Sofort, Hier und Jetzt XIV

Tagesmail - Montag, den 17. September 2018

Sofort, Hier und Jetzt XIV,

„warum schweigt Merkel“ – fragt der SPIEGEL. Es ist die wichtigste Frage der deutschen Politik. Ist sie zu klug, um zu reden? Zu töricht, weil sie nichts zu sagen hat? Denker, Gelehrte, Gottesmänner, Weise aus aller Welt, Taoisten, Buddhisten, Anhänger des Paulus, Heideggerianer, Kierkegaardianer, Wittgensteinianer (bitte keine schwatzhaften Weiber): eilet herbei und ergründet das Rätsel, das Phänomen der schweigenden Angela, deren Reden nur den Sinn haben, ihre Unergründlichkeit der Öffentlichkeit zu verbergen.

Ist Schweigen das sigillum veri ihrer Macht über eine unendlich geschwätzige, alles zerredende und zersetzende Gegenwart?

Cherchez la mère: muss sie sich entziehen, um sich als einfältiges Mütterchen durch Stille interessant zu machen? Spielt sie ein vertracktes Spiel mit der Menge, indem sie durch Schweigsamkeit nichts anderes verbirgt – als ihre Leere?

Gelegentlich muss sie reden, um nicht in den Verdacht zu geraten, eine heidnische Philosophin zu sein. Besteht ihre esoterische Kunst im Nichtssagen durch Reden?

Das Weib schweige in der Gemeinde. Angela ist eine Magd des Herrn, die ihrem Reformator nicht untreu werden will – und doch untreu werden muss. Ach, Spötter und Speier werden ihre Seelenqualen nie erfassen.

„Das weibliche Geschlecht ist von Gott nicht geordnet zum Regiment, weder in der Kirche noch sonst in weltlichen Aemtern. Dem Weib ist es verboten, dem Mann gegenüber eine Herrscherstellung einzunehmen, mit der Begründung, das Weib habe eine sehr schädliche Neuerung eingeführt, nämlich die Sünde. Dem Weib kommt daher Unterordnung zu, sowohl der Schöpfungsordnung nach, als auch der Ordnung der Welt nach dem Sündenfall. Die Rolle der Konkurrentin des Mannes im ...

... öffentlichen Leben ist ihr untersagt.“ (Lutherische Dogmatik)

Schon vor dem Sündenfall war sie dem Mann als Gehilfin untergeordnet, denn Gott erschuf sie aus der Rippe Adams. „Die Rippe müssen wir uns nicht als nackten Knochen vorstellen“, wusste Luther die Blöße des Weibes zu bedecken. Ach, wie ist die christliche Moderne dem unfehlbaren Buchstaben untreu geworden, dass Frauen den Männern befehlen dürfen.

Der nackte Buchstabe der Schrift gilt nicht mehr. Er kann mit allen wechselnden Moden dieser Welt kostümiert werden. So wurde die Schrift zum magischen Buch der Bücher, in dem jeder Zeitgeist sich seine heilige Legitimation herauslesen kann. Doch mit wie vielen skrupulösen Ängsten muss die Verwandlung der Offenbarung in ein irdisches Wünsch-dir-was bezahlt werden?

Gilt das nicht auch für die vorbildlichste aller Dienerinnen des Herrn, die sich erkühnt, sich über die Männer zu erheben, sie gegeneinander auszuspielen und kaltzustellen? Man sieht es ihr an: wenn sie sich unbeobachtet fühlt, sieht sie grau und leidend aus. Macht ist ihre Droge, ihre Sucht. Freude an ihrem Tun ist ihr fremd.

Die Deutschen haben ihr heiliges Buch zur Marionette degradiert, die all ihr sündiges Tun in Gottes Willen verzaubern kann. Keine Schwärmerei, kein mörderischer Wunsch, der durch das Buch nicht genehmigt würde. So wurden sie allmächtige Herrscher über das Buch, von dem sie sklavisch abhängig sind. Durch Auslegungsallmacht haben sie sich der Allmacht Gottes entgegen gestellt, der sie sich zugleich vollständig unterworfen haben.

