Sofort, Hier und Jetzt XXV

Tagesmail - Freitag, den 12. Oktober 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXV,

"Nur unter Bauern bin ich völlig natürlich, das heißt, wirklich Mensch. Die Stärke liegt im arbeitenden Volk. Wenn es sein Joch trägt, dann nur, weil es hypnotisiert ist. Und nur darauf kommt es eben an – diese Hypnose zu zerstören. Man behauptet, daß es schwer und sogar unmöglich sei, ohne Regierung zu leben; aber ihr, russische Arbeiter, besonders ihr Bauern, wißt, daß wenn ihr ein friedliches, arbeitsvolles Landleben in eueren Dörfern führt, in brüderlicher Arbeit den Boden bebauend und euere gemeinsamen Angelegenheiten in der Dorfgemeinschaft [1] entscheidend, ihr gar keine Regierung braucht. Die Regierung braucht euch, aber ihr, russische Bauern, braucht die Regierung nicht. Und darum, in diesen schweren Zeiten, wo es gleicherweise schlecht ist, sich dieser oder jener Regierung anzuschließen, ist für euch das einzig vernünftige und nützliche: keiner Regierung zu gehorchen.“

Tolstoi war Narodnik – Populist. Das Volk wurde von ihm heilig erklärt, die führenden Klassen für ehr- und sittenlos. Heute würde man ihn als Populisten ächten.

„Populisten sind schwer zu besiegen“, beginnt die Justizministerin, „weil sie die Basic Instincts ansprechen: Wut, Angst, Hass.“   (Justizministerin Barley)

Populismus: „eine von Opportunismus geprägte, volksnahe, oft demagogische Politik , die das Ziel hat, durch Dramatisierung der politischen Lage die Gunst der Massen (...) zu gewinnen“. Das Erfolgsrezept von Populisten scheint auf einer kurzen Formel zu basieren: Einfache Antworten auf schwierige Fragen geben.“ (Duden)

Bei Perikles war Demagoge – oder Volksführer – noch ein Ehrentitel. Je mehr es mit der Demokratie abwärts ging, je mehr wurden aus Volksführern Volksverführer.

Im Zeitalter des Absolutismus wurde Demagogie zur Feindin der von Gott eingesetzten Obrigkeit, der man blind zu gehorchen hatte. „Demagogia laufe auf ...

 ... eine lasterhafte Democratiam oder gar Anarchiam hinaus.“

Die deutschen Anhänger der Französischen Revolution wurden in der „Demagogenverfolgung“ der Subversion und des Aufruhrs beschuldigt, vor Gericht gestellt und verurteilt. Damals, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, wurde die deutsche Demokratie zu Grabe getragen. Als Leistung aus eigener Kraftanstrengung ist sie bis heute noch nicht auferstanden.

„Heute beschreibt der Ausdruck demagogisch eine Methode, durch Schüren verbreiteter Emotionen und Vorurteile schließlich selbst Macht zu gewinnen.

Opportunismus bezeichnet die zweckmäßige Anpassung an die jeweilige Situation beziehungsweise Lage. Ein Opportunist nutzt eine günstige Gelegenheit ohne Rücksicht auf Konsequenzen oder eigene Wertvorstellungen zu seinem Vorteil. Der Opportunismus stellt eine ihm günstig erscheinende Zweckmäßigkeit über die Grundsatz- und Prinzipien­treue. Der Begriff Opportunität bezeichnet wiederum eine Gelegenheit bzw. eine darauf grundsätzlich gerichtete Strategie, ohne bewertende Komponente. Eine abgeschwächte Form des Opportunismus findet sich im Pragmatismus oder eventuell auch im Realismus wieder. Man kann als Gegenpol zum Opportunisten die Partei ergreifenden Ideologen und Oppositionellen sehen.“ (Wiki)

„Um den Erfolg der Populisten einzudämmen, müssten die bürgerlichen Parteien in diesen Bereichen mehr Angebote machen. Als Beispiele nannten Wolfgang Merkel und Vehrkamp den sozialen Wohnungsbau und steuerpolitische Umverteilung.“ (SPIEGEL)

So könnte man fortfahren, in die Abgründe deutscher Wortungeheuer abzutauchen. Schiller übersetzte die verbale Sintflut in das Drama des Tauchers, der beim ersten Mal Glück hatte, beim zweiten Mal in den Fluten versank:  

Es freue sich,

Wer da atmet im rosigten Licht!

