Donnerstag, 27. Oktober 2011 - Das Böse ist das Gute

Archiv-Tagesmails - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Verteilung,

275%! Um 275% sind die Vermögen der Alleshaber in den USA in den letzten drei Jahrzehnten gestiegen. Und die der Nichtshaber? Um 18%. Wie ungleich die Besitzverhältnisse bereits vorher waren, wird  nicht erwähnt. In beschleunigtem Tempo driften die Gesellschaften auseinander. Mit Hilfe eines Dreisatzes könnte man berechnen, wann die Einen den kompletten Reichtum der Welt für sich geplündert haben, die Anderen in Charityküchen abgespeist werden.

Ohne das Etikett im Geringsten zu verändern, sind aus Demokratien Plutokratien geworden. Wenn in 50 bis 100 Jahren zehn sportliche Greise aus China, Brasilien, Russland und den USA die Welt unter sich aufgeteilt haben, werden sie noch immer von Demokratien reden. Derselbe Etikettenschwindel bei den Chinesen. Obgleich Money längst die Herrschaft über das Reich der Mitte angetreten hat, predigen sie nach wie vor Sozialismus oder Kommunismus.

Demokratien, Despotien, Neoliberalismen, Staatssozialismen, Totalitarismen, Scharia- oder Bibelherrschaften, gleichviel: die Welt betrügt sich mit gedanklichen Markenwaren der Vergangenheit. Längst zeigt sich, wohin die Geschichte konvergiert und gravitiert. Das Zentrum des Geschehens liegt im unverhüllten Erringen der Weltdominanz. Heilsgeschichte hat sich konkretisiert als Geldgeschichte, Geldgeschichte als Machtgeschichte. Patriarchale Religionen träumen von Omnipotenz über Sein oder Nichtsein. ...

 

... „Die Herrschaft über die Welt ist unserem Herrn und seinem Gesalbten zuteil geworden, und er wird herrschen in Ewigkeit. (Offbg. 11,15) „Und in den Tagen jener Könige wird der Gott des Himmels ein Reich erstehen lassen, das ewig unzerstörbar bleibt, und die Herrschaft wird keinem andern Volke überlassen werden. Alle diese Reiche wird es zermalmen und vernichten, selbst aber in alle Ewigkeit bestehen.“ (Dan. 2,44)

Glauben ist Fürwahrhalten des gottgleichen Menschen, Imperator der Welt zu sein oder auf amerikanisch:  Master of Universe. Fromme, nicht Gottlose, halten den Menschen für gottebenbildlich. Wie kann man Gott sein wollen, wenn man ihn zuvor für tot erklärt? Nietzsche war nicht auf der Höhe seines transzendenten Vatermords.

Exemplarisch verkörpern die Deutschen das Dilemma des Alles-oder-Nichtseins. Entweder wollten sie die Welt durch Erlösung beherrschen oder durch Verdammung im Orkus verschwinden lassen. Sie schwankten zwischen messianischem Rausch und entgöttertem Entzug ihrer jenseitigen Unvergleichbarkeit, den sie als Untergangspessimismus à la Schopenhauer und Spengler zelebrierten. Selbstverklärung und Fremdverfluchung – oder Fremdanbetung und Selbstverdammung, so tickte der Generalbass der deutschen Heroen-Kantate.

Selbst stand für germanisch, Fremd für jüdisch, ersatzweise für westlich oder östlich, krank oder entartet. Anfängliche Bewunderung für die Erstgeborenen wich glühendem Hass auf die Meistgeliebten, deren Stelle zu erobern man nur hoffen durfte, wenn man sie zuvor beseitigte.

Religion ist Politik, getarnt als privates Gutdünken und omnipotentes Träumen. Mach deine Träume wahr, heißt die amerikanische Botschaft, die mittlerweilen alle Seifenopern dieser Welt dominiert. Diese Deo-Seife soll die Welt zur Vorbereitung des Finales reinigen, bis den Gesäuberten das Blut kathartisch aus allen Poren schießt.

Wegen Erfolglosigkeit mussten die Deutschen die Rolle der exemplarischen Nation an ihre Befreier weitergeben. Doch die Welt hat nur gelernt, dass Erlösung mit bloßer Gewalt vergeblich ist. Das Tremendum muss vom Faszinosum begleitet werden. Das haben die Amerikaner kapiert, die den Glamour des Immermehrhabens der hungrigen Welt vermittelten. Es sind nicht mehr Kanonen, die den Weg zur Weltherrschaft ebnen, es sind die Lehrbücher der Ökonomie.

