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Tagesmail - Freitag, den 07. September 2018

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Endkampf, Endsieg! Wir betreten die letzte Epoche der Menschheitsgeschichte.

„Aktuell umfasst die Weltbevölkerung 7,6 Mrd. Menschen – in weniger als 50 Jahren wird sie sich verdoppelt haben. Wer diese Fakten ausblendet und ohne Rücksicht auf ihre Umsetzbarkeit die Losung, ‚Fluchtursachen bekämpfen!‘ ausgibt, verweigert sich den Realitäten. Zu diskutieren wäre z. B., ob die Deutschen den Nationalstaat, ihr historisches Erbe sowie den eigenen Kulturraum überhaupt für schützenswert halten. Fällt die Antwort negativ aus, braucht es auch keine neue Grenzanlage.“ (BILD.de)

BILD und Martin Wagener, deutscher Professor – und Prophet, der in die Zukunft schauen kann.

In 50 Jahren werden 15 Milliarden Menschen die Erde kahl fressen. Wer diesen Endkampf als Sieger bestehen will, muss sich heute rüsten:

„Was wir brauchen, sind sichere UND durchlässige Grenzen. Mit großen Grenzübergangsstellen ließe sich der frei fließende Verkehr reibungslos bewältigen, während Wärmebildkameras, Nummern- und Ausweis-Scanner und etwa 90 000 Grenzschützer die Sicherheit fast unmerklich im Blick hätten. Es wäre wie jetzt, nur kontrolliert. Mit Abschottung hat mein Vorschlag nichts zu tun.“

Schon ist jetzt ist das deutsche Vaterland gefährdet:

„Illegale Migration, Grenzkriminalität, Terror-Einreise und -Rückkehrer, Waffen- und Drogenschmuggel gefährden den inneren Frieden der Gesellschaft“.

Vordergründig geht es um untadelige Zwecke:

„Wer die freiheitlich-demokratische Grundordnung schützen möchte, muss neue Wege beschreiten. Dazu muss der Begriff der ,Grenze‘ neu gedacht und mit neuen ...

... Inhalten gefüllt werden. Anders geht es nicht. Die aktuelle Politik wird dagegen langfristig zu einer Systemerschütterung führen.“

Die deutsche Identität muss geschützt werden – und wenn die ganze Welt unterginge. Wir und unsere besten Freunde – oder der Rest der Welt. Wer Endsieger werden will, muss sich ins Unvermeidliche schicken. Nein, die Grenze wird nicht neu gedacht, sie wird nur mit neuesten technischen Methoden überwacht.

Von der drohenden Klimakatastrophe ist keine Rede. Kann eine einzelne Nation dieser planetarischen Gefahr entgehen? Kann man Überhitzung, Wassermangel und versengten Boden mit raffiniert bewachten Grenzen abhalten? Sitzen wir nicht alle in einem Boot?

Wir bräuchten auch keine milliardenschweren KI-Geräte, um die Grenzen gegen Unwillkommene abzuschotten. Ein Blick auf China könnte weiterhelfen. Dort wurde jeder Untertan durch Umwandlung in einen ambulanten Roboter rund um die Uhr transparent gemacht.

Nach diesem Vorbild könnte jedem Europäer eine Nummer implantiert werden, mit deren Hilfe der Weizen vom Unkraut gesondert wird. Wer nicht elektronisch identifizierbar ist, wird dingfest gemacht, in seine unwirtliche Heimat zurückgeschickt, im Wiederholungsfalle erschossen.

Der Sinn der Heilsgeschichte zeigt sich als eschatologische Weltpolitik: die Besten sollen gewinnen, die Anderen untergehen. Dem professoralen Propheten ist es gelungen, die noch nebelhaften Umrisse der deutschen Endkampfpolitik in unmissverständlichen Worten zu formulieren. Eine Demokratie, die sich Menschenrechten verpflichtet fühlt, soll mit militärischen und technischen Methoden alle universelle Ethik hinter sich lassen, um das eigene Wohlergehen zu sichern.

Das ist nicht nur anti-universell, das ist auch töricht. Denn die sich abzeichnende Katastrophe wird alle Menschen und Völker bedrohen. Keine Nation wird die Chance haben, allein davonzukommen. Der bloße Selbsterhaltungstrieb wird das Wohlergehen aller anstreben müssen, um das eigene Überleben zu sichern.

