Sofort, Hier und Jetzt IX

Tagesmail - Mittwoch, den 05. September 2018

Sofort, Hier und Jetzt IX,

1836 schrieb Georg Gottfried Gervinus – linker Verfasser einer ungewöhnlichen „Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen“, wegen „demokratischer Publikationen (Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts) vom Mannheimer Hofgericht wegen Hochverrats zu zwei Monaten Festungshaft verurteilt und erneut aus dem Universitätsdienst entlassen“:

„Das Leben hat sich bei uns gleichsam in die Bücher zurückgezogen. Seit Jahrhunderten haben wir das Handeln vergessen und in einem Reich der Ideen gelebt. Wir vergraben uns in ein selbstgefälliges Spiel mit Leidenschaften, um nur nichts mit der Tätigkeit und mit dem handelnden Leben zu tun haben zu müssen.“ (zit. bei Gordon Craig, Die Politik der Unpolitischen, Deutsche Schriftsteller und die Macht“)

Gegenwärtig sind auch Bücher und Ideen abhanden gekommen. Bücher, weil sie beim ständigen Umziehen hinderlich sind; Ideen, weil sie den Aufstieg in ideenfreie Hoch-Etagen verhindern.

Gervinus war geprägt von Friedrich Schlosser, der als Historiker „die allgemeinen Grundsätze der Tugend lehren wollte. Nach Schlosser habe der wahre Historiker seine Zeitgenossen zu erziehen, „indem er sie mit geschichtlich erhärteten moralischen Lektionen konfrontierte und andere nützliche Lehren aus der Vergangenheit ziehen ließ.“

Schon damals ging es nicht um philosophische Ideen, sondern um ästhetische Selbstergötzungen jenseits harter Tatsachen der Politik. Gervinus wollte die Deutschen überzeugen, dass es an der Zeit sei, „aus der Sphäre der ästhetischen Betrachtung auszubrechen und sich auf die politische Betätigung vorzubereiten.“

Fast alle Dichter und Denker waren apolitische Meister der Innerlichkeit gewesen. Selbst Schiller, einstmals Bewunderer der Französischen Revolution, hatte ...

... sich aus der Tagespolitik zurückgezogen und wollte mit einer „ästhetischen Erziehung“ seinen Mitbürgern die Voraussetzungen schaffen, auf politische Herausforderungen intelligenter und humaner zu reagieren. Das Theater hielt er für eine moralische Anstalt, worüber heute alle Ästheten und Theaterläufer ins Wiehern kommen.

Schillers Analyse des Staates in seinen „Ästhetischen Briefen“ erahnte bereits die Strukturen der Moderne. Kein Individuum könne mehr sein „unabhängiges Leben“ genießen. Der neue Geist der Regierung gleiche „einem kunstreichen Uhrwerk, wo aus der Zusammenstückelung unendlich vieler, aber lebloser Teile ein mechanisches Leben im Ganzen sich bildete.“

Aus dem Uhrwerk wurde das heutige System, dessen Mechanismus aus ökonomischen Gesetzen besteht. Aus unabhängigen Individuen wurden atomar zerbröselte, isolierte Wesen, die in immer engeren Wohnungen zusammengepfercht werden und auf Knopfdruck den Signalen der Industriemänner zu folgen haben.

Nur Hölderlin war die große Ausnahme, der die Deutschen heftig angriff:

„Schämet euch, dass ihr noch einen König wollt. Euch ist nicht zu helfen, wenn ihr selber euch nicht helft.“

Nur eine Revolution, davon war Hölderlin überzeugt, könne das Vehikel sein, um auch in Deutschland fruchtbaren Boden für ein Reich der Freiheit und eine kulturelle Hochblüte zu bereiten – nach dem Vorbild des alten Griechenlands.

Heute würde Hölderlin sagen: Schämt euch, dass ihr eine Obrigkeit braucht, die euch Demokratie beibringen will – anstatt dass ihr diesen Mutisten vormacht, was freie Selbstbestimmung ist.

Der Dichter Ferdinand Freiligrath hatte die antidemokratische Spießbürgerei der Deutschen auf die Schippe genommen:

Du sollst, verdammte Freiheit, mir

Die Ruhe fürder nicht gefährden!

Lisette, noch’n Gläschen Bier!

Ich will ein guter Bürger werden.

Zum Teufel mit der Politik!

Man übersetze Ruhe mit Konsumbeschleunigung, Gläschen Bier mit TV-Zirkus – und erhalte die heutige Friedhofs-Ergebenheit zum finalen Abgang.

