Sofort, Hier und Jetzt XII

Tagesmail - Mittwoch, den 12. September 2018

Sofort, Hier und Jetzt XII,

da brauste Herrengelächter übers Weltenrund, als die missratene Erde im finalen Ausverkauf verhökert werden sollte.

Jelzin: Ich habe eine Bitte. Gib doch einfach Europa an Russland.

Clinton: Möchtest du Asien auch haben?

Jelzin: Sicher, Bill. Wir müssen uns irgendwann über all das einigen.“ (SPIEGEL.de)

Die deutsche Schlechtmenschenfront wird sich, brüllend vor Lachen, auf die Schenkel geschlagen haben, als geheime Archive die wahre Denkungsart der Giganten enthüllten. Was Tugend und Moral! Die Geschichte ist ein Tollhaus – und wenn sie nicht vergnügungspflichtig ist, soll sie zum Teufel gehen. Wir wollen unterhalten werden, das ist das Mindeste, was wir von einer zwischen Gott und Wurm taumelnden Menschheit erwarten dürfen. Wenn das ganze Spektakel schon irrsinnig ist, so soll es uns wenigstens amüsieren. Nach dem Ersten Fall kommt unvermeidlich der Letzte, das muss gefeiert werden.

„Siehe! Da wiehern die Feuilletonisten, es kreischen die Edelfedern alle,
Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
Auch ein Gejohle zu sein im Mund der Voyeure, ist herrlich,
Denn das Gemeine geht witzlos zum Orkus hinab.“ (nach dem verschollenen Original von Schiller)

Zuerst gingen sie unter, danach waren sie mit Kling und Klang, im Stechschritt, auf Untergang eingestellt:

„Ich bin nur ganz eingeschifft auf der Woge der Welt – voll entschlossen, zu entdecken, gewinnen, streiten, scheitern – oder mich mit aller Ladung in die Luft zu sprengen.“

Sprach der Klassiker aus Weimar, der sich für gesund, die romantischen ...

... Bürschchen für krank hielt. Was sollten dann erst die degenerierten Nachfolger der Gesunden von sich geben, die sich mit der german Todesangst herumschlagen?

„Und als ich aufblickte zur unermeßlichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich. – Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten; denn Er ist nicht! »Starres, stummes Nichts! Kalte, ewige Notwendigkeit! Wahnsinniger Zufall! Kennt ihr das unter euch? Wann zerschlagt ihr das Gebäude und mich? – Zufall, weißt du selber, wenn du mit Orkanen durch das Sternen-Schneegestöber schreitest und eine Sonne um die andere auswehest, und wenn der funkelnde Tau der Gestirne ausblinkt, indem du vorübergehest. Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alles! Ich bin nur neben mir – O Vater! o Vater! wo ist deine unendliche Brust, daß ich an ihr ruhe? – Ach wenn jedes Ich sein eigner Vater und Schöpfer ist, warum kann es nicht auch sein eigner Würgengel sein?«“ (Jean Paul, Siebenkäs)

Tja, kommt davon, wenn man Menschlichkeit von einem Vater abhängig macht, von dem man eines Tages entdeckt, dass es ihn nie gegeben hat. Dann muss man sich am Ende selbst erwürgen – aber bitte heiter und mit Musik:

„Wohin aber gehen wir, ohne Sorge, sei ohne Sorge,

wenn es dunkel und wenn es kalt wird, ohne Sorge, sei ohne Sorge,

aber mit Musik, was sollen wir tun, heiter und mit Musik, und denken, heiter,

angesichts eines Endes, mit Musik?“ (Ingeborg Bachmann)

Jan Fleischhauer und Ulf Poschardt sind die führenden Possenreißer beim Untergang der Titanic.

„Noch vor der Wahrheit stirbt der Humor. Wenn sich der "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt über die holpernden Reime des antifaschistischen Musikwiderstands lustig macht, dann ist die Reaktion nicht Amüsement über die Pointen des Textes, sondern Empörung über die Frivolität, dass jemand angesichts der drohenden Machtübernahme von rechts noch Witze reißt.“ (SPIEGEL.de)

Nichts ernst nehmen und Klamauk betreiben, wenn die Welt untergeht. Sonst würde man ja zu erkennen geben, dass man das apokalyptische Gewäsch für richtig hielte. Hier verläuft der tiefste Graben zwischen altem und neuem Kontinent.

