiben. Sich selbst bezeichnen sie als Reich des Guten, das nicht davor zurückschrecken darf, den Bösen zu zeigen, wer in der Weltpolitik das Sagen hat.

In Deutschland gibt es einen seit der Romantik herrschenden Hass gegen moralische Besserwisser. Die von Napoleon besiegten Deutschen, die seit der Französischen Revolution begeisterte Freunde der Freiheit und Menschenrechte geworden waren, kippten wieder um und lehnten sich nicht nur gegen den Korsen auf, sondern gegen alle universellen Werte der französischen und amerikanischen Revolution. Hat jedes individuelle Gebilde, sei es Mensch oder Volk, seine eigene Moral, kann es zur besserwisserischen Dominanz einer universell geltenden Moral nicht kommen.

Das war der Beginn des deutschen Sonderwegs: jedes Volk ist ein individuelles Gebilde und muss seine eigene, unvergleichliche Moral entwickeln. Alles andere wäre blinder Gehorsam unter abstrakte fremde Werte. Moralische Besserwisserei ist eine Anmaßung universeller Werte, die alle Individuen und Völker unter das Joch einer uniformen Moral zwingen will.

Der anhaltende Hass gegen universelle Moral hat seine Wurzeln in Ressentiments gegen westliche Nationen, die heute zu den Verbündeten der Deutschen gehören. Er ist vor allem ein historischer Reflex gegen Menschenrechte, ohne die keine deutsche Demokratie möglich wäre.

Verräterisch, dass es keine Animositäten gegen ökonomische oder technologische Besserwisserei gibt. Auf diesen Macht-Gebieten sollen die Deutschen wieder zur Weltklasse aufschließen. Hier gibt es keine Scheu vor Großtuerei. Man stelle sich vor, Merkel würde ihre lutherischen Untertanen zu moralischer Weltklasse aufrufen. Eine nationale Empörung würde sie wegfegen.

Gelegentliche Samariteraktionen gelten hierzulande nicht als moralisch-heidnische Leistungen, sondern als religiöse Gehorsamswerke – die schnell ihren Glanz verlieren, weil Luthers Aversionen gegen Werke sich zusammenschließen zu Sonderweg-Erleuchtungen, die mit autonomer Moral nichts zu tun haben.

Merkels „wir schaffen das“ legte Wert darauf, kein Appell an die Moral zu sein. Entsprechend die obrigkeitliche Vernachlässigung, ja Gleichgültigkeit gegen die phänomenale Solidararbeit mit den Flüchtlingen. Aus diesem Grunde gaben Flüchtlingshelfer ihre Ehrennadeln an die Bürokraten zurück:

„Mittlerweile ist die Politik darauf ausgerichtet, möglichst schnell abzuschieben statt zu integrieren. Das können wir nicht mittragen, weil wir die Schicksale der einzelnen Menschen hautnah miterleben. Außerdem fühlen wir uns nicht richtig anerkannt. Ohne ehrenamtliche Arbeit wäre die Situation in Deutschland nämlich verheerend. Wir fangen so viele Sachen auf, die eine Behörde gar nicht leisten kann. Zum Beispiel wurde eine albanische Familie abgeschoben, die wunderbar integriert war. Sie arbeiteten, die Tochter machte ihren Schulabschluss. Und dann wurden sie von sechs Polizeiwagen am Geburtstag der Mutter wie Schwerverbrecher aus der Wohnung geholt. Die stehen jetzt in Albanien vor dem Nichts. Das finde ich einfach nur entsetzlich, das kann ich einfach nicht tolerieren.“ (SPIEGEL.de)

Ein außergewöhnlicher Verstoß gegen den Geist der Menschenrechte mitten in Merkels Deutschland.

Das Gute muss ein Gnadenakt sein, auf keinen Fall rationale Verlässlichkeit. Allgemeine Menschenrechte sind abstrakt und gelten immer. Deutsches Sonderrecht ist konkret und muss unberechenbare Gnade sein. Wie die Tat jenes Samaritaners, der zufällig einen Hilfsbedürftigen im Graben fand, der unter die Räuber gefallen war.

