Sofort, Hier und Jetzt XXXIII

Tagesmail - Mittwoch, den 31. Oktober 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXXIII,

„Abschied in Würde“ hieß einst: Im Felde unbesiegt. Eine deutsche Heldin lässt sich von schnöden Wahlen nicht davonjagen. Sie geht von selbst, indem sie ihren Kursverfall in den Triumph einer einsamen Siegerin verwandelt: ihr jagt mich nicht davon. Selbstbestimmung gibt es im kapitalistischen Leben nicht, der Abgang aber muss autonom sein. Früher hieß dies: mit entblößtem Haupt vor Gott.

Schon jetzt beginnt sich die postmortale Stimmung eines Muttermords auszubreiten, nur dürftig überdeckt durch die Hektik prophetischer Zukunftsspiele.

„So viele Nachfolge-Kandidaten in der CDU, das hat es noch nie gegeben. Ja, das nennt man Demokratie.“ Tatsächlich, für den Hauch eines Augenblicks wurde sie gesichtet: die seltsame Demokratie. Was reichen muss für die nächsten Jahre. Mit Demokratie sollte man nicht übertreiben. In die raunenden Schwatzrunden werden bewährte alte Granden eingeladen, um den seltenen Schicksalsmoment auszuzeichnen. In der Phönix-Runde saßen Michael Stürmer und Ullrich Deppendorf.

Zum heroischen Abgang die heroischen Worte:

„Das Bild, das die Regierung abgibt, ist inakzeptabel. Die Sacharbeit hatte keine Chance, wahrgenommen zu werden. Ich wurde nicht als Kanzlerin geboren – und das habe ich nie vergessen.“

Das wäre ja elitärster Rassismus: als Kanzlerin geboren werden. Was dementiert sie da, was niemand behauptet hat? Der amerikanische Traum wurde Realität im vereinigten Deutschland: selbst fromme Ossi-Mädchen können, mit Gottes Hilfe, im Wessi-Kapitalismus etwas werden.

Doch an ihrer einmaligen Erfolgspolitik lässt sie keinen Zweifel: das Bild der Regierung ist inakzeptabel, nicht die Wirklichkeit derselben. Die Sacharbeit hatte ...

... keine Chance,wahrgenommen zu werden. Die Deutschen schauten nur auf den Schein, auf das Äußere, die Sache selbst sahen sie nicht. Politik ist Sach-, keine Denkarbeit.

Deutschland ist stolz auf seine Bildung, doch ins Leben überführen darf sie niemand. Weshalb des Dichters Wort zur Dekoration verkam.

„Aber kommt, wie der Strahl aus dem Gewölke kommt,

Aus Gedanken vielleicht, geistig und reif die Tat?“ (Hölderlin)

In Deutschland wird gearbeitet, gewerkelt und geschafft; Denken ist für Traumtänzer. Hat sich was verändert seit den Worten Hyperions, die, seit dem Siegeszug deutscher Autos, nie mehr zitiert wurden:

„So kam ich unter die Deutschen. Barbaren von Alters her durch Fleiß und Wissenschaft. Ich kann kein Volk mir denken, das zerrissner wäre wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, aber keine Menschen. Das treiben diese allberechnenden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zweck, da sucht es seinen Nutzen. Wenn selbst die Raupe sich beflügelt und die Biene schwärmt, so bleibt der Deutsche doch in seinem Fach.“

Erneuern kann man sich nur mit neuen Gedanken, die die Falschheit der alten erkannt haben. Doch wann wäre Zeit zum Nachdenken in einer Nation, die nicht müde wird zu wiederholen: Deutschland geht es gut, seine Wirtschaftszahlen steigen, demnächst haben wir Vollbeschäftigung? Wie könnte es einem Land schlecht gehen, das sich im ständigen Boom-Modus befindet? Sacharbeit machen jene, die sich von anderen vorsagen lassen müssen, was sie zu tun haben.

Die athenische Demokratie erhielt ihren ersten Knacks, als Intellektuelle daran gingen, das Denken der Jugendbildung zu überlassen – und auf volksverführende Redekunst überzugehen.