Wie begründeten die Deutschen ihre Politikverachtung, derweilen ihre westlichen Konkurrenten sich die Welt unter den Nagel rissen? Innerlich wollten sie ihnen überlegen sein. Innerlich war bei Schiller noch moralisch. Ab der Romantik wurde es ahndungsvoll-schwärmerisch, frei von abstrakter Vernunftmoral.

„Wir Deutsche haben uns in der Politik verspätet, weil wir an unserer und der Menschheit innerer Bildung gearbeitet haben“ – schrieb der Ästhetiker Friedrich Theodor Vischer, der, man höre und staune, ausgerechnet den politischsten unter allen Dichtern, Hölderlin, zum „passiven, weiblichen Genie“ verstümmelte. Wenn Hölderlin überhaupt Bedeutung zukomme, dann in der „Geschichte der Phantasie“.

Demokratie ist heute ein Event, das man sich gefallen lässt – wenn es weder nervt noch das Wirtschaftswachstum behindert. Generell fühlt man sich nicht zuständig. Die ästhetische Distanz wurde zur Beobachter-Haltung. Niemand ist verantwortlich, die gefährdete Gesellschaft zu retten.

Schule ist kein Reparaturbetrieb, sagen die Lehrer. Fernsehen ist nicht dazu da, die Demokratie zu retten, sagt Moderator Plasberg. Industrie ist nur da für sprudelnde Gewinne, sagen die Reibachmacher. Medien sind nicht dazu da, sich mit der guten Sache gemein zu machen, sagen die Medien, auch nicht mit der schlechten. Historiker haben keine Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Von Literaten, Professoren, Sportlern, Schauspielern oder TV-Stars: kein Wort. Das Volk ist unfähig, überkomplexe Vorgänge zu verstehen. Haben sie ihr Kreuzchen gemacht, soll‘s das gewesen sein. Beamte haben von Natur aus keine Meinung, dafür erhalten sie gesicherte Arbeitsplätze und üppige Pensionen. Malocher haben keine Zeit für politischen Schnickschnack, Mütter müssen arbeiten gehen, damit sie nicht auf die verwegene Idee kommen, Demokratie zu verteidigen.

Die Zivilgesellschaft soll sich raushalten, wenn sie nicht verlängerter Arm des Staates sein will, fordert Broder in der WELT. Dass Staat in einer Demokratie kein Ding an sich ist, sondern nur eine Funktion des Demos, scheint Broder unbekannt zu sein:

„Eine „Zivilgesellschaft“, die sich von der Regierung aushalten lässt, ist keine. Und eine Regierung, die ihren Bürgern „Demokratie“ beibringt, beweist nur, wie sehr sie denjenigen misstraut, denen sie ihre Ämter verdankt. Die Zivilgesellschaft ist ein exklusiver Club. Wer dazugehört und wer nicht, darüber entscheiden diejenigen, die staatliche Mittel an die Einrichtungen der Zivilgesellschaft verteilen.“ (WELT.de)

Ob finanziell unterstützt oder nicht: Zivilgesellschaft ist nichts anderes als die Summe aller Demokraten, die sich gefälligst um ihre Angelegenheiten zu kümmern haben. Für solche volkspädagogischen Appelle sind Edelschreiber von der WELT nicht zu haben. Im Gegenteil:

„Demokratien kennen keine Bürgerpflicht zum Demonstrieren, auch keine moralische.“ Schreibt WELT-Autor Robin Alexander. (WELT.de)

Stehen diese antidemokratischen Regeln etwa im Grundgesetz? Da könnte also die Demokratie vor die Hunde gehen: und es gäbe keine kategorische Pflicht für Demokraten, ihr Gemeinwesen zu verteidigen und zu schützen?

Kämen solche Aussagen von der AfD, gäb‘s einen Aufschrei. So aber kommen sie von einem liberalen Blatt, das sich dem Ressentiment verpflichtet fühlt, nicht gegen Demokratiefeinde, sondern gegen deren aufgeblasene Kritiker vorzugehen.

Es kommt noch besser. WELT-Chef Poschardt nutzt das Punkkonzert in Chemnitz, um – in der Pose des postromantischen Oberästheten – den musikalischen Aktivisten die Leviten zu lesen:

„Gegen die selbstgerechte Anämie der Bürgerkinder und ihren albernen Glauben, als Rote Armee gegen die Nazi-Wehrmacht in Ostdeutschland einrücken zu müssen, wirkt die tätowierte Ramschigkeit und auch die linksradikale Vergangenheit der Band belebend.“ (WELT.de)

Gewiss, irgendwo ist ein Alibisatz versteckt: „Der Kampf gegen Rassismus und Nazis ist ehrenhaft – und nötig. Er wird nur von den Fälschesten genutzt und missbraucht. Der aktuelle Antifaschismus trägt den Keim neuen Unheils in sich.“

Der heutige Punk, so Poschardt, sei die ungeeignetste Methode, um moralinsaure Dröhnungen zu verbreiten.

