Sofort, Hier und Jetzt VI

Tagesmail - Mittwoch, den 29. August 2018

Sofort, Hier und Jetzt VI,

die WELT benutzt Amerikanismen – also denkt sie wie Trump.

„Die Nazis haben sich in Kunst und Architektur viel stärker an der Antike orientiert als am Germanengetue, das Hitler persönlich total lächerlich fand. Und eines ihrer schlimmsten Verbrechen haben sie mit dem griechischen Wort Euthanasie belegt. Auch dorthin führt ein krummer langer Weg vom 28. August 1518 in Wittenberg.“ (WELT.de)

Wie viele griechische und lateinische Fremdwörter benutzen deutsche Intellektuelle? Also sind sie Hitlerianer. Denn Nationalsozialisten haben griechische Fremdwörter benutzt.

Fasst die ganze Medizin muss faschistisch sein, denn sie verwendet griechische und lateinische Fremdwörter – wie die Nationalsozialisten.

Deutsche Logik ist eine Logik des „krummen langen Wegs“ – bekannt unter dem griechischen Fremdwort Dialektik: je krümmer und geduckter, umso scharfsinniger.

Wie viele historische Lügen verträgt das Deutsche Gewissen? Ach was, sie lügen nicht, sie sind Dialektiker. Sie können gar nicht lügen, sie haben nur die Wahrheit abgeschafft. Wer täglich neue Wahrheiten produziert, muss sich um seine Lügen-Leichen im Keller nicht kümmern.

Schaut nicht zurück. Ihr würdet es nicht überleben: denn ihr würdet euch selbst begegnen. Euch selbst? Ein Selbst haben sie nicht. Weshalb sie sich immer gleich bleiben, indem sie sich täglich verändern. Das war eine Prise Alltagsdialektik, die Würze deutscher Politik und Intelligenz.

Worum geht’s? Deutschland muss ein vorbildliches Land christlicher Werte bleiben. Weshalb alles Böse in deutschem Namen aus anderen Quellen kommen muss. Da bleibt keine große Wahl. Es müssen heidnische Griechen gewesen sein, die ...

... das Böse erfanden, es als Schönes-Wahres-Gutes drapierten, um die Deutschen süchtig danach zu machen und ihnen alles Verruchte und Niederträchtige unter dem verführerischen Schein des Bösen einzu-nudgen, (pardon, das war amerikanistisch), um es ihnen einzuträufeln.

Da wird Odysseus zum Erfinder des Kapitalismus, Ödipus zum Erfinder des Inzests, Narziss zum Erfinder Trumps. Fehlt noch was? Das Schöne, Wahre und Gute wird zum Erfinder Hitlers. Gottlob, die graecophobe Kanzlerin hat es diesen Griechen heimgezahlt und die Erfinder des freien Denkens und Selbstbestimmens zum unterentwickelten Land – saniert. Saniert, ja saniert, fromme Frauen meinen es gut, wenn sie aus Liebe leiden lassen.

Mussten nicht auch die Deutschen erst einen Weltkrieg überstehen, bevor sie zum Wirtschaftswunderland aufsteigen durften und mittlerweilen die Welt mit ihren Angeber-Überschüssen sekkieren? Was sie mit Waffen nicht schafften, gelang ihnen mit made in germany: sie stehen an erster Stelle der Welt. Unausdenkbar, wenn sie jetzt noch Fußballweltmeister geworden wären. Gelegentlich ist das Schicksal gerecht.

Zuerst müssen wir das Wörtchen „assimilieren“ klären. Imitieren, oberflächlich anpassen? Oder innerlich übernehmen, sich überzeugen lassen, verschmelzen?

