Sofort, Hier und Jetzt XLII

Tagesmail - Mittwoch, den 21. November 2018

Sofort, Hier und Jetzt XLII,

Ein bißchen Mord muß sein,
Dann ist die Welt voll Sonnenschein.
So schlecht wie wir uns heute verstehen,
So soll es weitergehen.

Ein bißchen Mord muß sein,
Dann kommt Gewalt von ganz allein.
Drum singen wir tagaus und tagein:
Ein bißchen Mord muß sein.

Jubel unter deutschen Schlechtmenschenkohorten. Dem westlichen Führer der Welt ist Geldscheffeln wichtiger als ein kleiner Meuchelmord – an einem „Staatsfeind“. Machet die Tore weit und die Türen in Germanien hoch: auf dass der Trumpismus einziehe und sich mit dem 200 Jahre alten deutschen Amoralismus verbünde. Sollten ausgerechnet Deutsche sich zu moralischen Besserwissern der Welt aufschwingen dürfen?

„Die Welt hat sich ja schon fast daran gewöhnt, dass Trump in seinem "America First"-Wahn internationale Vereinbarungen und moralische Standards jederzeit über Bord zu werfen bereit ist. Jetzt aber geht er noch einen Schritt weiter. Soll der Kronprinz doch ermorden und zerstückeln lassen, wen er will. Solange es in der Kasse klingelt, ist das von nun an völlig in Ordnung.“ (Sueddeutsche.de)

Laut TAZ hat sich die bürgerliche Mitte der BRD schon zum bewaffneten Staatsstreich gerüstet. Noch immer wissen wir nicht, welche hintergründigen Kräfte ...

 ... zusammenwirkten, um die NSU-Morde als Untaten unter Fremden darzustellen.

„Überall in Deutschland, auch in Österreich und der Schweiz, haben sich Gruppen formiert, die daran arbeiten, einen eigenen Staat im Staate aufzubauen. Mitglieder in diesen Gruppen sind Polizisten und Soldaten, Reservisten, Beamte und Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, die unter konspirativen Bedingungen einen Plan hegen: Wenn sie die Zeichen sehen, wenn „Tag X“ da ist, wollen sie zu den Waffen greifen.“ (TAZ.de)

Hannibal heißt die Preppertruppe, die das Heilige Römische Reich deutscher Nation aushebeln will. Sie wartet nur noch auf den Tag X.

„Diese Männer sind Teil einer größeren Gruppe, die sich auf Katastrophen vorbereitet, Stromausfälle, Stürme und Nahrungsmittelknappheit, auf Momente, in denen der Staat seine Bürger nicht mehr versorgen kann.“

Wenn der Staat zusammenbricht, das finale Chaos sich ausbreitet wie das höllische Feuer in Gottes eigenem Land, hat die Apokalypse, bundesweit verleugnet und verlacht, Einzug gehalten im aufgeklärten Deutschland.

Gibt es in Europa einen Systemwechsel? Weg von der Demokratie und hin zu despotischen Verhältnissen?

„Die, die rechts sprechen, tun so, als ob sie das Volk vor der gehässigen Welt draußen schützen wollten. Einerseits. Und dann ist, andererseits, der blanke Hass zu hören. Gemeinheiten werden salonfähig. Der Zynismus gegenüber jenen ganz unten wird zum Parteiprogramm. Die Rechten treten nach unten. Gewaltbereitschaft gegenüber Minderheiten und die Verachtung gegenüber jenen, die anders denken, werden geschürt. Langsam, aber doch zieht sich das Bürgertum aus dem öffentlichen Diskurs zurück. Alles kann passieren.“ (FAZ.NET)

Die jungen Generationen beginnen den Aufstand gegen ihre pensionierten Erzeuger, die sich einen schönen Lenz in der Welt machen, obgleich die Ausdünstungen ihrer Erbschaften kaum noch das Atmen erlauben. Sie haben ihr Leben gelebt, die glitzernden Fassaden des Kapitalismus errichtet, die Luft verpestet, die beschädigte Natur zum Gegenschlag herausgefordert, die Menschheit auf ihren letzten Gang zum Schafott geschleift. Nach ihnen die Sintflut.

