Sofort, Hier und Jetzt XLIII

Tagesmail - Freitag, den 23. November 2018

Sofort, Hier und Jetzt XLIII,

„Er ist rechtlich nicht bindend, und deshalb steht Deutschland dazu": in der Bundestagsdebatte hatte die Kanzlerin der Opposition mit einem Satz geantwortet, „der es in sich hatte“. (SZ)

Die Presse war begeistert: „Die Regierungschefin, sonst nicht gerade für rhetorische Eruptionen bekannt, gibt sich bei ihrer ersten Rede im Parlament seit ihrem angekündigten Rückzug für ihre Verhältnisse kämpferisch, manchmal gar emotional. Es wirkt, als treibe sie verstärkt die Sorge um ihr Vermächtnis um.“ (SPIEGEL)

Merkel hatte das Betriebsgeheimnis ihrer Regierung verraten. Was rechtlich unverbindlich ist, ist es auch moralisch – das ohnehin zu nichts verpflichtet. Gebt euer Wort, unterschreibt alle Verträge dieser Welt: wer glaubt, er könne sich darauf berufen und uns in Zugzwang bringen, ist nicht mehr zu retten. Wir lassen uns durch nichts erpressen, nicht mal durch unser eigenes Wort. Normen sind dazu da, dass sie im täglichen Wursteln verhackstückt werden – wie die nationale Metzgerinnung formulierte. Was Trump enthemmt demonstriert, gehört lange schon zum feinsinnigen Machiavellismus Merkels, die sich nur ihrem Gott verantwortlich fühlt und sonst niemandem auf der Welt.

Oh, pardon: Fehler! Die Donnersätze, die es in sich haben, haben sich verselbständigt. In Wahrheit antwortete Merkel der AfD-Fraktionschefin Weidel: „Das Schöne an freiheitlichen Debatten ist, dass jeder über das spricht, was er für das Land für wichtig hält.“ (SPIEGEL.de)

So läuft eine vorbildliche Debatte im deutschen Bundestag. Die Opposition, sie mag sein, wie sie will, wird nicht einer direkten Ansprache gewürdigt und mit überzeugenden Argumenten widerlegt, wie es dem Hohen Hause ...

 ... angemessen wäre. Mit einem süffisanten, auf Beifall berechneten, tönernen Sätzchen wird die Opposition vorgeführt.

„Gelächter und Gejohle im Hohen Haus“.

Womit sich das Hohe Haus selbst vorführte und verhöhnte. Anstatt das unfaire, von keiner Achtung für das Parlament gekennzeichnete Verhalten der Hohen Frau unmissverständlich zu versenken, erging sich die deutsche Muttersöhnchenpresse in hämischer Bewunderung. Sie kann auch austeilen, die Pastorentochter, in ihrer unnachahmlichen Unschuldpose. Die postmortale Verherrlichung der Kanzlerin zur Madonna patriae läuft bereits auf allen Kanälen.

Was ist das für eine deformierte Presse, die nicht mehr imstande ist, den Respekt vor einer selbstbewussten, demokratischen Streitkultur einzufordern? Nein, wir sind noch nicht in Weimar, wo sich das Parlament durch hasserfüllten Tumult selbst aus dem Wege räumte. Wir befinden uns auf direktem Weg dorthin.

Was ist das für eine Presse, die nicht bemerkt, dass die Große Rede der Kanzlerin ein tönend Erz und klingende Schelle war? Die wichtigsten Menschheitsfragen, zugleich die brisantesten Probleme der Nation, wurden von ihr mit keinem Wörtchen angesprochen.

Klima? Zunehmende Kriegsgefahr? Abschotten der Nationen? Wachsender Hass der Völker? Demontierung der UNO, Missachtung der Menschen- und Völkerrechte? Was sind das für Nichtigkeiten, verglichen mit Digitalisierung und Wirtschaftswachstum.

Merkels wichtigste Sätze lauteten: „Die Zeit drängt. Wir wollen wieder überall Weltklasse werden."

Die Zeit drängt ist das biblische: Wachet, denn ihr wisst nicht die Stunde, da der Herr kommen wird. Eschatologische Ungeduld wird zum Beschleunigen ökonomischer Abläufe.