„Damit begann das, was E. M. Butler im Titel ihres epochalen Buches „Die Tyrannei Griechenlands über Deutschland“ genannt hat. Goethe, Schiller, Hölderlin und viele andere unterwarfen sich dieser Tyrannei mit Gewinn, und noch Heine und Nietzsche standen in ihrem Bann. Auch andere Nationen haben die griechische Antike studiert, aber, wie E. M. Butler diagnostiziert: „Die Deutschen haben die Griechen sklavischer imitiert; sie sind von ihnen restloser besessen gewesen und sie haben sie weniger assimiliert als jede andere Rasse.“

Es gehört zu den delikaten Eigentümlichkeiten deutscher Schreiber, dass sie ihre Begriffe nicht klären. Wurden die Deutschen deshalb verruchte Charaktere, weil sie die Griechen nur äußerlich imitierten – also das wahre Griechische gar nicht verstanden? Hätten sie ihre Barbarei verhindern können, wenn sie wahre Griechen geworden wären?

Was aber ist wahres Griechentum? Die mythischen Gestalten Homers? Die Helden des Aischylos? Platons Zwangsbeglückung? Die Weisheit der frühen Naturphilosophen? Die demokratische Aufklärung? Die moralische Autonomie des Sokrates? Euripides, der modern anmutende Sinnsucher? Die ordinären Kyniker, die Vorläufer des Zurück zur Natur? Der im Verborgenen lebende Lust-Asket Epikur? Die abgeklärten Stoiker? Die Fraktion der Starken, die alles Demokratische als Hinterlist der Schwachen betrachteten? Die Anhänger des Naturrechts der Schwachen, die peu à peu die universellen Menschenrechte ausarbeiteten? Die sich emanzipierenden Frauen, die sich in Sappho, Diotima, in Antigone wiedererkannten? Kurz: die aufgeklärten Demokraten – oder die Oligarchen, die adligen Hüter der Tradition?

Die Griechen waren ein erkenntnisbegieriges und streitbares Völkchen. Alles wurde auf den Kopf gestellt, alles unter die Lupe genommen. Vom Kosmos über Politik bis zur Kunst gab es nichts, was sie nicht in einem Maße erneuerten und humanisierten, dass das Abendland – trotz klerikaler Despotie – von ihrer freien Humanität angesteckt wurde. Keine Renaissance, keine Naturwissenschaft, keine Aufklärung, keine amerikanische und französische Revolution ohne das unvergleichliche Volk der Hellenen.

Wenn die Deutschen nur plagiierende Imitanten waren, denen das Wesentliche verborgen blieb: warum werden sie im Artikel die „Mustergriechen“ genannt? Musterschüler sind keine Imitanten, sondern haben verstanden, was der Lehrer erklärte. Verstehen ist selbständiges Erkennen und macht von Autoritäten unabhängig. Haben sie überhaupt von den Griechen gelernt?

Assimilieren kann beides sein: perfektes Mimikri oder erkennendes Verinnerlichen. Wenn sie wirklich gelernt haben – weshalb sollten sie unter der Tyrannei der Griechen gestanden haben? Die besten Lehrer müssten dann Tyrannen sein? Die Verwilderung der Sprache kennt keine Grenzen.

Sollte Hitler ein Fan der athenischen Demokratie gewesen sein? Geht’s noch absurder? In seinem Vortrag „Hitler und das Griechentum“ vertrat der Historiker Alexander Demandt die These:

„Die Antike nahm im Weltbild Hitlers einen bedeutsamen Platz ein. Was Hitler an den Griechen schätzte, war in erster Linie das Schönheitsideal der klassischen Kunst. Der dorische Stil, in der NS-Architektur nachgeahmt, galt als „Ausdruck der neuen Ordnung“ (A. Speer). Der Kriegerstaat Spartas wurde zum Muster der eigenen Gesellschaftsordnung deklariert. Schon 1929 hatte Hitler in einer Rede Sparta als „klarsten Rassenstaat der Geschichte“ bezeichnet, zu dessen Merkmalen auch Zucht und Opferbereitschaft für den Staat zählten. Im Gegensatz zu Rosenberg und Himmler, die die Überlegenheit der nordisch-germanischen Rasse propagierten, sah Hitler in den „arischen“ Völkern der klassischen Antike die Vorfahren der Deutschen.