Da fehlt doch noch einer in der Riege der Unernsten: Bernd Ulrich in der ZEIT bevorzugt die Lässigkeit als Heilmittel gegen moralische Aufgedunsenheit. Nur nicht zugeben, dass man Religion für unabdingbar hält. Natürlich nicht die Religion der Hinterwäldler aus Bible-Belt mit ihren apokalyptischen Kindermärchen. Das deutsche Christentum ist sowas von aufgeklärt.

Für Humor waren die Aufklärer viel zu ernst. Mussten sie doch täglich – oft genug unter Einsatz ihres Lebens – gegen die Brutalitäten des Klerus und der Fürsten antreten. Selbst Kant knickte noch ein, als ein preußischer Minister namens Wöllner – ein Theologe – allzu heftige Religionskritik mit Strafen bedrohte. Es gibt nicht viele Deutsche, die für ihre Überzeugungen aufrecht gekämpft hätten.

Erst in der Romantik begann die Ablehnung der aufgeklärten Rigidität – die sie mit der Kanzelmoral der Prediger verwechselten – in Ironie und Sarkasmus umzuschlagen. Sie nannten es Humor. Keine Epoche der Deutschen bezog sich mehr auf die sokratische Ironie als die Gegenaufklärung, die das dialogische In-Schwebe-halten des athenischen Mäeuten in die Ironie Kierkegaards und der Romantiker verfälschte.

Hegel hasste die Ironie der genialischen Schwärmer, die alles und nichts für richtig hielten – bis sie im Hafen der Religion anlegten, um zurückzukehren in die seligen Gefilde ihres Kinderglaubens. „Es ist ihr Ernst mit nichts, es ist Spiel mit allen Formen“, verfluchte er die Ironie der fromm Gewordenen. „Sie soll darin bestehen, dass alles, was sich als schön, edel anlässt, hintennach sich zerstöre und aufs Gegenteil ausgehe.“

Bei Jean Paul, keinem direkten Romantiker, gründet Humor als Erscheinungsweise des Lächerlichen und Komischen in der „christlichen Entzweiung von Ich und Welt“. „Der Humor als das umgekehrte Erhabene vernichtet das Endliche durch den Kontrast mit der Idee.“

Das Erhabene? Ist etwas, das „stets auch mit dem Gefühl von Unerreichbarkeit und Unermesslichkeit verbunden. Es löst Erstaunen aus, das mit Ehrfurcht und Schrecken verbunden ist.“ Die Betonung liegt auf dem Ungeheuren, dem alle menschliche Macht sich beugen muss, der gegenüber das Ich ein Nichts ist. Im Humor wird das Erhabene seiner Unermesslichkeit und Bedrohlichkeit entkleidet, was sich in einem erleichternden Gelächter Bahn bricht.

Wer unter den Höllen-Predigten der Priester gelitten hatte, konnte zum ersten Mal erleichtert aufatmen. Gottlob scheint es so schrecklich nicht zu kommen, wie die theologischen Seelenpeiniger ihnen eingepeitscht haben. Wenn das himmlische Ideal nicht mehr die Kraft besitzt, das Ich zu vernichten, wird die Diskrepanz zwischen jenseitiger Vollkommenheit und irdischer Nichtigkeit als lächerlich empfunden.

Das war das emanzipatorische Moment des romantischen Humors, der aber allzu bald in zynische Destruktion ausartete, in der falschen Annahme, die von ihnen verachtete Tugendhaftigkeit sei die Moral der aufgeklärten Vernunft. Die Romantiker rächten an der Aufklärung, was sie durch Religion ihrer frühkindlichen Jahre erdulden mussten.

