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Tagesmail - Montag, den 19. November 2018

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Macron muss verzweifelt sein, dass er seine letzte Trumpfkarte im Kampf gegen Deutschland zückte. Nun verbleibt ihm nichts mehr, mit dem er imponieren könnte, um les allemands zu becircen und zu betören. Je t’aime flüsterte er dem deutschen Bundestag – nicht ins Ohr, sondern:

„Frankreich liebt Sie“. (SPIEGEL.de)

Das klang korrekter, unbeteiligter. Der Staatspräsident sprach wie ein Bote, wie ein beauftragter postillon d’amour. Darf er für sein ganzes Land sprechen? War er zum Liebesgeständnis autorisiert? Hatte er zuvor seine Landsleute befragt?

Wie aber war das Echo der Deutschen? Lieben sie zurück? Waren sie beeindruckt, erschüttert, zutiefst gerührt? Gab es denn ein Echo? Oder waren die Liebesobjekte nur irgendwie merkwürdig, gar peinlich, berührt, dass sie nur noch verlegen stammeln und verstummen konnten?

Liebesgeständnisse auf offener politischer Szenerie? War das keine welthistorische Premiere? Wo gab es das schon, dass ein ganzes Land ein anderes liebt?

Merkel, von Gott geliebt, ist auf männliche Liebesgeständnisse nicht angewiesen. Das lässt die Männer reihenweise erbleichen. Sie handelt nach Paulus: bei ihr gibt es kein Ansehen der Person. Zu allen Menschen verhält sie sich gleich gut, denn alle sind ihr nicht gleich gültig, sondern gleichgültig.

Liebe, Vollendung der Moral, zugleich das Höchste der Politik? Wo blieb das Gebell deutscher Amoralistenkohorten? Wo blieb die zynische Antwort, dass sie von lächerlichen Liebesgeständnissen in Zukunft bitte schön verschont bleiben wollten?

Merkwürdige Stille im deutschen Blätterwald. Da war etwas, was man am liebsten gar nicht gehört haben wollte. Liebesgeständnisse kann man erwidern oder ...

 ... nicht, nur kommentieren aber wäre wie ein Schlag ins Gesicht.

Reagierte Madame la chanceliere wie damals, als sie gefragt wurde, ob sie Feministin sei? Äh, ich Feministin? Und jetzt soll ich auch noch lieben? Ach so, ja, wenn Sie meinen, dann liebe ich eben. Hmm, wenn ich mir das genauer überlege, muss ich tatsächlich sagen: ich bemühe mich und bin überzeugt, ich werde es schaffen. Wie kann man überhaupt zweifeln, dass ich meine Feinde, pardon, meine Freunde liebe? Ist Liebe nicht die höchste aller Himmelstugenden? Lieber Emmanuel, „Gott ist mit uns“, komm an das Herz deiner Angela Dorothea, dem „engelgleichen Gottesgeschenk“! Ja, komm, lass uns Liebe machen. Aber nicht à la francais, mon ami, sondern auf der Basis abendländisch-christlicher Werte.

Einer war vom Liebesgeständnis Macrons besonders beeindruckt: Georg Blume vom SPIEGEL:

„Aber dann, mit einem Satz, ging Macron plötzlich aufs Ganze. Er wagte etwas, was vor ihm allenfalls Schriftsteller und Gelehrte vermochten. Er erklärte die Liebe Frankreichs zu Deutschland. Als Staatsoberhaupt machte er Deutschland im Namen Frankreichs eine Liebeserklärung. Es ging ihm nicht um Verständnis, nicht um Vertrauen, nicht um Solidarität, nein, um Liebe. Er schloss mit dem Satz: "Wenn Sie die Worte aus Frankreich nicht verstehen, denken Sie daran, dass Frankreich Sie liebt". Viele werden über den Satz hinweggehen, als gehöre er nicht an diese Stelle. Was hat Politik, was hat das Verhältnis zwischen Staaten und Völkern mit Liebe zu tun?“

Ist Liebe nicht die Summe aus Verständnis, Vertrauen und Solidarität? Warum sollte Liebe diese hehren Tugenden ausschließen? Deutsche Logik ist wunderlich und unergründlich.