Gott kennt nur Einzelfälle, die er nach unerfindlichen Kriterien auswählt. Gottbefohlene Nächstenliebe ist keine Politik der Nächstenliebe, weshalb alle christlichen Politiker Wert darauf legen, ihren Glauben unpolitisch und ihre Politik sachlich auszurichten. Noch nie sind CDU-Politiker damit aufgefallen, dass sie ihrer Partei unchristliche Politik vorwerfen – von Geisler, Blüm und wenigen „Herz-Jesu-Marxisten“ (zu denen auch ein gewisser Horst Seehofer gehörte) abgesehen.

Annegret Kramp-Karrenbauer, die lang ersehnte katholische Antwort aus dem Westen auf die lutherische Pastorentochter aus dem Osten:

„Als Generalsekretärin der CDU ist mir wichtig, darauf hinzuweisen: Wir machen keine – und ich mache keine – christliche Politik. Das wäre auch ein ungeheuer großer Anspruch, den niemand erfüllen könnte. Wir machen Politik auf der Grundlage eines christlichen Menschenbildes. Das ist etwas anderes." (ZEIT.de)

Die Aversion frommer Partikularisten reicht bis zur privaten Sonder-Definition des Glaubens:

„Mein Alltag ist nicht so geprägt und durchdrungen von den Traditionen, von den Vorgaben des Glaubens, wie das bei meinen Eltern der Fall war. Für mich ist Glaube etwas sehr Persönliches. Er richtet sich nach innen."

Eine Formel, die oft zu hören ist. Wenn etwas wichtig ist, muss es bis zur Privatheit reduziert und ent-universalisiert werden. Auf Griechisch war dieses Private das Idiotische. Das ist der riesige Unterschied zwischen der auf generelle Werte angelegten heidnischen Demokratie und der auf persönliche Sonderfälle beschränkten religiösen Selektion. Weshalb beide Kulturen unverträglich sind.

Völlig unmöglich, dass auf dem Boden individueller Selektion der Geist universeller Menschenrechte hätten entstehen können. Jesu Botschaft richtet sich zwar, nach einer partikularen Frühphase, an die ganze Menschheit. Aber nur im Sinn einer allgemeinen Sündhaftigkeit, die, von wenigen irrationalen Ausnahmen abgesehen, dem höllischen Feuer verfallen ist.

Das Christentum ist unfehlbar, weil es keine allgemeinen Kriterien gibt, nach denen es beurteilt werden kann:

„Ich mache mir die wortgetreue Schilderung der Bibel nicht zu eigen. Ich glaube nicht, dass Gott die Welt buchstäblich in sieben Tagen erschaffen hat. Ich bin das säkularisierte Modell einer Christin und glaube: Das ist der einzige Weg, wie Menschen verschiedener Religionen friedlich miteinander leben können."

Sie tun, als ob sie an das unfehlbare Wort glauben, denken aber nicht daran, es für unfehlbar zu halten. Geht es um naturwissenschaftliche Erkenntnisse, haben, bei Divergenzen, immer die Naturwissenschaften recht. (Anders bei amerikanischen Creationisten, die sich noch immer an den Wortlaut der Schrift halten.)

Obgleich deutsche Christen noch immer an die Unfehlbarkeit der Bibel glauben, sind sie, seit Aufkommen der historisch-kritischen Arbeit, dazu übergegangen, ihren Gott zu belehren. Sie ignorieren den Wortsinn der Schrift und teilen dem göttlichen Offenbarer mit, was er eigentlich hätte sagen wollen, wenn… wenn er fähig dazu gewesen wäre. Jede neue Differenz zwischen Urwort und wechselndem Zeitgeist muss als neue Interpretation der alten Schrift ausgewiesen werden.

Hier begann die Morastbildung der gegenwärtigen Dekadenz. Eine sachgemäße Interpretation ist eine Erklärung des Urtextes, über die man sich in Details zwar streiten kann, aber nie so, dass die uralten Worte nicht mehr gelten sollen.