Nationalistischen Narzissmus hält Merkel für vereinbar mit dem weltumspannenden Pathos:

„Patriotismus sei vielmehr, "wenn man im deutschen Interesse auch andere mit einbezieht und Win-win-Situationen akzeptiert. Deutsches Interesse heißt, immer auch die anderen mitzudenken. Das ist der Erfolg von Europa. Das ist der Erfolg einer multilateralen Welt.“ Als Merkel mit diesen Worten schließt, erhält sie aus den Reihen der Koalition so viel Beifall wie schon lange nicht mehr im Bundestag.“

Die Menschheit droht sich vom Acker zu machen und eine Pastorentochter lässt das völlig kalt. Weltklasse werden, heißt, zu den Siegern des globalen Wettkampfs zu gehören. Wie kann man siegen, ohne die Konkurrenten in den Schatten zu stellen und zu beschämen? Genügt Griechenland noch nicht? Genügen die unterentwickelten, almosen-abgespeisten Völker nicht, die es in ihren klimabeschädigten Heimatländern nicht mehr aushalten und dennoch ihrem Elend überlassen bleiben?

Kein Jota von alldem in deutschen Gazetten. Wie ist das möglich? Schreiben dort nicht mitfühlende, intelligente ZeitgenossInnen, die Kinder haben und sich für den Lauf der Welt interessieren? Fühlen sie sich verantwortlich – oder beobachten sie nur? Schließt Beobachten Verantwortung für das Beobachtete aus? Wenn ich eingreife in das Beobachtete, verändere ich es. Die „Reinheit“ des Beobachtens wäre zerstört.

Vor Heisenberg war jedes wissenschaftliche Beobachten ein nicht-eingreifender Akt. Erst im kleinsten Bereich der Atome wurde Beobachten zur verändernden Intervention. Wie Objektivität und eingreifendes Beobachten zusammenpassen, wurde zur umstrittenen Frage der Grundlagenphysik.

Auch in den Sozialwissenschaften geht es nicht ohne Beobachten. Demoskopische Umfragen definieren sich als „teilnehmende Beobachtung“. Popper wirft den Sozialwissenschaften unwissenschaftliche Methoden vor. Jedes erwünschte Ergebnis könne man durch suggestive Fragen mühelos selbst erzeugen.

Jede Frage enthält eine unbewusste persönliche Färbung. Bei jedem Antwortenden läuft ein komplexer Vorgang ab, über den er kaum Auskunft geben kann: Was will der Frager von mir? Will er von mir eine politisch korrekte oder eine ehrliche Antwort? Kenn ich überhaupt meine eigene Meinung? Traue ich mich, sie einem Fremden mitzuteilen?

Die meisten Umfragen mit wissenschaftlichem Anspruch taugen fast nichts. Wenn‘s hoch kommt, geben sie ihre repräsentativen Zahlen an – aber nicht die Fragen, die sie gestellt haben. Medien, die die Umfragen mit szientifischem Gepränge veröffentlichen, lassen alle Probleme unerwähnt und tun, als ginge es um die reine Wahrheit.

Auch in den Naturwissenschaften gibt es eine Objektivität, die sich erst durch Offenlegen der beobachtenden Subjektivität zeigt. Astronomen müssen ihren subjektiven Augen-Faktor kennen, um die Beobachtungsergebnisse durch Umrechnen zu objektivieren.

Nicht mal diesen Effekt scheinen die medialen Beobachter zu kennen. Dabei dringt ihnen der subjektive Faktor aus allen Poren, Sätzen, aus allen Fragen, die sie ihren Interviewpartnern stellen.

Die objektivsten Berichte erhalten ein Gschmäckle, wenn die Bundeskanzlerin eine schwierige Situation fast immer in „nüchterner Gelassenheit“ absolviert – obgleich ihre konfuse Widersprüchlichkeit offen zu Tage lag. Besonders in schwierigen internationalen Verhandlungen kann der deutsche Beobachter seine Parteilichkeit für die eigene Kanzlerin nicht unterdrücken.

Wie kann ich die Wirklichkeit erkennen? Durch reines Beobachten, das von keinerlei subjektiver Voreingenommenheit getrübt – oder etwa geschärft? – wird? Oder durch ein Beobachten, das von persönlichen Erfahrungen geprägt wird?

Da jeder Mensch ein Kosmos voller Gedanken ist, kann es ein vorurteilsfreies Beobachten, Fragen nicht geben. Jeder Journalist hätte die Pflicht, seine eigene Meinung, unabhängig von seinem Artikel oder Interview, in einem gesonderten Kästchen dazulegen, damit jeder Leser den „subjektiven Faktor“ der Beobachtungen mit bedenken könnte.