Wie merkwürdig die Verwandlung des heidnischen Schweigens beim Übergang in die Kultur des Heiligen, wo die oberste Tugend des Mannes zur Tugend des minderwertigen Weibes wurde. Für Heiden war Schweigen das Weiseste des Mannes, für Gläubige wurde es zur Tugend der unmündigen Frau, die sich dem Mann unterordnen muss.

„Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie? Schaut die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist wie derselben eins. Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allem trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr des alles bedürfet.“

Kierkegaard bezieht sich auf diese Matthäus-Stelle (Kap. 6), um den Vorrang des Schweigens zu demonstrieren. Heiden müssen endlos plappern und streiten, um ihre kulturellen und materiellen Bedürfnisse zu befriedigen. Kinder Gottes haben solches nicht nötig. Ihr Vater weiß, wessen sie bedürfen, ohne dass sie Worte verlieren müssten. Wenn Gott durch sein unfehlbares Wort redet, hat der Mensch für immer zu schweigen.

Wenn Lilien und Vögel Vorbilder des Schweigens sind, woher die Wut der Christen auf die Tugenden der überlegenen Natur? Weil die Krone der Schöpfung es nicht erträgt, dass sie von der minderwertigen Natur lernen müsste.

Mit welchen Gefühlen aber vernichten sie die Natur, wenn diese durch Schweigen die Menschen überragt? Die Vernichtung der Natur hätte somit am wenigsten wirtschaftliche Gründe, sondern den Sinn, die ungeliebten, überlegenen Nebenbuhler auszurotten. Die Skala der Wertigkeit hätte sich umgedreht. Nicht der Mensch steht an der Spitze der Schöpfung, sondern die schweigende Natur.

Am Anfang war das Wort – am Ende das Schweigen. Für Gläubige muss das kein Widerspruch sein. Gottes Wort offenbart sich durch die Macht des Schweigens. ER denkt – und das Denken verwandelt sich in schöpferisches Tun. Äußerliche Worte sind überflüssig. Reden hingegen ist Sache der Heiden, die sich anders nicht zu verständigen wissen. Gott hasst die Sprache seiner Geschöpfe, mit der sie sich – gegen Ihn – verbünden. Also muss er ihre Diskursfähigkeit zerstören. Seitdem wurde der Mensch unfähig, Sprache als rationale Verständigung zu gebrauchen.

Die heidnische Philosophie war der Versuch, durch logische Klärung der Begriffe zur Verständigung zu kommen. Wer auf Gottes Harmonisierungskünste angewiesen ist, der muss die natürliche Sprache hassen. Das ist der Grund des unendlichen Schwatzens und Schreibens der Moderne, aber ohne Chance, sich gegenseitig zu verstehen.

Um dennoch Gott zu huldigen, machten seine ambivalenten Gläubigen sich daran, nicht das Schweigen zu erlernen, sondern die Verständigung mit natürlichen Sprachen zu unterminieren. Was taten sie? Sie ramponierten die Logik und machten aus der Schrift ein Instrument ihrer Allmacht. Willkürliche Auslegung machte aus strenger Logik ein dialektisches Tohuwabohu: nichts widerspricht sich. Wahrheit und Lüge schließen sich nicht aus. Am Ende ist alles mit allem versöhnt.

Der ausgeschlossene Widerspruch wurde als Instrument der Wahrheitssuche eliminiert. Wenn Gott alles erschaffen hat: was sollte da nicht wahrheitsfähig sein? Was sollte in Richtig und Falsch unterschieden werden?

Hegels Dialektik ist die Logik Gottes im Kampf gegen die Logik der Heiden, die sich anmaßt, Wahres vom Falschen zu unterscheiden.

Gleiche Kriterien gelten für die Auslegung der Schrift. Wenn nicht mehr der irdische Sinn der Buchstaben gilt, sondern der überirdische einer spirituellen Erleuchtung, ist es sinnlos geworden, den Sinn der göttlichen Botschaft im Meer unendlich sich widersprechender Worte herauszufiltern.

