Sofort, Hier und Jetzt XVIII

Tagesmail - Mittwoch, den 26. September 2018

Sofort, Hier und Jetzt XVIII,

nun also zur Abwechslung die Wahrheit. Tusch und Hurra: wir feiern die nächste Epochenwende! Mathias Döpfner reißt die Tür auf, verjagt die wahrheitsvergessene, räudige Postmoderne ins Dunkel der Vergessenheit – und bringt Licht mit.

Das Licht, die Lichter, les lumieres, die Aufklärung, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Dazu das Beste aus dem Reich der Utopisten, Gutmenschen und moralischen Visionäre. Wenn die Welt darbt, wird die WELT sie retten. Mit der Suche nach der Wahrheit, geschmückt mit nicht weniger als „Hunderten von Eigenschaften, die das Prinzip Zeitung zur überlegenen Erfindung der Gegenwart machen“:

„Sie hat das Potenzial, in politisch instabilen Zeiten für Gerechtigkeit, Transparenz, Offenheit zu sorgen. Sie kann die Demokratie stützen, mehr noch, die Erfindung, die ich meine, ist eine essenzielle Voraussetzung zum Entstehen und zur Erhaltung von Demokratie.“ (WELT.de)

Obwohl er die neue Wahrheit erst suchen muss, weiß er bereits, wie beschaffen sie sein muss. Kein Problem für den führenden Zeitungsverleger der Republik, der das Beste der Zukunft mit dem Besten der Vergangenheit zu vermählen weiß. Vergangenheit?

Döpfner kennt keine Vergangenheit. Weder die, in der Wahrheit noch galt, noch die, in der sie gemeuchelt und verscharrt wurde. Er will eine neue Epoche verkünden, ohne die alte bei Namen zu nennen und ohne zu erklären, was ihn bewog, die verleugnete Postmoderne aus dem Weg zu räumen. Jene Postmoderne, in der galt:

„Es gibt keine übergeordnete Sprache, keine allgemeinverbindliche Wahrheit, die widerspruchsfrei das Ganze eines formalen Systems legitimiert. Wissenschaftliche Rationalität, sittliches Handeln und politische Gerechtigkeitsvorstellungen spielen je ihr eigenes Spiel und können nicht zur Deckung gebracht ...

 ... werden. In systematischer Hinsicht stellt Lyotard heraus, dass theoretische und praktische Vollzugsformen von „Vernunft“ unvermittelbar seien.“

Seit Dezennien lag der deutsche Journalismus in den Banden einer babylonischen Gefangenschaft vieler, unverträglicher Wahrheiten, die eine allgemeinverbindliche Vernunft und Gerechtigkeit für Nonsens erklärten. Gibt es keine allgemeine Wahrheit, Moral und Gerechtigkeit, kann es auch keine gemeinsame Politik, keine Demokratie auf gemeinsamer Grundlage geben. Auch nicht die Möglichkeit, konstruktiv zu streiten. Denn der Sinn des Streits ist Verständigung. Unverträgliche Wahrheiten lassen keine Verständigung zu.

Die Früchte der Unverträglichkeiten sehen wir: die westlichen Demokratien zerbrechen in jene Fragmente, an die sie bislang glaubten. Mit einer Ausnahme: die Wahrheit der Mächtigen schreitet, oberhalb aller Zerwürfnisse der Ohnmächtigen und Zerstrittenen, unbehelligt voran. Teile und herrsche: wenn die Machtlosen sich zerfleischen, können die Führungsklassen ihre Schäfchen problemlos ins Trockene bringen.

Eine gemeinsame Wahrheit der Ohnmächtigen könnte den Mächtigen gefährlich werden. Also lautet das erste Gebot der Starken: schwächt die Abhängigen, indem ihr deren Wahrheit zertrümmert. Früher war es die klerikale Wahrheit von der göttlichen Obrigkeit, die alle Angriffe der Meute verhinderte. Heute sind es die unvereinbaren subjektiven Wahrheiten, die sich nicht verbünden dürfen, um die Bastionen der Mächtigen zu schleifen.