Philosophisch sind Journalisten naive Positivisten, die keine Mühe haben, ihre sinnlichen Wahrnehmungen als objektive Fakten, Fakten, Fakten auszugeben. Dass Fakten komplexe Aggregate aus subjektiven und objektiven Faktoren sind, wollen die Naivlinge nicht zur Kenntnis nehmen. Sie beobachten sich in ihrer subjektiven Integrität – und sind empört, wenn ihr Publikum das anders sehen sollte. Bei „Lügenpresse“ flippen sie aus, weil sie unterstellen, dass man sie für bewusste Lügner hält.

Selbst wenn das der Fall wäre – weil die andere Seite nicht minder naiv und aggressiv zugleich ist – geht es selten um absichtliche Lügen. Gemeint ist eine subkutane Parteilichkeit etwa für die Eliten, weil man sich, ohne es zu bemerken, selbst als Teil der Eliten betrachtet. Zumindest als schreibende Prätorianergarden der Eliten, die diese zu beschützen haben, weil der Wohlstand der Gesellschaft von ihnen abhängt.

Georg Mascolo, in einer fulminanten Selbstkritik in der SZ, einem Novum im schreibenden Gewerbe, ist empört über die Unterstellung, er könnte den Führungsklassen hörig sein:

„Nach 30 Jahren im Beruf müsste zumindest einer der so oft vermuteten Anrufe aus dem Kanzleramt – in dem angewiesen wird, was man schreiben soll und was auf keinen Fall – bei mir eingegangen sein. Aber es gab keinen. Und mit der lenkenden Hand der Eigentümer, Verleger, Hierarchen, die alles auf Linie bringen, ist es auch so eine Sache. Kluge Chefredakteure lassen unbequeme Recherchen und abweichende Meinungen nicht nur zu, sie verlangen sie. Ein Text wie dieser gehört in diese Kategorie.“ (Sueddeutsche.de)

Geht’s noch? Vorauseilender Gehorsam, Untertänigkeit unter Autoritäten sind tief verwurzelte Phänomene einer jahrhundertealten Untertanenkultur, die sich auch nach dem antiautoritären Aufstand der 68er-Bewegung nicht in Luft aufgelöst haben. Diese Faktoren bei sich zu erkennen, erfordert lebenslange Selbst-Beobachtung und Selbstkritik, nicht gerade die herausragendsten Charaktereigenschaften lutherisch-papistischer Nachfahren.

Wer die Welt beobachtet, muss sich selbst beobachten. Plötzlich könnte man entdecken, dass Fakten nicht unabhängig sind. Fakten werden von individuellen Wesen beobachtet und subjektiv vielfältig eingefärbt.

Die medialen Vermittler zwischen Unten und Oben sind Nachfolger der klerikalen Vermittler zwischen Gott und seinen Kreaturen. Die Priester aber waren in keiner Weise neutrale Beobachter, sondern Stellvertreter des Himmels, deren Schlüsselgewalt über Heil und Verdammung der Sterblichen entschied.

Besonders rechte Blätter legen heute Wert darauf, sich von Abgehängten und linken Revoluzzern als leistungsfähiges bürgerliches Lager abzuheben. Wer das Werden seiner Biografie ignoriert, dem kann seine Weltanschauung als Summe seiner Erfahrungen nicht präsent sein.

In der Hartz4-Frage beispielsweise entscheidet das persönliche Menschenbild: halte ich Menschen für defekte Kreaturen, die nur unter Druck ihren Pflichten nachkommen oder für vernünftige Natursprösslinge, die nur unter schlechten Erfahrungen zu verantwortungslosen Neurotikern, Versagern und Verbrechern deformiert wurden?

Misanthropen unter Politikern und Ökonomen kann man daran erkennen, dass sie Menschen nur mit Zwangsmaßnahmen für unterstützungswürdig halten. Fordern, eine aparte Mischung aus Bestrafen, Bedrohen und Demütigen, ist für sie eine notwendige Misstrauenserklärung an die Schwächsten der Gesellschaft. Beim Fördern ist es ihnen gleichgültig, ob der Geförderte die angebotene Arbeit für sinnvoll hält. Gibt es irgendwo eine freie Stelle und sei sie noch so entwürdigend, muss sie angenommen werden.

