Sofort, Hier und Jetzt XVI

Tagesmail - Freitag, den 21. September 2018

Sofort, Hier und Jetzt XVI,

Theodor Mommsen war eine ungewöhnliche Erscheinung in deutschen Landen: er war ein aufrechter Mann, der sich nicht nur dem aufkommenden Antisemitismus, sondern „Junkertum, Kaplanokratie und allen dehumanisierenden Tendenzen“ entgegenstellte. Am Ende seines Lebens zog er sich den Zorn des Kanzlers zu, der ihm den Vorwurf machte, „sein Blick für die Gegenwart sei getrübt durch die Vertiefung in 2000 Jahre Vergangenheit.“

Politische Gegenwart als Erkenntnisobjekt existiert für heutige Historiker nicht, Ergebnisse ihrer Vergangenheitserforschung zum Nutzen der heutigen Demokratie wären für sie Perlen vor die Säue.

Alt und verbittert wandte sich der berühmte Verfasser einer „Römischen Geschichte“ ab von dem „erbärmlichen, nichtswürdigen und rückgratlosen“ Volk der Deutschen. Man sieht, der Charakter eines Volkes wird nicht in 12 Jahren verdorben.

Ökonomisches Junkertum, Kaplanokratie und dehumanisierende Tendenzen der Schlechtmenschenfront beherrschen heute erneut die Szenerie. Allerdings sollten wir, anstatt von Kaplanokratie, trefflicher von Angelokratie sprechen.

„Haben wir dann aber auch bitteschön die Tradition, mal wieder in den Gottesdienst zu gehen oder ein bisschen bibelfest zu sein oder vielleicht auch mal ein Bild in einer Kirche noch ein bisschen erklären zu können. Wenn Sie mal Aufsätze in Deutschland schreiben lassen, was Pfingsten bedeutet, da würde ich mal sagen, es ist mit der Kenntnis über das christliche Abendland nicht so weit her.“ (Kath.net)

Mommsen war kein Elfenbeinturmbewohner, sondern Gelehrter, leidenschaftlicher Politiker und Journalist. Aus diesem Grund hasste er Cicero, diese ...

 ... „Journalistennatur im schlechtesten Sinne des Wortes, an Worten überreich, an Gedanken über alle Begriffe arm dass ein solcher Literat auch als Mensch nichts anders ein konnte als von schwach überfirnißter Oberflächlichkeit und Herzlosigkeit, ist kaum noch nötig zu sagen. Cicero hatte keine Überzeugung und Leidenschaft.“ (zit. nach Karl Christ, Von Gibbon zu Rostovzeff)

Sollten Ähnlichkeiten zur gegenwärtigen Edelschreiberzunft zufällig sein? Überzeugungen haben sie auch heute noch nicht, die ihre Laufbahn allesamt in der TAZ beginnen und problemlos in allen Gazetten der Republik von links bis rechts fortsetzen. Wer an Worten überreich, an Begriffen und Überzeugungen arm ist, hat als Skribent in dieser Republik ausgesorgt. Wer Überzeugungen hätte, müsste sich ja mit ihnen gemein machen. Schon das Motto ihres konturlosen Voyeurismus – sich mit nichts gemein machen, auch nicht mit der guten Sache – zeigt die Ödnis ihrer beliebigen Schwatzhaftigkeit.

Brinkbäumer, eben noch Chefredakteur des SPIEGEL, wird ohne inhaltliche Gründe seines Postens enthoben und durch einen Technokraten ersetzt. Warum er abgesetzt wurde, wisse er nicht, sagte Brinkbäumer, Gründe habe man ihm nicht genannt.

Die Abwärtsentwicklung des Magazins begann bereits mit Rudolf Augsteins Nachfolger Stefan Aust, der sich weigerte, die wöchentlichen Kommentare des scharfsinnigen SPIEGEL-Gründers fortzusetzen. Mit der Begründung, die Fußstapfen seines Vorgängers seien ihm zu groß. Ein Chefredakteur, der nicht fähig ist, das politische Profil seines Blattes zu verteidigen und zu schärfen, sollte dem täglichen Wetterbericht zugeteilt werden.