Was aber bedeutet der Satz Macrons: „Wenn Sie die Worte aus Frankreich nicht verstehen, denken Sie daran, dass Frankreich Sie liebt?“ Ist französische Logik nicht komplementär-unergründlich? Sollten die Deutschen etwa unfähig sein, den tiefen Sinn französischer Weisheiten zu verstehen? War das keine Diskriminierung der weltbekannten deutschen Hermeneutik? Galten in Frankreich seit Madame de Staël nicht die Deutschen als Tiefendenker, die vor lauter unergründlichem Dichten und Denken nie in der Realität ankamen?

Gewiss, heute wollen die Deutschen nicht mehr verstehen. Verstehen ist für sie schwächliche Parteinahme für Übeltäter. Das Land ist dabei, ins Stadium schlechthinniger Unschuld einzutreten. Alles verstehen ist für sie alles verzeihen, weshalb sie das Verstehen verabscheuen.

Das Gegenteil ist der Fall. Verstehen und Erklären von Ursachen will Schuldige finden. Schuldige sind Verantwortliche. Heute übernehmen sie Verantwortung, ohne daran zu denken, ihre Macht aufzugeben, wenn sie versagt haben. Sie bleiben für immer unschuldig. Wenn das Schiff, das sich Gemeinde nennt, automatisch oder nach Gottes Weisungen dem Abyssus nähert, ist alle menschliche Kausalität getilgt. Pöbelmassen müssen stets schuldig, Eliten unschuldig sein.

Georg Blume versucht zu verstehen:

„Für Macron gehört Liebe auch in die Politik. Mit seinem sehr umfassenden, sehr französischen Begriff von Liebe und Politik will er das Allerwertvollste der in Geist und Seele empfundenen Dinge ausdrücken, etwas, das aus Vernunft und Gefühl gleichermaßen herrührt. Wir Deutschen sind dagegen eher gewohnt, Vernunft und Gefühl in der Politik voneinander zu trennen. Gefühl gehört für uns in der Regel woanders hin.“

Liberté, égalité, fraternité. Ist Brüderlichkeit gleich Liebe? Würde zur allgemeinen Liebe nicht Schwesterlichkeit gehören, die in der Französischen Revolution zu kurz kam? Allgemeine Menschenliebe ist für Deutsche eine unstatthafte Überdehnung fremden-verachtender Eigenliebe.

Jetzt schweigen sie betreten, die Carl-Schmitt-Anhänger, wenn ein französischer Politiker Liebe und Vernunft zusammenbringt. Sollte es tatsächlich gravierend unterschiedliche Moralprofile der Nationen geben, wäre es an der Zeit, sie in deutsch-französischen Dialogen auf allen Ebenen anzusprechen und zu debattieren.

Die ständigen Missverständnisse zwischen den Nationen sind keine Oberflächenphänomene. Dass die EU auseinanderfällt, beruht auf Abwesenheit vergleichender nationaler Anamnesen. Kein Europäer kennt seine engsten Nachbarn. Ja, seine eigene Nation kennt er nicht. Nicht Wirtschaft verbindet Nationen – schon gar nicht eine darwinistisch-konkurrierende –, sondern historische Empathien.

Fraternité war auf keinen Fall christliche Nächstenliebe. Den biblischen Gott hatten die Revolutionäre durch den Gott der Vernunft ersetzt. Mögen französische Eliten noch so katholisch sein: die Raison des Staates ist laizistische Allergie gegen jede klerikale Bevormundung, während Deutschland sich hoch überlegen fühlt durch seinen Kompromiss aus Glauben und Vernunft. Doch der Kompromiss ist eine Farce.

Menschenrechte auf kodifizierter Basis könnte man durchaus Vernunftliebe nennen. Unter Liebe verstehen unrettbar romantische Deutsche schwärmerisches Liebesgesäusel. Man könne doch keine Menschen lieben, die man niemals kennenlernen wird. Kann man doch, muss man. Denn die Welt ist zur Einheit geworden, in der jedes Ereignis in Timbuktu zum Ereignis in Berlin werden kann und längst geworden ist.