Da unten aber ist's fürchterlich,

Und der Mensch versuche die Götter nicht

Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,

Was sie gnädig bedeckten mit Nacht und Grauen.

Bange machen gilt nicht, wir müssen uns Hals über Kopf in die Tiefe stürzen.

Zuerst: der Begriff populus, demos, das Volk wird – vermutlich mit Absicht – langsam, aber sicher demoliert. (Demolieren klingt, als käme es von demos: fällt etwas in die Hände des Demos, ist es verloren.)

Wer heute den Begriff Volk benutzt, ist bereits verdächtig – sagen die, die sich nicht zum Volk zählen: die führenden Klassen. Wenn sie von Volk sprechen, meinen sie immer die da Unten, die Gesamtheit der Nation minus Eliten. Also gehören sie nicht zum Volk. Da Demokratie Herrschaft des Volkes ist, müsste man sie, die Besten der Besten, auf jene Asteroiden aussiedeln, die sie demnächst ausbeuten wollen.

Zweitens: es gibt keinen Gegenbegriff, sicheres Zeichen einer logischen Deformation der Sprache. Nichts ist definierbar, was kein messerscharfes Gegenteil hat. Zwar gibt es den Begriff Elitarismus, aber niemand benutzt ihn. Schon gar nicht die Eliten, die alle Begriffe abschleifen und zum Verschwinden bringen, mit denen sie zur Fahndung ausgeschrieben oder gestellt werden könnten.

„Elitarismus ist eine ideologische Gegenbewegung zum Egalitarismus und zum Populismus.“

Egalite, Gleichheit, gehört zur Fanfare der Französischen Revolution, einem der zwei Urerlebnisse der modernen Demokratie. (Das andere ist die amerikanische Unabhängigkeitserklärung.) Die Elitären lieben es, Gleichheit zur Uniformität zu deformieren, um sie platt zu machen.

Gleichheit ist die Unvergleichlichkeit aller Einzelnen, die vor dem Gesetz gleich sind. Ihre äußeren Verhältnisse dürfen nicht so auseinander driften, dass aus Pluralität eine Spaltung der Gesellschaft mit unterschiedlichen Machtverhältnissen entstehen kann. Gewaltenteilung betrifft nicht nur die drei Organe der Gesellschaft, sondern jeden Einzelnen. Niemand darf durch Reichtum und Einfluss die Anderen so überragen, dass die Machtloseren und Ärmeren weniger Einfluss auf die Politik des Volkes haben als sie, die Erfolgreichen.

Die Ursünde des Neoliberalismus besteht in der Verfälschung der demokratischen Regierung zu einem Staat, den sie bis zum heutigen Tage als absolutistischen Staat traktieren, um seine Übermacht und Inkompetenz zu bekämpfen. Wer von Staat spricht, hat die Demokratie noch immer nicht begriffen.

Es gibt keinen selbstherrlichen, über allem schwebenden Staat, der für gerechte Verhältnisse sorgen könnte. Es ist Wille des Volkes – der jeweiligen Mehrheiten –, wie die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der Gesellschaft gestaltet werden sollen. Kein Gott, keine Natur, kein über-komplexer, von der Vernunft des Menschen nicht erfassbarer Markt ist fähig, viele egoistische Handlungen zum Gesamtwohl der Nation zu vereinigen.

Bei Adam Smith war es die unsichtbare Hand, bei Hayek ist es die unerkennbare, übervernünftige Genialität des Marktes, die alle rivalisierenden Elemente der Wirtschaft zum Gesamtwohl zusammenfügen.

Dieses Gesamtwohl kann allerdings auf sehr ungerechten Verteilungsverhältnissen beruhen. Der göttliche Markt ist für Gerechtigkeit nur insoweit zuständig, als dass die Gesellschaft nicht auseinanderbricht. Was bedeutet, der Neoliberalismus muss die bestehenden Verhältnisse, auch wenn sie noch so auseinanderklaffen, für gerecht halten.