Hegel war nicht der Erfinder der Dialektik. Im Mittelalter kollidierten zum ersten Mal durch Wiedergeburt des Griechischen die beiden Urelemente des Abendlands: das Heidnische und das Offenbarte. Die heidnische Methode der Wahrheitsfindung war vor allem die aristotelische Logik, die theologische Methode war das Brausen des Heiligen Geistes, der den Hörer und Leser des Wortes fragte:

„Verstehest du auch, was du liesest? Er aber sagte: wie sollte ich es denn können, wenn mich niemand anleitet?“

Der Leser der Schrift ist unfähig, das Wort ohne Beistand durch eine Autorität zu verstehen. Sein eigener Verstand ist nicht gefragt, er muss ausgeschaltet werden. Der Mensch wird unmündig. Er hat keinen eigenen Mund, keinen eigenen Kopf, keinen selbständigen Verstand. Skeptische Zweifel seiner Heidenvernunft muss er der Besserwisserei der Stellvertreter Gottes unterordnen.

Mündigkeit ist die Errungenschaft der Aufklärung: habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Wer mit eigenem Kopf denkt, kann auch mit eigenem Mund reden. Denkverbot im Namen einer höheren Wahrheit ist Zwangsbeglückung.

Es war nicht Hegel, der die Logik der Griechen – die er in seinen Jugendschriften noch über die Offenbarungslogik gestellt hatte – zum ersten Mal zur minderwertigen erklärte. Es geschah bei Cusanus, dem gelehrten Kardinal aus Kues:

„Jetzt erfolgt eine radikalere Scheidung: die aristotelische Logik, die auf dem Satz des ausgeschlossenen Dritten beruht, erweist sich für Cusanus als bloße Logik des Endlichen, muss also immer und notwendig versagen, wo es sich um die Anschauung des Unendlichen handelt. Das Absolute und Unbedingte lässt sich nie in das Netz logischer Gattungsbegriffe einfangen. Soll die Möglichkeit bestehen, das Absolute, das Unendliche zu denken, darf das Denken nicht an Krücken traditioneller Logik einhergehen. Jegliche Art „rationaler“ Theologie wird verworfen. Wissen und Nichtwissen fallen in eins zusammen: so bewährt sich das Prinzip der docta ignorantia als wissender Unwissenheit. Das göttliche Sein, das sich der diskursiven Erkenntnis verschließt, verlangt eine neue Erkenntnisweise und eine neue Erkenntnisform. Das wahrhafte Organ seiner Erfassung ist die intellektuelle Schau, die „visio intellectualis“, in der alle Gegensätzlichkeit der logischen Arten aufgehoben wird.“ (Ernst Cassirer, Individuum und Kosmos in der Philosophie der Renaissance)

Die letzte Auseinandersetzung zwischen Logik und Dialektik war der Positivismusstreit zwischen Popper und der Frankfurter Schule. Die Frankfurter beharrten auf der Wahrheit der himmlisch-hegelianisch-marxistischen Dialektik, während Popper gegen diese Unfehlbarkeit die Logik der Vernunft ins Feld führte:

„Besonders herausgestellt hat Popper sein Beharren auf dem „Gesetz vom Widerspruch“ in seinem Artikel What Is Dialectic von 1937, worin er die nicht-verbesserte dialektische Methode wegen ihrer Bereitwilligkeit kritisierte, sich mit Widersprüchen abzufinden. Später behauptete Popper, dass Hegels Akzeptanz von Widersprüchen zu einem gewissen Grad verantwortlich für die Erleichterung des Aufstiegs des Faschismus in Europa ist, indem es zum Irrationalismus ermutigt und ihn zu rechtfertigen versucht. Im Abschnitt 17 seines Nachtrags von 1961 zur Offenen Gesellschaft, im englischen Original betitelt Facts, Standards, and Truth: A Further Criticism of Relativism, lehnte Popper es ab, seine Kritik an der Hegelschen Dialektik zu relativieren, er argumentierte, dass sie eine große Rolle beim Untergang der Weimarer Republik gespielt hat, indem sie zum Historizismus und anderen totalitäre Denkmoden beitrug und dass sie die traditionellen Standards der intellektuellen Verantwortung und Redlichkeit herabgesetzt habe“. (Wiki)

