Sofort, Hier und Jetzt XXXVII

Tagesmail - Freitag, den 09. November 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXXVII,

da ist sie wieder, die Warnung, an die wir uns gewöhnt haben. Spiel mir das Lied vom Tod. Aber so, dass ich nicht auf die Straße renne, um jeden Passanten anzuschreien. Wir verstummen, um unsere eigenen Stimmen zu ersticken – die uns Tag und Nacht verfolgen.

„Beim CO2-Ausstoß ist keine Trendwende in Sicht – im Gegenteil: Die Emissionen der Menschheit würden 2018 vermutlich um zwei Prozent steigen. Die gegenwärtige Situation sei für ihn als Klimaforscher «frustrierend», sagt Rockström. «Wir hatten noch nie so viele Belege für die Gefahren des Klimawandels.» Zugleich kenne man gangbare Wege, um die Erderwärmung zu begrenzen. Doch die Staatengemeinschaft habe diesen Weg bislang nicht eingeschlagen. «Wir sind in einer sehr ernsten Situation.»" (SPIEGEL.de)

Müssten nicht alle Politiker nur über dieses Thema reden? Nicht alle Gazetten nur über dieses Thema schreiben und sich standhaft weigern, über das tägliche Theater der Polit-Marionetten zu berichten, als ginge es um irgendetwas?

Es werden Umfragen in Auftrag gegeben, die zeigen sollen, wie gut es übersättigten Menschen zu gehen hat: „Wenn Sie Ihre Situation mit der von Flüchtenden im schwankenden Schlauchboot vergleichen: wie zufrieden sind Sie mit Ihrer eigenen Lage?“

Suggestive Fragen – die nicht veröffentlicht werden – erhalten jene Antworten, die den Mächtigen grünes Licht zeigen: weiter so, wir befinden uns im Gleitflug in … Ja, in was? In die Unsterblichkeit? In die endgültige Überwindung von Gefühlen und Gedanken, die uns warnen, ungerührt weiterzumachen wie bisher?

Wenn wir Glück haben, wird Natur uns plötzlich und mit einem Schlag von der Tenne fegen. Davon könnten wir nur träumen. Wahrscheinlicher ist es, dass Milliarden ...

 ... Menschen es in ihren aufgeheizten und ausgetrockneten Ländern nicht mehr aushalten und anderen Milliarden, die es vergleichsweise besser haben, auf die Pelle rücken – wenn sie denn die Grenzen überwinden können und nicht schon vorher füsiliert werden. Wie schon heute die Massen in die Monsterstädte drängen, das verödete Land hinter sich lassend, so werden sie in die schrumpfenden Kontinente vordringen, in denen das Klima noch ein Anhauch von Leben gewährt. Es wird ein finales Gemetzel um die letzten Ressourcen geben.

Damit wir nicht gänzlich unvorbereitet sind, gibt es volkspädagogische Medien, die uns auf den Tag X in täglichen Variationen vorbereiten.

MO, den 5. November. „The Day after Tomorrow: Die Eiszeit bricht herein, da die Polkappen schmelzen und den Golfstrom abkühlen, wodurch die Temperaturen sinken. Der Paläoklimatologe Jack Hall hatte vergeblich versucht, die Regierung zu warnen. Nun muss er seinen Sohn retten.“

DI, der 6.: „The Core, Der innere Kern: Eine Reihe von Naturkatastrophen versetzt die Menschheit in Angst und Schrecken. Wissenschaftler stellen fest: das Magma im Erdkern kann nicht mehr zirkulieren, es droht der Untergang der Welt. Professor Keyes soll mit seinem Team den Stillstand im Erdkern mit Atombomben beenden.“

FR, der 9.: „Die Tribute von Panem. Das diktatorische Panem verantaltet jedes Jahr die Hungerspiele, um das Volk an einen niedergeschlagenen Aufstand zu erinnern. Das Spektakel wird in TV übertragen. 24 Kandidaten werden ausgelost, die um ihr Leben kämpfen müssen. Nur einer darf überleben.“

Hungerspiele in globalem Maßstab finden längst statt und verschärfen sich von Hitzewelle zu Hitzewelle. Doch ein Trost bleibt: wir wissen endlich, wozu Atombomben gut sind. Auch das Schreckliche bringt Gutes.