„Der Philosophie ein ganzes Leben zu widmen, wäre unzweckmäßig, eines freien und vornehmen Mannes unwürdig und das Zeichen unmännlicher seelischer Weichheit. Denn so nützlich es ist, sich eine Zeitlang mit ihren Problemen zu befassen und dadurch den jugendlichen Geist in der Schärfe des Denkens zu stählen, so macht sie doch, wenn man sich zu tief mit ihr einlässt, den Menschen unpraktisch und weltfremd und damit unfähig zu seiner eigentlichen Aufgabe, der Teilnahme an der Staatsführung, der Politik.“

Das war die Geburtsstunde der Demagogie, die man heute Populismus zu benennen pflegt. Dabei ging es nicht um den Versuch, dem Volk zu nützen, sondern ihm durch Verführungsreden zu schaden. Politiker, die dem Volk nicht dienen wollen, sollten geächtet werden. Denn das Wohl des Volkes in freier Selbstbestimmung ist die oberste Leitdevise der Volksherrschaft. Als der öffentliche philosophische Dialog endlosen Rede-Monologen weichen musste, war das Ende der Demokratie absehbar.

Heute werden alle Streitgespräche zur Abfolge von Statements, die mit den Beiträgen der anderen Gesprächsteilnehmer nichts zu tun haben. Die Redegeschwindigkeit der Akteure hat sich derart beschleunigt, dass man Mühe hat, die einzelnen Wörter zu verstehen. Wer so rasant daherschwatzen kann, braucht das Reden nicht mehr zum Denken oder zum allmählichen Verfertigen der Gedanken.

Das Volk, das sich durch Wirtschaft nicht abspeisen lässt, und sein Unbehagen in ungekonnter Rüpelrede zu artikulieren versucht, ist der Wahrheit näher als die demagogischen Lügenreden der Erfolgreichen. Wollte man die Meinung der Starken über die Abhängigen auf einen Satz bringen, müsste er lauten: Was maulen sie denn herum, geht es ihnen nicht besser denn je in ihrer Geschichte?

Indem ich zu artikulieren versuche, was anderen fehlt, interpretiere ich mich auch selbst. Deshalb ist Populismus notwendig, aber einer der verstehenden und nicht der verführenden Art.

Gut gehen ist zur Sache von Wirtschaftszahlen geworden. Wie geht es dir heute? Oh, tut mir leid, ich habe den heutigen Aktienindex noch nicht gesehen. Natürlich geht es auch jenen nicht gut, denen es eigentlich gut gehen müsste, weil sie aus dem Vollen schöpfen. Und dennoch muss es ihnen gut gehen, weil sie flugs auf jene schauen, die ständig herumjammern und sie daraus schließen, dass es ihnen selbst vergleichsweise gut gehen müsste, weil es anderen so schlecht geht.

Wie kann es den Völkern gut gehen, wenn sie ihren Kindern eine verwüstete Erde überlassen? Das wäre Vollrausch kurz vor dem Untergang.

Sondersendungen, Brennpunkte, überdehnte Nachrichtensendungen, Kommentare ernst dreinblickender Chefredakteure: was; Herr Nachbar, ist denn passiert? Och, eigentlich nichts. Das Bühnenstück geht weiter wie bisher, nur die Statisten wurden ausgewechselt. Als vor Wochen die Welt unterging – der Untergang wurde mittlerweilen durch Negieren abgesagt –, was geschah da? Nichts. Ungerührt ging die Show weiter.

Eine deutsche Kanzlerin, die noch nie bewusste Politik betrieb, sondern den wirtschaftlichen und technischen Ereignissen hinterher hastete, um ihnen das Händchen zu halten und den göttlichen Segen zu verpassen, wird allmählich zur Lichtfigur erhoben. Doch auch hier gilt: sage mir, wen du ehrst und ich sage dir, was für ein Narr du bist.

Possierlich, wie Journalisten sich in virtuelle Zukunftsszenarien vertieften, um den Politikern dringend nötige Orientierungshilfen zu geben. Wenn‘s drauf ankommt, fühlen sie sich verantwortlich, mögen sie auch sonst sich mit nichts gemein machen. Es sollte wohl um verkappten Nachhilfeunterricht gehen, um geistig schwerfälligen Abgeordneten auf die Sprünge zu helfen.

Lieblingsbeschäftigung deutscher Journalisten ist, über Ereignisse zu urteilen, die noch gar nicht passiert sind. Da ist einer gerade erst gewählt, schon wird er danach beurteilt, was er demnächst für Unfug anstellen wird. Die Ereignisse, die hingegen geschehen sind, dürfen nur berichtet, aber nicht bewertet und beurteilt werden. Fakten, Fakten, Fakten – und das Denken einstellen. Geht’s um nationale Persönlichkeiten, sind Beobachter aus der Königsloge immer noch die besten Juroren.

