Sofort, Hier und Jetzt XXXV

Tagesmail - Montag, den 05. November 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXXV,

kein einziges gemeinsames politisches Fest für ganz Europa, auf dem 28 Nationen den Triumph der Freiheit und die Überwindung uralter Feindschaften zusammen feiern könnten.

In Deutschland noch verheerender. Am obersten Fest nationaler Herzen wird ein Reformator gefeiert, dessen Freiheit eines Christenmenschen in der Selbsterniedrigung unter einen rachsüchtigen Gott und dessen Obrigkeiten – und in der Zertrümmerung jeder menschenwürdigen Moral besteht. Dass Moral in Deutschland einen schlechten Klang hat, ist das Werk eines Mönchs, dessen Hass auf die selbstbestimmte Welt keine Grenzen kannte.

„Dass er uns errette von dieser Welt“: das war der einzige Lebenszweck eines Menschen, der die ganze Welt vernichten wollte, um den Menschen von dieser Pestbeule zu erlösen. Es ist die schlimmste Krankheit, die Menschen befallen kann: wenn sie aus Unfähigkeit, auf Erden ein erfülltes Leben zu führen, eine gespenstische Gegenwelt erfinden, die die wohlvertraute, mütterliche Welt in Trümmer legen muss. Da es weder Gott noch Überwelt gibt, müssen sie, was sie glauben, selber herstellen. Den Prozess allmählicher Selbstvernichtung durch grenzenlose Machtanhäufung nennen sie Fortschritt.

Deutschlands Feste sind religiöse Weltzertrümmerungsfeste.

„O Welt, ich muss dich lassen,
ich fahr dahin mein Straßen
ins ewig Vaterland.
Mein Geist will ich aufgeben,
dazu mein Leib und Leben
legen in Gottes gnädig Hand.“

Die Religion des Westens ist Kosmos-Verachtung. Mit dieser hasserfüllten Religion ...

... wird es der Westen nie schaffen, die Rettung der Erde als Heimstatt für die Menschheit zu feiern.

„Ihr Abtrünnigen, wisset ihr nicht, daß der Welt Freundschaft Gottes Feindschaft ist? Wer der Welt Freund sein will, der wird Gottes Feind sein.“

Christlicher Glaube ist das Todesurteil über die Welt. Die Klimakatastrophe ist die bislang effektivste Realisierung dieses Hasses auf Natur und Mensch.

Auf der anderen Seite der Triumph der mündigen Menschheit. Nicht die Heilige Schrift ist das wichtigste Buch der Menschheit, sondern die Erklärung der Menschenrechte:

Vor 70 Jahren gelang etwas Unglaubliches, trotz Kalten Kriegs: Die Uno verabschiedete den wichtigsten Text der Menschheitsgeschichte. Der wichtigste Text der Menschheitsgeschichte ist knapp 1300 Wörter lang und passt auf drei DIN-A4-Seiten. Er zeigt, dass wir vor 70 Jahren schon einmal weiter waren als heute. Wenn auch nur für einen kurzen Moment. Am 10. Dezember 1948 wurde, gegen alle Wahrscheinlichkeit, die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" verabschiedet – ohne rechtlich bindend zu sein. Autoren waren ein Kanadier, ein Libanese, zwei Franzosen und ein Chinese, unter der Leitung einer Amerikanerin, Eleanor Roosevelt. Die Ideengeber, unter anderem: Thomas Paine ("Die Welt ist mein Land und Gutes zu tun meine Religion"), George Mason, französische Revolutionäre, Immanuel Kant, Sokrates, Epikur und der chinesische Philosoph Mi To oder Micius. Der regte schon 500 Jahre vor Christus an, dass man doch "andere Staaten wie den eigenen betrachten" könnte, "andere Familien wie die eigene und andere Menschen wie sich selbst“. Von wegen "westliche Werte".“

Schreibt Christian Stöcker im SPIEGEL. Wann las man zum letzten Mal eine ähnlich kraftvolle Hymne auf die Menschenrechte? (SPIEGEL.de)

Denker aus vielen Kulturen waren die Anreger für die UN-Menschenrechtscharta. Die Würdigung des Menschen ist nicht das Privileg der westlichen Kultur – die es zudem für richtig hielt, der Welt die Menschenrechte mit Tod und Verderben zu bringen.