Die beginnende Endkampf-Phase ist für Deutsche eine Wiederkehr des Gleichen, wenngleich unter variierten Umständen. In Sachen Endkampf und Endsieg sind die Deutschen Experten. Ihr Drittes oder 1000-jähriges Reich war ein eschatologisches Ereignis. Nur die beste Rasse war geeignet und prädestiniert, die Natur zu retten – indem sie ihr Dominium über die ganze Welt ausdehnt:

„Wir werden uns zielbewusst gegen das Ungermanische verteidigen, und nicht nur unser Reich immer weiter über die Erdoberfläche und über die Kräfte der Natur auszudehnen suchen, sondern namentlich die innere Welt uns unbedingt unterwerfen, indem wir Diejenigen, die nicht zu uns gehören und die sich Gewalt über unser Denken erobern wollten, schonungslos zu Boden werfen und ausschließen.“ (H. S. Chamberlain, Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts)

Für Hitler war der adlige Brite Vaterfigur und Vordenker, den er bei allen Besuchen der Wagner-Familie in Bayreuth zum Gespräch traf. Chamberlain wollte den absoluten Staat, die lang ersehnte Vereinigung von civitas dei und civitas diaboli, identisch mit dem Dritten Reich Joachim Fiores und Moeller van den Brucks:

„In dem Gedanken an Katholizität, Kontinuität, Unfehlbarkeit, göttliche Einsetzung, allumfassende, fortdauernde Offenbarung, Gottes Reich auf Erden, Gottes Vertreter als obersten Richter, jede irdische Laufbahn die Erfüllung eines kirchlichen Amtes – in dem allem liegt soviel Gutes und Schönes, dass der aufrichtige Glaube daran Kraft verleihen muss. Dieser Glaube gestattet keine Scheidung zwischen Zeitlichem und Ewigem, Weltlichem und Himmlischem. (ebenda)

Hegel war das philosophische Urgestein, das die Trennung von Jenseits und Diesseits, Gott und Welt, Kirche und Staat, Himmel und Hölle in unendlicher Verknüpfungsarbeit versöhnt hatte. Es gab kein Widerspruch mehr zwischen Sein und Sollen, Ideal und Wirklichkeit, Zeit und Ewigkeit:

„In der Geschichte sind die beiden Faktoren von Zeit und Ewigkeit nicht voneinander getrennt; sie durchdringen einander. Die Ewigkeit geht nicht über die Zeit hinaus; sie ist im Gegenteil in der Zeit selbst zu finden. „Darauf kommt es dann an, in dem Scheine des Zeitlichen und Vorübergehenden die immanente Substanz und das Ewige, das gegenwärtig ist, zu erkennen.“ Anders als Platon sucht Hegel die Idee nicht in einem überhimmlischen Raum. Er findet sie in der Gegenwart des sozialen Lebens des Menschen und seiner politischen Kämpfe. „Die Philosophie hat es mit dem Gegenwärtigen, Wirklichen zu tun. Die Idee ist präsent, der Geist unsterblich. Gott „hat“ nicht nur Geschichte, er ist Geschichte.“ (Ernst Cassirer, Der Mythus des Staates)

Im absoluten Staat kulminiert die finale Vereinigung von Himmel und Erde, von Heilsgeschichte und profaner Geschichte:

„Für Hegel ist der Staat die höchste und vollendetste Realität. Für ihn ist der Staat die Inkarnation des Weltgeistes. Die civitas terrena war die göttliche Idee, wie sie auf Erden existierte. Das ist eine ganz neue Art von Absolutismus.“ (ebenda)

Kommen wir zu der Person, die Fiores Drittes Reich, Hegels Vereinigung aus Überwelt und Welt, aus Kirche und Staat, in schreckenerregende Politik verwandelte:

„Ich war vom schwächlichen Weltbürger zum fanatischen Antisemiten geworden. Nur einmal noch – es war das letztemal – kamen mir in tiefster Beklommenheit ängstlich drückende Gedanken. Als ich so durch lange Perioden menschlicher Geschichte das Wirken des jüdischen Volkes forschend betrachtete, stieg mir plötzlich die bange Frage auf, ob nicht doch vielleicht das unerforschliche Schicksal aus Gründen, die uns armseligen Menschen unbekannt, den Endsieg dieses kleinen Volkes in ewig unabänderlichem Beschluss wünschte? Haben wir ein objektives Recht zum Kampf für unsere Selbsterhaltung, oder ist auch dies nur subjektiv in uns begründet? Die jüdische Lehre des Marxismus … entzieht der Menschheit damit die Voraussetzung ihres Bestehens und ihrer Kultur. Sie würde als Grundlage des Universums zum Ende jeder gedanklich für Menschen fasslichen Ordnung führen. Siegt der Jude mit Hilfe seines marxistischen Glaubensbekenntnisses über die Völker dieser Welt, dann wird seine Krone der Totentanz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet wieder wie einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den Äther ziehen. Die ewige Natur rächt unerbittlich die Übertretung ihrer Gebote. So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich der Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.“ (Mein Kampf)

Was ist das Gemeinsame von damals und heute, was ist unterschiedlich?