Die Nachkommen kündigen den Alten den Generationenvertrag. Eine Sprecherin des Jugendrats der Generationenstiftung:

„Wir erklären ihnen nicht den Krieg. Aber wir wollen ihnen ganz klar aufzeigen, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Wir kündigen den Generationsvertrag jetzt, weil die ältere Generation ihn mit ihrer Art, zu wirtschaften und Politik zu machen, schon längst nicht mehr einhält. Denken Sie nur an den Earth Overshoot Day: Jedes Jahr werden mehr Ressourcen verbraucht, als eigentlich zur Verfügung ständen und nachwachsen können. Das zeigt ganz eindeutig, dass es nicht wir sind, die den Krieg erklären. Wir spüren ja jetzt schon die Auswirkungen. In einigen Jahren werden Teile der Welt überhaupt nicht mehr bewohnbar sein. Die Menschen, die jetzt an den Schalthebeln der Macht sitzen, sind dann wahrscheinlich schon tot. Aber wir müssen noch etwas länger auf dieser Erde leben.“ (WELT.de)

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht. (Brecht, An die Nachgeborenen)

Der finsteren Zeit sind sie nicht entronnen, die finsteren Zeiten kommen erst auf sie zu. Keine Nachsicht mit allen, die an das Reich der Freiheit glaubten, es werde sich von selbst einstellen. Keine Nachsicht mit allen, die an die Apokalypse glaubten, bis sie real geworden war. Und plötzlich wurde klar, dass der Jüngste Tag zwei Gesichter hatte, die ineinander verschwimmen: das Reich der Freiheit und das des Untergangs. Wer höheren Mächten vertraut, hat sein Schicksal aus der Hand gegeben. Nein, es geht nicht automatisch aufwärts. Die Letzten beißen die Hunde – und das sind unsere Kinder. Sie werden sich bei uns bedanken.

Auch Gewaltforscher Heitmeyer sieht das Verhängnis heraufziehen:

„Ein Teil der sogenannten Normalbevölkerung zeigt Einstellungsmuster, die ich gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nenne. Außerdem gibt es inzwischen eine rohe Bürgerlichkeit. Solche Personen sind mitmarschiert, weil es eine kulturelle Verunsicherung gibt. Normalerweise distanzieren sich Menschen von den Extremen, von Rechtsextremen und natürlich Neonazis, weil sie ihre bürgerliche Normalbiografie nicht gefährden wollen. Aber offensichtlich finden gerade Normalisierungsprozesse statt. Die Formel «Wehret den Anfängen» ist überholt. Es muss heißen: Wehret der Normalisierung!“ (Sueddeutsche.de)

Das Alltägliche, Normale wird gewalttätiger. Was sind die Ursachen?

„Es ist oft nicht das Geld, es sind die Anerkennungsmöglichkeiten, die verloren gegangen oder gefährdet sind. Viele Menschen, ganze Gruppen werden einfach nicht mehr wahrgenommen von politischen Eliten. Kein Mensch kann auf Dauer ohne Anerkennung leben.“

Was soll anerkannt werden? Der Mensch an sich? Seine Leistungsfähigkeit? Sein Erfolg?

Die juristische Übersetzung der Anerkennung ist die unantastbare Würde. Selbst Verbrecher müssen als Menschen anerkannt werden, indem sie den Vorzug rechtlicher Behandlung erfahren.

Wäre Anerkennung des Menschen die Normalität einer Gesellschaft, wäre sie mit Kapitalismus unverträglich. Selbst die einstige Proletenpartei anerkennt die Menschen nicht, wie sie sind, sondern will sie nötigen, sich zu verändern. Sie sollen Arbeiten verrichten, die sie ablehnen, sollen ihr Lebensumfeld verlassen und in Etagen aufsteigen, die ihnen fremd und verhasst sind. Eine Gesellschaft, in der es menschenunwürdige Klassen gibt, die man verlassen muss, damit man sich als Mensch fühlen kann, ist eine würdelose.

Eine Gesellschaft, in der man sich seine Würde erst verdienen muss, ist würdelos. Würde hat jeder Mensch. Er muss sie sich nicht verdienen.