Juden wollten das Heil nur für ihre Nation, Christen für die Auserwählten aus allen Nationen. Die Amerikaner sind eine christlich-jüdische Synthese. Jedermann auf der großen weiten Welt kann seine Träume verwirklichen, doch das neue Kanaan bleibt Gods own country. Die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm sind die operativen Linien Gottes, der seinem Sohn die Wiederkunft bereitet:

„Horch es ruft: in der Wüste bahnet den Weg des Herrn. Machet in der Steppe eine gerade Straße unserm Gott.“ (Jes. 40,3 ff)  Dann wird es keinen schmalen Weg zur Seligkeit mehr geben, die Landebahn des Herrn muss breit und triumphal angelegt sein. Doch zuvor muss die Welt in Steppe und Wüste verwandelt werden. Auch dafür sorgt der gütige Vater: „Das Gras verdorrt, die Blume welkt, wenn der Hauch des Herrn darüber weht. Ja, Gras ist das Volk. Das Gras verdorrt, die Blume welkt, aber das Wort unseres Herrn bleibt in Ewigkeit.“ (Jes. 40,7 f)

Die wahre Kluft ist die zwischen Gott und Natur: Gott hui, Natur pfui.

Arno Widmann klagt über die Vielzuvielen, also die mehr als sieben Milliarden Menschen auf  der knappen Erde. Diese unkontrollierte Zeugungswut sei „einer der klarsten Belege dafür, wie wenig den Menschen ihr Wissen hilft, um das Richtige zu tun. Wir brauchen zu lange von der Einsicht zur Tat“. Welches Wissen, welche Einsicht?

Die säkulare Menschheit ist nicht entzaubert, nicht profan, nicht auf Vernunft und Einsicht geeicht, nicht entnabelt von ihrem Heiligen. Unter wechselnden Masken der Moderne verbleibt sie im Dunstkreis ihrer unfehlbaren Schriften. Ihr Wissen, ihre Einsicht ist ein unscheinbarer Fleck  ihres Kleinhirns, ihr Herz tickt unbeirrt im Geist des Herrn: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan.“ (Gen. 1,28) Hier ist vorsätzlicher Glauben am Werk, keine schwächliche Einsicht, die ihren ach so unüberwindbaren Trieben unterliegt.

Niemand versteht ihn, er ist ein Massenschlächter ohne Empathie, prahlerisch, redselig und roboterhaft. Ein unverständliches Monstrum. Schnell und unvermeidlich wird der Norweger Breivik in die Kiste: das Böse, abgeschoben. Das Böse ist von Normalen und Ehrbaren nicht zu verstehen. Das Böse unterliegt nicht dem Gesetz der Kausalität. Es ist ein negatives Wunder. Nach Kant ist der Grund des radikalen Bösen unerfindlich, ein irrationales Geschehen unserer subjektiven Willkür. Damit öffnete Kant den Hintereingang zum Dämonischen und Teuflischen, mit natürlichen Mitteln nicht nachzuvollziehen. Da wars um die Aufklärung als natürliches Verstehenwollen des Menschen geschehen.

Doch, Breivik hat Empathie – mit all jenen desorientierten Abendländern, die er vor dem Ungeist der Muslime und anderer Verwirrter erretten muss. Breivik besitzt dieselbe Erlöserseele wie jeder neoliberale Ökonom, Puritaner, naturfeindliche Fortschrittler und wiedergeborene Texaner. Nur die Objekte seiner bösen Begierde unterscheiden sich ein wenig von denen der Mehrheitsmoralisten.

Seine Liebesorgie mit dem blutenden Schwert ist Fleisch vom Fleische christlicher Erlöser. Was heute böse, kann morgen das Beste sein. Im Namen des ewig Neuen lässt die rasende Moderne keinen Stein auf dem andern. Hitler litt an einem Übermaß an Empathie – mit einer Natur, die er nur retten konnte, wenn er die bösen Keime der Juden vernichtete. Das Böse ist identisch mit der Form des Guten. Seine Inhalte kommen und gehen wie Launen der Mode.

Das gilt für alle unverständlichen Teufel, bei denen wir uns dumm stellen, damit wir das religiös eingepflanzte Böse in der eigenen Brust nicht wahrnehmen müssen. Wer schrieb einst einen Artikel über „Bruder Hitler“? Ein gewisser Thomas Mann. Wer schreibt über unsere verleugneten Brüder im Geiste: Breivik, Himmler und Heydrich? Der SPIEGEL bestimmt nicht.


Zum Breivik-Gesamt-Kommentar siehe: Kontroversen – Der Fall Breivik