Nach Abflauen der 68er-Bewegung war die Zeit der Grundsatzdebatten in der jungen Demokratie im Wesentlichen vorbei. Parallel zu den um sich greifenden qualitätslosen Kompromissen in der Politik begann in den Medien der Trend zum inhaltslosen Tändeln – weshalb nichts-sagende Wortakrobaten lange Zeit eine wahlverwandte Kanzlerin mit ritterlichem Charme ins Herz schlossen.

Auch Medien sind Anhänger des Historismus – wenngleich in der Variante: nichts wiederholt sich, jeder Tag kreiert sich selbst, weshalb Jour-nalisten und Historiker komplementäre Leugner übertägiger Wahrheiten sind oder Anhänger einer Zeit, die sich täglich neu erfindet. Der Tagesschreiber ignoriert die Geschichte, der Geschichtsschreiber den Tag. Heidegger sprach vom Sein in der Zeit; Kierkegaard vom Augenblick, in dem Gott immer neu erschien; Sartre von Existenz, die jede zeitlose Essenz leugnete.

Der Mensch kommt als unbeschriebenes Blatt zur Welt und muss sich von Augenblick zu Augenblick neu beschriften. Er bestimmt vorbildlos über sich selbst. Eine universelle Wahrheit, von der er abhängig wäre und die er imitieren müsste, wäre eine totalitäre Despotin. Weshalb modernes Lernen aus genialen Augenblickserfindungen besteht, die ohne Vorbilder sind. Lernen ist Erfahren der eigenen Unvergleichlichkeit. Einerseits im Künstlerischen und Philosophischen. Andererseits besteht die heutige Ausbildung aus sklavischer Imitation des machthungrigen Fortschritts. Lebenslanges Lernen ist Einpauken unfehlbarer ökonomischer und technischer Götter.

Medien sind Apologeten dieser Zeitphilosophie, die sich – in Abkehr von der zirkulären Zeit und Geschichtslosigkeit der Griechen – in der christlichen Heilsgeschichte seit Augustin durchsetzte.

Hegel versuchte noch, die sich ewig wiederholende Zeit der Griechen in allen Einzelmomenten dialektischer Entwicklung zu vereinen mit der übergreifenden linearen Heilsgeschichte der Christen. Da er aber die Geschichte auf Erden zu Ende gehen ließ und nicht im Himmelreich oder in einem apokalyptischen Jenseitsinferno, zerbrach seine Synthese aus Griechentum und Christentum. Preußen war die jämmerliche Endstation seines Geschichtsmolochs. Amerika und Russland ließ er außen vor, obgleich er deren weltpolitische Wichtigkeit erahnte. Diese finale Unklarheit und nationalistische Verklärung des – gerade von Napoleon besiegten – preußischen Staates brach seinem System das Genick.

Feuerbach machte Gott zur Erfindung des Menschen, womit dieser nicht länger Herr einer übermenschlichen Geschichte sein konnte. Auch Marx definierte sich als Religionskritiker. Doch den opiaten Gott, den er leugnete, verwandelte er in eine gottgleiche Geschichte, die – ohne jegliches menschliches Zutun – die Sünden der Menschen in sich überwinden würde, um am Ende der Geschichte das Neue Kanaan zu errichten. Materie, die unansehnliche Magd der Vorgeschichte, würde sich im Reich der Freiheit zum triumphalen Geist erheben. In der Vorgeschichte ist alles Leid und Elend für die Proleten, im Endreich der Geschichte alles Milch und Honig.

Nach Hegel zerbrach die Symbiose aus griechischer Zeitlosigkeit und christlicher Heilszeit, die einen klaren Anfang und ein nebulöses Ende hatte. Bislang war der abendländische Mensch abhängig von der Wahrheit christlicher Offenbarung in der Zeit. Nach Hegel wurde die Verbindung aus irdischer Zeit und Ewigkeit zerschnitten. Der Mensch stürzte ab in eine Aneinanderreihung bloßer Augenblicke, die ohne göttliche Wahrheit auskommen mussten. Es war die Vorwegnahme des Todes Gottes, der ein halbes Jahrhundert später von Nietzsche propagiert wurde.

Was bleibt vom Menschen, wenn er klein und hilflos, ohne Wegweiser einer übermenschlichen Instanz, sein Leben fristen muss? Wenn ein Gott die Gesamtgeschichte nicht mehr mit Bedeutung durchdringt?