Um Politik ging es jedenfalls nicht. Höchstens um Politik aus der zweiten Reihe: wir brauchen neue Ideen, Visionen. Und welche? Woher sollen die kommen, ohne zu stehlen? In den verfrühten Nachrufen ging es nur um das Auftreten, das Bild, das die Kanzlerin von sich gab. Um Inhalte ging es nicht.

Sie wollen mit Neuem bedient werden, die zungenschnalzenden Kunstsachverständigen. Die „Show“ der Grünen sei die beste. Die Protagonisten wirkten locker und nicht mehr so verkniffen und zerstritten wie in früheren Jahren. Die Groko habe hingegen keinen U-Wert mehr, U wie Unterhaltung.

Der letzte U-Künstler der SPD hieß Schulz und fauchte sich die Lunge aus dem Leib. Doch, parbleu, er glaubte sich selbst nicht. Wie sollten ihm die anderen glauben? Sollte das Volk so dumm sein, dass es nicht bemerkte, ob der U-Künstler selbst glaubt, was er in die Manege brüllt? Ein Herr, der seine politischen Gegner auf den Misthaufen der Geschichte wünscht – selbst wenn sie es verdient hätten –, kann weder von parlamentarischer Streitkunst noch von Volkes Stimme etwas verstanden haben. Der Misthaufen, um es dadaistisch zu formulieren, war ein Schuss ins eigene Knie.

Ein WELT-Schreiber will überhaupt keine alte Partei mehr wählen. Er will gleich eine nagelneue:

„Es gibt keine Partei in Deutschland, die ich aus Überzeugung wählen kann. Ernsthaft, wir brauchen eine neue Partei. Allein, damit ich wieder guten Gewissens wählen gehen kann.“ (WELT.de)

Da gebe es linke Parteien, die noch nie wussten, wo sie hin wollten:

„Die „Die Welt ist scheiße und ungerecht“-Parteien AfD, SPD und Die Linke, die mit jammernden Menschenbildern aus dem letzten bis vorletzten Jahrhundert daherkommen. Sie eint der tief verwurzelte Glaube, an ihrem Leben seien immer die anderen schuld – die Kapitalisten, die Globalisierung, der Amerikaner und/oder die Migranten. Diese Parteien sind von Minderwertigkeitskomplexen durchzogen“.

Jetzt wird aufgeräumt, die Beobachter wollen es wissen. Wenn man ihnen weiterhin nur Schrott anbietet, werden sie ihre Drohung wahrmachen und gar nicht mehr zur Wahl gehen. Welche Schande – für die Parteien. Wenn demnächst kein lukratives Angebot kommt, werden die Edelfedern ihr Bündel packen und – ja wohin denn, nach Amerika, nach Brasilien, zu den Ungarndeutschen? – fliehen.

Die Welt ist scheiße und ungerecht, ist die Urbotschaft der Religion, das scheint der Autor vergessen zu haben. Laut Religion sind die Verhältnisse unverbesserbar – es sei, man fällt auf die Knie und bittet um baldige Wiederkunft des Herrn.

Dass in einer Demokratie die Abhängigen und Schwachen überwiegen, die ihr Schicksal nicht im Geringsten sich selbst verdanken – noch nie gehört im Springerhaus? Volksherrschaft war die Selbstermächtigung der Schwachen, um die Vorherrschaft der Starken abzuschütteln, ohne sie massakrieren zu müssen.

Im Mittelpunkt jeder demokratischen Bewegung steht die Gerechtigkeit, was bedeutet, die überkommenen Herrschaftsverhältnisse müssen überwunden werden. Wenn die Schwachen Gerechtigkeit fordern, sind sie gerade dabei, ihren traditionellen Glauben an ihre Minderwertigkeit zu überwinden.

Wenn man in einer Demokratie aufwachsen durfte, muss man sich tatsächlich fragen, in welchem Maße man an den ungerechten Verhältnissen selbst schuldig ist. Unschuldig ist nur, wer alles, was in seinen Kräften stand, getan hat, um die Verhältnisse zu verändern. Wer Kinder hat, muss sie nur befragen, um eine ehrliche Antwort zu erhalten. Der Schreiber muss entweder blind oder ein derart verwöhnter Bürgersohn sein, dass er alle Folgen der Ungerechtigkeit mit gentrifiziertem Blick übersehen konnte.