Die Geldgiganten halten ihre Leistungen für so überdimensional, dass sie die zum Himmel schreienden Reichtumsunterschiede für gerecht halten müssen. Soll man ihnen doch erst mal nachmachen, unter welchen Geburtswehen sie Arbeitsplätze schufen. Erst dann könne man die Risiken nachempfinden, mit denen eine Fabrik installiert wurde, um für viele zu sorgen.

Im Vorwort zu Hayeks flammendem Plädoyer gegen den Nationalsozialismus „Wege aus der Knechtschaft“ schrieb der frühere FDP-Chef Otto Graf Lambsdorff im Jahre 1991:

„Nicht vom Wettbewerb allein, sondern von der Wettbewerbsordnung, die der Staat setzen muss, erwartet Hayek, dass der einzelne in Freiheit seine ganze Kraft und seinen Erfindungsreichtum einsetzen wird. Damit dient er der Gemeinschaft, auch wenn er dies gar nicht beabsichtigt hat. Wettbewerb auf offenen Märkten sorgt dafür, dass die Leistungsgewinne des einzelnen auch der Gemeinschaft zugute kommen.“

So kann man sich täuschen, wenn man nicht genau hinschaut. Für Lambsdorff ist der Markt eine von der Vernunft verstehbare Einrichtung, die den Wohlstand gemäß der Leistungsfähigkeit der Einzelnen gerecht verteilt. Wenn Bill Gates über viele Milliarden gebietet, ist er viele Milliarden mal tüchtiger als ein Durchschnittsverdiener.

Mit dieser Milchmädchenrechnung gibt sich Hayek nicht zufrieden. Auch bei ihm ist der Markt gerecht – doch die Gerechtigkeit übertrifft das Fassungsvermögen der Menschen, die im Marktgeschehen keine Vernunft, sondern nur noch Zeit und Zufall erkennen können.

Die Unerkennbarkeit entspricht dem Bilderverbot des biblischen Gottes, dessen Genialität zwar in den Werken der Schöpfung zu erahnen ist – aber in ihrer Grandiosität nicht begriffen werden kann. Wo der Wille Gottes in seiner Überkomplexität waltet, kann der Mensch nur Zufall entdecken. Die ständige Betonung des Überkomplexen bei den Eliten ist noch immer ein Erbstück des Bilderverbots: Gott – oder der Markt – ist für Normalsterbliche nicht erkennbar. In vielen Jahrtausenden haben Menschen ihre Probleme undurchschaubar gemacht – auf den ersten Blick. Dennoch müssen Lösungen dieser Probleme als einfach angesehen werden. Einfachheit ist zu erkennen: was der Mensch gemacht hat, kann er auch wieder rückgängig machen.

Warum wird von heutigen Neoliberalen fast nie der Name Hayek erwähnt? Weil ihr Slogan „Leistung muss sich wieder lohnen“ mit Hayek nichts zu tun hat. Die FDP hat den Gott des Marktes – wie die Aufklärer den biblisch-jähzornigen Gott in einen Gott der Vernunft – in einen biederen Gott der sozialen Marktwirtschaft verwandelt. Der führt die kollidierenden Einzelinteressen zusammen, obgleich dies den Interessen der Individualegoisten widerspricht.

Auch hier waltet das biblische Wort: Ihr gedachtet es böse zu tun, doch Gott gedachte es gut zu machen. Der Erfolg einer Bemühung entspricht nicht der investierten Leistung der Bemühung. Wenn Gott positiv oder negativ die Handlungsketten seiner Kreaturen verändert, kann der Mensch weder aus Erfahrungen, noch aus Versuch und Irrtum lernen. Seine Lernfähigkeit, wichtigstes Instrument seiner Vernunft, ist beschädigt. Es ist nicht seine Fähigkeit, die das Gesamtwohl der Nation bewirkt hat. Stolz und Selbstbewusstsein kann er sich auf diese Weise nicht erwerben.