Die Würde des Menschen wurde von griechischen Philosophen erfunden, die heute als chaotische, abstoßende Obdachlose und Faulenzer gelten würden. Schon damals nannte man sie Hundlinge, Kyniker. Heute ist entscheidend, welcher Klasse man angehört. Ist Merz, der Millionär, noch Mittelstand? Gehören Hartz4-Schnorrer zur bürgerlichen Klasse?

Wohnungsmäßig werden die einen von den anderen streng separiert. In abstoßenden Neubaugebieten werden die einen zusammengepfercht. Eine urbane Atmosphäre zum Flanieren, Spielen und zur sozialen Begegnung wird ihnen vorenthalten. Schulen und Kitas werden vergessen. Spielplätze sind grauenhaft. Schrumpfende Wohnungen gleichen winzigen Containern. In Japan gibt es bereits Särge als Schlafplätze. Früher war die Küche der geräumige Mittelpunkt einer Familie, die miteinander schwatzte, kochte und zusammen aß. Heute ist sie zu einem Minilabor geschrumpft, in dem man sich kaum umdrehen kann. Nicht nur die Familie soll zerstört werden, auch ihr Refugium, in dem sie nach eigenen Vorstellungen zusammen leben kann.

Diese Gesellschaft ist keine Anerkennungsgesellschaft. Auf solche Kleinigkeiten geht Heitmeyer nicht ein, er wird auch nicht danach gefragt. Stattdessen muss die deutsche Frage der Fragen kommen:

Aber materiell ging es uns doch noch nie so gut in Deutschland wie jetzt.

Materialismus war einst Widerpart der Geistesphilosophien. Ist der Mensch Geist oder Materie? Wer für Geist plädierte, meinte zumeist einen göttlichen, weshalb alle Sozialisten die Geistesvertreter für Popen hielten. Dass Mutter Natur, mater naturae, auch ein geistiges Wesen haben könne: darauf kam kein Marxist. Sozialistischer Materialismus war der Feind des – geistig-religiösen – Kapitalismus.

Heute ist materieller Wohlstand zum Fetisch des Kapitalismus geworden. Wenn es einem materiell gut geht – was sollte dieser Mensch vermissen? Das Psychische wurde zum Abklatsch des Physischen, das Seelische zum Abdruck des Materiellen. Sage mir, wie hoch dein Kontostand ist und ich sage dir, ob du ein vitaler, glücklicher Mensch bist – oder eine Missgeburt der Natur.

Heute steht alles auf dem Kopf. Die Materie bestimmt den Geist. Gehirnforscher messen Vorgänge der Physis und schließen scharfsinnig auf Geistiges. Marx reduzierte den Menschen auf eine Blasenbildung der Materie. Heute ist die Blasenbildung ins Zentrum des Kapitalismus gerückt, den Marx bewunderte und hasste.

Anerkennung wurde zum Tauschgeschäft. „Gib mir, was ich wünsche und du bekommst, was du benötigst“, beschrieb der Gründer des Kapitalismus den Urtausch. Okay, was benötigst du? Anerkennung. Und was glaubst du, dass ich mir wünsche? Anerkennung auf jeden Fall nicht, so arrogant wie du dich gibst. Vermutlich willst du, dass ich dir die Füße küsse und dich wie einen Pfau bewundere, weil du Bill Gates heißt und dich, unter Ignorierung der Politik, als Heiland der Welt aufbläst.

Gibt es auch nicht-materielle Tauschverhältnisse? Was ist der Unterschied zwischen Anerkennen und Bewundern? Nur Gleichberechtigte können sich anerkennen, Bewundern und Gehorchen ist eine Sache zwischen Herr und Knecht, Elite und Pöbel.

Ist eine erkaufte Bewunderung eine echte? Auf keinen Fall. Auch Eliten benötigen die Anerkennung ihrer Abhängigen. Da sie zu überheblich sind, diese Abhängigkeit zuzugeben, müssen sie die Bewunderung erpressen. Indem sie immer reicher und mächtiger werden, setzen sie ihre Abhängigen unter Druck, die materielle Überlegenheit als Ausdruck ihrer geistigen und intellektuellen Überlegenheit zu loben und zu preisen.