Die jetzige Weltkrise ist ein Entscheidungskampf zwischen christlicher Weltverachtung und universellen Menschenrechten. Die religiösen Kräfte hatten sich zurückgehalten, solange ihr Reichtum und ihre Macht wuchsen. Seitdem es in Amerika abwärts geht, fühlen sich Weltuntergangsgläubige ermuntert, den letzten entscheidenden Kampf gegen die Mächte der Welt anzuzetteln.

Christlicher Glaube kennt keine klaren unverrückbaren Verhaltensnormen. Früher hasste er alle heidnischen Menschenrechte, inzwischen will er sie erfunden haben. Es ist eine gigantische Projektionsfläche, auf die die Frommen alle Werte und Unwerte dieser Welt als Offenbarungen eintragen können. Werke sind für sie nur gut, wenn ihr Herr sie in ihnen bewirkt hat. Werke aus eigener Kompetenz sind schlechthin sündig.

Sie benötigen eine göttliche Offenbarung, in die sie nach Belieben ihre wechselnden Grundanschauungen hineinprojizieren, um sie als Unfehlbarkeiten wieder herauszulesen. Geschützt von auratischer Vollkommenheit präsentieren sie der Welt ihre eigenen menschlichen Gedanken – als Offenbarungen.

Mit dieser List gelingt es ihnen, ihre eigenen Fündlein als unfehlbare zu verkündigen – ohne sich selbst als Urheber dieser Ideen kenntlich zu machen. Die erschlichene Unfehlbarkeit, verbunden mit Verantwortungslosigkeit, gestattet es ihnen, die Welt in Schutt und Asche zu legen – ohne irgendeine Schuld zu tragen. Das heilige WORT wird zum Zauberkasten, dem man alles Beliebige im Modus der Allwissenheit entnehmen kann.

Die magische Vergöttlichung menschlicher Gedanken geschieht nicht nur im Großen, sondern auch bei Einzelbegriffen, die alle Dezennien ihre Bedeutung wechseln. Links und rechts hatten früher eine klare Bedeutung, heute sind sie verwechselbar und leer geworden. Modern heißt „heute und nicht gestern“. Wenn das Heutige sich ständig neu erfindet, ist die heutige Moderne von gestrigen Modernen völlig verschieden. Gerechtigkeit bedeutete früher – Gerechtigkeit, heute bedeutet das Wort – nichts.

Wenn Sprache, das Gerüst einer Gemeinschaft, derart beliebig und marode wurde, ist die Gesellschaft im Innern verfault. Der Sprache müssen wir ihre ursprüngliche Klarheit und Verständigungskompetenz zurückgeben. Das muss bei der Quelle des Verfaulungsprozesses beginnen, bei der unfehlbaren Schrift.

Ihre Botschaft ist kein Wünschdirwas, sondern – wie bei jeder anderen Schrift auch – durch unmissverständliche Buchstaben und Worte festgelegt. Der Sinn der Buchstaben darf durch Deutungen nicht willkürlich verändert werden. Wer die Botschaft der Schrift ablehnt, muss sich von ihr distanzieren. Beides zugleich kann er nicht haben: göttliche Allwissenheit und menschliche Subjektivität.

Der moderne Mensch will sich lösen von seinen göttlichen Autoritäten, traut sich aber nicht, auf eigenen Füßen zu stehen. Das ist sein Malheur. Heute soll sich jeder von jedem lösen, weil es die wenigstens schaffen, sich von ihren Göttern zu lösen.

Die Deutschen sind fromm auf besondere Weise. Im täglichen Leben fühlen sie sich anderen Frömmlern durch Vernunft überlegen und würden es weit von sich weisen, sich als Gläubige auszuweisen. Geraten sie aber in Not, entdecken sie ihr Christentum. Fühlen sie sich von anderen Religionen umzingelt und angegriffen, zeigen sie über Nacht, wie sehr sie ihren Gott benötigen. Religion zeigt sich bei ihnen, wenn es ihnen schlecht geht. Also jetzt, wo viele muslimische Flüchtlinge das Land zu bedrohen scheinen.