Das Erhabene ist die Ahnung der ungeheuren Macht des Göttlichen – in irdischen Naturerscheinungen. Natur wird zur transparenten Folie, hinter der man die allmächtige Übernatur zu erblicken meint. Wenn das bislang Bedrohliche zu Nichts zu schrumpfen scheint, beginnt die Allmacht des – irdischen Ichs.

Wir sind bei Fichte angekommen, der die „Selbständigkeit und Unabhängigkeit von allem, was außer ihm ist, aufhebt und in Schein verwandelt“. War eben noch das Nicht-Ich allmächtig und das Ich ein Nichts, kommt es nun zum Bäumlein-wechsle-dich: das Ich wird allmächtig, das Nicht-Ich – wahlweise Gott, die Natur und alles bisher Bedrohliche – wird zu Nichts, das nur von Gnaden des Ich existieren kann. Ohne die Allmacht des Ichs, alles Geschaffene zynisch zu demontieren, gäbe es keine Ironie.

Auch die heutigen Erben der romantischen Ironie scheinen vor Kraft zu bersten, wenn sie das Geflunker der Moralisten als schwächliches und selbstmitleidiges Jammern von der Tenne fegen. Wenn sie den „Hauch von Abgrund“ (Poschardt) furchtlos ins Visier nehmen, wollen sie demonstrieren, dass sie vor den „höllischen Folgen des Bösen keine Angst mehr haben.“

Auch das wäre eine löbliche Emanzipation vom Heiligen, wenn, ja wenn das Heilige nicht mit dem Vernünftigen verwechselt werden würde. Sie meinen das Jenseitige, wenn sie das Diesseitige attackieren. Moralisch wollen sie so gefestigt scheinen, dass sie sich stark genug fühlen, sich endlich den Versuchungen des Heiligen Antonius auszusetzen, ohne Angst, ihnen zu erliegen.

Indem sie sich des Transzendenten erwehren, bekämpfen sie die Autonomie des irdischen Menschen. Diesen Effekt kann man an heutigen Theaterläufern bemerken, wenn sie die Sauereien der allerkühnsten Regisseure und Zertrümmerer der bürgerlichen Bonhomie mit Bravour bestanden haben.

Ausländern fällt das motivlos scheinende brüllende Gelächter deutscher Männerhorden auf, hinter dem sie bei bestem Willen keinen Humor entdecken können. Zu recht. Bei uns wird nicht aus trivialen, sondern aus metaphysischen Gründen gelacht. Aus metaphysischen Gründen, die trivial werden wollen – es aber nicht schaffen. Anstatt darüber zu heulen und wehezuklagen, ziehen sie die Geste der Überlegenen vor, obgleich sie innerlich vor Scham erröten.

Jedes Gelächter ist eine subkutane Absage an die jenseitigen Mächte – aber ohne Absage an die irdischen Stellvertreter jener Mächte. Die Kirche muss im Dorf bleiben, auch wenn der Pastor ein Unikum und die Kanzlerin eine Demutsdrossel ist.

Nirgendwo in der oeconomia triumphalis ist Demut angesagt. Als Maske der Ökonomie-Kanzlerin aber wird sie höchlich bewundert. Der Logik des gesunden Menschenverstandes ist all dies unbegreiflich. Der hatte aber im tiefsinnigen Deutschland noch nie eine Chance. Selbst heute nicht, wo der Tiefsinn sich leise weinend verabschiedet und dem ungesunden Menschenverstand des Profitmachens Platz gemacht hat.

In der romantischen Ironie war von sokratischer Ironie am Ende „so gut wie nichts mehr zu erkennen.“ (Rudolf Haym, Die Romantische Schule) Sie endete in der Formel „vom steten Wechsel von Selbstschöpfung und Selbstvernichtung“, die ihre theologische Herkunft nicht mehr verbergen konnte. Der Kontrast zwischen majestätischer Unendlichkeit und nichtiger Endlichkeit wurde zur ironischen Paradoxie erklärt, die man mit der ratio nicht erfassen könne. Hier grenzt Ironie an das Heilige, dem Reich des „Irrationellen und Inkommenurablen“. Das Irrationale beendete alles Objektive, das mit Vernunft erfasst werden konnte.