Er muss sein eigener Gott werden. Das war die Geburtsstunde des Genies, das sich in jedem Augenblick ex nihilo erfinden muss. Der Mensch zerschlägt die quantitative Zeit in kleinste Bestandteile, um sie von Augenblick zu Augenblick mit unvorhergesehener neuer Qualität zu füllen. Fichtes geradezu omnipotentes Ich war Vorbild aller romantischen Genies.

Ihre Herrschaft begannen sie in der Kunst, um sie auszubreiten in die gesamte Kultur und Politik. Erst Wagner, dann Hitler. Der Führer war ein politisches Genie, das seine Weisungen nur im eigenen Inneren fand. Die Stimme der Vorsehung war seine eigene.

Erneut zeigte sich, dass die graecophilen Deutschen vom griechischen Denken keine Ahnung hatten. Als sie sich von der heteronomen Wahrheit der Heilsgeschichte verabschiedeten, um das Göttliche in autonomer Genialität aus sich selbst zu gebären, verwarfen sie zugleich die überzeitliche Wahrheit der griechischen Vernunft. Es war derselbe Vorgang wie beim Sturmlauf gegen die christliche Moral, die sie mit der griechischen Vernunftmoral verwechselten.

Die Wahrheit der Griechen war zugleich in der Natur wie im Menschen, der ein Teil der Natur war. Suchten sie Wahrheit, konnten sie in der äußeren Natur wie in der inneren des Menschen fündig werden. Natur und Mensch waren eine Einheit, weshalb Erkennen keine heteronome Abhängigkeit bedeutete.

Wenn Vernunft den ganzen Kosmos durchwaltet, ist sie Draußen ebenso zu finden wie im Innern des Menschen. Griechische Genialität musste sich nicht autistisch definieren wie in der nachhegelschen Philosophie, etwa bei Stirner, der seine Sache allein auf sich gestellt hatte: „Mir geht nichts über Mich.“

Die Griechen brauchten keine externe Offenbarung, es gab bei ihnen kein getrenntes Außen und Innen. Wenn sie von der Natur lernten, lernten sie von sich, wenn sie von sich lernten, von der Natur.

Dass bei Sokrates die naturphilosophische Wahrheitssuche aufhörte, um einer subjektiven Wendung zum Menschen zu weichen: diese Interpretation moderner Historiker ist Nonsens. Wenn Subjekt und Objekt zusammenfallen, kann es keine Abwendung vom Objektiven zum Subjektiven geben.

Wenn alle objektiven Wahrheiten verloren gehen, muss der Mensch sie durch sein Subjekt ersetzen. Was soll er tun? Was ist notwendig, was ist wahr? Wahr ist alles, was das Subjekt aus sich selbst erfindet. Gibt es keine überzeitliche Wahrheit und Moral, muss der Mensch sie in sich selbst finden, indem er sich zu ihnen ent-schließt.

Entschlossenheit in jedem Augenblick: das war Heideggers Botschaft an seine Studenten, die auf keinen Fall von ihm erwarten durften, wozu sie entschlossen sein sollten. Das wäre wieder ein Nachplappern einer Autorität gewesen. Durch „inhaltliche Unbestimmtheit“ konnte Heidegger an seine gläubigen Jünger nur appellieren. In geistiger Intensität und Konzentration sollte sich jeder auf „das Eine, das not tut“ besinnen.

Was ist das Eine? Darüber rätselten die Studenten. Bis ein Witzbold es auf den Punkt brachte: „Ich bin entschlossen, nur weiß ich nicht wozu“. Eine eiserne Entschlossenheit wusste nicht, wozu sie entschlossen sein sollte. Die martialische Entschlossenheit zu Nichts sollte Heidegger zum Nazi-Philosophen prädestinieren.

Sein Denken war die Stimme der deutschen Intellektuellen, die immer zum Äußersten entschlossen waren, dummerweise aber nicht wussten, was dieses Äußerste war. Noch immer dachten die deutschen Denker alles in Grund Boden, aber frei schwebend in der Luft, verzweifelt in den Äther rufend: Sein und Zeit, hört ihr mich? Woher soll mir Hilfe kommen? Nur Ihr kennt das Eine, das not tut. Das Eine, das not tat, hörte auf den Namen Hitler.