Sparta, das weiß jedes Kind, war das genaue Gegenteil von Athen. Wer Sparta nicht von Athen unterscheiden kann, kann Totalitarismus nicht von Demokratie unterscheiden. Ja, auch die athenische Demokratie war zu schrecklichen Kriegstaten fähig. Aber das waren Reste jener Starken-Ideologie, von der sie sich noch nicht gelöst hatte. Der neue völkerverbindende Geist erlebte seine ersten Massenwirkungen ausgerechnet bei Völkereroberer Alexander.

Einen religiösen Fanatismus gab es bei den Griechen nicht. Was es gab, war das Naturrecht der Starken, das Hitler durchaus als nachahmenswert hätte empfinden können – sofern er von diesen Kleinigkeiten gehört hätte.

Aus ihrer Überlegenheit machten die antiken Übermenschen keinen Hehl:

„Der Hass zwischen Demokraten und Oligarchen erreichte einen solchen Grad, dass in manchen Städten die Mitglieder der oligarchischen Regierungen zu schwören pflegten: Ich will dem Volke feindlich gesinnt sein und, so viel ich kann, zu seinem Schaden beitragen. Diese Supermänner waren in der Wahl ihrer Mittel absolut skrupellos. Gradheit und Wahrheit waren ihnen gleichbedeutend mit Torheit. Lüge, Täuschung und Meineid galten als kürzester Weg zur Erreichung seiner Machtgelüste.“

Wer an der herkömmlichen Moral festhielt, war in ihren Augen ein Schwächling. In seinem Willen zur Macht zieht Menon die äußersten Konsequenzen und huldigt einem Immoralismus, der alle sittlichen Schranken niederreißt. (Nach Wilhelm Nestle)

Die Amoral herrschender Klassen kann man in allen „überlagerten“ Gesellschaften wahrnehmen. Es ist das Grundprinzip fremder Eroberer, die sich als Herrschaftsschicht über die eroberten Völker ausbreiten, dass sie an ihrer überlegenen Gewalt nicht den geringsten Zweifel lassen. Die Spartaner waren ein solch imperiales Überlagerungsvolk, das andere Völker jahrhundertelang tyrannisierte. Rituell erklärten sie ihren Knechtsvölkern den Krieg. Was Hitler bestimmt nicht nachahmenswert gefunden hätte, war die überlegene Rolle der Frauen in Sparta. Sie konnten sich ihre Liebhaber nach Belieben aussuchen und waren diejenigen, die über Geld und Eigentum verfügten.

Selbst Rousseau, der eine ideale Demokratie entwerfen wollte, war ein Bewunderer Spartas, sodass sein „allgemeiner Wille“ nicht ohne faschistische Elemente auskommt. Rousseaus Republik wurde zum Vorbild für die späteren sozialistischen Demokratien, die ohne totalitäre Macht der Einheits-Partei auseinander gefallen wären. Linke Ex-Marxisten wollen dies bis heute nicht wahrhaben.

Was schreibt Hitler selbst über seine Bildungsideale?

„Insbesondere soll man im Geschichtsunterricht sich nicht vom Studium der Antike abbringen lassen. Römische Geschichte, in ganz großen Linien richtig aufgefasst, ist und bleibt die beste Lehrmeisterin nicht nur für heute, sondern wohl für alle Zeiten. Auch das hellenische Kulturideal soll uns in seiner vorbildlichen Schönheit erhalten bleiben.“ (Mein Kampf)

Es waren Rom und Sparta, die Hitler als Vorbilder empfand. Bestimmt nicht das frühe demokratische Rom, sondern die spätere Despotie der Kaiser, bei denen das Volk weder etwas besaß noch mitentscheiden konnte. Es musste buchstäblich von Tag zu Tag durchgefüttert und durch Spiele – vergleichbar heutigen TV-Spiel-Kanälen – bei Laune gehalten werden.

„Die Nazis haben sich in Kunst und Architektur viel stärker an der Antike orientiert als am Germanengetue, das Hitler persönlich total lächerlich fand.“

Die Deutschen und ihre Genies begeisterten sich für das Schöne der Griechen? Sie versuchten, das Klassische in bildender Kunst und Architektur nachzuahmen? Äußerlich. Es gelang ihnen nicht. Alles, was sie in Auftrag gaben, entartete zu monströs-maßlosen Hallen, Gebäuden und Riesenstatuen. Gerade Maß und Symmetrie der griechischen Kunst blieb ihnen verwehrt. Wer heute Arno Breker mit Phidias verwechselte, könnte seinen Kunstverstand an der Garderobe abgeben.