Die AfD ist eine reaktionäre verkappt-religiöse Bastion, die am liebsten Luthers Reformationslied „Ein feste Burg ist unser Gott“ zur Parteihymne ernennen würde, wenn, ja wenn sie sich trauen würde. Da sie auch modern und fortschrittlich sein wollen, könnte ein fundamentalistisches Bekenntnis – so fürchten sie – ihr Image beim unverständigen Volk vermasseln. Also reden sie ersatzweise von Deutschland als einem Erfolgsmodell, von Leitkultur und nationaler Identität.

Auch Amerikaner regredieren in ihre biblischen Ursprünge, die bei ihnen apokalyptische Dimensionen haben. Im Gegensatz zu den Deutschen verzichten sie auf hermeneutischen Hokuspokus und beharren auf der lutherischen Devise: das Wort, sie sollen lassen stahn. Begriffe wie Aufklärung oder Vernunft sind ihnen teuflische Einflüsterungen, denen sie mit aller Macht widerstehen. Deutschland ist für sie ein heidnisch versiffter Staat, weil man sich dort allzuoft auf Torheiten vor Gott beruft.

Die Deutschen geben sich äquilibristisch. Wenn erforderlich, geben sie sich als Christen aus. Im täglichen Leben aber ist es unter ihrer Würde, sich mit Frömmlern und Kirchgängern gleichzusetzen. Schier unglaublich, dass sie ihre Kultur zwar als christlich betrachten, die Vorgänge innerhalb dieser Kultur aber niemals als christlich geprägte verstehen. Was bedeutet, die Vorzüge der Kultur werden sehr wohl als Wirkungen christlicher Nächstenliebe aufgefasst, die Nachteile aber niemals als Effekte des Christenhasses auf die Welt.

Ohne es zu wissen, haben sie das antinomische Christentum zum eindeutigen Guten weiter entwickelt. Da sie dieses Gute aber zwanghaft rückkoppeln mit der Autorität der dualistischen Schrift, wird das Eindeutige in praxi doch wieder widersprüchlich, wechselhaft und unzuverlässig.

Deutschland ist hochgradig religiös verseucht. Von einer Religion, die, dem Sinn ihrer Buchstaben nach, mit Demokratie unverträglich ist. Religiöse Feste sind hier wichtiger als politische, Religionsunterricht wichtiger als Einübung freien Denkens. Luther ist wichtiger als Kant, Lessing und die gesamte Aufklärung zusammen.

Schon in frühesten Jahren wird das Gift einer falschen Welt und wahren Überwelt den Kindern indoktriniert.

Wer sich als Gottloser oder Agnostiker zu erkennen gibt, hat in den meisten Parteien keine Chance, eine Führungsposition zu erringen. Wer ganz hoch hinaus will, muss zu Kreuze kriechen wie die SPD-Kanzlerkadidaten Steinbrück und Schröder, die rechtzeitig vor der Wahl die Kniee beugten. „Ich bin mit mir im Reinen“, sagte Steinbrück schwülstig nach seiner Bekehrung.

Auch in dieser Hinsicht ist die Proletenpartei – einst vollständig atheistisch – gegenüber der CDU im Nachteil. Die Schwarzen können Macht und Klerus mühelos miteinander verbinden, die SPD muss zu Kreuze kriechen. Das bleibt den Wählern nicht verborgen, weshalb sie die Roten, die ihre Überzeugung um der Karriere willen aufgeben, für ehrloser halten als die im Schoße Gottes verharrenden Schwarzen.

Eine internationale Untersuchung erbrachte das Ergebnis, dass Deutschland – was die Bedeutung der Religion betrifft – zu den Ländern mit der größten Diskriminierung von Nichtgläubigen und Atheisten gehört.