Die Klassengesellschaft verteilt in ungerechter Weise Besitz, Gefühle und Wahrheit. Oben riesige Gewinne, forsche Gefühle grenzenlosen Voranschreitens und die – für Menschen – unerkennbare Wahrheit des Marktes. Unten Brosamen, um die Arbeitenden über Wasser zu halten, Ängste des Versagens und die vorgeschriebene Unfähigkeit, das Elend der Verhältnisse zu durchschauen und durch gemeinsamen Widerstand zu beenden.

Döpfner tabuisiert die Epoche, die er beenden will. Was eben noch galt, wird auf den Kopf gestellt – und mit dem Schleier des Vergessens überdeckt. Woran erinnert dieses Verfahren des „Aus-den-Augen, Aus-dem-Sinn“?

„Einen Tag um den anderen und fast von Minute zu Minute wurde die Vergangenheit mit der Gegenwart in Einklang gebracht. Die ganze Historie stand so gleichsam auf einem auswechselbaren Blatt, das genau so oft, wie es nötig wurde, radiert und neu beschrieben werden konnte. In keinem Fall wäre es möglich gewesen, nach Durchführung des Verfahrens nachzuweisen, dass eine Fälschung vorgenommen worden war.“ (Orwell, 1984)

Die Wortführer der Gegenwart warnen vor den Gefahren einer totalitären Zukunft und haben deren Methoden unter demokratischen Vorzeichen längst eingeführt. Die Demokratie wurde derart überdehnt und ausgehöhlt, dass sie problemlos vereinbar wurde mit antidemokratischen Verwüstungen. Döpfner spielt Orwells Wahrheitsministerium, das die Kriterien des Wahren nach Belieben verändert, um die Unwahrheiten der Herrschenden abzusichern.

Aber: will er denn nicht jetzt die Wahrheit?

Was ist eine Wahrheit wert, die sich mit den Wahrheiten und Unwahrheiten der Vergangenheit nicht auseinander setzt? Aus durchsichtigen Gründen zieht er just die Wahrheit aus der Schublade, die zur Machterhaltung der Medien zu passen scheint.

Das sind exakt dieselben Methoden wie die der Kirchen, die einst die heftigsten Feinde der Demokratie waren und heute tun, als hätten sie sie erfunden. Die die ideologischen Hauptstützen des Nationalsozialismus waren und heute tun, als seien sie die aufrechtesten Widerständler gewesen.

Wenn sie schwach sind, geben sie sich friedlich und zeitgeistverträglich. Sind sie aber wieder oben, rasselst im Karton. Heute sind sie stark, da genügt ein schamloses: Ich schäme mich. Doch das Sündenbekenntnis muss folgenlos bleiben – die Kirche wird sich doch nicht irdischem Recht unterwerfen. Im selben Moment, wo sie sich schämten, wurde ein homosexueller Lehrer, der seinen Partner ehelichen wollte, entlassen. Solange die Erlöser außerhalb des allgemeinen Rechts stehen, werden sie die Gleichheit der Demokratien verderben.

Die Medien denken nicht daran, Rechenschaft abzulegen für ihre mainstream-Anpassungen und Zeitgeist-Mitläufereien. Gerade für sie gälte Goethes Kriterium:

„Wer nicht von dreitausend Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleib im Dunkeln unerfahren,
mag von Tag zu Tage leben.“

Die lautlosen Veränderungen der Zeitgeistphilosophien sind identisch mit den Vergangenheits-Verdunkelungen des Orwell‘schen Wahrheitsministeriums.

„Die Proles sind keine Menschen“, sagte er beiläufig. „Mit dem Jahr 2050 – aber vermutlich schon früher – wird jede Kenntnis der Altsprache verschwunden sein. Die gesamte Literatur der Vergangenheit wird verschwunden sein. Das ganze Reich des Denkens wird anders sein. Es wird überhaupt kein Denken mehr geben.“ (1984)

Wer aus der Vergangenheit lernen will, gilt in den Medien als rückschrittlich, fortschrittsfeindlich und antimodern. Bücher werden keine mehr gelesen, Erkenntnisse der Vorderen gelten als Makulatur. Die Logik der Sprache wird durch assoziatives Wortgebläse zersetzt, Begriffe werden nicht definiert, Widersprüche gelten als Sahnehäubchen in der Suppe.