Als Melanchthon seine Universitätslaufbahn begann, war er begeisterter Humanist, Anhänger der italienischen Renaissance. Erst der Einfluss Luthers degradierte ihn zum gelehrten Wasserträger des Reformators, dem nichts mehr missfiel als die Weisheiten gottloser Griechen. Was war das Anliegen des Frühgenies, das von Reuchlin nach Wittenberg empfohlen worden war?

„Aus den besten Autoren wähle das Beste, sowohl was die Kenntnis der Natur als auch die Bildung der Persönlichkeit betrifft.“ Das sei ohne Griechischkenntnisse nicht möglich, schon allein, weil die ganze Naturwissenschaft durch griechische Autoren vermittelt würde und man ja froh sei, endlich den Aristoteles nicht mehr nur in lateinischen Übersetzungen lesen zu können. Er warb aber auch für die Fächer Geschichte, legte, aus heutiger Sicht ein bisschen überraschend, großen Wert auf Mathematik und – weniger überraschend – auf Theologie.“

Soweit, so richtig. Melanchthon legte keinen Wert auf Theologie, er wollte Natur- und Geisteswissenschaften fördern. Erst unter Luthers Einfluss vermittelte der Gelehrte den protestantischen Pastoren jene Sprachkenntnisse, die sie imstande setzen sollten, das sola scriptura und solo verbo (allein durch die Schrift, allein durch das Wort) zu verifizieren. Griechische Originallektüre sollte so weit wie möglich gemieden werden. Luther hasste die sinnlichen und denkerischen Freiheiten der „Alten“.

In jener Zeit wurde die kompromisslerische Synthese aus frommer Philologie und heidnischer Freigeisterei als deutsches Standardmuster geprägt, das noch heute jede Klarheit zwischen Glauben und Vernunft unter den Teppich kehrt. Theologen glauben aufgeklärt zu sein, wenn sie griechische Texte lesen können. Aufklärer glauben, sich noch immer Gott beugen zu müssen, der höher ist denn alle Vernunft.

In den Anfängen der Aufklärung war dies noch ein reiner Vernunftgott. Inzwischen wurde der Vernunftgott längst wieder getauft und konfirmiert. Die Gelehrten sind der Kirche wieder ins Netz gegangen und plappern gehorsam, Demokratie ohne religiöse Fundamente sei auf Sand gebaut. So auch Religionsminister, pardon Innenminister Seehofer, in der WELT:

„Damit bekennt sich das Grundgesetz auch in Artikel 20 mit der Bindung der Staatsgewalt an Gesetz und Recht zur Existenz überpositiver Werte, die der staatlichen Disposition entzogen sind.“ (WELT.de)

Ein abstrakter Gott ist plötzlich ein christlicher, ohne den demokratische Werte nicht gelebt werden können. Obgleich „der Staat“ (den es als „überpositive“ Instanz gar nicht geben kann) sich aus dem Streit der Religionen heraushalten muss, darf er plötzlich den christlichen Gott aus dem Klingelbeutel ziehen und zu einem demokratie-bestimmenden Popanz machen. Seehofer kennt weder Aufklärung noch religionskritische Demokraten. Wenn er von Religion redet, redet er am liebsten in WIR-Form. Das ist ein Rückfall in die Romantik. Ein katholischer Jurist namens Böckenförde wird zum demokratischen Heiligen ernannt, der dem Grundgesetz ein religiöses Grundgesetz überstülpen darf.

Habermas hingegen ist ein typischer deutscher Aufklärer, der sich zwar religiös unmusikalisch nennt, das Mitsingen im höhern Chor der Frommen aber für demokratisch unerlässlich erklärt.