„Am fortschrittlichsten sind Belgien, die Niederlande und Taiwan aufgestellt, wo Bürgerinnen und Bürger mit atheistischer oder säkularer Überzeugung den Religiösen in allen wesentlichen Bereichen des Lebens gleichgestellt sind. Deutschland liegt nur auf Platz 145, hinter Haiti, Sambia und den Philippinen. Grund für das schlechte Abschneiden sind der Blasphemie-Paragraph, die systematische Privilegierung von religiöse Glaubensgemeinschaften und Religion im Allgemeinen, die staatlich eingezogene Kirchensteuer, Religionsunterricht an staatlichen Schulen, staatliche Zuschüsse für konfessionelle Schulen sowie fehlende Alternativen zum Religionsunterricht. Weiter kritisiert der Report die Praxis kirchlicher Einrichtungen, ihre Mitarbeiter nach konfessionellen Kriterien auszuwählen.“ (Humanistischer Pressedienst)

Die Heilige Schrift kann man durch Deutungen nicht nachträglich aufhübschen. Der Text bleibt wie er ist. Wer sich vom Unheil der Schrift distanzieren will, muss sich vom Text distanzieren. Man kann nicht an die Unfehlbarkeit eines Textes glauben, indem man ihn mit ständig wechselnden Deutungen nachträglich als fehlbaren entlarvt.

Trump, Bolsonaro & Co sind keine sozialen Revolutionäre, sondern religiöse Tennenfeger. In Deutschland wird nicht verstanden, warum ein Milliardär zum Favoriten der Abgehängten werden kann. It‘s religion, stupid. Die messianische Figur soll es einmal der ganzen Welt zeigen – und die Seinen zum Endsieg der Geschichte führen. Wer Macht hat über das Sakrale, hat auch Macht über das Säkulare. Da Deutschland religionsblind ist, versteht es überwiegend nur Bahnhof, wenn es um die Welt faschistoider Religionsführer geht.

Er lügt, er lügt den ganzen Tag, er lügt pro Tag sieben mal siebzigmal. Bestimmt wird er deshalb davon gejagt. Dann das große, lähmende Erwachen. Trump begeht viele Sünden, ja und? Einen fröhlichen Sünder hat Gott lieb. Das Christentum ist eine Selbstentsündigungs-Maschine. Sünden sind nur Nichtgläubigen verboten, die Frommen leben von der permanenten Gnade des Herrn.

Dies ist die Welt des Heiligen. Die Welt der Vernunft steht ihr diametral gegenüber.

Die irdische Vernunftmoral, konzentriert in der UN-Menschenrechtscharta, ist die Frucht vieler Jahrhunderte. Oder der Vergangenheit. Die Vergangenheit aber wird durch den faschistischen Gehalt der modernen Technik zerstört. Und damit der Schatz jener Erkenntnisse und Weisheiten, die die Menschenrechte hervorgebracht haben.

Willkürlich und mit Lust zerstört die Moderne alle Lernerfahrungen der Menschheit. Sie will den homo sapiens so lange aushöhlen und zur tabula rasa machen, dass auf der weißen Leinwand ein Gebilde entsteht, welches der Maschine aufs I-Tüpfelchen gleicht. Der Mensch, Ebenbild Gottes, soll zum Ebenbild der Maschine werden, womit klar ist, dass auch Gott eine Erfindung des Menschen sein muss.

Die Moderne schmückt sich gerne mit dem radikalen Zweifel, der am Beginn der Neuzeit – etwa bei Descartes – aufkam. Cogito, ergo sum, ich denke, also bin ich: das kann mit radikalem Zweifel nicht viel zu tun haben, wenn der zweite Denkschritt des Zweifelnden bei Gott landet, den er für unbezweifelbar hält. Descartes ging es weniger um Zweifel an Erkenntnissen, sondern um Zweifel an der eigenen Existenz. Bin ich? Gibt es mich überhaupt? Bin ich Realität oder ein Traum?

In Calderons „Das Leben ist ein Traum“ träumt der König, „das ganze Leben ist nur ein Traum; was einer ist, das träumt er nur; der König träumt: er sei ein König, und, tief in diesen Traum versenkt, gebietet er und herrscht und lenkt.“

Das ist noch heute die Grundverfassung der Moderne, die keine stabile Substanz kennt, sondern sich täglich verändern muss. Gedenket nicht des Vergangenen, denkt an die Zukunft, die noch nicht sichtbar ist. Was wir erlebt haben, sollen wir in einen verflossenen Traum zerstäuben, was wir noch nicht erlebt haben, als Realität empfinden. Woran wir uns gewöhnt haben, an die schöne Gewohnheit des Lebens, sollen wir hinter uns lassen zugunsten unbekannter Chimären. Wer ohne vitales Hier und Jetzt lebt, seine Vergangenheit entsorgen und in eine illusionäre Zukunft starren muss: dessen Leben kann nur Schein sein, der sich mit expandierender Macht am Augenblick festkrallen muss.