Das sind keine Fahrlässigkeiten und Leichtfertigkeiten, das sind kalkulierte Absichtserklärungen. Die Sprache unterscheidet nicht mehr zwischen wahr und unwahr, richtig und falsch. In den Feuilletons kann man den täglichen Refrain lesen: nur Populisten und Radikalinskis würden strikt zwischen wahr und unwahr unterscheiden, das Leben aber bestünde aus vielen Grautönen. Das Wahre und Falsche wird durch Grauschleier zur amorphen Masse verunstaltet.

Gibt es weder Wahrheit, noch Lüge und Irrtum, kann es auch keine politischen Alternativen geben. Die Kompromisse im Theoretischen haben alle praktischen Alternativen eingeebnet und uniformiert. Gibt es keine logischen Gegensätze und Unvereinbarkeiten: wie sollen Parteien ihre Profile schärfen?

Der vorweggenommene Kompromiss im Wahlkampf erschlägt den reellen Gegensatz der Programme. „Die Menschen auf der Straße“ haben keine Wahl mehr, wenn jedes Profil in allen Farben schillert. Wer aus taktischen Gründen vieles und Konturloses bringt, wird dem Ganzen nichts bringen. Wenn im Denken die scharfen Alternativen fehlen, muss die Praxis zum jetzigen Einheitsbrei werden. 1984 haben wir längst überholt:

„Wir merzen jeden Tag Worte aus – massenhaft zu Hunderten. Wir vereinfachen die Sprache auf ihr nacktes Gerüst. Beim Ausmerzen handelt es sich nicht nur um sinnverwandte Wörter, sondern auch um Worte, die den jeweils entgegengesetzten Begriff wiedergeben. Welche Berechtigung besteht schließlich für ein Wort, das nichts weiter ist als das Gegenteil eines anderen Wortes ist? Jedes Wort enthält seinen Gegensatz in sich. Siehst du denn nicht, dass die Neusprache kein anderes Ziel hat, als die Reichweite des Gedankens zu verkürzen? Zum Schluss werden wir Gedankenverbrechen buchstäblich unmöglich gemacht haben, da es keine Worte mehr gibt, in denen man sich ausdrücken könnte. Mit jedem Wort wird es weniger und immer weniger Worte geben, wird die Reichweite des BWS immer kleiner und kleiner werden.“ (Orwell)

Die Abschleifung, Verhunzung und Entleerung der Sprache ist zur strategischen Werbepsychologie Merkels geworden. Sie spricht, wie ihre Wahl-Strategen die politischen Inhalte der CDU in alternativlose, gegensatzfreie Wohlfühl-Schlagworte ätherisiert haben. Ihre Einnebelungsexperten sprechen von asymmetrischer Demobilisierung:

„Wahlkämpfer müssen nicht nur darauf achten, dass sie ihre eigenen Leute für die Wahl motivieren. Sie müssen gleichzeitig darauf achten, dass die Gegenseite nicht zu sehr aufgestachelt wird. Das ist die Kunst. Ich habe noch nie viel von einer normativen Demokratietheorie gehalten, in der die Dinge laufen sollen wie in den Schweizer Bergen, wo sich alle auf dem Marktplatz treffen und dann über alles abstimmen. Das ist doch völlig naiv. In Wahrheit ist es so, dass sich nur eine Minderheit aktiv für Politik interessiert. Warum müssen die, die zufrieden sind und sich lieber mit ihrem Beruf beschäftigen oder ihrer Familie, unbedingt zur Wahlurne gezwungen werden? Und hilft es der Demokratie, wenn Menschen mit antidemokratischen Einstellungen aus der Wahlenthaltung geholt werden? Ich sehe einfach, dass sich die meisten Leute nach einem konsensorientierten Wahlkampf sehnen. Das Ideal der meisten Journalisten ist der Citoyen, wie er sich in der Französischen Revolution herausgeschält hat und der leidenschaftlich um das beste Konzept ringt. Bürgerliche Wähler in Deutschland aber haben eher das Bedürfnis, dass die Regierung die Dinge regelt und sie mit Politik in Ruhe lässt.“ (SPIEGEL.de)

Merkel lässt Werbestrategen für sich arbeiten, die nicht zum Disput auf dem Marktplatz laden, sondern nur die eigenen Wähler – aus bloßen Machterhaltungsgründen – an die Urne locken. Gegner sollen in den Dämmerschlaf versetzt werden, damit sie zu Hause bleiben. Die Sprache der Manipulateure soll einschläfernd, gegensatz- und profillos sein. Ach, was soll ich wählen gehen, wenn alle denselben Brei anbieten!