„Punk war eine libertäre Generalmobilmachung. Die Umwertung aller Werte wurde vorbildlich auf dem eigenen Spielfeld der Ästhetik vorgelebt: Aus Ratten wurden Haustiere, aus Dreck Statussymbole, aus zerstochenen Junkie-Armen Modeikonen. Punk hat gezeigt, zu was große Kunst in der Lage war. Nichts musste so bleiben, wie es ist. Jeder ist ein Künstler, jeder ist frei, zu tun, was er mag. Es gibt keine Tabus. Freiheit ist stets absolut radikal zu verstehen.“ (Libertär kennt keine verantwortliche Freiheit.)

Das ist deutsche Genieästhetik, verstärkt durch Nietzsches Umwertung aller Werte, die die demokratie-kompatible Seichtigkeit der Musiker comme il faut verhackstückt. Freiheit ist, für Poschardt, die Freiheit, beliebig aus allem das Gegenteil zu machen. Sie schafft sich eine Welt, wie es ihrem Wahn gefällt. Deutsche Ästheten kreieren ihre Welt – aus Nichts. Wer der grenzenlosen Freiheit in den Weg tritt, wird sein blaues Wunder erleben. Er darf zurück in den purgierten Null-Modus. In der Welt der Punk-Titanen hatte er nichts zu suchen.

Der Punk hingegen, der die Dreistigkeit hatte, sich in Chemnitz hören zu lassen, sei nur eine bürgerliche Degeneration:

„Punk 2018 sind die Schoßhündchen der Spitzenpolitik und die Lieblinge einer weitgehend bourgeoisen Zivilgesellschaft, die im Kampf gegen „rechts“ im Zweifel auch Linksradikale inkludiert und damit einmal mehr die Mitte des Landes und der Gesellschaft verrät oder ignoriert.“

Offensichtlich muss eine bürgerliche Zivilgesellschaft bei Poschardt Erbrechensgefühle auslösen. Vorsichtshalber wurden unter seinem Kommentar die Ja- und Neinstimmen weggelassen. Die WELT wird doch nicht mehrheitlich von Bürgern gelesen werden?

Poschardts Kommentar ist ein Wutanfall im Geist deutscher Genieästhetik, die sich aller moralischen Fesseln entledigt hat. Echter Punk sei nämlich die Apotheose göttergleicher Schaffenskunst:

„Punk war absolute Avantgarde. Kunst im heiligsten Sinne der Hochmoderne und unduldsam gegen jeden noch so verführerischen Kompromiss… McLaren selbst war Situationist und daran interessiert, die Wahrnehmung der Wirklichkeit fundamental zu erschüttern. Schon seine jüdische Großmutter hatte ihm als kleinem Jungen beigebracht: „Schlecht zu sein ist gut … gut zu sein ist ziemlich langweilig.“ McLarens feiner angelsächsicher Humor, sein virtuoses Spiel mit den schweren Zeichen hatte schwerste politische Kollateralschäden, aber er hat sich nie, und zwar keine Sekunde, mit irgendeiner Sache gemein gemacht.“

Es folgt der einzig wahre Satz in Poschardts Attacke gegen alle linken Demokratieretter: „Malcolm McLaren wollte nicht die Regeln des Kapitalismus verändern, sondern sie durch ein Spiel mit ihnen zu den eigenen machen.“

Na ja, des grenzen- und regellosen Kapitalismus, der seit Hayek Neoliberalismus genannt wird. Wir sind Zeugen eines unerwarteten Selbstverrats der Medien, die sich ebenfalls mit keiner Sache gemein machen wollen – mit Ausnahme des Neoliberalismus.

Poschardt gehört zur Gruppe jener Weltbeobachter, die sich schnell gelangweilt fühlen. Demokratie muss ihnen mehr bieten als nur immer dieselbe eintönige Gutmenschen-Show. Nur das raffinierte, illuminierte, hintergründig inszenierte Schlechte oder Böse kann sie vom Hocker reißen.

Nicht nur bei Poschardt: in der ganzen WELT herrscht Empörung, dass linke Punkschänder als Helden gegen die Nazi-Rechten gefeiert werden.