Wenn alles richtig ist, was Geschichtspropheten an Wahrheiten zu bieten haben, ist der normale Menschenverstand par ordre du mufti außer Kraft gesetzt. Die Postmoderne mit ihrer Leugnung der objektiven Wahrheit ist das subjektive Pendant zu den himmlisch-dialektischen Alleswissern. Wenn niemand sich ein persönliches Urteil über die Dinge der Welt bilden kann: was passiert dann? Dann läuft die historische Maschine der Macht, unbeeindruckt von subjektiven Meinungen, selbstherrlich nach eigenem Gutdünken. Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter. Das geschah im Sozialismus, das geschieht unentwegt im Neoliberalismus, in welchem der Mensch von Gesetzen des Marktes nichts versteht.

Die Finanzkrise, die in Amerika begann und beinahe die gesamte Weltwirtschaft lahm gelegt hätte, ist keineswegs behoben. Das scheint keinen Politiker zu interessieren.

Die göttlich schweigsame Angela hat gerade eben die Wohnungsnot in ihrem Land entdeckt. Wann wird sie entdecken, dass die Klimakatastrophe auch ihr Land in Mitleidenschaft zieht? Wer sich in heiligem Schweigen um Gott und seine Seele zu kümmern hat, der hat kein Sensorium für die trivialen Nöte der schnell vorüberziehenden Welt.

Draußen Lärm, drinnen das Schweigen der Lämmer, die in der Stille den Augenblick nicht verpassen wollen, in dem Gott sich zu erkennen gibt. Nicht dem heidnisch-logischen Verstand, sondern der erleuchteten Schau. Auf neudeutsch: dem riskanten Event, in dem der Mensch erfährt, dass seine Allmachtsgefühle auf Nichts beruhen. Solange er den Event überlebt, war es nicht riskant genug gewesen. Da muss noch eine Schippe drauf. Also muss die suizidale Gefahr so lange erhöht werden, bis eines Tages der Ofen aus ist.

Diesem Punkt der Unumkehrbarkeit steuern wir mit Volldampf entgegen. Wir können nicht glauben, dass wir nicht allmächtig sind. Dass wir den Bogen überspannt haben. Der Nervenkitzel des drohenden Todes ist das stärkste Narkotikum der Moderne.

Bei Kierkegaard soll sich der Mensch im Schweigen zu Nichts machen. Der Prahlhans des Fortschritts macht sich im Dauerlärm zu Allem, das keiner Gefahr ausweichen muss. Alles wird der kreative Techniker bewältigen, was er als Herausforderung erfand, um sich im Klima ängstlicher Überspanntheit selbst zu bewähren. Doch wer alles will, muss mit dem Nichts rechnen:

„Du sollst in einem tiefen Sinne dich selbst zu einem Nichts machen, zu einem Nichts werden, vor Gott schweigen lernen. Jeder Mensch, der zu schweigen weiß, wird ein Gotteskind. In beredtem Stummsein entspricht der Mensch dem Anspruch Gottes, der selbst spricht, wenn er schweigt. Den Augenblick des Einschlags der Ewigkeit trifft man allein im Schweigen: in der Stille allein ist der Augenblick da. Der Augenblick erfüllter Zeit kommt nicht mit Lärmen und Rufen, nein, er kommt leise, mit leichteren Füßen als sonst eines Geschöpfes leichtester Gang, denn er kommt mit den leichten Füßen des Plötzlichen. Doch er wird nicht gespürt, weil die Menschen nicht stille zu sein vermögen, und so das Ewige und das Zeitliche gesondert bleiben. Es kommt darauf an, mit mit dem Schweigen Ernst zu machen, da sonst aus dem Stillesein nichts wird, stattdessen aber eine Rede über das Stillesein entsteht.“ (Kierkegaard)

Der Lärm der Moderne – kein Fest ohne ohrenbetäubende Musik – ist die verzweifelte Anstrengung, der Stille zu entfliehen. Wenn Gott nur in der Stille redet, ist Lärmen das übermächtige Bedürfnis, vor Gott Reißaus zu nehmen. Äußerlich huldigen sie Gott, in Wirklichkeit befinden sie sich auf rasender Flucht vor Ihm.