Die Abschaffung der logischen Klarheit der Sprache ist keine lässliche Sünde. Wer Begriffe besetzt – und die Sprache unbrauchbar macht –, will die Macht der Mächtigen konservieren. Gibt es keine theoretischen Alternativen, kann es auch keine praktischen geben. Die Uridee der Demokratie: auf dem Marktplatz debattieren und abstimmen, hält der hochszientive Werbeexperte für naiv. In Wirklichkeit bedeuten seine subkutanen Konditionierungen, seine Abschaffung einer präzisen Wahr-und Falsch-Sprache den Tod der Demokratie. Dass Merkel für diese Methoden nicht längst aus dem Amt gejagt wurde, ist ein Skandalon.

Die Öffentlichkeit vertraut noch der klaren Bedeutung einer Aussage. Wenn SPD-Schulz die Teilnahme an einer Groko-Regierung prinzipiell verweigert, post festum aber von seinem Versprechen nichts mehr wissen will – neue Umstände erforderten neue Entscheidungen –, dann hat das letzte Stündlein der verbindlichen Sprache geschlagen. Sie ist zur Magd des Augenblicks geworden, der sich ständig neu erfindet, indem er ständig neue Bedeutungen der Sprache aus dem Zylinder zaubert.

Wenn SPD-Scholz empören als nicht-verstehen missdeutet, hat er die Sprache unterlaufen. Wenn Nahles und Merkel Fehler einräumen, weil sie die Stimmung an der Basis falsch eingeschätzt hätten – und nicht, weil sie Mist bauten – dann haben sie Sprache zur Maische gemacht. Sprache dient nicht mehr der Wahrheitsfindung, zu der das Eingestehen von Irrtümern gehört, sondern dem Propagandaeffekt ständiger Wählerbeeinflussung.

Urquell all dieser Sprachverstümmelungen ist die magische Hermeneutik der Theologen, die mit heiligem Abrakadabra aus jedem Text den Sinn herauszaubern, den sie gerade benötigen. Eine feministische Übersetzung macht aus Gott eine Frau; eine „gute Nachricht“ aus Verfluchung und Hölle schnell vorübergehende seelische Betrübnisse. Wenn Sprache nicht mehr fähig ist, die Wirklichkeit wiederzugeben und Gedanken präzise zu übermitteln, wenn sie nur noch Wunschträume illuminieren muss, ist Matthäi am letzten.

Döpfner vergleicht die Wahrheitssuche mit der Tätigkeit von Schnüffelhunden beim Suchen von Trüffeln. Doch Wahrheiten sind nicht irgendwo versteckt, die wichtigsten und erschreckendsten Wahrheiten befinden sich vor aller Augen – und werden dennoch nicht gesehen.

Wahrheiten bestehen nicht nur aus sensuellen Tatsachen, sondern müssen ideell bedacht und beurteilt werden. Die Natur stattet den Menschen mit einem erstaunlichen Wahrheitssensorium aus. Mit ihm kann er die Zeugnisse seiner Sinne überprüfen.