Die Kirchen danken es Seehofer, indem sie ihre hermeneutischen Fähigkeiten in den Dienst seiner Flüchtlingspolitik stellen:

„Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Heinrich Bedford-Strohm, hat in diesem Zusammenhang ganz richtig darauf hingewiesen: „Der Staat ist nicht mit dem Samariter als einzelnem Helfer zu vergleichen, sondern mit der Herberge. Gerade das ist die Pointe der Auslegung. Dennoch: Die Hilfe muss nicht immer in Deutschland erfolgen. Entscheidend ist, dass Menschen in Not geholfen wird und wir uns dafür mit verantwortlich fühlen.“

Verantwortlich fühlen? Nichts einfacher als das. Jeder Politiker von Rang fühlt sich von morgens bis abends verantwortlich für alles. Nur leider ohne Folgen.

Interessant die bischöflich-hinterlistige Entlastung des Staates von der Pflicht, selbst Samariter zu sein. Der Staat ist nur die Herberge, in der der Samariter die Hilfesuchenden abladen kann – um für immer zu verschwinden. Was der Herberge-Staat mit den Flüchtlingen macht, nimmt er nicht mehr zur Kenntnis. Gelänge es dem Staat, seine Untertanen davon abzuhalten, Samariter zu spielen, müsste er keine Herberge sein. Dass es zu viele Flüchtlinge gibt, muss allein am Übereifer der Willkommenskultur der Basis liegen, nicht am Staat, der sich dezent im Hintergrund hält.

Der Ursprung des Schlamassels liegt bei dem hochgelehrten, aber charakterschwachen magister germaniae Melanchthon (ein griechisches Wort für Schwarz-erd) und seinem Über-Ich Luther.

„Luther riss die Führung an sich, die Theologie verdrängte die schönen Wissenschaften aus dem Mittelpunkt des Interesses. Während der Humanismus auf eine rein immanente, naturalistische Weltanschauung gerichtet ist, die alles Jenseitige aus der Betrachtung ausschließt, bleibt Luther der Wunder- und Dämonenwelt des Mittelalters verhaftet. Naturwissenschaftliches Denken war ihm fremd. Die Aufklärung wäre ihm ein Greuel gewesen. Der Weltsinn und das sinnliche Genussleben der Humanisten war ihm ein verwerfliches Epikuräertum. Autonome Moral war ihm nichts als gottlose Selbstgerechtigkeit. Von Sünde und Gnade wussten die Humanisten nichts. Also konnten sie nichts vom Evangelium wissen.“ (Friedrich Paulsen, Geschichte des gelehrten Unterrichts auf den deutschen Schulen und Universitäten vom Ausgang des Mittelalters bis zur Gegenwart)

Auch die Klassiker konnten sich von dieser Zweideutigkeit nie befreien. Sie bestaunten das homerische Heroentum und die sinnliche Schönheit der griechischen Kunst (vor allem in römischen Plagiaten wie Winkelmann). Von der athenischen Demokratie, der urgriechischen Aufklärung nahmen sie keine Notiz. Griechenland bewunderten sie stets von ferne. Warum nur zog es die wenigsten an die griechischen Originalschauplätze, selbst, wenn sie bereits in Italien weilten? Warum gelang es Goethe nie, das von ihm geplante Sokrates-Drama zu schreiben?

Die deutschen Genies schwärmten von der Schönheit, ästhetische Schwärmereien verpflichteten zu nichts.

„Der Handelnde ist immer gewissenlos, es hat niemand Gewissen als der Betrachtende.“ Wer sich für berechtigt hält, immer nur zuzuschauen, der soll bei Solon und Perikles politische Verantwortung gelernt haben? Nein, so konnte nur ein Fürstenknecht (Börne über Goethe) denken, der sich für nichts zuständig fühlt. Nicht unähnlich der heutigen Beobachterklasse, die sich mit nichts gemein machen will, auch nicht mit dem Guten.

Wie charakterisierte Fritz Stern den Olympier aus Weimar?