Es gibt ungerechte Schuldzuweisungen. Genau hier wäre es die Debattenpflicht einer Demokratie, über die wahren Schuldigen zu streiten. Dass die Kategorie Schuld für den Schreiber eine bloße Zumutung ist, kann nur noch als Frechheit oder Geistesabwesenheit bewertet werden.

„Was mir fehlt, ist eine „Ist schon richtig gut, geht aber noch besser“-Partei. Eine Partei, die ideologiefrei die Wirklichkeit unseres privilegierten deutschen und gleichzeitig internationalen Lebens erfasst, ohne dabei Kritik und Potenzial zu übersehen. Die Zeit der Ideologien ist doch eigentlich vorbei. Der moderne Mensch begreift sich nicht mehr zuallererst als links, rechts, als Marxist oder Keynesianer, als Christ oder was auch immer.“

Das ist die Totalnegation der Gegenwart. Vorgenommen von einem Menschen, der nicht mehr weiß, was er sich zu Weihnachten noch wünschen soll. Denn: er hat schon alles. Aber, es muss doch mehr als alles geben.

Wenn der moderne Mensch sich nicht mehr als links und rechts begreift, warum sollte er die jetzige internationale Krise angestoßen haben? Hier spricht eine Form der Sattheit, die nur noch den Wechsel an sich als Amüsement ihrer Langeweile erträgt.

In einer Epoche des drohenden Suizids der Menschheit sind in Deutschland paradiesische Verhältnisse ausgebrochen. Kein Stückeschreiber könnte sich eine absurdere Situation ausdenken. Da will einer Picknick machen am Strand, während der Tsunami bereits heranrollt.

Das ist die späte Rache der Deutschen – die ihren Weltuntergang bereits erlebt haben – am Rest der Welt, dem das Glück der Selbstvernichtung nicht vorenthalten werden soll. Dass selbst das Christentum verleugnet wird, wird das christliche Abendland von Polen bis Ungarn mit Wohlwollen vermerken.

„Die deutschen Parteien sehen zu absolut, zu schwarzweiß: die einen abwechselnd den Untergang des Abendlandes, die Errichtung eines vierten Dritten Reiches.“

Das ist der gedankenlose Protest gegen die Verluderung des Schwarz-Weiß-Denkens und einer Inflationierung des Kompromisses. Die Deutschen, kaum haben sie begonnen, einen Gedanken zu durchdenken, brechen alle Schlussfolgerungen ab, weil sie bereits instinktiv mit einem Koalitionspartner rechnen, dem sie ihr „extremistisches“ Denken nicht zumuten können. Eins und eins ist bei ihnen nicht mehr zwei, das wäre zu weiß, sondern knapp zwei, damit es niemanden beleidigt, der ein anderes Ergebnis hätte. Das logische Entweder-Oder ist kein religiöses Himmel- oder Höllespiel. Der christliche Totalitarismus hat alles vernünftige Denken kontaminiert.

Geht es um weniger als um Sein oder Nichtsein, wenn das Überleben der Gattung auf dem Spiel steht? Was wäre der graue Kompromiss aus Leben oder Tod?

Überall in der Welt sorgt man sich um die Krise der Demokratien, nur nicht in der WELT, die offensichtlich nicht mehr von dieser Welt ist. Hätte man es noch vor kurzem für möglich gehalten, dass ein Trump Amerika, ein Bolsonaro Brasilien in eine Despotie verwandeln könnte? Seriöse Warnungen sind zudem keine Prophetien, sondern dienen dazu, die Prophetien zu verhindern.

„Ich wünsche mir eine Welt in Zwischentönen. Eine Gesellschaft, die aus der Vergangenheit gelernt hat, trotzdem optimistisch in die Zukunft blickt und dabei die Gegenwart nicht vergisst.“

Das ist der deutsche Hans-guck-in-die-Luft.

Wenn der Hans zur Schule ging,
Stets sein Blick am Himmel hing.
Nach den Dächern, Wolken, Schwalben
Schaut er aufwärts allenthalben:
Vor die eignen Füße dicht,
Ja, da sah der Bursche nicht.

Oder von Pippi Langstrumpf: Ich mache mir die Welt, widdewiddewitt, wie sie mir gefällt. Nicht mal die Romantiker der Blauen Blume waren so meilenweit entfernt von der Realität wie ein deutscher Schreiber der Gegenwart.