„Der Kampf gegen Rassismus und Nazis ist ehrenhaft – und nötig. Er wird nur von den Fälschesten genutzt und missbraucht. Der aktuelle Antifaschismus trägt den Keim neuen Unheils in sich. Am Ende muss es die Mitte richten, aber das ist eine andere Geschichte.“

Nur die Mitte ist berufen, den bösen Drachen mit dem heiligen Schwert zu durchbohren. Aber wo war sie denn, die Mitte? Hallo, hat jemand die Mitte gesehen? Was meinst du mit Mitte? Etwa die Redaktionen von BILD und WELT? Aber die hatten doch genug damit zu tun, im live-ticker zu verfolgen, ob es der rechten Brut gelingt, den Langweilern die Fresse zu polieren. Das war für beide Redaktionen das Optimum ihrer Abneigung gegen die Linken. Bestehe doch nicht die geringste Pflicht, bei Gefahren zu demonstrieren, auch keine moralische – oder?

Wo stehen denn diese Regeln?

Im Kleingedruckten der WELT-Verträge.

Du schwindelst.

Poschardt scheut sich nicht einmal, die Stimme einer „jüdischen Großmutter“ zu missbrauchen, um seinen Amoralismus unanfechtbar zu machen. Was der sonstigen Generallinie des Springer-Verlags entspricht, sich hinter scheinbarer Loyalität gegenüber der Netanjahu-Regierung zu verstecken, um ihren zunehmenden Immoralismus wasserdicht zu machen. Es soll die Assoziation erweckt werden, als ob „die Juden“ keinen Tugendkanon besäßen und den NS-Vordenker Nietzsche zu ihrem Vorbild erkoren hätten. Schändlicher kann deutscher Zynismus nicht ausfallen. Dieser Philosemitismus ist der subkutane Beginn eines Antisemitismus auf leisen, erlesenen, deutsch-ästhetischen Sohlen.

Wenn deutsche Medien sich wirklich der Erhaltung der Demokratie und der auf Wahrhaftigkeit beruhenden Freundschaft mit Israel verpflichtet fühlten, würden sie den Springer-Verlag aus ihrem Verband ausschließen.

Gegenwärtig wiederholt sich die Entwicklung der Deutschen im 19. Jahrhundert. Nachdem die ersten demokratischen Bewegungen 1848 gescheitert waren und Bismarck den wirtschaftlich-militärischen Siegeszug auf den Weg gebracht hatte, verschwand die Leidenschaft der Intellektuellen für Freiheit fast über Nacht.

In einem Brief aus dem Jahre 1867 mokierte sich Gervinus über diejenigen, die „sich zwar abfällig über die Methoden Bismarcks äußerten, deren Resultate aber bejahten, weil sie von einem „schwindelhaften Begehren nach deutscher Macht erfasst“ seien, das ihnen den Blick auf die Konsequenzen verstellte und es ihnen erlaubte, die Verbrechen der Gegenwart im Namen fragwürdiger zukünftiger Großtaten zu entschuldigen. In einem Buch über Shakespeare hatte er das deutsche Volk mit Hamlet verglichen, dem von Träumen und Selbstzweifeln Geplagten, der vor Taten zurückscheut, im Gebrauch mit der Macht unerfahren ist und sich, als er schließlich zu Handeln gezwungen wird, maßlos und gewalttätig gebärdet. Ihre arrogante Unreife würde eines Tages großes Unheil über ein potentiell demokratisches Europa bringen.“

Gervinus hatte, so Craigs Vermutung, „in einem unbewussten Anklang an die Schlusspassagen von Heines „Geschichte der Philosophie und Religion“ vor den verbrecherischen Neigungen –„Grausamkeit, Rachsucht, Blutgier und Meuchelmord“ – gewarnt, die er in seinen Landsleuten, diesen „Helden des Wortes“, diesen unpraktischen Ästheten vermutet hätte.“

Heines prognostische Visionen erfüllten sich in schreckenerregender Weise. Von solchen scheinen wir momentan weit entfernt. Bislang brachten wir es nur bis zur wirtschaftlich stärksten Macht in Europa, die befreundete Nationen kaltblütig verelenden lässt, wenn sie nicht nach ihrer Pfeife tanzen.

Weit entfernt? Schon haben wir unsere Grenzen gegen Hilfesuchende abgeriegelt und lassen Tausende von Flüchtlingen in den Fluten des Mittelmeers versinken.

Weit entfernt? Wissenschaftler aus aller Welt warnen vor dem Suizid der Menschheit, wenn nicht sofort alles Menschenmögliche getan wird, um die Gattung vor dem Unumkehrbaren zu bewahren.

Was tut die deutsche Kanzlerin? Sie weigert sich hartnäckig, alles in Bewegung zu setzen, um die vereinbarten Klimaziele zu erreichen. Keine Sekunde muss sie fürchten, mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt zu werden.

Sollten sich die Prognosen der Wissenschaftler bewahrheiten, würden „Grausamkeit, Rachsucht, Blutgier und Meuchelmord“ sich nicht nur auf den Rest der Welt beziehen. Sondern auf das eigene Volk.


Fortsetzung folgt.