Heutige Neoliberale sind von ihren Fähigkeiten überzeugt. Doch ihr calvinistischer Hintergrund – Gott erwählt die Menschen nach Belieben, ohne Rücksicht auf ihre Fähigkeiten – flüstert ihnen eine andere Melodie ins schwerhörige Ohr. Das ist der Grund, warum einige von ihnen gelegentlich die Rolle der Philanthropen spielen, um der „Gesellschaft etwas zurückzugeben“.

Zurückgeben muss man nur, wenn man sich zuvor etwas widerrechtlich angeeignet hat. Die Tycoons kämen nie auf den Gedanken, das Wirtschaftssystem so zu reformieren, dass widerrechtliches Aneignen a priori unmöglich wäre.

Seine ganze Kraft und Leistungsfähigkeit muss der Einzelne – so Lambsdorff – in sein wirtschaftliches Leistungsleben investieren. Das Leben ist nicht zur selbstbestimmten Glückssuche des Menschen da, sondern zur Strafarbeit, die dem Menschen alle Energie raubt. Arbeit als kraftverzehrende, lustlose Maloche: das ist Sündenfall-Theologie, die nie enden will.

Die Linken unterscheiden sich in diesem Punkt nicht von ihren Gegnern, den Rechten. Weshalb sie alle Mütter an die Werkbänke des Kapitalismus jagen, damit sie anständige Malocherinnen werden. Das wäre was, wenn die Frau sich selbst bestimmen könnte, der Mann aber täglich auf die Streckbank muss. Also muss die Frau zum Heimchen am Herd degradiert werden, das mit der Realität nichts mehr zu tun hat. Der liberale Ursatz: jeder bestimmt über sich selbst, darf für die Frau so wenig gelten wie für den aushäusigen Mann, der auch von niemandem gefragt wird, ob er sein Hamsterrad betätigen will oder nicht.

Demokratische Betätigungen werden von beiden Geschlechtern nicht erwartet. Der Mann kommt müd nach Hause, die Frau ist von den Kindern erschöpft – da gibt es keinen Raum für den Dienst an der Gesellschaft.

Durch jahrtausende-alte ungerechte Macht- und Verteilungsverhältnisse, die von den Privilegierten als Gesetze fest geschrieben wurden, spaltete sich die Gesellschaft in Eliten und Volk. Der Elitarismus verneint die Gleichheit vor dem Gesetz und das gleichwertige Mitspracherecht aller Citoyens. Somit ist er ein Feind der Demokratie – und müsste abgeschafft werden.

Es geht weder um Neid nach Oben noch um Verachtung nach Unten. Es geht um die Substanz der Volksherrschaft, wenn Gleichheit und Gerechtigkeit gefordert werden. Der Reichtum der Reichen mag legal sein und ist dennoch widerrechtlich. Der Elitarismus hat nicht nur Gesetze, sondern auch Begriffe und Ideologien nach seinen Sicherungsbedürfnissen konstruiert.

Wenn Populismus das Gegenteil ist zum ungerechten Elitarismus, müsste er – gerecht sein.

Seit Entstehung der Hochkulturen, in denen sich – zumeist fremde, imperiale – Eliten über ein Volk setzten, um sich von deren Knochenarbeit ernähren zu lassen, ist Ungerechtigkeit Kern der Gesellschaften.

Anfänglich war die Verteidigung der „todesmutigen“ Herren die Vorleistung für die Ernährungspflichten der Knechte – so bei Hegels Herr-Knecht-Analyse. Doch Hegel beschrieb nur die Anfänge der Hochkulturen. Die Kriege der folgenden Jahrhunderte waren zumeist vergnügliche Kampfsportereignisse unter verwandten und bekannten Königen und Fürsten, bei denen bezahlte Landsknechte das Mordhandwerk ausübten, während die Herren aus sicherer Distanz das Geschehen kommentierten. Einfache Leute waren die wehrlose Beute einer viehischen Soldateska – die Frauen als sexuelle Beute an erster Stelle.