Beim protestantischen Theologen Bultmann hatte Heidegger Luther kennen gelernt. Sein „objektiver“ katholischer Glaube – ursprünglich wollte er Priester werden –, verwandelte sich in das lutherische Selbst, das subjektiv allein vor Gott steht. Hier half kein Priester mehr, keine guten Taten, keine Taufe und kein Sakrament. Hier stand er nackt und bloß vor der Majestät Gottes, von der er nicht wusste, ob sie ihn retten oder zermalmen würde. Was immer er tat – „Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben“ – musste er auf die eigene Kappe nehmen:

„Ich mache lediglich, was ich muss und was ich für nötig halte, und mache es so, wie ich es kann – ich frisiere meine philosophische Arbeit nicht auf Kulturaufgaben für ein allgemeines Heute.“ (Aus einem Brief Heideggers an Löwith)

Schon hier, so Löwith, konnte man Heideggers spätere Parteinahme für Hitler vorwegnehmen:

„Es bedarf nur des Heraustretens aus der noch halb religiösen Vereinzelung und der Anwendung des „je eigenen“ Daseins und dessen geschichtliches Schicksal, um den energischen Leerlauf der Existenzkategorien („sich selbst zu sich selber entschließen, vor dem Nichts auf sich selber stehen, sein Schicksal wollen, sich selbst überantworten“) in die allgemeine Bewegung überzuführen. So ist es kein Zufall, wenn Heideggers Existenz-Philosophie zum „politischen Dezisionismus“ Carl Schmitts wird, der das „Ganzseinkönnen“ des je eigenen Daseins auf die Totalität des je eigenen Staates überträgt.“ (Löwith)

Die Selbstbehauptung des subjektiven Daseins verwandelte sich auf der politischen Ebene zur „Freiheit zum Tode“, zum „Opfer des Lebens“ im Krieg. Das „Faktische“ des Vorhandenen entschied über die subjektive Entschlossenheit. Mit anderen Worten: wenn es nichts Objektives gibt, bestimmen zufällige politische Fakten über den, der etwas will, aber nicht weiß, was er soll.

In einem Aufsatz von 1934 schreibt Heidegger: „Man dankt Gott – wie Herr Göring zu sagen liebt – dass man nicht objektiv ist, wo Wollen und Einsatz gilt. Man verneint – um mit Nietzsche zu reden – Genuss, Glück und Behagen, bejaht die Härte des Schicksals und die Strenge der Arbeit, die für den Bauern und den Gelehrten dieselbe sein soll.“

Die völkische Einheit ist hergestellt. Die jeweiligen Klassen sind zwar nicht aufgehoben, aber – wie im platonischen Idealstaat – durch die Führung symbiotisch miteinander verbunden. Der Bauer steht für Natur, die mit dem Geist des Intellektuellen wieder zusammengefunden hat.

Hier erkennt man die Verfälschung der Natur durch Heidegger. Natur ist nicht die oberste Instanz, identisch mit dem Kosmos, sondern eine Kreatur, die sich der wechselnden Heilsgeschichte unterordnen muss. Nationalsozialisten waren nicht geringere Naturvernichter als Sozialisten und Kapitalisten. Ihr gepriesenes Bäuerlein inmitten der Natur würde erst im 1000-jährigen Endreich zu sich kommen. Nicht anders als das Proletariat, das erst im Reich der Freiheit die vollendete Humanität erleben würde.

Die Parallelen der heutigen Medien zur Heidegger‘schen Zeitphilosophie liegen auf der Hand. Hier wie da gibt es keine objektive Wahrheit, hier wie da entscheiden Fakten – jener Mächte, die die Fakten schaffen: des Kapitalismus und des technischen Fortschritts. Wer sich nicht engagiert, nicht Partei ergreift, sich nicht gemein macht mit einer Position, macht sich dennoch gemein mit den objektiven Fakten und Entscheidungen der Weltgiganten.