Die Christen glauben an eine unfehlbare Offenbarung, deren Torheit sie ständig eines Besseren belehren müssen. Gott war unfähig, seine Gedanken schriftlich niederzulegen. In wie vielen Punkten mussten die biblischen Aussagen inzwischen nachgebessert werden, weil der Heilige Geist Legastheniker gewesen sein muss: in der Schöpfungsgeschichte, in der historisch nachweisbaren Geschichte des alten Israel, in der Wunderfrage, den Schmähungen der Schwulen, den antisemitischen Äußerungen Jesu, dem ambivalenten Verhältnis zum griechischen Logos, der ewigen höllischen Verdammung, den naturvernichtenden Apokalypsen, der totalitären Obrigkeit, in allen apolitischen Moralfragen etc.

Der Zeitgeist wurde mittlerweilen zum unfehlbaren Maßstab, mit dem die Schrift gewogen und fast immer zu leicht empfunden wird. Den einen ist die Schrift ein antikapitalistisches Revoluzzer-Manifest, den anderen eine Aufforderung zur Reichtumsbildung als Bestätigung göttlicher Erwählung.

Theologen wollen modern sein, damit sie die Bibel a posteriori nachrüsten können. Wann immer der Zeitgeist sich ändert, muss das unfehlbare Wort dran glauben.

„War Merkels Politik ein Beweis herausragender Christlichkeit? Ist Seehofers Politik ein Beweis von Unchristlichkeit? Nein, der Glaube eignet sich nicht als Kriterium, einander zu beurteilen. Mir hat immer gefallen, was Papst Franziskus sagt: Christlich handeln heißt, die Not der Menschen zu lindern. Will Europa ein christlicher Kontinent sein, muss es sich einüben in die Haltung Jesu, der seinen Jüngern die Füße wäscht.“ (ZEIT.de)

Der Glaube ist kein Maßstab des Handelns, dennoch soll Jesu ein Vorbild im täglichen Leben sein. Das reimt sich wie die Faust aufs Auge.

Ein anderer Pastor: „Deshalb missfällt mir heute im Flüchtlingsstreit der moralisierende Gebrauch der Vokabeln "christlich" und "unchristlich". Er suggeriert eine Überlegenheit des Christentums, an die ich nicht glaube. Erstens aus historischen Gründen: Es gab ja Zeiten, da war der gute Christ Frauenfeind, Antisemit oder Kriegsbejubler.“

Immerhin, eine kleine Einsicht in die Widersprüchlichkeit und Willkürlichkeit theologischer Wahrheiten.

Ein katholischer Theologe:

„Wow, in Deutschland wird das Christentum immer mächtiger, weil wichtigster Bezugspunkt im öffentlichen Ethikdiskurs. Inzwischen hört man nicht nur: "Dieses Handeln ist unchristlich!" Sondern mit ausgestrecktem Finger: "Jener Politiker ist unchristlich!"

Doch das hindert den Theologen nicht, das schlimmste christliche Verdammungsvokabular aus dem Keller zu holen: „«Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.» Jesus geht da ja ziemlich deutlich zur Sache. Dass einer ein Narr sei oder ein Dummkopf, das waren aber noch zahme Vorwürfe, verglichen mit jenem anderen: «Du bist kein Christ.»"

Dass jemand Nicht-Christ genannt wird, soll schlimmer als eine Verdammung ins höllische Feuer. Wow!

Die pathologische Abwehr des moralischen Kritisierens firmiert unter dem kategorischen Gebot: Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Auf Deutsch: Kritisiert nicht, auf dass ihr nicht kritisiert werdet.

Öffentliche Kritik war das Salz in der demokratischen Suppe, die Substanz im Wettkampf um die humanste Moral, um die wahrste Wahrheit, um das Vernünftigste der Vernunft.

In der Erlöserreligion wird gegenseitige Kritik abgeschafft. Es gibt nur Einen mit dem Monopol des Richtens und Verdammens: das ist Gott. Der Mensch wird seiner elementaren autonomen Vernunft beraubt und dem unfehlbaren Gericht eines Gottes überantwortet.

Moralisten werden gemaßregelt mit dem Argument, eine universelle Moral (oder Vernunft, Erkenntnis, Wahrheit) gebe es nicht. Gleichwohl wird diese Maßregelung als überlegene Moral ausgegeben. Man kritisiert, indem man eben das tut, was man selbst kritisiert hat.