Noch heute ist die Frau die Beute des Mannes. Nicht nur im Sexuellen, sondern in Gestaltung und Beherrschung der Weltpolitik. Wenn vor allem Männer die Geschicke des Planeten bestimmen, hat Metoo noch einen weiten Weg vor sich, um die Belästigung nicht nur des Körpers, sondern der Gesamtpersönlichkeit der Frauen – und ihrer Kinder – abzustellen. Das Jus primae noctis, Recht der ersten Nacht, wurde von der Kirche als göttliches Recht verteidigt.

„Die Kirche sprach jeder Ehefrau das Recht ab, den Geschlechtsverkehr zu verweigern, außer an kirchlichen Feiertagen, an denen der eheliche Verkehr untersagt war. Bis 1884 konnte eine Ehefrau zu Gefängnisstrafen verurteilt werden, wenn sie ihrem Mann seine ehelichen Rechte versagte. Sie war ebenso sehr sexuelle Sklavin wie jede Frau in einem orientalischen Harem.“

Die pädophilen Verbrechen des Klerus entsprechen noch immer dem jus primae noctis der Priester, die sich als Oberherren des Staates definieren. Streng genommen sind diese Vergewaltigungen keine Sünden, denn sie geschehen aus „Liebe“ und halten sich an Augustins Wort: Liebe – und tu, was du willst, dem Vorläufersatz Luthers: Sündige tapfer, wenn du nur glaubst.

Das Christentum ist nicht dazu da, moralische Visionen zu erfüllen – das wäre frecher Pelagianismus –, sondern Gott die Ehre des Sündenvergebens zu überlassen, damit ER sich noch gefordert und von Menschen gebraucht fühlt. Als Gegenleistung fordert er unbedingten Gehorsam.

Dass der Papst seine Demutsmaske inzwischen fallen ließ und die abtreibendenden Frauen zu bezahlten Killerinnen erklärte, resultiert noch immer aus der Herrenfunktion der Priester über alle Frauen dieser Welt. Frauen sind nicht primär ihren Männern, sondern den Popen rechenschaftspflichtig. Christen sind keine Gutmenschen oder: Schlechtmenschen sind wahre Christen.

Jeder Demokrat, der kein Zyniker sein will, müsste Populist sein. Denn er vertritt die Interessen des vernachlässigten und ausgebluteten Volkes. Wie kann er die Interessen des Volkes unterstützen, ohne dessen Bedürfnisse „zu bedienen“? Mag sein, dass er sie falsch sieht und schief interpretiert: dennoch ist es seine Pflicht, hypothetisch im Namen des Volkes zu sprechen.

Nein, er ist nicht unfehlbar in der Deutung dieser Bedürfnisse und bevor er nicht gewählt ist, muss seine Interpretation subjektiv bleiben. Was er sagt, spricht er in eigenem Risiko: das Volk muss seine Reden durch Wahl bestätigen – oder durch Nichtwahl widerlegen. Appellieren an Bedürfnisse ist noch keine rationale Agenda. Bedürfnisse muss man erklären, man kann sie auseinandernehmen, ihnen widersprechen. Es gibt berechtigte und neurotische Bedürfnisse. Einen alternativlosen Zusammenhang zwischen Bedürfnis und Befriedigung gibt es nicht.

Heute wird als Populist beschimpft, wer den herrschenden Mächten Paroli bietet und selbst die Macht anstrebt. Mit anderen Worten: die herrschenden Machtverhältnisse sind noch immer gesalbt und dürfen von frechen Emporkömmlingen nicht angegriffen werden. Stets unterstützt von staatstragenden Medien, die jede Kritik an ihren Liebedienereien der Macht mit Larmoyanz quittieren. Eine andere Kritik als „Lügenpresse“ nehmen sie nicht zur Kenntnis und fühlen sich als unschuldige Opfer.

Wenn Populismus nichts ist als Opportunismus, ist alle Gegenwartspolitik opportunistisch, pragmatisch oder realistisch. Denn alle moderne Politik unterwirft sich opportunistischen Gesetzen des Fortschritts, der Geschichte oder der Evolution. Von „Grundsatz- und Prinzipientreu“ kann keine Rede sein, denn solche „zeitlosen Prinzipien“ sind seit dem Sieg der linearen Heilsgeschichte zu heidnischen Dreistigkeiten erklärt worden. Die Moderne ist stolz darauf, sich täglich neu zu erfinden, grundsätzliche Wahrheiten oder übertägige Ethik in den Müll von Gestern zu werfen.