Im Hambacher Wald kommt ein investigativer Journalist zu Tode. Offensichtlich war es ein Unfall ohne Schuldige. Wie lautet der Kommentar der Presse: Beide Seiten – Widerständler wie Regierung – instrumentalisierten den Tod zu ihren Gunsten. Der Journalismus will sich mit keiner Partei gemein machen und gibt sich objektiv-unparteiisch.

Bei einer Bewertung geht es nicht nur um zufällige Umstände vor Ort. Es geht um eine politische Gesamtbewertung. Die Verwüstung der Natur ist – im letzten Sinne – rechtlos, weil sie das Überleben der Menschheit gefährdet. Der Widerstand der Baumbesetzer ist gerechtfertigt durch die unantastbare Würde der Menschen, die ihr Überleben voraussetzt. Würden die Naturverwüster nicht gegen dieses Urrecht verstoßen, wäre es zum Widerstand und damit zur Beobachtungsarbeit des Journalisten nicht gekommen.

Im Zweifel hält sich die Presse raus, um sich eine klinisch reine Beobachterposition außerhalb alles Irdischen zu sichern. In ihrer Voyeursloge jedoch sind die Neutralisten unfähig, den Machenschaften der Mächtigen Widerstand entgegenzusetzen. Mit trügerischer Neutralität gefährden sie ihr eigenes Überleben. Indem sie entschlossen sind, nur Fakten gelten zu lassen, ohne sie zu beurteilen, überlassen sie das Feld den Rücksichtslosen.

Medien blicken nicht zurück, ihr Geschwätz von gestern lässt sie kalt. Nie liest man eine Selbstkritik, eine Revision des früher Geschriebenen. Ist etwas vergangen, ist es aus den Augen, aus dem Sinn. Schau nicht zurück, damit du nicht zur Salzsäule erstarrst. Eben dies entspricht der atomisierten Zeit Heideggers, die keine Vergangenheit kennt, sondern in messianischer Erwartung die Zukunft idolisiert.

Madame de Staël sprach spöttisch von deutschen Dichtern und Denkern, die alles in Grund und Boden denken – aber den Boden unter den Füßen verloren haben und frei schwebend in der Luft hängen. Die Medien haben das Denken entsorgt, dennoch schweben sie noch immer in den Lüften. Wie Heideggers leere Entschlossenheit erst im faktischen Hitler seine Erfüllung fand, so finden die Medien ihre Bestimmung bei den zerstörerischen Fakten und Tatsachen des Neoliberalismus, den sie verteidigen, indem sie ihr Publikum durch rhetorische Künste zum Stillhalten bewegen: gibt’s denn Besseres als eine Wirtschaft, die die Mehrheit der Deutschen reich und wohlständig gemacht hat?

Ach ja, alle 5 Sekunden stirbt ein Kind? Dieses Moral-Gesäusel können wir nicht mehr hören. Wir müssen dafür sorgen, dass es den Oberen und Tüchtigen gut geht, dann wird’s durchtrickeln und die Armen mit Brosamen füttern.

Ach ja, das Paradies hat noch niemand erfunden. Sollte es je erfunden werden, dann durch Maschinen, die die Fähigkeiten ihrer Schöpfer in den Schatten stellen werden.

Moralische Visionen? Um Gottes willen. Technische Visionen: da sollten wir endlich den Genies von Silicon Valley vertrauen. Alles andere wäre Antiamerikanismus. Kein Wunder, dass Trump sich von den Deutschen abwendet, wenn sie dem amerikanischen Genius misstrauen. Europa kann sich keine Selbstständigkeit erlauben. Wir leben davon, dass wir Bücklinge in jede Weltrichtung machen.

Medien, die nur Worte machen, ohne Begriffe zu klären, sind zurückgekehrt zur klassischen Rhetorik. Die Überredungskunst spaltete sich in Athen von der Überzeugungskunst der Philosophie ab und begann ihre demagogische Manipulation des Volkes.

Heute wird ständig von Populismus geredet, dem hinterlistigen Versuch, die Menge zu „nudgen“, indem man tut, als verfolge man ihre Interessen. Es sind Medien, die sich dieses polemischen Begriffs bedienen, ohne zu realisieren, dass sie selbst demagogische Wortartistik betreiben, um die harten Fakten der Realität zu schützen. Populisten sind Demagogen – zu denen auch die Medien gehören.