Nicht alle Katastrophen hat der Mensch verursacht. Die Natur ist bösartiger als man denkt. 24 Kandidaten sind 2 mal 12 auserwählte Jünger des Todes. Hauptsache, am Ende rettet der Vater den eingeborenen Sohn, damit die Vater-Sohn-Symbiose endgültig vom Weiblichen befreit wird. Viele sind berufen, am Ende bleiben nur auserwählte Männer übrig. Dies ist ohnehin der Kern der maskulinen Heilsgeschichte. Warum sollten wir das Klima retten? Ohne Unheil der Vielen kein Heil für die Wenigen.

„Demgemäß erwarteten die ersten Christen das Ende der Welt schon so bald, dass sie keinen Sinn mehr darin sahen, zu heiraten und Kinder zu zeugen, die nicht mehr hätten heranwachsen können – dies war einer der Hauptgründe dafür, dass die Christen die Hochzeit ablehnten.“

Soll denn das Leben auf Erden unendlich so weitergehen? Das wäre ein Affront gegen das göttliche Todesurteil über die Natur. „Wehe den Frauen, die in jenen Tagen schwanger sind oder ein Kind stillen. Denn eine große Not wird über das Land hereinbrechen und der Zorn Gottes wird über das Land kommen.“

Dass Familien zerbrechen, jeder sich von jedem lösen soll, das Kindergebären nicht mehr der Frau überlassen wird: auch die Deutschen kennen ihre kryptische Form des väterlichen Endsiegs über die Natur. Mütterliche Geburt ist minderwertig, väterliche Taufe erst macht das Leben zur Berufung:

„Mit der Geburt wird der Mensch ins Leben gerufen, mit der Taufe wird er zum Leben berufen – und er erhält die Zusage: Dein Leben ist mit Recht und Würde gesegnet.“ (WELT.de)

Wer zum Leben nicht von Oben berufen wurde, dessen gerufenes Leben ist mangelhaft – und nicht überlebenswert. Vorstellungen eines gelingenden Lebens sind verboten, Utopien dürfen nicht ausgepinselt werden.

Das Bilderverbot eines gelingenden Lebens wird zum Denkverbot: der Mensch, nein, der kann es nicht. Der Glaube an die Bestie Mensch muss erhalten bleiben. Anders gäbe es keine Motivation zum Fortschritt. Nur ihm kann es gelingen, die Mängel des Krüppelwesens mit Maschinen auszugleichen.

Das Schreckliche allerdings muss, wie die Hölle bei Hieronymus Bosch, plastisch vor Augen geführt werden. Als die erste Atombombe der Geschichte in der Wüste von Neu-Mexiko explodierte, murmelte Robert Oppenheimer Verse aus der Bhagavad-Gita. Selten, dass der Fortschritt Angst vor sich selbst bekommt.

„Wenn das Licht von tausend Sonnen / am Himmel plötzlich bräch' hervor / das wäre gleich dem Glanze dieses Herrlichen, und ich bin der Tod geworden, Zertrümmerer der Welten. Ich bin die Zeit, die alle Welt vernichtet.“

Goethe brauchte keine Atombomben, um die Welt in Trümmer zu legen. Er hatte Mephisto:

„Und dem verdammten Zeug, der Tier- und Menschenbrut,
Dem ist nun gar nichts anzuhaben:
Wie viele hab ich schon begraben!
Und immer zirkuliert ein neues, frisches Blut.
So geht es fort, man möchte rasend werden!
Der Luft, dem Wasser wie der Erden
Entwinden tausend Keime sich,
Im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten!“ (Mephisto)

Faustischer Drang ist Zerstörung des unerträglichen Lebens der Natur, um das wahre Leben als eigene Kopfgeburt zu berufen. Technischer Fortschritt ist Taufe der Natur, um die alte zu ersäufen und sie als wiedergeborene neu entstehen zu lassen.