Der Pöbel denkt nicht daran, diesen Erpressungsdeal mitzumachen, fühlt er sich doch von den Eliten selbst nicht anerkannt. Anerkennen kann nur, wer sich anerkannt fühlt. Und hier versinkt der Kapitalismus, der Anerkennung erkaufen und erzwingen will, im Abgrund. Niemals kann eine Gesellschaft eine menschlich-anerkennende sein, die Anerkennung in ein Tauschgeschäft verfälscht.

Nichts gegen Tausch – sofern er auf gegenseitiger Anerkennung beruht. Dass Marx den Tausch an sich zur Ursünde des Kapitalismus erklärte, war Unsinn. In einer Gesellschaft Gleicher und Freier wäre Tausch keine asymmetrisch erzwungene Interaktion. Niemand würde sich dem Tauschpartner überlegen oder unterlegen fühlen. Jeder hätte das Gefühl, auf seine Kosten gekommen zu sein. Jeder fühlte seine Arbeit vom anderen gewürdigt. Niemand käme auf den Gedanken, durch List und Macht den anderen übers Ohr zu hauen und mit ungerechten Deals reicher und mächtiger werden zu müssen als seine Tauschpartner. Nicht der Tausch ist das Problem, sondern das durch List und Macht erzwungene Gefälle ungerechter Tauschwerte.

Genauso unsinnig das gegeneinander Ausspielen von Tausch- und Gebrauchswert. Gebrauchswert ist eine nicht-quantifizierbare subjektive Einschätzung, die es nicht nötig hat, sich mit anderen subjektiven Gebrauchswerten zu vergleichen.

Ein autarker Eingeborenenstamm im Urwald, der sich in einer freigebigen Natur geborgen fühlte, hätte keine Probleme, den Gebrauchswert der Naturgaben für jeden Einzelnen dadurch anzuerkennen, dass jeder auf seine Kosten käme. In Begegnungen mit anderen Stämmen hätte er keine Probleme, zwischen nicht lebensnotwendigen Tauschwerten und überlebensnotwendigen Gebrauchswerten zu unterscheiden. Tausch wäre eine freiwillige, aber nicht lebensnotwendige Form der Anerkennung autarker Fremder.

Der Tausch verliert seine Unschuld erst in Gesellschaftformationen, wo die einen von den anderen abhängig sind, die anderen jedoch die Macht besitzen, diese Abhängigkeit nicht als gerechte anzuerkennen, sondern in eine macht-erhöhende Transaktion zu verfälschen. Der Prozess der Uranerkennung: Ich und Du sind auf gleicher Ebene, wäre zerstört.

Anerkennung in unserer Gesellschaft ist ein knappes Gut, wie Ökonomen zu formulieren pflegen. Da sie diese Verknappung für richtig halten, geben sie zu, dass diese Gesellschaft nicht auf Anerkennung beruht. Eine durch Leistung erpresste und erzwungene Anerkennung ist nämlich keine.

Anerkennung kann nur mit Anerkennung getauscht werden. Nicht gegen Maloche oder Gehorsam. Anerkennung, die in anderer Währung erkauft werden soll, wäre ihre eigene Negation.

Die höchste Form der Anerkennung, sagen wir die elterliche, ist überhaupt kein Tausch. Auch wenn ein Kind die Mutter mit Missachtung bestrafte, wäre sie in der Lage, das Kind wider alle Ablehnung anzuerkennen. Wer dies für Kitsch hält, glaubt, dass alle intimen Gefühle käuflich sein müssen: das ist der Kern des Kapitalismus.

Schwierig, den anderen anzuerkennen, ohne selbst zurück-anerkannt zu werden. In dieser Disziplin übertreffen selbstbewusste Mütter – oder Väter mit mütterlichen Qualitäten – den männlichen Schöpfer und Erlöser, der nur diejenigen seiner Kreaturen als Kinder anerkennt, die sich vor Ihm vollständig erniedrigt und von seiner Gnade abhängig gemacht haben. Einer der unwürdigsten Tauschverhältnisse der Geschichte ist der Deal: grenzenlose Selbsterniedrigung des Menschen gegen erzwungene Glorifizierung des Männergottes.