Jens Spahns Attacke auf christliches Moralisieren übertrifft alles. „Glaube und Moral sind nicht dasselbe“. Wenn Religion nichts mit Moral zu tun haben kann, gibt es keinen Grund, sich als gläubiger Politiker Moralvorhaltungen gefallen zu lassen.

„Die Säkularisierung hat die Menschen und staatliche Institutionen aus strengen religiösen Bindungen und Beschränkungen herausgeführt. Religion soll keine Grundlage von staatlichen Handlungen mehr sein. Das ist eine der entscheidenden Wegmarken unserer Kultur. Religion wurde zur Privatsache erklärt. Das erläutert der ehemalige Verfassungsrichter Udo di Fabio in seinem Buch „Die Kultur der Freiheit“ sehr anschaulich. Es gilt das Neutralitätsgebot, wonach der Staat sich aus der transzendentalen Deutung der Welt und dem Streben nach Glück, Glaube und Wahrheit des Individuums herauszuhalten hat.“ (WELT.de)

Hier ist alles falsch, was nur falsch sein kann. Die Säkularisierung hat niemanden aus seinem persönlichen Glauben herausgeführt. Jeder kann glauben, was er glauben will. Seinen Glauben allerdings kann er nur in seinem privaten Leben realisieren – sofern er mit demokratischen Gesetzen kompatibel ist. Kein Glaube, der dem demokratischen Geist widerspricht, darf hoffen, sich über politische Vernunft hinwegsetzen zu dürfen.

Religion darf in der Tat keine staatlichen Maßnahmen prägen. Christlichen Politikern hingegen ist es unbenommen, die heidnische Vernunft der Polis aus subjektiven privaten Motiven – sie mögen so christlich, buddhistisch, muslimisch oder jüdisch sein, wie sie wollen – zu realisieren.

Da der private Glaube längst nicht mehr identisch ist mit dem Sinn des Urtextes, gibt es keinen Konflikt mehr zwischen nach-modernisiertem Glauben und politischer Vernunft.

Dennoch verbleibt der Christ in einem falschen Bewusstseinszusammenhang, denn er glaubt fälschlicherweise, er habe sein demokratie-kompatibles Schriftverständnis aus dem Urtext abgeleitet. Sein Denken und Handeln sind zumeist demokratisch, die Ursprünge dieses Denkens und Handelns aber vermutet er zu Unrecht im hermeneutisch verwüsteten Text der Schrift.

Indem er die objektive Schrift zum subjektiven Fühlen und Ahnen entbeint hat, gibt es keine Schrift mehr, die sein Tun und Machen mit göttlichem Blick kritisieren und verurteilen könnte. Und doch gibt es noch eine Unfehlbarkeit: seine eigene Auslegung der Schrift, die er als wechselnde Offenbarung in der Zeit definiert. Als sündiger Empfänger empfindet er sich abhängig von der Schrift, deren Auslegung er in göttlicher Unfehlbarkeit vollbringt.

In seiner Ablehnung eines „übertriebenen Moralismus“ beruft sich Spahn auf zwei deutsche Gelehrte, den Historiker Winkler und den Theologen Graf.

„Sehr bedenkenswert waren jüngst auch die Anmerkungen des Historikers Heinrich August Winkler zum grassierenden Moralismus in der Flüchtlingsfrage. Er sagte dieser Zeitung Ende Juli 2018: „Wir haben uns durch lautstarken, übertriebenen Moralismus in Europa unglaubwürdig gemacht.“ Warum? Weil viele europäische Partner den Eindruck hätten, so Winkler, dass Deutschland erneut einen Sonderweg einschlägt, erneut nach dem unglückseligen Motto: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“

Graf beruft sich auf den romantischen Theologen Schleiermacher:

„Graf verweist bei seiner Kritik am Verhalten mancher Vertreter der beiden großen christlichen Kirchen auf den protestantischen Theologen und Staatstheoretiker Friedrich Schleiermacher, der einer der großen Intellektuellen Preußens vor und nach den Napoleonischen Kriegen war. Ich finde es interessant, zumal als Katholik, zu lesen, dass sich Schleiermacher vehement für eine Trennung von Religion, Religiosität und Moral einsetzte. Den christlichen Erlösungsglauben mit Moral gleichzusetzen, verfälsche das Evangelium, davon war der Theologe Schleiermacher überzeugt. Triviale Moralansprüche aus christlichen Symbolen herzuleiten, bekämpfte er entschieden.“

Was ist der deutsche Sonderweg? Die Ablehnung der westlichen Menschenrechte durch die Romantiker. Schleiermacher war der führende Theologe der Romantik.