Die Deutschen fühlen nur so im Vagen herum. Früher nannten sie es Ahndungen. So genau wollen sie es nicht wissen, ob sie pessimistisch oder optimistisch in die Zukunft schauen. Nur die Kaste der Zukunftsforscher übernimmt freiwillig die prophetische Rolle des Jeremia:

„Land, Land, höre des Herrn Wort!“

Und was hören sie? Matthias Horx, seines Zeichens Zukunftsforscher, kennt seine Deutschen aus dem Effeff.

„Morgen schon können wir tot sein, oder alles vergessen, oder unsere Rente ist nichts mehr wert. Aber in Wahrheit ist die Welt für uns Bewohner der technischen Zivilisation viel, viel sicherer geworden. Und das macht uns noch viel mehr Angst, denn es bedeutet ja, dass wir für immer mehr Leben selbst verantwortlich sind. Deshalb reden wir ja dauernd nur über Angst, Angst, Angst, um die Lebens-Verantwortung, die uns die Moderne gibt, wieder zu delegieren. Verschwörungsgerüchte wuchern, Gefahren werden völlig überhöht, weil wir es nicht aushalten, freie Entscheidungen treffen zu müssen. Mitten in der einstweilen besten aller Welten imaginieren wir die schrecklichsten Untergänge – um uns zu entlasten.“ (WELT.de)

Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd, wer sich ängstigt vor der Zukunft, ist ein Verschwörungsspezialist. Der will keine Verantwortung übernehmen. Wer Zukunft plant, übernimmt Verantwortung. Nur Angsthasen wollen wissen, was die Zukunft bringt. Mutige werfen sich kühn in die Strudel der Geschichte. Sollten sie untergehen, werden sie in Gottes Schoß landen.

Was aber, wenn der Mensch Geschichte nicht plant, sondern als übermächtiges Gebilde über sich ergehen lässt? Zeigt die Klimakatastrophe nicht, dass der Mensch ein Zauberlehrling ist, dem seine Erfindungen über den Kopf wachsen?

Sollte in der Klimakatastrophe etwa der Freud‘sche Todestrieb zum Vorschein kommen?

„Wenn wir annehmen, dass das Lebende später als das Leblose gekommen und aus ihm entstanden ist, so fügt sich der Todestrieb der erwähnten Formel, dass ein Trieb die Rückkehr zu einem früheren Zustand anstrebt. Unter dieser Perspektive muss alles Lebende aus inneren Ursachen sterben.“ (Freud)

Das war eine Absage an allen Fortschritt. Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht. Die Griechen kannten die zirkuläre Zeit als unzerstörbare Wiederholung des Lebens. Bei Freud wird der Zirkel zum circulus vitiosus, dem Kreis des Teufels. Wenn der Kreis etwas Teuflisches ist, muss Gott zur endlosen Linie werden. Die Geschichte wäre der Geschlechterkampf des Vulva-Kreises – oder der Mandorla – gegen die männliche Erektionslinie. Schnell weg, jetzt wird’s heiß.

Mit dem unvermeidbaren Todestrieb könnten wir uns abfinden. Wenn wir uns selbst ausrotten, folgen wir nur der Logik der Materie. Bei Marx führte die messianische Materie ins Paradies, bei Freud endet sie im rohen Urgrund aller Dinge.

Die Klimakatastrophe ist nicht das einzige Verhängnis, das der Mensch erfand, damit es ihm auf Erden nicht allzu gut ergehe. Da gibt es einen Plan B, der es in sich hat. Sollte Suizid-Plan A nicht gelingen, muss Entmündigungsplan B einspringen, um den Menschen vom hohen Ross herunterzuholen.

Da war doch was mit Daten, Digitalisierung und totaler Überwachung?