Wenn die Mächtigen ihre auftrumpfenden Kritiker als Populisten beschimpfen – also als Opportunisten, die sich wechselnden Tagesparolen unterwerfen – beschimpfen sie sich selbst. Denn in ihnen haben sie sich selbst erkannt – ohne diese Selbsterkenntnis wahrzunehmen.

Verbreitete Emotionen sollen geschürt werden? Wie schrecklich. Sollen nur seltene Emotionen weniger Geistesriesen geschürt werden, damit ja keine Mehrheiten zustande kommen? Schüren: man schürt das Feuer, damit die Flammen lodern. Da muss Merkels Begießen der Glut von erhabener Qualität sein, soll es doch nur die bestehende Macht sichern. Versteht sich, dass Meinungen der Opponenten Vorurteile sein müssen. Im Gegensatz zu den durchdachten Urteilen der Machthaber, die plötzlich an eine objektive Wahrheit glauben.

Populisten wiegeln das Volk auf ohne Rücksicht auf die Folgen, nur zum Zweck des eigenen Vorteils? Da sollte man ihnen tatsächlich die herrschende Klasse zum Vorbild geben, die nie zum eigenen Vorteil und stets mit Rücksicht auf das ganze Volk agiert. Gibt’s noch kein staatliches Coaching, um Populisten korrektes Emotionsschüren, verbunden mit vorurteilsloser Wahrheitstreue, zu vermitteln? Nicht als Gutmenschengehabe, das sorgfältig zu vermeiden wäre?

Von Gelehrten wird der Regierung empfohlen, den Populisten dadurch das Wasser abzugraben, dass man endlich – die bestehenden Probleme zu lösen beginnt. Genialer Vorschlag. Populisten müsste man zum Nobelpreis ausschreiben, wenn es ihnen tatsächlich gelänge, die führenden Klassen an ihre Verantwortung zu erinnern. Welch wunderbare Politpädagogik durch den sonst so beliebten Wettbewerb!

Ist es nicht merkwürdig: in der Wirtschaft und in der Werbepsychologie wurde Konkurrenz das Zaubermittel für alles, nur in der Politik soll schlitzohriges Schüren von Emotionen unanständig sein?

Baut Wohnungen, bekämpft Klimagefahren, sorgt für Gerechtigkeit, schürt die Emotionen globaler Solidarität und friedfertigen Zusammenlebens: mehr als diese Winzigkeiten ist nicht nötig, um eure Verfolger abzuhängen.

Populisten sprechen Urinstinkte an? Was ist daran verboten? Ist Politik nicht das Revier der Urinstinkte, weil es hier um Grundsicherung des Lebens, um Anerkennung und Macht, um gesellschaftliches und soziales Ansehen, um Wohlstand und Bekämpfung des Elends geht? Könnte es sein, dass die herrschende Politik diese Urinstinkte ignoriert, um business as usual zu machen?

Vielleicht meint die Justizministerin, das Ansprechen der Instinkte sei vernunftfeindlich? Da wäre sie falsch gewickelt. Vernunft hat den Ehrgeiz, Instinkte zu kennen, zu verstehen – und ihnen gerecht zu werden.

Übermäßige Emotionen können Symptome sein für unerledigte Probleme, die ihren Schmerz in die Welt schreien. Dann kann es zu Angst, Wut und Hass kommen.

Rationale Politiker sollten dieses Urgeschrei aufmerksam zu verstehen suchen. Seit Dilthey und Freud das Verstehen zur Leitkultur erhoben, sollten Politiker und Edelschreiber sich in der Kunst des Verstehens von niemandem übertreffen lassen. Wer andere versteht, vielleicht besser als jene sich selbst, hätte die Möglichkeit, ihre tief verborgenen wahren Bedürfnisse ans Licht zu bringen, in die Debatte einzuführen, dem Volk vorzulegen, ob man sie richtig verstanden habe und ob die Lösungen der Politiker die richtigen wären.