Zu den Menschenrechten gehört die Voraussetzung, dass es eine Vergangenheit gibt. Was war, ist in uns, ist zu unserem Erbe geworden. Was die Menschheit erwarb, darf nicht aufs Spiel gesetzt, was sie an Unrecht erlitt, nie vergessen werden.

„Das Wahre war schon längst gefunden,

Hat edle Geisterschaft verbunden,

Das alte Wahre, fass es an!“ (Goethe)

Wer Menschenrechte verteidigen will, muss „Anschluss an das alte Wahre“ herstellen. (Sibylle Tönnies, Die Menschenrechtsidee)

Durch den „Weiße-Leinwand-Faschismus“ der Moderne werden unendliche Lernerfahrungen der Menschen vernichtet. Ein blutigeres Gemetzel im Bereich der Gedanken hat es noch nie gegeben. Hier geht es nicht um Wahrheitsministerien, die heimlich die Vergangenheit verfälschen und neue an ihre Stelle setzen. Hier geht es um Vorgänge in aller Öffentlichkeit.

Jeder, der kein rückständiger Tropf sein will, wird auf Fortschritt und Zukunft eingeschworen. Die Fälschung geschieht in jedem Gehirn. Wer sich der „Zukunft öffnet“, der hat seine Biografie schon verraten.

Die Parteien schwappen über mit dem Slogan: Wir dürfen uns nicht mit uns selbst, wir müssen uns mit der Sache beschäftigen. Doch Gott in seiner großen Güte stellte vor die Sache den Menschen, vor sein Tun sein Denken, vor seine hektische Selbstbeschäftigung die Selbstbesinnung.

Am Anfang der Menschenrechte aber steht die Frage: Wer bin ich? Ein unüberprüftes Leben ist nicht lebenswert. Wenn wir uns nicht mitteilen, wer wir sind, werden wir nicht herausfinden, wohin wir wollen. Sache ist das Talmigold der Zukunft. Das wahre Gold ist die Herstellung zuverlässiger Beziehungen und einer tragfähigen Sprache.

Menschenrechte sind Forderungen, keine wissenschaftlichen Erkenntnisse. Sie lassen sich nicht beweisen. Das Gegenteil aber auch nicht. Und dennoch lässt sich der Wahrheitsgehalt der Menschenrechte verifizieren – durch Tun. Forderungen, die in der Luft hängen, gelten heute als verachtenswerte Idealismen, technische Tagträume hingegen als erregende Visionen.

Der amerikanische Traum hat die Qualität einer biblischen Prophetie. Unvollkommene Menschen erfinden Maschinen, die vollkommen sein sollen. Streng genommen, wäre das ein Wunder.

Wer das Streben nach Idealen verachtet, verachtet die Menschenrechte. Wer den Menschen als Illusion zwischen Sein und Nichtsein betrachtet, ist ein Feind der Menschenrechte. Illusionen darf man nämlich vernichten.

Menschenrechte sind Inbegriff der Moral. Marx hat sie abgelehnt wie der Kapitalismus. Wer Moral verachtet, ist ein Feind der Menschenrechte. Die unantastbare Würde des Menschen kann nur ein Extrakt der Menschenrechte sein.

Momentan wetteifern drei CDU-Konkurrenten um den Parteivorsitz. Die Presse bejubelte bereits die demokratische Reife unserer Republik, als ein Kandidat vier Problemfelder zu benennen wusste. Wie er die Probleme lösen wollte, wusste oder sagte er nicht. Der Begriff Menschenrechte fiel nirgendwo.

Probleme rühren von Menschenrechtsdefekten, die ganz einfach gelöst werden: durch Verwirklichung der Menschenrechte.

Das Einfache wird zurzeit zu Tode gehetzt. Dabei ist es der Schlüssel zur Lösung all unserer Probleme. Wer das Einfache in den Staub tritt, will keine Lösungen. Er will alles lassen, wie es ist. Die Feinde des Einfachen haben sich im Komplexen wohlig eingerichtet. Das Komplexe wurde zum Synonym des Sündigen und Irreparablen. Alle Probleme lassen sich lösen – durch Maschinen. Menschen, die Erfinder der Maschinen hingegen, sind unfähig, ihre komplexen Probleme zu lösen.