„Liebe ist eine Sache der Empfindung, nicht des Wollens, und ich kann nicht lieben, weil ich will, noch weniger aber, weil ich soll (zur Liebe genötigt werden); mithin ist eine Pflicht zu lieben ein Unding. Wohlwollen aber kann, als ein Tun, einem Pflichtgesetz unterworfen sein. Allen Menschen nach unserem Vermögen wohlzutun ist Pflicht, man mag sie lieben oder nicht.“ (Kant)

Moral als Gehorsam gegen willkürliche klerikale Statuten ist verwerflich. Christliche Nächstenliebe als Mittel zum Seligwerden ist Afterdienst. Eine wahre, vernünftige Religion kennt keinen unterwürfigen Glauben, sondern besteht allein aus autonomen Pflichten.

„Nur zum Behuf einer Kirche, deren es verschiedene gleich gute Formen geben kann, kann es Statuten, d. i. für göttlich gehaltene Verordnungen, geben, die für unsere reine moralische Beurtheilung willkürlich und zufällig sind. Diesen statutarischen Glauben nun (der allenfalls auf ein Volk eingeschränkt ist und nicht die allgemeine Weltreligion enthalten kann) für wesentlich zum Dienste Gottes überhaupt zu halten und ihn zur obersten Bedingung des göttlichen Wohlgefallens am Menschen zu machen, ist ein Religionswahn, dessen Befolgung ein Afterdienst, d. i. eine solche vermeintliche Verehrung Gottes ist, wodurch dem wahren, von ihm selbst geforderten Dienste gerade entgegen gehandelt wird.“ (Kant)

Wie könnten die Deutschen von einer Vernunft-Glauben-Synthese sprechen, wenn sie verstanden hätten, dass beide Prinzipien unvereinbar sind? Sollten sie anderer Meinung sein, müssten sie zuallererst mit ihrem größten Aufklärer in den Clinch. Doch wer Rang und Namen hat in ihrer Geschichte, mit dem sind sie automatisch ein Herz und eine Seele. Und wenn er völlig anderer Meinung gewesen wäre.

Liebe könne man nicht wollen, sagt Kant. Wohlwollen aber schon? Hier irrt Kant. Liebe kann man auch Wohlwollen nennen und umgekehrt, Benennungen spielen keine Rolle. Es kommt auf die Sache an. Und die Sache ist, dass Menschen – unter positiven Umständen – alles lernen können, was sie lernen wollen.

Menschen, die man nicht mochte, kann man durchaus allmählich sympathisch finden, wenn man sinnvoll mit ihnen zusammenarbeitet. Fremde, die man in TV-Nachrichten ablehnt, lernt man als Bereicherung kennen, wenn man sich persönlich mit ihnen beschäftigt. Wie viele Ehepartner gibt es, die erst nach vielen Jahren des Zusammenseins und der Auseinandersetzung zur vertraulichen Partnerschaft finden?

Gefühle kann man nicht wollen? Man kann alles wollen. Man muss den Gefühlen nur die Chance geben, sich durch Erfahrungen zu verändern. Ebenso könnte man sagen, einen bestimmten Willen könne man nicht wollen. Einen bestimmten Willen kann man sehr wohl entwickeln – durch Erkenntnis dessen, was man vernünftigerweise wollen soll.

Kinder haben von Natur aus weder bestimmte Gefühle noch einen bestimmten Willen. Alles lernen sie durch Nachahmung des Vorbildlichen und Ablehnung des Tadelnswerten.

„Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“ (Kant)

Wo soll der gute Wille herkommen, wenn er sich in der Kindheit nicht entwickeln konnte? Vernunft, Wille und Gefühle sind nicht säuberlich verteilt auf Groß- und Kleinhirn oder ähnliche Interessantheiten.

Sokrates kannte noch keinen Willen. Der Mensch handelt tugendhaft, wenn er die Moral seiner Handlungen eingesehen hat. Erkenntnis wird zur Tat – ohne Vermittlung eines Willens, ohne Wenn und Aber ambivalenter Gefühle. Es gibt einen unmissverständlichen Beweis, ob man seine Moral verstanden hat: wenn die Einsicht unmittelbar zur Tat werden konnte. „Kein Mensch fehlt freiwillig“. Solange der Mensch schwankt und zwiespältig ist, hat er seine Widerstände gegen gutes Handeln weder verstanden noch aufgearbeitet.