Volksführer als Interpret des Volkes müsste jeder sein, der sich für den Zustand der Gesellschaft verantwortlich fühlt. Denn er müsste sich selbst verstanden haben, um andere zu verstehen. Er täte nichts anderes als der Psychotherapeut, der seinem Patienten Deutungen vorlegt, damit dieser seine Biographie entschlüsseln kann. Deutungen können nur Vorschläge sein und dürfen nicht als Unfehlbarkeiten daherkommen. Nirgendwo steht geschrieben, dass der andere den anderen nicht besser verstehen kann, als jener sich selbst. Ein Naturgesetz freilich ist das nicht.

Wie schnell würden Angst, Wut und Hass vergehen, wenn die Emotionsgeplagten den Eindruck hätten, sie seien keine isolierten Monster, sondern Menschen mit nachvollziehbaren Gefühlen.

Politik ist kein Maschinengeschäft, sondern ein Versuch empathischen Verstehens, der den "dumpfen" Emotionen des Volkes Verständnis entgegenbringt. Nicht als automatische Zustimmung, sondern als Lösungsversuch, der durch Dialog und Streit ausgehandelt werden muss.

Gegenfrage: Welche Emotionen stehen hinter der Sachlichkeit der Mächtigen? Nur Nächstenliebe und Eiapopeia? Eliten haben gelernt, ihre Verachtung des unterkomplexen Pöbels hinter gefühlskalten Begriffen zu verbergen. Man könnte also sagen: der Pöbel ist wenigstens ehrlich. Die Eliten manipulieren, wenn sie nur den Mund aufmachen, um kaschierte Sätze loszulassen.

Warum hält der Trumpismus seinen Siegeszug rund um die Welt? Weil die Massen die Schnauze voll haben von maskierter Sachlichkeit, lügenhafter Höflichkeit und undurchschaubarer Diplomatie. Sie wollen Ehrlichkeit, selbst wenn sie daher torkelt in dreisten Lügen, schäbigem Klamauk und militanter Angeberei. Lieber sich selbst schädigen in schmerzlicher Direktheit, als endlose Heucheleien politischer Sonntagsreden über sich ergehen zu lassen.

Vor allem: wie können Bemühungen um das Volk als Populismus abgemeiert werden in einer populistischen Erlöserreligion, wo Gott als sein eigener Sohn sich erniedrigt hat zu seinem Volk, um es zu trösten und zu erlösen? Der Messias ist Gott, der Mensch wurde, um den Seinen nahe zu sein und sie bei Namen zu rufen:

„Denn er wird sein Volk erretten von ihren Sünden.“

Der Heilsbringer versteht den Sünder besser als er sich selbst. Er appelliert an die Urinstinkte des Menschen: an dessen Sehnen nach zeitloser Seligkeit. An seine Urangst vor ewiger Verdammnis. Der Heiland ist Versöhner seines Volkes, der sich nicht zu schade war, als Wort Fleisch zu werden, um alles sündige Fleisch zu lebendigem Wort werden zu lassen. Vor Zeiten prophezeit, endlich zur Realität geworden am Kreuz in Tod und Auferstehung:

„Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott“.

Freilich – und dies ist die Katastrophe der messianischen Heimholung: die Tröstung der ganzen Menschheit wird zum totalen Fiasko. Der populistische Messias verspricht alles und hält bis zum heutigen Tage nichts. Die berufene Menschheit wird zur winzigen Minderheit, die Mehrheit der Gattung muss ins ewige Verderben:

Viele sind berufen, wenige auserwählt.

Den meisten aber wird er sagen: „Gehet hinweg von mir, ihr Verfluchten in das ewige Feuer.“

Der unterdrückte Hass gegen den populistisch maskierten, heiligen Elitisten ist der wahre Grund für den Hass des christlichen Abendlandes auf populistische Heilsbringer – die in Wirklichkeit die ewige Verdammnis bringen.

 

Fortsetzung folgt.