Die sensuelle Wahrheitstheorie der Journalisten, die sich stets auf die Socken machen müssen, um herauszufinden, dass zwei mal zwei vier ist, macht den Menschen zur kriterienlosen tabula rasa. Zugrunde liegt die Erkenntnistheorie John Lockes, dessen Motto lautete: Nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu“ (Nichts ist im Verstande, was nicht [zuvor] in den Sinnen war). Leibniz hat diese heteronome Einseitigkeit zurecht gerückt: „Nihil est in intellectu, quod non antea fuerit in sensu, nisi intellectus ipse (nichts ist im Verstande, was zuvor nicht in den Sinnen war – außer dem Verstand selbst)

Die Moderne kennt nur maßlose Erkenntnistheorien. Entweder ist der Mensch total von seiner Umwelt abhängig oder umgekehrt: die Natur total vom Menschen. In letzterem Fall erkennt der Mensch nur, was er selber herstellt: beim Erkennen sieht er in den Spiegel. Das ist der "Konstruktivismus" der meisten modernen Philosophien.

Leibniz kannte noch die griechische Einbettung des Menschen in die Natur. Der Mensch als Teil der Natur erkennt die äußere Natur, indem er das Wahrheitsgefühl seiner inneren Natur durch äußere Sinnesreize bestätigen oder widerlegen lässt. Über Moral und sonstige Fragen, die durch Beobachten der Natur nicht entschieden werden können, muss er seinen eigenen Kopf befragen und dessen Erkenntnisse mit Anderen durchstreiten, um die plausibelste Antwort zu erhalten.

Journalisten verlassen sich nur auf zufällige Beobachtungen bei ihrem langen Weg nach Tipperary. Nie befragen sie Bücher oder lassen zwei konträre Experten einen scharfen Dialog führen. Talkshows sind monologische „Disruptionen“ und haben nichts mit Erkenntnisgewinn zu tun. Die Journalistik hat Grundsatzfragen aus ihrem luftigen Repertoire entfernt. Die Quittung für diese Gedanken-Eliminierung erhalten sie postwendend als assoziativen Sprachverfall und zufällig-belanglose Sinneswahrnehmungen.

Döpfner beruft sich auf den amerikanischen Journalistik-Professor Jay Rosen, der nach vielen Gesprächen mit deutschen Edelschreibern zum Ergebnis kam: „Es ist nicht Euer Job als Journalisten den Menschen zu sagen, was sie denken sollen. Aber es ist Euer Job, sie darauf hinzuweisen, worüber sie nachdenken sollen.“

Nachdenken ist denken. Über Denken wird in den Medien nicht nachgedacht. Niemand soll dem anderen vorschreiben, was er denken muss. Doch seine Meinung soll er so sagen, dass jeder Leser durch Argumente überzeugt werden kann. Überzeugen durch Argumente: das kommt bei Döpfner & Co nicht vor. Genau dies stand am Ursprung des demokratischen Denkens.

Die sokratische Menschenprüfung hatte den Zweck, „die Leute zur Selbstbesinnung zu bringen, zum Nachdenken über das, was sie eigentlich wollen, über Sinn und Zweck ihres Lebens. Er nennt das die Sorge für die Seele (oder Therapie der Seele), damit diese so gut wie möglich werde. Das Charakteristische ist nun, dass er dies für sich und andere auf dem Weg des Nachdenkens zu erreichen sucht. Dass jeder Mensch diese geistige Kraft der Selbstleitung besitzt, ist seine felsenfeste Überzeugung; sie in anderen entbinden, hält er für seine Lebensaufgabe.“ (Wilhelm Nestle)

So weit die Journalistik vom sokratischen Überzeugen entfernt ist, so weit ist sie von einer ernst zu nehmenden demokratischen Überprüfungsinstanz entfernt.

Dass Döpfner das Misstrauen an den Medien nicht versteht, zeigt die Episode mit seinem Sohn, der eine berichtete Tatsache anzweifelte. Nachdem der Vater auf Zeitungsmeldungen und Lexikonartikel verwies, der Sohn aber immer noch störrisch blieb, brach der Vater die Diskussion ab: „An einem solchen Punkt endet die Diskussion. Wenn es keine Quellen des Vertrauens gibt und wenn es irgendwann keine Verständigung mehr darüber gibt, dass eins und eins zwei ist, hört Verständigung auf.“

Der Vater hat nichts von seinem Sohn verstanden. Sonst hätte er ihm die Frage stellen müssen, woher sein Misstrauen stammt. Vater und Sohn hätten über Erkennen, Überprüfen, falsches und berechtigtes Vertrauen debattieren müssen. Der Sohn hatte berechtigte Urfragen, der Vater fühlte sich nur in seiner journalistischen Ehre gekränkt. Natürlich schreiben Zeitungen und Lexika oft genug Unsinn, weniger in Fragen empirischer Fakten denn in philosophischen Grundsatzfragen.