Die romantische Ironie bereitete das Feld dem postmodernen Relativismus, dem Tod der objektiven Wahrheit und universellen Moral der Menschenrechte.

Kein Zufall, dass in der Gegenwartsepoche notorischer Lügen (als beliebige subjektive Wahrheiten) alle internationalen Institutionen der Humanität von Selbstschöpfern und -vernichtern Stück für Stück ausgehöhlt werden.

In Deutschland können Nazis die Fäuste recken und andere mit dem Tode bedrohen: abends in den Nachrichten der Öffentlich-Rechtlichen erscheint mit Gewissheit das Heilige in Form eines feierlichen Gottesdienstes – und allet is wieder juut.

Die Kirchen brauchen keine Schleichwerbung. Die Öffentlich-Rechtlichen sorgen permanent für indirekte Werbung à la Bernays. Terroristische Anschläge, Naturkatastrophen, feierliche Staatsakte sind willkommene Anlässe, das seelenstärkende Wirken der Gottesdiener unauffällig-sachgemäß in Erinnerung zu rufen. Selbst Gottlose wie Gerhard Schröder lassen es sich nicht nehmen, in lutherische Choräle mit einzustimmen.

Wer in Medien auf sich hält, gibt so nebenbei zu erkennen, dass er religiös musikalisch ist – obgleich er selbstredend weit davon entfernt ist, ein bigotter Kirchgänger zu sein.

Hier sind war am Ursprung der deutschen Amoralisten. Sie können keine Kanzelpredigten mehr ertragen, sind aber felsenfest davon überzeugt, dass es sie weiterhin geben muss, damit das Vaterland nicht ohne Segen bleibt. Am besten ist natürlich die politisch agierende Tochter eines Kanzelpredigers, die niemandem mit ihrer Herzensfrömmigkeit lästig fällt – nur im stillen Abseits für ihre Untertanen betet.

Uralte Weichenstellungen bestimmen die Gegenwart aus dem Hintergrund. Als die Urchristen im römischen Reich die Macht eroberten – war das ein unvorhergesehenes Missgeschick derer, die auf die Rückkehr ihres Herrn und Heilandes gewartet hatten. Doch der kam und kam nicht. Stattdessen kam die weltliche Macht als Ersatz für die Macht im Himmel und auf Erden, die sich an den Sankt Nimmerleinstag verzogen hatte.

Es war wie eine Droge, die über die still und asketisch vor sich hinlebenden Urchristen kam. Der Schmerz erfolglosen Wartens auf den Einbruch des Himmels wurde überdeckt von der unerwarteten Macht auf Erden, die alles daransetzte, die Lehre von den Letzten Dingen in den Hintergrund zu schieben.

Dieses Dilemma behebt Augustin, der sich für nichts interessierte als für Gott und das Heil seiner Seele. Ein zoon politicon konnte er also nicht gewesen sein. Seltsamerweise wurden gerade Gott und die Seele der Sündigen zum Einfallstor einer unbegrenzten Macht über alle Macht in Europa, später über die ganze Welt und die minderwertige Natur.

Augustin spaltet das Sein in zwei Teile, die nicht miteinander können und dennoch aufeinander angewiesen sind: auf die kirchliche und die staatliche Macht, die civitas dei und civitas diaboli. Die Kirche steht über dem Staat, der sie vor Heiden und Gottlosen schützen – und reich und mächtig machen muss.

Ein ungeheurer Paradigmenwechsel verändert die bisherige Kirche der Stillen und Armen im Lande zur ecclesia triumphans mit phantastischen Gotteshäusern, Domen und Kathedralen. Mehr als ein Drittel des europäischen Grund und Bodens ging in den Besitz des Klerus über. Auf Kosten des Volkes, dem sie ständig neue Glaubenssteuern verpassten, wurden die Papisten zu spirituellen Vorläufern der heutigen Profitmacher. Das Volk wurde ausgesaugt, abhängig gemacht und mit Almosen allerchristlichster Nächstenliebe durchgefüttert. Es war die Fortsetzung römischer Verfallszeiten, als das besitzlose Volk mit täglichen Fütterungen buchstäblich über Wasser gehalten werden musste.