Zum Lärm gesellt sich gleißende Helligkeit, die kein Schweigen erträgt. Der Planet wird immer heller und lärmender. Die Menschheit verliert alle Fähigkeit, sich auf ihre Befindlichkeit zu konzentrieren. Eine Sau nach der anderen wird durchs Weltdorf gejagt. Medien spielen die Büttel des Dorfes, deren Glocken den Lärmpegel ununterbrochen nach oben treiben.

„Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“ Wittgenstein kam vom Positivismus, der Philosophie der Naturwissenschaft – und endete in der Mystik, im Unaussprechlichen.

Es gibt in der Tat vieles, was wir nicht verstehen und nie verstehen werden (ignoramus et ignorabimus), gleichwohl völlig belanglos ist. Lass es Mystik sein oder was auch immer, es geht uns nichts an. Was uns aber angeht, nämlich unser selbstgemachtes Schicksal auf Erden, das geht uns an.

Hier gibt es weder Mystik noch Unaussprechliches. Sokrates wischt jenseitige Glaubensfragen ebenso vom Tisch wie Naturerkenntnisse, die unser tägliches Tun nicht berühren. Im Moralischen muss Klarheit herrschen. In allen anderen Disziplinen mag das Unaussprechliche sein Wesen treiben: es geht uns nichts an.

Noch immer wird getan, als ob entlegenste naturwissenschaftliche Erkenntnisse unser Leben beträfen. Wäre dem so, hätten die Naturwissenschaftler die verdammte Pflicht, den Beweis zu bringen. Solange sie keinen erbringen, muss gelten: lasst fahren dahin. Ihr glaubt selbst nicht mehr an den Sinn eurer String-Theorien, die zu eurem theologischen Ersatzglauben wurden. Euch treibt kein Erkenntniswille, sondern der lächerliche Wunsch, Gottes Existenz zu beweisen. Solltet ihr Ihn im Echoraum des Urknalls finden, meldet euch: wir werden Ihn mit Halleluja begrüßen.

Wittgensteins Bruchlandung im Mystischen ist der uneingestandene Bankrott der Naturwissenschaften, deren raison d'être niemand mehr nachvollziehen kann. Naturwissenschaft ist zur Dienerin der Waffentechnologie geworden. Ein Großteil aller naturwissenschaftlichen Fakultäten sind mit ihren Verteidigungsministerien liiert. Keine Erkenntnisse aus ihren Laboren, die Konkurrenten frei zur Verfügung stünden.

Das Unaussprechliche oder Mystische ist tatsächlich zum Ereignis geworden. Zum Ereignis einer immer bedrohlicheren Selbstmordkompetenz der Menschheit mittels teuflischer Vernichtungswaffen. Selbsttötende Intelligenzmaschinen werden die nächsten Befreier des Menschen sein. Sie sollen den Augenblick der technischen Singularität erreichen, ab dem die Entwicklung in rasendem Tempo die Unsterblichkeit einzelner KI-Genies bringen wird.

Wäre diese Perspektive real, wäre es die totalitärste Dreistigkeit, Milliarden Menschen zu verkünden, dass sie nie als unsterbliche Wesen ins Universum düsen werden. Ist sie irreal, wovon wir ausgehen, wären Technik und Naturwissenschaft zur Religion verkommen. Zur Prädestinationslehre weniger Erwählter: Calvin in Null und Eins programmiert.

Erstaunlich, wie unverträglich scheinende Philosophien dennoch konvergieren können. Wittgenstein ist Anhänger des mystischen Schweigens – wie der NS-Philosoph Heidegger im dunklen Tann des Schwarzwalds.