Das Gemeinsame ist Angst. Angst vor dem Ende. Angst vor Selbstvernichtung mittels Vernichtung der Natur, sodass in absehbarer Zeit der Planet wie dereinst menschenleer durch den Äther ziehen könnte.

Das Gemeinsame ist Hass auf Schuldige, die nichts unterlassen, um die finale Katastrophe herbeizuführen.

Das Gemeinsame ist die mörderische Absicht, diese Schuldigen vom Erdboden zu vertilgen.

Das Unterschiedliche sind die Schuldigen. Es sind nicht mehr die Juden. Aber wer ist es dann?

Die Schuldfrage wird zurzeit noch ausgewürfelt. Durch ständige Kriege im Nahen Osten. Durch Desavouierung des unter Gorbatschow friedlichen Russland zur westen-feindlichen Nation. Durch Bestrafung des bald übermächtigen China mit Wirtschaftsmaßnahmen und klaren Drohungen: sollte das Reich der Mitte sich anmaßen, Amerikas Führungsrolle in der Welt anzuzweifeln, wird es zur militärischen Entscheidungsschlacht kommen. Zurzeit üben sich die beiden Giganten in ökonomischen Rangeleien um die erste Rolle in der Welt.

Favoriten für die Schuldigen sind momentan 1. Der Islam. 2. China. 3. Russland.

Die Natur, die Hitler bedroht sah, war nicht der Kosmos der Griechen oder heidnischer Naturreligionen. Sie war die Schöpfung Gottes, die erfüllen muss, was Gott ihr vorschrieb.

Kaum gegründet, hatten die Grünen Angst, ihre Natur könnte identisch sein mit der Natur der Nationalsozialisten. Weshalb sie schnell zur biblischen Formel von der „Bewahrung der Schöpfung“ flüchteten. Das war Unsinn. Wie hätte der Führer sich als Vollstrecker des göttlichen Willens fühlen können, wenn er nicht an die von Gott gelenkte Heilsgeschichte geglaubt hätte?

Der Nationalsozialismus ist, wie fast alle Elemente der Moderne – Fortschritt, Zukunftsfanatismus, Naturzerstörung, grenzenloses Machtstreben und Spaltung der Menschheit in wenige Erwählte und massenhaft viele Verworfene – ein christliches Phänomen, das sich in weltliche Strukturen transsubstantiierte.  

Gemeinsam ist auch die Begrenzung des deutschen Rettungswillens auf das Wohl der eigenen Nation. Unterschiedlich die Zwecksetzung: bei Wagener ist es die deutsche Demokratie, welche gerettet werden soll; im Dritten Reich war es das deutsche Volk unter totalitärer Führung, das den Endsieg über alle Feinde erringen sollte.

Doch der Unterschied schrumpft, wenn die Deutschen schon wieder glauben, allein davonzukommen. Eine Demokratie mit Vernunft würde erkennen, dass die Menschheit nur in toto davonkommt – oder gar nicht.

Gemeinsam ist die Motivation. Haben die Deutschen das Recht, sich selbst zu erhalten? Nach einem glanzvollen Mittelalter waren sie zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft. Als sie sich wieder erholt und zur mächtigen Nation entwickelt hatten, wurde aus der wehleidigen Frage eine trotzige Antwort: Nun haben wir genug gelitten. Jetzt zeigen wir‘s der Welt. Selbstbehauptung wurde zur Eroberung der Welt. Ihre Feinde sollten erbarmungslos eliminiert werden.

Seinen bewussten Worten nach ist Wagener weltenweit entfernt von diesem totalitären Ansinnen. Indem er jedoch nur die Selbsterhaltung der eigenen Nation thematisiert – ja, und einiger Freunde – riskiert er den Untergang aller anderen Völker. Klima- und Flüchtlingskatastrophen werden vor keiner nationalen Grenze halt machen.