Die civitas terrena war auf äußerliche Moral angewiesen, die mit Hilfe der staatlichen Macht garantiert werden musste. Diese Moral taugte nichts, denn sie war erzwungen. Sie musste erzwungen werden, denn der sündige Mensch war zur wahren Moral unfähig. Nur die Kirche konnte wahre Moral durch Gnade gewähren. Der Mensch musste sich zwar anstrengen, aber ohne Hilfe von Oben war alles Bemühen nichts. Bei Luther war nicht mal der gute Wille des Menschen ausschlaggebend.

Im Staat musste der Untertan zum äußerlichen Anstand gezwungen werden. In der Kirche war jedes menschliche Mühen und Rackern umsonst, ja sündig. Denn vor Gott sollte der Mensch seinen totalen Bankrott gestehen und sich der Gnade des Himmels unterwerfen. War Moral im Katholischen schon nicht rühmenswert, wurde sie im Lutherischen zur satanischen Versuchung, wenn der Mensch glaubte, sich mit ihrer Hilfe den Himmel erkaufen zu können. Ohne Werke des Gesetzes: das war das Todesurteil der Moral bis zur Aufklärung.

Doch die Romantiker bekämpften die Aufklärung und erhoben ein zynisches Gelächter über die „Moral der Kammerdiener“, Spießer und Spaßbremsen – bis zum heutigen Tag.

Langsam: nach der Niederlage der Völkerverbrecher, die keine universelle Moral kannten, begann erstmal eine demokratische Musterepoche. In Deutschland lernte man Menschenrechte, unantastbare Würde, Freiheit und Toleranz, bis die Aura der Vorbildlichkeit ihren Zenit überschritt, weil sie die Defekte der Moral nicht selbstkritisch aufgearbeitet hatte. Das dumpfe Grollen der Heuchel-Geschädigten wurde zur Pendelbewegung ins Reaktionäre.

Wer sich durch das Gute geschädigt fühlt, ohne sich klarzumachen, dass er durch die verleugneten Schattenseiten des Guten geschädigt wurde, der will alle Moral als Heuchel-Phrasen in Stücke hauen und in jene Epochen zurückkehren, in denen es noch keine Demokratie gab. Man sehnt sich nach Mächten der Vergangenheit, die man aus Rache und Trotz als die guten Mächte anbetet. Dies eben ist das gute Alte, zu dem man zurückkehren will, indem man alles Neue demontiert.

In der verflossenen Epoche war alles Zukünftige gut, alles Vergangene ewiggestrig, in der jetzigen wird alles auf den Kopf gestellt: das Vergangene wird idealisiert, das Gegenwärtige verflucht. Korrektur: das Technische bleibt nach wie vor das Feld des zukünftig immer Besseren. Nur das Politische und Moralische erzeugt Ekelgefühle, die sich nach dem unbefleckten guten Alten zurücksehnen.

Obwohl die moderne Demokratie kein religiös-weltliches Zwittergebilde ist, sondern eine Institution   aus einem Guss, dominiert noch immer der augustinische Dualismus im Herzen der Menschen. Politische Moral des autonomen Menschen? Eine lächerliche Hybris. Woran erkennt man noch immer den vom Glauben bestimmten Menschen? An seiner Absage an die Werke des Gesetzes oder am Ekel vor der sündigen Moral. Die Böckenförde-Doktrin, wonach demokratische Tugenden ohne Segen nicht bestehen können, wäre ohne augustinische Zweistaatenlehre undenkbar.

Dazu kommt noch das Schichtenproblem. Moral ist etwas für den Pöbel, der mit Hilfe der Polizei reglementiert werden soll. Für Eliten sind Moralismen überflüssig und lächerlich. Irgendwie müssen die Erfolgreichen sich doch von Überflüssigen unterscheiden.

Es ist nicht so, dass die Rechte allein moral-allergisch wäre. Wobei man die elitäre Rechte scharf trennen muss von den Unterschichten, die nach rechts driften, weil sie die Menschenrechtsheuchler eher bei den Linken vermuten.