Nachdem Hannes Stein den Mut hatte, in der WELT das Unsinnsmotto: ein Journalist solle sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten“, vom Tisch zu wischen, muss sein Chef den Unsinn in vollem Umfang rehabilitieren. Gequälter kann sein Beweisgang nicht sein. Die Angelsachsen wären „uns“ in dieser Hinsicht voraus und hätten mit der guten Sache die Sache der Regierung gemeint. Der gegenüber müsse man kritisch sein.

Döpfner ist in hohem Maße autoritätshörig. Seine blind verehrten Autoritäten befinden sich vor allem in Amerika und Israel. Nichts lässt er auf den Zukunftsrausch in Silicon Valley, nichts auf die Politik Netanjahus kommen. Auch die Wahl des israelischen Historikers Harari zum philosophischen Mentor seines Artikels beweist, dass er sich auf der richtigen Seite der Geschichte fühlen muss.

Ausgerechnet der Staat, der im angelsächsischen Liberalismus die schlechtesten Karten hat, soll die gute Seite sein, der man dennoch kritisch gegenüberstehen soll? Schreck, lass nach. Der Satz von Hanns Joachim Friedrichs bezieht sich nicht auf soziologische Instanzen, sondern auf ethische Abstrakta: auf das Gute und das Gemeine.

Selbstredend können in einer Gazette konträre Meinungen zu Wort kommen. Nur: warum hat Döpfner es nicht nötig, sich mit Hannes Stein auseinander zu setzen? Das wäre lebendige Binnendemokratie eines Blattes.

Selbst ein mächtiger Teil der Wirtschaft, will Döpfner den Wirtschaftslobbyisten unangenehme Wahrheiten entreißen. Ja, wo bleiben sie denn nur, diese Wahrheiten, in der mehr als wirtschaftsfreundlichen WELT?

Auch vor „selbstberufenen Aktivisten“ will er die Flinte nicht ins Korn werfen. Offenbar ist ihm entgangen, dass demokratische Autonomie nichts ist als Selbst-Bestimmung, die im christlichen Umfeld zur Selbst-Berufung verfälscht wurde. Wenn der Einzelne sich nicht selbst „ruft“, wer soll ihn berufen? Hier zeigt sich die Aversion der von Oben berufenen Mächtigen gegen autonome Kritiker, die nicht darauf warten, bis Herr Döpfner sie anruft, um ihnen eine Lizenz zur Kritik zu gewähren.

Kritische Journalisten sind bedroht in aller Welt, wenn sie ihren Despoten die Meinung geigen. In faschistischen Regimes scheint es für Döpfner gerechtfertigt zu sein, wenn seine Kollegen scharf zur Sache kommen. In Demokratien aber sollten sie sich gefälligst zurückhalten. Mutige Journalisten aus exotischen Ländern werden hierzulande ausgezeichnet, mutige Kollegen aus dem Inland müssen sich fragen lassen, ob sie ihre Leser manipulieren wollen.

Größer kann die Doppelmoral nur noch werden, wenn Döpfner von der Verrohung der Sprache spricht und BILD nicht als Täter, sondern als Opfer der Sprachverrohung darstellt.

Wie immer ist es nur der Pöbel, der mit Hilfe des Internets seine anonymen Blähungen ins Netz entlässt. Dass die rhetorisch überlegenen Klassen ihre Menschenverachtung mit akademischen Begriffen verschleiern: das entzieht sich der Selbstbeweihräucherung eines Verlegers. Spätestens hier zeigt sich, dass der Chef des Springerverlags keinen Funken Selbstkritik aufbringt.

Grenzenlose Digitalisierung und freie Meinungsäußerung scheinen für Döpfner nicht unverträglich zu sein – obgleich er auf die Gefahren einer totalitären Überwachung, etwa in China, hinweist. Er sollte wissen, dass eine totale Überwachung auch im freien Westen möglich, ja, in vielerlei Hinsicht schon Realität geworden ist. Wie kann eine rund um die Uhr überwachte Gesellschaft noch ihre freie Meinung äußern? Keine Antwort.