Die Devise: Erkenne dich selbst, ist in der modernen Gesellschaft nie angekommen. Weder in philosophischer noch in freudianischer Hinsicht. Im Mediengewerbe gilt nur eine Forderung: man muss schreiben können. Die Kunst des Schreibens wird zur rhetorischen Überredungskunst, die auf Überzeugen und Argumentieren keinen Wert legt.

Warum gibt es noch keine wissenschaftliche Untersuchung bei Zeitungslesern mit den Fragen: welchen Erkenntnisgewinn brachte ihnen Artikel X, welche Anregungen und Verstörungen, welche Lust zum Widersprechen, zum eigenen Erforschen der Tatbestände?

Eine wichtige Rolle spielt der Unterschied zwischen Sein und Schein. Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Was er sieht, sind Menschen in bestimmten Rollen, die ihnen nicht bewusst sein müssen. Was also sieht der Beobachter? Den Schein der Rolle, das Sein hinter der Rolle?

Aus Ehrlichkeitsgründen hat sich bei den Beobachtern die Sitte eingestellt, nicht das verborgene Sein, sondern nur den äußerlichen Schein zu notieren. Die Formal dafür war: X gibt sich… Ob er ist, wie er sich gibt, weiß nur Gott, der das Herz ansieht. Da niemand Gott ist, muss der Beobachter sich in seinen Beschreibungen zurückhalten. Das war eine weise Schreibertugend.

Beispiel: „Die Regierungschefin, sonst nicht gerade für rhetorische Eruptionen bekannt, gibt sich bei ihrer ersten Rede im Parlament seit ihrem angekündigten Rückzug für ihre Verhältnisse kämpferisch.“

Doch immer öfter kippen die Schein-Beschreiber um in Seins-Wahrnehmer. Plötzlich wird die zurückhaltende Beschreibung „er gibt sich“ zur Darstellung des Wesentlichen, die alle rollenhaften Tarnmanöver problemlos durchschaut. Aus Merkel, die sich demütig gibt, wird, niemand weiß, warum, eine Lichtgestalt des Himmels, die demütig ist. Aus dem medialen Beobachter, der ein Mensch war, wird ein Gott, der den Sterblichen ins Herz schauen kann.

Dass es viele Unwägbarkeiten in einem Interview gibt, die gewöhnlich unausgesprochen bleiben, gesteht der folgende Interviewer der ZEIT:

„Ehrlichkeit im Umgang mit Komplexität ist also ratsam. Das werden wir auch einmal auf dieses Interview übertragen: Die gedruckte Fassung des Gesprächs ist viel straffer, konsistenter, glatter als der manchmal ein wenig mäandernde Austausch in Nassehis Büro. In einem Gespräch zu diesem Thema kann man das ruhig einmal offenlegen.“ (ZEIT.de)

Zu den absonderlichsten Gebilden der Zeitungen gehört das Interview. Schon das Kunstwort ist eine Chimäre: “Frei übersetzt ergibt sich hieraus «sich gegenseitig (kurz) sehen» oder «gegenseitig den Standpunkt austauschen».“

Standpunkte kann man nicht austauschen, es sei, das Wunder geschähe, dass jeder Gesprächspartner die Meinung des anderen für attraktiver hielte. Interviews sind Streitgespräche, die keine sein dürfen. Der Interviewer will die Meinungen der Befragten beileibe nicht kommentarlos abrufen. Dann könnte er sich mit schriftlichen Fragen begnügen, die schriftlich beantwortet werden.

Nein, der Frager will dem Experten Paroli bieten – ohne offiziell Paroli zu bieten. Also tut er, als zitiere er nur kritische Meinungen anderer. Das Gespräch wird so zum Geistergespräch unter Abwesenden. Ein echter Dialog kann sich nicht entwickeln, denn der Frager muss die zitierten Ansichten nicht für richtig halten. Warum sollte er sie verteidigen?

Beispiel aus einem ZEIT–Interview mit Armin Nassehi.

ZEIT: Sie sagen, wir müssen einsehen, dass wir die Welt nicht steuern und kontrollieren können. Sind wir fremden Mächten ausgeliefert?

Nassehi: Nein. Aber man braucht eine bestimmte Denkungsart, um sich nicht von der Welt überfahren zu lassen. Der größte Fehler heute wäre, weiter so zu tun, als könnten wir die Dinge kontrollieren. Können wir nicht. Und mit dieser Nicht-Kontrollierbarkeit müssen wir rechnen.“

Nassehi widerspricht sich fundamental. Einerseits seien wir fremden Mächten nicht ausgeliefert, andererseits sollten wir nicht tun, als könnten wir sie kontrollieren. Noch nie war an ähnlichen Stellen zu lesen: hier, mit Verlaub, widersprechen Sie sich, großer Meister.