Es ist wie bei Trump, der zur Elite gehört, aber die Nöte der Zukurzgekommenen, nein, sich nicht strategisch zu eigen macht, sondern tatsächlich als eigene empfindet und zur Grundlage seiner Ressentiment-Politik bestimmt hat. Warum das? Weil, wenn die universelle Menschheitsmoral ihren Siegeszug über die Welt fortgesetzt hätte, sein Job als habgieriger Kapitalist in die Bredouille gekommen wäre.

Auch Milliardäre können zu den langfristig Benachteiligten gehören, wenn die ökologische Naturrettung tatsächlich in die Gänge käme. Wenn der damit verknüpfte Gedanke der Gerechtigkeit die jetzige Ungerechtigkeit der Weltwirtschaft ins Wanken bringen würde. Ein effektiver Kampf gegen die Naturzerstörung würde die jetzigen Besitzverhältnisse in den Grundfesten erschüttern. Eine naturverträgliche Wirtschaft wäre ohne radikale gerechte Besitzverteilung undenkbar. Die Natur retten heißt, gerechte Verhältnisse unter den Menschen schaffen.

Nachdem Moral vor allem aus der rechten Ecke angeschossen wurde, beschäftigt sich ein Artikel der ZEIT mit dem Aufkommen eines antimoralischen Affekts aus der linken Ecke:

„In diesem Kontext entdecken nun auch Linke die Kritik des Moralismus. Darin nahmen sie das aufs Korn, was sie für einen überbordenden Moralismus der arrivierten Schichten halten, jenen "Komplex aus Moral, Interessen und Herrschaftstechnik". Auch kritisierten sie die angebliche Doppelmoral der sogenannten Willkommenskultur. Deren "absolute moralische Forderung" nach "Grenzen offen für alle" müsse eine "linke Position" entgegengestellt werden.“ (ZEIT.de)

Doch schnell versandet der Artikel in den Untiefen ungeklärter Begriffe. Die Willkommenskultur war keine Kultur „liberaler Eliten“, sondern des moralisch ausgehungerten Bürgertums. Ausgehungert durch den von Oben verpassten Neoliberalismus.

Leider war diese moralische Eruption nicht standfest genug, zudem wurde sie von Oben viel zu wenig unterstützt, sodass sie in manchen Punkten umkippte. Gleichwohl gibt es immer noch eine riesige Quote an ehrenamtlicher Tätigkeit in der BRD, die aber von der Presse nicht zur Kenntnis genommen wird. Will sie sich doch mit keiner Sache gemein machen. Auch nicht mit der guten. Es war vor allem die Kehre Merkels, die das Klima zunehmend vergiftete.

Der folgende Satz ist kompletter Unfug: „Linke Moralkritik zielt darauf, das gute Gewissen der Mächtigen zu stören, sie will die Selbstzufriedenheit der Privilegierten infrage stellen.“ Die Mächtigen sind nicht die Klasse der Moralisten.

Stattdessen wird Bertolt Brecht ins Feld geführt:

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral", dieser berühmte Satz aus Brechts Dreigroschenoper will nicht das unmoralische Verhalten der Armen und Unterdrückten entschuldigen, er ist vielmehr ein Vorwurf an die Mächtigen. Diese könnten sich ihre tugendhaften Predigten nur deshalb leisten, weil sie von einer zutiefst ungerechten Gesellschaftsordnung profitierten. "Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben / Und Sünd und Missetat vermeiden kann / Zuerst müßt ihr uns was zu fressen geben / Dann könnt ihr reden: Damit fängt es an." Moral, das ist Brechts Pointe, hat materielle Voraussetzungen, und wer von der Wirtschaftsordnung nicht sprechen will, soll sich die Predigten sparen.“

Eher sind die Armen moralischer als die Reichen. Hier zeigt der Artikel eine subkutane Verachtung der Moral aus ex-marxistischer Sicht, die von autonomer Moral ohnehin nichts wissen will. Moral hat keine materiellen Voraussetzungen, sondern geistige und philosophische. Auch die Armen können aufgeklärte Wesen sein, die selbst bestimmen, was sie für gut oder schlecht halten. Es kommt nicht auf die Quantität einer moralischen Aktion an, sondern auf das je persönlich Mögliche.