Dass selbst ein nüchterner Wissenschaftler wie Heitmeyer seine Analysen und Ratschläge nicht ohne Attacken gegen Moral vermitteln kann, zeigt, wie tief die amoralischen Wurzeln der deutschen Gesellschaft reichen:

„Im Grunde gibt es drei Arten, zu versuchen, das Autoritäre oder den Populismus einzuhegen. Das eine ist die Eindämmung, wobei bevorzugte moralisierende Diskurse völlig ungeeignet sind. Je höher die Moral angesetzt wird, desto geringer sind die Kommunikationschancen.“

Wer sich für Moral einsetzt, muss nicht mit arroganten Moralpredigten hausieren gehen. Die beste moralische Werbung wäre – das eigene vorbildliche Verhalten. Wer als Autorität vorlebt, was er für richtig hält, kann sich moralisches Quasseln ersparen. Heitmeyer merkt nicht, wie er sich widerspricht, wenn er im Kampf gegen antidemokratische Umtriebe rät:

„Große Demos, wie in Berlin kürzlich, sind wichtig, um die Normen einer Gesellschaft immer wieder neu zu befestigen – und zwar öffentlich. Diese Bewegung findet aber auch in der eigenen Filterblase statt. Der Alltag ist entscheidend. Dort müssen die Auseinandersetzungen geführt werden. Ja, überall, um mühsam erkämpfte liberale Normen wenigstens zu verteidigen. Auf Verwandtschaftstreffen, bei Weihnachtsfeiern, im Verein, im Betrieb. Was passiert eigentlich, wenn dort jemand rechtsextreme oder autoritäre Sprüche ablässt? Bin ich in der Lage, dort zu intervenieren? Dazu bedarf es eines ganz harten Trainings, großer Disziplin. Keiner will, dass das Klima an der Arbeitsstelle vereist. Keiner will die Verwandtschaft verlieren, die Freunde. Trotzdem: Da entscheidet sich viel. Wir müssen keine Helden sein, aber im Alltag muss man schon mutig werden.“

Wenn das keine kämpferischen Aufrufe zur moralischen Verteidigung der Demokratie sind, was sind sie dann? Haltung zeigen, Widerstand leisten, auf Demos gehen, in intimen Gruppen widersprechen, auch wenn es Freundschaften kostet, energisch debattieren, eingreifen, wenn die Würde des Menschen verletzt wird: all dies erfordert moralische Entscheidungen.

Oh doch, wir müssen auch Helden werden, nicht mit der Faust, sondern mit Worten der Kritik an Menschenverächtern und der Anerkennung von Ausgestoßenen und Geächteten. Wo Mut benötigt wird, ist Heldentum inbegriffen. Vor allem keine Demut, die gottgebotene Tugend der Überheblichen, die in der Maske des Gegenteils daherkommen.

Gehört zur gesellschaftlichen Anerkennung, dass man auch mit Feinden der Demokratie spricht? Wer Anerkennung verstanden hat, spricht mit jedem – der mit sich sprechen lässt. Was nicht bedeutet, dass man sinnlose Gespräche nicht abbrechen dürfte. Allerdings unter Angabe der Gründe, warum man es für sinnvoll hält, den Streit zu beenden.

Wer hier Angst hat vor moralischer oder politischer Besserwisserei, weiß nicht, dass das demokratische Spiel ein Agon ist, ein Wettkampf. Nicht um eitle Nichtigkeiten, sondern um die humansten Chancen des Zusammenlebens.