Das wäre eine philosophische Ebene, die man nicht betreten will. Solche Dinge könnten das Publikum langweilen. Vor allem in TV-Talks ist die Aversion gegen prinzipielle Gedanken mit Händen zu greifen. Ein Talk muss Unterhaltung mit Arena-Effekten sein, kein zum Nachdenken anregender strenger und meditativer Dialog.

Mascolo hat den Mut, sich selbst zu kritisieren. Das könnte seine KollegInnen ermutigen, sich ein Beispiel an ihm zu nehmen:

„Als ich Redakteur beim Spiegel wurde, gab es eine Korrektur-Rubrik nicht einmal. Es gab überhaupt kaum Medien, die eigene Fehler berichtigten. So korrigierte ich meine Fehler nicht. Ich orientierte mich an dem schlechten Beispiel derjenigen, die schon lange vor mir da waren. Das war mir ganz recht, ich war jung, ich hatte Angst. Ich habe das Vertrauen meiner Leserinnen und Leser betrogen. Später orientierten sich all diejenigen, die nach mir kamen, an meinem schlechten Beispiel.“

Keine einzige deutsche Gazette hat diese Korrektur-Rubrik. Auch die SZ nicht, in der Mascolo schreibt. Wie elegant, dass er seine Fehler dem SPIEGEL, seinem früheren Blatt, als anrüchiges Erbe überlassen kann. Nur die viel gerühmte New York Times besitzt eine solche Rubrik. Und warum?

„Einmal fragte ich den Chefredakteur der Times, wie ihnen gelungen ist, was uns so schwerfällt? Er antwortete: "Georg, für uns ist es auch schmerzhaft, aber wir tun es aus Respekt und Verantwortung gegenüber unseren Leserinnen und Lesern." Die New York Times ist ein Leuchtturm in unserem Gewerbe. Auch von ihrer Aufrichtigkeit lässt sich viel lernen.“

Gibt es in Deutschland keine einzige Zeitung, die aufrichtigen Respekt vor ihren LeserInnen hat? Eine trostlose Erkenntnis. Warum nennt Mascolo nicht die Namen der Zeitungen, die gegen das Gebot der Aufrichtigkeit am meisten verstoßen?

Nebenbei durchbricht Mascolo das positivistische Fakten-Niveau: „Eine gute Zeitung beweist sich nicht nur durch Nachrichten, sondern auch durch Urteilsvermögen. Merken Sie sich, wer Ihnen vorausgesagt hat, dass Trump auf keinen Fall Präsident wird, dass die Jamaika-Regierung kommt, aber der Brexit nicht.“

In der Tat: Nachrichten und Fakten müssen verstanden, durchdacht und beurteilt werden. Doch als Beispiele für Beurteiltwerden verweist Mascolo ausgerechnet auf Prophetisches. Wer hat bestimmte Ereignisse richtig vorausgesehen? Prophetie, göttliche Fähigkeit der Zukunftschau, hat nichts zu tun mit Denken, das sich mit dem Erkennen der Gegenwart und Vergangenheit begnügt.    

Auf wesentliche Vorwürfe gegen die Medien geht Mascolo nicht ein. Sind Beobachter zur Neutralität verpflichtet? Dürfen sie sich weder mit dem Schlechten noch mit dem Guten gemein machen? Warum sind sie der Sensationshascherei verpflichtet: nur schlechte Nachrichten sind gute? Dennoch wollen sie die Welt abbilden, wie sie ist. So schlecht, wie sie zumeist dargestellt ist, ist sie nicht.

Heute hingegen, da die Welt in der Frage des ökologischen Überlebens kläglich zu versagen scheint, tun die Medien, als sei der Untergang der Menschheit ein besonders superbes Beispiel für Tipps gegen Langeweile.

Warum verbünden sich nicht alle seriöse Gazetten dieser Welt, um den erbärmlich versagenden Politikern ein Feedback zu geben, das sich gewaschen hat? Das müsste ausgedehnt werden auf einen weltumspannenden Generalstreik. Was wären das für Tage ohne Zeitungen und TV-Nachrichten!

Wie beantwortet Mascolo die schwerste aller Fragen, nämlich die: „ob die Medien die Wahrheit berichten"?