Den Grund für die Zurückhaltung erfahren wir, wenn wir die persönliche Widmung lesen, die Harari in das „Vorabexemplar“ seines neuen Buches schrieb: „Künstliche Intelligenz ist weniger gefährlich als natürliche Dummheit.“ Womit klar gestellt ist, dass alle Kritiker der KI keine Intelligenzbolzen sein können.

Natürliche Dummheit? Werden Kinder dumm geboren oder von ihrer Kultur dumm gemacht? War Döpfner als Kind kein munteres Kerlchen, der Stolz seiner Eltern? Hier tritt das demokratische Pendant zum Rassismus zutage. Es gibt von Natur aus Intelligenzler und Dummköpfe. Die ersteren sollen an die Macht, die Letzten beißen die Hunde.

Warum wählte Döpfner ausgerechnet Harari zum Begleitschutz seiner Ausführungen? In einem ZEIT-Interview spricht dieser über seine Standpunkte:

ZEIT: In Ihrem Buch sprechen Sie vom Ende des großen Narrativs der liberalen Demokratie, aber ich konnte keine wirkliche Erklärung finden, warum dieses Narrativ zu einem Ende gekommen sein soll. Was ist passiert?

Harari: Ich weiß es auch nicht.“ (ZEIT.de)

Wenn er schon nicht die Gründe des demokratischen Verfalls kennt, was rät er, um ihm entgegenzuwirken? Er rät, nichts zu tun. Denn vom freien Willen hält er nichts. Er begnügt sich mit passivem Beobachten und Meditieren:

„Die Menschen haben die Illusion des freien Willens, aber die Wissenschaft weiß längst besser, was in deinem Kopf vorgeht, als du selbst. Ich habe keine Kontrolle über mein Hirn. Wenn ich auf eine bestimmte Gruppe von Menschen, seien es Dunkelhäutige oder Schwule, negativ reagiere, ist es mir nicht möglich, meinem Gehirn zu diktieren: Nein, tu das nicht! Die Meditation lehrt mich, dass man immer mit dem gegenwärtigen Moment umgehen muss. Meine Rolle in der Welt ist die des Beobachters. Um sie zu erfüllen, muss ich die Dinge mit der größtmöglichen Klarheit sehen, ohne unmittelbar darauf zu reagieren. Sowie man reagiert, verliert man die Klarheit. Und wenn man vor etwas Angst hat, sieht man es nicht in der richtigen Relation, es erscheint dann zum Beispiel größer, weil man sich nur noch darauf fokussiert. Darin bestehen meine Meditationsübungen: Egal was passiert, beobachte es einfach. Meditation befreit mich von einer schweren Last: dass man nämlich ständig über alles urteilt, über sich selbst, über die Welt, über die anderen Menschen – dies ist gut, und das ist schlecht. Urteilsfreiheit führt zu einem Frieden des Geistes, an den für mich keine andere Form des Glücks heranreicht.“

Jetzt sehen wir des Pudels Kern. Der mächtige Verleger und Bewunderer des technischen Fortschritts wählt einen Gelehrten, der sich in die Machenschaften der Giganten nicht einmischt. Reiner Zufall, dass auch er sich als Beobachter definiert – wie das ganze journalistische Gewerbe. Aus allem hält er sich raus und flüchtet in das Glück seiner Innerlichkeit.

Eben das war die Wahl deutscher Dichter und Denker, die sich nach der Französischen Revolution aus der Politik zurückzogen, um sich in die Lüfte der Selbstbewunderung zu erheben. Wer nichts tut, kann nichts Falsches machen? Harari empfindet sich als Erwählten, dem das Glück des Unpolitischen zusteht. Das Schicksal der törichten Menschheit ist ihm gleichgültig.

Solche kritiklosen und passiven Zeitbeobachter brauchen die Mächtigen. Beim Ruinieren der Welt wollen sie nicht gestört werden.

 

Fortsetzung folgt.