Der heutige Mensch will kein Tugendbold werden, er fürchtet den Spott seiner lümmelhaften Kameraden. Er hat Angst, ein Schein-Heiliger zu werden. Weil er sich moralisch unsicher und widersprüchlich empfindet, lehnt er es ab, für andere ein Vorbild zu sein. Vertrackt wird es, wenn er eine Autorität ist, dessen Verhalten seine Schutzbefohlenen prägt, ob er will oder nicht. Also tut er, als sei er vorbildlich, indem er alles nicht Vorbildliche unterdrückt und verleugnet. Was zur Schein-Heiligkeit oder Doppelmoral führen muss.

Sokrates war von der Kraft der Erkenntnis so überzeugt, dass er keine Komplikationen beim Umsetzen der Einsicht in die Tat sehen konnte. Da war er ein Sonderfall.

Schon sein Schüler Platon verzweifelte daran, wie man Menschen Wahrheiten vermitteln könne, die sie widerstandslos umsetzen würden. Also griff er zur Gewalt und wurde Erfinder des Urfaschismus, dessen Definition ist: Gutes durch Gewalt und Zwangsbeglückung.

Aristoteles wollte nicht zur Gewalt greifen – und erfand den Willen, der durch Übung und Training eine gute Erkenntnis in gute Tat umwandeln würde.

Je unkorrigierbarer man den Menschen einschätzt, je autoritärer muss die Verbindung zwischen Erkennen und Tun sein. Für das Christentum ist der Mensch ein irreparabler Sünder, also muss Gott ihn in eine neue Existenz verwandeln, damit er mit Seiner Hilfe das Einmaleins moralischen Tuns einüben kann. Dabei ist es nicht wichtig, dass er moralisch einwandfrei handelt. Wichtig ist allein der rechte Glaube, der jedes Verhalten, und sei es noch so verwerflich, in gottwohlgefälliges Verhalten verwandelt.

Liebesgeständnisse können aus dem Herzen kommen. Sie können aber auch fein gesponnene Fangnetze sein, um das Liebesobjekt dem eigenen Willen zu unterwerfen. Das muss keine ausgekochte Strategie sein. Wir alle sind komplexe Gebilde aus Wahrhaftigkeit und eingebläuter Berechnungskunst.

Die Deutschen, überrascht durch die unerwartete Liebesattacke Macrons, werden mit Sicherheit auf misstrauischen Abstand gehen. Was will er von uns, wenn er uns mit solchen hehren Prinzipien einseifen will?

Auch hier funktioniert der nationale Dünkel: wenn die eigene Kanzlerin Demut zeigt, ist sie demütig. Nur bei Normalos wird die Formel eingesetzt: Er gibt sich… Deutsche Beobachter wissen immer genau, ob hier einer eine Rolle spielt oder echt ist. Authentisch war vor kurzem das Höchste an Glaubwürdigkeit.

Die Kanzlerin kann mittlerweilen tun und machen, was sie will: da sie ihre Arbeit nüchtern und fleißig ausübt, ist der Inhalt ihrer Arbeit immer untadelig. Wie der Glaube alles Tun heiligt, adelt Arbeit jedes Handeln, und sei es noch so abwegig.

Eichmann tat seine Mörderarbeit fleißig und tadellos. Weshalb er nicht verstand, warum ausgerechnet er wegen Völkermordes angeklagt wurde. Das Marionettenverhalten Eichmanns, ohne Bewusstsein für das Verbrecherische seiner Taten, veranlasste Hannah Arendt zum umstrittenen Begriff des banalen Bösen. Ohne zu bemerken, verfiel sie der Biedermännermaske des Angeklagten, der sich für unschuldig hielt.

Ein Böses, das böse sein will, gibt es nicht. Jeder Verbrecher und Totschläger hält sein Tun für angemessen und gerecht. Musste er sich nicht an der Welt rächen, weil sie ihn ungerecht behandelte? Muss man die Menschen zum Guten nicht mit allen erdenklichen Gewalt- und Listmethoden zwingen und verführen, weil sie unfähig sind, das Gute und Sinnvolle zu erkennen? Faschisten und Totalitäre sind Menschheitsbeglücker, denn sie sind fest davon überzeugt: zu ihrem Glück müssen Menschen gezwungen werden.