Er weicht aus, mit großen Worten will er nichts zu tun haben. „Wahrheit ist ein großes Wort, meist ist man schon damit beschäftigt, überhaupt die Tatsachen herauszufinden und die nach sorgfältiger Recherche und vorsichtiger Abwägung jeweils bestmögliche verfügbare Version der "Wahrheit" anzubieten. Das war nie einfach, heute ist es noch schwerer geworden.“

Wahrheit macht er zum großen Wort, das offenbar niemandem zusteht. Also lassen wir das mit der Wahrheit.

Nein, lassen wir nicht. Wahrheit ist nicht nur ein großes, sondern ein notwendiges, ja, ein überlebensnotwendiges Wort. Dabei geht es nicht nur um die Wahrheit, sprich Richtigkeit, der Fakten. Es geht um die Bedeutung der Fakten für unser Leben.

Die ökologischen Verwüstungen der Gegenwart kann man faktisch durchaus einräumen und dennoch einwenden: ähnliche Situationen aber habe es schon immer gegeben. Von der Menschheit müssen sie nicht verursacht worden sein. Machen wir also vergnügt weiter beim Ausplündern der Erde.

„Eine der oft gestellten Fragen in Diskussionsrunden lautet: Was sind heute noch Qualitätsmedien? Woran erkennt man sie? Zuallererst daran, dass sie ihr Publikum informieren und nicht missionieren wollen, dass sie Nachricht und Kommentierung voneinander trennen, was leider zu häufig nicht mehr geschieht.“

Unendliche Nachrichten werden über das Publikum geschüttet, die nie kommentiert werden, weil sie den Eindruck erwecken: die Nachricht ist die Botschaft.

Wie viele apokalyptische Meldungen werden wöchentlich veröffentlicht, die absurderweise in einen antiökologischen Kommentar münden: hört endlich auf mit euren Armageddon-Spielchen. Solange nicht einwandfrei bewiesen ist, dass der Mensch die Ursache aller Naturzerstörungen ist, gibt es keinen Grund zu eschatologischer Panik.

Missionieren ist ein religiöser Begriff, der mit demokratischer Kultur nichts zu tun hat. Die Leserschaft aber in leidenschaftlichem Wachrütteln zur politischen Verantwortung aufzurufen: das wäre die erste Bürgerpflicht für Medien. Wenn eine Demokratie in Schieflage gerät: wollen die Medien offenen Auges zuschauen, wie die Herrschaft des Volkes zur despotischen Herrschaft verkommt?

„Medien, die auf sich halten, wissen, dass Journalismus ein Ort der Mäßigung sein muss, des zweiten Gedankens, der Schritt hält mit einer komplizierten Welt. Sie räumen nicht den steilsten Voraussagen und Prophezeiungen den meisten Raum ein, weil sie sich so gut klicken. Denn sie wissen aus Erfahrung, dass diese meist falsch sind.“

Medien sind der Wahrheit verpflichtet, keinem Merkel‘schen Palliativ. Wenn die Lage schrecklich ist, muss sie schrecklich geschildert werden. Alles andere wäre prophylaktische Sterbebegleitung. Der Journalist hat die Dinge zu schildern, wie er sie sieht. Sieht er sie in katastrophalem Zustand, muss er sie auch so nennen. Alles andere wäre Lüge als falsche Pädagogik für Menschen, die nicht erwachsen werden wollen.

Der fromme Paukenschlag kommt am Ende: „Die wissen, dass Demut die wichtigste Voraussetzung ist. Ich habe mich im Berufsleben selbst so oft geirrt, dass ich weiß, wovon ich hier schreibe.“

Wer seine Irrtümer und Fehler gestehen will, braucht Ehrlichkeit und Mut.

Mut ist das Gegenteil von Demut. Demut lügt im Namen Gottes, weil sie den Menschen nicht für wahrheitsfähig hält. Wie oft kann man heute lesen, dass Edelschreiber stolz sind auf ihren Beruf. Zum Stolz aber gehört keine maskierte Demut, sondern die Kraft, unverstellt die Wahrheit zu sagen.

Niemand ist unfehlbarer Besitzer der Wahrheit. Doch jeder hat die Pflicht, seine Meinung nach der Wahrheit auszurichten. Nur, wenn Wahrheit sich mit Wahrheit streitet, gibt es einen guten Klang. Das wäre lebendige Demokratie.

Ihre Überlebensprobleme werden die Völker nur lösen, wenn sie lebendige Demokratien werden.

 

Fortsetzung folgt.