Rhetorik war der Abgesang auf die Moral demokratischer Aufrichtigkeit: „Denn desselben Mannes Sache ist es, richtig zu sprechen und richtig zu denken“. Das war die Grundüberzeugung jener, die in der Demokratie die Realisierung freier Offenheit und Wahrheitsliebe fanden.

Gorgias war der erste Sophist, der der Philosophie eine grundsätzliche Abfuhr erteilte. Er verzichtete auf eine objektive und wahre Erkenntnis der Dinge und begnügte sich mit der Wahrscheinlichkeit. Indem er der Philosophie entsagte, entschloss er sich, die Kunst der Rede zu entwickeln, deren gewaltige Wirkung er schon bei Empedokles bewundern konnte.

In der neuen Disziplin der Rhetorik lernte man, „die Wahrscheinlichkeit höher einzuschätzen als die Wahrheit und durch die Kraft des Wortes das Kleine groß und das Große klein erscheinen zu lassen“. So wurde Rhetorik zur Meisterin der Überredung. Es zählte nicht das rationale Argument, sondern das Wortgeklingel:

„Teisias sagte zu Korax: „Wenn du mich das Überreden gelehrt hast, so überrede ich dich, kein Honorar zu übernehmen; hast du es mich aber nicht gelehrt, so zahl ich dir auch keines, weil du es mich nicht gelehrt hast.“ (bei Nestle)

Gegen gutes Reden war philosophisch nichts einzuwenden, solange der Zweck des Redens im Überzeugen bestand und nicht im subkutanen Lenken. Auch die Stoiker hatten nichts gegen eine sinnvoll eingesetzte Redekunst: „Gut Reden aber bedeutet, die Wahrheit zu sagen“.

Heute gibt es keine Gespräche mehr auf gleicher Augenhöhe, es gibt nur Überfluten der Vielen durch Redestars, die von Kanzelrednern die Kunst des Predigens übernommen haben. Auch die Medien debattieren nicht mit ihren LeserInnen. „Schicken Sie uns Ihre Meinung. Sagen Sie uns, was Sie denken“. Und dann? Dann nichts mehr, alles bleibt einseitig.

Öffentliche Streitgespräche lehnen die Edelschreiber ab. Im Presseclub, in den Talkshows kann man ihre rhetorischen Künste bewundern, die längst vergessen haben, was echte Dialoge sind. Streitgespräche unter zweien, immer noch die beste Form gegenseitigen Überprüfens, gibt es so gut wie nicht. In allen Dingen soll es Wettkampf geben, nur bei der Wahrheitssuche darf es nicht zum edlen Wettstreit kommen. Hier haben die Wortartisten plötzlich Angst, ihr Gesicht zu verlieren. Das entlarvt die wahre Furcht der Moderne: hinter allem Tun und Treiben fürchtet sie die sanfte, aber unerbittliche Anklägerin der lauteren Vernunft.

In ihren Interviews verstecken sie ihre Positionen hinter objektiven Fragen. So können sie im Streitfall ihre Meinungen als Zitate anderer ausgeben.

Medien wollen dem Pöbel die hehren Interessen der Eliten vermitteln. Insofern sind sie Elitisten. Gelegentlich wollen sie den Eliten die dumpfen Interessen des Pöbels erklären – insofern sind sie Populisten. Als Vermittler von Oben und Unten sind sie Erben der Priester – die aber stets nach Oben schauten, weil sie die Schlüsselgewalt für den Himmel besaßen. In sichtbarem Stolz zeigen die führenden Gazetten Bilder ihrer Jahresempfänge, auf denen sie mit Politikern und Prominenten ihre gemeinsamen Feste feiern.

Nein, Lügenpresse sind sie nicht. Dann müssten auch Priester bewusste Lügner sein. Es ist verhängnisvoller: sie glauben. Sie glauben ihren eigenen Beteuerungen, sie glauben an die unentbehrliche Neutralität ihrer „Vierten Gewalt“, die sie zur Vierten Mitläuferin deklassiert haben. Hier hülfe nur noch das biblische Wort:

„Weil du lau bist und weder warm noch kalt, will ich dich ausspeien aus meinem Munde.“

 

Fortsetzung folgt.