Hier müssen wir von Habermas sprechen, unserem größten Aufklärer vor dem Herrn. Jan Feddersen hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg:

„Jürgen Habermas nämlich verficht entschieden, dass am Diskurs nur teilnehmen darf, wem Vernunft attestiert werden kann. Vor zwei Jahren sagte der Philosoph in einem Interview mit den Blättern für deutsche und internationale Politik: „Nur die Dethematisierung könnte dem Rechtspopulismus das Wasser abgraben.“ Und weiter: „Daraus dürften demokratische Parteien für den Umgang mit Leuten, die solchen Parolen nachlaufen, eigentlich nur eine Lehre ziehen: Sie sollten diese Art von ‚besorgten Bürgern‘, statt um sie herumzutanzen, kurz und trocken als das abtun, was sie sind – der Saatboden für einen neuen Faschismus.“ Sätze, die durchgeatmet werden müssen: Welch elitäre Gönnerhaftigkeit, was für ein Entzug jeder Fähigkeit zum demokratischen Sprechen.“ (TAZ.de)

Habermas wollte der Frankfurter Schule Paroli bieten, deren marxistischer Verachtung universeller Menschenrechte er nicht zustimmen konnte. Wie aber diese Normen begründen? Sie aus idealistisch-abstrakten Gründen abzuleiten: das widerstrebte Habermas. Also erinnerte er sich der sokratischen Mäeutik, ohne aber den Namen Sokrates zu erwähnen. Dies allerdings zu Recht. Denn seine Diskursethik hat mit Sokrates nichts zu tun:

„Der diskurstheoretische Grundsatz verbietet, bestimmte normative Inhalte auszuzeichnen und moraltheoretisch ein für alle Mal festzuschreiben. Alle Inhalte, auch wenn sie noch so fundamentale Handlungsnormen betreffen, müssen von realen Diskursen abhängig gemacht werden.“ (zit. bei Sibylle Tönnies, „cosmopolis now“)

Aus realen Diskursen werden bei Habermas plötzlich „ideale Sprechbedingungen“, welche man an herrschafts- und machtfreien Dialogen erkennt, die auch „Benachteiligten ein Mitspracherecht geben.“

Wer aber bestimmt die herrschaftsfreie Gesprächsatmosphäre? Der „Mächtige“ als der Klügere und Weisere. Ein Gespräch ohne Machtgefälle gibt es nicht. Einer ist dem anderen in irgendeiner Hinsicht immer überlegen. Sei es in philosophischer Erfahrung oder in rhetorischer Schwatzkunst.

Dennoch besteht die Kunst des Dialogs darin, alle Machtüberlegenheit umzuwandeln in argumentative Kompetenz, die auch den anfänglich Unterlegenen ermuntert, seine denkerischen Fähigkeiten zu entbinden und zu entfalten. Nicht ohne Mithilfe eines Gesprächspartners, der nicht beeinflussen und beeindrucken, sondern überzeugen will. Das wäre Mäeutik, die sokratische Entbindungskunst.

Kein Diskurs aber kann Normen begründen. Er selbst ist abhängig von Normen und logischen Argumenten, die er voraussetzen muss. Bei Sokrates war es die Erinnerung, die anamnestische Selbsterkennung, die ins Reich der unverstellten, natürlich-kindlichen Wahrheiten führte.

Platon machte die anamnestische Rückkehr ins Reich der Mütter zu einem phantastischen Rückflug in eine pränatale Überwelt vollkommener Ideen. Den Christen war das eine willkommene heidnische Bestätigung für die Gespaltenheit des Seins in eine göttliche und teuflische Welt.

Habermas bemerkt nicht, dass er voraussetzt, was er beweisen will. Bei ihm muss der Diskurs von vorneherein ideal sein, damit sein Ergebnis ideal ist. „Was als „wahrer Konsens“ gelten darf, entnimmt Habermas – wie alle vernünftigen Menschen – den ewigen Maximen des Universalismus, die sein Gewissen als richtig erweist. Das muss er verhüllen, und sei es um den Preis einer logischen Verdrehung.“ (ebenda)

Mit seiner Diskursethik gelang es Habermas, die Aufklärungs- und Vernunftfeindschaft Adornos zu überwinden. Nicht aber, die Vernunft dort zu finden, wo sie gefunden werden will: in der inneren Stimme der Natur, die der Mensch durch Denken und Handeln, Versuch und Irrtum zur Humanität entfalten kann.

Die sokratische Mäeutik war ein später Nachhall der Weisheit des Matriarchats.

 

Fortsetzung folgt.