Wenn schon über Moral gestritten wird, sollte man sich klar machen: es geht selten um ein Entweder-Oder, sondern um die Art und Weise der praktischen Moral. Wie kann man wirkungsvoll helfen? Wie können die Flüchtlinge in die Gesellschaft aufgenommen werden, ohne die hier vorhandenen Benachteiligten noch mehr zu benachteiligen?

Sollte Sahra Wagenknecht die sozial Benachteiligten gegen die Flüchtlinge ausspielen, hätte sie nicht verstanden, dass zur Lösung des planetarischen Flüchtlingsproblems eine radikal gerechte Weltwirtschaft unerlässlich wäre. Der zur Verfügung stehende Kuchen wäre nicht nur unter deutschen und migrantischen Armen zu verteilen, sondern unter der ganzen Menschheit. Gerade die Reichen müssten zur Kasse gebeten werden. Es ist unmoralisch und politisch gefährlich, die Ärmsten der Armen gegeneinander auszuspielen. Das Jahrhundertthema der Flüchtlinge darf nicht auf ihrem Rücken ausgetragen werden.

Der nächste Punkt des Artikels aber trifft ins Schwarze:

„Der unpolitische, privatistische Moralismus der Mittelschicht gibt sich engagiert und kritisch, dient dabei aber auch und vor allem dem psychologischen Nebeneffekt der Gewissenserleichterung. Mit diesem Moralismus lassen sich, überspitzt gesagt, die ungerechten Verhältnisse und die eigenen Privilegien ein wenig stressfreier genießen. Hier liegt der Kern der linken Kritik am liberalen Moralismus: dass dieser notwendigerweise an seinen eigenen Ansprüchen scheitern muss, weil er nicht bereit ist, die Logik des Kapitalismus und die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft ernsthaft anzutasten.“

Wenn moralisches Tun nur den Zweck hätte, sich selbst ein gutes Gewissen zu bereiten, ohne die Ungerechtigkeit der Weltwirtschaft in Frage zu stellen, würde man es als Absolution der eigenen Kritikunfähigkeit missbrauchen. Dies war der Sinn der theologischen Moralpredigt: Tu Gutes, unterwirf dich der Obrigkeit, die von Gott eingesetzt wurde – auch in Demokratien.

Die Flüchtlingshilfe ist mit Almosen der reichen Länder nicht zu bewältigen. Die Menschheit muss gerecht werden, wenn sie die universellen Menschenrechte verstanden haben will. Sollten die Deutschen sich nicht ändern, wäre es besser, sie würden den Artikel 1 aus dem Grundgesetz streichen. Nicht die Würde des Einzelnen, die Würde aller Einzelnen ist unantastbar.

Augustin übernahm von Platon den Gedanken einer gerechten Gesellschaft. Doch bei Platon wäre die gerechte Paideia die Errungenschaft der Menschen gewesen. Augustin verwandelte die Gerechtigkeit in ein göttliches Gnadengeschenk. Wenn die Gnade Gottes alle Fähigkeiten des Menschen zunichte macht, ist die Gerechtigkeit Gottes mit der Gerechtigkeit des Menschen unvereinbar.

Bei Augustin war das Stigma der Sünde dem Staat „unzerstörbar eingebrannt. Das bildet den Unterschied zwischen klassischem griechischem und frühchristlichem Denken. In diesem Punkt war kein Kompromiss möglich.“ (Ernst Cassirer, Mythus des Staates)

Deutschland will eine gerechte Demokratie mit christlichen Werten sein. Demokratie und Gerechtigkeit aber sind klassisch griechische Erfindungen – die mit christlichen Werten unvereinbar sind.

Die Welt muss neu verteilt werden. Aber nicht von Machteliten, die den Verstand verloren haben.

 

Fortsetzung folgt.