Alles, was Menschen durch Missachtung der Menschenrechte zum Guten zwingen will, ist Faschismus. Auch der Kapitalismus gehört, streng genommen, zu diesen Zwangsbeglückungen, wenngleich seine Gewalt sich auf Arbeitszwang und subkutane Verführungsmethoden beschränkt. Der Einzelne kann seine Arbeit weder selbst bestimmen noch wird er als vernünftiges Wesen betrachtet, das die angebotenen Produkte mit Hilfe von Argumenten beurteilen kann. Überall lauern unterirdische Signale, die ihn führen sollen, wohin er nicht will. Überall muss motiviert, konditioniert und genudgt werden. Zu allen Dingen, die ein vernünftiges Wesen von sich aus will, muss er gezwungen werden.

Hartz4-Schikanen sind notwendig, weil Menschen von Natur aus faul und parasitär sind. Nur Eliten sind eigenmotivierte Helden des Profits. SPD-Stegner spricht vom Segen der Arbeit, die Hartz4-Empfängern mittels Schikanen eingebläut werden muss. Arbeit aber, die nicht dem Wohl des Menschen dient, sondern dem Profit der Wenigen, heißt die „Welt vernichten oder fluchen“. Was Hegel wusste, wissen moderne Groko-Christen noch immer nicht.

Vernunft-Liebe ist Kern der allgemeinen Menschenrechte – die ein halbes Jahrhundert lang der Welt als Orientierungspunkte dienten, aber mangels Selbstkritik des Westens zusehends verfielen und heute überall verachtet werden. In Deutschland dienen sie nur als Predigtvorlagen für politische Sonntagsreden.

Carla del Ponte, frühere UN-Chefanklägerin, hält die UN wegen grassierender Doppelmoral für dringend reformbedürftig.

„Menschenrechte gelten nichts mehr", sagte die 71-Jährige, die sich Ende des Jahres zur Ruhe setzen will. Es müsse aber weiter Glauben daran geben, "dass ein unabhängiges internationales Gericht Gerechtigkeit schaffen kann". Auch den UN-Menschenrechtsrat in Genf attackierte sie. Die Hälfte der 47 Länder, die derzeit eine der rotierenden Mitgliedschaften innehaben, verstießen täglich gegen Menschenrechte, sagte sie. Länder wie China, Saudi-Arabien und Burundi müssten deshalb unverzüglich aus dem Rat geworfen werden." (ZEIT.de)

Es ist jedoch keineswegs die Idee der UN-Menschenrechtscharta, die veränderungsbedürftig wäre, sondern die Gemeinschaft der Völker, die die UN ruinieren und in eine heuchelnde Schwatzbude verwandelt haben, um von eigenen Verbrechen abzulenken.

Auch deutsche Amoralisten verhöhnen die UN, um den kategorischen Imperativ der Menschenrechte zu zerstören. Anstatt die UN zu stärken und Verstöße gegen Menschenrechte von wem auch immer anzuklagen, freut man sich hämisch über den Verfall der universellen Moral, um eigene Verbrechen zu verharmlosen.

In männlichen Regimes wird beharrlich negiert, dass Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit Erfindungen der Mutter sind.

„Aus dem gebärenden Muttertum stammt die allgemeine Brüderlichkeit aller Menschen, deren Bewusstsein und Anerkennung mit der Ausbildung der Paternität untergeht.“ (Bachofen, Entdecker des Matriarchats, das von männlichen Gelehrten bis heute verleugnet wird.)

Männliche Erlöserreligion unternimmt alles, um die Mutter zu desavouieren. Jesus negiert seine biologische Mutter, während eine „unberührte“ Maria zur Madonna der Welt erhoben wird: „Weib, was hab ich mit dir zu schaffen?“ Clemens von Alexandrien interpretiert den Gottessohn: „Ich bin gekommen, um die Werke des Weibes zu zerstören.“

Bei Paulus ist die Ehe eine minderwertige Angelegenheit, nur dazu da, um die Sünde der Unzucht zu vermeiden. Wer kann, soll ohne Weib und Kind leben. Nicht umsonst sind ehelose Priester im Katholizismus die Stellvertreter des Himmels auf Erden. Das Weib ist etwas, das überwunden werden muss.