„Fast vergessen ist die romantische Staatslehre, die den stärksten Einfluss auf die politische Entwicklung in Deutschland genommen hat. Sie hat die Strömung geformt, die man den deutschen Sonderweg nennt, dessen Bedeutung in der Aussage besteht: Es gibt keine universalen Menschenrechte. Die Wirklichkeit untersteht keinem universellen äußeren Diktat, sondern entwickelt sich organisch aus der nationalen Dynamik. Das Menschenrechtskonzept konnte sich in der öffentlichen Meinung Deutschlands nie wieder von dem Absturz in die Gewaltsamkeit der napoleonischen Eroberungskriege erholen. Das Hambacher Fest 1832 blieb ohne Folgen.“ (Sibylle Tönnies, Die Menschenrechtsidee)

Das kategorische Sollen Kants wurde von den Romantikern, Hegel, Marx, vernichtet. Das Vernünftige musste nicht verwirklicht werden, das Wirkliche war bereits vernünftig. Das Wirkliche ist vernünftig, das Vernünftige wirklich. Über Nietzsche verschärfte sich dieser Hass gegen Demokratie und Menschenrechte bis zu den Völkerverbrechen der Nationalsozialisten.

Nach dem Krieg gab es viele pathetische Reden über die neu erlernten demokratischen Werte, doch die herrschenden Ideologien von der Frankfurter Schule bis Luhmann, von den Rechten zu den Linken, waren unisono Gegner alles universellen Sollens.

Die Dekadenz deutscher Intelligenz kann kaum noch größer werden, wenn ein führender Historiker unter deutschem Sonderweg das Gegenteil dessen versteht, war er war. Er war eine energische Absage an Moral. Und heute soll er just in Moralismus bestehen.

An deutschem Wesen soll die Welt eben nicht genesen, sondern an universeller Moral, die von Deutschen nicht erfunden wurde.

Eine isolierte samaritanische Flüchtlingstat wird herausgegriffen, um den Deutschen moralisches Besserwissen vorzuwerfen. Erstens ist Moral kein isoliertes Handeln. Zweitens ist christliche Sonder-Erleuchtung keine verlässliche moralische Vernunft.

Die Deutschen sollen moralisch aufgefallen sein? Sind sie in ökonomischer Solidarität auffällig geworden? In entmilitarisierter Friedensliebe? In globaler Vorbildlichkeit? Der angebliche Moralismus der Deutschen ist eine Halluzination deutscher Sonderweg-Gelehrter.

Was bleibt vom Glauben übrig, wenn Spahn alle Moral aus ihm entfernt?

„Für mich als Katholik ist der Glaube und seine auf diesem Fels gebaute Organisation primär die Quelle von Gnade und Vergebung, die mich von Schuld und Angst befreit und zu mir hält, auch wenn ich gefehlt habe oder verzagt bin. Ich suche im Glauben vor allem Halt und Spiritualität, Inspiration und Antrieb. Und ich habe den Eindruck, damit stehe ich nicht alleine.“

Glaube besitzt keine objektive Orientierungskraft mehr im Privaten und Politischen, sondern wurde zum subjektiven Narkotikum. Die Verstümmelung der Schrift zum unfehlbaren Nichts, das durch hermeneutischen Größenwahn wieder zum Popanz aufgeblasen wird, der zu nichts mehr verpflichtet: das ist die Wurzel deutscher Palliativkunst, die in Merkel ihre Hohepriesterin fand.

Der Glaube wurde zu einer Art christlicher Yoga mit psychischer Angstreduzierung und spirituellem Leistungsantrieb, um den unbarmherzigen Wettbewerb der Völker mit Bravour zu bestehen.

Welch Wunder. Eben dies war die Motivation des biblischen Erlösers:

In hoc signo vinces: in diesem Zeichen wirst du siegen.

 

Fortsetzung folgt.