Lanier: Es ist im Kern eine Heilslehre, die mit dem Kommunismus vergleichbar ist, der als gute Idee begann, bevor alles in der Katastrophe und im Gulag endete. Ich sage nicht, dass das der Weg des Internets ist – aber im Silicon Valley gibt es diese Einstellung, die sagt: Wir wissen am besten, wie es geht. Technik löst alle Probleme der Welt. Wenn man uns nur machen lässt und der Rest einfach die Klappe hält, dann wird es allen besser gehen. Die Gründer und Pioniere konzentrieren Macht und Einfluss in ihren Händen, sie sind innovative und kreative Figuren. Die Frage ist, was passiert, wenn sie abtreten, freiwillig oder unfreiwillig. Dann kommen die Geier, die Schurken, die Bösewichter. Wir haben das wieder und wieder gesehen im Lauf der Geschichte.“ (SPIEGEL.de)

Keineswegs, protestiert ein anderer, muss das Ganze ein böses Ende haben:

„Keine Panik, Künstliche Intelligenz wird uns nicht umbringen, sondern unser Leben besser machen. Das sagt Toby Walsh, einer der führenden Experten aus der KI-Forschung.“ (Netzpolitik.org)

Vieles menschenunwürdige Malochen könne uns die Maschine abnehmen. Niemals aber dürfe sie übernehmen, was nur der Mensch tun kann und tun muss:

„Es gibt Tätigkeiten, die KI nie übernehmen sollten. Selbst wenn wir Maschinen dazu bekommen könnten, sie zu erledigen, selbst wenn sie darin besser wären als Menschen, sollten wir das nicht tun, denn wir würden dadurch etwas Zentrales von unserer Menschlichkeit verlieren. Wenn wir etwa Maschinen entscheiden lassen, wer ins Gefängnis kommt, dann geben wir einen wichtigen Teil unserer Gesellschaft auf.“

Warum spricht Toby Walsh nicht von der grauenhaften Vorstellung, dass Maschinen mit politischer Macht den Menschen zum total überwachten Rädchen erniedrigen können – wovor Shoshana Zuboff mit eindringlichen Worten warnt:

"Es gibt nun eine beispiellose Konzentration von Wissen und Macht, die frei von demokratischer Kontrolle ist und unsere individuellen Einflussmöglichkeiten übersteigt. Der Überwachungskapitalismus baut auf historisch unvorstellbaren Wissensasymmetrien auf. Überwachungskapitalisten wissen alles über uns. Wir wissen sehr wenig von dem, was sie tun oder was sie wissen. Sie nutzen ihren Wissensvorsprung, um unser Verhalten zu beeinflussen. Das ist eine völlig neue Art von Macht.“ (Sueddeutsche.de)

Auch hier dasselbe Bild wie bei der Klimaveränderung. Die Leute wissen von den Gefahren, lehnen sie ab – und tun dennoch nichts dagegen:

„Umfragen zeigen, dass die Mehrheit in den USA und Europa diese Überwachung ablehnt. Trotzdem fällt es den meisten Menschen schwer, sich von den digitalen Produkten und Dienstleistungen der Überwachungskapitalisten zurückzuziehen. Ein Grund ist die Abhängigkeit. Es geht ja um Kanäle, auf die wir uns verlassen, für tägliche Logistik, soziale Interaktion, für Arbeit, Bildung und Gesundheitsfürsorge, Zugang zu Produkten und Dienstleistungen.“

All diese Fragen sind nicht neu. Vor einem halben Jahrhundert gab es ein weltweites Innehalten und Nachdenken über alle Aspekte eines sinnvollen oder gefährlichen Fortschritts.

Es war zugleich die Geburtsstunde der Grünen, die heute alle Ursprungsfragen ihrer Anfänge hinter sich ließen. Heute wird Sachpolitik betrieben, sofern man sich nicht in christlicher Nächstenliebe piesackt. Sache liegt vor, über sie muss nicht mehr entschieden und nachgedacht werden.

Instrumentelle Vernunft ist die Sachlogik von Befehlsempfängern. Wir machen Sachpolitik, heißt: grundsätzliches Denken stellen wir ein.