Seit Deutschland durch Wirtschaftskraft wieder mächtig wurde, regrediert es, hinter Phrasen europäischer Solidarität, zur solipsistischen Macht.

Beispiel unter vielen: Als die in den USA begonnene Finanzkrise die Welt erschütterte, verweigerte sich Deutschland einer gesamteuropäischen Verantwortung:

„Die Niederländer und Franzosen haben es vorgeschlagen, Deutschland wollte nicht einmal darüber diskutieren! Dabei wäre es nötig gewesen, gemeinsam ein großes Konjunkturpaket zu schnüren und weitere Befugnisse auf die Europäische Kommission zu übertragen. Aber die Deutschen haben das sofort für tot erklärt.“ (SPIEGEL.de)

Die Formel „no bail out“ – jeder mache sein eigenes Ding im Kampf aller gegen alle – der EU-Verträge wurden auf Veranlassung der Deutschen zum wirtschaftlichen Dogma der EU. Macron wollte Europa enger zusammenführen – Merkel lässt ihn, unter vielen Lobsprüchen, an die Wand fahren.

Warum ist die deutsche Kanzlerin in Europa so verhasst? Weil sie demütige Alleingänge bevorzugt. Hätte sie die Flüchtlingsproblematik bereits vor Jahren erkannt, als diese sich im Nahen Osten und Afrika längst abzeichnete, hätte sie keine „einsame“ Entscheidung unter Zeitdruck treffen müssen. Sie hätte Zeit genug gehabt, eine gesamteuropäische Lösung zu versuchen.

Schon vor Jahren enthüllte Wagener seine weltpolitischen Visionen ohne Umschweife in der FAZ. Spätestens, als in der NSA-Affäre die Forderung erhoben wurde, dem „Verräter“ Snowden den Friedennobelpreis zu verleihen, sei klar geworden, dass die Deutschen an Naivität nicht mehr zu übertreffen seien:

„Als Gregor Gysi in der Sitzung des Bundestages forderte, Edward Snowden den Friedensnobelpreis zu verleihen, wurde deutlich, dass er in einer sicherheitspolitischen Phantasiewelt lebt. Die SPD sollte auch das bedenken, wenn sie sich der Nachfolgepartei der SED weiter öffnen will.“ (FAZ.NET)

Solange Deutschland sich mit humanitären Phrasen begnüge, werde seine mangelhafte militärische Sicherheitspolitik die ganze Nation in Kalamitäten bringen:

„Solange eine Debatte nationaler Interessen von vielen für anrüchig gehalten wird und sich nur wenige Bundespolitiker für militärische Fragen interessieren, so lange wird Deutschland in Fragen der Sicherheitspolitik mit Amerika nicht einmal ansatzweise auf „Augenhöhe“ operieren können. Das Ergebnis sind Abhängigkeiten, die der Starke ausnutzen kann und der Schwache hinnehmen muss.“

Es war nicht Trump, der den nationalen Alleingang der USA (America first) erfand.

„Die Amerikaner agieren absolut transparent. Nationale Interessen und Machtansprüche werden klar formuliert. Sind Strategen wie Zbigniew Brzezinski, der von 1977 bis 1981 Nationaler Sicherheitsberater von Präsident Jimmy Carter war, nicht mehr im Amt, wird das letzte verbale Tarnhemd abgestreift. In seinem 1997 veröffentlichten Buch „Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft“ spricht Brzezinski von „amerikanischen Vasallen und tributpflichtigen Staaten“ - und meint damit auch Deutschland.“

Seit Jahrzehnten lügt sich Deutschland in die Tasche, dass Amerika nichts Besseres zu tun habe, als für das Wohlwollen ihrer ehemaligen Feinde zu sorgen. Je mächtiger und beliebter die Deutschen wurden, je mehr das Ansehen ihrer Retter sank, je mehr wuchs in Amerika der Verdruss, ja, die instinktive Abneigung gegen die germans, die sich auf ihre Kosten mästeten. Das betraf nicht nur Deutschland, sondern die ganze EU, die lange Zeit als Modell einer friedlichen Völkervereinigung galt.

Nach ersten Empörungen gegen Trumps desolate Rüpelpolitik ist die deutsche Stimmung längst umgekippt. Das Moralisieren à la Obama wird mit wachsender Abscheu abgelehnt. Deutschlands beste Freunde in der Welt, Amerika und Israel, haben zufälligerweise zwei zum Verwechseln ähnliche Regierungschefs. Wie Trump kann Netanjahu in fast alle Näpfchen treten: seine Parteigänger halten treu zu ihm.