„Die Rede ist vom "feinen Schweigen" – das verstörende Wort Nietzsches über Goethe. Fritz Stern hat es als Metapher deutschen Verhaltens benutzt – nicht zuletzt für den Mangel an Zivilcourage in Zeiten der Diktatur.“ (WELT.de)

Nicht anders beschreibt Gordon A. Craig den Freund Schillers:

„Vor und nach Jena war die Angst vor Revolutionen Goethes dominierendes Motiv. Er war bereit, jeden politischen Zustand zu bejahen, der ihm Frieden und Sicherheit zu gewähren schien, die er für seine künstlerische Arbeit benötigte. Er verehrte den Kaiser, denn dieser war Garant einer Ordnung, wie Sachsen-Weimar sie nur wünschen konnte. Desgleichen bewunderte er Napoleon, der ihm eine Audienz gewährte. Nach Napoleons Fall hatte Goethe keine Mühe, Metternich als besten künftigen Garanten für Frieden und Ordnung anzuerkennen.“

Diese gesinnungslose Buckelei vor jeder wechselnden Macht soll Ausdruck für altgriechische Leidenschaft sein, die sich für alles in der Polis zuständig fühlt? Politischen Ehrgeiz hielt Goethe für eine Form der Anmaßung. Nie dürfe Politik die Sache der Künstler sein. Zu Eckermann:

„Geben Sie acht…, der Politiker wird den Poeten aufzehren.“

Hellenischer Geist in Deutschland – Mangelware. Heute will fast jeder Intellektuelle eher Ästhet denn ein homo politicus sein. Selbst „politische Regisseure“ wollen politisch nur auf der geschützten Bühne sein, wo sie alle Fäden in den Hand halten. Apolitischer und amoralischer Ästhetizismus ist in alle Poren der Medien eingedrungen. Politisches Engagement ist für Dummköpfe oder messianische Möchtegerns, denen man nach kurzer Bewährungszeit den Heiligenschein vom Kopf reißt. Wenn man selbst nichts tut, muss man zwanghaft nachweisen, dass hyperventilierende Aktivisten auch nichts zustande bringen.

Von der gesamten deutschen Problematik seit der Reformation bis heute ist im WELT-Artikel nichts zu finden. Nicht einmal die grundlegende Frage der abendländischen Geschichte wird gestellt: Was hat Athen mit Jerusalem zu tun? Vom Widerspruch zwischen Denken und Offenbarung kein Wort.

Demokratien leben vom Streit scharfer Meinungsverschiedenheiten. Sie sterben von der Unfähigkeit, sorgfältig durchdachten Meinungen auf nachprüfbares Wissen, auf Fakten, Fakten, Fakten zu gründen. Wieder einmal soll das Marterl in Deutschland befestigt werden. Verbunden mit seiner antinomischen Amoral, die vom amerikanischen Präsidenten in weltmeisterlicher Weise zelebriert wird. Vernunft mit ihrer kompromisslosen Moral der Menschen- und Völkerrechte soll bis zur Unkenntlichkeit verwässert werden.

Melanchthon wird in der WELT als epochaler Humanist gefeiert. Doch er entwickelte sich zum gelehrten Lakaien der Popen. Wer setzte sich im Kampf zwischen griechischer Renaissance und deutschem Religionsfanatismus am Ende durch? Nicht die humanistischen Gelehrten. Mangels Rückgrat – das sie bis heute noch nicht gefunden haben – ließen sie sich zu Knechten der Kirchen und der Obrigkeit erniedrigen. Philosophie blieb im Protestantismus, was sie in der katholischen Scholastik immer war: die Magd der Theologie.

„Die Humanisten, die noch eben verächtlich auf das Schulgezänk Luthers herabgeblickt hatten, stellten sich plötzlich dem Mönch zur Verfügung. Sie begannen, in neuer Tonart zu schreiben. Ihre bisherigen Zitate aus antiken griechischen und lateinischen Schriften wichen – erbaulichen Sätzen aus der Heiligen Schrift. An die Stelle von Bildung und Humanität trat die christliche Botschaft von der Gnade und Erlösung.“ (Paulsen)

An dieser Stelle stehen wir noch heute. Wofür soll man den WELT-Artikel halten? Für unfassbar ignorant – oder für lügenhaft gesteuert?  

 

Fortsetzung folgt.