„Deutschland braucht eine Partei, in der nicht die Fleißigsten oder die, die am längsten irgendwo rumsitzen, sondern die Klügsten nach oben kommen. Deutschland braucht eine Partei des Fortschritts. Die Elite nicht ablehnt, aber nicht elitär ist. Bei der sich Elite aus Leistung und Vision ableitet“.

Hier weiß man nicht mehr, ob man heulen oder lachen soll. Es gibt einen idealen Staat, in dem die Klügsten das Sagen haben sollten. Es war die platonisch-faschistische Politeia. Wer, bitte schön, sollte bestimmen, wer die Klügsten sind? Ein Redaktionsausschuss aus BILD und WELT? Irgendeine Kaste müsste sich als klügste ausrufen, um sich an die Macht zu putschen. Glaubt man das?

Mit solchen Liederlichkeiten ist die Demokratie gestorben. Verglichen mit solch faschistischen Sätzen ist die AfD ein harmloser Kegelklub. Herr Döpfner, wenn Sie noch einen Funken demokratischer Verantwortung in sich haben, wäre jetzt eine klare Stellungnahme fällig.

Der Verfasser will keine Reformer, er will Revolutionäre, die er neudeutsch Disrupter nennt:

„Aber wo sind in Deutschland die politischen Disrupter? Warum verlassen junge Menschen ihre gut abgesicherten Jobs in erfolgreichen Unternehmen, um sich selbstständig zu machen? Und warum zur Hölle machen die das in der Politik nicht genauso?"

Ja, wo sind sie denn, die Auseinanderbrecher, die dem Schreiber eine Freude bereiten könnten, damit er wieder zur Wahl gehen kann? Gibt es denn keinen Robespierre, der wieder auferstehen könnte, um die Qual eines überaus Zufriedenen, der mit nichts, aber auch gar nichts zufrieden ist, zu lindern?

Doch vor allem: warum erbarmt sich der Verfasser nicht selbst und verwandelt sich in einen Disrupter, um der Gesellschaft zu zeigen, wo Bartels den Most holt? Sollte etwa eine Memme hinter dem Laptop sitzen, der wohl eine ganze Gesellschaft in ein Feuerwerk verwandeln wollte, nur leider hat er nichts zu bieten als eine große Klappe.

Der WELT-Artikel komprimiert die gesamte arrogante Eliten-Atmosphäre der Medien, die etwas geboten haben wollen, damit sie – in großer Huld und Gnade – ihren Wahlzettel ausfüllen.

Eine Zeitung, die solche Artikel veröffentlicht, hat die Meinungsgrenzen der Demokratie verlassen.

Denn hier wird Wahl ersetzt durch selbst-ermächtigte Berufung der Weisen. Menschen sind nicht mehr gleichwertig, sondern werden nach IQ und nichtelitären Eliteneigenschaften eingestuft. Die Klügsten sollen die Demütigsten sein. Das ist Meritokratie oder die Herrschaft der Besten. Man könnte auch von Faschismus reden.

„So jemand will der Erste sein, der soll der Letzte sein vor allen und aller Knecht.“

Womit wir den Kreis geschlossen hätten und wieder bei der demütigen Kanzlerin angekommen wären. Sie begann ihre Karriere mit der Aussage, sie wolle dem Land dienen. Wer, bitte schön, wollte eine Dienerin loswerden, die einem von den Augen abliest, dass alles okay ist und kein Tüttelchen verändert werden muss? Denn: wir haben‘s doch so gut? Eben dies, dass wir es so gut haben, ist das nachmodernisierte Kreuz, das wir tragen müssen. Nicht das Leiden ist unser Kreuz, sondern die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.

Und da wir gerade beim Raten waren: von wem stammen die Sätze:

„Demokratie sei für Deutschland weder notwendig noch wünschenswert. Egalitarismus sei eine Täuschung mit verderblicher Wirkung auf sittliche Vollkommenheit. Notwendig sei vielmehr das Akzeptieren der Ungleichheit und eine Auslese der Tüchtigen?“

Sie stammen von Emanuel Hirsch, einem der bedeutendsten protestantischen Theologen des Dritten Reiches und einem der glühendsten Bewunderer Adolf Hitlers.

Müssen wir uns für dieses monströse Zitat bei Ihnen entschuldigen, Herr Frédéric Schwilden?

Oder widerrufen Sie freiwillig?

 

Fortsetzung folgt.