In jenen Jahren schrieb Alvin Toffler sein wichtiges Buch: „Der Zukunftsschock“. Medien denken gar nicht daran, an frühere Denk-Leistungen zu erinnern – mit dem dümmlichen Hinweis: sollte denn früher alles besser gewesen sein? Also muss früher alles schlechter gewesen sein. Heute liegt das Heil liegt in der Zukunft. In Zukunft wird alles besser: ist diese illusionäre Maxime sinnvoller als das überprüfbare Gegenteil?

Was sagen sie ihren Kindern, wenn die ihnen eines Tages ins Gesicht schmettern werden: Lasst uns zufrieden mit eurer Erzieherei, sollten eure Erkenntnisse von früher denn immer die besseren sein? Können wir nicht frei und unbelastet von eurer „Bildung“ unsere eigenen Erfahrungen sammeln und die Weltgeschichte von vorne beginnen?

All ihre Schulen und Universitäten beruhen auf Erkenntnissen der Vergangenheit. Bis jetzt ist noch niemand aufgetaucht, der uns Heutigen die Weisheiten von Morgen gebracht hätte. Mit solchen Fallstricken wird sich die Moderne selbst erdrosseln.

Toffler stellt grundsätzliche Fragen, die man heute nicht mehr hören kann:

„Kann man in einer Gesellschaft leben, die außer Kontrolle geraten ist? Wie können wir einen Massen-Zukunftsschock verhindern, das Tempo des Wandels beeinflussen, wenn Regierungen – einschließlich derjenigen mit den besten Absichten – unfähig zu sein scheinen, den Wandel in die richtige Richtung zu lenken? Wir erleben im Augenblick den Beginn des endgültigen Zusammenbruchs des Industrialismus und gleichzeitig das Ende der technokratischen Planung. Die Schwierigkeit liegt nicht nur darin, dass wir zu wenig planen, wir planen auch zu schlecht.“

Solche Fragen, gestellt von heutigen Politikern, wären deren Untergang. Kann man sich vorstellen, dass AKK, Merz und Spahn Streitgespräche über solche Themen führen? In der SPD wird ohnehin nichts anderes geplant, als der Kanzlerin hinterher zu planen.

Das Leben der Hartz-Kreaturen wird minutiös überwacht und geplant, das Leben der gesamten Gattung durch Technik und Wissenschaft dem Zufall überlassen. Mit der vollmundigen Erklärung, der Mensch könne nicht alles planen. Er sei das abenteuernde Tier, das Risiken liebt und sich im Unberechenbaren erproben muss.

Das Schicksal der Menschheit wird als Pokerspiel definiert. Ausgang ungewiss. Der Mensch ist das Wesen, das grandios scheitern kann. Wer immer nur Sicherheiten sucht, ist ein – Weib, das seine Brut so sicher wie möglich erziehen muss. Walsh bedauert, dass es den Futuristen nicht gelingt, Frauen für ihre mechanische Zukunft zu werben. Ob Frauen noch immer Probleme mit dem Rechnen haben?

Die Deutschen sind pessimistische Maschinenstürmer, klagen die wagemutigen Zukunftsstürmer. Zwischen Amerika und Europa tun sich religiöse Marianengräben auf. Ja, es geht um Religion. Wer sich in Gottes Händen sicher fühlt, wie die Amerikaner, kann getrost das Unmögliche erproben. Die deutschen Hasenfüße haben das Pokern mit dem Schicksal bereits versucht. Im Dritten Reich mussten sie erkennen, dass sie ihre Karten überreizt hatten.

Natürlich gab es auch westliche Aversionen gegen die sozialistische Planwirtschaft. Doch auch unabhängig davon war es für Hayek eine Überschätzung menschlicher Vernunft, etwas Verlässliches für die Zukunft zu planen. Der unergründlich-göttliche Markt ist es, der für Planung zuständig ist – und dessen Gedanken sind höher denn eure Gedanken.

Warum gibt es heute keine Verantwortung mehr? Weil es keine Planung gibt. Keine Kopfschmerztablette wird freigegeben, wenn sie nicht jahrelang ihre Wirkung nachgewiesen hat. Eine Kleinigkeit aber wie die Digitalisierung der ganzen Gesellschaft wird einfach angekurbelt – und Gottes, pardon, des Marktes Führung überlassen.