Der einfache Schlüssel zur Lösung aller Probleme – sind Menschenrechte. Das Einfache ist schwierig, aber nicht komplex. Würden wir beim Lösen der Probleme immer auf die Einhaltung der Menschenrechte schauen, hätten wir einen stabilen Kompass.

Wie lösen wir das Arm-Reich-Problem? Indem wir beiden Gruppen zu Menschenrechten verhelfen. Der Arme muss menschenwürdig leben, der Reiche – ebenfalls. Er tut es nicht, wenn er den Reichtum der Gesellschaft menschenrechtswidrig in seinen Geldbeutel ableitet. Wer über ungeheure Gelder verfügt, mit denen ungeheuer viel Elend auf der Welt beseitigt werden könnte, der lebt wider den Geist der Menschenrechte.

Denn: „Alle Menschen sind frei geboren, und gleich an Würde und Rechten.“

Wie kann ein Superreicher und Supermächtiger des Glaubens sein, an Würde und Rechten gleich zu sein mit Ohnmächtigen, wenn sein Geld nach Belieben die Türen zur Politik, Wissenschaft und Technik öffnet?

Das Wesen der Menschenrechte ist Universalismus. Diesen Begriff hört man heute nicht mehr. Er klingt nach Einebnung aller Unterschiede. Die Moderne will das Differente, Divergente, die unterschiedliche Identität, die ungleiche Nation, den auserwählten Glauben, den höheren Wohlstand, die perfekteren Maschinen, die überlegenen Waffen.

Für die Postmoderne ist Gut und Böse relativ, ein universelles Gut und Böse gibt es für sie nicht. Mit Empörung lehnen sie ab, dass Menschen gleich sein könnten. Nein, sie sind individuell verschieden, gerade aber in ihrer Einmaligkeit – gleich viel wert.

Was ist das für eine Menschenverachtung, sich für etwas Besseres zu halten als seinen Nachbarn? Die eigene Religion für unfehlbarer zu halten als die Religion des Hilfesuchenden?

Es gibt nur einen Wettbewerb, der dem Menschen angemessen wäre: der Wettstreit um Humanität. Wer hier hervorragte, wäre der Letzte, der auf seine Mitbewerber herabschaute. Es gibt kapitalistische Konkurrenz, die erniedrigt und erhöht – und es gibt humane Konkurrenz, die sich gegenseitig ermuntert und gemeinsam wider das Inhumane kämpft.

Auf der einen Seite das Heilige, auf der anderen die Vernunft: das sind die beiden Antagonisten des Abendlandes, die zur gemeinsamen Kohabitation gezwungen wurden, obgleich sie grässliche Bastarde auf die Welt brachten.

„Es war ein tiefer Gegensatz, der die Vernunftbildung vom Christentum trennte. In der Antike forderte die Bekehrung zum Christentum von jedem gebildeten Heiden das Bemühen um Verzicht seiner selbsterworbenen Moral. Er musste die Eitelkeit seiner irdischen Weisheit bekennen, um nicht töricht zu sein vor Gott“. (Marrou, Geschichte der Erziehung im klassischen Altertum)

Tief, tief ist der Brunnen der Vergangenheit und wir müssen hinabsteigen, um die Schätze der Vergangenheit für die Gegenwart zu bergen:

„Die Griechen sind das Volk, das, als Heros des Beginnens in der abendländischen Kultur, diesen Durchbruch, einzig und erstmalig, exemplarisch und klassisch, mit Wirkung und Gültigkeit für alle Folgezeiten bis heute vollzogen hat. Der Hellene ist freigeboren. Das ist es, was die Griechen und ihre Geschichte aus der Geschichte aller übrigen Völker heraushebt, was ihre Geschichte für uns mindestens ebenso wichtig erscheinen lässt wie unsere eigene Geschichte, die ihren höchsten Auftrag und weltgeschichtliche Würde erst durch seinen Antritt und die Übernahme dieses Erbes erhält.“ (Alexander Rüstow, Ortsbestimmung der Gegenwart)

 

Fortsetzung folgt.