«Er wurde niemals von Israels Eliten akzeptiert. Heute teilt und personifiziert Netanjahu den Frust derjenigen, die sich von der liberalen Oberschicht betrogen fühlen.» Netanjahus von Milliardären finanzierter luxuriöser Lebenswandel nehmen seine Anhänger ihm auch nicht übel: «Von mir aus kann Netanjahu Goldstücke zum Frühstück essen», sagt Likud-Sekretär Morali. «Es ist anstrengend, Premierminister zu sein. Man kriegt kaum Schlaf. Wenn Netanjahu sich den ganzen Tag um uns kümmert, warum soll ich ein Problem damit haben, dass er teure Zigarren raucht und Champagner trinkt?» «Er ist mein Premier. Es soll ihm gut gehen. Die alten Eliten wirtschafteten in die eigene Tasche. Netanjahu ist auch ein bisschen korrupt, aber er gibt uns etwas ab.»“ (WELT.de)

Die Deutschen spielten jahrzehntelang die Musterknaben im Schutz ihrer amerikanischen und israelischen Freunde, die von ihnen stets verklärt wurden. Scharfe Kritik an den Freunden –selbst wenn es um schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen ging – waren tabu. Freunde, auf deren Wohlwollen man angewiesen ist, attackiert man nicht vor aller Welt.

Duckmäuser waren die Deutschen schon lange. In der Nachkriegszeit wurden sie demokratische Duckmäuser. So passierte, was nicht ausbleiben konnte: die Musternation eignete sich subkutan – hinter der Maske unbefleckter Humanität – das bigotte Verhalten ihrer großen Freunde an. Das Subkutane drang immer mehr ins öffentliche Bewusstsein und wurde mittlerweilen zur „nüchternen, illusionslosen“ Machtpolitik Merkels.

Lange vor Trump beschrieb Wagener die amerikanische Hybris, als ob es sie schon immer gegeben hätte:

„Amerika hält sich auch für eine der Wiegen der Demokratie und besitzt deshalb ein großes Sendungsbewusstsein. Zugleich sind die Vereinigten Staaten bereit, wie der letzte Krieg gegen den Irak gezeigt hat, sich notfalls über geltendes Völkerrecht hinwegzusetzen. Der amerikanische Politologe Robert Kagan hatte 2003 die unterschiedlichen machtpolitischen Ausgangspositionen zwischen dem alten und dem neuen Kontinent in einem Essay unter dem Titel „Macht und Ohnmacht. Amerika und Europa in der neuen Weltordnung“ herausgearbeitet. Kagans Quintessenz: Der Mächtige kann das Recht nutzen, der Schwache muss es!

Dasselbe könnte man über Netanjahu schreiben. Europäische Nachbarn spielen in Merkels Koordinatensystem keine Rolle. Bislang orientierte sie sich an der christlich-jüdischen Staatensymbiose. Je mehr die beiden erwählten Nationen in der Welt in Verruf geríeten, je mehr kam Deutschland ins Wanken. Einen eigenen Kompass entwickelte die Musterschülernation mit leerem Gesicht bislang nicht.

Soll sie dem langweiligen und geradlinigen Weg der Menschenrechte folgen – oder dem aufregenden, anrüchigen, mit dem Abgrund kokettierenden Pfad einer machtgierigen Wirtschaftsnation?

Diese Frage war die Frage linker Intellektueller im beginnenden Bismarckreich, welches Macht und Reichtum versprach – wenn demokratische Grundsätze der Untertanen aufgeben würden. Dahlmann, ehemaliger Freund des standhaften Gervinus, hielt nichts von moralischen Grundprinzipien, die die Realpolitik Bismarcks hemmen und schwächen könnten.

In den Worten Gordon A. Craigs: „Freund Dahlmann zog, inmitten der Trümmer ihrer gemeinsamen Hoffnungen, den Schluss, es sei töricht gewesen, in einer Welt, in der nur die Macht zähle, eine Politik der Prinzipien zu betreiben. Für die liberale Bewegung sei es ratsam, ihre Politik an den jeweiligen realpolitischen Möglichkeiten auszurichten.“ (Die Politik der Unpolitischen)

An dieser Gabelung stehen wir: Gervinus‘ demokratische Standhaftigkeit – oder Dahlmanns Realpolitik, die im Ersten Weltkrieg endete?

 

Fortsetzung folgt.