„Das Sagen des Denkens ist ein Erschweigen. Das Gewissen redet einzig und ständig im Modus des Schweigens.“ (Heidegger)

Wenn unsere gewählten Repräsentanten im Bundestag erfahren, dass ihr Gewissen im Modus des Schweigens spricht, werden sie die Botschaft mit lautem Jubel begrüßen. Haben sie doch schon oft genug das Schweigen bei umstrittenen Schicksalsfragen bevorzugt. Bislang fühlten sie sich als Feiglinge, wenn sie sich dem Fraktionszwang unterwarfen und das Selbstdenken vergaßen. Ab jetzt können sie sich auf ihr Gewissen berufen – und dennoch feige schweigen. So nützlich können Erkenntnisse eines NS-Ideologen für heutige Parlamentarier sein.

Hätte Wittgenstein sein Schweigegebot im Sinne Buddhas verstanden, hätte er etwas Wichtiges getroffen. Wovon man nicht reden kann, weil es unwichtig ist, davon sollte man die Finger lassen. Es lenkt ab vom Einzigen, das not tut: von der Frage nach menschen- und naturfreundlichem Verhalten. Seinen Satz hätte er zudem ergänzen müssen: worüber man reden muss, um das Leben auf Erden zu bewältigen: darüber darf man auf keinen Fall schweigen.

In Demokratien ist Debattieren Pflicht. Schweigend durchdenkt man die Probleme der Welt, im Dialog überprüft man die gefundenen Lösungen. Sokrates harrte nächtelang auf der Stelle, um seine Gedanken zu ordnen. Auf dem Marktplatz stellte er sie am nächsten Tag zur Debatte.

Buddhas Erkenntnisse ähneln den sokratischen in erstaunlicher Weise:

„Buddha tadelte einst einen Schüler, der ihm Fragen nach der Ewigkeit und Zeitlichkeit der Welt, nach einem Leben nach dem Tode gestellt hatte und verglich dessen metaphysische Neugier mit der Torheit eines Menschen, der sich einen giftigen Pfeil nicht entfernen lassen will, bevor er weiß, wer ihn abgeschossen hat.“

Warum schweigt Merkel? Weil sie nichts zu sagen hat. Die Deutschen hängen an ihr. Ihre Torheit entlastet sie von der eigenen. Wenn wir schon wie apathische und stumme Roboter ins Verderben laufen, hat es etwas Beruhigendes, wenn auch die Alphatiere nicht anders reagieren – aber in ruhigem Schritt und Tritt vor uns herlaufen. Angela ist keine Politikerin, sondern eine Magd Gottes, die den Auftrag erfüllt, den der himmlische Vater ihr erteilt hat. Das macht sie so gut, wie sie kann – aber nicht als Praxis einer autonomen Vernunft, sondern in stillem Gehorsam.

Sie schweigt, weil sie weiß, dass sie Rechenschaft ablegen muss über jegliches gesprochene Wort:

„Ich sage euch aber, daß die Menschen müssen Rechenschaft geben am Jüngsten Gericht von einem jeglichen unnützen Wort, das sie geredet haben. Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden.“

Sie glaubt, Gottes Gericht wird schrecklich werden – wenn sie auf Erden zu viel nachgedacht und geplappert hat:

„Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer denn kein zweischneidig Schwert, und dringt durch, bis daß es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und keine Kreatur ist vor ihm unsichtbar, es ist aber alles bloß und entdeckt vor seinen Augen, dem wir Rede zu stehen haben.“

Solange die Deutschen den Eindruck haben, Angela wird die Stummheit ihrer Untertanen in Demut dulden, werden auch die Untertanen Angelas Schweigen in wortloser Dankbarkeit ertragen. Wer hatte schon eine Mutter, die mit allem Tun ihrer Kinder zufrieden schien?

Sie wollen nicht wahrhaben, dass eine stumme Mutter schrecklich ist. Denn das Schicksal ihrer Kinder ist ihr gleichgültig.

 

Fortsetzung folgt.