Wer die Werke des Weibes zerstört, zerstört irgendwann das Weib selbst. Das sehen wir in schrecklicher Weise auch in Deutschland:

„Dass quasi montags, donnerstags und sonntags eine Frau von ihrem Partner umgebracht wird, ist in einem modernen Land wie Deutschland eine unvorstellbare Größenordnung.“ (SPIEGEL.de)

Frauentötungen sind kein Thema im emanzipierten Land. Das rührt an unnennbare religiöse Wurzeln, die hierzulande als heilig gelten. Frauen haben für Männer die mütterliche Funktion, den Sinn ihres Lebens aufrecht zu erhalten. Haben die Muttersöhne den Inhalt ihres Daseins verloren, können nur Frauen schuld daran sein. Dafür müssen sie mit dem Tode bezahlen. Wie die Mutter für den Säugling Ursprung des Lebens ist, muss die Partnerin für den Mann Inbegriff und Schutz seines Lebens sein. Weshalb nur die Frau als versagende Mutter das Elend des Mannes verursacht haben kann.

Männer sind unfähig, die Bedeutung der Frauen für ihre psychische Stabilität anzuerkennen. Weshalb sie ihre Ernährerfunktion grotesk aufbauschen, um die Heimchen am Herd zu destabilisieren.

Auch das genügt ihnen nicht mehr. Die Frauen sollen nirgendwo einen autarken Bereich haben, weder zu Hause bei den Kindern, noch im Arbeitsleben. Weshalb sie malochen und zu Hause bleiben sollen. Einzelbelastung für Männer und Doppelbelastung für Frauen: das ist die gerechte Strafe für die Überlegenheit der Mütter.

Seit 1800 gab es in Deutschland keine Philosophie der Menschenrechte mehr. Seit Abkehr von der Aufklärung ging Deutschland den Sonderweg des Anti-Universellen, Auserwählten und Besonderen.

Hegel, Marx, alle romantischen Dichter, Nietzsche ohnehin, die aufkommenden Naturwissenschaften und Ökonomen, nach dem Krieg die marxistische Frankfurter Schule, der Systemtheoretiker Luhmann, die Postmoderne: alle rümpften die Nase über die Menschenrechte, die nichts anderes seien als ideelle Luftblasen oder Erfindungen der Bourgeoisie, um abhängige Klassen mit Illusionen abzuspeisen.

„Wir müssen in immer rascherem Wechseltempo und in immer kleinerer Dosierung den Wohlstand der Freiheit, die Freiheit auf Kosten des Wissens, das Individuum auf Kosten der Allgemeinheit, die Allgemeinheit auf Kosten des Individuums fördern. Die Wertevermittlung muss opportunistisch werden.“ (Luhmann)

Man könnte Luhmann so zusammenfassen: „Je moderner eine Gesellschaft, desto unbedeutender die Menschenrechte. Solange die Verhältnisse wenig differenziert und komplex gewesen seien, solange habe es Sinn gemacht, dass sich die Menschen an starren Maximen orientierten. Diese Zeiten aber seien vorbei“. (nach Sibylle Tönnies, „cosmopolis now“)

Nun erkennen wir den Hintersinn der Rede, warum Eliten dem Pöbel einreden, er verstünde die hochkomplexen Strukturen der Gegenwart nicht mehr. Je komplexer die Zeiten, je differenzierter der Fortschritt, desto mehr dürfen die Doofen und Abhängigen ihrer Menschenrechte beraubt werden.

Wider alle Feinde der Aufklärung aber muss festgehalten werden: die Menschheit wird nur überleben durch das Projekt einer Welteinigung in Frieden und der Gründung einer lang ersehnten Kosmopolis.

Christliche Agape hat den Begriff allgemeiner Menschenliebe oder Philanthropie nachhaltig beschädigt. Von religiöser Kontaminierung muss er gereinigt werden.

Humes naturalistischer Fehlschluss: vom Sein dürfe auf Sollen nicht geschlossen werden, hat viel Unheil angerichtet. Es gibt kein vernünftiges Sollen, das aus der Vernunft natürlichen Seins nicht abgeleitet werden dürfte. Der Mensch ist kein über den Wassern schwebender naturloser Geist, der sich Menschlichkeit aus dem hohlen Gehirn ziehen müsste.

Keine Ethik ist mathematisch beweisbar, auch nicht der Terror der Inhumanität. Humanität aber kann sich sehr wohl beweisen: durch die menschenverbindenden Früchte ihres Tuns.

Der Mensch ist Sprössling der mütterlichen Natur, der Quelle aller Geschwisterlichkeit. Sollen ist Sein, das sich seines Ursprungs bewusst wurde.

 

Fortsetzung folgt.