Keine nationalen Besinnungstage, an denen die Gesellschaft über die Frage nachdenken könnte: wo wollen wir hin? Was für eine Gesellschaft wollen wir sein? Man glaubt es nicht. Just diese Frage wurde von Nixon seinem Volk gestellt. Natürlich pro forma. Bei uns nicht einmal dies.

„Die Planlosigkeit wird verherrlicht“, stellt Toffler fest. „Das Versagen der technokratischen Planung und das Gefühl der Ziellosigkeit kennzeichnen die Philosophie des „Jetzt“.

Ja, richtig gelesen: die Philosophie des Jetzt. Vor 50 Jahren stand die Zukunft noch nicht im Mittelpunkt. Es herrschte noch die Philosophie eines lebenstrunkenen Nachholbedarfs nach der erzwungenen Kriegsaskese. Wir leben im Hier und Jetzt, war die Botschaft von Woodstock. Spontaneität wurde zum Zauberwort der Hippie- und Jugendbewegung.

Aus dem überschäumenden Jetzt wurde innerhalb von 50 Jahren ein Demnächst, ein brünstiges Bald. Das war eine erneute Verwandlung des hellenischen Jetzt ins das christliche Manjana. Wenn die Unfähigkeit, im Hier und Jetzt zu leben, ein pathologisches Symptom ist, muss der gegenwärtige Zukunftswahn als religiöse Krankheit betrachtet werden.

Und dennoch kann es kein Zufall sein, dass es ausgerechnet Hippies waren, die sich nach dem Ende der Bewegung auf die neuen digitalen Maschinen warfen, um in Silicon Valley ihr Mekka einer nicht mehr geistigen, sondern technisch-messianischen Erlösung zu gründen.

Da hatte eine ganze Generation die Flucht vor der Religion ihrer Eltern angetreten. Doch mitten in der Absatzbewegung blieben sie stecken und transformierten die Reste ihrer Erlösungssehnsucht in Googles faschistische Zwangsbeglückungs-Visionen.

In Deutschland suchten die verkaterten Revolutionäre Zuflucht an den Universitäten, bei den Medien und in den Gymnasien – bis sie die antiautoritäre Schnauze voll hatten und den Neoliberalismus als neue Heilsbotschaft begrüßten. „Wir waren alle ein wenig neoliberal“, bekennt heute selbst Trittin, der linkeste unter den Grünen. Wär‘s anders gewesen, hätten sich die Grünen nie einem wirtschaftssüchtigen Kanzler Schröder unterworfen.

Zeit und Zufall sind die biblischen Götter, denen Hayek seine Opfergaben brachte. Zeit und Zufall sind immer noch die gleichen Götter des planungslosen Draufloswurstelns in der Berliner Regierung. Gott, nicht der Mensch, lenkt die Geschichte. Seine Geschichte rational in die eigenen Hände nehmen: das wäre die größte Hybris vor Gott. Vor Gott und seinen Obrigkeiten sind wir ein Nichts. Wer kühle Planung will, ist ein Rebell gegen den Himmel.

Wie idealistisch klingen heute Tofflers Warnungen und Ratschläge.

„Ob wir den Zukunftsschock verhindern, die Umweltverseuchung bekämpfen oder das Wettrüsten bremsen wollen – wir können nicht zulassen, dass Entscheidungen von welterschütternder Bedeutung leichtfertig, unbedacht, planlos gefällt werden. Den Dingen ihren Lauf lassen heißt kollektiven Selbstmord begehen.“

Sollte Toffler recht haben, wäre die gesamte politische Klasse des Globus eine Selbstmörder-Kaste. Und die Völker ließen sich wie Schafe zur Schlachtbank führen. Noch ist es nicht soweit. Tofflers letztes Wort war nicht pessimistisch.

„Wir können eine Form der Planung entwickeln, die humaner, weitsichtiger und demokratischer ist als alles, was bisher versucht wurde. Kurz, wir können die Technokratie überwinden.“

Von dieser Vernunft ist die Berliner Regierung weltenweit entfernt.

 

Fortsetzung folgt.